Das Römische Imperium lebt – Großartige Landesausstellung „Der Untergang des Römischen Reiches“ vom 25.6. bis 27.11.22 in Trier eröffnet

Impression der Sonderausstellung "Das Erbe Roms. Visionen und Mythen in der Kunst" im Rahmen der Landesausstellung "Der Untergang des römischen Reichs". © Foto Diether von Goddenthow
Impression der Sonderausstellung „Das Erbe Roms. Visionen und Mythen in der Kunst“ im Rahmen der Landesausstellung „Der Untergang des römischen Reichs“. © Foto Diether von Goddenthow

Gleich drei führende Trierer Museen widmen sich im Rahmen der großen rheinland-pfälzischen Landesausstellung „Der Untergang des Römischen Reichs“ vom 25. Juni bis 27. November 2022 zum ersten Mal dem kulturellen Erbe und Niedergang des weströmischen Imperiums zwischen zirka 350 n. Chr.  und 500 n. Chr.  Am 24.06.22 eröffnete Ministerpräsidentin Malu Dreyer, zugleich Schirmherrin der Römerschau,  gemeinsam mit Roger Lewentz, Minister des lnnern und für Sport Rheinland-Pfalz, Wolfram Leibe, Oberbürgermeister der Stadt Trier, Generalvikar Ulrich von Plettenberg und Prof. Dr. Markus Hilgert, Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder, und rund 800 geladenen Gästen aus Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft in der Konstantinbasilika die große Römer-Ausstellung. Sie belegt einmal mehr, dass das römische Reich, obgleich einst formal untergegangen, in Wirklichkeit nie aufgehört hat zu existieren.

Neben den Habsburgern war es vor allem Napoleon, der wie kaum jemand zuvor Wert legte auf imperiale Auftritte mit römisch inspiriertem Ornat. © Foto Diether von Goddenthow
Neben den Habsburgern war es vor allem Napoleon, der wie kaum jemand zuvor Wert legte auf imperiale Auftritte mit römisch inspiriertem Ornat. © Foto Diether von Goddenthow

Schon seit dem frühen Mittelalter verstanden sich die Herrscher als Bewahrer und Erneuerer Roms. Insbesondere mit dem „Heiligen Römischen Reich“ wurden Ansprüche auf Macht und Geltung in vielfältiger Weise formuliert, symbolisiert und legitimiert.  Neben den Habsburgern, die sich augenfällig der Rom-Propaganda bedienten,  war es vor allem Napoleon, der wie kaum jemand zuvor Wert legte auf imperiale Auftritte mit Lorbeerkranz und römisch inspirierten Ornat. Und selbst der russische Herrschertitel „Zar“, den die Nachfolger des Großfürsten von Moskau Iwan III  1547 einführten, leitete sich vom lateinischen Caesar ab, wobei gleichzeitig die Übernahme des byzantinischen Doppeladlers samt byzantinischen Hof- und Krönungszeremoniells erfolgte.  Später entwickelte der Mönch Filofej hier auch die konsistente Theorie des „Dritten Roms“.   Dies und vieles mehr, können Besucher in den drei Standorten  der großen Römerschau und in den wunderbaren Begleitkatalogen zur Ausstellung erfahren.

 

Der Untergang des Römischen Reiches

Sylvestre: Die erste Plünderung Roms. Sein Gemälde fasst die verbreitete Vorstellung des 19. Jahrhunderts vom Untergang Roms zusammen: Beobachtet von ihrem Anführer Alarich, bekleidet mit Tierfellen und Hörnerhelm, stürzt eine Horde barbarischer Krieger eine klassische Statue im Zentrum des dekadenten Hauptstadt.  Drängen sich da nicht  gewisse Assoziation aus Trumps Amerika auf, Bilder vom Sturm auf das Weiße Haus samt "Hörnermann"?  © Foto Diether von Goddenthow
Sylvestre: Die erste Plünderung Roms. Sein Gemälde fasst die verbreitete Vorstellung des 19. Jahrhunderts vom Untergang Roms zusammen: Beobachtet von ihrem Anführer Alarich, bekleidet mit Tierfellen und Hörnerhelm, stürzt eine Horde barbarischer Krieger eine klassische Statue im Zentrum des dekadenten Hauptstadt. Drängen sich da nicht gewisse Assoziation aus Trumps Amerika auf, Bilder vom Sturm auf das Weiße Haus samt „Hörnermann“? © Foto Diether von Goddenthow

Als zentrale historische Ausstellung zeigt das Rheinische Landesmuseum Trier die entscheidende, wenn auch wenig bekannte Epoche des Römischen Reiches im 4. und 5. Jahrhundert. Anhand internationaler Spitzenexponate entsteht ein lebendiges Bild vom Zerfall des lmperium Romanum und seinen Ursachen.
Dazu zählen zweifellos die blutigen, innerrömischen Machtkämpfe zwischen den römischen Kaisern und ihren Widersachern, die aber nicht allein das Ende des lmperiums besiegelten. Die schleichend schwindende kaiserliche Zentralgewalt bringt neue machthungrige Widersacher wie regionale Warlords ins Spiel. Neben den zunehmend chaotischen Machtverhältnissen ist es auch die wechselvolle Beziehung zwischen Barbaren und Römern, die sich verhängnisvoll entwickelt. Die traditionell unter dem Begriff Völkerwanderung gefassten Prozesse und Ereignisse werden im Ausstellungsrundgang unter Berücksichtig ung neuester Forschungsergebnisse in ihren historischen Kontext gesetzt. Die spannende Ausstellung illustriert verständlich die zahlreichen Faktoren und Ursachen, die zum Untergang des Römischen Reiches geführt haben. Sie verdeutlicht zudem, welche römischen Traditionen im Übergang zwischen prunkvoller Spätantike und vermeintlich dunklem Frühmittelalter verloren gingen oder in gewandelter Form fortleben konnten.

Ausstellungsrundgang

Impression der Sonderausstellung "Niedergang eines Imperiums" im Rahmen der Landesausstellung "Der Untergang des römischen Reichs" © Foto Diether von Goddenthow
Impression der Sonderausstellung „Niedergang eines Imperiums“ im Rahmen der Landesausstellung „Der Untergang des römischen Reichs“ © Foto Diether von Goddenthow

Bereits vom Lichtkonzept her überzeugt die Ausstellung, deren 14 bespielte Räume analog zum dargestellten Verfall des Römischen Reiches sich zusehends verdunkeln, so dass „wir, wenn das Römische Reich untergegangen ist, mehr oder weniger in einem dunklen letzten Raum stehen“, erläutert Dr. Marcus Reuter, Direktor Rheinisches Landesmuseum Trier, GDKE, bei der Pressekonferenz. Das habe zur Folge, „dass jeder der 14 Räume eine eigene Stimmung hat, nicht nur farblich, auch architektonisch, und das, was gezeigt wird, ist ganz großes Kino, ohne die tollen Spitzenexponate zu absorbieren, ganz im Gegenteil. Diese Highlights aus über 80 verschiedenen Museen und 20 verschiedenen Länder kommend, sind wirklich Spitzenexponate, die werden von der Ausstellungsarchitektur nicht absorbiert, sondern inszeniert“, so Reuter sichtlich stolz.

Inhaltlich beschäftigt sich die Ausstellung im Rheinisches Landesmuseum mit einem Zeitraum von 350 Jahren, etwa der Zeit von  350 n. Chr. beginnend, und endet so in der Zeit kurz vor 500 n. Chr., als das römische Reich untergegangen ist. Das sei natürlich eine große Herausforderung, einen solchen langen Zeitraum in einem meist etwa 90minütigen Besucherrundgang zu formen, unterstreicht der Museumsdirektor. Aber das ist wirklich sehr gut gelungen.

In den ersten noch hellen Räumen wird eine Art Bestandsaufnahme des spätrömischen Reiches gemacht, als sich alles noch in einigermaßen guter Ordnung befand. Die Ausstellungsmacher versuchen den Besucher aufzuzeigen, was neu ist in der Spätantike. Es habe sich zu dieser Zeit gegenüber der Antike sehr vieles geändert gehabt. So gab es etwa eine neue Währung, es gab Finanzreformen, aber auch einschneidende Verwaltungs- und Militär-Reformen.
Das Wichtigste war aber: Plötzlich regierte nicht mehr ein Kaiser, sondern mindestens vier Kaiser, die für das Reich Sorge tragen. Und die bis zu vier Kaiser, die residieren nicht mehr in Rom, sondern in den jeweiligen Reichshallen, erklärt der Museumsdirektor.

Zu der Bestandsaufnahme gehöre auch „ein Blick auf das spätrömische Militär, das ganz anders daherkommt als es noch in früheren Zeiten der Fall war.“ So gibt es keinen Schienenpanzer und rechteckigen Schild mehr, und auch die Helme und zahlreiche Waffen hatten sich verändert.

 

Nach dieser Bestandsaufnahme in den ersten drei Räumen, wie denn das spätantike römische Reich aussieht, wie es funktioniert, beschäftigen sich weitere Räume schwerpunktmäßig mit den Hauptfaktoren des Untergangs. Da existieren verschiedene Theorien, etwa die der sogenannten Völkerwanderung. Das sei „ein Begriff der heute sehr, sehr kritisch gesehen wird. Denn wir wissen: es waren nicht komplette Völker, die gewandert sind, sondern Personengruppen, die sich auch immer wieder neu formierten, und wieder trennten und neu dann zusammenfanden. Und es ist auch unser Anliegen, den Besuchern klarzumachen: Franken, Goten oder Alamannen, das waren Begriffe, die die Römer geprägt haben. Wie sich diese Personengruppen selbst bezeichnet haben, das wissen wir nicht.“, so Reuter.

Dann folgt ein Raum, der sich mit dem Thema „römische Bürgerkriege“ auseinandersetzt, „eine Folge des Mehrkaisertums. Diese Kaiser sind sich untereinander nicht immer grün, sehr oft wird versucht, die alleinige Herrschaft zu erringen, und so marschieren römische Heere eigentlich immer häufiger gegeneinander“, so Reuter. Das drücke sich auch in einer großen digitalen Schlachtenkarte aus, wo die gesamten Schlachten der Spätantike einmal kartiert worden sind. Und wenn man sähe, „was in den letzten 100 Jahren des römischen Reiches für Schlachten geschlagen wurden, dann war fast jedes Jahr an irgendeiner Stelle des Imperiums Krieg. Es betraf vor allem das weströmische Reich. Es wird einem optisch deutlich, weshalb das römische Reich untergegangen ist. Und dass es vorwiegend politische Probleme gewesen sind.“ unterstreicht der Museumsdirektor.

Die Plünderung und Zerstörung Roms im Jahr 410 n. Chr. war ein traumatisches Ereignis für die gesamte antike Welt damals, was sich auch in sehr vielen, mitunter widersprüchlichen schriftliche Überlieferungen dieses Ereignisses gezeigt habe. Dieses Ereignis wird mit einem Flammenmeer, projiziert auf eine sich bewegende Projektionsfläche, in einem abgedunkelten rotem Raum dargestellt. Hier werden auch „die einzigen archäologischen Funde, die wir von der Zerstörung oder Plünderung Roms haben“ gezeigt, so Reuter, „nämlich verschmolzene Münzen vom Römischen Forum, die erst vor wenigen Jahren als solche identifiziert worden sind“. Es sei quasi eine Weltpremiere.

Als die Vandalen Nordafrika erobern, geht es Rom verloren und damit große Teile der Getreideversorgung, wodurch die Brotpreise in Rom in die Höhe schnellten. Zudem gab es Steuerausfälle. © Foto Diether von Goddenthow
Als die Vandalen Nordafrika erobern, geht es Rom verloren und damit große Teile der Getreideversorgung, wodurch die Brotpreise in Rom in die Höhe schnellten. Zudem gab es Steuerausfälle. © Foto Diether von Goddenthow

Im nächsten Raum blicken die Besucher auf das römische Nordafrika. Es gibt tolle Leihgaben aus Tunesien. Afrika habe beim Untergang eine wichtige Rolle gespielt. So seien schlagartig die Getreide- und Steuer-Versorgung aus Nordafrika zusammengebrochen, als die Vandalen diese Provinzen erobern. Nordafrika war eine sehr reiche Provinz – aber das bricht schlagartig ab. Während das Leben für die Menschen dort ohne nennenswerten kulturellen Bruch relativ unverändert weiter geht und die Mosaikkunst gar weiterhin blüht, bricht in Teilen des römischen Reichs die Versorgung ein mit dramatischen Folgen, etwa für den Brotpreis.

Im nächsten, schon recht dunkeln Raum, wird ein kleiner Blick auf das Christentum gerichtet, das ja hauptsächlich im Dommuseum thematisiert wird. Hier wird sehr gut die zunehmende Wichtigkeit der Bischöfe in politischen Rollen aufgezeigt. Denn der Kaiserliche Machtverlust schafft ein Vakuum, gerade im Verwaltungsbereich, in dass dann auch die Kirche massiv hineindrängt und auch zunehmend römische Verwaltungsaufgaben übernimmt, so Reuter.

Ganz zum Schluss wird noch einen Blick auf das römische Trier geworfen und hinterfragt, was hier in Trier im 5. Jahrhundert passiert ist. Aufgezeigt werden die sehr unterschiedlichen Entwicklungen, Kontinuitäten wie auch Veränderungen und Transformationen. Es sei ein sehr widersprüchliches Bild, „was wir hier zeichnen können, aber ein ganz anderes als eben in Nordafrika, wo alles erstmal weiterlief. Das war so in Trier hier nicht der Fall. An diesem Beispiel zeige sich, „dass die Folgen des Untergangs des Römischen Reiches in den einzelnen Regionen ganz unterschiedlich verlaufen konnte“, so Reuter.

Im letzten schwarzen Raum, symbolisiert ein überdimensionierter leerer Thron den völligen Machtverlust der Römischen Kaiser im Jahr 476 n. Chr. Die Macht des römischen Kaisers ist dahin geschwunden. Ein achtjähriges Kind  hat die Kaiserwürde inne, bis der germanische Anführer Odoaker diesen letzten römischen (Kinder-)Kaiser absetzt. Er fand es nicht mal nötig, dieses Kind zu töten, sondern sendet die kaiserlichen Insignien der Macht an den oströmischen Kaiser in Konstantinopel mit der Botschaft: Ein weströmischen Kaiser wird nicht mehr gebraucht!. Der Kinderkaiser ging quasi in „Vorruhestand“.

Hinter dem Thron gibt es noch einen kleinen Ausblick über die Geschehnisse, was nach dem Ende des weströmischen Reiches geschah, natürlich geht das Leben weiter, wenn auch formal nicht mehr unter römischer Herrschaft.

Museum am Dom Trier

Ausstellungsimpression - Bau-Geschichte des Trierer Doms, anhand derer sich die wachsende Rolle des Christentums und seiner Bischöfe nach dem Untergang des römischen Reiches einmal mehr zeigt. © Foto Diether von Goddenthow
Ausstellungsimpression – Bau-Geschichte des Trierer Doms, anhand derer sich die wachsende Rolle des Christentums und seiner Bischöfe nach dem Untergang des römischen Reiches einmal mehr zeigt. © Foto Diether von Goddenthow

lm Zeichen des Kreuzes – Eine Welt ordnet sich neu. Der Blick des Museums am Dom richtet sich insbesondere auf die Mosel- und Rheinregion von den Anfängen des Christentums bis ins 7. Jahrhundert. Die Ausstellung vermittelt örtliche Kontinuitäten und Brüche in der Weitergabe der römischen Zivilisation und vor allem, welche Rolle die Christen dabei spielten. ln die bewegten Zeiten des untergehenden Römischen Reiches fällt auch der Aufschwung des christlichen Glaubens. Die Kirche und ihre Bischöfe wussten das langsam entstehende Machtvakuum zu nutzen und übernahmen zunehmend auch weltliche Aufgaben, die ihren
politischen Einfluss stärkten. ln kaum einer anderen Stadt lassen sich die Anfänge des Christentums so gut nachvollziehen wie in Trier. Das frühchristliche Gräberfeld unterhalb der ehemaligen Abteikirche St. Maximin bringt einmalige Einblicke in die Traditionen und Lebensumstände der frühen Christen. Die Ausstellung wird u.a. archäologische Funde aus den Gräbern wie Seidenstoffe, echten Purpur und kostbaren Schmuck präsentieren, die die christliche Elite im 4. und 5, Jahrhundert kennzeichneten.

Stadtmuseum Simeonstift

Thomas Gouture: Les Romains de la décadence. "Grausamer als der Krieg hat sich das Laster auf Rom gestürzt und rächt das besiegte Universum", nach einem Vers des antiken Dichters Juvenal. © Foto Diether von Goddenthow
Thomas Gouture: Les Romains de la décadence. „Grausamer als der Krieg hat sich das Laster auf Rom gestürzt und rächt das besiegte Universum“, nach einem Vers des antiken Dichters Juvenal. © Foto Diether von Goddenthow

Das Stadtmuseum Simeonstift neben der Porta Nigra beleuchtet das „Erbe Roms. Visionen und Mythen in der Kunst“, also das Fortleben des Römischen Reiches in der Kunst- und Kulturgeschichte. Seltene hochkarätige Kunstwerke aus fünf Jahrhunderten erzählen von der Faszination für die Idee „Rom“, deren Echo bis in unsere Gegenwart reicht. Die Aus­stell­ung zeigt eindrucksvoll, wie das Römische Reich und sein Untergang mal als „schlimmstes Unglück“, bald als „glänzender Triumph der Freiheit“ immer wieder neu interpretiert, gedeutet und verarbeitet wurden.

„Wir fangen eigentlich da an, wo das Landesmuseum aufhört. Bei uns gibt es die Römer schon gar nicht mehr. Wir fragen uns: Was ist denn in den Generationen danach vom Mittelalter bis in die Gegenwart von den Römern übriggeblieben, sei es in der Sprache, in der Bildwelt, in Mythen und Sagen.“, erklärt Alexandra Orth, Simeonstift-Pressesprecherin ,

So finden Besucher am Anfang plakative Bilder, die zur Grundeinstimmung etwa eindrucksvoll die dramatische Plünderung von Rom 410 n. Chr. durch den Westgotenkönig Alarich zeigen. Sylvesters Gemälde fasst die verbreitete Vorstellung des 19. Jahrhunderts vom Untergang Roms zusammen.  Wie dieses Werk vermitteln auch zahlreiche andere Bildwerke  das Gefühl, dass sich seit der Spätantike wohl nicht allzu viel an menschlicher  Hybris, Bequemlichkeit und Irrationalität  geändert hat.

John William Waterhouse  "The Favourites of the Emperor Honorius. Der Kaiser, realitätsleugnend ist mehr um das Wohl seiner Hühner und Tauben als das seiner Stadt und Bürger besorgt. © Foto Diether von Goddenthow
John William Waterhouse „The Favourites of the Emperor Honorius. Der Kaiser, realitätsleugnend ist mehr um das Wohl seiner Hühner und Tauben als das seiner Stadt und Bürger besorgt. © Foto Diether von Goddenthow

Mittels  Bildersprache werden nochmals die Theorien des Untergangs aufgegriffen, etwa die Theorie „Fall durch Eroberung“, „Zerfall durch Dekadenz“ oder „Selbstauflösung durch  politische Verwahrlosung der letzten Herrscher“. In John William Waterhouse Werk „The Favourites of the Emperor Honorius,  sehen wir den politisch desinteressierten Kaiser, der sich lieber um seine Hühner- und Taubenzucht kümmert, als um Politik. Als Rom fällt, wähnt er beim Namen „Roma“, es wäre einer seiner Taube namens Roma etwas passiert.  Für ihn scheint ein Unglück seiner Taube tragischer als  alles andere.

Aber auch das Christentum, was ja im Museum am Dom als Hauptausstellung zu sehen ist,  wird thematisiert, etwa durch das Bild von Augustinus mit seiner Mutter Monika, der eben auch Zeitzeuge  dieses Verfalls und der Plünderung Roms war und der daraufhin seine Schrift vom Gottesstaat verfasst hat.

Andere Bilder zeigen etwa die Goten, die Kriegsherrn, die eben Rom von den Grenzen her bedrohen.  Gezeigt werden   nationale Helden von den Völkern, die Rom rings herum belagert haben. Die Nibelungen kommen dabei vor, ebenso Dietrich von Bern, Karl der Große, und die ganzen mehr oder weniger bekannten Recken aus den Heldensagen bis hin zu  späteren Figuren wie   Napoleon, der, wie eingangs angedeutet, gerne in römisch inspirierten Ornat den  imperialen Auftritt nach altrömischem Vorbild zelebrierte. Er versuchte, wie auch die Habsburger und die Zaren  ihren eigenen  Anspruch auf das Römische Reich wieder aufleben zu lassen. Die Ausstellung spannt dabei den Bogen bis  ganz am Ende des 20. Jahrhundert zum Dritten Reich. Hier wurde dieser Imperiumsgedanke  vor allem in der Symbol und Formsprache aufgegriffen und für eigene machtpolitische Interessen missbraucht.

Spätestens bei Asterix und Obelix wird selbst Zweiflern klar,  dass Rom im westlichen Kulturkreisen fortlebt.

Weitere Informationen, auch zu Begleitprogrammen, Führungen, Orten, Öffnungszeiten und Eintrittspreisen!

 

Frankfurter Buchmessen-Ehrengast Spanien mit einem Strauß spannender Literatur und bunter Kulturkreativität im Rhein-Main-Gebiet

Elvira Marco, Projektleiterin für den Ehrengastauftritt Spaniens auf der Frankfurter; Isabel Izquierdo, Programmdirektorin bei Acción Cultural Española AC/E Buchmesse 2022; Elia Barceló, Autorin; Rocio Pina, Designerin  des Ehrengast-Pavillons, ENORME studio; Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse; Elena Medel, Autorin  © Foto Diether von Goddenthow
Elvira Marco, Projektleiterin für den Ehrengastauftritt Spaniens auf der Frankfurter; Isabel Izquierdo, Programmdirektorin bei Acción Cultural Española AC/E Buchmesse 2022; Elia Barceló, Autorin; Rocio Pina, Designerin des Ehrengast-Pavillons, ENORME studio; Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse; Elena Medel, Autorin © Foto Diether von Goddenthow

Ehrengast-Pavillon lädt zu interaktiven Begegnungen Spaniens renommierteste Stimmen kommen nach Frankfurt Museen und Kulturinstitutionen bieten umfangreiches Programm.

FRANKFURT. Ob Perfomance-Kunst oder Flamenco-Klänge, ob Hochkultur aus dem Prado oder Genusskultur in Tapas-Form – Spaniens „sprühende Kreativität“ wird nicht nur auf der Frankfurter Buchmesse vom 19. bis 23. Oktober 2022 spürbar, sondern bereits ab diesem Sommer im Frankfurter Stadtgebiet und an vielen Orten in Deutschland. Ein umfangreiches Literatur- und Kulturprogramm öffnet ein Fenster zum zeitgenössischen spanischen Schaffen und gibt durch Ausstellungen, Tanz- und Theateraufführungen sowie Musikveranstaltungen einen Einblick in die Vielfalt an Genres und Formaten. Auch viele Frankfurter Kultureinrichtungen bringen anlässlich des Ehrengast-Auftritts mit Ausstellungen, Konzerten und Events einen Hauch von Spanien an den Main. Zur Buchmesse selbst wird eine rund 200-köpfige Delegation aus dem Ehrengastland nach Frankfurt reisen, darunter namhafte Autor:innen wie Irene Vallejo, Antonio Muñoz Molina, Javier Cercas, Rosa Montero, Sara Mesa und Fernando Aramburu, die ihre Bücher und Neuerscheinungen präsentieren. Bis Ende des Jahres werden es über 400 Bücher sein, die seit 2019 anlässlich des Ehrengast-Auftritts auf den deutschsprachigen Markt gekommen sind. Auf der Messe gibt ein interaktiver Ehrengast-Pavillon einen Eindruck von der reichen und pulsierenden Literatur- und Kulturlandschaft Spaniens und Raum für spannende Begegnungen. Das Konzept des Ehrengast-Pavillons, die literarische Delegation sowie das begleitende Kulturprogramm wurden heute in Frankfurt vorgestellt.

„Ich freue mich auf ein Ehrengast-Programm, das die vielsprachige und vielstimmige Literatur und Kultur Spaniens von heute reflektiert. Literatur und Autor:innen aus Spanien werden im Ehrengast-Pavillon zu erleben sein, dessen Atmosphäre dem Buchmesse-Publikum einen zeitgemäßen Zugang bieten wird zu der ,Creatividad desbordante‘“, sagt Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse.

Vorstellung der Delegation, des Pavillon-Konzeptes und des Kulturprogramms des Ehrengastes Spanien auf der 74. Frankfurter Buchmesse bei der Pressekonferenz. © Foto Diether von Goddenthow
Vorstellung der Delegation, des Pavillon-Konzeptes und des Kulturprogramms des Ehrengastes Spanien auf der 74. Frankfurter Buchmesse bei der Pressekonferenz. © Foto Diether von Goddenthow

„Die Theorie der Kirschen“ im Ehrengast-Pavillon
Der Ehrengast-Pavillon, das Herzstück jedes Ehrengast-Auftritts auf der Frankfurter Buchmesse, wird in diesem Jahr vom spanischen Architektur- und Designstudio ENORME aus Madrid gemeinsam mit dem Designteam Vitamin gestaltet. Den Besucher:innen bietet der 2.000 qm große Pavillon nicht nur Bücher, Lesungen, Fachaustauch und Einblicke in die spanische Kreativ-Szene, sie sollen zumindest für die Messetage selbst ein Teil von ihr werden. Dank künstlicher Intelligenz füllen sich die Wände im Pavillon wie die Seiten eines überdimensionalen Buches mit den Worten und Textfragmenten, die an den Messetagen hier zu hören sind, und Worte wandeln sich in bunte Farbwelten. Hauptelemente im Pavillon, der im farbenfrohen überbordenden Design des Ehrengasts gestaltet wird, sind die „Kirschen“ – drei Kapseln, die eine immersive Ausstellung, zwei Bühnen, einen Happy-Hour- und einen Workshop-Bereich bilden. Sie schaffen Orte des Zuhörens, des Lesens, der Begegnung und Erholung, aber auch Räume der stillen Reflexion. Der konzeptionelle Ansatz „Die Theorie der Kirschen“ geht auf die spanische Schriftstellerin Carmen Martín Gaite zurück, die sagte, dass Geschichten wie Kirschen sind, denn wenn man an einer zieht, bekommt man die nächste dazu.

Der spanische Ehrengast-Pavillon wird in diesem Jahr von dem spanischen Architektur- und Designstudio ENORME aus Madrid gemeinsam mit dem Designteam Vitamin gestaltet. Copyright: ENORME Madrid
Der spanische Ehrengast-Pavillon wird in diesem Jahr von dem spanischen Architektur- und Designstudio ENORME aus Madrid gemeinsam mit dem Designteam Vitamin gestaltet. Copyright: ENORME Madrid

Spaniens renommierteste Stimmen kommen nach Frankfurt
Fast 200 Autor:innen, Übersetzer:innen und Vertreter:innen der Buchbranche aus dem Ehrengastland werden im Oktober auf der Buchmesse erwartet. „Wir freuen uns, dass wir die renommiertesten Stimmen der aktuellen spanischen Literatur in Frankfurt präsentieren können“, erklärt Elvira Marco, Projektleiterin für den Ehrengast-Auftritt Spaniens auf der Frankfurter Buchmesse 2022. „Seit vier Jahren arbeiten wir mit der spanischen Buchbranche zusammen und können heute eine umfangreiche Liste von über 400 Übersetzungen ins Deutsche präsentieren – mit wachsendem Interesse an von Frauen geschriebenen Geschichten. Mit unserem umfangreichen Programm zeigen wir das heutige Spanien, 31 Jahre nach unserem ersten Ehrengast-Auftritt 1991: ein vielfältiges und ausgewogenes Autor:innenangebot, das sich auf Mehrsprachigkeit und die Bedeutung der spanischen Sprache als Brücke zu Lateinamerika konzentriert. Wir zeigen ein kreatives, dynamisches Spanien, das neue Themen in den Fokus rückt – vom Wandel der Geschlechterrollen und der Familie über lebendige Porträts des urbanen Lebens in spanischen Städten, von der Landflucht bis hin zu Reflexionen über die Vergangenheit, den Einsatz von Technologie oder den Klimawandel.“

Zur literarischen Delegation zählen etwa Irene Vallejo und Antonio Muñoz Molina, die als Festredner:innen bei der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse sprechen. Am letzten Messetag wird Manuel Rivas die Gastrolle an den nachfolgenden Ehrengast Slowenien übergeben. Die Mehrsprachigkeit im Lande spiegelt sich auch in der literarischen Delegation wider: Ein Viertel der Delegation schreibt in einer der drei Ko-Amtssprachen Katalanisch, Galicisch oder Baskisch. Für die Messe ist eine Reihe von Events und literarischen Veranstaltungen geplant, darunter öffentliche Lesungen, Buchpräsentationen oder Diskussionsreihen mit den großen Namen der spanischen Belletristik wie Rosa Montero, Arturo Pérez Reverte, Elvira Lindo, Javier Cercas, Fernando Aramburu und Manuel Vilas. Junge Autorinnen wie Cristina Morales, Elvira Sastre, Katixa Aguirre und Elena Medel reflektieren über die Rolle der Frau, die Bedeutung von Mutterschaft und Beziehungen im 21. Jahrhundert. Paloma Chen, Mohamed El Morabe, Nadia Hafid und Margarita Yakovenko stehen für die neue literarische Generationen von Autor:innen aus dem Maghreb, Asien und Europa. Ada Salas, Angela Segovia und Raquel Lanseros verkörpern die neue lyrische Generation Spaniens und María Hesse, Nuria Tamarit und Elisa Mc Causland stellen grafische und illustrierte Romane vor. Daneben sind eine Hommage an Almudena Grandes und eine dramatisierte Lesung von Chaves Nogales geplant.

Bereits im Vorfeld präsentieren Autor:innen aus Spanien ihre neuen Bücher auf namhaften Literaturfestivals im deutschsprachigen Europa. So widmet etwa literaTurm, das Literaturfestival FrankfurtRheinMain, Spanien am 1. Juli einen Ehrengast-Abend mit den spanischen Autorinnen Esther Paniagua und Mónica Subietas.

Vom 28. Juni bis 21. Juli werden die spanischen Autor:innen Marta Sanz, Javier Isusi und Isaac Rosa Literaturstudent:innen der Universitäten Köln, Bremen und Jena treffen. Beim internationalen literaturfestival berlin ILB (7. bis 17. September) stellen spanische Autor:innen wie Ray Loriga und Irene Solà ihre Bücher vor und nehmen an Diskussionsrunden zu aktuellen Themen teil. Vom 28. bis 30. Oktober ist Spanien Ehrengast bei den Literaturtagen Zofingen (CH).

Literatur- und Kulturprogramm in Frankfurt im Zeichen des Ehrengasts
Auch außerhalb des Messegeländes werden spanische Autor:innen zu Gast sein, etwa im Rahmen des Lesefests OPEN BOOKS, bei dem ein Fokus auf der Literatur des Ehrengasts 2022 liegen wird. In der Romanfabrik finden gleich drei Veranstaltungen mit spanischem Vorzeichen statt: vom Flamenco-Abend bis zur Lesung mit Elvira Sastre. Die IG Metall wird zu einer Gesprächsrunde mit Isaac Rosa, José Ovejero und Rosa Ribas einladen. Die Stadtbücherei Frankfurt organisiert zusammen mit dem Weltlesebühne e.V. den Workshop Das Gläserne Übersetzen, der sich dem Buch Wenn ich singe, tanzen die Berge von Irene Solà widmet, und wird Lesungen in Schulbüchereien mit Elia Barceló, Aina Bestard, Rocío Bonilla sowie Patxi Zubizarreta und Jokin Mitxelena organisieren.

Durch ein umfangreiches Kulturprogramm werden weitere Facetten der spanischen Kreativität deutlich. Für das ganze Jahr sind 200 Kulturevents geplant. Bereits ab dem Sommer realisieren Museen und Institutionen in Frankfurt in diesem Kontext zahlreiche Ausstellungen und Events. Zu den Highlights zählt das Projekt Prado Museum in the Streets, für das Reproduktionen aus der berühmten Kunstgalerie auf dem Frankfurter Messegelände sowie auf dem Alexanderplatz in Berlin präsentiert werden. Das Deutsche Filminstitut und Filmmuseum zeigt einen Zyklus über den spanischen Filmemacher und Multimedia-Pionier José Val del Omar. Die Bildhauerin Alicia Martín schafft eine künstlerische Installation für das Cervantes-Institut in Frankfurt. Das Fotografie Forum Frankfurt widmet Carlos Pérez Siquier (1930–2021), einer der führenden Persönlichkeiten der modernen spanischen Fotografie, eine retrospektive Ausstellung mit teils noch nie gezeigten Werken. Der Frankfurter Kunstverein wird die von Rosa Ferrer und Ana Ara kuratierte Ausstellung Twelve art stories told from Spain über die Rolle der Fiktion in der künstlerischen Praxis im aktuellen spanischen Kontext zeigen und in der Städelschule Frankfurt ist eine Ausstellung über Künstlerbücher zu sehen. Auf kulinarische und musikalische Köstlichkeiten aus dem Ehrengastland können sich die Besucher:innen auf dem Museumsuferfest freuen, etwa auf einen Auftritt von Rodrigo Cuevas, dem Freddy Mercury Spaniens, sowie Flamenco in Reinform mit Antonio Andrade und Ursula Moreno.

Weitere Höhepunkte des Kulturprogramms, für das die Acción Cultural Española (AC/E) verantwortlich zeichnet, sind die beiden bedeutenden Präsentationen in den Opelvillen Rüsselsheim – die Ausstellung der spanischen Performancekünstlerin Esther Ferrer und eine über den Fotografen José Ortiz Echagüe. „Auch die Unterstützung der von der Documenta in Kassel eingeladenen spanischen Künstler:innen, der Zyklus des zeitgenössischen spanischen Dokumentarfilms, der durch verschiedene deutsche Städte reisen wird, Performances wie das Niño de Elche im Mousonturm in Frankfurt oder die Compañía Nacional de Danza in Bonn, die Präsentation eines monografischen Bandes der Zeitschrift Granta mit spanischer Erzählung sowie Comic-Hefte mit hervorragenden Geschichten zeigen die Qualität und Vielfalt der spanischen Kultur“, erklärt Isabel Izquierdo, Programmdirektorin bei AC/E.

Beim Internationalen Sommerfestival Kampnagel in Hamburg feiert der spanische Performance-Künstler Cuqui Jerez vom 25. bis 28. August mit seinem urkomischen Musicalexperiment Magical and Elastic Deutschlandpremiere, beim Kunstfest Weimar die Show Terebrante von Angélica Liddell. Vorab ist der Star-Regisseur und multidisziplinäre Künstler Robert Wilson in einer Gesprächsrunde beim Kunstfest Weimar zu erleben – im Gepäck hat er Repliken der Miró-Figuren, denen er in der spektakulären Kunstinstallation und Performance MIRÓ Y WILSON neues Leben einhaucht; diese wird im Oktober auch in Palma de Mallorca zu sehen sein. Daneben ist ein Konzert mit der auf Barockmusik spezialisierten katalanischen Sopranistin Nuria Rial geplant. Spanische Musik hat auch bei den Musikfestspielen Potsdam Sanssouci einen festen Platz: Vier Konzerte aus dem Ehrengastland stehen bei dem Festival, das noch bis zum 25. Juni stattfindet, auf dem Programm. Anlässlich des hundertsten Geburtstags des weltberühmten spanischen Cellisten und Komponisten Pau Casals wird beim Moritzburg Festival in Dresden (6. bis 31. August) ein unveröffentlichtes Stück seines Bruders Enric Casals mit spanischen Solist:innen und dem Moritzburg Festival Orchester unter der Leitung von Josep Caballé aufgeführt.

Aktionen für den Buchhandel
„Auch in den Buchhandlungen wird Spanien nicht zu übersehen sein“, verspricht Elvira Marco. Um Buchhändler:innen die aktuelle Literatur aus dem Ehrengastland näherzubringen, finden in den nächsten Wochen Buchhandels-Events mit spanischen Autor:innen in Frankfurt und München statt und eine Gruppe deutscher Buchhändler:innen reist nach Madrid, um mit spanischen Kolleg:innen über literarische Trends zu diskutieren, Buchhandlungen zu besuchen und Autor:innen zu treffen. Ab dem Sommer können Buchläden Deko-Pakete im Ehrengast-Design bestellen.

Weitere Information: www.spainfrankfurt2022.com/de/

MAG und IRM feiern in der Römerpassage die Römertage am 8. und 9. Juli

roemer-tage-mainzer-sommerMit einem zweitägigen Römerfest wollen die Mainzer Aufbaugesellschaft mbH (MAG) und die Initiative Römisches Mainz (IRM) an die Geburtsstunde der IRM und der Römerpassage erinnern. Am 8. und 9. Juli werden dafür erstmals die „Römertage“ ausgerichtet, die, unterstützt von der Landeshauptstadt Mainz, als Start des „Mainzer Sommers“ ein umfangreiches Programm in und um die Römerpassage anbieten. Eröffnet werden die „Römertage“ am 8. Juli um 16 Uhr durch Oberbürgermeister Michael Ebling, dem Vorsitzenden der IRM, Christian Vahl, und dem Geschäftsführer der MAG, Martin Dörnemann.

„Wir freuen uns außerordentlich und danken ganz herzlich der Generaldirektion Kulturelles Erbe, dass wir erstmals seit vielen Jahren im Rahmen der Römertage das Orpheus-Mosaik präsentieren können“, so der IRM-Vorsitzende Christian Vahl. Das rund 6 x 6 Meter große Orpheus-Mosaik wird in einem „Schaufenster in die Antike“ direkt in der Römerpassage zu sehen sein.

Oberbürgermeister Michael Ebling ist überzeugt: Ein solcher Startschuss für den „Mainzer Sommer“, eines unserer vom Innenministerium des Landes Rheinland-Pfalz geförderten Projekte zur Belebung der Innenstadt, ist mehr als ein Impuls. „Mit diesem starken Auftakt zeigt Mainz, wie kulturelles Erbe, Stadtgeschichte und die aktuelle Einkaufs-City aufs Beste zusammenwirken können. Ich danke dem Veranstaltungsteam für diese tolle Aktion für alle Mainzer und Mainzerinnen und unsere Gäste.“

Der Samstag, 9. Juli, steht ganz im Zeichen der Familien. Neben Kostüm-Führungen in historischen Gewändern durch den Gästeführerverband (Anmeldung unter kontakt@mainz-stadtfuehrungen.de) und einem abwechslungsreichen Familienprogramm mit mehreren Spielstationen rund um die Römerpassage soll auch die 1. Stadtmeisterschaft im römischen Mühlenspiel mit der Vergabe des IRM-MAG-Rom-Pokals ausgetragen werden. Eine Tombola zugunsten der IRM, exklusive Führungen ins ISIS-Heiligtum, Lesungen und vielfältige Info-Aktionen über die Arbeit der IRM und der Archäologie in Mainz stellen das Mainzer römische Erbe in den Mittelpunkt der „Römertage“.

„Wo sonst als in der Römerpassage sollte das römische Erbe in Mainz gefeiert werden“, zeigt sich Center Manager Christian Trapmann begeistert von der Idee der MAG, die Mainzer Römertage ins Leben zu rufen: „Wir wollen uns aktiv mit einbringen und unterstützen die IRM sehr gerne. Es soll ein Römerfest für die ganze Familie werden.“

Anlass für die „Römertage“ ist die bauliche Fertigstellung der MAG in der Römerpassage vor genau 20 Jahren, ein Jahr später wurde sie offiziell eröffnet. Die ersten Planungsarbeiten der MAG für die Neukonzeption der damaligen Lotharpassage starteten bereits 1993. „Mit der Römerpassage haben wir rückblickend nicht nur ein archäologisches Highlight für Mainz geschaffen, sondern durch die Integration des ISIS-Heiligtums auch eine ganz wichtige römische Sehenswürdigkeit für Mainz erhalten,“ so MAG-Geschäftsführer Martin Dörnemann.

Als die Baugrube im Jahr 1999 ausgehoben wurde, hatten sich selbst Experten von der Quantität und Qualität der archäologischen Funde überrascht gezeigt. Niemand hatte erwartet hier einen Tempel vorzufinden, der der ägyptischen Göttin Isis und der phrygisch-kleinasiatischen Muttergottheit Magna Mater gewidmet war.

1999 reiften zugleich erste Überlegungen für die „Initiative Römisches Mainz“, die schließlich im Jahr 2000 mit Gerd Krämmer als Vorsitzenden gegründet wurde. Erster Aktionsort der Initiative wurden die archäologischen Grabungen an der Lotharpassage unter der Leitung des damaligen Landesarchäologen Dr. Gerd Rupprecht.

Zu den zahlreichen Einzelfunden, die fast wöchentlich in der Presse vorgestellt wurden und eine regelrechte „Römer-Euphorie“ bei den Mainzerinnen und Mainzern auslöste, zählten u.a. Weihe-Inschriften, Altäre, Opferfiguren und „Verwünschungstafel“ sowie kleine Figürchen, die bei bestimmten Ritualen verwendet wurden und in der Presse den Namen „Voodoo-Puppen“ erhielten.

Erst nach 17-monatigen Grabungsphase konnten die Arbeiten durch die MAG an der nun umbenannten Römerpassage fortgesetzt werden. „Es war letztlich ein Glücksfall, dass kein privater Investor Bauherr war, sondern die MAG, die als Public-Private-Partnership-Gesellschaft mit städtisch-kommunalen Teilhabern auf der einen und privatwirtschaftlichen auf der anderen Seite ein besonderes Know-how und eine besondere Verantwortung für Stadtentwicklung und Architektur hat“, bekräftigt Dörnemann.

Für die Geschäftsführung und Planer der MAG, aber auch für die Verantwortlichen der IRM war die Integration der Funde eine echte Herausforderung. Am Ende konnte ein Teil der Tempelanlage erhalten und in die neu geschaffene „Taberna archaeologica“ im Untergeschoss der Römerpassage integriert werden. Ein aus heutiger Sicht glücklicher Kompromiss, der schließlich in einer gemeinsamen Kraftanstrengung der Stadt Mainz, dem Land Rheinland-Pfalz, der Landesarchäologie, der IRM und der Mainzer Aufbaugesellschaft als Bauherr geschlossen wurde.

Gebäudebrüter schützen – helfen Sie den Spatzen – Kostenlose Nisthilfe der Stadt Mainz

Spatzenfreunde Bild: Betina Kuechenhoff
Spatzenfreunde Bild: Betina Kuechenhoff

Um die vor dem Aussterben bedrohten Spatzen wirksamer zu schützen, ruft das Grün- und Umweltamt der Stadt Mainz zu einer entsprechenden Aktion auf, die helfen soll, die Spatzen in der Stadt besser zu schützen und damit zu helfen, ihre Population wieder zu erhöhen. Solange der Vorrat reicht, stellt das Grün- und Umweltamt Mainz dazu kostenlos Nisthilfen zur Verfügung. Hier muss man ein Foto von der beabsichtigten Lage, wo die Nisthilfe untergebracht werden soll, an die Stadt senden.

Der Spatz, auch Haussperling (lat.: Passer domesticus) genannt, hat sich rar gemacht. Früher waren die liebenswerten und mitunter frechen Stadtbewohner häufig anzutreffen. Heute sehen wir sie kaum noch. Inzwischen gehören die Piepmätze – einst unvorstellbar – auf Vorwarnlisten gefährdeter Arten.
Insbesondere die oftmals viel zu gründliche Art und Häufigkeit von städtischer und privater Garten- und Parkpflege mit Laubbläsern und anderem Gerät, wodurch viele Schutz- und Rückzugsorte für (brütende) Vögel und Kleingetier verschwunden sind, aber auch die „Kiesgartenmode“ („Gärten des Grauens“) sowie die Zubetonierung /Versiegelung von Flächen, Katzen sowie anhaltende Trockenperioden sind höchstwahrscheinlich ursächlich für das Verschwinden viele Vogelarten.

Was braucht der Spatz?
Zum Brüten bevorzugen die Tiere an Gebäuden kleine Nischen, etwa an Fassaden, im Giebel, unter den Dachziegeln, im Ortgang oder Traufkasten. Auch unterhalb von Attika- oder hinter Fassadenverkleidungen, an Regenfallrohren, hinter Fensterläden oder an Stuckornamenten siedelt sich der kleinere Vogel gerne an. Nisthilfen sind eine sinnvolle Alternative oder Ergänzung. Beim Anbringen der Nisthilfen sollte darauf geachtet werden, dass die Höhe mindestens 2.50 m beträgt und die Ausrichtung an Ihrem Haus in südöstliche Himmelsrichtung erfolgt. Das Einfluglochdarf nicht versperrt sein.

Als Nahrung vertilgt der Spatz vor allem Insekten Samen und Beeren. Heimische Gräser, Wildkräuter und Beerensträucher sind geeignete Futterspender – auch im Winter. Futterplätze außer Reichweite von Katzen werden gerne angenommen.
Verstecke sind für den Spatz wichtig. Spatzen leben immer in Gruppen zusammen. Als Aufenthaltsort und zum Schutz vor Fressfeinden lieben sie Verstecke wie dornige Sträucher und Hecken in der Nähe des Brutplatzes (z.B. Wildrosen, Weißdorn). Auch brauchen die kleinen Vögel Trink- und Badeplätze. Gut einsehbare Plätze für Wasserstellen zum Trinken und Sandbereiche für ein Staubbad brauchen die Spatzen, um Parasitenbefall und Infektionen des Gefieders zu verhindern.

Der Nutzen für Mensch und Natur in der Stadt ist sehr hoch. Gebäudebrüter beleben unsere Städte, tragen zur Artenvielfalt bei und vertilgen vor allem während der Brut- und Nistzeit unzählige Insekten. Spatzen sind geschickte und flinke Futterfinder, die die Ausbreitung oder Ansiedlung von Ratten, Mäusen und Tauben vorbeugen können.

Wer kann mitmachen?
Alle Mainzer Bürger, die den Spatzen eine neue Wohnung an ihrem eigenen Haus schaffen wollen.

Wie kann ich mitmachen?
Machen Sie ein Foto über die geplante Lage der Nisthilfe.
Senden Sie Ihr Foto (möglichst max. 2 MB) mit Namen, Adresse und Telefonnummer bis zum 31. Juli
2022 direkt an folgende E-Mail-Adresse mit dem Betreff „Spatzenfreund“: Spatzenfreunde@stadt.mainz.de

VALIE EXPORT mit dem Max-Beckmann-Preis der Stadt Frankfurt für ihr Lebenswerk geehrt

Von Links: Laudatorin und Performancekünstlerin Sylvie Fleury, Künstlerin Valie Export und Kulturdezernentin Ina Hartwig bei der Preisübergabe, Copyright: Stadt Frankfurt am Main, Foto: Andreas Varnhorn
Von Links: Laudatorin und Performancekünstlerin Sylvie Fleury, Künstlerin Valie Export und Kulturdezernentin Ina Hartwig bei der Preisübergabe, Copyright: Stadt Frankfurt am Main, Foto: Andreas Varnhorn

ffm. Kultur- und Wissenschaftsdezernentin Ina Hartwig hat am Samstag, 18. Juni, den Max-Beckmann-Preis der Stadt Frankfurt an die österreichische Künstlerin VALIE EXPORT in der Paulskirche verliehen. Die Auszeichnung zählt deutschlandweit zu den bedeutendsten Kunstpreisen und wurde ins Leben gerufen, um hervorragende Leistungen in den Bereichen Malerei, Grafik, Bildhauerei und Architektur zu würdigen. Er wird seit 1978 im Abstand von drei Jahren jeweils zum Geburtstag von Max Beckmann vergeben und erinnert an einen Künstler, der das kulturelle Leben Frankfurts wie kaum ein anderer nachhaltig geprägt hat. In diesem Jahr fand die Verleihung pandemiebedingt ausnahmsweise nicht am 12. Februar statt.

VALIE EXPORT, am 17. Mai 1940 in Linz als Waltraud Lehner geboren, ist dem Umfeld des Wiener Aktionismus zuzurechnen, obwohl ihre Formen der Arbeit sich sowohl ästhetisch, wie auch inhaltlich und formal von diesem unterschieden. Ihren künstlerischen Ausdruck findet sie in Fotografien, Skulpturen, body performances, Videos, Großinstallationen und Texten. Früher teils hart für ihre Radikalität kritisiert, gilt sie heute als Ikone des Feminismus und Pionierin der Medienkunst. Werkblöcke von VALIE EXPORT finden sich in berühmten Museen wie dem Centre Pompidou in Paris, dem Museum of Modern Art in New York oder der Tate Modern in London.

Kultur- und Wissenschaftsdezernentin Ina Hartwig dankte den Kuratoriumsmitgliedern für ihre hervorragende Entscheidung. In ihrer Begründung heißt es: „Sie ist eine Pionierin der Medien- und Aktionskunst, des experimentellen Films und eines künstlerischen Feminismus, der seit den 1960er Jahren die vorherrschende Wahrnehmung des weiblichen Körpers in einer patriarchalischen Gesellschaft radikal dekonstruiert hat. Mit den Mitteln einer performativen Avantgarde, die auf soziale Veränderungen zielt, hat sich die 1940 geborene österreichische Künstlerin VALIE EXPORT schon früh mit Themen wie Geschlechterrollen, Zuschreibungen von Identität und der Befreiung aus Konventionen beschäftigt. Dabei hat sie Grenzen zwischen Kunsträumen und Alltagswirklichkeit, Abbild und Realität, Theorie und Praxis überschritten, ist ein hohes persönliches Wagnis eingegangen und ebnete den Weg für zahleiche Künstlerinnen, die eine entschieden weibliche Perspektive einnehmen. Die Stadt Frankfurt verleiht den mit 50.000 Euro dotierten Max-Beckmann-Preis 2022 an eine so innovative wie unerschrockene, so kompromisslose wie spielerisch agierende, so formal avancierte wie gesellschaftspolitisch wirkende Künstlerin, deren Werk auch in der Gegenwart nichts von seiner Aktualität und Relevanz eingebüßt hat. Im Gegenteil kann es als Maßstab für eine engagierte Kunst gelten, dass sie sich eine heute nicht mehr selbstverständliche Freiheit des Ausdrucks nimmt.“

Hartwig sagte: „Es ist uns eine besondere Ehre, den Max-Beckmann-Preis 2022 der österreichische Künstlerin VALIE EXPORT überreichen zu können. Mit dem Namensgeber des Preises Max Beckmann teilt sie eine kompromisslose Ästhetik. VALIE EXPORT inspirierte feministische Protestaktionen und Künstlerkolleginnen wie die letzte Max-Beckmann-Preisträgerin Cindy Sherman oder auch Marina Abramović und reicht bis in die aktuelle Kultur- und Pop-Industrie. Ihr Werk beruht auf genauer Beobachtung und Analyse von gesellschaftlichen, medialen und geschlechtsspezifischen Konstruktionen und hat bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Ich gratuliere VALIE EXPORT zu dieser Auszeichnung aufs Herzlichste. Der Max-Beckmann-Preis ist nicht nur einer der höchstdotierten Preise unserer Stadt, sondern deutschlandweit einer der bedeutendsten Kunstpreise überhaupt und unterstreicht den Stellenwert Frankfurts als internationale Kulturstadt.“

VALIE EXPORT setzte sich in ihrer Jugend mit Kunstgeschichte auseinander, experimentiert mit der Fotokamera und besucht die Kunstgewerbeschule. 1960 zieht sie nach Wien. Nachdem sie 1964 die Höhere Bundeslehranstalt für Textilindustrie mit einem Diplom in Design abschließt, arbeitet sie einige Zeit zunächst in der Filmbranche als Cutterin und Script Girl. 1966 verfasst sie ihren ersten filmischen Text „AUS ALT MACHT NICHT NEU – ein Versuch der sinnlosigkeit. metaphorische bildassoziation, Projekt“. 1967 nimmt sie ihren Künstlernamen VALIE EXPORT an und bringt damit ihr Bedürfnis zum Ausdruck, die eigenen Gedanken nach außen zu transportieren. Im Anschluss daran entsteht ihr erstes Kunst-Objekt, in dem sie die Zigarettenmarke Smart Export zitiert, sie aber umändert für ihre eigene Namensdarstellung.

Mit ihren Aktionen schafft VALIE EXPORT Ende der 1960er Jahre ikonische Bilder, die sich bis heute in das visuelle Gedächtnis eingebrannt haben. Die frühen Arbeiten zeichnen sich durch die Auseinandersetzung mit Feminismus, Aktionskunst und dem Medium Film – insbesondere Ende der 1960er Jahre mit der Bewegung des Expanded Cinema – aus. Eine ihrer bekanntesten Aktionen war 1968 das Tapp- und Tastkino, bei der sie bewusst und provokant die weibliche Intimsphäre durchbricht und als Frau öffentlich in eine vorherrschende Definition von Kunst eingreift; gleichzeitig stellt sie den männlichen Voyeurismus zur Schau. 1970 veröffentlichte sie zusammen mit Peter Weibel „Wien – Bildkompendium Wiener Aktionismus und Film“, wofür sie dort wegen Verbreitung von Pornographie zu einem Monat Haft verurteilt wurde. VALIE EXPORT bricht mit ihren Aktionen immer wieder mit gesellschaftlichen Tabus und setzt ihren Körper als Waffe ein. Offensiv sucht sie nach einem weiblichen Ausdruck sexueller Selbstbestimmung, wobei sie die Kunst als Medium des Feminismus’ nutzt.

Die Laudatio sprach die Schweizer Performance- und Objektkünstlerin Sylvie Fleury, bevor sich VALIE EXPORT in das Goldene Buch der Stadt Frankfurt eintrug. Die mit 50.000 Euro dotierte Auszeichnung wurde seit 1978 insgesamt fünfzehn Mal vergeben. Nach Maria Lassnig, Barbara Klemm, Agnès Varda und Cindy Sherman ist VALIE EXPORT die fünfte weibliche Preisträgerin.

Kasseler Weltkunst-Schau Documenta fifteen öffnet am 18. Juni 2022 – Blick des globalen Südens auf Zeitgeschehen, Kunst, Kultur

Bei herrlichem Wetter starteten in einer fast ausgelassenen Stimmung die Preview-Tage der documenta fifteen im Kasseler Aue-Stadion für die internationale Presse und Fachbesucher. Eingerahmt war die Pressekonferenz mit mehren hundert Teilnehmern vom Jubel der zahlreichen Künstler der Weltkunstschau und des indonesischen künstlerischen documenta-Leitungskollektiv ruangrupa. © Foto Diether von Goddenthow
Bei herrlichem Wetter starteten in einer fast ausgelassenen Stimmung die Preview-Tage der documenta fifteen im Kasseler Aue-Stadion für die internationale Presse und Fachbesucher. Eingerahmt war die Pressekonferenz mit mehren hundert Teilnehmern vom Jubel der zahlreichen Künstler der Weltkunstschau und des indonesischen künstlerischen documenta-Leitungskollektiv ruangrupa. © Foto Diether von Goddenthow

Im Vorfeld der Kasseler Documenta-Eröffnung am Samstag mit Bundespräsident Frank Walter Steinmeier, begrüßten am Mittwoch Hessens Kunst- und Kulturministerin Angela Dorn, Documenta-Generaldirektorin Dr. Sabine Schormann und Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle gemeinsam mit dem indonesischen documenta-Leitungsteam „ruanrupa“  die internationale Presse und das Fachpublikum zu den Preview-Tagen der Weltkunstschau. Bei herrlichem Sonnenschein war die Stimmung unter den mehreren hundert Presseleuten, Fachbesuchern und anwesenden Künstlern im Aue-Stadion  fröhlich und gelassen: Denn aufgrund von Corona wusste praktisch bis vor ein paar Wochen noch niemand sicher, ob es die documenta fifteen in gewohnter Form überhaupt geben würde. Gleichwohl wurde eines der größten Events zeitgenössischer Kunst und Kultur seit Jahren vorbereitet. Der Etat insgesamt dürfte bei gut 42 Millionen Euro liegen

Herzstück der documenta fifteen ist auch wieder das Fridericianum, indem die sich die Künstler-Kollektive präsentieren, viele mit Werken. © Foto Diether von Goddenthow
Herzstück der documenta fifteen ist auch wieder das Fridericianum, indem  sich die Künstler-Kollektive präsentieren, viele mit Werken. © Foto Diether von Goddenthow

Die internationale Kunst- und Kultur-Schau steht ganz unter dem Zeichen des kollektiven Ressourcenfundus lumbung, dem Sinnbild des Teilens und Kommunizierens in einer indonesischen Reisscheune, und versammelt laut ruanrupa Zeit, Ideen, Arbeitskraft und Wissen. Mit diesem Ansatz soll die 15. Auflage der documenta insbesondere experimenteller Raum der Freiheit sein mit einem Blick aus dem globalen Süden auf Zeitgeschehen, Kunst und Kultur. Es soll gezeigt werden, dass die Dinge auch anders als nach dem Muster westlicher Herangehensweisen verstanden werden können.

Ab morgen,  18.Juni 2022, wird nun die Kasseler Welt-Kunstschau nach mehrjähriger Vorbereitungsphase und Corona-Hindernissen eröffnet.  Dann kann 100 Tage lang das umfangreiche Kultur-Experiment  an 32 Ausstellungsorten Kassels besichtigt werden. Ausgehend von den zentralen documenta-Orten, Fridericianum und documenta Halle am Friedrichplatz, präsentieren die Künstlerkollektive sich selbst und ihre Arbeiten in zahlreichen Kasseler Museen, an ungewöhnlichen Orten, auf Plätzen, in der Karlsaue und an Hausfassaden in allen Stadtteilen. Wer alles besichtigen und am Begleitprogramm teilnehmen möchte, sollte mindestens drei Tage, besser noch eine Woche  „Kultururlaub“ und auf alle Fälle gutes Schuhwerk einplanen.

Auf Wunsch begleiten „Kunstvermittler*innen“, sogenannte Sobat-sobat (Freundinnen), Interessierte bei den „Walks and Stories“ in Rundgängen durch die Ausstellungen. Räume, Geschichten und Arbeitsweisen von lumbung. Diese werden hierdurch gemeinsam erkundet und erlebt, wobei Freundschaft und Erzählungen hier im Mittelpunkt stehen.

Das ruruHaus, Obere Königsstraße 43, ist nun das Wellcome-Zentrum der documenta fifteen. Hier gibt es Infos, Tickets, Kaffee u. Bücher.   Das indonesische Wort "ruru" bedeutet Raum. Das ruruHaus, eine ehemalige Sportarena in der Innenstadt Kassels, ist Teil der kuratorischen Praxis von ruangrupa und stellt Räume für kollektive Praxis, Ideen, Austausch und Kollaborationen bereit. Darüber hinaus soll der Ort als zentral gelegenes Wohnzimmer der Stadt fungieren und zum kreativen Zusammensein und Verweilen (nongkrong) einladen. © Foto Diether von Goddenthow
Das ruruHaus, Obere Königsstraße 43, ist nun das Wellcome-Zentrum der documenta fifteen. Hier gibt es Infos, Tickets, Kaffee u. Bücher. Das indonesische Wort „ruru“ bedeutet Raum. Das ruruHaus, eine ehemalige Sportarena in der Innenstadt Kassels, ist Teil der kuratorischen Praxis von ruangrupa und stellt Räume für kollektive Praxis, Ideen, Austausch und Kollaborationen bereit. Darüber hinaus soll der Ort als zentral gelegenes Wohnzimmer der Stadt fungieren und zum kreativen Zusammensein und Verweilen (nongkrong) einladen. © Foto Diether von Goddenthow

„Wir sind gespannt auf diese 15. Ausgabe der Weltkunstausstellung, die seit ihrem Beginn den Anspruch hat, die Ausstellung der Kunst von heute und damit für morgen zu sein. Glücklicherweise erlaubt es die Corona-Pandemie derzeit, die documenta nahezu normal durchzuführen – unsere documenta, auf die wir als Land Hessen sehr stolz sind und die wir gemeinsam mit der Stadt und dem Bund tragen. Die Welt der Kunst blickt nach Kassel!“,  so Kunst- und Kulturministerin Angela Dorn. Die documenta stelle in Frage, wie wir die Welt sähen; sie hinterfrage immer wieder auch den Kunstbegriff als solchen, erläuterte Ministerin Dorn. An diese Tradition knüpfe ruangrupa, das Kuratorenkollektiv der documenta fifteen, nahtlos an: Sie und die von ihnen eingeladenen Künstlerinnen und Künstler begriffen Kunst als Prozess von Teilhabe, gesellschaftlichem Diskurs und gemeinschaftlichem Austausch von Ideen, Wissen und Können. Es gehe um das gemeinschaftliche Erarbeiten von Lebensformen, die Verteilungsgerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Dieser künstlerische Ansatz gäbe Impulse, „unsere Gesellschaft anders zu denken und auch zu gestalten.“, so Dorn.

In Workshops mit dem Künstlerkollektiv Taring Padi entstanden rund 800 Pappkunstwerke, die in gemeinsamer Kooperation unter Einbezug des Publikums auf dem Friedrich-Platz installiert werden. © Foto Diether von Goddenthow
In Workshops mit dem Künstlerkollektiv Taring Padi entstanden rund 800 Pappkunstwerke, die in gemeinsamer Kooperation unter Einbezug des Publikums auf dem Friedrich-Platz installiert werden. © Foto Diether von Goddenthow

Beim ruanrupa-Ansatz sei das Kunstwerk nicht das Ziel, „sondern die Kooperation selbst“, so Dr. Sabine Schormann. Der Name des künstlerischen Leitungskollektivs ruanrupa setze sich zusammen aus ruam = raum sowie rupa = Forderung, und bedeute frei übersetzt: „Kunstraum“ oder „Raumform“. Der Name sei insofern Programm, da ein physischer Raum gemeint sei, in dem Menschen zusammenarbeiteten und gemeinsam dabei mitwirkten, die Raumform zu erleben, so die  Generaldirektorin.
Entscheidend sei der Prozess, der nie abgeschlossen und stets ergebnisoffen sei, ein Prozess, der sich entwickele und bisweilen keine großen Ergebnisse, wohl aber vielfältige, reiche Geschichten und Narrative hervorbringe. Ein wesentliches Element sei dabei „nongkrong“, die indonesische Bezeichnung für das Zusammensein und Reden über Gott und die Welt, ohne direktes Ziel, durch das Verbundenheit, Nähe und Vertrauen entstehe“, erklärt Dr. Sabine Schormann das künstlerisch-kulturelle Konzept und ergänzt: „Und noch eine wichtige Ingredienz für die Entscheidung der Findungskommission: ruanrupa ist kritisch gegenüber den westlichen Idealen des Künstlers als Genie, den Gesetzen des Kunstmarktes und Institutionen allgemein. Insofern versprach die Wahl von ruanrupa ein Aufbrechen von Strukturen, und neue Impulse durch eine anders ausgerichtete künstlerische bzw. kuratorische Praxis.“

Thailändisches Künstlerkollektive Baan Noorg Collaborative Arts and Culture in der documenta-Halle. In der einem Tempel nachemfundenen Großinstallation gibt es sogar eine Skateboardrampe, die genutzt werden kann.  © Foto Diether von Goddenthow
Thailändisches Künstlerkollektive Baan Noorg Collaborative Arts and Culture in der documenta-Halle. In der einem Tempel nachemfundenen Großinstallation gibt es sogar eine Skateboardrampe, die genutzt werden kann. © Foto Diether von Goddenthow

Das ruanrupa Artistik Team habe 14 quer durch die Welt verteilte Lumbung-Member, die Lumbung-Artists, ins documenta-Boot geholt, die ihrerseits wiederum andere Künstler mitbrachten, vergleichbar mit einem Schneeball, wodurch „inzwischen mindestens 1500 Künstler an der documenta fifteen mit immer noch steigender Zahl beteiligt“ seien. „Viele von ihnen bringen die postkoloniale Perspektive des globalen Südens mit und verfolgen unter oft prekären Umständen ihre kollektive künstlerische Praxis, die in  Kunst und Leben nicht immer getrennt sind“.
Die Reise verlief nicht ohne Hindernisse: Das größte davon sei fast der gesamte Kennenlern- und Auswahl-Prozess gewesen, da dieser wegen der Corona-Pandemie digital bis in die Umsetzungsphase hinein mehr als zwei Jahre lang digital stattfand, erläuterte die Generaldirektorin.

Künstlerkollektiv Kali und Manus zur frage des Körpers im Fridericianum, 1 OG  © Foto Diether von Goddenthow
Künstlerkollektiv Kali und Manus zur frage des Körpers im Fridericianum, 1 OG © Foto Diether von Goddenthow

„Wir sind froh“, so Oberbürgermeister Christian Geselle, „dass wir die documenta überhaupt in dieser Form bestreiten können. Der Oberbürgermeister sprach von der Erleichterung, dass nun der Druck, der nicht nur dem Artist-Team, sondern den Organisatoren aller beteiligten Einrichtungen und städtischen Ämtern insgesamt, aber auch den Menschen generell  schwer auf der Seele gelegen habe, nunmehr der Freude über die Realisierung der documenta  gewichen sei. Das sei  wunderbar: „Wir freuen uns sehr darauf, die Welt zu Gast in Kassel zu haben.“

Geselle unterstrich nochmal, dass man bei dieser documenta einen neuen Weg gegangen sei, indem man eben nicht bereits etablierte Pfade wie in den vergangenen Ausstellungen geschah, beschritten habe, sondern indem man, den Vorschlag der Findungskommission aufgegriffen habe, nämlich dieses Mal Zeitgeschehen, Kunst und Kultur aus dem globalen Süden betrachten zu lassen.
Ruanrupa passe in die Zeit, da es Fragen stelle „nach Verteilung, nach Gemeinwohlorientierung, nach Bekämpfung von Klimawandel, und nach Fragen von Zukunft unserer Gesellschaft, eben nicht nur mit dem Blick eines Mitteleuropäers, eines Nordamerikaners, sondern mit dem Blick aus dem globalen Süden, und in der kompletten Vernetzung“, so Geselle und betont: Die Documenta lebt von Beginn an ihrer Geschichte von einer großen künstlerischen Freiheit. Das ist die DNA und Besonderheit unserer Documenta, dass die Freiheit der Kunst hier in Kassel anders als anderswo noch viel intensiver gelebt werden kann und dafür streiten wir, und dafür kämpfen wir.“

Zusatztipp: about: documenta

Übrigens lädt die neue Galerie Kassel zu einer sehr gelungenen documenta-Retrospektive über die Geschichte der documenta von ihrer Gründung durch Arnold Bode bis heute ein: about: documenta

(Diether von  Goddenthow /Rhein-Main.Eurokunst)

Die documenta fifteen in Kassel öffnet für das Publikum am Samstag, 18. Juni. Alle Informationen: https://documenta-fifteen.de/

Hofbuchhandlung Vietor und Buchhandlung Walther König sind Partner im Bereich Buchhandel der documenta fifteen

Über den Haupteingang im ruruHaus, dem Wellcome-Center der Kasseler documenta fifteen gelangt man auch zu den kooperierenden Buchhandlungen Vietor und Walther König. © Foto Diether von Goddenthow
Über den Haupteingang im ruruHaus, dem Wellcome-Center der Kasseler documenta fifteen gelangt man auch zu den kooperierenden Buchhandlungen Vietor und Walther König. © Foto Diether von Goddenthow

­Mit der Hofbuchhandlung Vietor gewinnt die documenta fifteen die traditionsreichste und älteste Buchhandlung Kassels. Sie ist zudem als eine der wenigen in der Stadt noch verbliebenen inhabergeführten Buchhandlungen mehrfach mit Buchhandlungspreisen ausgezeichnet und war bereits im Rahmen der documenta 1 im Jahr 1955 Partner der documenta. In diesem Jahr übernahm sie zum ersten Mal den Katalog- und Bücherverkauf. Seit der Gründung im Jahr 1837 widmet sich die Hofbuchhandlung Vietor den Themen Kassel und Nordhessen. Heute findet sich dort ein breites Buchsortiment – ohne Bestsellerwand. Die Buchhandlung hat sich in den letzten Jahren zu einem kulturellen Treffpunkt entwickelt und ist aus dem Gefüge von Literatur und Kultur nicht mehr weg zu denken. Bücher, Globen, Karten und auch Plakate und Statements zu aktuellen Themen sind dort zu entdecken.

Auf der documenta fifteen präsentiert die Hofbuchhandlung Vietor ihr klassisches Buchhandlungsprogramm, darunter Bücher aus der Region Kassel und jene, die sich der heimischen Küche und Produkten widmen, sowie Titel zu aktuellen Themen der Zeit angelehnt an die Fragestellungen der documenta fifteen. Vietors Portfolio wird sich während der documenta laufend ändern.

Die Buchhandlung Walther König ist eine Verlagsbuchhandlung für Kunst und Kunstwissenschaft, Architektur, Kunstgewerbe, Design, Mode, Fotografie, Film und Kunsttheorie sowie für Ausstellungskataloge mit Sitz in Köln. 2022 ist sie zum zehnten Mal an einer documenta beteiligt. In den 54 Jahren ihres Bestehens sind über das Kölner Stammhaus hinaus weitere Buchhandlungen entstanden. Mehr als 4.000 Titel, darunter zahlreiche Künstlerbücher, wurden verlegt. Dabei zeichnet die Vorgehensweise der Buchhandlung und des Verlages Walther & Franz König aus, vielen jungen und häufig später renommierten Künstler*innen erstmals ein Forum für das Buch als Kunst gegeben und auch später ihre Entwicklungen gefördert zu haben.

Die documenta-Partnerbuchhandlungen Vietor und  Walther König im ruruHaus, dem Wellcome-Center, bieten Publikationen der documenta fifteen, ausgewählte Bücher und Merchandise-Artikel (Books & Goods). © Foto Diether von Goddenthow
Die documenta-Partnerbuchhandlungen Vietor und Walther König im ruruHaus, dem Wellcome-Center, bieten Publikationen der documenta fifteen, ausgewählte Bücher und Merchandise-Artikel (Books & Goods). © Foto Diether von Goddenthow

Auf der documenta fifteen präsentiert die Buchhandlung Walther König eine breite Auswahl an Ausstellungskatalogen und Künstlermonografien, sowie Bücher zu den Themen Fotografie, Kunstgeschichte, Kunstgewerbe, Typographie, Mode und Design. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Titeln der kritischen und ästhetischen Theorie, in denen aktuelle Fragen in der Kunst und Gesellschaft diskutiert werden – alles unter besonderer Berücksichtigung der Themen der documenta fifteen.

Die Hofbuchhandlung Vietor und die Buchhandlung Walther König sind auf der documenta fifteen im Bereich Books & Goods des Welcome Centers im ruruHaus angesiedelt. Beide bieten neben einer kuratierten Auswahl ihrer Sortimente die Publikationen der documenta fifteen an. Ergänzt wird das Buchsortiment durch den lumbung Kios, der ausgewählte Merchandise-Artikel, Kunstpostkarten und Objekte der lumbung member und lumbung-Künstler*innen präsentiert, sowie durch die lumbung Gallery, eine gemeinsam verwaltete, nicht-spekulative und regenerative Galerie.

Ein im Bereich Books & Goods installiertes Regalsystem vom Architekten der documenta Halle Jochem Jourdan steht Pate für die bei der documenta fifteen groß geschriebene Kreislaufwirtschaft u.a. im Bereich der Ausstellungsproduktion: das Recyceln und Wiederverwerten von gebrauchten Materialien. Einst entwickelt für eine Düsseldorfer Buchhandlung, die mittlerweile geschlossen ist, war das Regal zuletzt eingelagert und kommt auf der documenta fifteen erneut zum Einsatz.

Das Welcome Center im ruruHaus hat täglich von 10 bis 20 Uhr geöffnet und befindet sich in der Oberen Königsstraße 43, 34117 Kassel.

ruruHaus der documenta fifteen ist auch Wellcome-Center  © Foto Diether von Goddenthow
ruruHaus der documenta fifteen ist auch Wellcome-Center © Foto Diether von Goddenthow

Besucher erhalten hier umfassende Information zu ihrem Besuch (Info & Service), täglich Einblicke in die Arbeit an der documenta fifteen (Welcome Area), Tickets und Ausstellungsrundgänge (Tickets & Tours), Kaffeespezialitäten und andere gastronomische Angebote (Café) sowie die Publikationen der documenta fifteen, ausgewählte Bücher und Merchandise-Artikel (Books & Goods). Service-Partner im Welcome Center ist die Sparkassen-Finanzgruppe, deren Auszubildende neben Mitarbeitenden der documenta fifteen den Besucher*innen zur Seite stehen und rund um den Ausstellungsbesuch informieren.

Die documenta fifteen in Kassel öffnet für das Publikum am Samstag, 18. Juni. Alle Informationen: https://documenta-fifteen.de/

„Manzil Monde – Nadira Husain“ Sonderausstellung vom 26. 06 bis 2. 10 2022 Institut Mathildenhöhe Darmstadt Künstlerkolonie

manzil-monde-nadira-husainDiesen Sommer hält mit MANZIL MONDE wieder eine zeitgenössische Ausstellung Einzug in die Bildhauerateliers des Museum Künstlerkolonie. Die Künstlerin Nadira Husain präsentiert Arbeiten, die aktuelle Diskurse wie Postmigration, Transkulturalität und Feminismus thematisieren. Neue Werke werden in einer ortsspezifischen Installation auf der Mathildenhöhe Darmstadt erstmals zu sehen sein.

DIE AUSSTELLUNG
Vom 26. Juni bis 2. Oktober 2022 zeigt das Institut Mathildenhöhe Darmstadt die Einzelausstellung MANZIL MONDE von Nadira Husain (*1980 in Paris, Frankreich). Die Künstlerin nimmt die Betrachter*innen mit auf eine visuelle Reise: In ihren Werken verwebt Husain Figuren, Symbole und Ornamente verschiedener Kulturkreise, welche die eigene multikulturelle Erfahrung der Künstlerin reflektieren.

Gleichberechtigt bezieht Husain Malerei, Skulptur, Zeichnung, Druckverfahren und Handwerkstechniken in ihre Werke ein. Dabei überschreitet sie nicht nur die Grenzen des Bildformats, vielmehr greifen ihre Arbeiten in den Raum hinein. In der eigens für die Mathildenhöhe Darmstadt entwickelten Installation arrangiert die Künstlerin hauptsächlich neue Werke, die zuvor noch nicht ausgestellt wurden. Mit Objekten aus unterschiedlichen Materialien – darunter Textil, Keramik und Plastik – richtet Husain bühnenhafte Settings in den Räumen des Museum Künstlerkolonie ein.

Der Ausstellungstitel Manzil Monde führt Bedeutungen von ‚Haus‘ und ‚Welt‘ in den Sprachen Urdu, Arabisch und Französisch zusammen. Er wird zum Leitmotiv der Installation in den historischen Bildhauerateliers im Ernst Ludwig-Haus. Das monumentale Gemälde Migration Pride und die neuen Textilarbeiten Ancestors verbinden sich im oberen Bildhaueratelier zu einem Begegnungsraum für eine generationsübergreifende Gesellschaft von politischer und kultureller Teilhabe. Le monde – die Welt – wird dabei als Zusammenwirken aller Individuen innerhalb von politischen, sozialen und kulturellen Veränderungsprozessen verstanden.

Semitransparente Vorhänge, die das untere Bildhaueratelier gliedern, zeigen Fotografien von privaten Wohnräumen. Illustrationen aus dem indischen Epos Hamzanama legen sich als digitale Collagen wie ein Schleier über die Aufnahmen. Die nachträglich hineinmontierten Kunststoffobjekte finden ihre Entsprechung in Monobloc-Stühlen, die im Ausstellungsraum aufgestellt sind. Fantastic Plastic – die Faszination für die Gebrauchsgegenstände einer globalisierten Welt – steht traditionellen indischen Artefakten gegenüber. In Husains Installation wird das Manzil, das zugleich physisches Haus, temporäres Ziel einer Reise und Heimat meint, zum Sinnbild der Sehnsucht nach Zugehörigkeit einer postmigrantischen Person.

In den neuen Materialcollagen An Elephant in Front of the Window setzt die Künstlerin eine Fülle unterschiedlicher Materialien, Techniken und Formen ein. Applikationen aus Stoffen und malerische Überblendungen lösen Bildhierarchien auf. Digitale Fotomontagen, Illustrationen aus Mogulminiaturen des 16. Jahrhunderts und figürliche Zeichnungen verschmelzen zu einem neuen Ganzen. Husain stellt fest: „Ich verwende die Collagetechnik als Konzept: Es wird sichtbar, was zusammengesetzt ist, und nicht, was ausgeschnitten ist. Ich will nicht defragmentieren. Ich interessiere mich nicht für meine einzelnen Elemente, sondern für das Gesamtbild, das ich geschaffen habe.“

Dr. Sandra Bornemann-Quecke, Stellvertretende Direktorin des Institut Mathildenhöhe Darmstadt und Kuratorin der Ausstellung, hebt hervor: „Nadira Husain lädt die Besucher*innen ein, in ihre komplexen Bildwelten einzutauchen. Der Rundgang durch die Ausstellung wird zu einer Suchbewegung zwischen Orten und Zeiten. Immer wieder öffnen sich Räume für individuelle Assoziationen. Dabei sind wir aufgefordert, unsere eigene Position innerhalb der Gesellschaft kritisch zu befragen.“

In der Sammlungspräsentation Raumkunst – Made in Darmstadt treten Husains Arbeiten in einen spannungsreichen Dialog mit den Werken der Künstlerkolonie Darmstadt. Dr. Philipp Gutbrod, Direktor des Institut Mathildenhöhe Darmstadt, erläutert: „Im Zusammenspiel von bildender und angewandter Kunst verwebt Nadira Husain Einflüsse und Eindrücke aus unterschiedlichen Ländern und schafft hieraus Werke, die zur Reflexion akuter sozialpolitischer und interkultureller Themen einladen. Husain gibt wesentlichen Themen ihrer Zeit eine Plattform und steht somit in Einklang mit der Geschichte der Mathildenhöhe Darmstadt als Denk- und Versuchswerkstatt der frühen Moderne.“

Neben einem zweisprachigen Katalog (dt./eng.) wird die Ausstellung von einem abwechslungsreichen Rahmenprogramm sowie mehrsprachigen Vermittlungsmedien begleitet (dt./eng./türk.). In einer Broschüre für Kinder ab 10 Jahren werden die künstlerische Praxis von Nadira Husain und gesellschaftliche Zusammenhänge spielerisch vermittelt.

KATALOG
Manzil Monde – Nadira Husain, hrsg. von Philipp Gutbrod, Sandra Bornemann-Quecke, 136 Seiten, 30 €, DCV Verlag, Berlin, August 2022

DIE KÜNSTLERIN
Nadira Husain (*1980 in Paris, Frankreich) lebt und arbeitet in Berlin, Paris und Hyderabad. Nach ihrem Abschluss an der École nationale supérieure des beaux-arts (ENSBA) in Paris 2006 wurde sie regelmäßig zu Einzel- und Gruppenausstellungen eingeladen. Dazu zählen unter anderem die Präsentationen im Heidelberger Kunstverein (2020), Museion Bozen (2019), KAI 10, Arthena Foundation in Düsseldorf (2019), Villa du Parc, Centre d’art contemporain in Annemasse (2018), Jewish Museum in New York (2015), Künstlerhaus Bremen (2014) und in den KW Institute for Contemporary Art in Berlin (2013). Seit 2010 stellt sie bei PSM, Berlin, aus. Nadira Husain engagiert sich auch in antirassistischen Kunstgruppen und Projekten. Sie ist Teil des *foundationClass*collective, das an der documenta 15 teilnimmt.

2018 erhielt sie den WERK.STOFF Preis für Malerei der Andreas Felger Kulturstiftung und des Heidelberger Kunstvereins.

Nadira Husain ist seit 2021 Gastprofessorin an der Universität der Künste in Berlin und seit 2017 auch Dozentin der *foundationClass an der Kunsthochschule Weißensee in Berlin.

Institut Mathildenhöhe Darmstadt
Olbrichweg 15
64287 Darmstadt

Kelten in Hessen? – Sonderausstellung vom 15. 06 – 30.10 2022 im Archäologischen Museum Frankfurt

logo-kelten-in-hessenWarum sprechen heute Archäologinnen und Archäologen von »Kelten in Hessen«, obwohl es in den antiken Schriftquellen der Griechen und Römer keinerlei direkte Belege für Kelten, Gallier oder Galater im Gebiet des heutigen Hessen gibt? Vielmehr sind es die »germanischen« Chatten, die als erste in den antiken Schriftquellen erwähnt werden und von Historikern lange Zeit als die ältesten namentlich bekannten Einwohner Hessens angesehen wurden.
Welchen Beitrag leistet(e) die Archäologie also für den Nachweis von Kelten in Hessen?
Inwiefern steht ein aus Friedrichsdorf bei Frankfurt stammender Hugenotte ganz am Anfang der keltischen Archäologie Europas im 19. Jahrhundert?
Wieso besitzen die Grabhügel im Frankfurter und Offenbacher Stadtwald und die Ringwälle im Taunus für die Archäologie der Kelten/Gallier überregionale, geradezu europäische Bedeutung?
Auskunft auf diese und andere Fragen finden Sie in der Sonderausstellung im Archäologischen Museum Frankfurt.

Archäologisches Museum Frankfurt
Karmelitergasse 1
60311 Frankfurt am Main
Telefon 069 212-35896
Fax 069 212-30700
info.archaeolmus@stadt-frankfurt.de

Öffnungszeiten
Mittwoch 10:00 – 20:00 Uhr
Donnerstag – Sonntag
10:00 – 18:00 Uhr
Montag und Dienstag
geschlossen

Open Air-Konzertreihe „Kultur verbindet – Mainz live“ ab 17.06.2022

Angelo Kelly & Family. © mainzplus Citymanagement
Angelo Kelly & Family. © mainzplus Citymanagement

Die Open Air-Konzertreihe „Kultur verbindet – Mainz live!“ startet am 17.6.22 mit dem Kultautor Marc-Uwe Kling auf der Zitadelle. Besucher:innen dürfen sich wieder auf ein abwechslungsreiches Programm, gepaart mit kulinarischen Genüssen, freuen.Zum 3. Mal findet „Kultur verbindet“ statt. Dieses Jahr hat die Veranstaltungsreihe wieder internationale Top Acts wie den kolumbianischen Sänger Juanes mit seinem einzigen Deutschlandkonzert oder Angelo Kelly & Family an Bord. Aber auch nationale Künstler wie Klaus Lage, die Symphonic Rock Night oder die Stadtschreiberlesung mit Dörte Hansen wissen zu begeistern.[/caption]

„‚Kultur verbindet‘ ist eine ganz besondere Kulturreihe, die wir mitten in der Pandemie geschaffen haben. Die Konzertbesucher:innen schätzen die Atmosphäre und das Ambiente bei den Events und wir sind alle sehr glücklich, nach der Pandemie endlich wieder Livekonzerte erleben zu dürfen und viele unterschiedliche Menschen mit Musik und Kultur erreichen zu können. Wir freuen uns auf Konzertgäste aus Nah & Fern, die für die gesamte Stadt wichtig sind.“, so Marianne Grosse, Kulturdezernentin der Landeshauptstadt Mainz.

Mit der Veranstaltungsreihe „Kultur verbindet – Mainz live! wird den Besucher:innen zum dritten Mal in Folge eine große Bandbreite an kultureller Vielfalt geboten. „Mit knapp 17.000 Besucher:innen im Jahr 2021 hat es sich gezeigt, dass der Wunsch nach kulturellen Open Air-Veranstaltungen da ist. Diesem kommen wir sehr gerne mit „Kultur verbindet – Mainz live“, „Summer in the City“ und den Mainzer KulturGärten im Schloss und KUZ nach“, so Katja Mailahn und Marc André Glöckner, Geschäftsführer der mainzplus CITYMARKETING GmbH.

Am 17. Juni startet die Reihe mit „Marc-Uwe liest vor“. Der Kabarettist und Autor Marc-Uwe Kling „liest einfach alles vor, was er in der Zwischenzeit so geschrieben hat“ und begeistert mit Auszügen aus seinen Bestsellern „Die Känguru-Chroniken“ oder „QualityLand 2.0“. Wer kennt es nicht… das Dschungelbuch! Die Musiker Martin Auer und Rüdiger Ruppert schufen aus dem Stoff für die Deutsche Oper Berlin ein Erzählkonzert mit Christian Brückner als Sprecher und mit neuen Kompositionen für das elfköpfige multi-instrumentale Wilde Jazz-Orchester, das am 18.6.22 auf der Zitadelle groß und klein verzaubert.

Am 2. Juli trifft Mainzer Lebenslust auf irisches Lebensgefühl. „Angelo Kelly & Familie“ begeistern mit Songs vom ihrem Erfolgsalbum „Irish Heart“ Jung und Alt, wenn sie dem Publikum musikalisch „ihr“ Irland präsentieren. Weiter geht es mit einem absoluten Highlight: Der kolumbianische Sänger, Songwriter und Gitarrist Juanes bringt am 4. Juli bei seinem einzigen Deutschland-Konzert geballte gute Laune nach Mainz.

Am 7. Juli feiert das britisch-kanadische Quartett „Cutting Crew“ mit den Mainzer:innen das 35. Bandjubiläum. Am 08.7. erzählt der SWR1 bei seiner Sommer-Edition „SWR1 Hits und Storys“ die Geschichten hinter berühmten Popsongs. Literarisch hingegen geht es weiter am 13. Juli: Dörte Hansen erzählt bei der „Stadtschreiberlesung“ von Herkunft und Heimat, von der romantischen Sehnsucht der Städter nach dem Land und der Wirklichkeit in den Dörfern im Angesicht voranschreitender Veränderungen. Der Eintritt ist kostenlos, Tickets werden benötigt.

Gerockt wird am 14. Juli: Fünf Jahre nach der legendären Domplatzpremiere in Mainz und im dreißigsten Bandjahr gibt Jammin´ Cool auf der Mainzer Zitadelle ein komplett deutsches Repertoire im beliebten Cross-Over-Konzertformat zum Besten. Klaus Lage präsentiert am 25. Juli – zusammen mit seinem langjährigen Bandmitglied und Freund Bo Heart – seine Songs in ungewohntem Gewand. Er singt Lieder aus seiner über 40 Jahre andauernden Karriere bis hin zu Stücken vom aktuellen Album, das das Duo zurzeit aufnimmt. Am 7.9. beenden „The Big Big Train“ die Veranstaltungsreihe mit einer einzigartigen Mischung aus Rock, feinem Pop und elektronischen Interventionen.

Aber nicht nur die großen Acts begeistern das Mainzer Publikum. In den KulturGärten im Schloss und im KUZ wird den Besucher:innen ebenfalls ein breites Spektrum an Unterhaltung geboten. Die Affirmative, Mainz größtes Improtheater, strapaziert beispielsweise regelmäßig die Lachmuskeln der Besucher:innen im Schloss. „KUZ Unplugged“ hingegen bietet Nachwuchskünstler:innen im KUZ erstmals eine Plattform, um sich, oft erstmals, einem Publikum zu präsentieren.

„Der Vorverkauf läuft bei allen Veranstaltungsreihen sehr gut und mein Team und ich freuen uns gemeinsam mit den Besucher:innen auf eine abwechslungsreiche und spannende Open Air Saison 2022.“, so Verena Campailla-Heinz, Bereichsleiterin Kultur bei mainzplus CITYMARKETING.

Für die Organisation der Konzertreihe ist die mainzplus CITYMARKETING GmbH in Zusammenarbeit mit dem Kulturdezernat des Landeshauptstadt Mainz verantwortlich.

Alle Informationen zur Open Air-Konzertreihe „Kultur verbindet – Mainz live!“ gibt es unter www.frankfurter-hof-mainz.de.

Das gesamte „Summer in the City“ Programm:
25.6. Moses Pelham (Zitadelle)
1.7. LaBrassBanda (Zitadelle)
15.7. Hubert von Goisern (Zitadelle)
17.7. Sarah Connor (Volkspark), ausgebucht
19.7. Deep Purple (Volkspark)
22.7. SEEED (Volkspark), ausgebucht
24.7. Sting (Volkspark)
24.7. Opernnacht am Dom (Domplatz)
30.7. Wincent Weiss (Volkspark)

Weitere Informationen finden Sie hier: https://www.summerinthecity-mainz.de/

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