Kategorie-Archiv: Rathaus Mainz

Mainzer Stadtschreiber 2020 Eugen Ruge publiziert nach Corona-Absage seiner öffentlichen Antritts-Lesung weniger „ansteckend“ per PDF

Aufgrund der Corona-Pandemie und der dadurch bedingten Einschränkungen konnte der Festakt zur Amtseinführung des Mainzer Stadtschreibers 2020, Eugen Ruge, am 13. März nur in verkleinerter Form und nicht-öffentlich stattfinden.

Auch die traditionelle Antrittslesung, die für den 19. März vorgesehen war, musste abgesagt werden. In Absprache mit Eugen Ruge wird die Antrittslesung in den kommenden Monaten nachgeholt. Dennoch war es Eugen Ruge ein persönliches Anliegen, sich als neuer Stadtschreiber an die Mainzerinnen und Mainzer zu wenden.

Eugen Ruge statt einer öffentlichen Antrittsrede

„Normalerweise hält man als Mainzer Stadtschreiber bei der Verleihung der Ehrenurkunde eine Rede. Leider ist die Verleihung ausgefallen, genauer gesagt, sie wurde kurzfristig auf eine gemütliche Runde geschrumpft. Die Rede, die ich eigentlich halten wollte, schien auf einmal unpassend. Eigentlich wollte ich über die Gleichstellung der Mainzelweibchen sprechen, ein wichtiges Thema, das uns bis kurzem noch alle heftig bewegt hat, nun aber mit einem Schlag durch ein anderes ausgelöscht worden ist. Da nun eine „normale“ Preisverleihung nicht in Sicht scheint, habe ich mich entschlossen, mich mal schriftlich zu melden, das ist weniger ansteckend. Und natürlich möchte ich reden über – Corona.

Lieber Mainzer und Innen, Corona ist eine ernste Sache. Ich hoffe, Sie kennen den neuesten Witz dazu. Es gab ihn im französischen Youtube: Ein niesender und schnupfender Italiener, der einen Pizzateig walkt und walkt, und heraus kommt – die PIZZA CORONA! Angeblich sollen die Italiener für diese französische Gemeinheit den Botschafter einbestellt haben. Bricht der Völkerhass wieder aus? Bringt Corona den Europäischen Glauben
ins Wanken? Steht etwa die Globalisierung zur Debatte? Die ganz Mutigen haben dagegen schon ihre Stimme erhoben. Habe ich im Fernsehen gesehen. Globalisierung ist toll! Globalisierung ist gut für Deutschland! Das finde ich auch. Allerdings nicht für alle Deutschen. Also ungefähr für die Hälfte.
Nein, ich habe jetzt keine Lust, Zahlen aus den Statistiken der Bundesministerien rauszusuchen. Zahlen überzeugen sowie niemanden. Was bedeutet das schon: Jeder vierte Arbeitnehmer im reichen Deutschland arbeitet im Niedriglohnbereich. Was sagen Begriffe wie Scheinselbstständigkeit oder Outsourcing. Aber Corona macht auf einmal einiges sichtbar. Mit Corona sieht man besser. Wenn man genau hinschaut. Und hinhört.

Gestern hörte ich beispielsweise im Deutschlandfunk den freundlichen Vorschlag, dass vielleicht dieser oder jener Vermieter
einem Scheinselbstständigen, Outgesourcten oder sonstwie Angeschmierten, die es in unserer Gesellschaft seit Corona auf einmal massenhaft gibt, und die auf einmal ihre Miete nicht mehr bezahlen können, mal für eine Weile die Miete erlassen könnte. Das ist doch nett! Eine gute Idee gegen Mietwucher. Oder
Scheinselbstständigkeit. Oder Outsourcing. Oder Niedriglohn. Und was machen eigentlich diejenigen, oft Osteuropäer oder Migranten, denen wir ja vielleicht durch unseren Hühnerfleischexport die Lebensgrundlage in ihrer Heimat genommen haben, und die nun in halblegalen Verhältnissen auf Baustellen oder Feldern schuften? Und die keine 5000 Euro Überbrückungsgeld kriegen werden? Oder ist das in Mainz alles ganz anders? Anders als in Berlin? Ich war, offen gestanden, vor dem Preis erst ein einziges Mal in Mainz. Das war knapp vor der Wende, ich war abgehauen und konnte es nicht fassen, dass es so viele Kneipen auf einem Haufen gibt. Damals war ich echt voll für den Kapitalismus. Aber ehrlich gesagt, damals war der Kapitalismus auch anders. Irgendwie netter. Und die Züge waren damals auch pünktlich. Hab ich gestaunt! Und die Leute haben allen Ernstes schon von der 35-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich phantasiert. Das ist ja nun wohl vom Tisch, heute arbeitet jeder soviel er will, und irgendwie wollen alle. Hat das vielleicht mit Globalisierung zu tun?

Mit Corona sieht man besser: Die Top-Nachricht über Trump: Dass er CureVac kaufen wollte, um den Impfstoff exklusiv für Amerika zu nutzen. Haben wir gern geglaubt, denn das passt natürlich zum Trumpel. Skandal! Leider eine Fake-News. Aber skandalös ist sie trotzdem: Wir leben in einer Welt, in der das zumindest möglich wäre, denn sonst hätten es der Deutschlandfunk oder die WELT wohl kaum geglaubt. Man kann Gesundheit kaufen! Gesundheit ist
eine Ware. Unser Gesundheitssystem, sieh mal an, ist nach kapitalistischen Grundsätzen organisiert. Mit Corona sieht man besser: Es mangelt an Pflegekräften in Deutschland. Es ist nett, dass Gesundheitsminister ein Dankeschön für die Kämpfer an der Coronafront übrig hat. Aber vielleicht wäre
Corona ja mal ein Anlass, unser Gesundheitssystem zu überdenken? Ein Drittel aller Geburtskliniken in Deutschland wurden in den letzten 30 Jahren geschlossen, weil Geburt sich nicht rechnet. Diabetikern werden Gliedmaßen amputiert, weil der Versuch der Wundpflege zu langwierig ist, um Gewinn zu bringen. Das alles bemerkt man vielleicht nicht, wenn privatversichert ist und zu der Hälfte gehört, die von der Globalisierung profitiert. Genauer gesagt, zu dem Bruchteil der Weltbevölkerung.

Mit Corona sieht man besser: Aus Wuhan, höre ich, kommen täglich 20.000 Container mit Waren und Komponenten nach Deutschland. Nein, ich habe die Zahl nicht geprüft, es reicht, zu hören, dass in Deutschland Betriebe stillstehen, weil Zulieferteile aus aller Welt fehlen. Oder dass Felder nicht abgeerntet werden können, weil rumänische Arbeiter nicht die Grenze passieren dürfen. Beruht unser Wohlergehen in Deutschland vielleicht auch darauf, dass eine Näherin in Äthiopien 1,50 Dollar am Tag verdient? Dass in Bangladesch die Fabriken zusammenkrachen? Dass in China die Flüsse von Chemikalien verseucht werden? Ist das wirklich die Art Globalisierung, die wir wollen? Wir vergießen Krokodilstränen über das Klima, während wir zugleich täglich Millionen Tonnen Waren durch die Welt bewegen. Es geht nicht anders, höre ich von Experten. Die Lieferketten, der Freihandel. Das ist nun einmal da, das kann man nicht rückgängig machen. Zu schweigen von den Milliarden Geschäftsreisenden. Zu schweigen vom Massentourismus, dessen einziger Effekt es ist, auch den letzten schönen Ort dieser Welt dadurch unerträglich zu machen; dass buchstäblich jeder ohne die geringste Anstrengung an fast jedes beliebige Ziel gelangt. (Ich mache mich gerade unbeliebt, ich weiß).

Seit Jahrzehnten ist klar, dass die Ressourcen der Erde endlich sind, dass ewiges Wachstum eine Illusion ist. Wachstum heißt: Jedes Jahr mehr mehr produzieren als im vorherigen Jahr. Wachstum ist exponentiell. Und was exponentiell heißt, kann man gerade bei Corona lernen. Corona strebt etwas schneller empor, allerdings strebt sie auch bald einer Sättigung entgegen. Corona wird voraussichtlich 0,3% der Infizierten töten, drei von Tausend, und gewiss ist jeder einzelne Verlust ist schlimm. Aber der Zwang zum Wachstum tötet schon jetzt und wird vielleicht schon bald die Lebensgrundlagen der Menschheit zerstören – falls wir nicht, und danach sieht es nicht aus, ziemlich sofort und weltweit grünen Strom tanken und unsere Solarzellen aus umweltfreundlicher Baumrinde herstellen. Und wozu das alles?

Mit Corona sieht man besser. Der wirtschaftliche Shut-Down ist nicht lange durchhaltbar. Und ich will auch nicht behaupten, dass es erstrebenswert sei, nichts zu tun, selbst wenn man dafür bezahlt wird. Aber mal anhalten, durchatmen, mal zur Ruhe kommen, sich, wie man so schön sagt, besinnen – und mal darüber nachdenken, was uns eigentlich gut tut; was die tägliche Hetzjagd eigentlich mit uns macht. Verlangsamung ist lebensrettend, sagen die Virologen.
Das sage ich auch.

Bleiben Sie gesund. Lesen Sie was Schönes. Und räumen Sie
endlich mal auf! Ich freue mich auf meine Antrittslesung in Mainz,
wenn das alles vorbei ist. Vorbei und vergessen? Hoffentlich nicht.“

Corona: Landeshauptstadt Mainz beschließt Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung gegen Coronavirus-Infektionen

© Foto: Diether v Goddenthow
© Foto: Diether v Goddenthow

(gl) Veranstaltungen mit mehr als 1.000 anwesenden Personen werden bis einschließlich 13. April 2020 untersagt.

Der Verwaltungsstab der Landeshauptstadt Mainz hat heute gemeinsam mit dem Leiter des zuständigen Gesundheitsamts Mainz-Bingen getagt und Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung gegen Coronavirus-Infektionen beschlossen.

Veranstaltungen mit zahlreichen Teilnehmerinnen und Teilnehmern können zu einer schnelleren Verbreitung des Virus beitragen, da eine Übertragung auf viele Personen möglich ist. Mit dem Ziel, eine weitere Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, folgt die Landeshauptstadt Mainz den Empfehlungen des Bundesministeriums für Gesundheit sowie den Empfehlungen der rheinland-pfälzischen Landesregierung und untersagt bis einschließlich 13. April 2020 (Ostermontag) Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Personen sowohl unter freiem Himmel, als auch in geschlossenen Räumlichkeiten. Betroffen davon sind unter anderem das Marktfrühstück, der Mainzer Rhein-Frühling, der Weinmarathon und Heimspiele des 1. FSV Mainz 05 (die jedoch ohne Zuschauerinnen und Zuschauer durchgeführt werden können). Die Veranstaltungen können, wie bereits die Rheinland-Pfalz-Ausstellung, auch erst einmal verschoben werden.

Darüber hinaus gilt für Veranstaltungen mit mehr als voraussichtlich 500 anwesenden Personen eine Anzeige- und Meldepflicht beim Ordnungsamt der Landeshauptstadt Mainz. Dort wird in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt eine Risikoabschätzung vorgenommen und entschieden, ob die jeweilige Veranstaltung stattfinden kann oder nicht.

Auf Grundlage des Infektionsschutzgesetzes erlässt die Landeshauptstadt Mainz für die genannten Maßnahmen eine entsprechende Allgemeinverfügung, die heute veröffentlicht wird und gemäß § 41 IV VwVfG zum 12. März 2020 in Kraft tritt.

Der Verwaltungsstab hat darüber hinaus beschlossen, dass das Gutenberg-Museum aufgrund der hohen Besucherzahlen, meist aus dem Ausland, ebenfalls bis einschließlich 13. April 2020 geschlossen bleiben wird. Die Verleihung des Stadtschreiberpreises (13. März 2020) und die Ehrung der Sportler für das Jahr 2019 (7. April 2020) wurden auch abgesagt und werden möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt.

Der Verwaltungsstab der Landeshauptstadt Mainz wird die weitere Entwicklung bei der Ausbreitung der Coronavirus-Infektionen kontinuierlich beobachten und die beschlossenen Maßnahmen entsprechend anpassen. Der Verwaltungsstab wird dazu in engen zeitlichen Abständen zusammentreten.

Kein „regelrechter Heimatschriftsteller“ – Zum Tode von Ror Wolf

(rap) Nach mehr als 30 Umzügen landete er im Jahre 1990 schließlich in Mainz. Und doch sah er sich selbst nie als „regelrechten Heimatschriftsteller“. 1997, in seiner Dankesrede zur Vergabe des rheinland-pfälzischen Kunstpreises, sagte Ror Wolf: „Ein regelrechter Heimatschriftsteller bin ich nicht gerade. Ich kann auch anderswo schreiben. Ich kann an jedem denkbaren Platz der bewohnten Welt schreiben. Ich habe zwei Jahre im 13. Stock eines Gonsenheimer Hochhauses geschrieben, und Sie dürfen sicher sein, dass fast alles, was damals im 13. Stock eines Gonsenheimer Hochhauses zu hören war, in meinen Büchern steht. Ich habe außerordentliche Erfahrungen gemacht mit den Geräuschen, die man natürlich nicht nur in Gonsenheim hört, sondern in sämtlichen Hochhäusern der Welt. Das ist nichts Heimatspezifisches.“

Und doch, Mainz, seine letzte Wahlheimat und das rheinhessische Umland, müssen ihn tief geprägt haben: „… So ging ich weiter nach Olm, unter der ungeheuren Wolkenverwüstung hinweg, über dicke Geschwülste auf diesen randlosen Wegen, aus denen meterlang bleich aus der Tiefe die Olme krochen, durch diesen wurmweichen, sturmreichen Wald. Ein nahezu schaumiger Himmel, eine struppig behaarte Landschaft, eine ich glaube fauchende Landschaft; …“ (Aus: Im mondlosen Olm. Wortbrüche.)

Ror Wolf wurde 1932 als Richard Georg Wolf in Saalfeld/Thüringen geboren. Nach seinem Weggang aus der DDR, wo man ihm die Aufnahme eines Studiums verweigert hatte, nahm er an der Universität in Frankfurt am Main das Studium der Literatur, Soziologie sowie Philosophie auf. Rasch begann er, in der Studentenzeitung Diskus Prosa, Lyrik und Bildcollagen, aber auch Literatur-, Theater- und Jazz-Kritiken zu publizieren. Wolf wurde Feuilletonredakteur beim Diskus – und später Literaturredakteur beim Hessischen Rundfunk. Seit 1963 war er freier Schriftsteller.

Wolfs literarisches Schaffen war eine spielerische, doch abgründige Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, die bei ihm nur als hochmelodiöser Wortraum existiert. Dennoch sind seine Bücher, die die Grenzen traditioneller Erzählmuster souverän in Frage stellen, nicht lediglich Sprachspiele ohne Realitätsbezug. Auf wie viel Wirklichkeit sich Wolf einließ, zeigen seine populären Fußballbücher und die dazugehörenden Radio-Collagen sehr deutlich. Auch mit seinen Hörspielen war er höchst erfolgreich: „Leben und Tod des Kornettisten Bix Beiderbecke aus Nordamerika“ wurde 1988 mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet und gilt als eines der erfolgreichsten deutschen Hörspiele. Das Werk von Ror Wolf wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, darunter der Georg-K.-Glaser-Preis des Landes Rheinland-Pfalz und des SWR 2014.

Marianne Grosse, Kulturdezernentin der Landeshauptstadt Mainz, sagte zum Tod von Ror Wolf: „Ein sprachmächtiger Literat und Lyriker hat Mainz verlassen. Wir verlieren mit Ror Wolf einen Autor, der von sich selbst sagte, zwar kein Mainzer Autor zu sein, aber ein in Mainz lebender Autor, der gern in Mainz lebt. Und dies spürt man in seinen Schriften. Sein großartiges Werk, in dem auch Mainz, Rheinhessen und unsere Lebensart ihren Niederschlag fanden, wird in Mainz noch lange nachhallen.“

Hinweis
Die Wissenschaftliche Stadtbibliothek Mainz (Rheinallee 3 B) hat zum Gedenken an Ror Wolf einen Büchertisch eingerichtet, der ab sofort bis zum 13. März 2020 entleihbare Werke von Ror Wolf präsentiert.

Neuer Mainzer Stadtschreiber – Eugen Ruge ist der 36. Träger des Literaturpreises von ZDF, 3sat und der Stadt Mainz

© ZDF
© ZDF

(rap) Eugen Ruge wird der Mainzer Stadtschreiber des Jahres 2020. Der prominente Autor, 1954 in Soswa (Ural) geboren und in der DDR aufgewachsen, ist der 36. Träger des von ZDF, 3sat und der Stadt Mainz vergebenen renommierten Literaturpreises. Gemeinsam mit dem ZDF wird der Schriftsteller, wie seine Vorgängerin Eva Menasse, eine Dokumentation nach freier Themenwahl produzieren und zeitweilig die Stadtschreiberwohnung im Mainzer Gutenberg-Museum beziehen. Die Verleihung des mit 12.500 Euro dotierten Preises ist für Anfang März 2020 geplant.

Die Jury: „Bei Eugen Ruge wird aus Biografie große Literatur. Mit Empathie für seine oft widersprüchlichen Figuren, die der Zeitgeschichte ausgesetzt sind, erzählt Ruge von Loyalität und Verrat in Zeiten der Diktatur. Er ist er ein Meister im Schildern von Familienbeziehungen und Lebensentwürfen, geschrieben in einer klaren Sprache mit souveränem Gespür für Dialoge, Tempo und Pointe.“

Eugen Ruge wurde in der Sowjetunion geboren und wuchs in Ost-Berlin als Sohn des bekannten DDR-Historikers Wolfgang Ruge auf. Der diplomierte Mathematiker, der zunächst als Wissenschaftler in der Erdbebenforschung arbeitete und 1988 in die Bundesrepublik ausreiste, begann seine schriftstellerische Laufbahn mit Theaterstücken und Hörspielen. Für seinen Debütroman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, den die Kritikerin Iris Radisch als „DDR-Buddenbrook-Roman“ lobte, wurde er 2011 mit dem aspekte-Literaturpreis und dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.
2017 wurde der Roman, der zum Bestsellererfolg wurde, mit Bruno Ganz in seiner letzten Rolle verfilmt. Zuletzt erschienen die Bände „Theaterstücke“ und „Annäherung“ sowie die Romane „Cabo de Gata“ und „Follower“. 2019 veröffentlichte Ruge seinen Roman „Metropol“, mit dem er erneut die Geschichte seiner Familie aufgreift, dieses Mal im kommunistischen Moskauer Exil der 1930er Jahre.

Kulturdezernentin Marianne Grosse ist begeistert von der Auswahl des Buchpreisträgers 2011: „Eugen Ruge hat erst spät im Alter von 57 Jahren mit dem Schreiben von Romanen begonnen – welch ein Glücksfall! Die Leserschaft ist dankbar über diesen Entschluss, denn Ruges Art des Erzählens hat eine ganz eigene, feine und fesselnde Handschrift. Seine Erzählungen fließen in einem ruhigen Ton – und fassen den Lesenden mit ihren kleinen Nebensträngen und Betrachtungen immer wieder an. Ich bin sehr glücklich, dass die Stadt Mainz mit Eugen Ruge einen wahrlich herausragenden Literaten mit dem Stadtschreiber-Preis ehren darf.“

Ruge, der sich auch mit Bühnenstücken, Hörspielen und als Übersetzer von Anton Tschechows Dramen einen Namen machte, lebt in Berlin und auf Rügen. Neben dem aspekte-Literaturpreis und dem Deutschen Buchpreis (beide 2011) erhielt er u.a. 2009 den Alfred-Döblin-Preis.

Diether von Isenburg-Flügel des Mainzer Schlosses erstrahlt im Neuen Glanz

Der Diether von Isenburg-Flügel des Kurfürstlichen Schlosses präsentiert sich nun in neuem Glanz.©  Foto: Diether v Goddenthow
Der Diether von Isenburg-Flügel des Kurfürstlichen Schlosses präsentiert sich nun in neuem Glanz.© Foto: Diether v Goddenthow

Mit einem Empfang und einer Weinprobe am Montag, 19. August 2019, im Gewölbesaal des Kurfürstlichen Schlosses feierten Oberbürgermeister Michael Ebling gemeinsam mit Bau- und Kulturdezernentin Marianne Grosse und Erika Friderichs, der langjährigen Leiterin des Denk!Mal Netzwerkes (MDN), die Fertigstellung des umfänglich sanierten Diether von Isenburg-Flügels des Kurfürstlichen Schlosses. Das Mainzer Denk!Mal Netzwerk setzt sich seit 15 Jahren für den Erhalt der Mainzer Baudenkmäler ein. So konnten die Fassade des Hauses „Zum Römischen Kaiser“, sechs Rheintore und auch die gesamte Fassade des Isenburg-Flügels des Kurfürstlichen Schlosses nur dank dieser großen Unterstützung und damit weiterer gewonnener Förderungen restauriert werden. Bei diesem Anlass übergab Erika Friderichs nach nun 15 Jahren unermüdlichen und erfolgreichen denkmalpflegerischen Engagement ihre Leitungsfunktion an Peter Krawietz. Der Oberbürgermeister ehrte sie mit einer besonderen Urkunde ihrer Heimatstadt Mainz. Zu den Gratulanten zählte auch Finanzministerin Doris Ahnen unter anderem mit den Worten: „Sie haben sich im besten Sinne des Wortes um das Allgemeinwohl verdient gemacht!“.

Oberbürgermeister Michael Ebling überreicht Erika Friderichs, langjährige Leiterin des Denk!Mal Netzwerk, eine Dankesurkunde für ihr großartiges Engagement als einen Wertscheck für einen weiteren Baustein für das Kurfürstliches Schloss..  ©  Foto: Diether v Goddenthow
Oberbürgermeister Michael Ebling überreicht Erika Friderichs, langjährige Leiterin des Denk!Mal Netzwerk, eine Dankesurkunde für ihr großartiges Engagement als einen Wertscheck für einen weiteren Baustein für das Kurfürstliches Schloss.. © Foto: Diether v Goddenthow

Zuvor hatten Interessenten die Möglichkeit die Sanierungsarbeiten des Isenburg-Flügels mit fachkundiger Erläuterung des Architekten Franz Kurz in Augenschein zu nehmen. Sein Anliegen, nämlich den Mainzern das Schloss wieder so zu übergeben, wie es ursprünglich mal gebaut und gestaltet war und wie es der große Kunsthistoriker Georg Dehio (1850–1932) beschrieben hatte, ist Franz Kurz vollends gelungen. Nachdem das Mainzer Schloss 1942 im Bomenhagel bis auf die Außenmauern und ein paar wenige überwölbte Räume untergegangen und nach dem Krieg seit 1948 trotz der großen Materialknappheit, die damals geherrscht hatte, wieder aufgebaut worden war, wurde nunmehr doch eine größere Sanierung notwendig. „Man hatte damals auch nicht diese Mörtel, die wir zur Sanierung wieder haben, so dass eben die Schäden, die wir ausbessern mussten, nicht nur Schäden waren, die noch kriegsbedingt vorhanden waren, sondern auch erste Sanierungen betrafen, die eben nicht mehr brauchbar waren“, begründete Kurz den notwendigen Umfang der Maßnahmen, die insgesamt 4,3 Millionen Euro kosteten. 703 000 Euro davon kamen von der Stadt und zwar aus Bauunterhaltungsmitteln der GWM. Weitere 704 000 Euro stammten aus dem Denkmalpflege-Programm des Bundes sowie 543 000 Euro vom Land. 2,34 Millionen Euro haben das Mainzer Denkmalnetzwerk und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz zugestiftet.

Architekt Franz Kurz erläutert fachkundig die zurückliegenden umfangreichen Sanierungsarbeiten. ©  Foto: Diether v Goddenthow
Architekt Franz Kurz erläutert fachkundig die zurückliegenden umfangreichen Sanierungsarbeiten. © Foto: Diether v Goddenthow

Der Aufwand hat sich gelohnt, denn mit Sicherheit könne man sagen, dass das Schloss bei seiner Fertigstellung 1752 in diesem Farbton genauso ausgesehen hat wie jetzt nach den Sanierungsarbeiten, so Architekt Franz Kurz. Man habe handflächengroße Reste der Originalfarbe im Innenhofbereich gefunden und nach Vorgabe des Landesdenkmalamtes den Farbton in einer Mineralfarbe nachgemischt. Diese silikatische, nur aus Pigmenten und aus Kaliwasserglas bestehende Farbe bilde keinen Film wie eine Dispersionsfarbe, sondern verkiesele mit dem Untergrund- Sie halte eins, zwei Generationen, müsse jedoch, abhängig von Umwelteinflüssen wohl nach 30 Jahren nachgearbeitet werden, so der Architekt.

Entschieden länger, etwa 80 bis 90 Jahre, halten die Arbeiten an der Fassade, die Steinsanierungen, bevor man da wieder etwas tun müsse. Die Steinsanierung habe sich im Wesentlichen darauf bezogen, „dass wir mürbe Steine ganz ausgebaut haben, und durch Neuteile ersetzt haben. Kleinere Schäden wurden ausgearbeitet, und da wurden sogenannte Vierungen eingesetzt, also nur Teilstücke des Steines ergänzt, und kleine etwa bis handtellergroße vorhandene Schäden wurden durch Antragmörtel repariert“, erklärt Kurz. Es gebe zahlreiche Neuteile, Vierungen und Antragungen, die jedoch so perfekt eingearbeitet wurden, dass sie als solche nicht identifizierbar wären.

Probleme haben die Balkone bereitet. Da aus statischen Gründen Risse in den tragenden Konsolen nicht geklammert werden konnten, habe man in die beiden äußeren Masken eine Kernbohrung durch die Konsole und Außenwand mit einem Durchmesser von 8 cm durchgeführt. Hierdurch habe man dann einen 22 Millimeter starken Spannstahl durchgeschoben und diesen von beiden Seiten mit Hilfe von jeweiligen Konterplatten und Muttern gekontert und somit eine Konstruktion geschaffen „wie bei Spannbeton. Und dann haben wir die ausgebohrten Bohrkerne wieder aufgesetzt und das Ganze überarbeitet, und kein Mensch sieht, was wir da gemacht haben“, ist Kurz sichtlich stolz auf diese gelungene Arbeit.

Bei der Gestaltung der Fenster waren sich Kurz und das Denkmalamt sicher, dass diese einst original natursichtig waren und keine weiße Rahmen hatten wie die auf der Rheinseite. Denn zur Bauzeit des Schlosses war die aus Frankreich kommende Mode, Fenster weiß zu streichen, noch nicht bis Mainz vorgedrungen. Zudem gab es historische Schloss-Abbildungen, auf denen man keine weißen Fenster erkennen konnte.

Auf eine Besonderheit weist Kurz noch in seiner Architekturkritik hin: „als 1752 hier das Objekt fertiggestellt wurde, war ja in Mainz schon lange der Barock zuhause“, erläutert er, und nennt als Beispiele das „Deutschhaus“, welches von 1730 bis 1731 errichtet worden war, den Dalberger Hof, den Ertaler Hof, der 1743 fertig gestellt war und den Osteiner Hof, des Bauherrn eigenes Stadt-Palais, welches in einem wunderschönen Barock ebenfalls 1752 fertig gestellt worden war.
Kurz glaubt aber, dass der Architekt als Dienstleister seines Auftraggebers eher dessen Wünsche als seine eigenen Überzeugungen verwirklicht habe. Denn dass sich der Architekt wohl schwer getan hat, im Stile der Renaissance zu bauen, sähe man „an vielen Barock-Elementen, die er in seine Gestaltung eingebracht hat“, so Kurz. Es gäbe ein signifikantes Merkmal, nämlich, dass er auf den Einbau der für die deutsche Renaissance typischen Kreuzstockfenster, auf die Fenster mit dem Natursteinkreuz, verzichtet habe. Stattdessen habe er offene Fenster als ein typisches Element barocker Gestaltung verwendet. Der Architekt öffnete sich zum Licht und wollte Licht in das Gebäude holen. Weitere Hinweise auf barocke Akzente, die er gesetzt habe, seien auch die Verwendungen von Pilastern in einer für den Barock klassisch gegliederten Säulenordnung, nämlich in dorische, ionische und korinthische Ordnung.

©  Foto: Diether v Goddenthow
© Foto: Diether v Goddenthow

Das Tüpfelchen auf dem „I“ für die barocken Ambitionen des Architekten seien diese schon geschwungenen Balkone, zwar etwas zurückhaltend, nicht wie bei den Barock-Palais in der Stadt, aber immer doch schon sehr lebhaft geschwungen, so Kurz. Und auch die Barock-Konsolen mit den Masken seien nicht typisch für die Renaissance, sondern reichten schon in das Barock hinüber.

Damit habe der Architekt schon gezeigt, dass er in der Mode des Barockes zuhause ist. Und er habe deutlich gemacht, „dass er eben, nennen wir es unter Zwang, sich zurückgenommen hat, um dem Ganzen das Gepräge der Renaissance noch zu geben, und ein einheitliches Bauwerk zu schaffen. Das ist eben aus meiner Sicht seine besondere Leistung“, so Kurz, der abschließend den Kunsthistoriker Georg Dehio (1850–1932) mit den Worten über das Mainzer Schloss zitiert: „Kein Bau von großem Wurf, aber einer feinen und vornehmen Kultur, wie sie in der Deutschen Renaissance nicht wieder zu finden ist“.

Diether v. Goddenthow / Rhein-Main.Eurokunst

siehe auch:
Bürgerengagement unterstützt mit Millionenbetrag

20 Jahre Mainzer Musiksommer Jubiläumssaison mit elf Konzerten vom 19. Juli bis 24. August

logo(rap) Die Landeshauptstadt Mainz lädt in enger Zusammenarbeit mit der Landesstiftung Villa Musica und dem Südwestrundfunk (SWR2) zum zwanzigjährigen Jubiläum des Festivalsommers wieder ein in bekannte historische Mainzer Kirchen und Säle.

Sei es Alte Musik, Klassik, Flamenco, Vokal- oder Weltmusik – erneut bietet das weit über die Landesgrenzen hinweg bekannte Festival „Mainzer Musiksommer“ eine enorme Bandbreite an Stilrichtungen und Musikepochen. Hochrangige Künstler und Ensembles aus aller Welt verwandeln geistliche und weltliche Orte zwischen dem 19. Juli und dem 24. August 2019 in stimmungsvoll beleuchtete Konzertsäle. Erstmals wird auch die Staatskanzlei Ihren Festsaal für das Musiksommerpublikum bereitstellen.

Zur Eröffnung des Festivals sorgt Villa Musica mit ihrer herausragenden Kompetenz in Sachen Kammermusik im mystischen Ambiente von St. Stephan für eine „Romantische Nacht“ (19. Juli). Im Mittelpunkt stehen die Harfenistin Isabelle Müller und der Cellist und künstlerische Leiter der Villa Musica, Alexander Hülshoff. Dazu gesellen sich Flöten- und Geigenklänge von jungen Virtuosinnen der Landesstiftung.

Mit Herbert Schuch (25. Juli ) und Martina Filjak (28. Juli ) locken zwei renommierte Pianisten ins Schloss Waldthausen, wo sie gemeinsam mit Streichern der Villa Musica musizieren. Die vier temperamentvollen Spanierinnen von „Las Migas“ (2. August) bringen dann den Flamenco, sowie Pop- und Folkklänge in die Antoniuskapelle.
Zudem erwartet die Festivalbesucher eines der gefragtesten Vokalensembles der Welt. Die finnischen Musiker von „Rajaton“ (4. August) erfüllen die Seminarkirche mit Volksliedern aus ihrer Heimat, Beatles-Songs und Rajaton-Klassikern.

Das David Orlowsky Trio (9. August) verwandelt auf seiner Abschiedstournee „Milestones“ die Antoniuskapelle in einen pulsierenden Konzertsaal, während das Ensemble Diderot (18. August) barocke Klänge präsentieren wird.
Auch die Villa Musica wird zum Spielort des Sommerfestivals: Gemeinsam mit dem Pianisten Kenji Miura interpretiert der junge Cellist Konstantin Bruns (11. August) Werke von Beethoven, Schubert und Schostakowitsch.
Das traditionelle Kinderkonzert fehlt auch in der Jubiläumssaison nicht: Bruns und Mijura erzählen spannende Geschichten zu ihren Instrumenten und laden alle Kinder ab fünf Jahren zum Mitmachen ein („Musik und Gefühle“, 11. August).

Maurice Steger, auch „Paganini der Blockflöte“ genannt, verwandelt gemeinsam mit befreundeten Künstlern die Seminarkirche mit den virtuosen Klängen Vivaldis und Corellis in einen einzigartigen barocken Klangraum (13. August).

Erstmals finden die Besucher des Mainzer Musiksommer auch Einlass in den Festsaal der Staatskanzlei. Alexander Hülshoff am Cello und Karl-Heinz Steffens an der Klarinette widmen sich einen ganzen Abend lang der Musik von Johannes Brahms (22. August.). Begleitet werden sie von der Pianistin Michal Friedlander.

Im stimmungsvollen Kreuzgang von Sankt Stephan feiert der Mainzer Musiksommer mit dem Arcis Saxophon Quartett am 24. August 2019 und amerikanischem Sound den diesjährigen Festivalabschluss.

Konzerte im Überblick
19.07. Eröffnungskonzert, Romantische Nacht in St. Stephan
25.07. Herbert Schuch, Schloss Waldthausen
28.07. Martina Filjak, Schloss Waldthausen
02.08. Las Migas, Antoniuskapelle
04.08. Rajaton, Seminarkirche
09.08. David Orlowsky Trio, Antoniuskapelle
11.08. Kinderkonzert “Musik und Gefühle”, Villa Musica
11.08. Konstantin Bruns und Kenji Miura, Villa Musica
13.08. Maurice Steger, Seminarkirche
18.08. Ensemble Diderot, Antoniuskapelle
22.08. Hülshoff, Steffens und Friedlander, Festsaal der
Staatskanzlei
24.08. Arcis Saxophon Quartett, Kreuzgang St. Stephan

Wie in jedem Jahr werden viele der Konzerte aufgezeichnet und zu einem späteren Zeitpunkt im Radioprogramm des SWR2 gesendet. Auch in weiteren SWR-Hörfunk- und Fernsehprogrammen hat der Mainzer Musiksommer seit vielen Jahren seinen festen Platz.

Konzertprogramm im Internet

Alle Konzerte beginnen um 20.00 Uhr
Beginn Familienkonzert: 11.00 Uhr

Informationen und Tickets:
www.mainz-klassik.de
06133/57 99 99 1
und bei allen bekannten Vorverkaufsstellen.

Kartenpreise: 20 – 35 Euro
Festivalkarten 90 – 250 Euro
Schüler- und Studentenkarten 6 – 11 Euro
Kinderkonzert: 8 Euro
(10% Frühbucherrabatt auf Einzelkarten bis zum 19. April 2019)

“Die atemlose Kunst des Guido Ludes” am 3. 04. im Mainzer Rathaus u. ab 12. 04.2019 im Eisenturm

© Foto: Diether v. Goddenthow
© Foto: Diether v. Goddenthow

(rap) Ausstellung in der Rathausgalerie und im Kunstverein Eisenturm

Guido Ludes (1949-2013), der heute zu den bekanntesten und beliebtesten Mainzer Künstlern zählt, wäre in diesem Jahr 70 Jahre alt geworden. Um an ihn, sein Werk und sein Engagement in Mainz zu erinnern, zeigen das Kulturdezernat der Landeshauptstadt Mainz und der Kunstverein Eisenturm die zweiteilige Retrospektive „Die atemlose Kunst des Guido Ludes“ in der Rathausgalerie und dem Kunstverein Eisenturm. Kuratiert wurde das Projekt von der Künstlerin Sieglinde Ludes, der Witwe von Guido Ludes, sowie Dietmar Gross, dem Vorsitzenden des Kunstvereins Eisenturm.

Kulturdezernentin Marianne Grosse eröffnet die Ausstellung in der Rathausgalerie (Rathaus Mainz, Jockel Fuchs Platz 1, 55116 Mainz) am Mittwoch, 3.April 2019 um 18.00 Uhr gemeinsam mit Sieglinde Ludes und Dietmar Gross.
Hans-Georg Böcher, Direktor des deutschen Verpackungs-Museums, führt in die Ausstellung ein.

© Foto: Diether v. Goddenthow
© Foto: Diether v. Goddenthow

Die ergänzende Ausstellung im Kunstverein Eisenturm (Fritz-Arens-Platz 1, 55116 Mainz) eröffnet Dietmar Gross dann offiziell am Freitag, 12. April 2019 um 19.00 Uhr gemeinsam mit dem Kunsthistoriker Dr. Otto Martin.

Zur Ausstellung
Die Retrospektive gliedert sich in zwei räumlich unabhängige Teile. Im Mainzer Rathaus liegt der Schwerpunkt der Ausstellung auf den Themen Stadt, Landschaft, Porträt, Körper/Figur, sowie auf Stillleben und Krankenbildern in der für Guido Ludes charakteristischen, dynamisch-intensiven Darstellungsweise.

Die Ausstellung im Kunstverein Eisenturm zeigt Polaroid-Aufnahmen in einer eigens von Guido Ludes entwickelten Technik, der Polaroidtransform.

Zum Künstler
Der Maler und Zeichner Guido Ludes wurde in Saarburg in Rheinland-Pfalz geboren, fand seine Wahlheimat jedoch später im Rhein-Main-Gebiet. Nach einem Studium des Grafikdesigns, der Kunstpädagogik und der Kunstgeschichte lehrte er als Professor für „Künstlerische Grafik“ ab 1994 an der Hochschule Rhein Main in Wiesbaden.
Sein herausragendes künstlerisches Schaffen wurde in zahlreichen Ausstellungen in und außerhalb Europas dokumentiert. Eine Vielzahl an nationalen und internationalen Auszeichnungen, Publikationen, Vorträgen, Kunst-am-Bau-Projekten, art-Consulting und Stipendien zeugt von der Entwicklung und Bedeutung seines Werks und Engagements.

Öffnungszeiten Mainzer Rathaus:
Montag – Freitag: 8.00 bis 18.00 Uhr,
Samstag 9.00 bis 14.00 Uhr,
Sonn- und Feiertage: geschlossen.

Die neue Mainzer „Stadtschreiber-Hofnärrin“ ins Amt eingeführt – Wider digitaler Herrscherlein und moralischen Maulkörben von rechts bis links

Eva Menasse ist am Donnerstag, 7. März 2019, als neue Mainzer Stadtschreiberin feierlich in ihr Amt eingeführt worden. V.l. Oberbürgermeister Michael Ebling, Schriftstellerin Eva Menasse und Kulturdezernentin und Jurorin Marianne Grosse, die  die Festgäste der Feierstunde begrüßte.© Foto: Diether v. Goddenthow
Eva Menasse ist am Donnerstag, 7. März 2019, als neue Mainzer Stadtschreiberin feierlich in ihr Amt eingeführt worden. V.l. Oberbürgermeister Michael Ebling, Schriftstellerin Eva Menasse und Kulturdezernentin und Jurorin Marianne Grosse, die die Festgäste der Feierstunde begrüßte.© Foto: Diether v. Goddenthow

Am Tag nach Aschermittwoch, 7. März 2019, wurde Eva Menasse als neue Mainzer Stadtschreiberin feierlich in ihr Amt eingeführt. Die österreichische Schriftstellerin, 1970 in Wien geboren und wohnhaft in Berlin, ist die 35. Trägerin des von ZDF, 3sat und der Stadt Mainz vergebenen Literaturpreises.

Eva Menasse, die große Menschenerzählerin, die mit feiner Empathie und scharfsinnigem Humor über fragile Beziehungen schreibe, sei ein Glücksfall für das Amt der Mainzer Stadtschreiberin 2019, urteilte die Jury (siehe unten). Denn sie mische sich zugleich öffentlich ein, streite wirkungsvoll für Grundrechte im digitalen Zeitalter und wende sich engagiert gegen Diskriminierung und rechte Hetze. Mit ihrem ersten Roman, dem österreichisch-jüdischen Familienepos „Vienna“ (2005), gelang Eva Menasse ein fulminantes Debüt. Der jüngste Erzählband „Tiere für Fortgeschrittene“ (2017) handelt von Lebenslügen und Lebensillusionen des aufgeklärten Bürgertums.

Einführung I von Oberbürgermeister Michael Ebling

Oberbürgermeister Michael Ebling. © Foto: Diether v. Goddenthow
Oberbürgermeister Michael Ebling. © Foto: Diether v. Goddenthow

Michael Ebling, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Mainz, noch den abklingenden „Rosenmontagszug-Rhythmus“ im Blut, war sich sicher, dass Eva Menasse, wenngleich sie das närrische Treiben knapp verpasst habe, rasch feststellen werde, das Mainz „eine Stadt der guten Laune“ sei, eine Stadt, in welche die Meisterin des Aufspürens von Lebenslügen und Luftschlössern, gut hineinpasse, der „wir mit Sicherheit nichts vormachen können“. Die Mainzer könnten gespannt sein, wie Sie, die einmal ‚Verhaltensforscherin der Spezies Mensch‘ genannt wurde, ihr Amt als neue Mainzer Stadtschreiberin ausfüllen werde, so der Oberbürgermeister.

Humor und Hintersinn, Wiener Schmäh und jüdische Chuzpe und nicht zuletzt dieser wunderbar lässige, immer leicht ironische Erzählton quasi als „Milchschaumhäubchen“ oben drauf – das seien die Zutaten für Eva Menasses Schreiben: eine „Wiener Melange“, die es verstünde, das Süße zu betonen, ohne das Bittere zu verschweigen, so Ebling. „Uns Lesern und Leserinnen beschert das viele köstliche Momente bester Leseunterhaltung. Es beschert uns aber auch den ungeschönten, ja bisweilen harten Blick auf die Selbsttäuschungen der Protagonisten und in die Abgründe des menschlichen Seins“, lobte er Menasses Werk.

„Das Leben bei Eva Menasse ist – ich zitiere hier aus Ihrem 2013 erschienenen Roman ‚Quasikristalle‘ – gleichzeitig festgefahren und fragil, ein Fahrzeug, das in einer steilen Kurve hängen geblieben ist. Nun frage ich Sie, verehrtes Publikum: Wem von uns ist es nicht selbst schon so ergangen? Wer kennt dieses Gefühl des ‚Festgefahrenseins‘ im eigenen Leben nicht? Da ist es ein Trost, dass Eva Menasses sezierender Blick die Helden ihrer Geschichten zwar schonungs-, aber doch nie empathielos trifft. Ihr Schreiben ist immer ein ehrliches, ein lebenskluges Schreiben.“, unterstrich der Oberbürgermeister.

Mit Eva Menasse konnten die Landeshauptstadt Mainz, das ZDF und 3sat – eine Stadtschreiberin gewinnen, die, so Ebbling, „zu den herausragenden Schriftstellerinnen in Deutschland und Österreich gehört und bereits mit hochrangigen Preisen ausgezeichnet wurde: darunter 2017 mit dem Österreichischen Buchpreis für ‚Tiere für Fortgeschrittene‘ und gerade erst mit dem Ludwig-Börne-Preis für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Reportage, des Essays und der Kritik. Wir konnten eine Stadtschreiberin gewinnen, die ‚mit Witz und Intelligenz zeitgenössische Charaktere von großer Lebendigkeit erschafft. Ihre Figuren haben alle einen schwachen Punkt, an dem unsere Empathie andocken kann. Nie verfällt sie in die Versuchung, ihnen endgültige Zeugnisse auszustellen. Es ist eine Freude, am Leben zu sein, aber alle Gewissheiten sind im besten Fall anrührende Selbsttäuschungen.‘“, freute sich der Oberbürgermeister.

Einführung  II von ZDF-Programmdirektor Dr. Norbert Himmler,

ZDF-Programmdirektor Dr. Norbert Himmler. © Foto: Diether v. Goddenthow
ZDF-Programmdirektor Dr. Norbert Himmler. © Foto: Diether v. Goddenthow

Der ZDF-Programmdirektor Dr. Norbert Himmler hob zur Verleihung des Mainzer Stadtschreiber-Literaturpreises 2019 an Eva Menasse hervor, dass diese, statt den Niedergang des Lesens zu beklagen oder die Bedeutung der Literatur zu beschwören, eine leidenschaftliche Rede gegen „digitale Gespenster“, gegen die negativen Phänomene des Digitalen Zeitalters hielt. Eva Menasse führe, wie in Berlin 2018 auf Literaturfestival geschehen, so Himmler, dem Zuhörer „ungeschönt die destruktiven Aspekte der digitalen Revolution, die Auswüchse der sozialen Netzwerke vor Augen: die Radikalisierung extremer Meinungen, die Festigung eindimensionalen Denkens, schlicht den Verlust der Freiheit: Die Mitte, das Abgewogene sei wie Eva Menasse sagte, für den Diskurs verloren“.

In den defragmentierten und zugleich maximal radikalisierten Zeiten, in denen wir lebten, benötige die Gesellschaft Autorinnen und Autoren, „die sich öffentlich einmischen: für Bürgerrechte, für Selbstbestimmung auch und gerade im Digitalen. So wie Eva Menasse und ihre Kolleginnen und Kollegen. Die sich beispielsweise für eine Charta der Digitalen Grundrechte in der Europäischen Union engagierten. Die sagen, ich zitiere: „Ein Mensch unter Beobachtung ist niemals frei; und eine Gesellschaft unter ständiger Beobachtung ist keine Demokratie mehr‘“, so der ZDF-Programmdirektor, der mit großer Sorge auf die totalitär-digitalen Entwicklungen in China schaut, „wie ein Staat es schafft, Autoritär und auch mit einer zentralen Parteiführung als Stütze ausgestattet, Daten von Bürgern zu sammeln, um sie dann auch gegen die eigenen Bürger zu nutzen. Vermeintliches Wohlverhalten wird belohnt, vermeintliches Fehlverhalten wird auch bestraft in Reisefreiheit, Freizügigkeit.“ Er habe gerade die Zahl gelesen, dass 15 Millionen Reiseaktivitäten, Flugreisen wie Bahnreisen von der Chinesischen Zentralregierung untersagt wurden, weil Fehlverhalten von Menschen, was zentral festgehalten wurde, damit auch sanktioniert wurde. „Da braucht man keine Mauern mehr, wenn man Digitalisierung entsprechend so versteht“, warnt Himmler.
Es gäbe sie auch heute noch „die großen moralischen Stimmen, die Mahnenden. So wie Eva Menasse, wie Juli Zeh oder unsere ehemaligen Stadtschreiber Ilija Trojanow und Josef Haslinger, die jetzt in unserer Stadtschreiberjury sitzen. Denn – hier zitiere ich abermals Eva Menasse – ‚Was man für richtig hält, was man in Ruhe begründen kann, muss man sagen, egal, wer applaudiert, wer protestiert, egal, ob es einen Shitstorm gibt‘“, so Himmler, der mit den klassischen sieben Todsünden „Trägheit, Gefräßigkeit, Wollust, Zorn, Hochmut, Neid und Habgier“, auch trefflich die niedrigsten Eigenschaften im Internet beschrieben sähe.

Die sieben Todsünden haben „seit jeher Autorinnen und Autoren zu großer Literatur inspiriert, auch Eva Menasse hat sie in ihrem Band ‚Lässliche Todsünden‘ zum Thema gemacht.“ Es sei ein Titel. der paradox klinge, in dem Menschen zumeist Paare, vielfach Familien mit unguten Konstellationen, Fremdgänger, Verliebte und Betrogene, kleine oder größere Sünder seien, ohne dass Eva Menasse dies moralisch werte, so Himmler. Eine Zeit-Rezension von Michael Neumann anführend, liege vielleicht ein literarisches Erfolgsgeheimnis im „Glück der Lektüre über das Unglück anderer Leute.“ Zum Glück des Lesens gehöre, „dass Eva Menasse jedoch nie billige Schadenfreude aufkommen lässt. Sie erhebt sich nicht über ihre angeschlagenen Heldinnen und Helden. Daher kommen uns die Figuren wie Rument, Cajou, Fiona, Martine und der träge Fritz erstaunlich nahe, ganz getreu ihrer ersten Maxime: ‚Liebe jede einzelne deiner Figuren‘“. Mit Eleganz, Humor und Ironie nehme sie die Welt des Wiener Kulturmilieus bis in die kleinste Gefühlsregung auseinander und setze sie kunstvoll wieder zusammen, so der ZDF-Programmchef, der berichtete, dass Eva Menasse einmal auf die Frage, „wie sie schreibe“ geantwortet habe: „Mein größtes Problem ist, dass ich nicht aufhören kann. […] Wenn es gut läuft, ist es fast schlimmer, wie in dem Märchen mit dem süßen Brei. Man kann schon nicht mehr, will der quellenden Masse aber Herr werden, den Reichtum an sich raffen, bis zuletzt.“

Laudatio von FAZ Mitherausgeber Jürgen Kaube

FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube. © Foto: Diether v. Goddenthow
FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube. © Foto: Diether v. Goddenthow

Jürgen Kaube hatte bereits Eva Menasse hochgelobt, bevor sie vielfach, inklusive dem Börne-Preis Ende Mai, mit 10 großen Literatur-Preisen geehrt und bundesweit hierdurch bekannt und erfolgreich wurde. Kaube analysierte Eva Menasses erzählerisches Werk mit einem Hang „für krisenhafte Situationen, menschliche Schwächen, für das Vermischte“, praktische für alles:: parallelisierte Tiere, Gerichtsprozesse, Krankheiten, Urlaube, Kinder, Verbrechen, Piefkes und Österreicher, und beide im Unterschied zu Wienern.“ Eva Menasse Worte seien nicht nur „sprachlich ergonomische ‘Stich‘-‘Proben‘“. Die Autorin schwimme auch, so sein Eindruck, „gegen den Storm der Zeit. Sie will der Vergangenheit nah bleiben.“. Ihre Figuren feierten Feste in blauen Salons, historischen Gebäuden und ähnlichem. Aber, wie sie bereits in ihrem deutschen Debüt-Erfolg der Großfamilien-Chronik „Vienna“ dem Versuch der touristischen Verklärung des Zeitlichen und Räumlichen widerstanden habe, schmelze sie gerade nicht die Vergangenheit um, auch nicht, in dem sie Figuren aus der Vergangenheit (er-)schaffe. Vielmehr führe sie häufig Menschen an ihren Figuren vor, die „die Realität verwechseln, Klugheit mit Bildung, Bequemlichkeit mit Güte, Normalität mit Moral.“, so Kaube. „Oft haben sie gar kein Verhältnis zu der Tatsache, dass die Zeit vergeht, und der Tod kommt.“ Und lebten so dahin, hätten kein Verhältnis zu unwiederbringlichen Verlusten, oder, vorsichtiger ausgedrückt, seien ohne „Unterstützung dabei, ein solches Verhältnis zu entwickeln“.

v.l.n.r.: Jury-Vorsitzender Werner von Bergen, ZDF-Hauptredaktion.  Geschichte und Wissenschaft, ZDF-Programmdirektor Dr. Norbert Himmler, Preisträgerin und Schriftstellerin Eva Menasse; Oberbürgermeister Michael Ebling, Gutenberg Wolfgang Neumann. © Foto: Diether v. Goddenthow
v.l.n.r.: Jury-Vorsitzender Werner von Bergen, ZDF-Hauptredaktion. Geschichte und Wissenschaft, ZDF-Programmdirektor Dr. Norbert Himmler, Preisträgerin und Schriftstellerin Eva Menasse; Oberbürgermeister Michael Ebling, Gutenberg Wolfgang Neumann. © Foto: Diether v. Goddenthow

Danksagung der  Mainzer Stadtschreiberin 2019 Eva Menasse

In ihrer „eulenspiegelhaften“ Dankesrede, in der Eva Menasse in einem anfänglichen Exkurs auf den Wert und die Bedeutung eines „heutigen Stadtschreibers“ einging, drängte sich ihr synonym „ein anderes Wort“ auf, „nämlich: Hofnarr“. Daniel Kehlmann habe in seinem Roman Tyll gezeigt, was einen guten Hofnarren ausmache, dass er „ nämlich kein Spaßmacher oder Unterhalter ist, sondern ein Wahrsager im Wortsinn, Quälgeist und Provokateur, einer der seinem König alle Illusionsblasen so vor der Nase zersticht, dass ihm die Fetzen ins Gesicht fliegen. Ein Hofnarr ist für seinen Herrscher die fleischgewordene Herausforderung.“ Zwar sei nicht jeder Künstler ein geborener Störer oder Dissident, „aber durch unsere unabhängige und fragile Stellung in der Gesellschaft“ sei die sprichwörtliche Narrenfreiheit auch ein starker Auftrag und Antrieb. Diese Freiheit sei nicht jeden Tag gleich: „Sie kann so schnell verschwinden, wenn sich der jeweilige Fürst quer über die Kehle streicht“, was kein neues, sondern ein alltäglich begleitendes Phänomen geworden sei, nämlich in Form von vielen „kleinen Herrscherlein“, die „heute stattdessen mit der Mouse klicken“.
Zurzeit sei es wieder besonders spürbar: „Die Künstler sollen sich gefälligst benehmen. Für sie gelten dieselben Regeln wie für alle anderen auch. Das ist so ein Satz, der immer gut klingt, obwohl er aus der Kleinkindererziehung stammt. Da die Kunst ihrer Natur gemäß auf öffentlichem Terrain spielt, lässt sich die Gereiztheit einer Gesellschaft sehr gut an ihrer Neigung zum Kulturkampf ablesen.

Preisträgerin und Schriftstellerin Eva Menasse. © Foto: Diether v. Goddenthow
Preisträgerin und Schriftstellerin Eva Menasse. © Foto: Diether v. Goddenthow

Der Unterschied heute zu früher sei, dass „die Attacken heute von ganz rechts bis ganz links kommen, wobei es mir inzwischen widerstrebt, die Produzenten von Maulkörben überhaupt noch nach Lagern oder Richtungen zu unterscheiden.“ Aktivisten störten brachial Theateraufführungen und Podiumsdiskussionen, auf der Buchmesse werde sich geprügelt, wobei es für die schützenswerte Sache, nämlich die Kunst und Meinungsfreiheit aber keinen Unterschied mache, ob Rechte das Gorki Theater stürmten oder ob besorgte Bürger, die Angst vor einem Rechtsruck haben, Lesungen von Thilo Sarrazin oder Martin Walser zu verhindern suchten. „Alles schon mal vorgekommen“, so Eva Menasse.
Auch jenseits von Handgreiflichkeiten greife ein neuer Rigorismus um sich, „der verbal aggressiv und von hochwirksamen Diskreditierungen ist“. Sehr Vieles werde plötzlich als untragbar empfunden, wobei man über manches lachen könne, handele es sich um Einzelfälle. „Aber die Einzelfälle, die absurden Einzelfälle verdichten sich zum Zeitgeist.“, mahnt die neue Mainzer Stadtschreiberin vor einer bis zum maximal Absurden getriebenen Political correctness, in dessen Geist beispielsweise Tugendwächterinnen im US-Schlager „Baby, it´s cold outside“ den „Beginn einer Vergewaltigung“ witterten.
Kunst müsse frei sein und bleiben. Denn Künstler zu sein bedeute, ohne garantierten Auftraggeber oder Abnehmer und ohne viele Kompromisse „ein Leben lang nur die eigene Sturheit und Unvollkommenheit als Gegenüber zu haben“, an der man sich eben abarbeite. Für diese Freiheit verzichteten Künstler auf Vieles: „Auf Planbarkeit, Sicherheit, auf stabile Einkünfte. Wir verzichten gern darauf. Theoretisch verzichten wir überhaupt auf alles, auf Rang, Ehre und Machtinsignien, also auf alles, womit man in der Gesellschaft aufsteigen kann.“ Künstler verzichteten auf alles, „um im Gegenzug alles zu dürfen mit unserer Kunst. Denn nur diese entsetzliche, schwindelerregende und beglückende Freiheit macht möglich, dass ab und zu Sätze geschrieben, ab und zu Kunstwerke geschaffen werden, die bleiben.“, so Eva Menasse.

Und in diesem Sinne, möchte Eva Menasse den Mainzern „als ihre neue Stadtschreiber-Hofnärrin die Wahrheit sagen: Denn diese Wahrheit scheint mir gerade nötig. Sie verdienen gewiss unsere Dankbarkeit, aber weil es für Sie leichter ist, zu verdienen, dient das, was Sie uns geben, uns nur dazu, nicht käuflich zu werden. In diesem Sinne dürfen Sie von uns keine Dankbarkeit erwarten Wir werden Ihre Wünsche nicht erfüllen. Wir werden nicht tun, was Sie für richtig und für passend und für künstlerisch wertvoll halten. Wir werden Sie im Gegenteil oft ärgern, verstören, befremden. Wir machen das nicht absichtlich, das geschieht, wie von selbst. Mit Ihrem großzügigen Preis werde ich ein verrücktes, möglicherweise größenwahnsinniges Projekt weiterverfolgen, das ich mir vor einiger Zeit in den Kopf gesetzt habe, nichts anderes. Ich hätte das auch ohne ihren Preis getan, aber nun wird es leichter sein.“, dankte die neue Stadtschreiberin ein wenig schelmisch in der Hoffnung, dass dabei Geschichten entstehen, die „Ihnen irgendwann später einmal Freude machen, Sie unterhalten, Sie vielleicht sogar auf neue Gedanken bringen. „.

Diether v. Goddenthow/ Rhein-Main.Eurokunst

Eva Menasse, die am Freitagabend im Rathaus Mainz bei einer Lesung ihr Werk vorstellte, signierte bereits nach ihrer Amtseinführung. © Foto: Diether v. Goddenthow
Eva Menasse, die am Freitagabend im Rathaus Mainz bei einer Lesung ihr Werk vorstellte, signierte bereits nach ihrer Amtseinführung. © Foto: Diether v. Goddenthow

Die Mainzer Stadtschreiberin 2019: Eva Menasse
Biografie und Bibliografie

Eva Menasse wurde 1970 in Wien geboren. Nach dem Schulabschluss 1988 studierte Menasse Germanistik und Geschichte an der Universität Wien. Noch während ihres Studiums begann sie ihre journalistische Karriere, die sie vom Wiener Wochenmagazin Profil bis zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung führte. Mit ihrem ersten Roman, dem österreichisch-jüdischen Familienepos „Vienna“ (2005) gelang Eva Menasse ein fulminantes Debüt. Mit ihrem zweiten Roman „Lässliche Todsünden“ (2009), der sich aus locker miteinander verbundenen Erzählungen über das lasterhafte Leben der Wiener Intellektuellenszene zusammensetzt, konnte sie ihren Erfolg bei Publikum und Kritik fortsetzen. Preisgekrönt ist ihr Roman „Quasikristalle“ (2013), in dem Menasse das Lebensmosaik einer Frau aus verschiedensten Perspektiven schildert. Der jüngste Erzählband „Tiere für Fortgeschrittene“ (2017) handelt von Lebenslügen und Lebensillusionen des aufgeklärten Bürgertums.
Eva Menasse engagiert sich vielfach öffentlich, u.a. für die SPD oder gemeinsam mit Autorinnen und Autoren wie Juli Zeh und Ilija Trojanow für einen europäischen Datenschutz gegen die digitale Massenüberwachung unserer Gesellschaft.
Menasse, die seit 2003 in Berlin lebt, wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, unter anderem mit dem Corine-Preis (2005), dem Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln (2013), dem Stipendium der Villa Massimo in Rom (2015), dem Friedrich-Hölderlin-Preis (2017), dem Österreichischen Buchpreis (2017) und dem Ludwig Börne-Preis (2019).
Bibliografie-Auswahl

  • Vienna. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005
  • Lässliche Todsünden. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009
  • Quasikristalle. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013
  • Lieber aufgeklärt als abgeklärt. Essays. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015
  • Tiere für Fortgeschrittene. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017

Die Jury

Der Jury des Mainzer Stadtschreiber-Literaturpreises 2019 gehörten an:
Die Schriftstellerinnen und Schriftsteller:
Prof. Dr. Josef Haslinger
Katja Lange-Müller
Dr. Tilman Spengler
Ilija Trojanow
und als amtierende Stadtschreiberin Anna Katharina Hahn

Für die Landeshauptstadt Mainz:
Kulturdezernentin Marianne Grosse

Für das ZDF:
Programmdirektor Dr. Norbert Himmler
Leiterin der Hauptredaktion Kultur, Anne Reidt
Jury-Vorsitzender Werner von Bergen, Hauptredaktion Geschichte und Wissenschaft
Koordinatorin 3sat, Natalie Müller-Elmau
Literaturredakteur 3sat, Dr. Michael Schmitt

Die Mainzer Stadtschreiber und ihre TV-Dokumentationen

1985 Gabriele Wohmann (verstorben am 22. Juni 2015)
„Unterwegs“
(Sendung: 17. November 1985)
1986 H. C. Artmann (verstorben am 4. Dezember 2000)
„Den Horizont überschreiten“
(Sendung: 7. Dezember 1986)
1987 Ludwig Harig (verstorgen am 5. Mai 2018)
„Zu ergründen die eigene Heimkehr“
(Sendung: 6. Dezember 1987)
1988 Sarah Kirsch (verstorben am 5. Mai 2013)
„Briefe an eine Freundin“
(Sendung: 4. Dezember 1988)
1989 Horst Bienek (verstorben am 7. Dezember 1990)
„Die verrinnende Zeit“
(Sendung: 31. Dezember 1989)
1990 Günter Kunert
„Artus – ein König wird gesucht“
(Sendung: 9. Dezember 1990)
1991 Helga Schütz
„Hinterm Vorhang sieht man einen Schatten“
(Sendung: 26. April 1992)
1992 Katja Behrens
„Jerusalem – Berlin. Eine Begegnung“
Mit Asher Reich und Hans Joachim Schädlich
(Sendung: 7. März 1993)
1993 Dieter Kühn (verstorben am 25. Juli 2015)
„Eine Reise nach Surinam“
(Sendung: 19. Dezember 1993)
1994 Libuse Monîková (verstorben am 12. Januar 1998)
„Grönland-Tagebuch: Wer nicht liest, kennt die Welt nicht“
(Sendung: 13. Dezember 1994)
1995 Peter Härtling (verstorben am 10. Juli 2017)
„Schumann in Finnland“
(Sendung: 21. Dezember 1995)
1996 Peter Bichsel
„Wir hätten in Spiez umsteigen sollen“
(Sendung: 12. Dezember 1996)
1997 F.C. Delius
„Wie weit ist es von einem Mann zu einer Frau?
24 Stunden mit Tucholsky in Gripsholm“
(Sendung: 23. November 1997)
1998 Erich Loest (verstorben am 12. September 2013)
„Karl May reist zu den lieben Haddedihn“
(Sendung: 6. September 1998)
1999 Tilman Spengler
„Bitterer Balkan. Der Krieg ist eine Zerrüttung der Seelen“
(Sendung: 5. Dezember 1999)
2000 Hanns-Josef Ortheil
„Schauplätze meiner Fantasien – Rom, Venedig und Prag“
(Sendung: 22. Oktober 2000)
2001 Es wurde keine Dokumentation produziert.
2002 Katja Lange-Müller
„Mein erster Amerikaner. Der Maler Kedron Barrett“
(Sendung: 17. November 2002)
2003 Urs Widmer (verstorben am 2. April 2014)
„Die Forschungsreise“
(Sendung: 14. Dezember 2003)
2004 Raoul Schrott
„Deutschland – Himmel und Hölle“
(Sendung: 3. August 2005)
2005 Sten Nadolny
Es wurde keine Dokumentation produziert
2006 Patrick Roth
„In My Life – 12 Places I Remember.“
(Sendung: 26. November 2006)
2007 Ilija Trojanow
„Vorwärts und nie vergessen! Ballade über bulgarische Helden“
(Sendung: 16. Dezember 2007)
2008 Michael Kleeberg
„Europas Heimkehr. Eine Reise in den Libanon“
(Sendung: 4. Januar 2009)
2009 Monika Maron
„Rückkehr nach Bitterfeld“
(Sendung: 30. Oktober 2009)
2010 Josef Haslinger
„Nachtasyl – Die Heimat der Heimatlosen“
(Sendung: 16. Dezember 2010)
2011 Ingo Schulze
„Rettung aus dem Regenwald? Die Wiederentdeckung der Terra Preta“
(Sendung: 11. November 2011)
2012 Kathrin Röggla
„Die bewegliche Zukunft – Eine Reise ins Risikomanage¬ment“
(Sendung: 18. November 2012)
2013 Peter Stamm
„Fordlandia – Das verlorene Paradies?“
(Sendung: 1. Juni 2014)
2014 Judith Schalansky
Es wurde keine Dokumentation produziert.
2015 Feridun Zaimoglu
„Istanbul von vorne. Eine Recherche“
(Sendung: 25. Oktober 2015)
2016 Clemens Meyer
„Nicht jedes Los gewinnt – Erzählungen vom Rummelplatz“
(Sendung: 9. Dezember 2016)
2017 Abbas Khider
Es wurde keine Dokumentation produziert.
2018 Anna Katharina Hahn
Tauben in Städten
(Sendung: 21. Oktober 2018)

 

Eva Menasse ist zur neuen Mainzer Stadtschreiberin 2019 gewählt

Eva Menasse © ZDF/Jürgen Bauer
Eva Menasse © ZDF/Jürgen Bauer

Eva Menasse ist 35. Trägerin des Literaturpreises von ZDF, 3sat und der Stadt Mainz

Die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse wird die Mainzer Stadtschreiberin des Jahres 2019. Menasse, 1970 in Wien geboren und wohnhaft in Berlin, ist die 35. Trägerin des von ZDF, 3sat und der Stadt Mainz vergebenen Literaturpreises. Gemeinsam mit dem ZDF wird die Autorin, wie ihre Vorgängerin Anna Katharina Hahn, eine Dokumentation nach freier Themenwahl produzieren und die Stadtschreiberwohnung im Mainzer Gutenberg-Museum beziehen. Die Verleihung des mit 12.500 Euro dotierten Preises ist für Anfang März 2019 geplant.

Die Jury: „Eva Menasse ist eine große Menschenerzählerin, die mit feiner Empathie und scharfsinnigem Humor über fragile Beziehungen schreibt. Mit großer sprachlicher Präzision gestaltet sie ihre Figuren und findet feinste Nuancen in ihren Erzählsituationen. Zugleich mischt sich Eva Menasse öffentlich ein, streitet wirkungsvoll für Grundrechte im digitalen Zeitalter und wendet sich engagiert gegen Diskriminierung und rechte Hetze. Eva Menasse – ein Glücksfall für das Amt der Mainzer Stadtschreiberin 2019.“

Nach dem Schulabschluss 1988 studierte Menasse Germanistik und Geschichte an der Universität Wien. Noch während ihres Studiums begann sie ihre journalistische Karriere, die sie vom Wiener Wochenmagazin Profil bis zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung führte. Mit ihrem ersten Roman, dem österreichisch-jüdischen Familienepos „Vienna“ (2005) gelang Eva Menasse ein fulminantes Debüt. Mit ihrem zweiten Roman „Lässliche Todsünden“ (2009), der sich aus locker miteinander verbundenen Erzählungen über das lasterhafte Leben der Wiener Intellektuellenszene zusammensetzt, konnte sie ihren Erfolg bei Publikum und Kritik fortsetzen. Preisgekrönt ist ihr Roman „Quasikristalle“ (2013), in dem Menasse das Lebens-Mosaik einer Frau aus verschiedensten Perspektiven schildert. Der jüngste Erzählband „Tiere für Fortgeschrittene“ (2017) handelt von Lebenslügen und Lebens-Illusionen des aufgeklärten Bürgertums.

Eva Menasse wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, unter anderem mit dem Corine-Preis (2005), dem Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln (2013), dem Stipendium der Villa Massimo in Rom (2015), dem Friedrich-Hölderlin-Preis (2017) und dem Österreichischen Buchpreis (2017).

Ambivalenzen der Integration – Ausstellung zur Interkulturellen Woche in der Rathausgalerie

© Foto: Diether v. Goddenthow
© Foto: Diether v. Goddenthow

(gl) Die Interkulturelle Woche wird 2018 im inzwischen 43. Jahr ausgerichtet und steht in diesem Jahr unter dem Motto „Bildung als Chance zur Integration“. Seit 2016 wird an der Katholischen Hochschule Mainz der internationale Studiengang Sozialwissenschaften: Migration und Integration angeboten, im Rahmen dessen Studierende dieses Jahr Plakate zum Thema ‚Ambivalenzen der Integration‘ gestaltet haben. Im Mittelpunkt dieses Projekts standen Alltagsräume in Mainz und der Region, die gemeinsam fotografiert, bearbeitet und kommentiert wurden. Der Fokus lag dabei von vornherein insbesondere auf den Zwischentönen, um Widersprüchlichem oder auch Ironie gezielt Raum zu geben.

Die Ausstellung in der Rathausgalerie anlässlich der Interkulturellen Woche ist vom 08. September bis zum 06. November 2018 in der linken Lobby zu sehen. Oberbürgermeister Michael Ebling eröffnet am Freitag, 7. September 2018 um 18 Uhr gemeinsam mit dem Rektor der Katholischen Hochschule, Prof. Dr. Martin Klose, die Ausstellung.

Die Ergebnisse des Projekts unter der Leitung von Prof. Dr. Sophie Krossa, zeigen Schwieriges und Kritisches ebenso wie Lustiges – und spiegeln so die Bandbreite der alltäglichen Erfahrungen mit Integration. Sie unterstreichen, warum es nicht um eine pauschale Kategorisierung in ‚gelingende Integration‘ und ‚nicht-gelingende Integration‘ gehen kann – Ambivalenzen sind unser Alltag, auch in der Integration. Für die Studierenden waren die vielen Entwürfe, aus denen nun eine Auswahl gezeigt wird, eine Gelegenheit, um den notwendigen Perspektivenwechsel in der Praxis zu üben.

Die Ausstellung ist eine Kooperation des Büros für Migration und Integration der Landeshauptstadt Mainz, dem Kulturamt der Landeshauptstadt Mainz, der Katholischen Hochschule Mainz und der Johannes Stiftung Bistum Mainz.

Öffnungszeiten Rathausgalerie:
Montag – Freitag: 8 bis 18 Uhr
Samstag: 9 bis 14 Uhr
Sonn- und Feiertage: geschlossen