Kategorie-Archiv: Buchtipps

Eröffnung des Zentrums für Frankreich- und Frankophoniestudien an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Der Angriff auf Reims im September 1914 führte zu einem radikalen Bruch in den deutsch-französischen Beziehungen, so dass selbst ein wissenschaftlicher Austausch nicht mehr möglich war. Vor diesem Hintergrund des seitherigen totalen Bruchs erhält der nach dem zweiten Weltkrieg zwischen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle geschlossene Friedensvertrag eine noch viel größere Bedeutung. Erst hierdurch wurden kulturelle und wissenschaftliche Kooperationen zwischen beiden Ländern überhaupt erst wieder möglich. Postkarte vom Brand der Kathedrale von Reims, aus dem Fest-Vortrag von Prof. Dr. Thomas W. Gaehtgens, Gründungsdirektor des Deutschen Forums für Kunstgeschichte in Paris.  © Foto: Diether v. Goddenthow
Der Angriff auf Reims im September 1914 führte zu einem radikalen Bruch in den deutsch-französischen Beziehungen, so dass selbst ein wissenschaftlicher Austausch nicht mehr möglich war. Vor diesem Hintergrund des seitherigen totalen Bruchs erhält der nach dem zweiten Weltkrieg zwischen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle geschlossene Friedensvertrag eine noch viel größere Bedeutung. Erst hierdurch wurden kulturelle und wissenschaftliche Kooperationen zwischen beiden Ländern überhaupt erst wieder möglich. Postkarte vom Brand der Kathedrale von Reims, aus dem Fest-Vortrag von Prof. Dr. Thomas W. Gaehtgens, Gründungsdirektor des Deutschen Forums für Kunstgeschichte in Paris. © Foto: Diether v. Goddenthow

Am 4. Juli 2019 wurde feierlich das  Zentrums für Frankreich- und Frankophoniestudien (ZFF) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz  im Atrium maximum in der Alten Mensa auf dem Gutenberg-Campus eröffnet.
Grußworte sprachen Prof. Dr. Georg Krausch, Präsident der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Anne-Marie Descôtes, Botschafterin der Republik Frankreich, Dr. Denis Alt, Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz, Prof. Dr. Alain Bonin, Präsident der Université de Bourgogne, Günter Beck, Bürgermeister der Stadt Mainz, Dr. Jürgen Hartmann, Staatssekretär a.D., Präsident der Deutsch-Französischen Kulturstiftung sowie Prof. Dr. Gregor Wedekind, Zentrum für Frankreich- und Frankophoniestudien.

„Die Wiedereröffnung unserer Universität im Mai 1946 erfolgte auf Initiative der damaligen französischen Besatzungsbehörde. Seither spielen die deutsch-französische Zusammenarbeit und die Frankreichforschung eine wichtige Rolle im universitären Leben der JGU“, betont Prof. Dr. Georg Krausch, Präsident der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. „So besteht beispielsweise seit mehr als 40 Jahren eine enge Hochschulpartnerschaft zwischen der JGU und der Université de Bourgogne in Dijon, ergänzt durch zahlreiche Partnerschaften mit weiteren französischen Hochschulen etwa in Paris, Nantes und Straßburg. Wir können unseren Studierenden heute bi- und teils sogar trinationale Studiengänge vom Bachelor- über Lehramts- und Masterstudiengänge bis hin zum Deutsch-Französischen Doktorandenkolleg anbieten – ein Ausdruck lebendigen kulturellen Austauschs und gelebter Kooperation.“

Im Hinblick auf vergleichbare Einrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland besteht eine Besonderheit des neuen Zentrums für Frankreich- und Frankophoniestudien darin, dass es sich in seinen Fragestellungen nicht auf Frankreich beschränkt, sondern die geografische und kulturelle Öffnung auf die Frankophonie fördert. Hierzu unterstützt, pflegt und erweitert das ZFF die zahlreichen bestehenden institutionellen und persönlichen Kontakte mit Frankreich und französischen bzw. frankophonen Hochschulen insbesondere in Kanada und Nordafrika. Zum anderen ist die Arbeit des ZFF dezidiert fächerübergreifend und nachdrücklich nicht auf die Geistes- und Sozialwissenschaften beschränkt. Ein bundesweites Alleinstellungsmerkmal des ZFF ist die an der Universitätsbibliothek der JGU angesiedelte, mit Unterstützung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) aufgebaute herausragende Bibliothek des Forums Interkulturelle Frankreichforschung (FIFF), die eine wertvolle Ressource für Lehre, Forschung und Wissensvermittlung bietet.

„Die Johannes Gutenberg-Universität Mainz und die Deutsch-Französische Kulturstiftung setzen mit den neuen Zentrum für Frankreich- und Frankophoniestudien hier in Mainz ein klares Zeichen für europäisches und internationales Miteinander“, hebt Anne-Marie Descôtes, Botschafterin der Republik Frankreich, im Rahmen ihres Besuchs auf dem Gutenberg-Campus hervor. „Gerade im aktuellen politischen Kontext ist eine internationale Zusammenarbeit auf allen Ebenen von großer Bedeutung. Die französische Botschaft begrüßt und unterstützt daher diese wichtige Initiative zur Vertiefung der deutsch-französischen Beziehungen – allem voran in den Bereichen der sprachlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Kompetenzen sowie im Einbeziehen der Vielfältigkeit der frankophonen Regionen in der Welt. Allen beteiligten Akteuren danken wir für ihr Engagement und ermutigen sie, auch weiterhin gemeinsam Europa neue derartige Impulse zu geben.“

Das ZFF wird den Austausch und die Kooperation mit anderen universitären Frankreichzentren etwa in Berlin, Bonn, Freiburg, Leipzig und Saarbrücken suchen ebenso wie mit deutsch-französischen Forschungsinstituten wie dem Centre Marc Bloch in Berlin, dem Deutsch-Französischen Institut für Geschichts- und Sozialwissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und dem Deutsch-Französischen Institut in Ludwigsburg. Darüber hinaus kooperiert das ZFF mit den in Mainz ansässigen außeruniversitären deutsch-französischen Einrichtungen – dem Institut français, dem Haus Burgund-Franche-Comté und der Deutsch-Französischen Gesellschaft – und nutzt seine Kapazitäten für den Bereich der Wissensvermittlung sowie für die Kooperation mit deutsch-französischen Akteuren auf politischer Ebene.

Eröffnung des Zentrums für Frankreich- und Frankophoniestudien an der JGU: (v.l.) Prof. Dr. Georg Krausch, Präsident der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Anne-Marie Descôtes, Botschafterin der Republik Frankreich, Prof. Dr. Alain Bonin, Präsident der Université de Bourgogne, Prof. Dr. Gregor Wedekind, Zentrum für Frankreich- und Frankophoniestudien, Dr. Jürgen Hartmann, Staatssekretär a.D., Präsident der Deutsch-Französischen Kulturstiftung, Dr. Denis Alt, Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz, und Günter Beck, Bürgermeister der Stadt Mainz. Foto/©: Stefan F. Sämmer, JGU
Eröffnung des Zentrums für Frankreich- und Frankophoniestudien an der JGU: (v.l.) Prof. Dr. Georg Krausch, Präsident der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Anne-Marie Descôtes, Botschafterin der Republik Frankreich, Prof. Dr. Alain Bonin, Präsident der Université de Bourgogne, Prof. Dr. Gregor Wedekind, Zentrum für Frankreich- und Frankophoniestudien, Dr. Jürgen Hartmann, Staatssekretär a.D., Präsident der Deutsch-Französischen Kulturstiftung, Dr. Denis Alt, Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz, und Günter Beck, Bürgermeister der Stadt Mainz. Foto/©: Stefan F. Sämmer, JGU

 

Reims in Flammen. Drama und Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich

In seinem Festvortrag widmete sich Prof. Dr. Thomas W. Gaehtgens, Gründungsdirektor des Deutschen Forums für Kunstgeschichte in Paris und langjähriger Direktor des Getty Research Institute in Los Angeles, dem Thema „Reims in Flammen. Drama und Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich“. Der deutsche Angriff am 19. September 1914 auf die Kathedrale von Reims, der Krönungskirche, die als Ursprungsort der französischen Monarchie gilt, rief einst einen Schrei der Empörung, der Wut, ja des Hasses in Frankreich aus und verfestigte das Deutschland-Bild von den kulturlosen deutschen Barbaren, das sich seit 1871 in französischen Köpfen festgesetzt hatte. Wenngleich gar nicht wirklich gesichert war, ob das Gotteshaus gezielt oder kollateral aufgrund des heftigen Beschusses des Ortes Reims getroffen wurde und in Brand geriet, wurde „Reims“ so zum Symbol deutsch-französischer Zwietracht – und umso wunderbarer erscheine es, so Gaehtgens, dass ausgerechnet hier einige Jahrzehnte später die deutsch-französische Versöhnung zwischen Charles De Gaulle und Konrad Adenauer besiegelt und die tiefe Kluft im Kulturstreit überwunden werden konnte. Aus einem «lieu de discorde», einem Ort der Zwietracht, konnte ein Erinnerungsort der deutsch-französischen Versöhnung, ja Freundschaft, werden.

Nach allen Auseinandersetzungen zwischen Franzosen und Deutschen ist längst „die“ Kooperation Grundlage der deutsch-französischen Beziehungen geworden, so wie es auch das Frankreich-Zentrum der Universität Mainz in der Zukunft verkörpern wird, unterstrich der Festredner.

die-brennende-kathedrale2Buchtipp: Thomas W. Gaehtgens: Die brennende Kathedrale. Eine Geschichte aus dem Ersten Weltkrieg. Verlag C.H. Beck, München 2018. 351 S. m. 88 Abb., 29,95 €.
Zur Geschichte der JGU-Frankreichforschung 

Seit der Wiedereröffnung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) im Mai 1946 durch die damalige französische Besatzungsbehörde spielen die deutsch-französische Zusammenarbeit und die Frankreichforschung eine wichtige Rolle im universitären Leben auf dem Gutenberg-Campus. So besteht seit mehr als 40 Jahren eine enge Hochschulpartnerschaft zwischen der JGU und der Université de Bourgogne in Dijon, die durch eine Reihe integrierter Studiengänge sowie eine rege universitätsweite Erasmus-Partnerschaft Semester für Semester gelebt wird. Darüber hinaus bestehen mittlerweile auch diverse integrierte Studienprogramme mit weiteren französischen Hochschulen, etwa in Paris, Nantes und Straßburg. Im Jahr 1991 gründete die Universitätsbibliothek Mainz den von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Sammelschwerpunkt Frankreichforschung, aus dem 2013 das Forum Interkulturelle Frankreichforschung (FIFF) hervorgegangen ist.

Die musikalische Einlage erfolgte durch die Jazzabteilung der Hochschule für Musik.  © Foto: Diether v. Goddenthow
Die musikalische Einlage erfolgte durch die Jazzabteilung der Hochschule für Musik. © Foto: Diether v. Goddenthow

Das neue Zentrum für Frankreich- und Frankophoniestudien (ZFF) an der JGU, das maßgeblich durch die Deutsch-Französische Kulturstiftung finanziert wird, verfolgt das Ziel, die verschiedenen auf Frankreich und frankophone Regionen, Institutionen, Gesellschaften und Kulturen bezogenen Aktivitäten der Universität zu betreiben, zu bündeln, zu vernetzen, aus ihrem Zusammenwirken gemeinsamen Nutzen zu generieren, in ihrer wissenschaftlichen Exzellenz zu steigern sowie kooperative Drittmittel einzuwerben. Mit Blick auf vergleichbare Einrichtungen in ganz Deutschland besteht die Besonderheit des ZFF darin, dass das Zentrum sich nicht auf Frankreich beschränkt, sondern die geographische und kulturelle Öffnung auf die Frankophonie zum Programm hat, und das die Arbeit des ZFF dezidiert multi- und transdisziplinär über die Geistes- und Kulturwissenschaften hinaus ausgerichtet ist.
Forum Interkulturelle  Frankreichforschung
Deutsch-Französische Studiengänge in den Geistes- und Kulturwissenschaften Mainz-Dijon

Prof. Dr. Gregor Wedekind
Zentrum für Frankreich- und Frankophoniestudien
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
55099 Mainz

Ede und Unku – ein zeitgeschichtliches Dokument über die grausame Verfolgung der Sinti im Dritten Reich

Der durch die Gruppe „Sinti Swing“ bekannte Berliner Jazz-Musiker Janko Lautenberger hat gemeinsam mit der Journalistin Juliane von Wedemeyer mit „Ede und Unku – die wahre Geschichte“, 240 Seiten, Gütersloh 2018,  das erschütternde Schicksal seiner Sinti-Familie von der Weimarer Republik bis heute nachgezeichnet. Das Autorenduo hat mit ihrer Neuversion von „Ede und Unku“ ein über einen Roman weit hinausgehendes zeitgeschichtlich wertvolles Dokument gegen Rassismus, Diskriminierung  und Verfolgung von Minderheiten als Plädoyer für eine offene Gesellschaft geschaffen.

Ede_und_UnkuDie wahre Geschichte von Ede und Unku ist eine von den beiden Autoren in mühevoller Recherche-Arbeit zusammengetragene, sozialgeschichtlich absicherte „Fortsetzung“ des ursprünglichen Romans „Ede und Unku“, der mit über 5 Mio Exemplaren eines der meistverkauften Bücher in Deutschland ist. Die Erstausgabe erschien 1931, das Buch war viele Jahre Schullektüre und erzählt von der ungewöhnlichen Freundschaft zwischen dem Arbeiterjungen Ede und dem Sintimädchen Unku während der Weimarer Republik. Doch was kaum jemand weiß: Schon kurz nach der Machtergreifung Hitlers wurde das Buch verboten und das »Zigeunermädchen« Unku in einem Konzentrationslager umgebracht. Eben von diesem grausamen Schicksal seiner Ur-Groß-Cousine Unku erzählt der Musiker Janko Lauenberger und dokumentiert, wie sich die Nachfahren, seine Sinti-Familie und er,  in der ehemaligen DDR und später im wiedervereinigten Deutschland arrangiert und etabliert haben.

Gerade in diesen Tagen, da wir den 90. Geburtstag der mit 15 Jahren im KZ ermordeten Jüdin Anne Frank und ihren in 70 Sprachen übersetzten Tagebüchern gedenken, sei dieses Werk sehr empfohlen, weil es am Schicksal des  20jährigen Sinti-Mädchens Unku insgesamt das oftmals übersehene Unrecht  aufgreift, das  den Sinti- und Roma im dritten Reich grausamst widerfahren ist.

( Diether v. Goddenthow /Rhein-Main.Eurokunst )

Leseprobe

„Smartphone-Epidemie“ – Kurzsichtigkeit, IQ-Verlust, Notenverschlechterung – Manfred Spitzer warnt dringend vor einer weiteren Digitalisierung von Kindergärten, Schulen und sonstigen Lernorten

Bärbel Schäfer talkt mit Professor Dr. Dr. Manfred Spitzer im ARD-Forum auf der 70. Frankfurter Buchmesse am 10. Oktober 2018 über die Risiken und Nebenwirkungen  unkontrollierten Smartphone-Konsums bei Kindern und Jugendlichen. © Foto: Diether v. Goddenthow
Bärbel Schäfer talkt mit Professor Dr. Dr. Manfred Spitzer im ARD-Forum auf der 70. Frankfurter Buchmesse am 10. Oktober 2018 über die Risiken und Nebenwirkungen unkontrollierten Smartphone-Konsums bei Kindern und Jugendlichen. © Foto: Diether v. Goddenthow

Manfred Spitzer warnt auf der diesjährigen Buchmesse beim Talk mit Bärbel Schäfer im ARD-Forum dringend vor einer weiteren Digitalisierung von Lernmedien und unkontrolliertem Smartphone-Konsum bis zum 25. Lebensjahr. Seine zentralen, wissenschaftlich abgesicherten Aussagen über Negativfolgen wie Kurzsichtigkeit, IQ-Verlust, Notenverschlechterung und Suchtentwicklung hat Spitzer in seinem neuen, im Klett-Cotta-Verlag erschienen Werk „Smartphone-Epidemie. Gefahren für Gesundheit, Bildung und Gesellschaft“ festgehalten. Das 360 Seiten umfassende Werk nennt allein 100 internationale Studien auf 45 Seiten, die belegen, wie gefährlich insbesondere für Kinder und Jugendliche ungezügelter Handykonsum und eine Verdigitalisierung ihrer Lernmittel sind.

Gefahr Kurzsichtigkeit
Die Studien zeigten insgesamt, „dass das Ding (Smartphone) wirklich massive Risiken und Nebenwirkungen macht“, so  der Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm und Neurowissenschaftler Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer. Beispielsweise wisse man seit drei, vier Jahren, „dass sich bei Heranwachsenden Kurzsichtigkeit entwickelt, wenn sie zu viel in die Nähe auf einen Bildschirm schauten. Wenn das heranwachsende Auge versuche scharf zu stellen, schaffe es das nur durch Längenwachstum, wodurch zwangsläufig Kurzsichtigkeit entstünde, und zwar nur im Alter zwischen 0 und 25 Jahren“, so Spitzer. Zudem sei das Dumme halt, dass das Smartphone, welches das am meisten benutzte digitale Endgerät sei, auch noch den kleinsten Bildschirm habe, „weswegen man es, um zu lesen, besonders nah vor die Augen hält“, so der Neurowissenschaftler.
In Südkorea wären bereits 95 Prozent der Unter20jährigen  kurzsichtig. „Das nennt man Epidemie, und zwar Sehbehinderungs-Epidemie, eine erworbene Sehbehinderung, die normalerweise ein bis fünf Prozent der Bevölkerung betrifft“, erklärt Spitzer. In Europa liege die Kurzsichtigkeitsrate bei den Unter20jährigen mittlerweile bei 30 Prozent und in China, einem ähnlich wie  Korea hoch digitalisiertem Land,  bei 80 Prozent.

Gefahr Suchtpotential
Woran es denn liege, hakt Moderatorin Bärbel Schäfer nach, dass wir sehenden Auges auf eine medizinische Katastrophe zusteuerten und dass junge Menschen ein so emotionales Verhältnis zu ihrem Gerät entwickelten und sagten „das ist mein Leben“?
Unter anderem läge es daran, so Spitzer, dass viele Anwendungen, die auf dem Smartphone laufen, Sucht erzeugten. Das haben Programmierer selbst publiziert. In Südkorea gäbe es bereits 30 Prozent Smartphone-Süchtige, so der Neurowissenschaftler.

Das Smartphone macht süchtig. Das sei auch seit Sommer 2017 von der WHO als Krankheit anerkannt. „Über Jahre hinweg war es nur für die Forschung anerkannt, um es weiter zu untersuchen. Mittlerweile sind Internet und Computersucht eine anerkannte Krankheit“ und die laufe zumeist über das häufigste benutzte digitale Endgerät, nämlich über das Smartphone, genauso wie die Facebook-Sucht untersucht und bestätigt sei. Es wäre nachgewiesen, dass bei der Facebook-Sucht die gleichen Hirnzentren wie bei der Kokainsucht beteiligt wären. „Wir wissen darüber ganz viel. Ich wollte das Buch schreiben, damit keiner mehr sagen kann: ‚Hey, Sie wussten das alles, und Sie haben nichts gesagt. Wäre doch wichtig gewesen!‘ Jetzt kann keiner mehr sagen: ‚Wir haben’s nicht gewusst!‘“, erklärt Spitzer sein kompromissloses Engagement gegen den leichtfertigen, vom allgemeinen Mainstream und der Bitkom-Industrie befeuerten  Smartphone-Konsum von Kindern und Jugendlichen.

smartphone-epidemie4Die Facebook-Sucht funktioniere beispielsweise über die Verstärkung von bestimmten Verhaltensweisen: „Wir sind neugierige Menschen vor allem auf soziale Sachverhalte“, so Spitzer, und bei Facebook gäbe man Zeit rein und kriege Likes raus! „Menschen mögen gemocht werden – das ist eines unserer Grundbedürfnisse. Genauso sind wir von Grund auf neugierig: wir wollen wissen, was die anderen machen. Und wenn die uns dauernd Nachrichten schicken, gucken wir auch dauernd rein.“, erklärt der Neurowissenschaftler.

Gefahr IQ-Verlust
Es sei mittlerweile sogar wissenschaftlich nachweisen, dass Leute dann einen wesentlich geringeren IQ haben, wenn sie bei ihrer Arbeit ein Smartphone neben sich auf dem Schreibtisch liegen haben, selbst, wenn es ausgeschaltet ist: „Sie könnten es ja einschalten und etwas nachgucken. Und sie müssen dauernd versuchen, aktiv das nicht zu tun. Und weil wir diesen Impuls dauernd unterdrücken müssen, fehlt ihnen der Gehirnschmalz, zum Beispiel, wenn Sie einen IQ-Test machen, was sich so auswirkt, dass einer, der mit einem IQ von Gymnasiasten sein Smartphone auf den Tisch legt, dann bloß noch einen IQ von einem Hauptschüler hat“, erklärt der Neurowissenschaftler. Das habe eine große amerikanische Studie herausgefunden.
Selbst wenn das Smartphone ausgeschaltet in einer Handtasche läge, könne es die Konzentration beeinträchtigen, aber nicht ganz so schlimm, als wenn es auf dem Tisch läge. Auch das wurde untersucht, so Spitzer. Am ‚sichersten‘ sei es natürlich das Smartphone ausgeschaltet im Nachbarzimmer zu lassen, damit man es gar erst nicht sähe.

Gefahr von Lernverhinderung
„Wenn ich mich dem jetzt entziehe, bin ich ja plötzlich gestrig, old school, old fashion und gar nicht mehr vorne, wo angeblich alles passiert“, so Bärbel Schäfer und fragt: „Was antworten Sie denn  denen, die sagen: Sei nicht von gestern, wir müssen nach vorne?“. „Die sollten besser ihre Hausaufgaben machen, so Spitzer, denn es könne doch nicht sein, „dass wir dieses Ding kaufen, nur weil es alle kaufen, nur weil jemand sagt, das sei die Zukunft!“, so der Neurowissenschaftler. Er habe zwar auch Smartphone und Computer, weil es „ein tolles Werkzeug ist, wenn man bestimmte geistige Arbeiten verrichten will“. Aber tauge nicht zum Lernen!  Denn gelernt werde ja nicht durch Downloaden: „Mein Gehirn macht sowas nicht, kann es nicht. Gehirne lernen, indem sie arbeiten. Denn Gehirne müssen arbeiten, und wenn sie dann arbeiten, dann ändern sich die Verbindungen zwischen den Nervenzellen. Die nennt man Synapsen, und die werden wirklich stärker. Und diesen Prozess nennen wir lernen“, erläutert Spitzer die neuronalen Basics des Lernens und legt noch ein Schippchen drauf: „alles, was ich dem Geist an Arbeit abnehme, verhindert Lernen. weswegen Computer Lernverhinderungsmaschinen sind!“, warnt der Neurowissenschaftler uns schimpft: Es sei daher ein Skandal, dass aber all unsere Schulen wider besseren Wissens dennoch digitalisiert werden sollen.

Gefahr von Notenverschlechterung

Längst sei nachgewiesen, dass, wenn Schulen digitalisiert würden, „der Lernerfolg um zirka 20 Prozent abnimmt“. Dazu gäbe es große, riesige Studien, die Spitzer alle in seinem Buch benennt. Wenn man Pisa-Daten der letzten 10 Jahre analysiere und schaue, wie sich Schüler der etwa 60 miteinander verglichenen Nationen in Pisa verändert haben und wie viel in jedem dieser Länder in digitale IT-Technik an Schulen investiert wurde, sähe man, dass überall dort, wo am meisten in die digitale schulische Infrastruktur gesteckt wurde, die Noten der Schüler am meisten heruntergegangen seien. Australien zum Beispiel investierte im Jahr 2008 rund 2,4 Milliarden mit der Folge, dass hier die Schüler in den PISA-Ergebnissen am heftigsten abgeschmiert sind und sich massiv verschlechtert hätten, so Spitzer. Der Neurowissenschaftler warnt dringend davor, hierzulande entgegen aller neuen Erkenntnisse der Neurowissenschaft   Kitas und Klassenzimmer digital aufrüsten zu wollen, während man in anderen Ländern aufgrund negativer Erfahrungen wie Verschlechterung der Schulnoten zurückrudere. So habe beispielsweise der französische Präsident Macron ab Herbst 2018 ein Smartphone-Verbot an Schulen durchgesetzt.

Marcron habe vielleicht eine große Londoner Studie von Wirtschaftswissenschaftlern über Telefonverbote zwischen 2002 und 2012 an 90 Schulen für 30 000 Schüler  gelesen. Der Effekt war, dass sich innerhalb der fünf Jahre nach dem Handyverbot die Notendurchschnitte im Vergleich der fünf Jahre vor dem Handybot deutlich verbessert hatten.

Gefahr, dass die Lernschwachen noch schwächer werden

Aber die Studie, die aufgrund der enormen Datenmenge Subgruppen-Analysen ermöglicht habe, hätte außerdem gezeigt, dass die Schwächsten, zirka 20 Prozent der Schüler, sich durch Smartphone-Verbot am meisten verbessert hätten. Der Notenschnitt der 20 Prozent besten Schüler änderte sich hingegen  nicht. In den Leistungsgruppen dazwischen ginge es mit der Notenverbesserung wie  in Treppchen. Es stimme also nicht, das man Bildungs-Gegerechtigkeit dadurch schaffe, indem man jedem Hartz-IV-Empfängerkind ein Smartphone oder anderes digitales Endgerät kostenlos zur Verfügung stelle, damit „ein Arbeiterkind den gleichen Zugang zur Bildung habe“, so der Neurowissenschaftler. Das wäre ideologisches Wunschdenken, da Fakt sei: „Wenn sie ‚den Schwachen‘ digitalisieren, wird der noch schwächer, und das ist das Unsozialste, was sie machen können!“
Mit Digitalisierung des Unterrichtes werde vor allem denen geschadet, „die sowieso schon schwach sind. Das ist nachgewiesen, nicht nur in der Studie, die ich gerade erwähnt habe, sondern in fünf, sechs anderen auch“, so Spitzer.

Vorwissen entscheidet über Digitalnutzen
Um überhaupt digitale Medien produktiv nutzen zu können, benötige man weder große Medienkompetenz noch einen Internet-Führer-Schein, sondern entsprechendes Vorwissen, so Spitzer. Denn „je mehr Sie wissen, desto besser können Sie auch googlen. Ihr Vorwissen hilft Ihnen, das, was ihnen Google auf den Bildschirm schmeißt, zu werten. Wenn Sie kein Vorwissen haben, dann nützt Ihnen Google null.“, so der Neurowissenschaftler.

Es sei daher ganz wichtig, dass in Kindheit und Jugend das Gehirn massiv auftrainiert werde, weil es nur so funktioniere. Das kindliche Sprachzentrum, lerne beispielsweise dadurch sprechen, dass mit dem Kind gesprochen werde. Es sauge sozusagen aus dem Gespräch die Information, die Bedeutung des Gesagten, was in den Synapsen abgebildet werde. Der Witz dabei sei, so Spitzer: „Wenn Sie dann noch eine zusätzliche Sprache lernen, werden die Sprachzentren noch trainierter, und wenn sie noch eine weitere Sprache lernen, noch trainierter. Und mein Punkt ist: Wenn einer fünf Sprachen kann, dann lernt er dann besser noch eine sechste, als einer, der nur die Muttersprache kann, weil er schon fünf Sprachen kann.“ Es sei ein Irrglaube, wenn man sage „Meine Sprachzentren sind langsam voll. Ich kann schon fünf Sprachen.“ Daraus folge, dass das Gehirn im Gegensatz zu einer Festplatte, die irgendwann voll ist, umso mehr noch weitere Informationen aufnehmen kann, „je mehr schon da drin ist“.

Es stimme einfach nicht, wenn gesagt werde, die Digital Natives seien gut dran, weil sie Informationen auslagerten und deswegen mehr Platz für anderes in ihrem Gehirn reservierten. „Wenn sie in der Schule kein Englisch lernen, dann haben sie nicht 20 Prozent mehr Platz für Chinesisch, das ist dummes Zeug.  Alles, was sie in ihrer Jugend nicht gelernt haben, erschwert Ihnen weiteres Lernen im Alter, weswegen es so wichtig ist, dass wir im Gegenteil in der Jugend nichts auslagern. Rechtschreiben, Kopfrechnen, auf Bäume klettern, Fußballspielen, sich mit den Händen beweisen, all das ist Lernen, ist wichtig zum Lernen“, so Spitzer. Es wäre zudem für die Hirnentwicklung ganz furchtbar, dass sich in den letzten 30 Jahren der Aktionsradius von Kindern auf 10 Prozent verringert habe.

Apple baut Haftungsansprüchen wegen Smartphone-Risiken vor

Selbst Apple-Chef Tim Cook empfiehlt zu einem maßvolleren Umgang mit Smartphones, weswegen auf den letzten Entwicklerkonferenzen Software vorgestellt wurde, „die uns besser erlaubt, auch unsere eigene Smartphone-Nutzung zu begrenzen und vor allem auch Eltern ermöglicht, den Smartphone-Konsum der Kinder besser zu kontrollieren.“ Der Hintergrund dieser Entwicklung sei gewesen, erläutert Spitzer,  dass im Januar 2018 Apple-Investoren  besorgt auf die gesundheitlichen Nebenwirkungen von Smartphones hingewiesen und angefragt hätten, was  Apple eigentlich täte, wenn 5 Milliarden Nutzer den Konzern verklagten: „dann seid sogar ihr, die reichste Firma der Welt, pleite. Apple hat das sehr ernst genommen, und hat tatsächlich reagiert: Daran sieht man ja auch, wie schlimm es schon ist“, unterstreicht der Neurowissenschaftler.

„Was ich sage, ist ja nur das, was in der medizinischen Literatur steht. Daten, die zeigen, dass Kinder in der Schule besserwerden, wenn sie Computer einführen oder Smartphone, Tablets, die gibt es nicht!“, resümiert Spitzer und schimpft mit Recht: „Wenn man weiß, dass dieses Ding (Smartphone) dem Lernen von Schülern massiv schadet, und andere digitale Medien an Schulen auch, dann bin ich doch dagegen, dass erstens die Regierung dafür 5 Mrd. in die Hand nimmt, zweitens, eine Grundgesetzänderung macht, um das Lernen zu stören und gleichzeitig noch die Bildungshoheit den Ländern zu entziehen und sie nach Kalifornien weiterreicht an die reichsten Firmen der Welt, die sich um unsere Kinder nicht kümmern, aber um ihren eigenen Profit. Das ist ein Skandal!“

Pflichtlektüre für alle, der die Lerngesundheit unserer Kinder ernsthaft am Herzen liegt:

smartphone-epidemie4 Manfred Spitzers höchst empfehlenswertes, fundiertes und trotzdem für interessierte Laien sehr lesbares und verständlich geschriebenes Werk „Smartphone-Epidemie. Gefahren für Gesundheit, Bildung und Gesellschaft“, Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2018, sollte Pflichtlektüre werden für alle, die politisch, beruflich oder privat mit Bildung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen zu tun haben, sei es in Kindergarten, Schule, Freizeit oder Zuhause.

(Diether v. Goddenthow /Rhein-Main.Eurokunst)

Zur Person des Autors

Professor Dr. Dr. Manfred Spitzer. © Foto: Diether v. Goddenthow
Professor Dr. Dr. Manfred Spitzer. © Foto: Diether v. Goddenthow

Manfred Spitzer, Prof. Dr. Dr., geboren 1958, studierte Medizin, Psychologie und Philosophie in Freiburg. Von 1990 bis 1997 war er als Oberarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Heidelberg tätig. Zwei Gastprofessuren an der Harvard-Universität und ein weiterer Forschungsaufenthalt am Institute for Cognitive and Decision Sciences der Universität Oregon prägten seinen Forschungsschwerpunkt im Grenzbereich der kognitiven Neurowissenschaft und Psychiatrie. Seit 1997 hat er den neu eingerichteten Lehrstuhl für Psychiatrie der Universität Ulm inne und leitet die seit 1998 bestehende Psychiatrische Universitätsklinik in Ulm. Seit 1999 ist er Herausgeber des psychiatrischen Anteils der Zeitschrift Nervenheilkunde; seit Frühjahr 2004 leitet er zudem das von ihm gegründete Transferzentrum für Neurowissenschaft und Lernen in Ulm und moderiert eine wöchentlich in BR-alpha ausgestrahlte Fernsehserie zum Thema Geist und Gehirn.

Kleines Addendum:

Auch in den Niederlanden weiß man seit Sommer 2018, dass der „Traum von der digitalisierten Schule“ geplatzt ist. Hollands Digital-Schulen waren ein Flop: Was Deutschland aus den Fehlern lernen kann
Siehe auch Vortrag von Peter Hensinger, M.A. bei der GEW in Gelsenkirchen. Er weist nach, dass die Forderung nach digitalisiertem Unterricht nicht von der Erziehungswissenschaft, sondern von der Industrie kommt: Trojanisches Pferd „Digitale Bildung“: Big Brother ist teaching you!,

 

 

 

Die sechs Finalisten für den Deutschen Buchpreis 2018 sind ermittelt

Deutscher Buchpreis: Die Shortlist 2018 María Cecilia Barbetta, Maxim Biller, Nino Haratischwili, Inger-Maria Mahlke, Susanne Röckel und Stephan Thome ziehen mit ihren Werken ins Finale ein. © Foto: Christina Weiß
Deutscher Buchpreis: Die Shortlist 2018
María Cecilia Barbetta, Maxim Biller, Nino Haratischwili, Inger-Maria Mahlke, Susanne Röckel und Stephan Thome ziehen mit ihren Werken ins Finale ein. © Foto: Christina Weiß

Die Jury hat die sechs Romane für die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2018 ausgewählt:

  • María Cecilia Barbetta: Nachtleuchten (S. Fischer, August 2018)
  • Maxim Biller: Sechs Koffer (Kiepenheuer & Witsch, September 2018)
  • Nino Haratischwili: Die Katze und der General (Frankfurter Verlagsanstalt, August 2018)
  • Inger-Maria Mahlke: Archipel (Rowohlt, August 2018)
  • Susanne Röckel: Der Vogelgott (Jung und Jung, Februar 2018)
  • Stephan Thome: Gott der Barbaren (Suhrkamp, September 2018)

Christine Lötscher (freie Kritikerin), Sprecherin der Jury des Deutschen Buchpreises 2018, zur Auswahl: „,Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen‘ – der berühmte Satz, den Faulkner 1951 schrieb, hängt wie ein unausgesprochenes Motto über der deutschsprachigen Literatur dieses Jahres. Die sechs nach Ansicht der Jury gelungensten und wichtigsten Romane folgen ganz unterschiedlichen Spuren in die Vergangenheit oder in mythische Schichten der Wirklichkeit – fabulierend, spekulierend, verspielt; mit lakonischer Eleganz und bittersüßer Präzision, mit epischer Langsamkeit und spannungsgeladener Wucht. Antworten bekommen wir auf diesen Reisen durch Raum und Zeit nicht, und schon gar keine einfachen Wahrheiten. Umso faszinierter lässt man sich als Leserin, als Leser auf vielstimmige Erzählkompositionen und auf die Sinnlichkeit einer anderen Zeit ein, die immer auf unsere verweist.“

Die sieben Jurymitglieder haben seit Ausschreibungsbeginn 199 Titel gesichtet, die zwischen Oktober 2017 und dem 11. September 2018 erschienen sind.

Der Jury für den Deutschen Buchpreis 2018 gehören neben Christine Lötscher an: Christoph Bartmann (Goethe-Institut Warschau), Luzia Braun (ZDF), Tanja Graf (Literaturhaus München), Paul Jandl (freier Kritiker), Uwe Kalkowski (Literaturblog „Kaffeehaussitzer“) und Marianne Sax (Bücherladen Marianne Sax, Frauenfeld).

Mit dem Deutschen Buchpreis 2018 zeichnet die Börsenverein des Deutschen Buchhandels Stiftung den deutschsprachigen Roman des Jahres aus. Der Preisträger oder die Preisträgerin erhält ein Preisgeld von 25.000 Euro; die fünf Finalistinnen und Finalisten erhalten jeweils 2.500 Euro. Die Preisverleihung findet am 8. Oktober 2018 zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse im Kaisersaal des Frankfurter Römers statt.

Der Deutsche Buchpreis wird von der Börsenverein des Deutschen Buchhandels Stiftung vergeben. Förderer des Deutschen Buchpreises ist die Deutsche Bank Stiftung, weitere Partner sind die Frankfurter Buchmesse und die Stadt Frankfurt am Main. Die Deutsche Welle unterstützt den Deutschen Buchpreis bei der Medienarbeit im In- und Ausland. Interessierte können die Preisverleihung per Live-Stream unter www.deutscher-buchpreis.de verfolgen.
Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kultur übertragen die Preisverleihung im Rahmen von „Dokumente und Debatten” im Digitalradio und auf www.deutschlandradio.de/debatten.

Ab 26. September 2018 werden Auszüge aus den Shortlist-Titeln in englischer Übersetzung und ein englischsprachiges Dossier zur Shortlist auf dem Internetportal www.new-books-in-german.com präsentiert. „Die Buchpreisblogger“ stellen auf www.deutscher-buchpreis-blog.de alle nominierten Titel vor. Die Bloggerinnen und Blogger lesen die 20 Bücher der Longlist, verfassen Rezensionen, bieten Hintergrundinformationen und kritische Debattenbeiträge. Zusammengeführt werden die Beiträge auch auf der Facebook-Seite des Deutschen Buchpreises sowie unter dem Hashtag #dbp18.

„Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen“ von Yuval Noah Harari ist bestes Wirtschaftsbuch – Wirtschaftsbuchpreis 2017 verliehen

Yuval Noah Harari  erhielt für „Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen“ aus dem C.H.Beck –Verlag, den Wirtschaftsbuchpreis 2017 - Foto aus der Videobotschaft - (Handelsbltt)
Yuval Noah Harari erhielt für „Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen“ aus dem C.H.Beck –Verlag, den Wirtschaftsbuchpreis 2017 – Foto aus der Videobotschaft – (Handelsbltt)

Der mit 10 000 Euro dotierte Wirtschaftsbuchpreis 2017 geht an Yuval Noah Hararis für sein opulentes Werk „Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen“ aus dem C.H.Beck –Verlag München. Das Werk wurde international bereits über eine Millionen mal verkauft, und sprengt alle Denk-Dimensionen.  Der israelische Autor und Historiker Yuval Noah Harari gilt als einer der letzten Universalgelehrten und wurde mit seinem Weltbestseller «Eine kurze Geschichte der Menschheit» berühmt.

Yuval Harari: Homo Deus. Eine Geschichte von morgen. Beck, 576 Seiten, 24,95 Euro

Gabor Seingart, Herausgeber des Handelsblatts, Jury-Vorsitzender und Laudator.
Gabor Seingart, Herausgeber des Handelsblatts, Jury-Vorsitzender und Laudator.

Obwohl Hararis Werk weit über einen Wirtschaftsbuchtitel hinausragt, ist es von einer hochkarätigen Experten-Jury zum besten Wirtschaftsbuch des Jahres 2017 gekürt worden. „Wer dieses Buch liest, nimmt eine Weltbibliothek des Wissens in sich auf. Er nimmt an einem ‚Studium Generale‘ teil, das mit einem Zertifikat in Futurologie endet.“, sagte Gabor Steingart, Herausgeber des Handelsblatts und Juryvorsitzender des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises. Der Juryvorsitzende machte es bei der Preisverleihung am vorigen Freitagabend im Steigenberger Frankfurter Hof mit der Bekanntgabe des Siegertitels aus 10 Finalisten des Wirtschaftsbuchpreises spannend.

Jury-Mitglied Professor Ann-Kristin Achleitner. Foto: Diether v. Goddenthow
Jury-Mitglied Professor Ann-Kristin Achleitner. Foto: Diether v. Goddenthow

Eröffnet hatte die Präsentation der 10 Finalisten-Titel Jury-Mitglied Professor Ann-Kristin Achleitner mit einer fulminanten Keynote über das Lesen und was gute Bücher ausmacht. Auf neuropsychologische Studienergebnisse gestützt, sei es nun auch wissenschaftlich bewiesen, dass gute Bücher unsere Neugierde und damit die Ausschüttung von Dopamin anregten, kurzum: „ein gutes Buch kann glücklich machen und hält jung“, so Achleitner, die mit Voltaires – nun posthum neurowissenschaftlich belegten – Worten schloss: „Die nützlichsten Bücher sind die, die den Leser dazu anregen, sie zu ergänzen.“.

Anschließend stellten die Shortlist-Autoren bzw. vertretungsweise ihre Verleger in zweiminütigen Statements, in einem so genannten „elevator pitch“, die 10 Finalisten-Titel vor. Das Publikum, Mitglieder des Handelsblatt-Wirtschaftsclubs, Verleger, Medienleute usw., war begeistert.

Die Spannung stieg, und bevor Gabor Steingart, in Beisein von Buchmessen-Geschäftsführer Juergen Boos und den Co-Vorstandsvorsitzenden der Goldman Sachs AG, Dr. Wolfgang Fink und Dr. Jörg Kukies die Katze aus dem Sack ließ, wurde das Saalpublikum um ein Votum gebeten. Die Handzeichen-Abstimmung brachte jedoch keinen bestimmten Trend für eins, zwei Titel.
Schließlich lüftete Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart das Geheimnis: „Der Sieger des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises 2017 ist Yuval Noah Harari mit seinem im Beck-Verlag erschienenen Buch „Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen.“ In der Begründung der Jury heißt es: „Es geht um die Folgen des technisch-zivilisatorischen Umbruchs, in dem wir uns befinden. Der Autor bietet brillant geschriebene Denkanstöße und startet eine Debatte, die von uns allen fortgeführt werden muss“. Das Buch sei keine Science-Fiction und Harari sei auch kein Zukunftspessimist. Der Autor habe extrem spannende Ansätze, eine neue Sicht der Dinge, um auf die Themen der Zukunft zu fokussieren, erläuterte Steingart.

Harari wurde von seinem Verleger Jonathan Beck vertreten. Denn einmal im Jahr zieht sich der Historiker und Universalgelehrte Harari für zwei Monate zum Meditieren nach Indien zurück, wo er zur Zeit verweilt, und zwar: ohne E-Mails, Computer, Telefon und sogar ohne Bücher. Wie er in einer Videoeinspielung mitteile, spräche er während seiner Auszeit mit niemandem und versuche,  ganz im Jetzt zu leben und  seinen Körper und Geist tz hören. Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart hatte Yuval Noah Harari in Tel Aviv besucht und dabei die Video-Aufzeichnung des Interviews anfertigen lassen.
Per Video erläutert  Harari den Ansatz seines neuen Buches: Er habe in seinem letzten Werk «Eine kurze Geschichte der Menschheit» beschrieben, wie die einzigartige Fähigkeit des Menschen, an kollektive Mythen wie „Gott, Menschenrechte oder Geld“  glauben zu können, ihn befähigt habe, diesen Planeten zu erobern.
In seinem neuen Werk «Homo Deus» untersuche er nun, was passieren könnte, wenn unsere alten Mythen mit revolutionären neuen Technologien verbunden würden. Wie würde der Islam mit der Gentechnik umgehen? Wie würde der Sozialismus auf den Aufstieg der Nichtarbeiterklasse reagieren? Wie würde der Liberalismus mit einem Big Brother, der mit Big Data gefüttert wird, zurechtkommen? Würde das Silicon Valley am Ende nicht nur neue Geräte, sondern auch neue Religionen produzieren? Was würde mit der Demokratie passieren, wenn Google und Facebook unsere Vorlieben und unsere politischen Einstellungen besser kennen als wir selbst? Was würde aus dem Wohlfahrtsstaat, wenn Computer die Menschen vom Arbeitsmarkt verdrängen und eine gigantische Klasse der «Unnützen» schaffen? Was wäre, wenn die Biotechnologie die menschliche Lebenserwartung radikal verlängerte und es uns erlaubte, sowohl unserem Körper als auch unserem Geist ein Upgrade zu gönnen. Würden diese Verbesserungen dann für alle und jeden verfügbar sein? Oder würden wir eine noch nie dagewesene biologische Ungleichheit zwischen Arm und Reich erleben? Harari meint, dass der  Unterschied zwischen technologisch aufgerüsteten «Übermenschen» und den einfachen Menschen aus Fleisch und Blut sogar größer sein könnte, als der zwischen dem Homo Sapiens und dem Neandertaler.

Harari geht von der Grundüberzeugung aus, dass Erfolg nicht Glück bedeute, sondern  das Verlangen nach mehr hervorrufe, weswegen der Mensch letztlich alles, was machbar sei, auch zu realisieren versuche, und keine Grenzen kenne. Im Kern geht es um die Erkenntnis, dass alles in unserer Welt mehr oder weniger datengesteuert sei, und dass Jene, die die Algorithmen programmierten und Datenströme beherrschten, die Macht und das Sagen hätten. Hier setzt Hararis Erklärungsmodell der Welt an, ein Erklärungsmodell  wie wir es noch nie kennengelernt haben, so Gabor Steingart. Harari spekuliert über eine neue Datenreligion und verknüpft diese mit der Menschheitsgeschichte. „Wir sollen uns trauen, auch das bisher Undenkbare zu denken. Denn wenn wir eine Chance haben wollen, den Algorithmus zu schlagen, dann müssen wir disruptiv denken. Wir müssen den Computer erst durchschauen und dann überlisten.“, so Handelsblatt-Herausgeber Cabor Seingart in seiner Laudatio.

(Diether v. Goddenthow /Rhein-Main.Eurokunst)

Siehe auch  im Handelsblatt die Beiträge: von Regina Krieger:  Gegen die Gegenwartsverliebtheit von Gabor Steingart„Das System ist erstarrt“

Buchmessensplitter: Udo Lindenberg stellt seinen Bildband „Udo Lindenberg – Stärker als die Zeit“ vor

"Das Werk haut mich schier um", Panikrocker Udo Lindenberg am Teneues-Stand auf der Frankfurter Buchmesse. Foto: Diether v. Goddenthow
„Das Werk haut mich schier um“, Panikrocker Udo Lindenberg am Teneues-Stand auf der Frankfurter Buchmesse. Foto: Diether v. Goddenthow

Highlife herrschte nicht nur am Donnerstag-Abend in der Leica Galerie der Frankfurter Innenstadt als Udo Lindenberg seinen neuen Bildband „Udo Lindenberg – Stärker als die Zeit“ vorstellt. Totaler Stau herrschte auch am Stand des TeNeues-Verlages auf der Frankfurter Buchmesse und beim anschließendem „Live on Stage“, von 17:30 Uhr bis 18 Uhr am Open Stage (AGORA) mit anschließender Signierstunde.
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Die Fotos aus dem Bildband „Udo Lindenberg – Stärker als die Zeit“ stammen aus der Kamera von Tine Acke, die seit 20 Jahren nicht nur Hoffotografin ist, sondern auch seine „Komplizin fürs Leben“. Vier Jahre lang hat Tine Acke, Jahrgang 1977, den Grandseigneur des deutschen Rock´n´Roll auf seiner Tour begleitet, da er sich zum 70. so einen Band gewünscht hatte. „Im Schleudergang ging es durch die Stadien der Republik – das Motto: größer, schneller, weiter. Über eine Million Zuschauer sahen live atemberaubende Shows, unglaubliche Effekte und einen Künstler, der seinen Fans noch nie so nah war. ‚Kein Konzert, sondern ein Lehrstück über die Liebe‘, schrieb begeistert die WELT. Und sie hat recht damit.“ (Teneues).

staerkeralsdieZeit.w

TINE ACKE: UDO LINDENBERG – STÄRKER ALS DIE ZEIT – DIE STADIONTOUR.
Die Stadiontour fotografiert von Tine Acke. Mit Beiträgen von Tine Acke, Uwe Bahn, Günter Jäckle , Niko „Die Zarin“ Kazal, Arno Köster, Udo Lindenberg, Tim Pröse, Hannes Rossacher, Sonja „Schwessi“ Schwabe, Lena Steeg, Steffi Stephan, und Roland „Balou“ Temme, Benjamin von Stuckrad-Barre.Erschienen bei teNeues. 352 Seiten. Preis: 50 Euro. Auch erhältlich als Collector’s und Limited Edition.

Tetsche gewinnt den Deutschen Cartoonpreis 2017 Freiluftausstellung auf der Agora der Frankfurter Buchmesse

v.li.: Katharina Greve, dritter Preis, Cartoonisten-Duo Hauck & Bauer, zweiten Platz, und dazwische, zweiter von rechts: Fred Tödter alias Tetsche, erster Preis. Foto: Diether v. Goddenthow
v.li.: Katharina Greve, dritter Preis, Cartoonisten-Duo Hauck & Bauer, zweiten Platz, und dazwische, zweiter von rechts: Fred Tödter alias Tetsche, erster Preis. Foto: Diether v. Goddenthow

Der gemeinsam von der Frankfurter Buchmesse und dem Lappan Verlag in der Carlsen Verlag GmbH vergebene Deutsche Cartoonpreis 2017 geht an Fred Tödter alias Tetsche aus Steinkirchen. Den zweiten Platz belegt das Cartoonisten-Duo Hauck & Bauer, den dritten Preis erhält die Künstlerin Katharina Greve.

1. Preis

Fred Tödter alias Tetsche, erster Preis. America first.
Fred Tödter alias Tetsche, erster Preis. America first.

Aus mehr als 2500 Einsendungen wählte eine Jury die besten seit November 2016 entstandenen Cartoons aus. Der Jury gehörten Hendrik Hellige (Director Business Development Visual Culture & Kinder- u. Jugendbuch), Rolf Dieckmann (ehemaliger Humorchef beim STERN), Antje Haubner (Lektorin Lappan Verlag), Wolfgang Kleinert (Chef der Berliner Cartoonfabrik), Dieter Schwalm (Programmleiter Lappan Verlag) und Martin Sonntag (Leiter der Caricatura in Kassel) an.

Der Deutsche Cartoonpreis 2017 ist dotiert mit
3.000 € für den 1. Preis
2.000 € für den 2. Preis
1.000 € für den 3. Preis

Über 150 Cartoonisten folgten in diesem Jahr dem Aufruf, ihre besten Arbeiten für den Deutschen Cartoonpreis einzureichen. 273 Cartoons von insgesamt 82 Künstlern wurden von den Herausgebern für das Buch BESTE BILDER 8 ausgewählt, das pünktlich zur Preisverleihung erscheint. Die Anthologie zeigt das Beste an gezeichnetem Zeitgeist, Humor und Nonsens des Jahres 2017. Dieser Jahresrückblick hat beim Lappan Verlag Tradition, seit 2010 gibt es die Sampler BESTE BILDER des Jahres.

Die 25 besten der Bilder, aus denen zuletzt die drei Sieger-Cartoons  ermittelt wurden, zeigt die Freiluftausstellung auf der Agora der Frankfurter Buchmesse.  Darüber hinaus wird die Caricatura - Galerie für komische Kunst in Kassel, diese Bilder in der Ausstellung Beste Bilder 8 zeigen vom 09. Dezember 2017 bis 18. Februar 2018. Foto: Diether v. Goddenthow
Die 25 besten der Bilder, aus denen zuletzt die drei Sieger-Cartoons ermittelt wurden, zeigt die Freiluftausstellung auf der Agora der Frankfurter Buchmesse. Darüber hinaus wird die Caricatura – Galerie für komische Kunst in Kassel, diese Bilder in der Ausstellung Beste Bilder 8 zeigen vom 09. Dezember 2017 bis 18. Februar 2018.
Foto: Diether v. Goddenthow

Eine Auswahl der BESTEN BILDER aus dem Jahr 2017 ist in einer Freiluftausstellung auf der Agora der Frankfurter Buchmesse zu sehen. Darüber hinaus zeigt die Caricatura – Galerie für komische Kunst vom 09. Dezember 2017 bis 18. Februar 2018 die BESTE BILDER 8-Ausstellung in Kassel.

Mit dem Preis, der Freiluftausstellung auf der Buchmesse und der Buchpublikation BESTE BILDER 8 präsentieren die Frankfurter Buchmesse und der Lappan Verlag den Cartoon als Kunstform einem breiten Publikum.

Das Buch zur Ausstellung – äußerst empfehlenswert! 

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Die Welt ist in der Krise und nichts kann den Irrsinn besser erklären und erträglich machen als ein komischer Jahresrückblick auf alles, was dieses Jahr geschieht. Sicher wird Trump ein Thema sein, die Wahlen in Frankreich und Deutschland, alles, was uns dieses Jahr umtreiben wird, uns fassungslos macht. Dieser Band enthält die witzigsten, interessantesten, hintersinnigsten und besten Cartoons des Jahres und zeigt gleichzeitig die Vorauswahl für den Deutschen Cartoonspreis 2017.

BESTE BILDER 8 – Die Cartoons des Jahres wird herausgegeben von Antje Haubner, Wolfgang Kleinert und Dieter Schwalm. 168 farbige Seiten, Softcover, € 9,99 (D) / € 10,30 (A), Lappan Verlag.

Robert Menasse erhält den Deutschen Buchpreis 2017 für seinen Roman „Die Hauptstadt“

Robert Menasse erhielt heute Abend im Frankfurter Römer den Deutschen Buchpreis 2017 des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels für sein Werk "Die Hauptstadt", Suhrkamp-Verlag, Berlni 2017, 24;00 Euro. Mit der Verleihung des Deutschen Buchpreises wird die Woche der Buchmesse eingeleitet. Foto: Diether v. Goddenthow
Robert Menasse erhielt heute Abend im Frankfurter Römer den Deutschen Buchpreis 2017 des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels für sein Werk „Die Hauptstadt“, Suhrkamp-Verlag, Berlni 2017, 24;00 Euro. Mit der Verleihung des Deutschen Buchpreises wird die Woche der Buchmesse eingeleitet.
Foto: Diether v. Goddenthow

Börsenverein zeichnet den deutschsprachigen Roman des Jahres aus / Preisverleihung im Frankfurter Römer vor 300 Gästen

Der Gewinner des Deutschen Buchpreises 2017 ist Robert Menasse. Er erhält die Auszeichnung für seinen Roman „Die Hauptstadt“ (Suhrkamp).

Am Shortlist-Abend im Literaturhaus Frankfurt hatte Robert Menasse noch „sein Schwein“, welches er sinnbildlich für „die“ Brüsseler Bürokratie-Verhältnisse in seinem spannenden Roman „Die Hauptstadt“ durchs Geschehen treibt, gegen Gerd Scobels „Auf-den-Hund-gekommen-Moderation“ verteidigt. Heute flossen Tränen der Rührung und Freude, als den österreichischen Autor völlig unerwartet der Deutsche Buchpreis 2017 traf.
Dem wortgewaltigen Außenseiters des Literaturbetriebs, der zunächst als Lektor für österreichische Literatur, dann als Gastdozent am Institut für Literaturtheorie – an der Universität São Paulo vor allem Lehrveranstaltungen über philosophische und ästhetische Theorien unter anderem über Hegel, Lukács, Benjamin und Adorno abhielt, hatte der Erfolgsschock zunächst ein wenig die Sprache geraubt.

Robert Menasse betont, dass jeder Shortlist-Kandidat den Deutschen Buchpreis 2017 verdient hätte. Foto: Diether v. Goddenthow
Robert Menasse betont, dass jeder Shortlist-Kandidat den Deutschen Buchpreis 2017 verdient hätte. Foto: Diether v. Goddenthow

Seine Worte fand Menasse aber rasch wieder und rief zunächst seinen Mitbewerbern zu: sie alle hätten diese Auszeichnung ebenso verdient. In der restlichen Zeit von drei Minuten, die für Dankesreden zugestanden werden, dankte der Träger des Deutschen Buchpreises 2017 der Jury, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und seinen Sponsoren, und allen, die an seinem Erfolg ihren Anteil hatten. Schließlich nutzte der Autor des preisgekrönten EU-bürokratiekritischen Romans „Die Hauptstadt“ (Suhrkamp, 2017, 24,00 Euro) die Gelegenheit, auch mal ein Lob an die EU-Beamten auszusprechen, nämlich dafür, dass sie vernünftigerweise die Buchpreisbindung und damit die Vielfalt des Literaturbetriebs bewahrt hätten.

Insofern trifft die Jury-Begrünung auch auf den Menschen Robert Menasse und nicht nur auf sein

Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels überreicht Robert Menasse die Urkunde des Deutschen Buchpreises 2017. Foto: Diether v. Goddenthow
Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels überreicht Robert Menasse die Urkunde des Deutschen Buchpreises 2017. Foto: Diether v. Goddenthow

Werk zu, wenn es darin heißt: „Das Humane ist immer erstrebenswert, niemals zuverlässig gegeben: Dass dies auch auf die Europäische Union zutrifft, das zeigt Robert Menasse mit seinem Roman ‚Die Hauptstadt‘ auf eindringliche Weise. Dramaturgisch gekonnt gräbt er leichthändig in den Tiefenschichten jener Welt, die wir die unsere nennen. Und macht unter anderem unmissverständlich klar: Die Ökonomie allein, sie wird uns keine friedliche Zukunft sichern können. Die, die dieses Friedensprojekt Europa unterhöhlen, sie sitzen unter uns – ‚die anderen‘, das sind nicht selten wir selbst. Mit ‚Die Hauptstadt‘ ist der Anspruch verwirklicht, den Robert Menasse an sich selbst gestellt hat: Zeitgenossenschaft ist darin literarisch so realisiert, dass sich Zeitgenossen im Werk wiedererkennen und Nachgeborene diese Zeit besser verstehen werden.“

Der Jury für den Deutschen Buchpreis 2017 gehören an: Silke Behl (Radio Bremen), Mara Delius (Die Welt), Christian Dunker (autorenbuchhandlung berlin), Katja Gasser (Österreichischer Rundfunk), Maria Gazzetti (Casa di Goethe, Rom), Tobias Lehmkuhl (freier Kritiker, Berlin) und Lothar Schröder (Rheinische Post).

„Wie schaffen wir es in der heutigen Zeit, Menschen mit Büchern zu erreichen? Indem wir Literatur über eine Vielzahl an Kanälen ins Gespräch bringen. Den Austausch über Literatur zu fördern, Debatten und Gespräche anzuregen, das ist der Grundgedanke des Deutschen Buchpreises. Seit dreizehn Jahren macht er erfolgreich aktuelle Romane zum Thema“, sagte Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, heute bei der Preisverleihung.

Foto: Diether v. Goddenthow
Foto: Diether v. Goddenthow

Für die Auszeichnung waren außerdem nominiert: Gerhard Falkner (Romeo oder Julia, Berlin Verlag), Franzobel (Das Floß der Medusa, Paul Zsolnay), Thomas Lehr (Schlafende Sonne, Carl Hanser), Marion Poschmann (Die Kieferninseln, Suhrkamp) und Sasha Marianna Salzmann (Außer sich, Suhrkamp).

Robert Menasse erhält ein Preisgeld von 25.000 Euro; die fünf Finalisten erhalten jeweils 2.500 Euro. Der Preisträger wurde in mehreren Auswahlstufen ermittelt. Die sieben Jurymitglieder haben seit Ausschreibungsbeginn 200 Titel gesichtet, die zwischen Oktober 2016 und dem 12. September 2017 erschienen sind. Aus diesen Romanen wurde eine 20 Titel umfassende Longlist zusammengestellt. Daraus haben die Jurorinnen und Juroren sechs Titel für die Shortlist gewählt.

Mit dem Deutschen Buchpreis 2017 zeichnet die Börsenverein des Deutschen Buchhandels Stiftung zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse den deutschsprachigen Roman des Jahres aus. Förderer des Deutschen Buchpreises ist die Deutsche Bank Stiftung, weitere Partner sind die Frankfurter Buchmesse und die Stadt Frankfurt am Main. Die Deutsche Welle unterstützt den Deutschen Buchpreis bei der Medienarbeit im In- und Ausland.

Unter www.deutscher-buchpreis-blog.de veröffentlichen die „Buchpreisblogger“ Rezensionen zu allen Titeln der Longlist sowie Hintergrundinformationen und kritische Debattenbeiträge. Mehr ist auf der Facebook-Seite des Deutschen Buchpreises und unter dem Hashtag #dbp17 zu finden.

Exklusive englische Übersetzungen von Leseproben der sechs Shortlist-Titel sowie ein englischsprachiges Dossier stehen unter www.new-books-in-german.com bereit.

Weitere Informationen und Termine des Preisträgers rund um die Frankfurter Buchmesse können abgerufen werden unter www.deutscher-buchpreis.de.

Zum Buch:

4.die.hauptstadtIn Brüssel laufen die Fäden zusammen – und ein Schwein durch die Straßen.
Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission, steht vor einer schwierigen Aufgabe. Sie soll das Image der Kommission aufpolieren. Aber wie? Sie beauftragt den Referenten Martin Susman, eine Idee zu entwickeln. Die Idee nimmt Gestalt an – die Gestalt eines Gespensts aus der Geschichte, das für Unruhe in den EU-Institutionen sorgt. David de Vriend dämmert in einem Altenheim gegenüber dem Brüsseler Friedhof seinem Tod entgegen. Als Kind ist er von einem Deportationszug gesprungen, der seine Eltern in den Tod führte. Nun soll er bezeugen, was er im Begriff ist zu vergessen. Auch Kommissar Brunfaut steht vor einer schwierigen Aufgabe. Er muss aus politischen Gründen einen Mordfall auf sich beruhen lassen; »zu den Akten legen« wäre zu viel gesagt, denn die sind unauffindbar. Und Alois Erhart, Emeritus der Volkswirtschaft, soll in einem Think-Tank der Kommission vor den Denkbeauftragten aller Länder Worte sprechen, die seine letzten sein könnten.
In seinem neuen Roman spannt Robert Menasse einen weiten Bogen zwischen den Zeiten, den Nationen, dem Unausweichlichen und der Ironie des Schicksals, zwischen kleinlicher Bürokratie und großen Gefühlen.
Und was macht Brüssel? Es sucht einen Namen – für das Schwein, das durch die Straßen läuft. Und David de Vriend bekommt ein Begräbnis, das stillschweigend zum Begräbnis einer ganzen Epoche wird: der Epoche der Scham.
Suhrkamp Verlag
Gebunden, 168 Seiten
ISBN:978-3-518-42758-3
459 Seiten, 24,00 Euro

Deutscher Wirtschaftsbuchpreis 2017: Die Shortlist

Der Wirtschaftsbuchpreis wird wieder im Frankfurter Hof in Frankfurt verliehen. Foto: Diether v. Goddenthow
Der Wirtschaftsbuchpreis wird wieder im Frankfurter Hof in Frankfurt verliehen. Foto: Diether v. Goddenthow

Düsseldorf (ots) – Die Finalisten des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises 2017 stehen fest. Zehn Bücher haben es in die Endauswahl geschafft. Eine hochkarätige Jury wählt aus den Titeln der Shortlist das beste Wirtschaftsbuch des Jahres. Den Vorsitz der Jury hat Gabor Steingart, Herausgeber des Handelsblatts. Der Preis wird am 13. Oktober im Rahmen der Frankfurter Buchmesse verliehen.

Der Deutsche Wirtschaftsbuchpreis steht unter dem Motto „Wirtschaft verstehen“. Das Handelsblatt, die Frankfurter Buchmesse und die Investmentbank Goldman Sachs vergeben den Preis, um die Wirtschaftsliteratur zu fördern. Die drei Partner wollen mit der Auszeichnung die Bedeutung des Wirtschaftsbuches bei der Vermittlung ökonomischer Zusammenhänge unterstreichen. Zu den Auswahlkriterien gehören deshalb neben innovativer Themensetzung oder einem neuen Blickwinkel auch Verständlichkeit und Lesbarkeit. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert.

Alle weiteren Informationen zum Preis und die Rezensionen sind auch zu finden unter: www.deutscher-wirtschaftsbuchpreis.de

Die Shortlist:

Jutta Allmendinger:Das Land, in dem wir leben wollen. Wie die Deutschen sich ihre Zukunft vorstellen,Pantheon, 272 Seiten, 16,99 Euro

 

 

Johannes Becker, Clemens Fuest: Der Odysseus-Komplex.Ein pragmatischer Vorschlag zur Lösung der Eurokrise. Hanser, 285 Seiten, 24 Euro

 

 

Thomas L. Friedman: Thank you for being late. Ein optimistisches Handbuch für das Zeitalter der Beschleunigung. Lübbe, 480 Seiten, 24 Euro

 

 

Rainer Hank: Lob der Macht Klett-Cotta, 272 Seiten, 20 Euro

Yuval Harari: Homo Deus. Eine Geschichte von morgen. Beck, 576 Seiten, 24,95 Euro

Nicolaus Heinen, Jan Mallien, Florian Toncar: Alles auf Anfang. Warum der Euro scheitert und wie ein Neustart gelingt. Campus, 235 Seiten, 24,95 Euro

Hans-Jürgen Jakobs: Wem gehört die Welt? Die Machtverhältnisse im globalen Kapitalismus. Knaus, 680 Seiten, 36 Euro

Jürgen Neffe: Karl Marx. Der Unvollendete C. Bertelsmann, 656 Seiten, 28 Euro

 

Hans-Werner Sinn: Der schwarze Juni. Brexit, Flüchtlingswelle, Euro-Desaster – Wie die Neugründung Europas gelingt Herder, 384 Seiten, 24,99 Euro

Andreas Weigend: Data for the people. Wie wir die Macht über unsere Daten zurückerobern Murmann, 352 Seiten, 26,90 Euro

Über das Handelsblatt
Das Handelsblatt ist die größte Wirtschafts- und Finanzzeitung in deutscher Sprache. Rund 200 Redakteure, Korrespondenten und ständige Mitarbeiter rund um den Globus sorgen für eine aktuelle, umfassende und fundierte Berichterstattung. Im Tageszeitungsvergleich zählt die börsentäglich erscheinende Wirtschafts- und Finanzzeitung bei Entscheidern der ersten und zweiten Führungsebene zur unverzichtbaren Lektüre. Laut „Leseranalyse Entscheidungsträger in Wirtschaft und Verwaltung“ (LAE) 2017 erreicht das Handelsblatt mehr als 299.000 Top-Entscheider börsentäglich. Handelsblatt Online ist mit monatlich bis zu 20 Millionen Visits und rund 80 Millionen Page Impressions das führende Wirtschaftsportal in Deutschland. www.handelsblatt.com

Über Goldman Sachs

Goldman Sachs gehört zu den führenden globalen Investmentbanking-, Wertpapier- und Vermögensverwaltungshäusern. Die Bank bietet weltweit einem breit gefächerten Klientenstamm, zu dem Unternehmen, Finanzinstitutionen, staatliche Stellen und vermögende Privatpersonen gehören, ein umfangreiches Dienstleistungsspektrum an. Die 1869 gegründete Gesellschaft hat ihren Hauptsitz in New York und unterhält Niederlassungen in allen großen Finanzzentren auf der ganzen Welt. In Deutschland ist Goldman Sachs seit 1990 mit einer Niederlassung in Frankfurt vertreten

Über die Frankfurter Buchmesse

Die Frankfurter Buchmesse ist mit 7.300 Ausstellern aus über 100 Ländern, rund 280.000 Besuchern, über 3.400 Veranstaltungen und rund 9.000 anwesenden akkreditierten Journalisten die größte Fachmesse für das internationale Publishing. Darüber hinaus ist sie ein branchenübergreifender Treffpunkt für Player aus der Filmwirtschaft und der Gamesbranche. Einen inhaltlichen Schwerpunkt bildet seit 1976 der jährlich wechselnde Ehrengast, der dem Messepublikum auf vielfältige Weise seinen Buchmarkt, seine Literatur und Kultur präsentiert. Die Frankfurter Buchmesse organisiert die Beteiligung deutscher Verlage an rund 20 internationalen Buchmessen und veranstaltet ganzjährig Fachveranstaltungen in den wichtigen internationalen Märkten. Die Konferenzen CONTEC und STORYDRIVE gehören dabei zu den etablierten Treffpunkten der Branche. Die Frankfurter Buchmesse ist ein Tochterunternehmen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. www.buchmesse.de

Fünf Autoren der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2017 lasen im Literaturhaus Frankfurt aus ihren Werken

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Bereits zum zehnten Mal veranstalteten gestern Abend das Kulturamt Frankfurt am Main und das Literaturhaus Frankfurt in Kooperation mit der Börsenverein des Deutschen Buchhandels Stiftung anlässlich des 13. Deutschen Buchpreises den Shortlist-Abend, bei dem fünf der sechs potentiellen diesjährigen Buchpreisträger aus ihren Werken lasen und diese in Interviews mit Sandra Kegel, F.A.Z., Alf Mentzer, hr2-kultur und Gert Scobel, 3sat vorstellten.

Hauke Hückstädt, Leiter des Literaturhauses Frankfurt. Foto: Diether v. Goddenthow
Hauke Hückstädt, Leiter des Literaturhauses Frankfurt. Foto: Diether v. Goddenthow

Hauke Hückstädt, Leiter des Literaturhauses Frankfurt, freute sich bei der Begrüßung, „dass sechs Autoren auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis stehen, die kürzlich oder regelmäßig oder in Kürze ohnehin unsere Gäste waren, sind oder sein werden“, unter anderem Shooting-Star Sasha Marianna Salzmann, die für ihr Debüt „Außer sich“ (Suhrkamp Verlag, 2017) demnächst im Literaturhaus Frankfurt den Preis der Jürgen-Ponto-Stiftung entgegennehmen kann. Er gratulierte allen Autorinnen und Autoren für ihren großen Erfolg, es in diese hochkarätige Endrunde geschafft zu haben.

Kulturdezernentin Dr. Ina Hartwig. Foto: Diether v. Goddenthow
Kulturdezernentin Dr. Ina Hartwig. Foto: Diether v. Goddenthow

Kulturdezernentin Dr. Ina Hartwig, als Autorin und gewesene Literaturkritikerin bestens im Literaturbetrieb unterwegs, weiß, dass der große Erfolg auf der Shortlist zu stehen, durchaus als Kehrseite auch eine Strapaze für die Autoren bedeute. Aber  Strapaze, Nervosität, Konkurrenz  usw. gehörten eben auch zum Prozedere des Deutschen Buchpreises dazu.  Aber etwas sei dieses Jahr anders, stellte Hartwig fest:  Zum ersten Mal, so ihr Gefühl, sei die Jury nicht kritisiert, sondern sogar von den Medien gelobt worden. Sie habe den Eindruck, dass dieses Mal die ästhetische Qualität im Vordergrund stehe und der Buchpreis in diesem Jahr seine Aufgabe im Ideal-Sinne erfülle, so die Kulturdezernentin. Eine wirkliche Krise des Buches, die schon immer vor jeder  Buchmesse ausgerufen wurde, gäbe es nicht,  allenfalls eine Krise des Lesens, da das Internet unser Verhältnis zur Zeit verändert habe, insbesondere von Frauen, den Hauptleserinnen. War die Großzeit des Romanlesens im 19. und 20.Jahrhundert, ist die Aufgabe des Romans, oder das, was die Romane können, gleichgeblieben, so Hartwig: „Sie sind  einzigartig in der Erforschung des menschlichen Innenlebens.“ Diese Introspektion  könnten weder Film noch bildende Kunst leisten. „Das können tatsächlich nur Romane leisten“,  weswegen die Neugier auf Romane – wie auch der große Andrang des Leserpublikums heute Abend zeige – ungebrochen bleibe.

Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Foto: Diether v. Goddenthow
Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Foto: Diether v. Goddenthow

Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels , griff nicht zu hoch, als er noch ein  Schippchen drauflegte, indem er dem Publikum zurief: „Sie werden Zeugen, wie die Besten der Besten nicht nur Rede und Antwort stehen, sondern aus ihren Werken lesen werden. Das ist ein Genuss, den es so ohne Weiteres  nicht gibt!“ Skipis lobte und dankte der Jury für „die Ungeheuerlichkeit“:  sie habe über 200 Neuerscheinungen in dieser Saison nicht nur gesichtet,  sondern gelesen und daraus eine Longlist von 20 Titeln und schließlich eine Shortlist von 6 Titeln destilliert. Sie würden da heraus  am 9. Oktober 2017 auf der Veranstaltung im Kaisersaal des Römers der Stadt Frankfurt die Siegerin oder den Sieger des Deutschen Buchpreises küren.
Trotz des gewaltigen Medienumbruchs der vergangenen 10 bis 15 Jahre habe sich – auch im Umsatz der Branche – gezeigt, so Skipis, dass das Buch in der Gesellschaft fest verankert sei, weil es ganz offensichtlich die passgenaue Antwort auf  ein Bedürfnis der Menschen sei, von  anderen Menschen zu erfahren, was sie bewege, was ihre Visionen, ihre Leidenschaften  und ihre Obsessionen seien, was sie dächten. Die Rolle des Romans hatten einst, als man noch nicht publizieren konnte, Geschichtenerzähler inne, um die herum Menschen mit staunenden Augen saßen und gebannt vernahmen, was diese kundtaten. „Genau das tut Literatur. Daher ist es mir um das Buch überhaupt nicht bange. Ich weiß genau, dass wir das Buch als das, was es ist, als eine lineare Erzählung,  eigentlich alle wollen. Insofern mache ich mir keine Sorgen um das Buch“, so Skipis.

Floß der Medusa

Autor Franzobel und FAZ-Feuilleton-Redakteurin Sandra Kegel. Foto: Diether v. Goddenthow
Autor Franzobel und FAZ-Feuilleton-Redakteurin Sandra Kegel. Foto: Diether v. Goddenthow

Autor Franzobel und FAZ-Feuilleton-Redakteurin Sandra Kegel eröffnen mit dem Roman „Das Floß der Medusa“ die Shortlist-Runde. Der österreichische Autor Franzobel, Bachmann-Preisträger 1995, ist literarisch breit aufgestellt. In Anlehnung an Théodore Géricaults berühmtes Louvre-Bild „Das Floß der Medusa“ und nach gründlicher Recherchen erzählt Franzobel in seinem gleichnamigen Roman das legendäre Ende der französischen Fregatte Medusa im Jahr 1816 neu. Es ist die Geschichte eines unfähigen Kapitäns, ursprünglich Zoll-Offizier, vor Napoleon geflohen und wieder zurückgekehrt, der durch Beziehungen das Kommando über eine Flotte mir vier Schiffen nach Senegal erhielt. Schon seine  erste Fahrt endete in der Katastrophe. Der unerfahrene Kapitän war mit seiner Fregatte Medusa auf eine Sandbank aufgelaufen, da er sich über den Rat seiner Offiziere hinwegsetzt hatte.

Weil die vorhandenen sechs Rettungsboote, vier davon in schlechtem Zustand, nur einen Bruchteil der Besatzung fassen konnten, befahl der Kapitän, aus den Masten und Rahen der Medusa mit Hilfe komplizierter Seilwinden ein großes Floß zu bauen. Es maß 8 mal 15 Meter für 149 Menschen. Es versank bei Betreten so tief, dass die eng aneinander gedrängten Schiffbrüchigen sofort hüfthoch im Salzwasser standen. An Seile gekettet, sollten die Rettungsboote das völlig überladene Floss an Land ziehen. Das misslang. So kappte man nach kurzer Zeit die Seile und überließ die Schiffbrüchigen sich selbst. Franzobels Roman beginnt mit der „Rettungssituation“. Er beschreibt, was Théodore Géricaults Bild zeigt, die Situation, als der Kapitän der Argus das Elends-Floß der Medusa mit 15 eher wie lebende Toten ausschauenden Überlebenden nach 13 Tagen Irrfahrt entdeckt. An einer Leine herabhängende graue Trockenfleischstreifen, ein im Gebälk steckengebliebener, abgetrennter Fuß zeugen von Kannibalismus. Die Menschen hatten sich gegenseitig aufgegessen, um zu überleben.
2floss.der.medusa2Es ist ein ergreifender, gewaltiger Roman, der gewisse Parallelen zur Gegenwart aufzeigt und, wenn man wollte, auch als Parabel zum heutigen Flüchtlingsdrama im Mittelmeer verstanden werden könnte. Es ist ein Roman der zeigt, dass Menschen in jeder Gesellschaft unter bestimmten Bedingungen zu Barbaren werden können.

Auf das Thema gestoßen ist Franzobel „durch eine Nebenbemerkung eines Theaterintendanten“. Auch Géricaults romantisches Bild „Floß der Medusa“ habe er nicht wirklich gekannt. Er habe das Bild im Louvre studiert und viel über den Fall und Seereisen zu Anfang des 19. Jahrhunderts recherchiert. Sein ursprüngliches Vorhaben, den Roman im romantischen Stil zu verfassen, habe er jedoch wieder aufgegeben, da es  ihn zu sehr wie eine Sprachmaske erschienen wäre. Drei Jahre hat Franzobel an dem Werk gearbeitet, wobei es ihm mitunterschwer fiel, Abstand zu finden, und er mitunter „selbst nicht mehr wusste, was historisch und was erfunden war“, so der Autor.

Kieferninseln

Marion Poschmann und Alf Mentzer. Foto: Diether v. Goddenthow
Marion Poschmann und Alf Mentzer. Foto: Diether v. Goddenthow

Als zweite im Shortlist-Reigen unterhielten sich Marion Poschmann, „Kieferninseln, Suhrkamp,  und Alf Mentzer. Die Berliner Germanistin und Slawistin erhielt unter anderem den  Peter-Huchel- Preis und den Ernst-Meister-Preis für Lyrik, gewann 2013 den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis und stand bereits mit ihrem Roman „Die Sonnenposition“ auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Poschmanns psychologisch hintergründiger, völlig absurder Roman erzählt von einer wahnhaften Kurzschlußhandlung: Der Privatdozent und Bartforscher Gilbert Silvester hat geträumt, dass seine Frau ihn betrügt, und da ihn dieser Traum den ganzen Tag über verfolgt, wird hieraus für ihn Realität. Er stellt seine Frau schließlich zur Rede. Als diese ihm daraufhin vorwirft, er habe sich morgens doch selbst aus dem Haus geschlichen, „geht sie zu weit, ihm dafür noch die Schuld zu geben“. Nach einem hässlichen Streit bleibt ihm keine andere Wahl, als seine Frau Hals über Kopf zu verlassen. Gilbert Silvester steigt ins erstbeste Flugzeug und reist nach Japan. Dort fallen ihm die Reisebeschreibungen des klassischen Haiku-Dichters Bashō in die Hände, und plötzlich hat er ein Ziel: Wie die alten Wandermönche möchte auch er den Mond über den Kieferninseln sehen. Auf der traditionsreichen Pilgerroute könnte er sich in der Betrachtung der Natur verlieren und seinen inneren Aufruhr hinter sich lassen. Aber noch vor dem Start trifft er auf den suizidalen Petrochemie-Studenten Yosa, der mit einer ganz anderen Reiselektüre, einer „Anleitung zur Selbsttötung“ unterwegs ist, dem ‚Complete Manual of Suicide‘.

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Die Geschichte wird immer absurder, wobei ein wesentlicher Reiz des Romans im hohen Neurotizismusgrad des Protagonisten liegt, der den unterschiedlichsten Illusionen, Lebenslügen und Einbildungen aufsitzt, und alles im Nachgang solange rationalisiert, bis es für ihn passt, bis sein Verhalten für ihn beinahe zwingend unvermeidbar erscheint: „Im Airbus auf dem Weg nach Tokyo trank er grünen Tee, sah zwei Samuraifilme in der Rückenlehne des Vordersitzes und überzeugte sich immer wieder davon, daß er nicht nur alles richtig gemacht hatte, sondern daß sein Handeln unausweichlich gewesen war, daß es weiterhin unausweichlich war und unausweichlich sein würde, nach seiner persönlichen Meinung und nach der Meinung der Welt.“ (Kieferninseln, Suhrkamp-Verlag 2017, Seite 8).

Die Hauptstadt

Robert Menasse mit 3-Sat-Moderator Gert Scobel. Foto: Diether v. Goddenthow
Robert Menasse mit 3-Sat-Moderator Gert Scobel. Foto: Diether v. Goddenthow

Robert Menasse, dritter Autor im Shortlistreigen mit 3-Sat-Moderator Gert Scobel, ist in seinem spannenden EU-Roman „Die Hauptstadt“, Suhrkamp-Verlag, auf’s Schwein gekommen, auf das Borstenvieh als Universal-Metapher vom Glücks- bis zum Dreckschwein für alles, was Menschen sind und sein können. „Ich wollte versuchen zu erzählen: Was machen eigentlich die Menschen in der Europäischen Kommission. Sie haben ein schlechtes Image, sie sind irgendwie so mit Klischees und Vorurteilen konfrontiert“ und jeden Tag werde die Europäische Kommission aus politischem Kalkül  wie eine Sau durch’s Dorf getrieben, so der promovierte Autor. Er studierte Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft. Sechs Jahre lehrte er – zunächst als Lektor für österreichische Literatur, dann als Gastdozent am Institut für Literaturtheorie – an der Universität São Paulo.

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Auch als  „Querschnittmaterie“ eignet sich das Schwein bestens. Denn quer durch die Europa-Bürokratie sind unter Umständen ganz unterschiedliche Abteilungen für „das Schwein“ zuständig. Das hängt davon ab, „ob das Schwein noch im Stall steht, oder ob es geliefert wird für den Schlachthof, ob es im Schlachthaus ist oder ob es bereits in der Weiterverarbeitungsindustrie ist oder im Container für den Export“, so Menasse. Jeweils sei ein anderer dafür zuständig. „Das ist ein Glücksfall, wenn man erzählen will, was die Bürokratie macht.“  Und ein zweiter Grund für die Wahl des „Schweins“ sei, dass das herumlaufende Schwein die verschiedenen Hauptfiguren des Romans miteinander verbinde, die sich zufällig am selben Platz im Zentrum von Brüssel befänden, ohne voneinander zu wissen, so Menasse. Im Kern geht es jedoch nicht nur ums Schwein. Es geht auch um einen Kriminalfall vor dem Hintergrund, dass eine Beamtin der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission mit Hilfe eines Referenten das Image der EU-Kommission aufpolieren soll. Gleich zu Beginn gibt es einen Toten. Die Polizei kommt.

Es ist ein spannendes Buch mit fundiert recherchierten EU- Insiderinformationen, welches den Bogen weit spannt zwischen den Zeiten, den Nationen, dem Unausweichlichen und der Ironie des Schicksals, zwischen kleinlicher Bürokratie und großen Gefühlen.

Außer sich

Sandra Kegel mit Sasha Marianna Salzmann. Foto: Diether v. Goddenthow
Sandra Kegel mit Sasha Marianna Salzmann. Foto: Diether v. Goddenthow

Als Vierte in der Folge las und präsentierte Sasha Marianna Salzmann im Interview mit Sandra Kegel ihren autobiographisch gefärbten Debüt-Roman „Außer sich“, Suhrkamp-Verlag. Vor dem Hintergrund des Schicksals einer jüdischen Familie in Moskau, die aufgrund antisemitischer Anfeindungen in den neunziger Jahren nach Deutschland emigriert, erzählt die Autorin vom entwurzelten Schicksal des inzestuös verbandelten Zwilling-Paars Alissa und Anton. Noch in Berlin schmeißt Alissa ihr Mathematikstudium. Es hält sie vom Boxtraining ab. Anton verschwindet spurlos, bis irgendwann eine Postkarte aus Istanbul  kommt, ohne Text, ohne Absender. Alissa macht sich auf nach Istanbul, um in der zerrissenen, flirrenden  Stadt am Bosporus und in der eigenen Familiengeschichte nach ihrem verschollenen Bruder zu suchen, aber vor allem nach ihren eigenen Wurzeln, nach einem Gefühl von Zugehörigkeit jenseits von Vaterland, Muttersprache oder Geschlecht. Dabei thematisiert die Autorin perspektivisch Zugehörigkeitsfragen, erzählt humorvoll von brüchigen Identitäten und skizziert ganze Lebensgeschichten aus vier Generationen ihrer Familie.

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Sasha Marianna Salzmann, unter anderem seit der Spielzeit 2013/2014 Hausautorin am Maxim Gorki Theater Berlin, deren Stücke international aufgeführt und ausgezeichnet wurden, studierte Literatur/Theater/Medien sowie Szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste. „Außer sich“  ist ihr Debütroman, für den sie im November den Preis der Jürgen-Ponto-Stiftung im Frankfurter Literaturhaus erhalten wird..

 

Schlafende Sonne

Thomas Lehr mit Alf Mentzer. Foto: Diether v. Goddenthow
Thomas Lehr mit Alf Mentzer. Foto: Diether v. Goddenthow

Die Abschlussrunde des Shortlist-Abends bestritt Thomas Lehr „Schlafende Sonne“, Suhrkamp mit Alf Mentzer. Thomas Lehr stand bereits 2005 und 2010 auf der Shortlist. Sein Werk wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. 2012 mit dem Marie-Luise Kaschnitz-Preis und 2015 mit dem Joseph Breitbach-Preis. „Schlafende Sonne“ ist Teil 1 einer Roman-Trilogie geworden, als Thomas Lehr beim Schreiben seiner Dreiecksgeschichte zwischen der Malerin Milena Sonntag, ihrem Mann Jonas und ihrem ehemaligen Philosophielehrer, mit dem sie ein halbamouröses und haltwahlverwandtschaftliches Verhältnis verbindet, der Stoff entglitt und der Autor anfing, über sich selbst nachzudenken. „Da wurde der Physiker Jonas plötzlich zum Solarphysiker, und dann fing ich an über die Sonne nachzudenken, und dann merkte ich: ‚Oh, jetzt willst du einen Roman eigentlich so ziemlich über alles schreiben, was dich interessiert!‘“ Da habe man nur zwei Möglichkeiten, so Lehr:– „Entweder man hört auf oder man fängt an!“. Lehr hat sich auf das „Anfangen“ eines „sehr markanten Projektes“ eingelassen, wie er sagt, „was mich selbst, an die Grenzen dessen bringt, was ich schöpferisch entscheiden kann!“ Lehrs sehr potente Zentralmetapher dabei ist die Sonne. Auf Menasses „Die Hauptstadt“ anspielend: „Die Sonne ist mein Schwein“, vielmehr die Sonne und das Licht in seinen Hauptfacetten, nicht nur als ganz konkretes physikalisches Licht, sondern auch mit dem Motiv des Lichtes im 20. Jahrhundert. Das habe ihn umgetrieben, „weil es gewissermaßen mein oder unser Jahrhundert ist“, so Lehr.

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Im 20. Jahrhundert sei mit dem Licht, auch physikalisch betrachtet, viel Neues passiert: So habe sich mit „der Entdeckung der Quanten- und der Relativitätstheorie, die sich beide mit dem Licht beschäftigen, unser Weltbild verändert“, so der Autor. Auch die Malerei habe im 20. Jahrhundert neue Schritte unternommen. Und über das Licht als Synonym für Wahrheit und Erkenntnis, „das Licht der Erkenntnis, kam mein Steckenpferd, die Philosophie auch noch dazu“, so Lehr. Zuletzt kreiste sein Interesse um das Licht der  Sonne „als solare Physik, als Physik der Sonne und aber auch als Synonym für politische Macht.“  Von Echnaton bis zum Hakenkreuz haben sich schon immer die Mächtigen des Lichtes als Symbol politischer Macht  bemächtigt. Das alles entstand während des Schreibens, und er beschloss dies auf diese Dreiecksgeschichte draufzusetzen. Er stellte fest, wenn er noch eine vierte Figur einführe, was er mit dem 106jährigen Augenzeugen Friedrich Bernsdorf tat, kann die ganze mehrbändige, insgesamt dann 1500 bis 2000 Seiten lange Geschichte in drei Bänden gelingen.

„Schlafende Sonne“ der erste Band seines „Universal-Romanprojektes“ ist ihm schon mal  geglückt. Von einem einzigen Tag, dem 19. August 2011, ausgehend, entwirft er während eines Vernissagenbesuches   im Rückblick sprialförmig  ein  ein Jahrhundert umfassendes Geschichtslabyrinth: Hierzu lässt er den Dokumentarfilmer und Philosophielehrer Rudolf Zacharias zu einer Vernissage seiner früheren Studentin Milena Sonntag nach Berlin reisen. Auf der Ausstellung bringt er seine künstlerische Lebensbilanz und die historischen Katastrophen nebst privater Verwicklungen dreier Menschen neu zur Sprache. Sie führen ihn von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs bis ins heutige Berlin.

(Diether v. Goddenthow /Rhein-Main.Eurokunst)