Kategorie-Archiv: Städel Museum Frankfurt

‚Städels Beckmann / Beckmanns Städel‘ bis Ende August verlängert

Selbstbildnis im Sektglas in der Beckmann-Ausstellung. v.l.n.r.: Alexander Eiling, Sammlungsleiter Kunst der Moderne im Städel Museum, Städel-Direktor Philipp Demandt, Wolfgang Kirsch, Vorsitzender der Städel Administration und Oberbürgermeister Peter Feldmann © Stadt Frankfurt am Main Foto: Rainer_Rueffer
Selbstbildnis im Sektglas in der Beckmann-Ausstellung. v.l.n.r.: Alexander Eiling, Sammlungsleiter Kunst der Moderne im Städel Museum, Städel-Direktor Philipp Demandt, Wolfgang Kirsch, Vorsitzender der Städel Administration und Oberbürgermeister Peter Feldmann © Stadt Frankfurt am Main Foto: Rainer_Rueffer

(ffm) Bereits aufgebaut wartete die Ausstellung „Städels Beckmann / Beckmanns Städel“ aufgrund der Pandemie lange auf Besucherinnen und Besucher. Mit der Wiedereröffnung des Städel Museums ist die Schau, die dem Künstler Max Beckmann und seiner Beziehung zu Frankfurt gewidmet ist, endlich zu sehen und wurde bis Ende August verlängert.

„Es ist eine durch und durch Frankfurter Ausstellung, die nicht nur viel über den Künstler Max Beckmann in Frankfurt erzählt, sondern auch über die Menschen unserer Stadt – von der Weimarer Republik bis zur Herrschaft der Nationalsozialisten“, sagte Oberbürgermeister Peter Feldmann nach dem Besuch des Museums. Es sei ein großes Glück, dass das Städel nicht nur eines der bekanntesten Werke Beckmanns, das „Selbstbildnis mit Sektglas“ vor Kurzem für Frankfurt erwerben konnte, sondern in der Ausstellung auch an die Menschen erinnere, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts für die Kunst und das kulturelle Leben in ihrer Stadt einsetzten und mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten geächtet, vertrieben und umgebracht wurden. „Mit ihnen verschwand eine bunte Gesellschaft — Frankfurt verlor sein Herz“, sagte Feldmann.

Das Gemälde „Selbstbildnis mit Sektglas“ ist 1919 in Frankfurt entstanden und gilt als Sinnbild der Zwischenkriegszeit und der Weimarer Republik. Der Ankauf für die Sammlung des Städel Museums führt die Tradition des großen bürgerlichen Engagements in Frankfurt fort. Das Gemälde konnte dank der Unterstützung des Städelschen Museums-Vereins, der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und der Kulturstiftung der Länder sowie fünf privater Mäzene erworben werden. „Max Beckmann ist heute, vor allem durch seine frühe Rezeption in den USA, der bekannteste deutsche Vertreter der Klassischen Moderne. Was aber weit weniger bekannt ist und wir in der Ausstellung zeigen, ist, wie eng das Schaffen, der Aufstieg, aber auch das Schicksal von Max Beckmann mit der Stadt Frankfurt verknüpft sind“, sagte Philipp Demandt, Direktor des Städel Museums.

Wie kaum ein anderer Künstler ist Max Beckmann (1884–1950) mit dem Städel Museum und Frankfurt verbunden, wo er einen Großteil seiner zentralen Werke schuf und den für ihn charakteristischen Stil entwickelte. Das Städel Museum befasst sich seit fast einem Jahrhundert intensiv mit dem Sammeln und der Erforschung seines Œuvres. Seit 1918 wurden kontinuierlich Arbeiten des Künstlers erworben. Heute verfügt das Museum über eine der weltweit umfangreichsten Beckmann-Sammlungen. Die Ausstellung „Städels Beckmann / Beckmanns Städel. Die Jahre in Frankfurt“ ist bis zum 29. August im Städel Museum zu sehen.

Weitere Infos: Städel-Museum

Das Städel Museum Frankfurt ist wieder geöffnet!

© Foto: Diether v. Goddenthow
© Foto: Diether v. Goddenthow

Neben der Sammlungspräsentation ist die Sonderausstellung „Städels Beckmann / Beckmanns Städel. Die Jahre in Frankfurt“ zu sehen und bis 29. August verlängert. Ab dem 30. Juni ist zudem die Sonderausstellung „Neu Sehen. Die Fotografie der 20er und 30er Jahre“ für das Publikum zugänglich. Alle Informationen für den Museumsbesuch finden Sie hier.

Im Juni bietet das Städel Museum weiterhin eine Vielzahl von Online-Veranstaltungen und digitalen Vermittlungsangeboten zur 700 Jahre umfassenden Sammlung sowie den Sonderausstellungen. Das abwechslungsreiche Online-Angebot Museum für zu Hause – Live ermöglicht die Begegnung mit Kunst und den interaktiven Austausch im digitalen Raum. Ob Zuhause auf der Couch, am Schreibtisch in der Mittagspause oder mit der Familie im Wohnzimmer – von überall können die Werke unserer Sammlung in Form einer Videokonferenz erlebbar werden.

Die Faszination für das Reisen hat schon immer auch Künstlerinnen und Künstler ergriffen. Welche Eindrücke nahmen sie von abgelegenen Orten mit und wieso begaben sie sich in die Ferne? Inwiefern findet sich das neu Gesehene und Erfahrene in ihren Bildern wieder? Bei der Online-Tour „Künstlerreisen“ am Sonntag, dem 13. Juni um 14.00 Uhr werden die Kunstwerke der Städel Sammlung anhand von Erfahrungsberichten, Bildmaterial und 360°-Fotografien der Original-Schauplätze erlebbar gemacht. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer können beim interaktiven, digitalen Kunsterlebnis mitentscheiden, wohin die Reise geht.

Welche Orte lösten bei Künstlerinnen und Künstlern Fernweh aus? Suchten sie dort nach Inspiration, Gemeinschaft oder Abenteuer? Wie nah liegen der gemalte Wunsch und die Realität beieinander? Die Online-Session „Sehnsuchtsorte. Paradiesisch schön“ verbindet die Sehnsuchtsorte unserer Gegenwart mit den Werken aus 700 Jahren Kunst. Jeden Donnerstag um 19.00 Uhr erwartet die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein interaktives, multimediales Kunsterlebnis, das wahre Glücksgefühle hervorruft.

Das vollständige Online-Veranstaltungsprogramm für Juni 2021 können Sie hier einsehen und herunterladen.

Städel Museum
Dürerstraße 2
60596 Frankfurt am Main

 

STÄDELS BECKMANN / BECKMANNS STÄDEL. DIE JAHRE IN FRANKFURT bis 29. August 2021


Max Beckmann (1884–1950) ist wie kaum ein anderer Künstler mit dem Städel Museum und Frankfurt verbunden. Er verbrachte die längste und wichtigste Zeit seines Lebens in Frankfurt, schuf hier einen Großteil seiner zentralen Werke und entwickelte den für ihn charakteristischen Stil. Das Städel Museum befasst sich seit fast einem Jahrhundert intensiv mit dem Sammeln und der Erforschung seines Œuvres. Seit 1918 wurden kontinuierlich Arbeiten des Künstlers erworben; heute verfügt das Museum über eine der weltweit umfangreichsten Beckmann-Sammlungen.

Jüngst konnte eines der bekanntesten und bedeutsamsten Werke des Künstlers, Selbstbildnis mit Sektglas (1919), für das Städel gesichert werden. Diese Ikone der Moderne wurde dank der Unterstützung des Städelschen Museums-Vereins, der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Bundesrepublik Deutschland und der Kulturstiftung der Länder sowie fünf privater Mäzene erworben. In einer Sonderpräsentation widmet sich das Städel mit ausgewählten Gemälden, Papierarbeiten und dokumentarischem Material seinem Beckmann-Bestand und den Frankfurter Jahren des Künstlers. Im Mittelpunkt steht das Selbstbildnis mit Sektglas.

Traumatisiert von seinen Erlebnissen als Sanitätshelfer im Ersten Weltkrieg kam Max Beckmann im Jahr 1915 in die Mainmetropole. 1925 übertrug ihm die Stadt die Leitung einer Meisterklasse an der Kunstgewerbeschule. Zahlreiche Frankfurt-Ansichten, Selbstbildnisse und Porträts von Freunden und Bekannten belegen seine enge Bindung an die Stadt. In der Zeit seines Aufenthaltes wurden seine Werke in 18 Einzel- und Gruppenausstellungen in Frankfurt präsentiert. 1929 verlieh ihm die Stadt den Großen Ehrenpreis. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde er aus seiner Lehrtätigkeit entlassen und musste Frankfurt verlassen. 1937 floh Beckmann, als „entartet“ diffamiert, nach Amsterdam. 1950 starb er in New York.
„Das Sammeln und die Erforschung der Kunst Max Beckmanns hat eine mehr als einhundertjährige Tradition am Städel Museum. Es ist ein außerordentlicher Glücksfall, dass wir dank des überwältigenden gemeinschaftlichen Engagements privater und staatlicher Förderer erst vor Kurzem das Selbstbildnis mit Sektglas von Max Beckmann für das Städel Museum erwerben konnten. Die Erwerbung dieses Jahrhundertwerks ist in der Geschichte des Hauses singulär und zeigt einmal mehr, wie sehr sich das Museum dem Werk des Künstlers verpflichtet fühlt. Diese enge Verbundenheit des Städel Museums und der Stadt Frankfurt mit Max Beckmann unseren Besucherinnen und Besuchern zu vermitteln, ist das Anliegen der Sonderpräsentation“, so Städel Direktor Philipp Demandt.

EINBLICKE IN DIE SONDERPRÄSENTATION

STÄDELS BECKMANN / BECKMANNS STÄDEL. DIE JAHRE IN FRANKFURT Ausstellungs-Impression  © Städel Museum
STÄDELS BECKMANN / BECKMANNS STÄDEL.
DIE JAHRE IN FRANKFURT Ausstellungs-Impression © Städel Museum

Die Schau „STÄDELS BECKMANN / BECKMANNS STÄDEL. Die Jahre in Frankfurt“ gliedert sich in drei Kapitel, beginnend mit dem für Beckmann so zentralen Thema des Selbstporträts: Beckmann hat wie kaum ein zweiter Künstler der Klassischen Moderne Selbstbildnisse geschaffen. Sie entstanden in allen Techniken, von der Malerei über die Zeichnung und Druckgrafik bis hin zur Skulptur. Wie in den hier ausgewählten Selbstbildnissen deutlich wird, begleiteten sie Beckmanns künstlerischen Werdegang von seinem Früh- bis in sein Spätwerk und veranschaulichen entscheidende Phasen seiner Entwicklung. Im Zentrum des Kapitels steht dabei als Hauptwerk die jüngste Neuerwerbung des Städel, das Gemälde Selbstbildnis mit Sektglas. 1919 in Frankfurt gemalt, ist es ein Sinnbild der Zwischenkriegszeit und der Weimarer Republik. Es zeigt den Künstler zum ersten Mal als eleganten Dandy im Smoking an der Theke eines Nachtlokals, vermutlich der Bar des Frankfurter Hofs, wo Beckmann laut Zeitzeugen mit Vorliebe Champagner trank.
Neben den vielen Einzelselbstbildnissen finden sich oft szenische Darstellungen, in denen Beckmann wie ein Schauspieler auf der Bühne seiner symbolisch-rätselhaften Kompositionen agiert: als Zirkusdirektor, wie etwa in dem Gemälde Zirkuswagen (1940), als Ausrufer, wie im Zyklus Die Hölle (1919), als biblischer Adam, wie in der Skulptur Adam und Eva (1936/1979), oder als vermeintlich beiläufiger Beobachter. Zeitgenössische Ereignisse vermischte er dabei mit allgemeinen, überzeitlichen und existenziellen Themen. Denn das Selbstbildnis bedeutete für Beckmann mehr als die Darstellung persönlicher Gemütsverfassungen. Es half ihm bei der Bestimmung seiner Rolle als Künstler in der Gesellschaft und war eine Möglichkeit, weltanschauliche Fragestellungen sowie grundlegende menschliche Konflikte zu thematisieren, wie etwa in der Kaltnadelradierung Der Abend (Selbstbildnis mit den Battenbergs) (1916). Die Druckgrafik zeigt das Ehepaar Heinrich (Ugi) und Frieda (Fridel) Battenberg, bei denen Beckmann nach seinem Einsatz im Krieg in Frankfurt Unterschlupf fand. Wie ein Keil schiebt sich sein Gesicht dabei zwischen die Eheleute, der dämonische Dritte in der sonst friedlichen Zweisamkeit. Diese spezielle Funktion des Selbstbildnisses zeigt sich auch in Beckmanns druckgrafischem Schlüsselwerk Die Hölle (1919), das im zweiten Teil der Schau präsentiert wird. Über Zeichnung, Radierung und Lithografie hatte Beckmann zu einer neuen, einprägsamen Formensprache gefunden: Kantige, reduzierte Formen bestimmen nun das Bildgefüge. Der Raum wird gleichsam kubistisch aufgebrochen und perspektivische Verzerrungen und verfremdete Maßverhältnisse erzeugen Instabilität und Dynamik. Der lithografische Zyklus Die Hölle, der im selben Jahr wie Selbstbildnis mit Sektglas entstand und zu dem Gemälde enge formale Bezüge aufweist, spiegelt Beckmanns Erfahrung einer aus den Fugen geratenen Welt nach dem Ersten Weltkrieg. Auf das Titelblatt mit einem Selbstbildnis als Ausrufer folgen zehn verrätselte Kompositionen einer von Menschen geschaffenen ‚Hölle‘, in denen reale Elemente aus der unmittelbaren Gegenwart ‒ Bezüge auf die Ermordung Rosa Luxemburgs oder das Frankfurter Nachtlokal „Malepartus“ beispielsweise ‒ mit Sinnbildhaftem, Allegorischem kombiniert werden. Beckmann zeichnete die ungewöhnlich großformatigen Kompositionen dafür mit Kreide auf Papier; im Umdruckverfahren wurden die Zeichnungen dann auf den Lithostein übertragen und im Auftrag des Galeristen J. B. Neumann bei der Druckerei C. Naumann in Frankfurt gedruckt.

Das dritte Kapitel der Präsentation widmet sich Beckmanns Leben in Frankfurt. Ein Stadtplan zeigt neben Beckmanns Wohn- und Wirkungsstätten auch seine bevorzugten Aufenthaltsorte und seine wichtigsten Frankfurter Kontakte. In der Mainmetropole entwickelte Beckmann sich zu einem Künstler von internationalem Rang. Er war vernetzt mit führenden Figuren der Frankfurter Medien, Industrie und Kulturpolitik. Zu seinen Freunden und Sammlern wurden u. a. das Unternehmer-Ehepaar Walter und Käthe Carl, der Verleger Heinrich Simon, der damalige Städel-Direktor Georg Swarzenski, der Journalist und Autor Benno Reifenberg, die Journalistin Käthe von Porada, die Mäzenin Lilly von Schnitzler oder der Kunsthistoriker Fritz Wichert. Die Schau zeigt daher unter anderem das Gemälde Bildnis Ehepaar Carl (1918) oder das lithografierte Bildnis von Georg Swarzenski (1921) sowie historische Aufnahmen von Frankfurter Orten. Auf täglichen Spaziergängen erkundete der Künstler zudem die Stadt und schuf eine Reihe eindrücklicher Stadtlandschaften, wie etwa Eisgang (1923) oder Die Synagoge in Frankfurt am Main (1919).

Im Städel Museum entstand bereits seit 1918 die größte öffentliche Sammlung von Werken Beckmanns. Die meisten seiner Werke wurden direkt aus seinem Atelier und mit städtischen Mitteln angekauft. 1918 erwarb der damalige Direktor des Städel Museums, Georg Swarzenski, erstmals Werke von Beckmann für die dem Städel angegliederte Städtische Galerie. Bis 1931 erweiterte Swarzenski die zeitgenössische Abteilung auf insgesamt 13 Gemälde des Künstlers und über hundert Arbeiten auf Papier. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten mussten Beckmanns Gemälde abgehängt werden und wanderten ins Depot. Im Sommer 1937 erfolgte im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“ die Beschlagnahmung nahezu der gesamten Beckmann-Sammlung. Nach dem Zweiten Weltkrieg organisierte Swarzenskis Nachfolger Ernst Holzinger 1947 gemeinsam mit Beckmanns Galeristen Günther Franke wieder eine Beckmann-Ausstellung im Städel mit Werken aus Privatbesitz. Der Kunsthändler schenkte dem Städel aus diesem Anlass mehrere Grafiken. Von entscheidender Bedeutung für den Wiederaufbau der verlorenen Beckmann-Sammlung war der Zugang von fast 170 Papierarbeiten aus der großen Grafiksammlung des mit Beckmann befreundeten Ehepaars Fridel und Ugi Battenberg im Jahr 1949. Ein Jahr nach dem Tod des Künstlers realisierte die Stadt Frankfurt mit Zirkuswagen (1940) den ersten Ankauf eines Beckmann-Gemäldes in der Nachkriegszeit. Seither hat das Städel kontinuierlich weitere Arbeiten des Künstlers erworben und verfügt mit elf Gemälden, zwei Skulpturen und einem mehrere hundert Blatt umfassenden grafischen Bestand heute wieder über eine der größten Beckmann-Sammlungen weltweit.

Kuratoren: Dr. Alexander Eiling (Sammlungsleiter Kunst der Moderne, Städel Museum), Dr. Regina Freyberger (Leiterin Graphische Sammlung ab 1750, Städel Museum), Dr. Iris Schmeisser (Leiterin Provenienzforschung und historisches Archiv, Städel Museum)

STÄDELS BECKMANN / BECKMANNS STÄDEL.
DIE JAHRE IN FRANKFURT

AUSSTELLUNGSDAUER: 9. Dezember 2020 bis 5. April 2021 – verlängert bis 29. August 2021
KURATOREN: Dr. Alexander Eiling (Sammlungsleiter Kunst der Moderne, Städel Museum), Dr. Regina Freyberger (Leiterin Graphische Sammlung ab 1750, Städel Museum), Dr. Iris Schmeisser (Leiterin Provenienzforschung und historisches Archiv, Städel Museum)

ORT: Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main
INFORMATION: www.staedelmuseum.de
BESUCHERSERVICE: +49(0)69-605098-200, info@staedelmuseum.de
ÖFFNUNGSZEITEN: Di, Mi, Fr, Sa, So + Feiertage 10.00–18.00 Uhr, Do 10.00–21.00 Uhr
EINTRITT: 14 Euro; freier Eintritt für Kinder unter 12 Jahren
KARTENVORVERKAUF: shop.staedelmuseum.de

KATALOG: Zur Ausstellung erscheint ein von Alexander Eiling, Regina Freyberger und Iris Schmeisser herausgegebener Katalog, mit einem Grußwort von Sylvia von Metzler und einem Vorwort von Philipp Demandt, 94 Seiten, 15 Euro.

PODCAST STÄDEL MIXTAPE: Die erste Folge des neuen Podcasts STÄDEL MIXTAPE widmet sich kunst- und kulturhistorischen Fragen rund um Beckmanns „Selbstbildnis mit Sektglas“ und kombiniert diese mit einem passenden Soundtrack. Überall dort zu finden, wo es Podcasts gibt, und auf mixtape.staedelmuseum.de

AUDIOTRACKS ZU MAX BECKMANN: Ab sofort finden Sie weiterführende Texte, Bilder und Audiotracks zu den sechs wichtigsten Beckmann-Werken der Städel Sammlung auch in unserer Highlight-App, staedelmuseum.de/app-angebot

@STAEDELMUSEUM auf Social Media: #Staedel auf Instagram / Facebook / Twitter / YouTube / Pinterest
STÄDEL BLOG: Noch mehr Geschichten und Hintergründe zur Sammlung und den Sonderausstellungen unter blog.staedelmuseum.de / keinen Artikel verpassen, blog.staedelmuseum.de/blog-abonnieren

Das Städel Museum

„MUSEUM FÜR ZU HAUSE – LIVE“ STÄDEL UND LIEBIEGHAUS BIETEN NEUE KUNSTVERMITTLUNGSFORMATE ONLINE AN

Städel Museum Frankfurt © Foto Diether v. Goddenthow
Städel Museum Frankfurt © Foto Diether v. Goddenthow

INTERAKTIV UND MULTIMEDIAL DIE KUNST DES STÄDEL MUSEUMS UND DER LIEBIEGHAUS SKULPTURENSAMMLUNG ONLINE ERLEBEN

Ab heute starten das Städel Museum und die Liebieghaus Skulpturensammlung mit „Museum für zu Hause – Live“ Online-Formate für die Kunstvermittlung. Das neu entwickelte Angebot ermöglicht die Begegnung mit Kunst und den interaktiven Austausch darüber im digitalen Raum. Gerade in Zeiten, in denen das direkte Gespräch über die Kunst nicht vor Ort im Museum möglich ist, sind Momente der gemeinsamen Kunstbetrachtung selten. Mit innovativen Online-Touren und Online-Sessions schafft „Museum für zu Hause – Live“ einen sozialen Kunsterlebnisraum im Digitalen, der Kunstbegegnungen, Einführungen in die aktuellen Sonderausstellungen und überraschende Verbindungen zwischen den Themen unserer Zeit und den großen Meisterwerken des Städel Museums und der Liebieghaus Skulpturensammlung bietet.

Die Kunstvermittlerinnen und Kunstvermittler des Städel Museums und der Liebieghaus Skulpturensammlung bringen an festen Terminen die aktuellen Sonderausstellungen „Schaulust. Niederländische Zeichenkunst des 18. Jahrhunderts“ und „BUNTE GÖTTER – GOLDEN EDITION. Die Farben der Antike“ zu den Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Ob zu Hause auf der Couch, am Schreibtisch in der Mittagspause oder mit der Familie im Wohnzimmer – von überall kann Kunst in Form einer Videokonferenz erlebt werden. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Online-Touren werden in die Themen und kunsthistorischen Inhalte der Ausstellungen eingeführt und haben darüber hinaus die Gelegenheit, gemeinsam mit allen über die präsentierten Kunstwerke zu diskutieren.

Bei den Online-Sessions wird es für die Teilnehmenden besonders interaktiv und multimedial: Die kommunikativen Möglichkeiten des Internets werden ausgeschöpft und die Grenzen des digitalen Erlebens von Kunst aufgehoben. Nicht nur die Digitale Sammlung des Städel Museums wird für die Kunstbetrachtung herangezogen, sondern auch Musik, Filme und weitere Onlineangebote. Im Städel finden die ersten Online-Sessions unter dem Thema „Die Macht der Bilder“ statt. Dabei spielen die Stars der Gegenwart genauso eine Rolle wie alltägliche Medienphänomene oder die Beeinflussung durch Propaganda. Klug und überraschend intensiv sind dabei die Verbindungen zu den großen Meisterwerken des Städel Museums.

Die Online-Sessions der Liebieghaus Skulpturensammlung stehen unter dem Motto „Weihnachten“. Sie eröffnen anhand der Sammlung des Museums einen neuen Blick auf das Weihnachtsfest und die damit verbundenen Bräuche: Wie feierten die Menschen im Mittelalter Weihnachten und wie feiern wir das Fest heute?

Städel Museum Frankfurt zeigt Niederländische Zeichenkunst des 18. Jahrhunderts vom feinsten – vom 1. OKTOBER 2020 BIS 10. JANUAR 2021

Aert Schouman (1710–1792) Ein Rosalöffler (Platalea ajaja), um 1760 1780  Wasserfarben, über schwarzem Stift, auf Büttenpapier 251 × 375 mm Städel Museum, Frankfurt am Main Foto: Städel Museum – U. Edelmann
Aert Schouman (1710–1792) Ein Rosalöffler (Platalea ajaja), um 1760 1780 Wasserfarben, über schwarzem Stift, auf Büttenpapier 251 × 375 mm Städel Museum, Frankfurt am Main Foto: Städel Museum – U. Edelmann

Mit annähernd 600 Blättern verfügt das Städel Museum über eine der umfangreichsten Sammlungen niederländischer Zeichnungen des 18. Jahrhunderts außerhalb der Niederlande und Belgiens. Diesem wertvollen Bestand widmet das Städel vom 1. Oktober 2020 bis 10. Januar 2021 eine eigene Ausstellung. Präsentiert werden 81 repräsentative Zeichnungen von heute kaum mehr bekannten, in ihrer Zeit aber oft sehr erfolgreichen Künstlern. Sie veranschaulichen exemplarisch die Struktur des Sammlungsbestands, das inhaltliche Spektrum und die künstlerische Qualität. Die häufig bildmäßig vollendeten, oft auch farbigen Handzeichnungen bedienten die Schaulust der aufgeklärten Bürgerinnen und Bürger des 18. Jahrhunderts und ihr Bedürfnis nach Austausch und Information. Mit anderen Kunstinteressierten wurde eine Gesprächskultur über Bilder durch das gemeinsame Betrachten der Zeichnungen gepflegt.

In der Ausstellung sind Entwürfe für Wand- und Deckendekorationen von Jacob de Wit, Buchillustrationen von Bernard Picart, niederländische Topografien von Cornelis Pronk, Paulus Constantijn la Fargue oder Hendrik Schepper, stimmungsvoll komponierte Landschaftszeichnungen von Jacob Cats, den Brüdern Jacob und Abraham van Strij oder von Franciscus Andreas Milatz, dekorative Blumen- und Früchtestillleben von Jan van Huysum und dessen zahlreichen Nachfolgern sowie Darstellungen exotischer Tiere von Aert Schouman oder satirische Genreszenen von Cornelis Troost und Jacobus Buys versammelt. Die ausgewählten Werke verdeutlichen eindrucksvoll die Aufwertung und Emanzipation der Zeichnung in den Niederlanden des 18. Jahrhunderts ebenso wie die immer wieder gesuchte Auseinandersetzung mit der Kunst des 17. Jahrhunderts, des sogenannten niederländischen „Goldenen Zeitalters“.

Das Forschungs- und Ausstellungsprojekt wurde ermöglicht durch die Stiftung Gabriele Busch-Hauck, die sich seit Langem für die wissenschaftliche Erschließung der Bestände der Graphischen Sammlung des Städel Museums engagiert und bereits vor zwei Jahrzehnten den ersten Auswahlbestandskatalog der niederländischen Zeichnungen mit Werken des 15. bis 18. Jahrhunderts gefördert hat. An diesen Katalog knüpft das vorliegende Projekt mit seiner zeitlich konzentrierten Fragestellung an.

Mit dem ersten Besuchertag der Ausstellung ist auch der Studiensaal der Graphischen Sammlung nach Umbaumaßnahmen wieder zugänglich. Der Studiensaal bietet dem Publikum die Möglichkeit, sich Arbeiten aus dem über 100.000 Zeichnungen und Grafiken umfassenden Bestand des Städel Museums vorlegen zu lassen.

„Wir verbinden die niederländische Kunst des 18. Jahrhunderts heute zwar nicht mit bekannten Meisterwerken und berühmten Künstlernamen, dennoch erlebte sie in ihrer Zeit eine reiche Blüte und wurde auch außerhalb der Niederlande aufmerksam beobachtet und gesammelt. Das Städel Museum verfügt seit seiner Gründung über einen kunsthistorisch wertvollen Bestand an niederländischen Zeichnungen des 18. Jahrhunderts. Unsere jüngsten Forschungsergebnisse aus der Erschließung der Sammlung können wir nun in einer Ausstellung und einem Katalog für alle Besucherinnen und Besucher des Museums sichtbar machen. Gleichzeitig eröffnen wir mit der ‚Schaulust‘-Ausstellung auch den umgebauten Studiensaal für das Publikum, sodass nun die Räumlichkeiten der Graphischen Sammlung wieder vollständig zugänglich sind“, so Städel Direktor Philipp Demandt.

Außerhalb ihres Ursprungslandes ist die niederländische Kunst des 18. Jahrhunderts weit weniger bekannt und berühmt als die Kunst des „Goldenen Zeitalters“. Dennoch gab es im Jahrhundert der Aufklärung insbesondere in Zentren wie Amsterdam, Haarlem, Den Haag oder Dordrecht eine blühende Kunstproduktion. Dort entstanden neben Gemälden und Druckgrafiken in großem Umfang und auf hohem Niveau Zeichnungen, die vielfach als Kunstwerke für den Verkauf angefertigt und europaweit gesammelt wurden. Solche Zeichnungen wurden in Kunstbüchern oder Alben in den Bibliotheken wohlhabender Bürgerinnen und Bürger aufbewahrt und dienten dem Kunst- wie dem Wissens- und Bildungsbedürfnis. Auch der Stifter des Städel Museums, Johann Friedrich Städel (1728–1816), und der mit ihm befreundete Johann Georg Grambs (1756–1817) waren Sammler niederländischer Zeichnungen des 18. Jahrhunderts. Sie erwarben mit diesen Blättern Werke ihrer Gegenwart bzw. jüngsten Vergangenheit und damit zugleich eine Kunst, die besonders dem bürgerlichen Geschmack ihrer Zeit entsprach. Städels Sammlung wurde mit seinem Tod 1816 Eigentum seiner Stiftung; die Kunstwerke aus dem Besitz von Grambs, der dem ersten Vorstand der Städelschen Stiftung angehörte, kamen nur ein Jahr später dazu.

Rundgang durch die Ausstellung

Ausstellungsansicht "Schaulust. Niederländische Zeichenkunst des 18. Jahrhunderts" Foto: Städel Museum  Norbert Miguletz
Ausstellungsansicht „Schaulust. Niederländische Zeichenkunst des 18. Jahrhunderts“ Foto: Städel Museum Norbert Miguletz

Die Ausstellung „Schaulust. Niederländische Zeichenkunst des 18. Jahrhunderts“ gliedert sich in fünf thematische Kapitel. Den Anfang machen Werke, die die internationale Ausrichtung der niederländischen Kunst im frühen 18. Jahrhundert veranschaulichen und neben einer großen technischen Bandbreite die vielfältigen Funktionen von Zeichnung zeigen: Studienblätter und entwerfende Zeichnungen, etwa Figuren- und Kompositionsstudien, sowie ausgeführte Vorzeichnungen für großformatige barocke Wand- und Deckendekorationen sind vertreten, außerdem kleinformatige Buchillustrationen. Der wohl bekannteste Dekorationsmaler der Zeit, Jacob de Wit (1695–1754), verband die flämische Tradition von Rubens (1577–1640) und van Dyck (1599–1641) mit italienischen Vorbildern zu einem „holländischen Rokoko“. Seine zahlreichen und von ihm selbst sorgfältig aufbewahrten Vorzeichnungen und Studien wurden im Lauf des Jahrhunderts zu begehrten Sammelobjekten. Die Ausstellung zeigt beispielsweise den Deckenentwurf: Flora und Zephyr (um 1725). Weitere Zeichnungen, die internationalen Tendenzen folgen, sind ebenfalls in diesem Kapitel zusammengefasst. Mythologische Szenen, wie Aeneas rettet Anchises aus dem brennenden Troja (1687) von Willem van Mieris (1662–1747), oder klassisch-arkadische und italianisierende Landschaften von Jan van Huysum (1682–1749), wie Landschaft mit antiker Tempelarchitektur im Sturm (um 1721), aber auch Arbeiten von Abraham Rademaker (1677–1735) oder Isaac de Moucheron (1667–1744) zeigen vor allem einen von Frankreich beeinflussten Klassizismus.

Hendrik Kobell (1751–1779) Eine Antwerpener Pleit und andere Schiffe zwischen Noord Beveland und Wolphaartsdijk, 1775 Wasser- und Deckfarben, über schwarzem Stift, auf Büttenpapier 360 × 534 mm Städel Museum, Frankfurt am Main Foto: Städel Museum
Hendrik Kobell (1751–1779) Eine Antwerpener Pleit und andere Schiffe zwischen Noord Beveland und Wolphaartsdijk, 1775 Wasser- und Deckfarben, über schwarzem Stift, auf Büttenpapier 360 × 534 mm Städel Museum, Frankfurt am Main Foto: Städel Museum

Parallel dazu kam es im zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts zu einer Hinwendung zum eigenen Land, die an niederländische Traditionen des 17. Jahrhunderts anknüpfte und diese mit einer empirisch registrierenden Sachlichkeit verband. Im zweiten Kapitel der Ausstellung werden Zeichnungen gezeigt, die sehenswerte und bedeutungsvolle Orte in den Niederlanden darstellen. In diesen Topografien vergewisserte man sich auf eine neue Art der Heimat und ihrer Geschichte. Grundlage solcher Darstellungen war das Zeichnen an Ort und Stelle, die genaue Aufnahme der Gegebenheiten; das Ergebnis wurde dann für druckgrafische Illustrationen oder autonome Zeichnungen bearbeitet. Zum führenden Künstler wurde hier Cornelis Pronk (1691–1759). Das Städel Museum besitzt unter anderem eine außergewöhnlich großformatige autonome Zeichnung des niederländischen Parlaments, das gleichzeitig die Residenz des Statthalters der Niederlande war: der Binnenhof in Den Haag (nach 1741). Topografien wurden nicht nur von professionell ausgebildeten Künstlern wie Pronk und seinen Schülern Abraham de Haen (1707–1748) und Jan de Beijer (1703–1780) angefertigt, sondern auch von wohlhabenden Amateuren wie Hendrik Schepper (1741–1794), der auf höchstem künstlerischem Niveau arbeitete. Eine Besonderheit stellt die Fantasieansicht einer niederländischen Stadt von Johannes Huibert Prins (1757–1806) dar (Ansicht einer niederländischen Stadt, 1790). Die einzelnen Bildelemente lassen sich auf einen nach der Natur gezeichneten Motivvorrat des Künstlers zurückführen, die gesamte Komposition gibt allerdings keinen realen Ort wieder.

Der Wissensdurst im 18. Jahrhundert erstreckte sich auf vielfältige Gebiete. Nicht nur Atlanten der heimatlichen Sehenswürdigkeiten wurden angelegt, es gab auch Kunst- und Naturaliensammlungen verschiedenster Ausrichtungen. Zeichnungen von Flora und Fauna waren wegen ihres künstlerischen Charakters ebenso gefragt wie als instruktive lehrreiche Abbildungen. Im Jahrhundert der Aufklärung trat die im 17. Jahrhundert noch so wichtige symbolische und religiöse Bedeutung der künstlerischen Darstellungen zugunsten wissenschaftlich-empirischer Genauigkeit, kunstgeschichtlicher Rückbesinnung und einer unmittelbar sinnlichen Freude an der Vielfalt von Farbe und Textur zurück. Das prachtvolle, auf Pergament ausgeführte Blumengebinde (1700) von Herman Henstenburgh (1667–1726) zu Beginn des Kapitels „Blumen, Früchte und Tiere“ steht für die bezeichnende Verbindung von dekorativer Wirkung und sinnlich-gegenständlicher Präsenz. Aert Schouman (1710–1792) schuf neben dekorativen Wandgemälden und Zeichnungen mit Vögeln in idealisierten Parklandschaften vor allem eine große Anzahl von zoologisch zuverlässigen Abbildungen einzelner Tiere, etwa Ein Rosalöffler (Platalea ajaja) (um 1760–1780). Aufgrund der Genauigkeit ihrer Ausführung und ihrer zeichnerischen Virtuosität waren die Blätter für naturwissenschaftlich Interessierte ebenso spannend wie für Kunstsammlerinnen und -sammler.

Die Zeichenkunst des 18. Jahrhunderts beschäftigte sich auch mit der zeitgenössischen Gegenwart, etwa in den satirischen Schilderungen eines der originellsten niederländischen Künstler dieser Zeit, Cornelis Troost (1696–1750). Mit seinen Genrekompositionen richtete er seinen Blick auf die Bürgerinnen und Bürger seiner Zeit und nahm diese in Darstellungen wie Suijpe Stein (1742) aufs Korn. Neben den Genre- und Theaterzeichnungen widmen sich die zumeist großformatigen Zeichnungen im vierten Kapitel der Ausstellung der Rückschau auf die Kunst des „Goldenen Zeitalters“. Es ist ein niederländisches Phänomen dieser Zeit, dass Sammler Nachzeichnungen nach Gemälden des 17. Jahrhunderts in Auftrag gaben, um bewunderte Kunstwerke aus fremdem Besitz selbst verfügbar zu haben. Beliebt waren pittoreske Bauernszenen von Adriaen van Ostade (1610–1685), häusliche Genredarstellungen von Gerard Dou (1613–1675) oder Porträts der Haarlemer Maler Frans Hals (1582/83–1666) und Cornelis Verspronck (1601/1603–1662).

Abschließend beschäftigt sich die Ausstellung mit einem immer wiederkehrenden Thema der niederländischen Kunst, der Landschaft. Die Landschaftszeichnungen waren eine persönliche Vorliebe von Johann Friedrich Städel und Johann Georg Grambs. Nach 1750 ist ein sich veränderter Umgang mit dem Thema der Landschaft zu erkennen. Die Darstellungen zeigen eine Tendenz zur stärkeren Rückbesinnung auf die eigene Geschichte und Kunstgeschichte. Das Landleben und die malerischen Bauernhäuser wie in Landschaft mit Burg im Schnee (Der Winter) (1788) von Jacob Cats (1741–1799) oder von Egbert van Drielst (1745–1818) sind erkennbar von Vorbildern des „Goldenen Zeitalters“ beeinflusst. Und auch in den Marinen des Rotterdamers Hendrik Kobell (1751–1779), etwa Eine Antwerpener Pleit und andere Schiffe zwischen Noord-Beveland und Wolphaartsdijk (1775), oder des Dordrechters Martinus Schouman (1770–1848) klingt das vorangegangene Jahrhundert an. Der Reiz der Landschaftszeichnungen konnte sich in dieser Zeit auf mehreren Ebenen entfalten: in der Vergewisserung der Schönheit des eigenen Landes, im Reflektieren der großen niederländischen Kunstgeschichte und ihrer Malerei, aber auch in der meisterhaften Beherrschung der verschiedenen zeichnerischen Techniken.

Die Graphische Sammlung – Neuer Studiensaal Die Graphische Sammlung im Städel Museum bewahrt über 100.000 Zeichnungen und Druckgrafiken vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Dank der hohen Qualität der Blätter gehört sie zu den bedeutendsten Sammlungen ihrer Art in Deutschland. Höhepunkte sind neben Werken von Dürer, Raffael oder Rembrandt u. a. nazarenische Zeichnungen, französische Blätter des 18. und 19. Jahrhunderts, Werke von Max Beckmann und des deutschen Expressionismus um Ernst Ludwig Kirchner sowie Arbeiten der US-amerikanischen Kunst nach 1945. Die Werke werden in Sonderausstellungen präsentiert oder im Studiensaal zu den gesonderten Öffnungszeiten vorgelegt.
Nach mehr als fünf Jahrzehnten wurde die Graphische Sammlung mit ihren Bereichen für Wissenschaft und Forschung sowie dem Studiensaal umgebaut. Die Neupräsentation der Räumlichkeiten gewährleistet eine zeitgemäße Präsentation der Bestände und sorgt für eine Verbesserung der klimatischen Bedingungen wie auch der Sicherheitsvorkehrungen gegen Brand und Einbruch.

SCHAULUST. NIEDERLÄNDISCHE ZEICHENKUNST DES 18. JAHRHUNDERTS
Ausstellungsdauer: 1. Oktober 2020 bis 10. Januar 2021

© Foto: Diether v. Goddenthow
© Foto: Diether v. Goddenthow

Ort: Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main
Information: www.staedelmuseum.de
Besucherservice: +49(0)69-605098-200, info@staedelmuseum.de
Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr, Sa, So + Feiertage 10.00–18.00 Uhr, Do 10.00–21.00 Uhr

Sonderöffnungszeiten: Sa, 3.10., 10.00–18.00 Uhr; Do, 24.12., geschlossen; Fr, 25.12., 10.00–18.00 Uhr; Sa, 26.12., 10.00–18.00 Uhr; Do, 31.12., geschlossen; Fr, 1.1.2021, 11.00–18.00 Uhr

Öffnungszeiten Studiensaal Graphische Sammlung: Mi, Fr 14.00–17.00 Uhr, Do 14.00–19.00 Uhr. Um die Schutzmaßnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus (Covid-19) einzuhalten, ist eine vorherige schriftliche Anmeldung mit Angabe der Uhrzeit und Aufenthaltsdauer per E-Mail an graphischesammlung@staedelmuseum.de erforderlich.

Eintritt: 14 Euro; freier Eintritt für Kinder unter 12 Jahren
Überblicksführungen durch die Ausstellung: Do 18.00 Uhr, So 14.00 Uhr. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Tickets sind im Online-Shop für 5 Euro buchbar unter shop.staedelmuseum.de

Städel Frankfurt – ZURÜCK IN DIE GEGENWART NEUE PERSPEKTIVEN, NEUE WERKE – DIE SAMMLUNG VON 1945 BIS HEUTE

Miriam Cahn (*1949) Muttertier, 1998 Öl auf Leinwand 84 × 100 cm Städel Museum, Frankfurt am Main, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V. Erstmals präsentiert in den neu eröffneten Gartenhallen im Städel. © Foto: Diether v. Goddenthow
Miriam Cahn (*1949) Muttertier, 1998 Öl auf Leinwand 84 × 100 cm
Städel Museum, Frankfurt am Main, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V. Erstmals präsentiert in den neu eröffneten Gartenhallen im Städel. © Foto: Diether v. Goddenthow

Neupräsentation der Sammlung Gegenwartskunst ab dem 19. Mai 2020 in den Gartenhallen

Frankfurt am Main, 4. Mai 2020. Nahezu ein Jahrzehnt nach der Eröffnung der Gartenhallen wird die Sammlung Gegenwartskunst im Städel Museum ab dem 19. Mai 2020 zum ersten Mal neu präsentiert. Ausgehend vom zentralen Platz der rund 3.000 m² großen Gartenhallen und beginnend mit Hauptwerken der jüngeren und jüngsten Zeitgenossenschaft fächert sich eine Geschichte der Kunst nach 1945 auf. Rund 230 Arbeiten von 170 Künstlerinnen und Künstlern aus verschiedenen Schulen, Stilen und Gruppen eröffnen überraschende Vergleiche, Blickwinkel und Sichtachsen zwischen der unmittelbaren Gegenwart und ihren Wurzeln in den zurückliegenden Jahrzehnten. Aus diesem Anlass ist auch eine Vielzahl an jüngsten Neuerwerbungen und Schenkungen erstmals zu sehen, etwa Arbeiten von Miriam Cahn (*1949), René Daniëls (*1950), Carlos Cruz-Diez (1923–2019), Jimmie Durham (*1940), Asta Gröting (*1961) oder Victor Vasarely (1906–1997). Anhand unterschiedlichster Erzählstränge ermöglicht die Neupräsentation einen Zugang zur Kunst nach 1945, der die Sammlung bewusst nicht chronologisch, sondern thematisch erfahrbar macht. Die Auflösung des abgebildeten Gegenstandes in abstrakte, formlose Malereien wird ebenso Dekaden übergreifend vermittelt wie der sich gleichzeitig vollziehende Einzug der gestischen Malerei und deren Auswirkungen auf die nachfolgenden Jahrzehnte. Auch die immer wieder mit neuen Bedeutungen und Referenzen aufgeladene Ästhetik der Geometrie und der Dinge des alltäglichen Lebens wird in ihren unterschiedlichen Ausprägungen und thematischen Bezugspunkten gezeigt. Im Gang durch die Räume und Plätze der Gartenhallen kann das Publikum nachvollziehen, wie die Figur wieder zurück ins Bild findet, die Malerei den – realen – Raum erobert oder die scheinbar konkurrierenden Medien Malerei und Fotografie zu einem wechselseitigen Austausch finden.

Impression der Neupräsentation "Zurück in die Gegenwart" der Sammlung Gegenwartskunst ab dem 19. Mai 2020 in den Gartenhallen. © Foto: Diether v. Goddenthow
Impression der Neupräsentation „Zurück in die Gegenwart“ der Sammlung Gegenwartskunst ab dem 19. Mai 2020 in den Gartenhallen. © Foto: Diether v. Goddenthow

„Seit der Gründung des Städel Museums sammeln wir zeitgenössisch. Im Jahr 2012 hat die Sammlung Gegenwartskunst einen hervorragenden Platz in den neuen Gartenhallen gefunden. Seitdem ist viel passiert: In den letzten Jahren konnten wir durch das starke Engagement unserer Förderinnen und Förderer sowie durch zahlreiche bedeutende Schenkungen und eine entschlossene Ankaufspolitik die Sammlung Gegenwartskunst signifikant ausbauen. Diese neuen Werke und weitere bedeutende Arbeiten kann unser Publikum in einer veränderten Präsentation und einer Auswahl von 170 Künstlerinnen und Künstlern neu entdecken. Es ist eine Einladung, eine besondere Sammlung und sieben Jahrzehnte Gegenwartskunst mit anderen Augen zu sehen“, so Philipp Demandt, Direktor des Städel Museums.

„Die offene Struktur der Städel Gartenhallen ermöglicht einen unabhängigen Blick auf die Kunst unserer Zeit, die vom jeweiligen Heute bis in die unmittelbare Nachkriegszeit zurückreicht. Die Plätze, Räume und Wege der Ausstellungsarchitektur eröffnen ungewohnte Blickachsen und Nachbarschaften, die Verbindungen herstellen, sichtbar machen und mühelos Kunst aus mehreren Jahrzehnten zusammenführen. Wir werden zum Flaneur und können die jüngste Kunstgeschichte nach unseren selbst gewählten Routen entdecken“, erklärt Martin Engler, Sammlungsleiter der Abteilung Gegenwartskunst im Städel Museum.

So tritt etwa Wolfgang Tillmans’ (*1968) abstrakte Fotografie Freischwimmer 54 (2004) in Dialog mit der Assemblage Zimbal (1966) von Gerhard Hoehme (1920–1989) oder Raymond Hains’ (1926–2005) Collage Coup de Pied (1960), die Skulpturen Jessica Stockholders (*1959) #358 (2001) und Isa Genzkens (*1948) Wind I (David) (2009) leiten über zu Blinky Palermos (1943–1977) Stoffbild (1970) oder Yves Kleins (1928–1962) Schwammrelief Relief éponge bleu (1960). Daniel Richters (*1962) abstrakt-figurative Malerei verknüpft sich mit Francis Bacons (1909–1992) Studie für die Kinderschwester in dem Film „Panzerkreuzer Potemkin“ (1957). Dirk Skrebers (*1961) fotorealistisch anmutende Malerei führt zu Thomas Demands (*1964) selbst gebauten und fotografisch festgehaltenen Räumen. Jenseits der scheinbar vertrauten Pfade der Kunst nach 1945 werden verschiedene Gegenwarten sichtbar: unterschiedlichste Lesarten und Zugänge zur Kunst dieser Zeit, die teilweise parallel verlaufen, sich überschneiden oder ergänzen, einander widersprechen und kommentieren. Das Ergebnis ist ein Parcours durch sieben Jahrzehnte Gegenwartskunst, der es dem Publikum ermöglicht, eine eigene Kunstgeschichte auf individuelle Weise und nach persönlichem Interesse zu begreifen.

Einblicke in die Neupräsentation
Die Neupräsentation der Sammlung Gegenwartskunst lässt sich ausgehend vom zentralen Platz der Gartenhallen erschließen. Unter der acht Meter hohen Kuppel vereinen sich aktuelle Positionen von Künstlerinnen und Künstlern der jüngsten Gegenwart. Arbeiten von Isa Genzken, Jessica Stockholder, Michel Majerus (1967–2002), Wilhelm Sasnal (*1972), Daniel Richter oder Dirk Skreber führen die vielschichtigen Erzählstränge der Sammlung zusammen. Sie zeigen die Heterogenität zeitgenössischer Kunstproduktion und definieren zugleich den ästhetischen Resonanzraum unserer Gegenwart. Von ihnen gehen strahlenförmig die Haupterzählstränge der Sammlungspräsentation aus. Anhand von Hauptwerken und Entdeckungen jenseits des Kanons wird eine Lesart der Kunstgeschichte betont, die eine lineare Entwicklung entkräftigt und vielmehr das Verbindende als das Trennende in der Kunst sucht.

Eines der zentralen Anliegen der neuen Dauerausstellung ist die Entwicklung einer verbindenden Erzählung zwischen der Kunst nach 1945 und der Moderne – der sogenannten ersten und zweiten Avantgarde. In der geometrischen Abstraktion der Nachkriegszeit zitieren, überarbeiten oder dekonstruieren Künstlerinnen und Künstler die Formensprache des Bauhauses oder des russischen Suprematismus.

Geometrische Abstraktionen. Im Hintergrund: Victor Vasarely (1906–1997) mit "Rey-Tey-Ket", 1969 Arcyl auf Leinwand 160 × 160 cm. © Foto: Diether v. Goddenthow
Geometrische Abstraktionen. Im Hintergrund: Victor Vasarely (1906–1997)
mit „Rey-Tey-Ket“, 1969 Arcyl auf Leinwand 160 × 160 cm. © Foto: Diether v. Goddenthow

In einer konzentrierten Zusammenstellung verdeutlichen Arbeiten von Victor Vasarely, Mary Heilmann (*1940), Carlos Cruz-Diez oder Josef Albers (1888–1976), wie der Verzicht auf eine persönliche Handschrift und auf Gegenständliches die visuelle Wahrnehmung von Farbe und Form schärfen. Robert Breer (1926–2011) oder Rupprecht Geiger (1908–2009) hingegen überführen die geometrische Abstraktion in eine Farbfeldmalerei.

Das europäische Informel wird in der Sammlung Gegenwartskunst im Städel als Konzept einer ganzen Epoche begriffen. Nach 1945 äußert sich darin neben dem Moment der Freiheit auch die Unmöglichkeit, das Ausmaß der Zerstörung mit einer gegenständlichen Bildsprache angemessen darzustellen. Eine abstrakte, gestische Malerei löst jegliche Form und menschliche Gestalt auf. Der Mensch ist nur noch als Spur der malerischen Handlung im Bild verankert. Doch schon in den 1920er- und 30er-Jahren, in den Arbeiten von Jean Fautrier (1898–1964) oder Fritz Winter (1905–1976), wird dieses vielfältige internationale Phänomen sichtbar. Arbeiten von Wolfgang Tillmans oder Michel Majerus veranschaulichen hingegen das Formlose als ästhetische Kategorie bis in unsere direkte Gegenwartskunst. Diese universelle Bildsprache weitet sich schließlich auch über die Grenzen der Malerei aus. Arbeiten von Raymond Hains oder Dieter Roth (1930–1998) vereinen sich auf überraschende Weise in der Auflösung einer geschlossenen Form hin zu medienübergreifenden Bildkonzepten.

Parallel zu dieser Entwicklung verdeutlichen auch unterschiedliche künstlerische Positionen – beispielsweise von Georg Baselitz (*1938), Eugen Schönebeck (*1936), Leon Golub (1922–2004) oder Pablo Picasso (1881–1973), Francis Bacon und Alberto Giacometti (1901–1966) mit ihren deformierten Körperdarstellungen – dass die Figur keineswegs vollkommen verschwindet. Vielmehr befinden sich Künstlerinnen und Künstler auf einer Suche nach neuen Ausdrucksformen. Zwischen Figuration und Abstraktion entsteht eine neue Gegenständlichkeit, eine neue Wahrnehmung und Darstellung des Menschenbildes. Dass diese Suche bis in unsere jüngste Gegenwart reicht, zeigen Arbeiten von Miriam Cahn oder Daniel Richter.

Die Malerei nach 1945 verlässt immer mehr die Leinwand – ohne aufzuhören, Malerei zu sein. Diese Erweiterung des Tafelbildes in den Raum kann in den Gartenhallen anschaulich nachvollzogen werden, ausgehend von den Nouveaux Réalistes, Zero oder der amerikanischen Minimal Art bis in unsere heutige Zeit. Yves Kleins Schwammreliefs, Günther Ueckers (*1930) Nagelbilder oder Dieter Roths Assemblagen knüpfen an die Moderne an und verweisen gleichzeitig auf Zukünftiges. In den Arbeiten John M. Armleders (*1948), Isa Genzkens oder Jessica Stockholders zeigt sich, wie der Raum immer mehr erobert wird und die Kunst bis in den Alltag dringt.

Impression der Neupräsentation "Zurück in die Gegenwart" der Sammlung Gegenwartskunst ab dem 19. Mai 2020 in den Gartenhallen. © Foto: Diether v. Goddenthow
Impression der Neupräsentation „Zurück in die Gegenwart“ der Sammlung Gegenwartskunst ab dem 19. Mai 2020 in den Gartenhallen. © Foto: Diether v. Goddenthow

Auch das wechselseitige Verhältnis zwischen Malerei und Fotografie wird Dekaden übergreifend gefasst. Angefangen mit Bernd (1931–2007) und Hilla (1934–2015) Becher sowie ihren Schülerinnen und Schülern, wie Jörg Sasse (*1962) oder Andreas Gursky (*1955), bis hin zu Wolfgang Tillmans und Angela Grauerholz (*1952) wird ein vielschichtiges Spektrum an neuen Bildstrategien sichtbar: zwischen dokumentarischem Anspruch und Fotografien abseits jeglicher Realität. Dabei wird nicht die Unterschiedlichkeit der beiden scheinbar konkurrierenden Medien betont, sondern vielmehr der gegenseitige Einfluss. Die Fotografie, mit dem vermeintlichen Anspruch der Abbildung von Wirklichkeit, wird dann zum eigenständigen Medium, das seine Möglichkeiten ausschöpft. Insbesondere im Kontext eines digitalen Zeitalters gewinnt dieser Diskurs immer weiter an Relevanz. In diesem wechselseitigen Austausch eignen sich Fotografien die Bildstrategien der Malerei an und umgekehrt.

Die Sammlung Gegenwartskunst im Städel Museum
Seit seiner Gründung vor mehr als 200 Jahren erweitert das Städel Museum die eigene Sammlung kontinuierlich, stets auch im Hinblick auf die jeweilige künstlerische Gegenwart: sei es durch die Kunst der Nazarener zu Beginn des 19. Jahrhunderts oder später durch Werke des Impressionismus und Expressionismus unter dem damaligen Direktor Georg Swarzenski (1876–1957). Mit der Gründung der Städtischen Galerie im Städel durch die Stadt Frankfurt erhielt die Kunst der Gegenwart einen festen Platz im Museum. Mit den Erwerbungen unter Direktor Klaus Gallwitz (*1930) zwischen 1974 und 1994 konnte der Grundstein der heutigen und im Umfang deutlich vergrößerten Sammlung der Kunst nach 1945 gelegt werden. Hauptwerke von Yves Klein, Francis Bacon, Jean Dubuffet (1901–1985), Anselm Kiefer (*1945), Georg Baselitz oder Gerhard Richter (*1932) gelangten so vergleichsweise früh in den Sammlungsbestand des Städel.
Im Jahr 2012 konnte die Sammlung Gegenwartskunst in den von Max Hollein (*1969) initiierten Gartenhallen erstmals umfassend präsentiert werden. Ermöglicht wurde dieser Erweiterungsbau durch die Unterstützung der Bürgerschaft und durch das Engagement des Städelschen Museums-Vereins, der Städte Frankfurt und Eschborn, des Landes Hessen, der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung sowie weiterer Stiftungen und zahlreicher Unternehmen, deren Engagement in Form einer Saalpatenschaft zum Ausdruck gebracht wird. Die Sammlung Gegenwartskunst im Städel Museum wird bis heute durch großzügige Schenkungen von privaten Mäzeninnen und Mäzenen erweitert und hat wichtige Werke aus den Unternehmenssammlungen der Deutschen Bank sowie der DZ BANK als Leihgaben erhalten. Einen wesentlichen Anteil an Qualität und Umfang der aktuellen Sammlung Gegenwartskunst haben die Erwerbungen des Städelkomitees 21. Jahrhundert.
Durch die kontinuierlichen Erweiterungen und eine konsequente Ankaufspolitik konnte die Sammlung nicht nur ihr Profil mit dem Schwerpunkt deutsche Malerei schärfen, sondern auch wichtige Querverbindungen innerhalb der Nachkriegskunst und darüber hinaus ziehen: Dabei gab es Neu- und Wiederentdeckungen, internationale Verbindungen wurden ausgebaut und hergestellt. Die Dauerausstellung bietet einen Blick auf eine Geschichte der Kunst nach 1945, die nicht für sich alleine steht, sondern im Kontext einer 700 Jahre umfassenden Erzählung europäischer Kunst am Städel Museum. Ganz im Sinne eines globalen Zeitgeistes wird daher die Gegenwartskunst am Städel nicht als geradlinig fortschreitender Prozess, sondern facettenreich und thematisch vernetzt präsentiert.

CLOSE UP. Gegenwart verstehen – Gegenwart vertiefen
Im Zuge der Neupräsentation haben die Abteilungen der Bildung und Vermittlung und der Sammlung Gegenwartskunst des Städel Museums einen innovativen Kunst- und Vermittlungsraum entwickelt. Er bietet den Besucherinnen und Besuchern individuelle Zugänge und Vertiefungsmöglichkeiten zu zentralen Themen der Gegenwartskunst. CLOSE UP spricht ein diverses Publikum mit seinen vielfältigen Erwartungen und Vorkenntnissen an.Die Werke der Gegenwartskunst sind der Lebensrealität der heutigen Besucherinnen und Besucher am nächsten. Dennoch haben die Erfahrungen in der aktiven Vermittlungsarbeit der letzten Jahre gezeigt, dass die Rezeption von Gegenwartskunst häufig mit Hemmschwellen verbunden ist. Der neue Kunst- und Vermittlungsraum des Städel Museums setzt an dieser Stelle an und ermöglicht den Besucherinnen und Besuchern sowohl einen individuellen, niedrigschwelligen und zum Teil spielerischen Zugang als auch eine intensive Beschäftigung, ein Selbststudium von Künstlerinnen und Künstlern, Themen und Diskursen. CLOSE UP verbindet die Präsentation von Einzelwerken mit verschiedenen insbesondere, ab Mitte Juni 2020, auch digitalen Formaten. Die im Raum gezeigten Arbeiten werden in soziokulturelle und historische Zusammenhänge eingeordnet, sodass Verbindungslinien zwischen Kunst und Gesellschaft deutlich werden. Den Auftakt im CLOSE UP zur Neupräsentation der Gegenwart bildet das Zusammenspiel von Fotografie und Malerei. Darüber hinaus ergänzt ein abwechslungsreiches Vermittlungsprogramm für Gruppen das Angebot der vertiefenden Auseinandersetzung mit Themen der Sammlung Gegenwartskunst. Auch in das reguläre Vermittlungsprogramm und die Angebote für Kita-Gruppen und Schulklassen wird der neue Bereich eingebunden.

Ort:

© Foto: Diether v. Goddenthow
© Foto: Diether v. Goddenthow

Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main
Information: www.staedelmuseum.de
Besucherservice: +49(0)69-605098-200, info@staedelmuseum.de
Öffnungszeiten: Di, Mi, Sa, So + Feiertage 10.00–18.00 Uhr, Do + Fr 10.00–21.00 Uhr
Sonderöffnungszeiten: 21.5., 1.6., und 11.6.2020 (10.00–18.00 Uhr)
Eintritt: 14 Euro; freier Eintritt für Kinder unter 12 Jahren
Kartenvorverkauf: shop.staedelmuseum.de

Bestandskatalog: Sammlungsüberblick „Gegenwartskunst (1945–heute) im Städel Museum“, hrsg. von Martin Engler und Max Hollein. Mit einem Vorwort von Max Hollein, Einleitung von Martin Engler. Mit Texten von Martin Engler, Anna Fricke, Carolin Köchling und Charlotte Klonk sowie Gesprächen mit Klaus Gallwitz, Friedhelm Hütte, Sylvia von Metzler und Luminita Sabau.
368 Seiten, 379 Abbildungen, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2016, ISBN 978-3-941399-65-5 (dt. Ausgabe), 35,00 Euro

„EN PASSANT IMPRESSIONISMUS IN SKULPTUR“ ab 9. Mai 2020 im Frankfurter Städel Museum

Was für ein Glück, dass das Städelmuseum Frankfurt diese fulminante Überblicksausstellung „EN PASSANT IMPRESSIONISMUS IN SKULPTUR“ trotz Corona-Pandemie nunmehr ab 9. Mai 2020 doch noch zeigen kann. Was für ein großartiges Werk haben da Dr. Alexander Eiling (Leiter Kunst der Moderne, Städel Museum), Dr. Eva Mongi-Vollmer (Kuratorin für Sonderprojekte, Städel Museum) unter Mitarbeit von Dr. Juliane Betz und Fabienne Ruppen gemeinsam mit dem Städel-Team geschaffen. Diese Ausstellung ist ein Muss für jeden, nicht nur für Impressionisten-Fans und Kunstkundige. Denn „der“ Impressionismus fasziniert vor allem, da er einfach die Herzen der Menschen berührt. Impressionistische Malerei und Gestaltung sind nicht erklärungsbedürftig. Sie sind nicht verkopft,   sondern emotional. Die Werke berühren unsere Seelen durch ihre Lebendigkeit und Dynamik. Das gilt auch noch anderthalb Jahrhunderte nach Entstehung dieser Kunstrichtung als Ausdruck einer neuen, emanzipierten  Lebensweise.

Die impressionistische Malerei fasziniert besonders mit ihrem lockeren, skizzenhaft anmutenden Duktus, der hellen Farbpalette und den alltäglichen Motiven. Es glich Mitte des 19. Jahrhunderts einer kleinen Revolution als es zahlreiche junge Künstler aus ihren dunklen Ateliers ins Licht der Natur hinaus zog, und sie alles auf Leinwand bannten, was und wie sie es sahen. Das ist zumeist bekannt.

Ausstellungsansicht EN PASSANT. Impressionismus in Skulptur © Foto: Diether v Goddenthow
Ausstellungsansicht EN PASSANT. Impressionismus in Skulptur © Foto: Diether v Goddenthow

Bis heute weniger erforscht und einem breiten Publikum unbekannt ist hingegen die Vielfalt des Impressionismus in der Skulptur. Das Städel Museum geht in einer großen Ausstellung erstmals der Frage nach, wie sich Eigenschaften der impressionistischen Malerei wie Licht, Farbe, Bewegung – sogar Flüchtigkeit – in der Bildhauerei manifestiert haben. Im Mittelpunkt der Präsentation stehen fünf Künstler: Edgar Degas (1834–1917), Auguste Rodin (1840–1917), Medardo Rosso (1858–1928), Paolo Troubetzkoy (1866–1938) und Rembrandt Bugatti (1884–1916). Mit ihren Werken stehen sie stellvertretend für unterschiedliche Spielarten der impressionistischen Skulptur.

„EN PASSANT. Impressionismus in Skulptur“ wird durch die DZ BANK AG, die Art Mentor Foundation Lucerne und die Kulturfonds Frankfurt RheinMain gGmbH gefördert. Zusätzliche Unterstützung erfährt die Ausstellung durch die Stadt Frankfurt am Main und die Städelfreunde 1815.

Edgar Degas "Tänzerinnen auf der Bühne"  (ca. 1889). © Foto: Diether v Goddenthow
Edgar Degas „Tänzerinnen auf der Bühne“ (ca. 1889). © Foto: Diether v Goddenthow

Die Schau vereint herausragende Skulpturen der fünf Künstler und setzt sie in Dialog mit Gemälden, Pastellen, Zeichnungen, Druckgrafiken und Fotografien des Impressionismus. Es sind u. a. Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern wie Pierre Bonnard, Antoine Bourdelle, Mary Cassatt, Camille Claudel, Henri Matisse, Claude Monet, Auguste Renoir, Giovanni Segantini und John Singer Sargent zu sehen. Mit mehr als 160 Werken liefert die Ausstellung einen umfassenden Einblick in die Möglichkeiten und Herausforderungen des Impressionismus in der Skulptur.
Neben bedeutenden internationalen Leihgaben etwa aus dem Museum of Fine Arts, Boston, der Ny Carlsberg Glyptotek in Kopenhagen, der Tate Modern in London, dem Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid, dem Metropolitan Museum of Art in New York, dem Musée d’Orsay in Paris sowie zahlreichen privaten Sammlungen zeigt die Ausstellung auch den reichen Sammlungsbestand impressionistischer Kunst des Städel Museums.

Edgar Degas "Das Wannenbad". © Foto: Diether v Goddenthow
Edgar Degas „Das Wannenbad“. © Foto: Diether v Goddenthow

„Es mag verwundern, doch es gibt tatsächlich noch ‚blinde Flecken‘ in der international breit angelegten Forschung zur Kunst des Impressionismus. Ausgehend von unserer qualitätsvollen Sammlung impressionistischer Kunst und ergänzt durch herausragende Leihgaben europäischer und internationaler Museen zeigt sich, wie die Künstler die Bildhauerei an die Gegebenheiten ihrer Zeit anpassen wollten – parallel zu den Bestrebungen in der Malerei des Impressionismus. Die Ausstellung eröffnet unseren Besucherinnen und Besuchern einen eindrucksvollen Dialog zwischen Skulpturen und Gemälden, Papierarbeiten und Fotografien – wie sie auch damals von den Künstlern selbst mehrfach veranlasst wurde“, so Städel Direktor Philipp Demandt.

„Der Impressionismus wird heute wie damals überwiegend als zweidimensionale Kunst wahrgenommen. Die Ausstellung diskutiert die Existenz impressionistischer Skulptur und rückt mit Degas, Rodin, Rosso, Troubetzkoy und Bugatti fünf Künstler ins Zentrum, die mit ihren Werken neue Wege beschritten und von ihren Zeitgenossen als impressionistische Bildhauer bezeichnet wurden. Ihre Ansätze sind zu vielfältig, um nur von einer Form der ‚impressionistischen Skulptur‘ zu sprechen. Es finden sich aber spannende Ausprägungen einer ‚Skulptur im Impressionismus‘, die unseren Blick auf diese bislang durch Malerei, Druckgrafik und Zeichnung dominierte Stilrichtung erweitern“, erklären die Kuratoren der Ausstellung, Eva Mongi-Vollmer und Alexander Eiling.

Edgar Degas’ Plastik Kleine 14-jährige Tänzerin (1878/81, Privatsammlung, Europa) © Foto: Diether v Goddenthow
Edgar Degas’ Plastik Kleine 14-jährige Tänzerin (1878/81, Privatsammlung, Europa) © Foto: Diether v Goddenthow

Mit der Präsentation der berühmten Kleinen 14-jährigen Tänzerin (1878/81) von Edgar Degas auf der sechsten Impressionisten-Ausstellung im Jahr 1881 nahm die Diskussion über den Impressionismus in der Skulptur ihren Anfang. Es ist demnach keine Frage, ob es die impressionistische Skulptur gibt: Sie wurde zwar verhalten definiert und vorwiegend in Kritikerkreisen diskutiert, der Begriff galt aber bis nach der Jahrhundertwende als gesetzt.

Degas, Rodin, Rosso, Troubetzkoy und Bugatti wurden alle zu Lebzeiten als „impressionistische Bildhauer“ bezeichnet. Die Gründe dafür waren vielfältig: Zum einen wandten sich diese fünf Künstler mehr und mehr zeitgenössischen, häufig alltäglichen Themen zu. Zum anderen griffen sie auf Materialien jenseits des akademisch-klassischen Marmors zurück und verwendeten beispielsweise Wachs nicht nur für Entwürfe, sondern auch für ausgearbeitete Skulpturen. Anstatt die Oberflächen glatt und geschlossen anzulegen, arbeiteten sie lebhafte Strukturen heraus, in denen sich das Licht brechen konnte. Auch durch die Sichtbarkeit von Arbeitsspuren näherten sich ihre Skulpturen der Wirkung impressionistischer Gemälde an.

RUNDGANG DURCH DIE AUSSTELLUNG

Die Ausstellung beginnt im ersten Obergeschoss des Peichl-Baues und zeigt in überwiegend künstlermonografischen Räumen die unterschiedlichen Ansätze des Impressionismus in der Skulptur. Die Gegenüberstellung von Bildwerken, Gemälden, Zeichnungen, Druckgrafiken und Fotografien verdeutlicht die Wechselwirkungen zwischen den Medien.

Louis-Marie Ottin (1811–1890) , Skulptur "Junges Mädchen eine Vase tragend"  im Hintergrund Claude Monets (1840–1926) "Das Mittagessen" © Foto: Diether v Goddenthow
Louis-Marie Ottin (1811–1890) , Skulptur „Junges Mädchen eine Vase tragend“ im Hintergrund Claude Monets (1840–1926) „Das Mittagessen“ © Foto: Diether v Goddenthow

Eingangs präsentiert die Schau drei der insgesamt siebzehn Skulpturen, die zwischen 1874 und 1886 im Rahmen der acht Impressionisten-Ausstellungen in Paris zu sehen waren. Diese Skulpturen – zwei Arbeiten des neoklassizistischen Bildhauers Auguste-Louis-Marie Ottin (1811–1890) und eine von Paul Gauguin (1848–1903) – werden unter anderem zu Gemälden und Grafiken von Mary Cassatt (1844–1926), Claude Monet (1840–1926) und Pierre-Auguste Renoir (1841–1919) in Beziehung gesetzt. Sie überraschen die Besucherinnen und Besucher, da sie keines der Merkmale aufweisen, die heute mit dem Impressionismus in Verbindung gebracht werden. Dennoch waren sie Exponate in den namensgebenden Impressionisten-Ausstellungen.

 Edgar Degas

Edgar Degas’ Plastik Kleine 14-jährige Tänzerin (1878/81, Privatsammlung, Europa) © Foto: Diether v Goddenthow
Edgar Degas’ Plastik Kleine 14-jährige Tänzerin (1878/81, Privatsammlung, Europa) © Foto: Diether v Goddenthow

Mit Edgar Degas’ Plastik Kleine 14-jährige Tänzerin (1878/81, Privatsammlung, Europa) stellt das Städel ein Hauptwerk des Impressionismus in der Skulptur vor. Als sie 1881 auf der sechsten Impressionisten-Ausstellung gezeigt wurde, führte der Kritiker Jules Claretie erstmals den Begriff des „impressionistischen Bildhauers“ ein. Degas wählte mit der Darstellung einer jungen Ballettschülerin ein seinerzeit aktuelles Thema aus dem Schattenbereich des Pariser Unterhaltungsgeschäftes. Die Darstellung einer jungen Ballerina wurde vom damaligen Publikum mit dem Thema der Prostitution verknüpft. Die Neuartigkeit des Motivs unterstrich Degas mit der damals in der Kunst unüblichen Verwendung von Alltagsmaterialien. Den Hauptbestandteil der Figur bildete Wachs, das sich zu einer als modern und unkonventionell empfundenen Alternative zu Marmor und Bronze entwickelte.

Edgar Degas Impression von Tänzerinnen Skulpturen. © Foto: Diether v Goddenthow
Edgar Degas Impression von Tänzerinnen Skulpturen. © Foto: Diether v Goddenthow

Degas’ Skulptur steht prototypisch für eine Bildhauerei, die versuchte, mit neuartigen Materialien auf die Gegebenheiten einer sich grundlegend verändernden Gesellschaft zu reagieren. Während Degas’ Kleine 14-jährige Tänzerin die einzige Skulptur ist, die der Künstler zu Lebzeiten ausstellte, können die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung auf eine große Bandbreite an Kleinplastiken blicken. Nach Degas’ Tod 1917 ließen seine Erben die in seinem Atelier verwahrten zahlreichen Wachsfiguren in dauerhaftes Material überführen und eine limitierte Anzahl von Bronzegüssen anfertigen. Die Skulpturen stehen in direktem Zusammenhang mit den von Degas zeitlebens bevorzugten Motivkomplexen der Tänzerinnen und Badenden, Boudoir-Szenen sowie Darstellungen von Pferden und Jockeys. Sie waren für den Künstler Teil eines medienübergreifenden Werkprozesses. Ausdrucks- und Bewegungsmotive erprobte er im Zwei- sowie Dreidimensionalen und profitierte von den jeweiligen Wechselwirkungen.

Rembrandt Bugatti

Impression Arbeiten von  Rembrandt Bugatti. © Foto: Diether v Goddenthow
Impression Arbeiten von Rembrandt Bugatti. © Foto: Diether v Goddenthow

Der Rundgang leitet zu den Plastiken von Rembrandt Bugatti über. Diese entstanden in der Regel sur nature, also direkt vor seinen Modellen in den zoologischen Gärten von Paris oder Antwerpen. Bugattis Tierdarstellungen lösen sich von einer Tradition in der das Tier primär als Spiegel menschlicher Eigenschaften verstanden wurde. Vielmehr schuf er regelrechte Porträts von Panthern, Löwen oder Flamingos. Zugunsten der Wiedergabe von markanten Haltungen und Bewegungen verzichtete er auf Details.

Rembrandt Bugattis Fressende Löwin (1903, The Sladmore Gallery, London). © Foto: Diether v Goddenthow
Rembrandt Bugattis Fressende Löwin (1903, The Sladmore Gallery, London). © Foto: Diether v Goddenthow

Mitunter ist das Motiv kaum noch erkennbar, wie etwa Bugattis Fressende Löwin (1903, The Sladmore Gallery, London) verdeutlicht. Für Bugatti war das rasche Modellieren vor Ort maßgeblich für das Gelingen eines Werkes. Für seine ausgesprochen freie Modelliertechnik verwendete er unter anderem einen neuartigen Werkstoff, das Plastilin, das sehr geschmeidig und lange formbar war. Die Offenheit von Bugattis Formen und die Sichtbarkeit der Bearbeitungsspuren ähneln den Oberflächen impressionistischer Gemälde.

Rembrandt Bugatti Flamingo. © Foto: Diether v Goddenthow
Rembrandt Bugatti Flamingo. © Foto: Diether v Goddenthow

In der Ausstellung werden Bugattis frühe Arbeiten von Kühen und Ziegen Gemälden seines Onkels Giovanni Segantini (1858–1899) gegenübergestellt. Neben der motivischen Nähe der beiden Künstler wird auch ihr gemeinsames Interesse am Verweben von Figur und Raum durch eine übergreifende Struktur und Harmonie deutlich.

Medardo Rosso

Ausstellungs-Impression Medardo Rosso.  © Foto: Diether v Goddenthow
Ausstellungs-Impression Medardo Rosso. © Foto: Diether v Goddenthow

Im Erdgeschoss des Peichl-Baues setzt sich die Ausstellung mit den Arbeiten von Medardo Rosso fort. Die französische Presse bezeichnete den Künstler bereits 1886 als den Begründer der impressionistischen Skulptur. Seine figurativen Arbeiten versuchen das Vergängliche, Flüchtige zu erfassen und beziehen dabei auch den umgebenden Raum mit ein. Wie Rosso dies umsetzte, lässt sich eindringlich am Beispiel der Portinaia (1883/84, Guss 1887; Museum of Fine Arts, Budapest) sehen.

Medardo Rosso "Das goldene Zeitalter". © Foto: Diether v Goddenthow
Medardo Rosso „Das goldene Zeitalter“. © Foto: Diether v Goddenthow

Sie gilt in der Forschung als Schlüsselwerk. Dargestellt ist die Pförtnerin in Rossos Wohnhaus, an der er täglich vorbeiging. Diesen kurzen Augenblick des Wahrnehmens übertrug der Künstler in Form einer verwischten Kontur in das Objekt. Die entstehende Unschärfe lässt die Porträtierte nur von einer bestimmten Position erkennen und führt zu einer ungewöhnlichen Verschleifung von Figur und Raum. Mit diesem komplexen Ansatz und seinem Fokus auf die subjektive Wahrnehmung schloss Rosso an die Entwicklung des Impressionismus in der Malerei an. Rosso war selbst bestrebt, seine Werke zusammen mit Gemälden und Fotografien zu präsentieren. In der Ausstellung werden sie gemeinsam mit Arbeiten von Eugène Carrière (1849–1906) und Tranquillo Cremona (1837–1878) gezeigt.

Paolo Troubetzkoy

Ausstellungsansicht EN PASSANT. Impressionismus in Skulptur © Foto: Diether v Goddenthow
Ausstellungsansicht EN PASSANT. Impressionismus in Skulptur © Foto: Diether v Goddenthow

Mit den vibrierenden Bronzen von Paolo Troubetzkoy zeigt die Ausstellung eine weitere Facette des Impressionismus in der Skulptur. Hervorzuheben sind die Porträtplastiken des russisch-italienischen Bildhauers, bei denen er sein Hauptaugenmerk auf die bewegte Gestaltung von Kleidung und Haaren legte. Dies veranschaulicht u. a. die Darstellung Nach dem Ball (Adelaide Aurnheimer) (1897, Privatsammlung, London). Während das Gesicht der vermögenden Mäzenin Adelaide Aurnheimer glatt modelliert ist, gestaltete Troubetzkoy den Stoff ihrer Robe als eine überbordende Kaskade aus Falten mit zahlreichen Höhen und Graten, in denen die Fingerspuren des Künstlers sichtbar geblieben sind. Gussnähte und Reste von Gusskanälen bezog er bewusst als Gestaltungselemente in seine Werke ein. Selbst im anschließend angefertigten Bronzeguss ist dieser unmittelbare Zugriff des Künstlers auf den Werkstoff noch deutlich zu erkennen, sodass eine formale Ähnlichkeit zum lockeren Duktus der impressionistischen Porträtmalerei entsteht, wie etwa John Singer Sargents Gemälde der Lady Agnew of Lochnaw (1893, National Gallery of Scotland, Edinburgh) zeigt.

 Auguste Rodin

Auguste Rodin "Eva" (1881, Guss wahrscheinlich zwischen 1928 und 1942, Städel Museum © Foto: Diether v Goddenthow
Auguste Rodin „Eva“ (1881, Guss wahrscheinlich zwischen 1928 und 1942, Städel Museum © Foto: Diether v Goddenthow

Die Ausstellung schließt mit zentralen Werkgruppen von Auguste Rodin, die für die Zuordnung des Bildhauers zum Impressionismus ausschlaggebend waren. Die Gestaltung des Raumes orientiert sich an der von Rodin selbst im Jahr 1900 ausgerichteten umfangreichen Einzelausstellung im Pavillon de l’Alma. Auch wenn sich Rodin selbst nie als „impressionistischen Bildhauer“ bezeichnete, wurde er von der Kunstkritik neben Rosso als bedeutendster Vertreter dieser Richtung wahrgenommen. Den Auslöser bildete seine Skulptur Balzac (Verkleinerung, um 1892/93, Privatsammlung, London), bei der Rodin entgegen den akademischen Vorgaben für ein Denkmal keine Überhöhung des Schriftstellers anstrebte, sondern die ungeschönte Darstellung von dessen Person und Charakter.

Ausstellungsansicht EN PASSANT. Impressionismus in Skulptur © Foto: Diether v Goddenthow
Ausstellungsansicht EN PASSANT. Impressionismus in Skulptur © Foto: Diether v Goddenthow

Von Rodins Interesse an der Gestaltung von Oberflächen und dem Sichtbarmachen des Arbeitsprozesses zeugt seine Terrakottaplastik Das Haupt Johannes’ des Täufers (1878, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe). Eine Reihe von Bronzebüsten wiederum verdeutlicht, dass er das changierende Licht auf der Oberfläche miteinkalkulierte. Welch großen Wert Rodin zudem auf die Inszenierung seiner Werke legte, zeigt die Ausstellung mit der historisch nachempfundenen Präsentation seiner Eva (1881, Guss wahrscheinlich zwischen 1928 und 1942, Städel Museum). Rodin inszenierte den Bronzeguss im Salon de la Société Nationale des Beaux-Arts 1899 auf aufsehenerregende Weise, indem er die Plinthe der lebensgroßen Figur in Sand eingrub. Eva scheint dadurch barfuß und auf Augenhöhe der Betrachterinnen und Betrachter im Sand zu stehen. Rodin zielte damit bewusst auf die unmittelbare Begegnung mit der Skulptur.

STÄDEL MUSEUM
Dürerstraße 2,
60596 Frankfurt am Main,
Alle Informationen finden sich auch online unter www.staedelmuseum.de

Ab 9. Mai im STÄDEL MUSEUM „EN PASSANT. Impressionismus in Skulptur“, ab 13. Mai „Städels Erbe. Meisterzeichnungen aus der Sammlung des Stifters

Städel Museum Frankfurt © Foto: Diether v Goddenthow
Städel Museum Frankfurt © Foto: Diether v Goddenthow

Entsprechend eines nach behördlichen Vorgaben entwickelten und umgesetzten Hygieneplans erfolgt am 9. Mai 2020 die Öffnung des Städel-Museums Frankfurt. Die Vorsorgemaßnahmen für den Infektionsschutz umfassen u. a. eine Besucherbegrenzung und Regulierung der Besucher durch online erhältliche Zeitfenstertickets, eine optimierte Besucherführung in den Häusern sowie eine vermehrte Reinigung neuralgischer Punkte.
Es gilt die Abstandsregel von mindestens 1,5 Metern und die Nies- und Hust-Etikette einzuhalten, sowie einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Dieser kann mitgebracht oder an den Kassen erworben werden.

„EN PASSANT. Impressionismus in Skulptur“
Mit der großen Sonderausstellung „EN PASSANT. Impressionismus in Skulptur“ (bis 25. Oktober 2020) geht das Städel Museum erstmals der Frage nach, wie sich Eigenschaften der impressionistischen Malerei wie Licht, Farbe, Bewegung – sogar Flüchtigkeit – in der Bildhauerei manifestiert haben. Im Mittelpunkt der Präsentation stehen fünf Künstler: Edgar Degas (1834– 1917), Auguste Rodin (1840–1917), Medardo Rosso (1858–1928), Paolo Troubetzkoy (1866–1938) und Rembrandt Bugatti (1884–1916). Mit ihren Werken stehen sie stellvertretend für unterschiedliche Spielarten der impressionistischen Skulptur. Die Schau vereint herausragende Skulpturen der fünf Künstler und setzt sie in Dialog mit Gemälden, Pastellen, Zeichnungen, Druckgrafiken und Fotografien des Impressionismus. Es sind u. a. Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern wie Pierre Bonnard, Antoine Bourdelle, Mary Cassatt, Camille Claudel, Henri Matisse, Claude Monet, Auguste Renoir, Giovanni Segantini und John Singer Sargent zu sehen. Mit mehr als 160 Werken – darunter bedeutende internationale Leihgaben – liefert die Ausstellung einen umfassenden Einblick in die Möglichkeiten und Herausforderungen des Impressionismus in der Skulptur.

Die Ausstellung wird durch die DZ BANK AG, die Art Mentor Foundation Lucerne und die Kulturfonds Frankfurt RheinMain gGmbH gefördert. Zusätzliche Unterstützung erfährt die Ausstellung durch die Stadt Frankfurt am Main und die Städelfreunde 1815.

Ab 13. Mai: „Städels Erbe. Meisterzeichnungen aus der Sammlung des Stifters“
„Städels Erbe. Meisterzeichnungen aus der Sammlung des Stifters“ (13. Mai – 16. August 2020) präsentiert eine Auswahl von 95 Meisterzeichnungen, die einen exemplarischen Eindruck vom Zuschnitt, der Ordnung und der künstlerischen Bedeutung der einstigen Zeichnungssammlung des Frankfurter Bankiers und Kaufmanns Johann Friedrich Städel (1728–1816) vermitteln. Städel hinterließ dem Museum eine große Kunstsammlung, die neben Gemälden und Druckgrafiken auch über 4600 Zeichnungen umfasste. Lange Zeit konnte nicht nachvollzogen werden, welche Zeichnungen des heutigen Museumsbestands ursprünglich aus seiner Sammlung stammen. Zur damaligen Zeit wurde kein vollständiges Verzeichnis angelegt und eine Vielzahl von Zeichnungen im Zuge einer Inventarisierung in den 1860er-Jahren aussortiert und verkauft. Dem Städel Museum ist es nun gelungen, die Zeichnungssammlung des Stifters erstmals weitgehend zu rekonstruieren und rund 3000 Werke zu identifizieren, die bis heute im Museum erhalten sind. Herausragende Arbeiten von Raffael, Correggio und Primaticcio, Watteau, Boucher und Fragonard, Dürer, Roos und Reinhart sowie Goltzius, Rembrandt und De Wit werden in der Sammlungstradition des Stifters nach „europäischen Schulen“ geordnet gezeigt und in einem die Ausstellung begleitenden Katalog ausführlich besprochen. Ein Teil dieser Zeichnungen ist in der Forschung bereits bekannt, andere werden zum ersten Mal veröffentlicht. Das Forschungs- und Ausstellungsprojekt wird gefördert durch die Stiftung Gabriele Busch-Hauck, die Wolfgang Ratjen Stiftung, Liechtenstein, die Tavolozza Foundation sowie von der Georg und Franziska Speyer’sche Hochschulstiftung.

Ab 19. Mai: „ZURÜCK IN DIE GEGENWART. NEUE PERSPEKTIVEN, NEUE WERKE – DIE SAMMLUNG VON 1945 BIS HEUTE
Nahezu ein Jahrzehnt nach der Eröffnung der Gartenhallen wird die Sammlung Gegenwartskunst unter dem Titel „ZURÜCK IN DIE GEGENWART. NEUE PERSPEKTIVEN, NEUE WERKE – DIE SAMMLUNG VON 1945 BIS HEUTE“ ab 19. Mai 2020 im Städel Museum zum ersten Mal neu präsentiert. Ausgehend vom zentralen Platz der rund 3.000 m² großen Gartenhallen und beginnend mit Hauptwerken der jüngeren und jüngsten Zeitgenossenschaft fächert sich eine Geschichte der Kunst nach 1945 auf. Rund 250 Arbeiten von 170 Künstlerinnen und Künstlern aus verschiedenen Schulen, Stilen und Gruppen eröffnen überraschende Vergleiche, Blickwinkel und Sichtachsen zwischen der unmittelbaren Gegenwart und ihren Wurzeln in den zurückliegenden Jahrzehnten. Aus diesem Anlass ist auch eine Vielzahl an jüngsten Neuerwerbungen und Schenkungen erstmals zu sehen, etwa Arbeiten von Miriam Cahn (*1949), René Daniëls (*1950), Carlos Cruz-Diez (1923– 2019), Jimmie Durham (*1940), Asta Gröting (*1961) oder Victor Vasarely (1906–1997). Anhand unterschiedlichster Erzählstränge ermöglicht die Neupräsentation einen Zugang zur Kunst nach 1945, der die Sammlung bewusst nicht chronologisch, sondern thematisch erfahrbar macht.

STÄDEL MUSEUM
Dürerstraße 2,
60596 Frankfurt am Main,
Alle Informationen finden sich auch online unter www.staedelmuseum.de

DIE SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, DAS STÄDEL MUSEUM UND DIE LIEBIEGHAUS SKULPTURENSAMMLUNG ÖFFNEN WIEDER

Die Schirn Kunsthalle Frankfurt ist ab dem 6. Mai 2020, das Städel Museum und die Liebieghaus Skulpturensammlung sind ab dem 9. Mai 2020 wieder geöffnet. Alle Sonderausstellungen der Häuser werden verlängert.

Die Schirn Kunsthalle Frankfurt präsentiert die Ausstellungen „Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo“ und „Richard Jackson. Unexpected Unexplained Unaccepted“, beide werden bis 5. Juli verlängert.

Neben der Sammlungspräsentation im Städel Museum ist die Sonderausstellung „EN PASSANT. Impressionismus in Skulptur“ mit der Öffnung des Museums erstmals für das Publikum zu sehen. Sie wird bis 25. Oktober verlängert. Die geplante Ausstellung der Graphischen Sammlung „Städels Erbe. Meisterzeichnungen aus der Sammlung des Stifters“ wird am 13. Mai eröffnet. Ab dem 19. Mai ist ebenfalls die neupräsentierte Dauerausstellung der Sammlung Gegenwartskunst „ZURÜCK IN DIE GEGENWART. NEUE PERSPEKTIVEN, NEUE WERKE – DIE SAMMLUNG VON 1945 BIS HEUTE“ für das Publikum zugänglich.

In der Liebieghaus Skulpturensammlung werden die Sammlungspräsentation mit „White Wedding. Die Elfenbein-Sammlung Reiner Winkler jetzt im Liebieghaus. Für immer“ und die Sonderausstellung „BUNTE GÖTTER – GOLDEN EDITION. Die Farben der Antike“ wieder geöffnet. Die Sonderausstellung wird bis 17. Januar 2021 verlängert.

Philipp Demandt, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt, des Städel Museums und der Liebieghaus Skulpturensammlung über die Wiedereröffnungen der Häuser: „Dass es in den letzten Wochen in vielen persönlichen Gesprächen gelungen ist, unsere Leihgeber in den wichtigsten internationalen Museen von einer substantiellen Verlängerung unserer Sonderausstellungen zu überzeugen, ist ein besonderes Zeichen der Solidarität und ein Beweis für den herausragenden Ruf unserer Häuser. Für die einmalige Gelegenheit, Meisterwerke von Frida Kahlo, Edgar Degas, Auguste Rodin und John Singer Sargent nun Monate länger als geplant unserem Publikum zeigen zu dürfen, danke ich meinen Kolleginnen und Kollegen weltweit von Herzen und wünsche unseren Besucherinnen und Besuchern viel Freude.“

Der Museums- und Ausstellungsbetrieb in den Häusern wird mit Umsetzung umfassender Hygieneund Schutzmaßnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus (Covid-19) aufgenommen.

HYGIENEPLAN UND VORSORGEMASSNAHMEN

Die Öffnung von Schirn, Städel und Liebieghaus erfolgt entsprechend eines Hygieneplans, der nach behördlichen Vorgaben entwickelt und umgesetzt wurde. Die Vorsorgemaßnahmen für den Infektionsschutz umfassen u. a. eine Besucherbegrenzung und bessere Regulierung der Besucher durch online erhältliche Zeitfenstertickets, eine optimierte Besucherführung in den Häusern sowie eine vermehrte Reinigung neuralgischer Punkte. Die Besucherinnen und Besucher werden vor Ort auf die Hygienevorschriften hingewiesen. Es gilt, in den Häusern die Abstandsregel von mindestens 1,5 Metern und die Nies- und Hust-Etikette einzuhalten sowie einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Dieser kann mitgebracht oder an den Kassen erworben werden.

ÖFFNUNGSZEITEN UND ZEITFENSTERTICKETS IM ONLINESHOP

Schirn Kunsthalle Frankfurt © Foto: Diether v Goddenthow
Schirn Kunsthalle Frankfurt © Foto: Diether v Goddenthow

Die Öffnungszeiten der Schirn werden um den Montag erweitert, beginnend am 11. Mai. Die MINISCHIRN bleibt vorerst geschlossen. Für das Städel und das Liebieghaus gelten die regulären Öffnungszeiten. Von der Öffnung ausgenommen sind die Bibliothek & Mediathek im Städel Museum sowie die Cafés der Museen. Das Schirn Café bietet Speisen und Getränke zum Mitnehmen.

Zeitfenstertickets für die Schirn, das Städel und Liebieghaus sind vor dem Besuch in den Onlineshops zu erwerben, beginnend am 5. Mai.
Schirn Kunsthalle Frankfurt: www.schirn.de/tickets
Städel Museum: shop.staedelmuseum.de
Liebieghaus Skulpturensammlung: liebieghaus.ticketfritz.de

Bis auf Weiteres finden in allen drei Häusern keine Veranstaltungen und Führungen statt.
Informationen zu allen ausstellungsbegleitenden digitalen Vermittlungsangeboten wie etwa Audioguide-Apps und Digitorials® finden sich auf den Websites und in den Social Media Kanälen von Schirn, Städel und Liebieghaus.

DIE SONDERAUSSTELLUNGEN UND PRÄSENTATIONEN IN DER ÜBERSICHT

SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT

STÄDEL MUSEUM

LIEBIEGHAUS SKULPTURENSAMMLUNG

Alle Informationen finden sich auch online unter www.schirn.de, www.staedelmuseum.de und
www.liebieghaus.de.

MAKING VAN GOGH GESCHICHTE EINER DEUTSCHEN LIEBE ab 23.10.2019 im StädelMuseum Frankurt

MAKING VAN GOGH thematisiert die besondere Rolle, die Galeristen, Museen Privatsammler und Kunstkritiker im Deutschland des frühen 20. Jahrhunderts für die posthume Rezeption van Goghs als „Vater der Moderne“ spielten.© Foto: Diether v Goddenthow.
MAKING VAN GOGH thematisiert die besondere Rolle, die Galeristen, Museen Privatsammler und Kunstkritiker im Deutschland des frühen 20. Jahrhunderts für die posthume Rezeption van Goghs als „Vater der Moderne“ spielten.© Foto: Diether v Goddenthow.

Frankfurt am Main, am 4. September 2019. Das Städel Museum widmet vom 23. Oktober 2019 bis zum 16. Februar 2020 dem Maler Vincent van Gogh (1853–1890) eine umfassende Ausstellung. Im Zentrum steht die Entstehung des „Mythos van Gogh“ um 1900 sowie die Bedeutung seiner Kunst für die Moderne in Deutschland. Mit 50 zentralen Arbeiten van Goghs ist die Ausstellung die umfangreichste Präsentation mit Werken des Malers seit fast 20 Jahren in Deutschland. MAKING VAN GOGH thematisiert die besondere Rolle, die Galeristen, Museen Privatsammler und Kunstkritiker im Deutschland des frühen 20. Jahrhunderts für die posthume Rezeption van Goghs als „Vater der Moderne“ spielten. Knapp 15 Jahre nach seinem Tod wurde der niederländische Künstler hierzulande als einer der bedeutendsten Vorreiter der modernen Malerei wahrgenommen. Van Goghs Leben und Schaffen stießen in der Öffentlichkeit auf breites und anhaltendes Interesse; ungewöhnlich früh wurde seine Kunst in Deutschland gesammelt. Schon 1914 befand sich die enorme Anzahl von rund 150 Werken van Goghs in deutschen privaten und öffentlichen Sammlungen. Zeitgleich begannen deutsche Künstlerinnen und Künstler, sich intensiv mit seinen Werken auseinanderzusetzen. Insbesondere für die jungen Expressionisten wurde van Goghs Malerei zum Vorbild und zur maßgeblichen Inspirationsquelle – ohne seine Kunst ist die Entstehung der Moderne in Deutschland kaum denkbar.
Die Erfolgsgeschichte van Goghs ist eng mit dem Städel verbunden. Als eines der ersten Museen erwarb das Frankfurter Museum für den Aufbau einer modernen Kunstsammlung durch den Städelschen Museums-Verein 1908 das Gemälde Bauernhaus in Nuenen (1885) und die Zeichnung Kartoffelpflanzerin (1885). Drei Jahre später gelangte eines der berühmtesten Gemälde van Goghs in das Museum, das Bildnis des Dr. Gachet (1890).

Die Ausstellung wird von der Franz Dieter und Michaela Kaldewei Kulturstiftung und dem Städelschen Museums-Verein e.V. gefördert.

Vincent Van Gogh. Weiden bei Sonnenuntergang. 1888, Öl auf Leinwand auf Karton. © Foto: Diether v Goddenthow
Vincent Van Gogh. Weiden bei Sonnenuntergang. 1888, Öl auf Leinwand auf Karton. © Foto: Diether v Goddenthow

In drei großen Kapiteln erzählt die Ausstellung von der Entstehung und Wirkung des „Mythos van Gogh“ in Deutschland. Wie kam es, dass van Gogh gerade in Deutschland so populär wurde? Wer engagierte sich für sein Werk und wie reagierten die Künstler auf ihn? Die Ausstellung zeigt van Gogh als Schlüsselfigur für die Kunst der deutschen Avantgarde und leistet damit einen entscheidenden Beitrag zum Verständnis der Kunstentwicklung in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Das Städel vereint in der Ausstellung mehr als 120 Gemälde und Arbeiten auf Papier. Den Kern bilden 50 zentrale Werke von Vincent van Gogh aus allen Schaffensphasen. Zu sehen sind herausragende Leihgaben aus Privatsammlungen und führenden Museen weltweit. Einfluss und Wirkung van Goghs auf die nachfolgende Generation veranschaulichen in der Ausstellung 70 Werke von deutschen Künstlerinnen und Künstlern, darunter befinden sich sowohl bekannte Namen wie Max Beckmann, Ernst Ludwig Kirchner, Alexej von Jawlensky, Paula Modersohn-Becker oder Gabriele Münter als auch wiederzuentdeckende Positionen etwa von Peter August Böckstiegel, Theo von Brockhusen, Heinrich Nauen oder Elsa Tischner-von Durant.

„Heute mag die Begeisterung für Vincent van Gogh ein fast globales Phänomen sein, vor mehr als einhundert Jahren sah das noch anders aus. Unsere Ausstellung beleuchtet die Rolle, die van Goghs Rezeption im Deutschland des frühen 20. Jahrhunderts für den ‚Mythos van Gogh‘ gespielt hat. Zunächst war es vor allem dem Wirken seiner Schwägerin Johanna van Gogh-Bonger zu verdanken, dass der Maler nach seinem frühen Tod nicht in Vergessenheit geriet, bald aber waren es besonders Galeristen, Künstler, Sammler und Museumsdirektoren in Deutschland, viele von ihnen jüdischer Herkunft, die sich für van Goghs Malerei begeisterten und diese schließlich auch gegen nationalistische Tendenzen und politische Instrumentalisierung verteidigten“, so Philipp Demandt, Direktor des Städel Museums.
Die Vorsitzende des Städelschen Museums-Vereins e.V., Sylvia von Metzler über die Ausstellung: „Als der Städelsche Museums-Verein 1908 erste Werke Vincent van Goghs für das Städel Museum erwarb, war dies eine mutige und zukunftsweisende Entscheidung. Beide Arbeiten sind noch heute fester Bestandteil der Sammlung.
Ohne die progressiven Sammlerpersönlichkeiten in der Stadt, die Bürgerschaft und vor allem die den Frankfurtern eigene Offenheit gegenüber neuen künstlerischen Strömungen wäre das Städel nicht das, was es heute ist. Wir freuen uns, dass wir nun auch mehr als 100 Jahre später mit unserem Engagement diese große Vincent van Gogh gewidmete Ausstellung unterstützen können.“

Ausstellungs-Impression. © Foto: Diether v Goddenthow
Ausstellungs-Impression. © Foto: Diether v Goddenthow

„Vincent van Gogh wurde kurz nach seinem Tod zu einem ‚Künstler-Künstler‘, einem Fixpunkt für Vertreter seiner Profession. Die breite Öffentlichkeit fand seine Malerei indessen zu befremdlich, weil sie sich kaum nach traditionellen Maßstäben beurteilen ließ. Dies änderte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts, parallel zum Aufkommen der expressionistischen Strömungen in Deutschland. Künstlerinnen und Künstler pflegten schon bald nach der Begegnung mit van Goghs Werken in Publikationen und Ausstellungen eine besonders innige Beziehung zu ihrem Idol: Sie orientierten sich an seinem pastosen Farbauftrag, dem rhythmischen Pinselduktus, dem Kontrastreichtum der Farben, den kühnen Kompositionen und Motiven sowie den ornamental schwingenden Zeichnungen. Vor allem die persönliche Wahrnehmung der Natur und deren antiakademische Wiedergabe spielten hierbei eine entscheidende Rolle“, erläutert Alexander Eiling, Leiter Kunst der Moderne, Städel Museum, und Kurator der Ausstellung. „Ohne van Gogh wäre die deutsche Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts vollkommen anders verlaufen. Künstlergruppen wie Die Brücke oder Der Blaue Reiter haben ihre wesentlichen Impulse den Bildern van Goghs zu verdanken. Ziel unserer Ausstellung ist es, diese Zusammenhänge offen zu legen und die wegweisende Bedeutung van Goghs für die Kunst der Moderne in Deutschland sichtbar zu machen“, so Felix Krämer, Generaldirektor Kunstpalast, Düsseldorf, und Kurator der Ausstellung.

RUNDGANG DURCH DIE AUSSTELLUNG

Der Rundgang erstreckt sich über 2000 qm² Ausstellungsfläche in den Gartenhallen des Städel Museums und ist in drei Kapitel gegliedert: Mythos, Wirkung, Malweise. Die Kapitel beschäftigen sich nacheinander mit der Entstehung des Mythos um die Person Vincent van Gogh, mit seinem Einfluss auf die deutsche Künstlerschaft und schließlich mit seiner besonderen Malweise, die für viele Künstler der nachfolgenden Generationen so faszinierend war.

KAPITEL 1: MYTHOS

Die Arlesienne (1888, Musée d’Orsay, Paris), © Foto: Diether v Goddenthow
Die Arlesienne (1888, Musée d’Orsay, Paris), © Foto: Diether v Goddenthow

Van-Gogh-Ausstellungen in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg Zehn Jahre nach seinem Tod war van Gogh in Deutschland noch ein Unbekannter. Erste Ausstellungsprojekte entstanden ab 1901 auf Initiative des Berliner Kunsthändlers Paul Cassirer. In Zusammenarbeit mit van Goghs Schwägerin und Nachlassverwalterin Johanna van Gogh-Bonger richtete Cassirer Wanderausstellungen aus, die u. a. in Berlin, Hamburg, Dresden, München und auch Frankfurt gastierten. Der erste Raum präsentiert eine Auswahl herausragender Arbeiten van Goghs, die damals in Deutschland zu sehen waren, darunter Die Arlesienne (1888, Musée d’Orsay, Paris), Segelboote am Strand von Les Saintes-Maries-de-la-Mer (1888, Van Gogh Museum, Amsterdam/Vincent van Gogh Foundation) oder Die Hafenarbeiter in Arles (1888, Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid). Bis zum Ersten Weltkrieg waren van Goghs Werke hierzulande in fast 120 Ausstellungen vertreten. Einen Höhepunkt bildete die Kölner Sonderbund-Ausstellung 1912, in der van Gogh die ersten fünf Säle mit über 125 Arbeiten gewidmet waren. Diese Schau festigte van Goghs Ruf als Vorreiter der Moderne.

Van Gogh in deutschen Museen

Blick auf Arles (1889, Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Neue Pinakothek München) © Foto: Diether v Goddenthow
Blick auf Arles (1889, Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Neue Pinakothek München) © Foto: Diether v Goddenthow

Die steigende Präsenz der Werke van Goghs in Ausstellungen wirkte sich auch auf die Ankaufspolitik der deutschen Museen aus. Diese zählten international zu den ersten Institutionen, die Werke des Niederländers erwarben, lange bevor dies in Frankreich, England und den USA geschah. Den Anfang machte das vom Privatsammler Karl Ernst Osthaus gegründete Museum Folkwang in Hagen (später Essen). Es folgten Museen in Bremen, Dresden, Frankfurt, Köln, Magdeburg, Mannheim, München und Stettin. Die Städel Ausstellung versammelt repräsentative Beispiele früher Erwerbungen, u. a. van Goghs Porträt des Armand Roulin (1888, Museum Folkwang, Essen), Rosen und Sonnenblumen (1886, Kunsthalle Mannheim), Blick auf Arles (1889, Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Neue Pinakothek München) oder Quittenstillleben (1887/88, Albertinum/Galerie Neue Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden). In konservativen Kreisen wurde schon früh Kritik an dieser Entwicklung laut. 1911 initiierte der Worpsweder Landschaftsmaler Carl Vinnen eine Protestschrift gegen den Erwerb eines Van-Gogh-Gemäldes für die Kunsthalle Bremen. Insgesamt 123 Künstlerinnen und Künstler kritisierten an diesem Vorgang die vermeintliche Vormachtstellung des französischen Impressionismus in deutschen Museumssammlungen und die Verschwendung von Steuergeldern. Zahlreiche Künstler, Museumsdirektoren und Kritiker verteidigten in einer Gegenschrift den Ankauf und betonten die Wichtigkeit einer zeitgenössischen internationalen Ausrichtung für die Ankaufspolitik der deutschen Museen.

Van Gogh im Städel

Der leere im Besitz des Städels befindliche Bilderrahmen des bis heute verschwundenen bzw. für die Öffentlichkeit unzugänglichen van Gogh-Portraits Dr. Gachet (1890) © Foto: Diether v Goddenthow
Der leere im Besitz des Städels befindliche Bilderrahmen des bis heute verschwundenen bzw. für die Öffentlichkeit unzugänglichen van Gogh-Portraits Dr. Gachet (1890) © Foto: Diether v Goddenthow

Der erste Ankauf eines Van-Gogh-Gemäldes für ein öffentliches Museum gelang 1908. Der Städel Direktor Georg Swarzenski erwarb durch den Städelschen Museums-Verein das Gemälde Bauernhaus in Nuenen (1885) sowie die Zeichnung Kartoffelpflanzerin (1885) für die moderne Sammlung des Städel. 1911 folgte der Kauf des Hauptwerks Bildnis des Dr. Gachet (1890), das zum Aushängeschild des Museums wurde.

Darstellung der Historie Bildnis des Dr. Gachet (1890), das zum Aushängeschild des Museums und 1937 von den Nazis beschlagnahmt wurde und seitdem verschwunden ist. © Foto: Diether v Goddenthow
Darstellung der Historie Bildnis des Dr. Gachet (1890), das zum Aushängeschild des Museums und 1937 von den Nazis beschlagnahmt wurde und seitdem verschwunden ist. © Foto: Diether v Goddenthow

Dieses letzte von van Gogh gemalte Porträt markierte die Schnittstelle zwischen der Kunst des 19. Jahrhunderts und der klassischen Moderne. 1937 wurde das Gemälde von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und gegen Devisen auf dem internationalen Kunstmarkt verkauft. Die Städel Ausstellung zeigt den leeren Bilderrahmen, der sich bis heute im Depot des Museums befindet – das Gemälde selbst ist Teil einer Privatsammlung und für die Öffentlichkeit unzugänglich.
Anlässlich der Ausstellung produziert das Städel einen 5-teiligen Podcast, der die bewegte Geschichte des Gemäldes nachzeichnet.

Van-Gogh-Sammler in Deutschland
Die Popularität von van Gogh in Deutschland spiegelt sich in der Vielzahl privater Sammlerinnen und Sammler wider, die seine Kunst bereits zu einem frühen Zeitpunkt erwarben. Zu den wichtigsten Protagonisten zählten Thea und Carl Sternheim, Adolf Rothermund, Paul von Mendelssohn-Bartholdy, Harry Graf Kessler sowie Willy Gretor und Maria Slavona.

Die Pappeln in Saint-Rémy (1889, The Cleveland Museum of Art). © Foto: Diether v Goddenthow
Die Pappeln in Saint-Rémy (1889, The Cleveland Museum of Art). © Foto: Diether v Goddenthow

Auch einige Kunsthändler wie Alfred Flechtheim und Paul Cassirer erwarben Werke für ihre Sammlungen. Die Ausstellung zeigt Van-Gogh-Werke, die sich ehemals in deutschen Sammlungen befanden, wie Bauernhaus in der Provence (1888, National Gallery of Art, Washington D. C.), Die Schlucht (Les Peiroulets) (1889, Kröller-Müller Museum, Otterlo) oder Die Pappeln in Saint-Rémy (1889, The Cleveland Museum of Art). Ein Großteil der Privatsammler entstammte dem jüdischen Bildungsbürgertum, das die moderne Kunst in Deutschland etablierte. Die Inflation in den 1920er-Jahren, die Weltwirtschaftskrise und die Verfolgung und Ermordung jüdischer Bürgerinnen und Bürger im Nationalsozialismus führten dazu, dass sich heute nur noch eine Handvoll Werke van Goghs in deutschen Privatsammlungen befindet.

Vom Künstler zum Romanhelden: Julius Meier-Graefe

Vitrinem-Wand mit Originalausgaben. © Foto: Diether v Goddenthow
Vitrinem-Wand mit Originalausgaben. © Foto: Diether v Goddenthow

Van Gogh wurde in deutschen Sammlerkreisen vor dem Ersten Weltkrieg zu einem populären Gesprächsthema. Entscheidend dazu beigetragen haben die Schriften von Julius Meier-Graefe. Der Kunstkritiker und Galerist hatte in den 1890er-Jahren in Paris gelebt und dort beobachtet, wie van Gogh von französischen und niederländischen Autoren posthum zu einer Art „Kunst-Apostel“ gemacht wurde, der in der Nachfolge Christi für seine Malerei lebte und litt. Er griff die beginnende Mythenbildung um den Künstler auf und bereitete sie für das deutsche Publikum auf. Seine dreibändige Entwicklungsgeschichte der modernen Kunst (1904) und die daraus ausgekoppelte Monografie Vincent van Gogh (1910) wurden in Deutschland zu Beststellern. Im Laufe der Jahre schmückte Meier-Graefe die Geschichten rund um den Künstler sukzessive aus. 1921 erschien sein zweibändiger Roman Vincent, dessen erklärtes Ziel es war, die Legendenbildung zu fördern.

Fälschungen

Zwei der berühmtesten Fälschungen: Der Sämann u. eine Kopie nach van Goghs Selbstbildnis für Gauguin. © Foto: Diether v Goddenthow
Zwei der berühmtesten Fälschungen: Der Sämann u. eine Kopie nach van Goghs Selbstbildnis für Gauguin. © Foto: Diether v Goddenthow

Dass van Gogh vor 1914 einer der populärsten Künstler in Deutschland war, zeigte sich auch in den auf dem Kunstmarkt kursierenden Fälschungen. Die in den 1920er-Jahren durch den Galeristen Otto Wacker in Umlauf gebrachten rund 30 Van-Gogh-Fälschungen führten 1932 zum ersten Kunstfälscher-Prozess in Deutschland. Involviert waren auch zahlreiche Experten. Der Prozess endete mit der Verurteilung Otto Wackers zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe. Dass nicht jede Fälschung als solche beabsichtigt war, lässt sich an der Kopie eines berühmten Selbstbildnisses von van Gogh nachvollziehen. Das in der Ausstellung präsentierte Gemälde wurde 1897 von der jungen französischen Malerin Judith Gérard angefertigt. Ohne ihr Wissen gelangte es wenig später in den Kunsthandel und wurde dort als echter van Gogh verkauft. Ihre Signatur war zuvor mit einem Blumendekor übermalt worden. Erst Jahrzehnte später wurde die Künstlerin als eigentliche Schöpferin des Werkes anerkannt.

Aus Kapitel 1 gelangt man in die Agora, in der Veranstaltungen im Rahmen des großen Begleitprogramms stattfinden oder sich auch Besuchergruppen finden können. Von hier aus gelangt man in Kapitel 2 oder 3 oder zum Ausgang (dort auch zu Kapitel 1 oder in den speziellen van-Gogh-Shop) © Foto: Diether v Goddenthow
Aus Kapitel 1 gelangt man in die Agora, in der Veranstaltungen im Rahmen des großen Begleitprogramms stattfinden oder sich auch Besuchergruppen finden können. Von hier aus gelangt man in Kapitel 2 oder 3 oder zum Ausgang (dort auch zu Kapitel 1 oder in den speziellen van-Gogh-Shop) © Foto: Diether v Goddenthow

 

KAPITEL 2: WIRKUNG

Vom einfachen Leben: Bauernmotive
Ein großer Teil der Kunst van Goghs beschäftigt sich mit dem Leben auf dem Land und der mühevollen Tätigkeit der Bauern. Sein Vorbild war der französische Maler Jean-François Millet, dessen Motive er in seine eigene Bildsprache übertrug, wobei er ihnen eine Farbigkeit nach seinem persönlichen Empfinden gab. Van Goghs Gemälde hinterließen wiederum bei zahlreichen Künstlern Eindruck. Sie orientierten sich an ihm, versuchten bei der Übernahme aber gleichwohl ihre eigene Handschrift zu entwickeln.

Kartoffelsetzen (1884, Von der Heydt-Museum Wuppertal) © Foto: Diether v Goddenthow
Kartoffelsetzen (1884, Von der Heydt-Museum Wuppertal) © Foto: Diether v Goddenthow

Die Städel Ausstellung veranschaulicht dies durch Gegenüberstellungen von Werken van Goghs wie Kartoffelsetzen (1884, Von der Heydt-Museum Wuppertal), Bauern bei der Feldarbeit (1889, Stedelijk Museum Amsterdam) oder dem Porträt Augustine Roulin (La Berceuse) (1889, Stedelijk Museum Amsterdam) mit Arbeiten von Paula Modersohn-Becker (Alte Armenhäuslerin mit Glaskugel und Mohnblumen, 1907, Museen Böttcherstraße, Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen), Gabriele Münter (Murnauerin [Rosalia Leiß], 1909, Schloßmuseum Murnau) oder Heinrich Nauen (Grabender Bauer, 1908, Galerie Ludorff, Düsseldorf).

Selbstbildnisse

Selbstbildnisse. © Foto: Diether v Goddenthow
Selbstbildnisse. © Foto: Diether v Goddenthow

Die Selbstporträts van Goghs regten jüngere Künstler dazu an, sich in einer ähnlichen Form wie das Vorbild zu präsentieren. Van Gogh galt als „tragischer Held“, als ein von der Gesellschaft unverstandener und leidender Künstler, der sich für seine Malerei aufgeopfert hatte. Dieses Image hatte vor allem auf männliche Künstler eine starke Anziehungskraft. Die Ausstellung verdeutlicht dies am Beispiel von Selbstbildnissen u. a. von Cuno Amiet (um 1907), Max Beckmann (1905), Peter August Böckstiegel (1913), Ludwig Meidner (1919) und Heinrich Nauen (1909).

Zeichnungen und Reproduktionen

Van Gogh wird auch Vater der Moderne genannt , da er zum Vorbild wurde. Hier Nachzeichnung des van Gogh'schen Sämanns von  Ernst Ludwig Kirchner, der sich motivisch eng an sein Vorbild anlehnte. © Foto: Diether v Goddenthow
Van Gogh wird auch Vater der Moderne genannt , da er zum Vorbild wurde. Hier Nachzeichnung des van Gogh’schen Sämanns von Ernst Ludwig Kirchner, der sich motivisch eng an sein Vorbild anlehnte. © Foto: Diether v Goddenthow

Van Goghs Werk besteht zu einem großen Teil aus Zeichnungen. Zu Beginn seiner Laufbahn schulte sich der Künstler überwiegend durch das Kopieren von Vorlagen, bevor er sich an eigene Motive wagte. In späteren Jahren stehen seine Zeichnungen in enger Verbindung zu seiner Malerei. Sie dienten ihm zur Vorbereitung einer Komposition oder wiederholen und verdichten ein in der Malerei gefundenes Motiv.

Da es zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur eingeschränkte Möglichkeiten gab, Werke farbig zu reproduzieren, waren es anfänglich vor allem van Goghs Zeichnungen, die in Publikationen erschienen. Ihre graphisch klare Struktur war für die Übertragung in Strichätzungen (Radierungen) und die Vervielfältigung besonders gut geeignet. Van Goghs in Zeitschriften und Büchern reproduzierte Zeichnungen lieferten deutschen Künstlern erstes Anschauungsmaterial und inspirierten sie zu eigenen Versuchen. In der Städel Ausstellung zeigen zwei ineinander übergehende Räume zunächst eine Auswahl an Zeichnungen van Goghs, darunter Meisterwerke wie Die Strohhaufen (1888) aus dem Museum of Fine Arts in Budapest und Bauernhaus in der Provence (1888) aus dem Rijksmuseum in Amsterdam. Wie unterschiedlich die deutschen Expressionisten auf van Goghs vitale Zeichentechnik reagierten, wird in den Werken u. a. von Fritz Bleyl, Paul Klee, Ernst Ludwig Kirchner, Wilhelm Morgner und Max Pechstein anschaulich.

„Van Goghiana“

Zu den "Van Goghianan" gehörten zahlreiche "Brücke-Maler", unter anderem später so berühmte Künstler wie Emil Nolde, Max Pechstein, Cuno Amiet, Erich Heckel , Karl Schmidt-Rottluff und Ernst Ludwig Kirchner. Jeweils ein zwei ihrer Werke  werden entsprechend präsentiert, hier: Roter Turm im Park (1911) von Karl Schmidt-Rottluff. © Foto: Diether v Goddenthow
Zu den „Van Goghianan“ gehörten zahlreiche „Brücke-Maler“, unter anderem später so berühmte Künstler wie Emil Nolde, Max Pechstein, Cuno Amiet, Erich Heckel , Karl Schmidt-Rottluff und Ernst Ludwig Kirchner. Jeweils ein zwei ihrer Werke werden entsprechend präsentiert, hier: Roter Turm im Park (1911) von Karl Schmidt-Rottluff. © Foto: Diether v Goddenthow

Die Mitglieder der Künstlervereinigung Brücke in Dresden setzten sich besonders intensiv mit van Gogh auseinander. 1905 sahen sie Werke des Künstlers in einer Dresdner Ausstellung. Für die jungen Architekturstudenten Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff war dieses Erlebnis eine Offenbarung und ein Befreiungsschlag zugleich. Van Goghs Gemälde animierten sie dazu, reine Farben direkt aus der Tube auf die Leinwand zu bringen. Starke Kontraste, pastose Farbschichten und vereinfachte Formen bestimmten fortan ihre Werke. Sie wollten damit ihren unmittelbaren und unverfälschten Zugang zum Motiv unterstreichen, der sich nicht mehr an den Maßstäben der akademischen Malerei orientierte. Die Faszination für van Gogh war teilweise so ausgeprägt, dass Emil Nolde seinen Mitstreitern riet, sich lieber „Van Goghiana“ zu nennen. Die künstlerischen Reaktionen der Mitglieder der Brücke-Gruppe waren jedoch teilweise höchst unterschiedlich. Während die akademisch ausgebildeten Maler Max Pechstein und Cuno Amiet van Goghs Malerei genau untersuchten und seine systematisch gesetzten Pinselstriche imitierten, gingen Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff freier mit dem Vorbild um. Die verschiedenen Herangehensweisen können in einem Raum der Städel Ausstellung anhand zahlreicher Gemälde der Brücke-Maler nachvollzogen werden, darunter Ernst Ludwig Kirchners Fehmarn-Häuser (1908, Städel Museum, Frankfurt am Main) oder Erich Heckels Weißes Haus in Dangast (1908, Sammlung Carmen Thyssen-Bornemisza, Leihgabe im Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid).

Von Kapitel 2 in Kapitel 3 Malweise gelangt man über die Agora. © Foto: Diether v Goddenthow
Von Kapitel 2 in Kapitel 3 Malweise gelangt man über die Agora. © Foto: Diether v Goddenthow

KAPITEL 3: MALWEISE

Stilpluralismus
Das dritte Kapitel der Ausstellung nimmt die besondere Malweise van Goghs genauer in den Blick. Der Künstler arbeitete in seiner kurzen Schaffenszeit, die nicht mehr als ein Jahrzehnt umspannte, in einer außerordentlichen Bandbreite an Stilen und experimentierte ab der zweiten Hälfte der 1880er-Jahre, teils auch zeitgleich, mit Malweisen des Realismus, Impressionismus, Pointillismus, Cloisonismus oder Symbolismus.

Ernte in der Provence (1888) © Foto: Diether v Goddenthow
Ernte in der Provence (1888) © Foto: Diether v Goddenthow

Diese stehen nur stellvertretend für das Kaleidoskop moderner Kunstströmungen, die van Gogh nach seiner Ankunft in Paris im Jahre 1886 vorfand. Für ihn stellte sich die grundsätzliche Frage, ob seine Malerei flächig und formgebunden oder lebhaft strukturiert und dynamisch sein sollte. In diesem Zwiespalt suchte er seinen eigenen Weg. Die Ausstellung präsentiert Werke van Goghs, die diese Vielseitigkeit veranschaulichen, darunter etwa Die Mühle Le Blute-Fin (1886, Museum de Fundatie, Zwolle und Heino/Wijhe, Niederlande), Saint-Pierre-Platz, Paris (1887, Yale University Art Gallery, New Haven), Stillleben mit französischen Romanen (1887, Van Gogh Museum, Amsterdam/Vincent van Gogh Foundation) oder Mohnblumenfeld (1890, Gemeentemuseum Den Haag). Struktur und Fläche, Rhythmus und Statik, pastose und glatte Oberflächen, gedämpftes Kolorit und starke Farbkontraste stehen sich in van Goghs Schaffen gegenüber und sind gleichberechtigte, teils nebeneinander angewandte Mittel der Bildgestaltung.

Fläche

Gabriele Münter (Allee vor Berg, 1909, (Privatbesitz), © Foto: Diether v Goddenthow
Gabriele Münter (Allee vor Berg, 1909, (Privatbesitz), © Foto: Diether v Goddenthow

Nachfolgende Künstlergenerationen beriefen sich auf unterschiedliche Aspekte der Malerei van Goghs. An seinen Flächenkompositionen schulten sich diejenigen Künstlerinnen und Künstler in Deutschland, die auf einen ruhigen Bildaufbau bei gleichzeitiger Aufwertung der Farbe zielten. Die Ausstellung zeigt u. a. Werke von Gabriele Münter (Allee vor Berg, 1909, Privatbesitz), August Macke (Gemüsefelder, 1911, Kunstmuseum Bonn) und Felix Nussbaum (Arles sur Rhône Gräberallee, Les Alyscamps, 1929, Felix-Nussbaum-Haus, Osnabrück) sowie das Gemälde Blumen (1908, Privatbesitz) der heute weitgehend vergessenen Malerin Elsa Tischner-von Durant. Mit Josef Scharls Stillleben mit Kerze und Büchern (1929, Sammlung Henry Nold) wirft die Schau an dieser Stelle auch einen Blick auf die gewandelte Van-Gogh-Rezeption in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg: Die Gefühlsbetontheit und Expressivität wurde von einer zunehmend nüchternen Bildsprache abgelöst.

Rhythmus und Struktur

Sommerlandschaft (1917) von dem heute weitgehend vergessenen Maler Theo von Brockhusen. © Foto: Diether v Goddenthow
Sommerlandschaft (1917) von dem heute weitgehend vergessenen Maler Theo von Brockhusen. © Foto: Diether v Goddenthow

Van Goghs pastose Malweise ging in seinen letzten Lebensjahren einher mit einer rhythmischen Strukturierung seiner Werke. Die richtungsbetonte Strichführung liegt dabei nah an der Grenze zur ornamentalen Gestaltung. Der Duktus wird zum autonomen Ausdrucksmittel und drängt die beschreibende Funktion der Malerei in den Hintergrund. Kurt Badt, der in van Gogh eine Art „malenden Zeichner“ sah, beschrieb dieses Phänomen als sich „verselbständigende Ausdruckslinearität“. Linie und Farbe stehen einander als bildnerische Mittel nicht mehr gegenüber, sondern werden miteinander verbunden. Ein Raum in der Ausstellung präsentiert eine Reihe von Beispielen dafür, wie sich Künstlerinnen und Künstler auf van Goghs Vitalität und Struktur zusammenführende Malweise bezogen. Darunter befinden sich Mitglieder der Künstlergruppen Brücke und Blauer Reiter ebenso wie singuläre Positionen, etwa Christian Rohlfs und Max Beckmann. Mit dem heute weitgehend vergessenen Maler Theo von Brockhusen stellt das Städel zudem einen Künstler vor, der van Gogh zeitlebens motivisch und stilistisch sehr nahe stand. Die Übernahme seines spezifischen Pinselduktus brachte ihm den Spitznamen „von Goghhusen“ ein.

„Maler der Sonne“

Max Pechstein: Aufgehende Sonne (1933). © Foto: Diether v Goddenthow
Max Pechstein: Aufgehende Sonne (1933). © Foto: Diether v Goddenthow

Den Abschluss der Ausstellung bildet ein Raum, der aufzeigt, dass van Gogh die deutschen Expressionisten unter anderem mit Gemälden beeindruckte, in denen die Sonne als lodernder Fixstern am Horizont steht. Diese Darstellungen waren insofern außergewöhnlich, als das Licht der Sonne von Malern zuvor meist nur indirekt wiedergegeben wurde. Van Gogh hingegen rückte die Sonne als ein lebensspendendes und hoffnungsvolles Symbol ins Zentrum seiner Kompositionen, etwa in Weiden bei Sonnenuntergang (1888, Kröller-Müller Museum, Otterlo). Zahlreiche Vertreter des Expressionismus verstanden van Goghs Form der „Sonnenmalerei“ indessen als ein apokalyptisches Zeichen. Diese Interpretation, an der Julius Meier-Graefe entscheidenden Anteil hatte, passte in die unruhigen Zeiten vor dem Ersten Weltkrieg, erschien aber auch in der angespannten politischen Lage der Weimarer Republik plausibel. In beiden Phasen finden sich deutliche Reaktionen auf diese Arbeiten van Goghs, so etwa Otto Dix’ Sonnenaufgang (1913, Städtische Galerie Dresden – Kunstsammlung, Museen der Stadt Dresden), Wilhelm Morgners Der Baum (1911, Museum Wilhelm Morgner, Soest), Walter Opheys Flußlandschaft mit Schiffen und roter Sonne (1913/14, Kunstpalast, Düsseldorf), Max Pechsteins Aufgehende Sonne (1933, Saarlandmuseum – Moderne Galerie, Saarbrücken, Stiftung Saarländischer Kulturbesitz) oder Josef Scharls Landschaft mit drei Sonnen (1925, Kunsthalle Emden – Stiftung Henri und Eske Nannen).

Ort:
Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main
Öffnungszeiten:
Di, Mi, Sa, So + Feiertage 10.00–19.00 Uhr, Do + Fr 10.00–21.00
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