Kategorie-Archiv: Städel Museum Frankfurt

Guido Reni. Der Göttliche – Maler des göttlich Schönen vom 23. 11.22 bis 23.03.23 im Städel Frankfurt

Statuenhaft isoliert und von intensiv farbigen Gewändern umrahmt, heben sich zwei nackte Körper vom tiefblauen Hintergrund ab. Auf einem Felsen der Insel Naxos lagert Ariadne, die Tochter des Kreter-Köniigs, zurückgelassen von ihrem Geliebten Theseus und mit himmelndem Blick klagend. Guido Reni (1575-1642) Bacchus und Ariadne ca 1614-16 Öl auf Leinwand. Los Angeles County Museum of Art. © Foto: Diether von Goddenthow
Statuenhaft isoliert und von intensiv farbigen Gewändern umrahmt, heben sich zwei nackte Körper vom tiefblauen Hintergrund ab. Auf einem Felsen der Insel Naxos lagert Ariadne, die Tochter des Kreter-Köniigs, zurückgelassen von ihrem Geliebten Theseus und mit himmelndem Blick klagend. Guido Reni (1575-1642) Bacchus und Ariadne ca 1614-16 Öl auf Leinwand. Los Angeles County Museum of Art. © Foto: Diether von Goddenthow

Erstmals seit über 30 Jahren entdeckt das Städel Museum Frankfurt in Zusammenarbeit mit dem Museo Nacional del Prado in Madrid den größten Maler des Barock Guido Reni in der umfassenden Sonderausstellung „Guido Reni. Der Göttliche“ vom 23. November 2022 bis 5. März 2023 neu. Am Bürger-Wochenende 26./27. November bietet das Städel Museum freien Eintritt in allen Räumen und Ausstellungen.

Bildnis des Guido Reni (1575–1642) von ca. 1635 - 37. Öl auf Leinwand, Bologna, Pinacoteca Nazionale. © Foto: Diether von Goddenthow
Bildnis des Guido Reni (1575–1642) von ca. 1635 – 37. Öl auf Leinwand, Bologna, Pinacoteca Nazionale. © Foto: Diether von Goddenthow

Der aus Bologna stammende Barockmaler Guido Reni (1575–1642) war der Malerstar seiner Zeit, aber auch ein Künstler, der einen Absturz der Extraklasse erlebt hat, sozusagen ein gefallener Engel war, wie es Künstler immer wieder in der Kunstgeschichte gab, „die vergessen wurden, weil sie zu erfolgreich gewesen sind“, so Philipp Demandt, Direktor des Städel Museums beim Presserundgang. Renis Ruf  sei im 19. Jahrhundert in Schieflage der Verkitschung gekommen. Es habe letztlich „unzählige Reproduktionen von seinen Werken gegeben bis hin zu den Einlegebildchen im katholischen Gebetbuch“, vertieft Kurator Dr. Bastian Eclercy, Sammlungsleiter italienische, französische und spanische Malerei vor 1800, Städel Museum. Es gab also „eine Verkitschung ins Devotionale hinein“, die die Wahrnehmung seiner Bilder veränderte und seinen Ruf beschädigt habe. „So ist manchmal eine Rezeptionsgeschichte auch eine Geschichte von Trivialisierung“, die die anderen faszinierenden Aspekte seiner Kunst aus dem Bewusstsein verdrängt habe.  Den wahren Guido Reni können Besucher jetzt in dieser faszinierenden Gesamtschau kennenlernen. Am besten mit einer Führung und/oder per Audioguide.

Die Ausstellung mit insgesamt 164 Objekten, davon 130 eigenhändig von Reni, zur Verfügung gestellt von 60 Leihgebern aus ganz Europa und den USA, ist die größte je zustande gekommene Ansammlung von Renis Meister-Werken, die jemals an einem Ort gezeigt wurde.  Dabei werden erstmals auch Ölgemälde und Papierarbeiten sowie  Radierungen gleichwertig und in direkter Gegenüberstellung präsentiert.

„Es ist eine unglaubliche Altmeisterausstellung mit riesigen Formaten und Zeichnungen, mit einer interessanten Anknüpfung an die weitaus kleinere Ausstellung von vor über 30 Jahren in der Schirn“, freut sich Karin Wolff, Geschäftsführerin des Kulturfonds RheinMain, der die Ausstellung mit anderen Sponsoren und dem Städelschen Museums-Verein e.V.  gemeinsam fördert hat. Mit seiner außerordentlichen Ausstellungs- Architektur, die das Städel stets für Ausstellungen plane und auch farblich vollzöge, würde den Gemälden einen ihn angemessenen herausragenden  Rahmen gegeben. Bologna sei die Partner-Region zu Hessen. „Und ich finde, schon von daher ist es eine außerordentlich gute Kombination, dass wir heute ein Reni-Fest für die nächsten Monate beginnen, und dafür wünsche ich großen Erfolg“, ergänzt die Kulturfonds-Geschäftsführerein.

Samson, der widersprüchliche Held aus dem Alten Testament, hat auf dieser Abbildung mit dem Unterkiefer eines Esels gerade tausend Philister erschlagen. Auf einem Schlachtfeld des Grauens balanciert Samson in komplizierter Pose mit seinem makellosen Körper: gelängt und biegsam, aber zugleich athletisch und spannungsreich. Guido Reni (1575 - 1642), ca. 1615 - 17. Öl auf Leinwand. Bologna, Pinacoteca Nazionale. © Foto: Diether von Goddenthow
Samson, der widersprüchliche Held aus dem Alten Testament, hat auf dieser Abbildung mit dem Unterkiefer eines Esels gerade tausend Philister erschlagen. Auf einem Schlachtfeld des Grauens balanciert Samson in komplizierter Pose mit seinem makellosen Körper: gelängt und biegsam, aber zugleich athletisch und spannungsreich. Guido Reni (1575 – 1642), ca. 1615 – 17. Öl auf Leinwand. Bologna, Pinacoteca Nazionale. © Foto: Diether von Goddenthow

Dr. Bastian Eclercy liegt besonders das größte Monumentalwerk der Ausstellung, das „Samson-Bild“, am Herzen.  Schon ohne Rahmen ist es 2,60 Meter hoch, und insgesamt mit Rahmen immerhin 150 Kilo schwer.- Dadurch war es schon eine Kunst für sich und recht schwierig, das wertvolle Großgemälde an die Wand zu bringen. Das Gemälde habe, so der Kurator, in seiner über 400jährigen Geschichte noch nie die Stadtgrenze von Bologna verlassen. „Und wir sind sehr bewegt, es in unserer Wand beherbergen zu dürfen“, freut er sich.

Neben diesem Highlight erwarten die Besucher viele weitere Monumentalwerke, das sind  für Eclercy Bilder ab einer Größe von 2 Metern. Selbst, wem die mitunter etwas schwülstig anmutenden Kolossalgemälde biblischer, mythischer und archaisch erscheinender Motive nicht ganz so liegen sollten, kann sich allein schon von der großartigen malerischen, grafischen handwerklichen und gestalterischen Perfektion faszinieren,  ergreifen und anregen lassen.

Brücke zur Geisteswelt des Barocks

Ausstellungsimpression Guido Reni Der Göttliche Städel Frankfurt. © Foto: Diether von Goddenthow
Ausstellungsimpression Guido Reni Der Göttliche Städel Frankfurt. © Foto: Diether von Goddenthow

Die über 400 Jahre alten Werke sind auch eine wertvolle visuelle Brücke in die Geistes- und Empfindungswelt einer europäischen Epoche, in der (Pest-) Tod, Teufelsangst und Gottesfürchtigkeit an der Tagesordnung waren. Vom  Bologneser Gelehrten Carlo Cesare Malvasia, Freund und Fan von Reni,  erfahren wir aus dessen Reni-Biographie 1678 recht schonungslos über des Malers ambivalente Persönlichkeit. Es sei inbrünstig religiös, aber zugleich auch fürchterlich abergläubisch gewesen, ja er hatte Angst, er würde verhext und dergleichen, so der Kurator. Er hatte zudem ein komplexes Verhältnis zu Frauen, ein inniges Verhältnis zu seiner Mutter, war gleichzeitig anderen Frauen gegenüber scheu, gar ängstlich.

Er fing die Schönheit des Göttlichen ein

Guido Reni (1575-1642) Fortuna mit der Geldbörse, ca. 1636-38 Öl auf Leinwand. Frankfurt am Main, Privatsammlung. © Foto: Diether von Goddenthow
Guido Reni (1575-1642) Fortuna mit der Geldbörse, ca. 1636-38 Öl auf Leinwand. Frankfurt am Main, Privatsammlung. © Foto: Diether von Goddenthow

Finanziell war Reni ausgesprochen erfolgreich, erhielt bereits zu Lebzeiten seinen ehrenvollen Beinamen Il divino (dt. „Der Göttliche“), da er die europäische Bildwelt tiefgreifend prägte und wie kein anderer die Schönheit des Göttlichen in Malerei übersetzte. Er fing quasi die Schönheit des Göttlichen ein.
Aber  zugleich war Reni auch hoffnungslos spielsüchtig. Sein Leben  nahm zu Bologneser Zeiten schon die  Züge eines Doppellebens an: „Ein bourgeoisier Maler, der tagsüber mit Hut und Maschen über den Kopf vor seiner Leinwand steht und mit den großen Auftraggebern verhandelt, und große Honorare vereinnahmt, und sich abends in den Spelunken von Bologna herumtreibt, und  wieder verzockt im  Würfel-  und  Kartenspiel, was er tagsüber eingenommen hat“,  kommentiert Kurator Eclercy und bezieht sich auf die ausführlichen Lebensbeschreibungen von Reni des Bologneser Gelehrte Carlo Cesare Malvasia aus dem Jahre 1678.  Aber  vielleicht  macht   Guido Reni seine ambivalente Persönlichkeit noch interessanter.

Ausstellungs-Rundgang

Guido Reni (1575–1642) Christus an der Geißelsäule, um 1604 Öl auf Leinwand, 192,7 x 109 cm (ohne Anstückungen) Frankfurt am Main, Städel Museum. © Foto: Diether von Goddenthow
Guido Reni (1575–1642) Christus an der Geißelsäule, um 1604 Öl auf Leinwand, 192,7 x 109 cm (ohne Anstückungen) Frankfurt am Main, Städel Museum. © Foto: Diether von Goddenthow

Diese Ausstellung präsentiert den Malerstar des italienischen Barock: Guido Reni (1575–1642). Neben  Hauptwerken aus der Sammlung des Städel Museums wie dem bedeutenden Frühwerk Himmelfahrt Mariens (um 1598/99) oder dem jüngst restaurierten Gemälde Christus an der Geißelsäule (um 1604) präsentiert die Ausstellung herausragende Arbeiten aus, wie gesagt, über 60 internationalen Museen und privaten Sammlungen, u. a. aus dem Museo Nacional del Prado, Madrid, der Pinacoteca Nazionale in Bologna, den Uffizien in Florenz, dem J. Paul Getty Museum und dem LACMA in Los Angeles, dem Metropolitan Museum of Art in New York und dem Louvre in Paris. Zudem ist eine Reihe von neu entdeckten und noch nie ausgestellten Werken Renis im Städel Museum zu sehen. Ergänzt wird diese Auswahl punktuell durch Gegenüberstellungen mit Werken von Vorbildern und Zeitgenossen, mit denen sich der Maler auseinandergesetzt hat (darunter Raffael, Parmigianino oder Annibale Carracci), sowie durch rare historische Dokumente, wie sein Rechnungsbuch der Jahre 1609–1612.

Facetten der Malerpersönlichkeit Guido Reni

Guido Reni (1575–1642) Himmelfahrt Mariens, um 1598/99 Öl auf Kupfer, 58 x 44,4 cm Städel Museum, Frankfurt am Main © Foto: Diether von Goddenthow
Guido Reni (1575–1642) Himmelfahrt Mariens, um 1598/99 Öl auf Kupfer, 58 x 44,4 cm Städel Museum, Frankfurt am Main © Foto: Diether von Goddenthow

Die auf zwei Stockwerken im großen Ausstellungshaus präsentierte Ausstellung beginnt im Erdgeschoss im 1. Raum mit der Auseinandersetzung seiner Maler-Persönlichkeit. Und trotz seines komplexen, ambivalenten Wesens zwischen „Superstar und Glückspieler“ war  Reni, so erfahren wir es von den Wandtexten, keineswegs ein einsames, verkanntes Genie, sondern vielmehr ein gefeierter Star seines Faches. Auf einem Skizzenblatt, das ein bemerkenswertes Zeugnis der zeichnerischen Auseinandersetzung mit sich selbst darstellt, hat er mehrfach seine Signatur eingeübt: „Ich, Guido Reni, Bologna“. In einem anderen raren Dokument, seinem Rechnungsbuch der Jahre 1609 bis 1612, bilanziert der Maler sorgfältig die Ausgaben und Einnahmen seiner Tätigkeit in Rom.
Einen exemplarischen Einstieg in Renis Kunst bietet eine Gruppe von Bildern der Himmelfahrt Mariens, die noch nie gemeinsam zu sehen waren: ein Lebensthema, das ihn von seinen ersten Jahren in Bologna bis in die ganz späte Phase immer wieder neu beschäftigt hat. Ausgangspunkt ist die früheste Version im Städel Museum, ein regelrechtes Programmbild seiner künstlerischen Ambitionen, auf das mehrere davon ausgehende Fassungen im kleinen wie großen Format folgten. Kein anderes Sujet vermag jene „himmlischen Ideen“, die engelsgleichen und paradiesischen Qualitäten von Renis Malerei, welche die zeitgenössischen Quellen als sein Alleinstellungsmerkmal ausweisen, besser zu verdeutlichen.

Auf dem Weg. Renis Anfänge in Bologna

Renis Anfänge in Bologna - Ausstellungsimpression Guido Reni Der Göttliche Städel Frankfurt. © Foto: Diether von Goddenthow
Renis Anfänge in Bologna – Ausstellungsimpression Guido Reni Der Göttliche Städel Frankfurt. © Foto: Diether von Goddenthow

Der nächste Raum erzählt Renis Anfänge in Bologna. Nach einer zehnjährigen Ausbildung in der Werkstatt des Spätmanieristen Denys Calvaert, der in Bologna vor allem mit kleinformatigen Bildern auf Kupfer erfolgreich ist und Renis Talent schon früh erkennt, tritt Guido aufgrund eines Zerwürfnisses mit seinem Meister 1595 in die Akademie der Carracci ein. In dieser neuartigen
Kunstschule, die eine Reform der Malerei und ihrer Lehre anstrebt, fördert ihn Ludovico Carracci, während dessen Cousin Annibale den jungen Reni als künftigen Konkurrenten kritisch beäugt. Gleichwohl prägt Annibale ihn künstlerisch ganz entscheidend. Die Carracci überlassen Reni kleinere Aufträge, die er – anders als bei Calvaert – auf eigene Rechnung ausführen darf, bevor es 1598 auch mit Ludovico zum Bruch kommt.
In diesen Jahren entstehen die ersten Altarbilder und kleinformatige Werke sowie virtuose Kreidezeichnungen, die demonstrieren, wie Reni schon früh den Spätmanierismus Calvaerts, die Reformmalerei der Carracci und sein Studium der Meister der Hochrenaissance (vor allem Raffael und Parmigianino) zu einer ganz eigenständigen Synthese vereint. Bis zu seinem Weggang nach Rom im Jahr 1601 zählen dabei die Konventeder Dominikanerinnen und Dominikaner in Bologna zu Renis wichtigsten Auftraggebern.

Caravaggist oder Anti-Caravaggio?

Ausstellungsimpression Guido Reni Der Göttliche Städel Frankfurt. © Foto: Diether von Goddenthow
Ausstellungsimpression Guido Reni Der Göttliche Städel Frankfurt. © Foto: Diether von Goddenthow

Im nächsten Raum werden Renis ersten Jahre in Rom, im Jahre 1601 beleuchtet.  Es zieht den Maler in die Hauptstadt des Kirchenstaats, zu dessen Territorium auch Bologna gehört.  Gemeinsam mit
Francesco Albani und Domenichino, den beiden Künstlerfreunden aus der Heimat, lebt er zwei Jahre lang in einer Wohngemeinschaft im Gästehaus von Santa Prassede. Für Kardinal Paolo Emilio Sfondrati führt er mehrere bedeutende Aufträge aus. Reni schließt sich in Rom jedoch nicht seinem Bologneser Landsmann Annibale Carracci an, auch nicht dem selbst erst im Aufstieg begriffenen Revolutionär Caravaggio, sondern dem Cavalier d’Arpino, einem etablierten und gut vernetzten Spätmanieristen.
Sein Biograf Malvasia stilisiert Guido zu einer Art ‚Anti-Caravaggio‘, und in der Tat stehen die Eleganz und ideale Schönheit seiner Malerei in markantem Kontrast zum Naturalismus und zum dramatischen Hell-Dunkel des Lombarden. Paradoxerweise wird Reni dennoch bald zu einem ‚Caravaggisten‘ der ersten Stunde, wenngleich nur für wenige Jahre (um 1604–06) und mit einer sehr individuellen und selektiven Interpretation von Caravaggios Kunst. Dafür stehen beispielhaft der Christus an der Geißelsäule, das große Altarbild mit dem Martyrium der heiligen Katharina oder der David, für den sich Reni zudem an einer antiken Skulptur orientiert. So erweitert sich sein Erfahrungshorizont in den ersten römischen Jahren beträchtlich. Dazu zählen auch episodenhafte Ausflüge in die Gattung der mit kleinen Figuren staffierten Landschaft.

Im Dienst der Borghese. Reni als Freskenmaler (und Zeichner) in Rom

Guido Reni - Aurora- Fresko im Casino des Palazzo Pallavicini Rospigliosi, Rom. © Foto: Diether von Goddenthow
Guido Reni – Aurora- Fresko im Casino des Palazzo Pallavicini Rospigliosi, Rom. © Foto: Diether von Goddenthow

Seinen rasanten Aufstieg vom praktisch unbekannten Ankömmling aus Bologna bis hin zum Malerstar in Rom verdankt Reni insbesondere der „Papst-Familie“ Borghese. So wird er in der zweiten Hälfte seines Rom-Aufenthaltes, der etwa von 1607 bis 1614 währt. von Papst Paul V. Borghese und den Kardinalnepoten Scipione Borghese als ‚Hofkünstler‘ beschäftigt. Damit steigt der Neuankömmling innerhalb kürzester Zeit zum führenden Maler der Ewigen Stadt auf. Es sind nun vor allem große Freskenprojekte, die Reni für die Borghese ausführt und in seinem Rechnungsbuch dokumentiert: im Vatikanischen Palast, in San Gregorio Magno, im Quirinalspalast, in Santa Maria Maggiore und schließlich das berühmte Aurora- Fresko im Casino des Palazzo Pallavicini Rospigliosi. Letzteres sollte bis ins 19. Jahrhundert zu den maßgeblichen Sehenswürdigkeiten Roms zählen. In der Ausstellung repräsentiert diesen wichtigen Teilbereich von Renis Schaffen eine Auswahl hochkarätiger Zeichnungen für alle Projekte, darunter Kompositionsstudien in Feder und Detailstudien in Kreide. Sie machen seine Entwurfspraxis und Zeichenkunst auf eindrucksvolle Weise anschaulich. Nach seiner endgültigen Rückkehr nach Bologna 1614 erhält Reni von Kardinal Pietro Aldobrandini den Auftrag, eine Kapelle im Dom von Ravenna auszustatten, doch möchte er sich fortan den körperlichen Strapazen der Freskomalerei nicht mehr aussetzen. So zeichnet er eigenhändig die Entwürfe im Originalformat (Kartons), von denen sich zwei rare Beispiele erhalten haben, und überträgt deren Ausführung seinen Mitarbeitern.

Weitere Schwerpunkt-Räume der Ausstellung sind beispielsweise:

Zurück in Bologna. Renis prima maniera

Guido Reni (1575 - 1642) Lucretia, ca. 1625. Öl auf Leinwand. Potsdam, Stiftung Preußische Schlösser und Gärten. Berlin Brandenburg, Neues Palais. © Foto: Diether von Goddenthow
Guido Reni (1575 – 1642) Lucretia, ca. 1625. Öl auf Leinwand. Potsdam, Stiftung Preußische Schlösser und Gärten. Berlin Brandenburg, Neues Palais. © Foto: Diether von Goddenthow

Seine römischen Erfahrungen entwickelt er zu einem kraftvoll-monumentalen, höchst eigenständigen Stil mit plastischen Einzelfiguren oder kleinen Figurengruppen vor dunklen Hintergründen weiter, den Malvasia als Renis prima maniera bezeichnet.

Arie di teste.Kopfstudien und ‚himmelnder Blick‘
Renis Zeichenkunst kulminiert in seinen schon von den Zeitgenossen hochgeschätzten und gesammelten ‚Ausdrucksköpfen‘ (arie di teste) in schwarzer und roter Kreide. Meist weisen diese den sogenannten ‚himmelnden Blick‘ auf, der regelrecht zum Synonym für seinen Stil geworden ist und unzählige Nachahmer gefunden hat.

Bolognas nackte Helden. Der männliche Akt

Atalante galt als uneinholbar schnell, alle ihre männlichen Herausforderer hatte sie bis dahin besiegt. Doch Hippomenses konnte mithilfe dreier goldener Äpfel der Aphrodite, die er hinter sich fallen ließ, seine Auserwählte ablenken, erreichte vor ihr das Ziel und durfte sie ehelichen. Hippomenes und Atalante ca 1615-18 Öl auf Leinwand Madrid, Museo Nacional del Prado. © Foto: Diether von Goddenthow
Atalante galt als uneinholbar schnell, alle ihre männlichen Herausforderer hatte sie bis dahin besiegt. Doch Hippomenses konnte mithilfe dreier goldener Äpfel der Aphrodite, die er hinter sich fallen ließ, seine Auserwählte ablenken, erreichte vor ihr das Ziel und durfte sie ehelichen. Hippomenes und Atalante ca 1615-18 Öl auf Leinwand Madrid, Museo Nacional del Prado. © Foto: Diether von Goddenthow

Teil II der Ausstellung startet im 1. OG mit „Bolognas nackten Helden“. In den Jahren der Bologneser prima maniera (um 1614–25) beschäftigt sich Reni in einer Reihe von Großformaten immer wieder mit dem männlichen Akt – bisweilen in Kombination mit dem weiblichen. Mythologische Figuren wie Herkules, Bacchus, Hippomenes oder Apoll dominieren dabei; es finden sich aber auch religiöse und allegorische Motive, etwa der alttestamentliche Held Samson oder die Personifikationen der himmlischen und der irdischen Liebe. All die monumentalen Kompositionen konzentrieren sich auf eine einzelne Ganzfigur oder auf das Zusammenspiel zweier Protagonisten, die wie Skulpturen ins Bild gesetzt sind und mit minimalem Beiwerk auskommen. Muskulös, aber von feingliedriger Eleganz und schönliniger Bewegtheit sind diese Körper. Die vom Studium der Antike und der Natur beseelte „Idee des Schönen“, wie sie der Kunsttheoretiker Giovan Pietro Bellori später nennen wird, findet hier anschauliche Gestalt.

Helle Palette und göttliches Licht. Renis seconda maniera
Ab den späten 1620er-Jahren hellt sich Renis Farbpalette zusehends auf. Wie Malvasia berichtet, versucht der Maler durch den stärkeren Einsatz von Bleiweiß dem Nachdunkeln seiner Gemälde, wie er es bei älteren Werken anderer Künstler beobachtet hat, von vornherein strategisch entgegenzuwirken.

Guido Reni invenit. Das druckgrafische Werk
Während seiner ganzen Laufbahn ist Reni auch als Druckgrafiker tätig und schafft rund 40 eigenhändige Radierungen – allesamt keine Reproduktionsgrafiken nach seinen Gemälden, sondern autonome Bilderfindungen. Von einem Großteil davon besitzt das Städel Museum Abzüge, die hier erstmals präsentiert werden.

Non finito. Renis letzte Werke
Aus Guidos letzten Jahren hat sich, teilweise in seinem Nachlassinventar von 1642 erwähnt, eine bemerkenswerte Gruppe von Gemälden erhalten, die unterschiedliche Grade des Unvollendeten aufweisen.

Epilog Reni ausstellen – vorgestern, gestern, heute
Im 19. Jahrhundert war die Kunst Guido Renis (und der meisten seiner Zeitgenossen) aufgrund anderer ästhetischer Vorlieben in Ungnade gefallen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg haben die kunsthistorische Forschung und das breitere Publikum ihn und sein Schaffen zaghaft wiederentdeckt: zunächst 1954 in der ersten monografischen Schau in seiner Heimatstadt Bologna und dann 1988/89 in einer Wanderausstellung, die neben Bologna, Los Angeles und Fort Worth auch in Frankfurt in der Schirn Kunsthalle Station machte.

Ausstellungskatalog zur Sonderausstellung „GUIDO RENI. Der Göttliche“ (23.11.2022–05.03.2023)
guido-reni-katalog-2022-160Zur Ausstellung erschien ein von Bastian Eclercy herausgegebener Katalog mit einem Vorwort von Philipp Demandt und Beiträgen von Stefan Albl, Maria Aresin, Hans Aurenhammer, Lilly Becker, Babette Bohn, Aoife Brady, Heiko Damm, Corentin Dury, Sybille Ebert-Schifferer, Bastian Eclercy, Theresa Gatarski, Francesco Gatta, Mareike Gerken, Andreas Henning, Julia Katz, Raffaella Morselli, Elisabeth OyMarra, Catherine Puglisi, Andreas Raub, Aleksandra Rentzsch, Alexander Röstel, Letizia Treves, Samuel Vitali und Linda Wolk-Simon. Deutsche und englische Ausgabe, 328 Seiten, 39,90 Euro (Museumsausgabe)/ Buchhandelsausgabe bei Hatje Cantz.

Ort:
staedel-museum-sanierung-22-11-2022Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main
Information: www.staedelmuseum.de
Besucherservice und Führungen: +49(0)69-605098-200, info@staedelmuseum.de

Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr, Sa, So + Feiertage 10.00–18.00 Uhr, Do 10.00–21.00 Uhr
Sonderöffnungszeiten: Aktuelle Informationen zu besonderen Öffnungszeiten an Feiertagen unter
www.staedelmuseum.de
Tickets und Eintritt: Tickets online buchbar unter shop.staedelmuseum.de. Di–Fr 16 Euro, ermäßigt 14
Euro; Sa, So + Feiertage 18 Euro, ermäßigt 16 Euro; freier Eintritt für Kinder unter 12 Jahren; Gruppen ab
10 regulär zahlenden Personen: 14 Euro pro Person, am Wochenende 16 Euro. Für alle Gruppen ist
generell eine Anmeldung unter Telefon +49(0)69-605098-200 oder info@staedelmuseum.de erforderlich.

Am 26. und 27. November 2022 ist der Eintritt frei im Rahmen des Projektes „Städel Open House“ 

Wiedereröffnung der Sammlung Kunst der Moderne im Frankfurter Städel Museum

 Die wiedereingerichtete Sammlung Kunst der Moderne präsentiert auf ca. 1100 m2 rund 180 herausragende Kunstwerke – darunter solche von Max Beckmann, Edgar Degas, Ernst-Ludwig Kirchner, Franz Marc, Lotte Laserstein, Paula Modersohn-Becker, Claude Monet oder Pierre-Auguste Renoir sowie jüngste Erwerbungen und Schenkungen etwa von Max Ernst und Wassily Kandinsky, neue Dauerleihgaben und lange nicht gezeigte, überraschende Arbeiten aus den reichen Beständen des Museums.. Aber auch eines der berühmtesten Bilder, Johann Heinrich Wilhelm Tischbeins "Goethe in der römischen Campagna", von 1787 musste umziehen. © Foto: Heike von Goddenthow
Die wiedereingerichtete Sammlung Kunst der Moderne präsentiert auf ca. 1100 m2 rund 180 herausragende Kunstwerke – darunter solche von Max Beckmann, Edgar Degas, Ernst-Ludwig Kirchner, Franz Marc, Lotte Laserstein, Paula Modersohn-Becker, Claude Monet oder Pierre-Auguste Renoir sowie jüngste Erwerbungen und Schenkungen etwa von Max Ernst und Wassily Kandinsky, neue Dauerleihgaben und lange nicht gezeigte, überraschende Arbeiten aus den reichen Beständen des Museums.. Aber auch eines der berühmtesten Bilder, Johann Heinrich Wilhelm Tischbeins „Goethe in der römischen Campagna“, von 1787 musste umziehen. © Foto: Heike von Goddenthow

Frankfurt am Main, 20. Oktober 2022. Die Meisterwerke der Kunst der Moderne im Städel Museum sind ab dem 22. Oktober 2022 wieder für das Publikum zu sehen. In den zurückliegenden Sommermonaten wurde der Sammlungsbereich aufwendig umgestaltet. Die wiedereingerichtete Sammlung Kunst der Moderne präsentiert auf ca. 1100 m2 rund 180 herausragende Kunstwerke – darunter solche von Max Beckmann, Edgar Degas, Ernst-Ludwig Kirchner, Franz Marc, Lotte Laserstein, Paula Modersohn-Becker, Claude Monet oder Pierre-Auguste Renoir sowie jüngste Erwerbungen und Schenkungen etwa von Max Ernst und Wassily Kandinsky, neue Dauerleihgaben und lange nicht gezeigte, überraschende Arbeiten aus den reichen Beständen des Museums. Zudem sind weitere Werke von Künstlerinnen in der Sammlungspräsentation zu sehen, zum Beispiel von Eugenie Bandell, Gabriele Münter, Ottilie W. Roederstein oder Milly Steger. Außerdem öffnet ein dauerhaftes Kabinett für die Fotografie, in dem zukünftig wechselnde Ausstellungen wegweisender Fotografen gezeigt werden. Im Zuge der Umgestaltung wurde ein verändertes Farbkonzept umgesetzt, neueste Klimatechnik eingebaut und die gesamte Beleuchtung auf energiesparende LED-Technik umgerüstet.

Sammlungsbereich Kunst der Moderne, Ausstellungsansicht © heike von goddenthow
Sammlungsbereich Kunst der Moderne, Ausstellungsansicht © heike von goddenthow

Museumsdirektor Philipp Demandt über die Wiedereröffnung der Sammlung Kunst der Moderne: „Die Sammlung Kunst der Moderne zählt zu den großen Publikumslieblingen im Städel Museum. Sie gibt einen ausgezeichneten Überblick über die Entwicklung der europäischen Malerei- und Skulpturengeschichte im 19. und 20. Jahrhundert, ergänzt durch bedeutende Beiträge der Fotografie. Die Besucherinnen und Besucher können sich auf ein Wiedersehen mit Meisterwerken freuen und auf ein neues Kennenlernen herausragender Künstlerinnen und Künstler. Es gilt den kunsthistorischen Blick stetig zu öffnen, und das nicht nur in Überblicksausstellungen wie etwa zu Lotte Laserstein, Max Beckmann, PierreAuguste Renoir oder Ottilie W. Roederstein, sondern auch in der dauerhaften Präsentation unserer Sammlung.“

 

Die Sammlungspräsentation der Kunst der Moderne folgt im Kern der etablierten Ordnung und Raumabfolge – beginnend mit der deutschen Malerei des frühen 19. Jahrhunderts und der Nazarener über die deutsche und französische Kunst des Realismus bis hin zu Räumen mit Schlüsselwerken etwa des Impressionismus, Symbolismus, Surrealismus und Expressionismus. Schwerpunkte bilden die Werke von Max Beckmann und die Expressionisten-Sammlung von Carl Hagemann.

In die gesamte Sammlungspräsentation der Kunst der Moderne wurden weitere Werke von Künstlerinnen aus dem Bestand aufgenommen – darunter lange nicht ausgestellte Arbeiten wie etwa das Gemälde Sonne am Mittag / Wilhelmsbad (1915) von Eugenie Bandell. Hinzu kommen Helene von Beckeraths Spargelstillleben (1910/20) oder Milly Stegers Skulptur Auferstehender Jüngling (1920). Mit zwei Gemälden von Ottilie W. Roederstein, dem frühen Selbstbildnis mit weißem Hut (1904) und einem späten Selbstbildnis mit Schlüsseln (1936), wird eine der erfolgreichsten Künstlerinnen der Zeit um 1900 gewürdigt. Die umfassende Sonderausstellung zum Werk und Leben der Malerin, die das Städel Museum im Sommer 2022 präsentierte, haben mehr als 75.000 Besucher gesehen.

Sammlungsbereich Kunst der Moderne, Ausstellungsansicht © heike von goddenthow
Sammlungsbereich Kunst der Moderne, Ausstellungsansicht © heike von goddenthow

Darüber hinaus können in der Sammlungspräsentation weitere bedeutende Werke der Kunst des Surrealismus entdeckt werden. Der Künstlervereinigung Blauer Reiter wird erstmals ein eigener Raum gewidmet. In diesen Bereichen werden nun auch die Gemälde aus dem Vermächtnis der Frankfurter Mäzenin Ulrike Crespo gezeigt – Max Ernsts Grätenwald (1927), Wassily Kandinskys Kallmünz – Hellgrüne Berge (1903) und Alexej von Jawlenskys Stillleben mit Petroleumlampe (1907). Jean Bloé Niestlés Rehe in japanischer Landschaft (1918) aus dem Bestand des Städel Museums und die neue Dauerleihgabe Straße mit Kindern (1909) von Gabriele Münter ergänzen die Präsentation.

Neuerwerbungen wie beispielsweise Heinrich Hoerles Vordermann (1932) oder Maximilian Klewers Selbstporträt (1924) sowie weitere Dauerleihgaben, etwa Max Beckmanns Interieur mit Spielspiegel (1949) und Fernand Légers Grüner Topf (1926), sind ebenfalls zu sehen. Zudem wurde eine Vielzahl an Gemälden konservatorisch begutachtet und restauriert, etwa Adolphe Monticellis Ein Anstreicher an einer Hauswand (1875) oder Christian Rohlfs’ Rotgelber Kopf (1915). Ebenfalls wurden der Rahmen von Josef Binders Bildnis des Malers Philipp Veit (1838) restauriert und andere Werke neu gerahmt, darunter Wilhelm Trübners Bildnis einer Dame in violettem Kleid (1873).

Ein dauerhaftes Kabinett für die Fotografie wird Teil der Sammlungspräsentation der Kunst der Moderne. In den 1850er-Jahren begann der erste Sammlungsinspektor des Städel Museums, Johann David Passavant, mit dem Erwerb von Fotografien für die Lehrsammlung. Der lange aus dem Blickfeld geratene Bestand wurde 2011 und 2013 durch die Erwerbung der Sammlungen von Uta und Wilfried Wiegand sowie von Annette und Rudolf Kicken signifikant ausgebaut. Viele weitere Schenkungen und Ankäufe folgten. Mit über 5000 Fotografien aus den Anfängen des Mediums bis in die Gegenwart verfügt das Städel Museum über einen exzellenten Sammlungsbestand, dem dieses Kabinett mit wechselnden Ausstellungen gewidmet ist. Den Auftakt macht einer der führenden Vertreter der kunstfotografischen Bewegung, Heinrich Kühn (1866–1944).

Alle fertiggestellten Baumaßnahmen – auch im Sammlungsbereich Kunst der Moderne – sind Teil eines im Städel Museum entwickelten Energiemanagementplans, dessen Ziel es ist, energieeffizient zu planen und langfristige Lösungen für einen nachhaltigen, klimaschützenden Museums- und Ausstellungsbetrieb umzusetzen. Durch die konsequente Umrüstung auf LED-Beleuchtungstechnik in den Sammlungsräumen kann das Städel Museum seinen Stromverbrauch senken. Die Installation einer Geothermieanlage (2012) führt zu signifikanten Einsparungen im Gasverbrauch. Jüngst wurde der neue Städel Garten eröffnet (August 2022). Um einen ressourcenschonenden Umgang mit Trinkwasser zu gewährleisten, wurden u. a. zwei Zisternen zur Regenwassergewinnung für die Bewässerung der Grünflächen des Gartens installiert. Am Haupteingang des Museums wurde zudem ein barrierefreier Zugang mit Aufzuganlage eingerichtet, über den jetzt mobilitätseingeschränkte Besucher das Städel schnell und zentral erreichen können. Bereits abgeschlossene Bauvorhaben der letzten Jahre sind etwa die Restaurierung der historischen Mainuferfassade (2019), die Sanierung der Graphischen Sammlung (2020) und die Umgestaltung des Bereichs Alte Meister (2021). Seit Ende August wird eine Besucherterrasse auf dem Dach des Städel Museums gebaut (Fertigstellung im Sommer 2023).

Die Umgestaltung der Sammlung Kunst der Moderne sowie die baulichen Maßnahmen werden durch private Spenden finanziert.

Kuratoren: Dr. Alexander Eiling (Sammlungsleiter Kunst der Moderne, Städel Museum), Dr. Juliane Betz (stellv. Sammlungsleiterin Kunst der Moderne, Städel Museum), Dr. des. Kristina Lemke (Sammlungsleiterin Fotografie, Städel Museum).

Ort: Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main.

Information: www.staedelmuseum.de Besucherservice: +49(0)69-605098-200, info@staedelmuseum.de Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr, Sa, So + Feiertage 10.00–18.00 Uhr, Do 10.00–21.00 Uhr Sonderöffnungszeiten: Aktuelle Informationen zu besonderen Öffnungszeiten etwa an Weihnachten unter www.staedelmuseum.de Eintritt in die Ausstellungen und die Dauerausstellung: Di–Fr 16 Euro, ermäßigt 14 Euro; Sa, So + Feiertage 16 Euro, ermäßigt 14 Euro; freier Eintritt für Kinder unter 12 Jahren. Tickets online buchbar unter shop.staedelmuseum.de

Städel Frankfurt: VOR DÜRER. KUPFERSTICH WIRD KUNST 28. SEPTEMBER 2022 BIS 22. JANUAR 2023

Das Städel Museum widmet dem frühen Kupferstich als künstlerischem Bildmedium eine eigene Ausstellung. Vom 28. September 2022 bis 22. Januar 2023 werden etwa 130 bedeutende deutsche und niederländische Kupferstiche des 15. Jahrhunderts präsentiert. Die Ausstellung zeichnet die Entwicklung des Kupferstichs von einfachen Anfängen zu immer anspruchsvolleren Schöpfungen nach. Zu sehen sind herausragende Blätter u. a. von Martin Schongauer, Wenzel von Olmütz oder Israhel van Meckenem sowie von frühen, anonymen Stechern wie dem Meister ES, dem Meister mit den Bandrollen oder dem Meister b(x)g. Den Abschluss bilden einige der ersten Kupferstiche des großen deutschen Renaissancekünstlers Albrecht Dürer.

Im oben gezeigten Film stellen der Kurator der Schau, Prof. Dr. Jochen Sander, sowie Städel-Direktor Max Hollein zentrale Werke der Ausstellung vor und erklären, was Dürer anders als andere machte und was darüber hinaus zu seinem Ruhm beitrug und ihn weltweit bekannt machte.

STÄDEL MUSEUM
Schaumainkai 63
60596 Frankfurt am Main

FREI. SCHAFFEND. Die Malerin Ottilie W. Roederstein – Umfassende Retrospektive im Städel Museum Frankfurt

Ausstellungsansicht „FREI. SCHAFFEND. Die Malerin Ottilie W. Roederstein Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz
Ausstellungsansicht „FREI. SCHAFFEND. Die Malerin Ottilie W. Roederstein Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Frankfurt am Main, 19. Juli 2022. Die deutsch-schweizerische Malerin Ottilie W. Roederstein (1859–1937) zählte zu den erfolgreichsten Künstlerinnen der Zeit um 1900. Diesen Sommer präsentiert das Städel Museum eine umfassende Retrospektive, die mit 75 Gemälden und Zeichnungen einen Überblick über die künstlerische Entwicklung der stilistisch vielseitigen Malerin gibt. Nach Ausbildungsstationen in Zürich, Berlin und Paris lebte Roederstein ab 1891 in Frankfurt am Main. 1909 ließ sie sich mit ihrer Lebensgefährtin, der Gynäkologin Elisabeth H. Winterhalter, im benachbarten Hofheim am Taunus nieder. Roederstein war als freischaffende Porträtmalerin eine feste Größe im männlich dominierten Kunstbetrieb und setzte sich selbstbewusst über die vorherrschenden gesellschaftlichen Normen hinweg. Ihre Werke wurden in zahlreichen nationalen und internationalen Ausstellungen, von Zürich über Paris und Frankfurt bis nach London und Chicago, gezeigt und fanden große Anerkennung. Heute ist die Malerin trotz ihrer regen Ausstellungstätigkeit und ihres einstigen Renommees einem größeren Publikum nahezu unbekannt.

Das Schaffen von Ottilie Roederstein ist von der Geschichte des Städel Museums und der Stadt Frankfurt nicht zu trennen. Nur wenige Meter lagen zwischen ihrem Atelier in der Städelschule und dem Museum, das sie regelmäßig besuchte und von dessen Sammlung sie sich inspirieren ließ. Ihre eigenen Werke fanden schon zu Lebzeiten Eingang in die Sammlung. 1902 erwarb das Städel Museum Roedersteins Gemälde Lesende alte Frau als erstes Werk einer zeitgenössischen Künstlerin. Die Grundlage der Ausstellung bildet demnach die Sammlung des Städel Museums, die mit 28 Werken der Künstlerin neben dem Stadtmuseum Hofheim am Taunus und dem Kunsthaus Zürich über einen der bedeutendsten Bestände verfügt.

Die Ausstellung wird durch die Gemeinnützige Kulturfonds Frankfurt RheinMain gGmbH gefördert und zusätzlich unterstützt von der Friede Springer Stiftung, der Ernst Max von Grunelius-Stiftung sowie von der Damengesellschaft des Städelschen Museums-Vereins e. V.

Seit Jahren widmen wir uns mit unserem Ausstellungsprogramm zu wegweisenden Künstlerinnen der Erweiterung des kunsthistorischen Kanons. Mit der Retrospektive über die große Porträtmalerin Ottilie Roederstein fügen wir der Kunstgeschichte nun ein weiteres Kapitel hinzu. Ottilie Roederstein war eine wichtige Person des Frankfurter Kunst- und Kulturbetriebs. Der Ruhm, den sie hier zu Lebzeiten genossen hat, ist weitgehend verblasst. Damit teilt sie das Schicksal zahlreicher erfolgreicher Künstlerinnen, die nach dem Zweiten Weltkrieg zusehends in Vergessenheit gerieten. Ein größeres Publikum wieder mit ihrem Schaffen vertraut zu machen, ist uns ein besonderes Anliegen“, so Philipp Demandt, Direktor des Städel Museums.

„Ottilie Roedersteins Stil war vor allem in den frühen Jahren geprägt durch die französische akademische Malerei. Sie arbeitete bewusst für den Kunstmarkt und richtete sich mit Bildnissen und Stillleben nach den Wünschen ihrer Auftraggeberschaft. In ihren freien Kompositionen überschritt sie jedoch gezielt das für malende Frauen übliche thematische Terrain, indem sie religiöse Bilder und gar Akte schuf. Sie wandte sich der altmeisterlichen Temperamalerei zu und experimentierte mit impressionistischen, symbolistischen und neusachlichen Stilmitteln, wobei ihre individuelle Handschrift stets erkennbar blieb. Unsere Ausstellung macht es sich zur Aufgabe, Ottilie Roedersteins beeindruckende Karriere als Malerin gebührend zu würdigen und sie im Kontext ihrer Zeit zu verorten“, erläutern Alexander Eiling und Eva-Maria Höllerer, die Kuratoren der Ausstellung.

Der Fokus der Ausstellung liegt auf Roedersteins spezifischer Malweise, doch auch ihre Rolle als Netzwerkerin und Lehrerin wird beleuchtet. Ihre enge Verbindung mit Frankfurt und der Region zeigt sich darüber hinaus eindrücklich anhand einer Fülle historischer Dokumente, Fotografien und Briefe aus dem Nachlass der Künstlerin, die dem Städel Museum 2019 von den Erben ihres Biografen Hermann Jughenn übereignet wurden. Jughenn lebte in Hofheim am Taunus und war mit beiden Frauen über Jahre hinweg befreundet. Nach dem Tod Roedersteins 1937 initiierte Elisabeth Winterhalter die Arbeit an einem Verzeichnis der Werke Roedersteins und einer Biografie. Zu diesem Zweck übergab sie Jughenn den brieflichen Nachlass der Künstlerin sowie zahlreiche historische Fotografien und Werkbesprechungen. Er bearbeitete diesen Bestand über einen Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren und ergänzte ihn durch seine eigene Korrespondenz, Werkaufnahmen und Aufzeichnungen. Nach seinem Tod im Jahr 1967 ging sein mit Roedersteins Nachlass verbundenes Archiv in den Besitz seiner Familie über und wird in seinem Hofheimer Haus untergebracht. Im Städel Museum wird das RoedersteinJughenn-Archiv nun wissenschaftlich erschlossen – erste Ergebnisse sind in die Ausstellung und den begleitenden Katalog eingeflossen.

 

Rundgang durch die Ausstellung

Die Ausstellung beginnt mit Roedersteins frühen Werken der 1880er- und 1890er-Jahre und nimmt vor allem ihre Ausbildungszeit in Paris in den Fokus. Wie die meisten ihrer Malerkolleginnen konnte sie ihre Ausbildung nicht strategisch planen. Frauen waren an den Kunstakademien noch nicht zugelassen, und der Beruf der Kunstmalerin war gesellschaftlich nicht akzeptiert. Roederstein studierte in sogenannten Damenklassen oder Damenateliers in Zürich, Berlin und schließlich Paris. Dort zeigte sie ihre Werke fünf Jahre lang regelmäßig in den Salons. Einen großen, internationalen Erfolg erzielte sie auf der Pariser Weltausstellung 1889, wo sie mit einer Silbermedaille prämiert wurde. Sie zeigte dort die Porträts Miss Mosher oder Sommerneige (um 1887), Helene Roederstein mit Schirm (1888) und mit Ismael (1880) erstmals eine Aktdarstellung und eine biblische Historie – Genres, die ausschließlich männlichen Künstlern vorbehalten waren.

1891 zog Roederstein zusammen mit Elisabeth H. Winterhalter nach Frankfurt. Die in der Schweiz approbierte Ärztin konnte in der Stadt eine gynäkologische Praxis eröffnen. Roederstein hielt die Profession ihrer Lebensgefährtin beispielhaft in dem Bildnis Dr. Elisabeth Winterhalter (1887) fest. Das als liberal und der emanzipatorischen Bewegung gegenüber aufgeschlossen geltende Frankfurt bot günstige Rahmenbedingungen, sich privat wie beruflich zu entfalten. Als freischaffende Porträtmalerin konnte Roederstein direkt nach ihrer ersten Ausstellung im Frankfurter Kunstverein 1891 schnell in der bürgerlichen Gesellschaft Fuß fassen. Sie war teilweise über Jahrzehnte hinweg mit den Porträtierten und deren Familien befreundet. Die Ausstellung präsentiert u. a. die Bildnisse Auguste Andreas, geb. Walluf (1892), Hanna Bekker vom Rath (1923) und Lilly von Schnitzler (1929).

Die Selbstbildnisse der Künstlerin bilden einen weiteren Schwerpunkt der Ausstellung. Sie entstanden in allen Phasen ihres Schaffens in verschiedenen Medien und boten der Malerin die Möglichkeit der künstlerischen Positionierung und Selbstbefragung. Außerdem spielten sie bei der Erprobung neuer Stilrichtungen und Maltechniken eine wichtige Rolle. Die Ausstellung vereint u. a. das Selbstbildnis mit roter Mütze (1894), das Selbstbildnis mit Hut (1904) und das Selbstbildnis mit Pinseln (1917). Meist inszenierte sich Roederstein mit verschränkten Armen und abweisendem Blick in geradezu maskuliner Attitüde als ernst zu nehmende und erfahrene Künstlerin, die sich Respekt und Erfolg erarbeitet hatte. Bereits zu Lebzeiten wurde Roederstein öffentlich als schöpferische Künstlerin wahrgenommen, eine Rolle, die man zuvor nur den männlichen Kollegen zugestanden hatte. Um 1900 wurden Frauen in der Malerei als Dilettantinnen und Kopistinnen akzeptiert, nicht aber als „frei“ schaffende Künstlerinnen mit eigener Erfindungsgabe. Roederstein gelang es jedoch, sich mit ihrem Werk einen Freiraum zu erobern, von dem viele ihrer Zeitgenossinnen kaum zu träumen wagten.

Roedersteins Malerei erfuhr in Frankfurt innerhalb weniger Jahre einen stilistischen Wandel. 1892 bezog sie ein Atelier in der Städelschule. Ab der Mitte des Jahrzehnts orientierte sie sich intensiv an Werken der deutschen und italienischen Renaissance, wie z. B. Die Verlobten (1897) oder Mila von Guaita (1896) zeigen. Sie führte ihre Malerei nicht mehr in Öl auf Leinwand, sondern in Tempera auf Holz aus und weitete ihre Themen zudem auf allegorisch-heroische Stoffe und religiöse Motive aus. Diese waren im späten 19. Jahrhundert noch vorwiegend den männlichen Kollegen vorbehalten.

Roedersteins Lebensgefährtin Elisabeth Winterhalter war eine der ersten Chirurginnen Deutschlands und forschte ab 1895 am Dr. Senckenbergischen Institut. Sie engagierte sich aktiv in der Frankfurter Frauenbewegung und beteiligte sich federführend an der Gründung des Vereins „Frauenbildung – Frauenstudium“. Dessen Zielsetzung war es, Mädchen den Weg zum Abitur zu ebnen, um ihnen damit den Zugang zu einem Hochschulstudium zu ermöglichen. Roederstein war Mitglied des Hauptvorstands im Frauenkunstverein Frankfurt, der sich für professionelle Ausbildungs- und Ausstellungsmöglichkeiten für Künstlerinnen einsetzte. In ihrem Atelier in der Städelschule bot sie Mal- und Zeichenkurse für Frauen an, da bis 1919 Frauen nicht an deutschen Kunstakademien zugelassen wurden. Mit Privatunterricht förderte Roederstein ihr weibliches Umfeld und erweiterte dadurch auch ihre Auftraggeberschaft.

Zeitlebens hatte die Malerin den Kunstmarkt fest im Blick und war über erfolgreiche Kompositionen und Trends bestens informiert. Als freischaffende Künstlerin ohne großen finanziellen Rückhalt durch ihre Familie war sie auf den Verkauf ihrer Werke angewiesen und orientierte sich daher an gefragten Themen und Stilen. Sie wandte sich etwa dem Frankfurt-Cronberger Künstler-Bund zu, einer sezessionistischen Bewegung, die als Ausstellungsgemeinschaft die aus Frankreich kommende impressionistische Freilichtmalerei in Deutschland etablieren wollte – sichtbar etwa in dem Werk Bildnis des Malers Jakob Nussbaum (1909).

Ihrem Umzug 1909 nach Hofheim zusammen mit Winterhalter folgten außerordentlich produktive Jahre, in denen Roederstein erneut mit unterschiedlichen Stilen experimentierte. In Hofheim kam sie zudem mit zahlreichen Vertretern des Expressionismus in Kontakt. Die Künstlerin nahm jedoch nur wenige expressive Anklänge in ihrem Werk auf. Sie blieb ihrem eigenen, von Linearität und einer dekorativen Flächigkeit geprägten Stil weitgehend treu, der in den 1920er-Jahren angesichts der aufkommenden Malerei der neuen Sachlichkeit wieder en vogue war. 1929 veranstaltete der Frankfurter Kunstverein aus Anlass ihres 70. Geburtstags eine Sonderausstellung; sie erhielt die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt und wurde Ehrenbürgerin von Hofheim. Die letzte Phase von Roedersteins Schaffen fiel in die Zeit des Nationalsozialismus. Sie war nun staatlicher Reglementierung durch die Reichskammer der bildenden Künste unterworfen, um weiterhin ausstellen und verkaufen zu können. Nach Roedersteins Tod richtete der Frankfurter Kunstverein 1938 eine große Gedächtnisausstellung aus, die anschließend im Kunsthaus Zürich und in der Kunsthalle Bern gezeigt wurde. Bis Kriegsende war Roedersteins Werk noch in ihrem Atelierhaus zu sehen, das Winterhalter und Hermann Jughenn zu einer Gedenkstätte für die Künstlerin machten. Danach waren ihre Arbeiten lange Zeit nicht mehr in größerem Umfang zu sehen. Erst in den 1980er-Jahren wurde die Kunst von Ottilie Roederstein durch Ausstellungen im Stadtmuseum Hofheim wieder einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht, erlangte aber nicht mehr die einstige internationale Reichweite.

Die Ausstellung des Städel Museums entstand in Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus Zürich.

FREI. SCHAFFEND. DIE MALERIN OTTILIE W. ROEDERSTEIN Kuratoren: Dr. Alexander Eiling (Sammlungsleiter Kunst der Moderne, Städel Museum), Eva-Maria Höllerer (Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Sammlung Kunst der Moderne, Städel Museum) Archiv: Dr. Iris Schmeisser (Leiterin Provenienzforschung und historisches Archiv, Städel Museum) Ausstellungsdauer: 20. Juli bis 16. Oktober 2022

Ort: Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main Information: www.staedelmuseum.de

Besucherservice: +49(0)69-605098-200, info@staedelmuseum.de Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr, Sa, So + Feiertage 10.00–18.00 Uhr, Do 10.00–21.00 Uhr Sonderöffnungszeiten: Aktuelle Informationen zu besonderen Öffnungszeiten an Feiertagen unter www.staedelmuseum.de

Überblicksführungen: Vom 20. Juli bis 16. Oktober: Do 18.00 Uhr / Sa 14.00 Uhr / So 11.00 Uhr sowie am Mo 3. Oktober, 14.00 Uhr; Überblicksführung mit ausführlicher Bildbeschreibung So 21. August, 11.00 Uhr; Überblicksführung mit Gebärdensprachdolmetscherin So 4. September, 11.00 Uhr Tickets für die Überblicksführungen sind im Online-Shop unter shop.staedelmuseum.de erhältlich, Restkontingente je nach Verfügbarkeit an der Kasse. Aktuelle Informationen zu den Überblicksführungen und besonderen Angeboten an den Feiertagen sowie zu den Öffnungszeiten unter staedelmuseum.de.

RENOIR. ROCOCO REVIVAL. DER IMPRESSIONISMUS UND DIE FRANZÖSISCHE KUNST DES 18. JAHRHUNDERTS

Pierre-Auguste Renoir. Frau mit Sonnenschirm in einem Garten, 1875. Öl auf Leinwand. © Foto Diether v. Goddenthow
Pierre-Auguste Renoir. Frau mit Sonnenschirm in einem Garten, 1875. Öl auf Leinwand. © Foto Diether v. Goddenthow

Von heute an bis zum 19. Juni 2022 präsentiert das Frankfurter Städel Museum die erste bedeutende Pierre-Auguste-Renoir-Sonderausstellung in Deutschland nach 25 Jahren. Dabei widmet sich das Städel Museum  auf zwei Etagen  den überraschenden Bezügen Renoirs Kunst zur Malerei des Rokoko, und zwar  auf  gesellschaftspolitischer, biografischer, motivischer und mal- und zeichentechnischer Ebene.

Ausgangspunkt groß angelegten einzigartigen Sonderausstellung ist die Frage, in welchem historischen Kontext Renoirs Schaffen zu verstehen ist. Denn Renoir sei, so Philipp Demandt, Direktor des Städel Museums, auch noch viel, viel mehr als einer der herausragenden Maler des französischen Impressionismus. „Schau’n Sie sich das Leben des Künstlers an, dann sehen Sie, dass dieses Leben überaus bewegt gewesen ist“. Er wird 10 Jahre nach der sogenannten Juli-Revolution von 1830 und der Abdankung der Bourbonen geboren. Es folgt die Regierung des Bürgerkönigs Louis Philippe dann die Februar-Revolution von 1848, das Ende der zweiten Republik und der Staatstreich von 1852, und das zweite Kaiserreich und dann Napoleon III., schließlich der Deutsch-Französische Krieg, die Dritte Republik und am Ende sogar noch der Erste Weltkrieg. Ein Jahr nach dessen Ende, im Schicksalsjahr Europas 1919 stirbt Renoir. „Ein Leben also, das geprägt gewesen ist von Revolution und von Umbrüchen und von Zeitenwenden, und um solche Zeitenwenden und Umbrüche soll es auch in der Ausstellung „Renoir. Rococo Revival“ vom 2. März bis 19. Juni 2022 im Städel-Museum Frankfurt gehen“, so Phillipp Demandt, Direktor des Städelmuseums, beim Pressegespräch.

Impressionismus aus historischer Entwicklung verstehen

„Wir haben schon seit Jahren den Anspruch, den Impressionismus von seinen historischen Wurzeln her zu denken“, so Dr. Alexander Eiling, Sammlungsleiter Kunst der Moderne, im Städel Museum. Er sowie Dr. Juliane Betz, seine Stellvertreterin, und  Dr. Fabienne Ruppen, wissenschaftliche Mitarbeiterin, bilden das Kuratorenteam dieser wunderbaren  Ausstellung mit insgesamt 132 Exponaten aus 11 Ländern, darunter 71 der schönsten Werke Renoirs sowie 29  Werke aus dem  Rokoko des 18. Jahrhunderts und 19 Bilder von Zeitgenossen und Wegbegleitern wie Edgar Degas, Édouard Manet und weitere. Diese Gegenüberstellungen mit Werken des 18. Jahrhunderts, aber auch Vergleiche mit Künstlerinnen und Künstlern aus dem Umfeld des Impressionismus bieten Besuchern die Gelegenheit, Renoirs Schaffen neu zu entdecken.

Landläufig ist Renoire vor allem für seine häufig lockere, skizzenhafte Malweise sowie die leuchtende Palette seiner Gemälde bekannt und zum Inbegriff jenes impressionistischen Malers geworden, der flüchtige Eindrücke auf der Leinwand festhält. Und ja!, wie kaum andere, prägen Renoirs Schilderungen des modernen Lebens aus dem Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts unsere Sicht auf diese Zeit nach wie vor. Aber weniger bekannt ist, dass Renoir  seine Inspirationen jedoch nicht nur in seinem Alltag fand, sondern auch in der Kunst vorangegangener Epochen. Von besonderer Bedeutung war für ihn die französische Malerei des 18. Jahrhunderts. Diese erfreute sich zu Renoirs Lebzeiten so großer Wertschätzung, dass man heute von einem „Rococo Revival“ spricht.
Renoirs Bezüge zum 18. Jahrhundert sind vielschichtig. Zum einen teilte er mit dem Rokoko die Vorliebe für bestimmte Motive: Darunter finden sich das Flanieren in Parkanlagen und am Flussufer, die Rast im Freien oder das Gartenfest. Darüber hinaus widmete sich auch Renoir der Darstellung häuslicher Szenen und befasste sich immer wieder mit dem familiären Beieinander sowie mit privaten Momenten wie dem Baden, Lesen oder dem heimischen Musizieren. Zudem lehnte er sich in seiner offenen Malweise sowie in der Verwendung bestimmter Zeichenmittel an die Kunst des vorangegangenen Jahrhunderts an. Schließlich verbindet Renoir und das Rokoko ein Bekenntnis zur dekorativen Funktion von Kunst, die übergreifend alle Lebensbereiche gestalten sollte.

„Rococo-Revival“ mehr als bloß „Neorokoko“

Die Darstellung von weiblichen Badenden zählt seit der Antike zu den Kernthemen der bildenden Kunst und war im 19. Jahrhundert ausgesprochen beliebt. Auch in Renoirs Werk bildete der weibliche Akt zeitlebens ein zentrales Thema. Vor allem Kompositionen von Boucher dienten ihm als Vorbilder, insbesondere dessen Diana, dem Bade entsteigend.  © Foto Diether v. Goddenthow
Die Darstellung von weiblichen Badenden zählt seit der Antike zu den Kernthemen der bildenden Kunst und war im 19. Jahrhundert ausgesprochen beliebt. Auch in Renoirs Werk bildete der weibliche Akt zeitlebens ein zentrales Thema. Vor allem Kompositionen von Boucher dienten ihm als Vorbilder, insbesondere dessen Diana, dem Bade entsteigend. © Foto Diether v. Goddenthow

Der Impressionismus sei ja nicht voraussetzungslos über Nacht entstanden, so Eiling. Ähnlich wie die französische Kunst generell immer etwas traditioneller als viele andere Kunstrichtungen sei und immer wieder aus der vorausgegangenen Kunst Anknüpfungspunkte gefunden und geschöpft habe, so habe es natürlich diese Beziehungen auch zwischen Renoir und des Rococo gegeben. In der Ausstellung solle dies auf vier verschiedenen Ebenen wiedergeben: „Das ist einmal gesellschaftspolitisch, im Bereich des Rococo-Revival. Das ist ein englischer Terminus, der auch in der Literatur gewählt wird, weil er anders als Neo-Rococo sich nicht nur auf die Kunst bezieht, sondern auch alle gesellschaftspolitischen Hintergründe, die sich mit der Rückkehr des Rococo als den französischem Nationalstil beschäftig“, so Kurator Eiling. Und diese viel umfassendere Begrifflichkeit „Rococo-Revival“ noch einmal zu betonen, sei einfach wichtig für das bessere Verständnis. Das Kuratorenteam habe für die Ausstellung auch noch einen weiteren Begriff gewählt, „den Begriff des ‚Echos‘, weil es immer wieder sozusagen ferne Erinnerungen sind. Es sind nicht immer nur eins-zu-eins motivische Übersetzungen oder Kopien, sondern es ist im Grunde genommen ein Anverwandeln einer Motivwelt des Rokoko im Impressionismus, die zu den Zeiten von Renoir sehr wohl immer wieder auch gesehen wurde.“, so Eiling.

Die Wurzeln seiner Kunst als Porzellan-Maler
Zudem möchte die Ausstellung aber auch biographisch anknüpfen. Besonders wichtig sei für die Rezeption von Renoirs Werken, einen Blick auf seine Ausbildung zu werfen. Renoir fand zur Kunst über seine Ausbildung zum Prozellanmaler, die er 1854 in der Werkstatt der Lèvy-Frères et Cie in Paris begann. Die Firma stellte Porzellane mit Motiven her, die häufig an Werke von Rokoko-Malern wie Watteau, Boucher oder Nicolas Lancret (1690¬1743) angelehnt waren. Renoir studierte deren Gemälde im Louvre. In Zeichnungen entwickelte er eigenständige Interpretationen, die er auf die Porzellanrohlinge übertrug. Auf diese Weise fand er im Rahmen seiner Tätigkeit als Dekorateur bereits in jungen Jahren einen Zugang zum Rokoko, das ihm fortan als Inspirationsquelle dienen sollte. Nur wenige Werke aus dieser Frühzeit haben sich erhalten: zum einen Skizzenbuchblätter mit Studien von Kartuschen und Girlanden sowie von Figuren, die nach der Mode des 18. Jahrhunderts gekleidet sind. Zum anderen kann Renoir etwa die Bemalung eines vasenförmigen Kerzenständers mit Bronzemontierungen aus der Produktion der Lèvy-Frères zugeschrieben werden. In der Rückschau stilisierte Renoir seine Lehrjahre als prägend für sein Selbstverständnis, demzufolge Kunst und Handwerk ebenso eng miteinander verbunden waren wie im 18. Jahrhundert.

„Gerade für den Porzellanmaler ist das Rokoko das kleine Einmaleins. So etwas vergisst man einfach nicht. Und als Porzellanmaler malt man auch auf knallweißen Untergrund. Renoir hat das dann bei seinen Leinwänden auch gemacht. Die Farben stehen umso leuchtender, umso brillanter. Die eigene Ausbildung vergisst man nie. Die bleibt einem tiefverwurzelt, und so ist Renoir eigentlich immer auch ein Porzellanmaler auf eine gewisse Art und Weise geblieben, motivisch natürlich“, beleuchtet Eiling Renoirs handwerkliches Rüstzeug.
Ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellung sei, einen Blick auf die Mal- und Zeichentechniken zu werfen: „Welche Maltechnik und welche Maltechnik übernimmt Renoir aus dem 18. Jahrhundert? „

Weitere zentrale Stichworte der Ausstellung sind unter anderem „Renoir & der Impressionismus“, „Renoir, der ‚neue Watteau‘“, “Was bedeutet Rokoko?“, „Was bedeutet ‚Rococo Revival‘?“, “Die Goncourts & das Rokoko“, „Moderne Fête galante“ (galante Feste), „Renoir & die moderne Freizeitkultur“, „Renoir als Zeichner“, Renoirs Amazone“, „Renoir & die Dekoration“, „Boudoir“, „Lesen & Handarbeit“, „Aktdarstellungen & Badende“, „Landschaft & Facture“, „Stillleben“,“ Genredarstellungen & Rollenporträts“ sowie „Peinture morale“.

Eine großartige Ausstellung, übrigens „das erste Ausstellungshighlight im Frankfurter Städel 2022, so Philipp Demandt, Direktor, Städel Museum

Sie wird gezeigt auf zwei Etagen. Sie auch höchst empfehlenswert für alle, die sich „bloß“ an der Schönheit, Pracht und Leuchtkraft der Farben und vollendeter Bildsprache erfreuen möchten.

„Das erste Ausstellungshighlight im Frankfurter Städel 2022 ist dem Meister des Impressionismus und seiner Rokoko-Leidenschaft gewidmet.“ Philipp Demandt, Direktor, Städel Museum © Foto Diether v. Goddenthow
„Das erste Ausstellungshighlight im Frankfurter Städel 2022 ist dem Meister des Impressionismus und seiner Rokoko-Leidenschaft gewidmet.“
Philipp Demandt, Direktor, Städel Museum © Foto Diether v. Goddenthow

STÄDEL MUSEUM
Schaumainkai 63
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Alle Informationen zum Besuch

Begleitkatalog
Renoir_Katalog_250Sehr empfohlen sei auch der gelungene reichlich bebilderte Begleitkatalog zur Ausstellung: „Renoir. Rococo Revival. Der Impressionismus und die französische Kunst des 18. Jahrhunderts. 328 Seiten, erschienen im Hatje Cantz Verlag, Museumsausgabe 39,90 Euro.

Zeichen der Freundschaft – Städel Museum zeigt 90 intime Werke aus dem geschenkten Nachlass Ulrikes Crespos

Oskar Schlemmer Bauhaustreppe 1931 Bleistift und Aquarell auf Velinpapier Blatt: 279 × 219 mm Erworben 2019 als Vermächtnis von Ulrike Crespo aus der Sammlung Karl Ströher Foto: Städel Museum, Frankfurt am Main
Oskar Schlemmer Bauhaustreppe 1931 Bleistift und Aquarell auf Velinpapier Blatt: 279 × 219 mm Erworben 2019 als Vermächtnis von Ulrike Crespo aus der Sammlung Karl Ströher Foto: Städel Museum, Frankfurt am Main

Frankfurt am Main, 22. Oktober 2021. Es ist eines der bedeutendsten Vermächtnisse der letzten Jahrzehnte: Die Frankfurter Fotografin und Mäzenin Ulrike Crespo hinterlässt dem Städel Museum über 90 herausragende Gemälde und Arbeiten auf Papier der Klassischen Moderne und der internationalen Nachkriegskunst, darunter Werke von Wassily Kandinsky, Franz Marc, Otto Dix, Max Ernst, Fernand Léger, Jean Dubuffet, Cy Twombly und anderen. Ein Spitzenstück des Vermächtnisses ist Oskar Schlemmers Aquarell zu seinem weltberühmten Gemälde Bauhaustreppe (New York, Museum of Modern Art).

Das Städel Museum würdigt diese beeindruckende Geste Ulrike Crespos mit einer Sonderausstellung. Unter dem Titel „Zeichen der Freundschaft. Ulrike Crespo beschenkt das Städel Museum“ treten vom 24. November 2021 bis zum 6. März 2022 ausgewählte Arbeiten aus dem Vermächtnis in einen Dialog mit Werken aus der Sammlung des Städel Museums. Es werden insgesamt 72 Arbeiten gezeigt, darunter 44 aus dem Vermächtnis von Ulrike Crespo. Die geschenkten Werkgruppen und Einzelpositionen korrespondieren in der Ausstellung immer wieder mit Arbeiten aus dem Bestand des Städel Museums: Sie beziehen sich aufeinander, bereichern sich gegenseitig und schließen auch Lücken, die beispielsweise 1937 durch die Beschlagnahme von Kunstwerken im Rahmen der Aktion „Entartete Kunst“ durch die Nationalsozialisten entstanden sind.

„Mit ihrem Vermächtnis reiht sich Ulrike Crespo ein in beste Frankfurter Bürgertradition, verdankt sich doch schon die Gründung des Städel Museums solch einer mäzenatischen Tat. Dabei ergänzen die Meisterwerke aus dem Nachlass von Ulrike Crespo die Bestände des Städel Museums auf das Schönste. Mit unserer Sonderausstellung möchten wir der Stifterin gedenken und ihr großartiges für Frankfurt feiern. Das Städel Museum ist Ulrike Crespo zu größtem Dank verpflichtet“, so Städel Direktor Philipp Demandt.

„Ulli Crespo war eines sehr wichtig: Die Kunst sollte der ganzen Gesellschaft zugänglich sein. Sie wollte es noch mehr Menschen ermöglichen, ihre Persönlichkeit durch die sinnlich-ästhetische Erfahrung von Kunst und Kultur zu entfalten – und gründete auch dafür ihre Stiftung, die Crespo Foundation. Ihr Vermächtnis an das Städel Museum folgt dieser Logik. Wir sind sehr glücklich, nun diese Ausstellung zu Ehren der Werke und Werte von Ulli Crespo zu erleben“, so Christiane Riedel, Vorständin, Crespo Foundation.

Ausstellungsansicht „Zeichen der Freundschaft. Ulrike Crespo beschenkt das Städel Museum“ Foto: Städel Museum  - Norbert Miguletz
Ausstellungsansicht „Zeichen der Freundschaft. Ulrike Crespo beschenkt das Städel Museum“ Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Die Fotografin, Psychotherapeutin und Philanthropin Ulrike Crespo (1950–2019) gründete 2001 die Crespo Foundation in Frankfurt, die mit zahlreichen Projekten gesellschaftlich Benachteiligte fördert und dabei einen Schwerpunkt auf Bildung und Kreativität legt. Zugleich unterstützte sie Künstlerinnen und Künstler sowie Kunstinstitutionen und baute eine Sammlung zeitgenössischer Kunst auf. Bildende Kunst war ihr ein existenzielles Anliegen – und hatte Familientradition. Ursprünglich waren die dem Städel Museum vermachten Werke Teil der weit umfangreicheren Sammlung von Karl Ströher (1890–1977), Ulrike Crespos Großvater. Geprägt von der eigenen Vorliebe für Arbeiten auf Papier – Karl Ströher war selbst begeisterter Zeichner –, aber auch durch den Austausch mit befreundeten Künstlern wie Willi Baumeister, mit Kunsthistorikern wie Will Grohmann und mit Galeristen erwarb Ströher nach dem Zweiten Weltkrieg Werke der Klassischen Moderne und der unmittelbaren Zeitgenossenschaft, vom Expressionismus bis zur US-amerikanischen Pop-Art.

Rundgang durch die Ausstellung
Die Schau in der Ausstellungshalle der Graphischen Sammlung ist nach Werkgruppen weitestgehend chronologisch in sieben Kapitel gegliedert und beginnt mit den vielleicht wichtigsten Neuzugängen für das Städel Museum, mit Werken der einstigen Bauhauslehrer Oskar Schlemmer, Paul Klee, Lyonel Feininger und László Moholy-Nagy. Da alle Lehrkräfte dieser 1919 gegründeten, interdisziplinären Kunstschule angehalten waren, ihre eigene ästhetische Vision deutlich zu vermitteln, bündelte das Bauhaus viele formal eigenständige und für die Moderne wichtige Positionen. Auch wenn nicht alle in diesem Kapitel versammelten Werke unmittelbar am Bauhaus entstanden, zeigen sie doch dessen charakteristische Suche nach einer neuen Formensprache. Landschaft und Figur werden mal zeichenhaft reduziert, mal kubistisch zerlegt oder geometrisch konstruiert. Zeichnungen von Schlemmer und Moholy-Nagy waren in der Graphischen Sammlung des Städel Museums dabei bisher gar nicht oder nur als Leihgaben vertreten. Schlemmers Aquarell zur längst ikonischen Bauhaustreppe (1931) sowie seine beiden malerisch experimentellen Figurengruppen in Öl auf Ölpapier von 1942 schließen mit Moholy-Nagys geometrisch-abstrakter Komposition Graue Überschneidungen (1930) diese Lücke nun auf höchstem Niveau.

Ausstellungsansicht „Zeichen der Freundschaft. Ulrike Crespo beschenkt das Städel Museum“ Foto: Städel Museum  - Norbert Miguletz
Ausstellungsansicht „Zeichen der Freundschaft. Ulrike Crespo beschenkt das Städel Museum“ Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten Adolf Hölzel sowie die Künstler des „Blauen Reiter“ Wege in die Abstraktion eingeschlagen. Hölzel, der sich um 1905 von einer rein gegenständlichen Malerei löste, prägte als Lehrer in Stuttgart und wichtiger Theoretiker nicht nur Oskar Schlemmer, Johannes Itten oder Ida Kerkovius, die später am Bauhaus wirkten, sondern beispielsweise auch Willi Baumeister. Etwa zur selben Zeit fand in München die Künstlervereinigung „Blauer Reiter“ zu neuen formalen Möglichkeiten. Für Kandinsky, der später gleichfalls am Bauhaus lehrte, entstand wahre Kunst losgelöst von der äußeren Welt aus innerer Notwendigkeit. Sein Schaffen ist dank Ulrike Crespo am Städel Museum mit der frühen Landschaft in Öl, Kallmünz – Hellgrüne Berge (1903), und (seit 2016) einer Improvisation (1911/12) in Aquarell erfahrbar, der Zeichner Franz Marc mit einer einfühlsamen Pferdestudie in Bleistift aus einem Skizzenbuch von 1910/11.

Neben Hölzel in Stuttgart und dem „Blauen Reiter“ in München bildete sich um 1905 mit der Künstlergemeinschaft „Brücke“ in Dresden ein weiteres Zentrum der Moderne. „Unmittelbar und unverfälscht“ wollten Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, aber auch Emil Nolde schaffen. Die vermachten Werke dieser Künstler sowie des ihnen nahestehenden Christian Rohlfs fügen sich dabei nahtlos in die reichen Expressionismus-Bestände des Städel Museums und damit in die einstige Sammlung Carl Hagemanns (1867–1940) ein. Mit dem Kopf Ernas von 1912 verfügt das Städel nun über den einzigen bekannten Abzug dieses Holzschnitts von Ernst Ludwig Kirchner. Einen neuen Aspekt bringt das farbenprächtige, expressive Aquarell anonymer Großstadtmenschen von Otto Dix, das im schöpferischen Ausdruck an Nolde anschließt und doch ein ganz anderes koloristisches Temperament wie auch Menschenbild verrät.

Neben diesen größeren Werkgruppen zur Klassischen Moderne gelangten mit dem Vermächtnis auch für sich stehende, bedeutende Einzelwerke ins Städel Museum. Sie stammen von Gustav Klimt und Paula Modersohn-Becker, von Fernand Léger und Max Ernst, von Ben Nicholson und Alberto Giacometti und fächern über ein halbes Jahrhundert internationaler Schaffensvielfalt auf. Ein Höhepunkt ist Max Ernsts surrealistisches Gemälde Grätenwald von 1927: Es kombiniert ‚klassische‘ Malerei mit experimentellen Verfahren; Zufall und freie Assoziation werden Teil der Bildfindung.

Ähnlich experimentell arbeitete Jean Dubuffet, dem das folgende Kapitel gewidmet ist. Dubuffet sah in der Unmittelbarkeit und Unverstelltheit der Kunst von Kindern und psychisch Beeinträchtigten eine größere Glaubwürdigkeit als in der Formensprache ausgebildeter Künstler. Ihn interessierte scheinbar formlose Materie, das Erdige, Schrundige. Sand, Gips und andere ungewöhnliche Materialien verwendete er als Malgrund, in den er ritzte oder auf den er spachtelte. Eindrucksvoll ist dies gerade in den beiden vermachten Werken nachvollziehbar, einem Gemälde und einem Relief aus Papiermaché, die mit grafischen Arbeiten aus dem eigenen Bestand in Dialog treten.

An Dubuffet schließt die Werkgruppe um Willi Baumeister an, einen der wichtigsten Protagonisten der deutschen Nachkriegsmoderne. Werke von ihm, aber auch von Julius Bissier und Fritz Winter bilden in der Schenkung eine wichtige Gruppe. Sie werden ergänzt um US-amerikanische Kunst. Karl Ströher, der zunächst Werke von Sam Francis und Cy Twombly erwarb, kaufte 1968 die Pop-Art-Sammlung des New Yorker Versicherungsmaklers Leon Kraushar, die wesentlich den internationalen Ruf seiner Sammlung bestimmte. Im Städel Museum, das etwa zur selben Zeit US-amerikanische Kunst auf Papier zu erwerben begann, vertiefen die geschenkten Werke diesen seitdem kontinuierlich ausgebauten Sammlungsschwerpunkt. Die Ausstellung macht so nicht nur die Vielfalt der internationalen Kunst von 1905 bis 1965, sondern auch das Sammeln als lebendigen Prozess erfahrbar.

Alle Werke, die Ulrike Crespo für das Städel Museum bestimmte, sind mit Beginn der Ausstellung in einem Album in der Digitalen Sammlung zu entdecken. Nicht ausgestellte Werke auf Papier können sich die Besucherinnen und Besucher im Studiensaal der Graphischen Sammlung vorlegen lassen.

In der Ausstellung und auf dem Städel YouTube-Kanal ist ein filmisches Porträt über Ulrike Crespo zu sehen. Es spürt dem Wirken der Fotografin, Psychotherapeutin und Philanthropin nach. Wichtige Wegbegleiter, Freunde und die Familie Ulrike Crespos geben Einblicke in ein Leben, das in vielfacher Hinsicht von Kunst bestimmt war.

Infos zur Ausstellung 

Ausstellungsansicht „Zeichen der Freundschaft. Ulrike Crespo beschenkt das Städel Museum“ Foto: Städel Museum  - Norbert Miguletz
Ausstellungsansicht „Zeichen der Freundschaft. Ulrike Crespo beschenkt das Städel Museum“ Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Ausstellungsdauer: 24. November 2021 bis 6. März 2022
Ort: Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main
Information: www.staedelmuseum.de
Besucherservice: +49(0)69-605098-200, info@staedelmuseum.de
Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr, Sa, So + Feiertage 10.00–18.00 Uhr, Do 10.00–21.00 Uhr
Sonderöffnungszeiten: Aktuelle Informationen zu besonderen Öffnungszeiten etwa an Weihnachten und Neujahr unter www.staedelmuseum.de Studiensaal der Graphischen Sammlung: Mi, Fr 14.00–17.00 Uhr, Do 14.00–19.00 Uhr, nach Voranmeldung unter graphischesammlung@staedelmuseum.de
Eintritt: Preise während der Sonderausstellung „Nennt mich Rembrandt!“ (bis 30.1.2022): Tickets online buchbar unter shop.staedelmuseum.de. Di–Fr 16 Euro, ermäßigt 14 Euro; Sa, So + Feiertage 18 Euro, ermäßigt 16 Euro; freier Eintritt für Kinder unter 12 Jahren

„Nennt mich Rembrandt“ vom 7. 10.21 – 30.01.22 im Städelmuseum Frankfurt

„Nennt mich Rembrandt! Durchbruch in Amsterdam“, 6. OKTOBER 2021 BIS 30. JANUAR 2022, betrachtet erstmalig die Erfolgsgeschichte Rembrandts vom jungen, ambitionierten Künstler aus Leiden hin zum berühmten Meister in Amsterdam. 60 Kunstwerke Rembrandts treten dafür in Dialog mit Bildern anderer Künstler seiner Zeit. Die Schau vereint den bedeutenden Frankfurter Bestand an Arbeiten Rembrandts, darunter Die Blendung Simsons (1636). © Foto Diether v. Goddenthow
„Nennt mich Rembrandt! Durchbruch in Amsterdam“, 6. OKTOBER 2021 BIS 30. JANUAR 2022, betrachtet erstmalig die Erfolgsgeschichte Rembrandts vom jungen, ambitionierten Künstler aus Leiden hin zum berühmten Meister in Amsterdam. 60 Kunstwerke Rembrandts treten dafür in Dialog mit Bildern anderer Künstler seiner Zeit. Die Schau vereint den bedeutenden Frankfurter Bestand an Arbeiten Rembrandts, darunter Die Blendung Simsons (1636). © Foto Diether v. Goddenthow

„Endlich geht es wieder los“, ist Städel Direktor Philipp Demandt nach lähmender sechsmonatiger Schließung und beinahe 2 Jahren Corona-Pandemie sichtlich erleichtert, als er heute gemeinsam mit Prof. Dr. Jochen Sander, Kurator der Ausstellung und Stellvertretender Direktor und Sammlungsleiter für Holländische, Flämische und Deutsche Malerei vor 1800 am Städel Museum, die große Herbstausstellung „Nennt mich Rembrandt“ (7. 10.21 – 30.01.22) beim Presserundgang vorstellt.  „Die Rembrandt-Ausstellung“ ist zudem ein Zeichen des Aufbruchs für Frankfurt – und ein großer Dank an die Förderer dieses herausragenden Projektes ebenso wie an alle Bürgerinnen und Bürger, Partner, Stiftungen und Unternehmen, deren überwältigende Solidarität unser Haus über die vergangenen Monate mehr denn je getragen hat“, so Demandt.

Ausstellungs-Impression „Nennt mich Rembrandt! Durchbruch in Amsterdam“ © Foto Diether v. Goddenthow
Ausstellungs-Impression „Nennt mich Rembrandt! Durchbruch in Amsterdam“ © Foto Diether v. Goddenthow

Das Geheimnis Rembrandts Erfolg seit Amsterdam ergründen

Einfach „nur“ eine Rembrandt-Ausstellung zu machen und ein paar Bilder an die Wand zu hängen, wäre zwar auch schon spannend gewesen, aber irgendwie doch nicht wirklich prickelnd. Vielmehr ging es den Ausstellungsmachern, so Sander, ganz wesentlich darum, zu zeigen, wie und mit welchen Mechanismen und mit welchen künstlerischen Strategien  es Rembrandt geschafft hat, in einem extrem wettbewerbsorientierten Kunstmarkt der im 17. Jahrhundert extrem boomenden Welthandelsmetropole Amsterdam, zu dem Erfolgskünstler zu werden,  als den wir ihn  bis heute kennen, nämlich zu Rembrandt. Kurzum, es geht um die Betrachtung und Ergründung von Rembrandts Erfolgsgeheimnis,  seiner steilen Karriere Rembrandts, seit er aus Leiden als junger ambitionierter Künstler um 1631 in die damalige Welthandelsmetropole  Amsterdam  umgezog, wo er zunächst beim Kunsthändler Hendrick Uylenburgh wohnte, dessen „academie“ leitete und bald als Jungstar viel Aufmerksamkeit bis zum Hof in Dan Haag erweckt hat. Bis zu diesem Zeitpunkt, so Sander, signiert er wie alle anderen mit dem vollen Namen, nämlich mit Rembrandt Harmenszoon van Rijn. Im Moment, da er nach Amsterdam umzieht, entscheidet er sich recht mutig, nur noch mit seinem Vornamen „Rembradt“ zu signieren, aber auch auch seine Briefe zu unterschreiben. Das war revolutionär und unterschied ihn von allen anderen Künstlern, und machte seinen Namen quasi zur Marke „Rembrandt“.

Rembrandts Bildproduktion war erstaunlich reich und umfasste neben Landschaften, Genreszenen und Stillleben vor allem dramatische Historienbilder und lebensnahe Porträts. Dabei prägte die Auseinandersetzung mit anderen Malern im sehr umkämpften Kunstmarkt der boomenden Metropole Amsterdam seine künstlerische Entwicklung ebenso wie seine unternehmerischen Ambitionen. In der anregenden Atmosphäre von Wettstreit und Konkurrenz in Amsterdam, wo viele talentierte Künstler um die Gunst des wohlhabenden Bürgertums warben, entwickelte Rembrandt jene einzigartig expressive Bildsprache, mit welcher er sich schließlich auf dem hart umkämpften Kunstmarkt durchsetzen konnte.

Rembrandts Werke  im visuellen Vergleich zu Produktionen seiner Konkurrenz

Ausstellungs-Impression „Nennt mich Rembrandt! Durchbruch in Amsterdam“ © Foto Diether v. Goddenthow
Ausstellungs-Impression „Nennt mich Rembrandt! Durchbruch in Amsterdam“ © Foto Diether v. Goddenthow

Wir wollten versuchen, nicht einfach  „nur“ so viele Bilder von Rembrandt wie möglich zusammenzutragen, sondern Werke von Rembrandt den Produktionen  seiner Mitstreiter, Mitbewerber, Schüler, Werkstattmitarbeiter, die allesamt mit ihm konkurrierten,   gegenüberzustellen, so der Kurator. Mit dieser Konfrontation Rembrandts Werke mit denen seiner „Konkurrenten“ soll Besuchern eine visuelle Vergleichs-Möglichkeit gegeben werden,   selber zu sehen, was  denn eigentlich „das“ Besondere an Rembrandt ist, das ihn so außergewöhnlich erfolgreich werden ließ, erklärt Sander. Dabei  erwähnt der Kurator  auch einen  Begleitbrief Rembrandts von 1639 zur Abgabe von Bildern  an den Sekretär Constantijn Huygens, Stadthalter und Graue Eminenz hinter dem Hof. In diesem Schriftdokument bringt  Rembrandt es selbst schon auf den Punkt, worin sich seine Kunst gegenüber der „herkömmlichen“ Malerei seiner Zeit unterscheidet: (…) „um seine Hoheit damit zu erfreuen, denn in diesen beiden [Bildern] ist die meiste und natürlichste Beweglichkeit beachtet worden, was auch die Hauptursache dafür war, dass ihre Fertigstellung so lange gedauert hat.“ Der Originalbrief samt Transkription wird gezeigt in Teil 2 (Obergeschoss). 

Die Ausstellung

Rembrandt. Die Entführung des Ganymed. Dresden, Staatliche Kunstsammlungen, Gemäldegalerie Alte Meister. © Foto Diether v. Goddenthow
Rembrandt. Die Entführung des Ganymed. Dresden, Staatliche Kunstsammlungen, Gemäldegalerie Alte Meister. © Foto Diether v. Goddenthow

Wir zeigen  Werke  aus dem Museo Nacional del Prado in Madrid oder der National Gallery of Art in Washington.   Wir haben Werke aus Los Angeles, der National Galerie London und eines der berühmtesten Bilder von Rembrandt überhaupt, so Demandt, nämlich den  „brutal brüllenden und schreienden Säugling im Raub des Ganymed.  Dieser Säugling, der von Zeus in Form eines Adlers entführt wird, das nach der Sixtinischen Madonna  wohl das bekannteste Bild der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden.“ Auch  das sei ein Bild , „an dem man wirklich exemplifizieren kann, welche Strategien der Bildfindung, aber auch der Erzeugung von Aufmerksamkeit Rembrandt nutzt, um sich in dem Umfeld in Amsterdam der großen, lauten, vollen und prosperierenden Stadt als Künstler durchzusetzen.“ Dieses Werk „Ganymed in den Fängen des Adlers“ (1635), in welchem sich Rembrandt abhebt von der ikonografischen Tradition, nach dem Vorbild von Michelangelo einen attraktiven Jüngling darzustellen, zeigt auch seine derbe, ironische und humorvolle Herangehensweise, so der Museumsdirektor.

 

Rembrandt Die Blendung Simsons, 1634. Frankfurt, Städel Museum © Foto Diether v. Goddenthow
Rembrandt Die Blendung Simsons, 1634. Frankfurt, Städel Museum © Foto Diether v. Goddenthow

Im Zentrum dieser Ausstellung, steht auch eines von Rembrandt berühmtesten und auch eines „der brutalsten Gemälde, die Rembrandt jemals gemalt hat, nämlich die legendäre Blendung des Simson von 1636″ im Zentrum der Ausstellung. Zuletzt war es in Kanada zu sehen, auf der ersten Station der Ausstellung, und jetzt hier im Zentrum unserer Ausstellung steht. Dieses Werk sei 1905 mit Hilfe einer riesigen Spendenaktion vom Städel für 300 000 Mark aus einer Wiener Privatsammlung gesichert worden. Bis heute ist es ein Meisterwerk hier in der Sammlung, Demandt.

Die Ausstellung ist thematisch strukturiert

„Nennt mich Rembrandt! Durchbruch in Amsterdam“ folgt einem thematisch strukturierten Rundgang. In einer offenen Architektur können die Werke Rembrandts jenen seiner Zeitgenossen begegnen und in Dialog miteinander treten.

Als Rembrandt Harmensz. van Rijn zu Anfang der 1630er-Jahre in Amsterdam ankommt, ist er durchaus kein Unbekannter. In der Welthandelsmetropole Amsterdam sind Kunstwerke nicht nur bei wohlhabenden Kaufleuten, sondern selbst bei Handwerkern und Seeleuten begehrt.  Seine Werke, wie das in der Ausstellung präsentierte Bildnis des Andries de Graeff von 1639 (Gemäldegalerie Alte Meister, Museumslandschaft Hessen, Kassel), legen ihren Fokus auf den unmittelbaren und lebendigen Ausdruck des Porträtierten. In der Gegenüberstellung mit Bildnissen seiner Amsterdamer Konkurrenten, etwa mit Nicolaes Eliasz. Pickenoys lebensgroßen, repräsentativen Bildnis eines stehenden Mannes (1628, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe), wird das besonders deutlich.

Rembrandt Selbstbildnis mit Samtbarett und Mantel mit Pelzkragen, 1634, Berlin Staatliche Museen, Gemäldegalerie. © Foto Diether v. Goddenthow
Rembrandt Selbstbildnis mit Samtbarett und Mantel mit Pelzkragen, 1634, Berlin Staatliche Museen, Gemäldegalerie. © Foto Diether v. Goddenthow

Neben Auftragsbildnissen begleiten Selbstporträts Rembrandts Schaffen sein ganzes Leben lang. Das Studium seines eigenen Gesichts – ob im Gemälde, der Zeichnung oder der Druckgrafik – ermöglicht ihm die Erkundung des Ausdrucks aller nur denkbaren Gefühle und Gemütszustände. Selbstbildnisse und Kopfstudien dienen Rembrandt auch als Werbung für sich und seine künstlerischen Fähigkeiten. Auch sie werden zu einem Wiedererkennungszeichen seiner Kunst, denn er verwendet seine eigenen Gesichtszüge auch in Rollenporträts, den sogenannten „Tronies“. Ein beeindruckendes Beispiel hierfür ist etwa sein Tronie eines Mannes mit Federbarett (um 1635-40, Mauritshuis, Den Haag).

Schon nach kurzer Zeit in Amsterdam tritt Rembrandt 1634 der Lukasgilde bei. Als Mitglied des Berufsverbands der Künstler ist es ihm möglich, eine eigene Werkstatt aufzubauen, unternehmerische Unabhängigkeit zu erlangen und Schüler zu unterrichten. Mindestens vierzig junge Künstler durchlaufen seine Werkstatt in Amsterdam. Jeder Schüler trägt mit seinen Werken aktiv dazu bei, den Ruf der Marke Rembrandt zu mehren. Dabei ermutigt Rembrandt seine Schüler, seine Werke nicht bloß zu kopieren, sondern eigene kreative Variationen zu entwickeln. Seine eigene Kunst wird daher ebenso wie die seiner Werkstattmitarbeiter stets vom kreativen Austausch mit talentierten Künstlern geprägt.

Rembrandt beherrscht sämtliche Gattungen der Malerei: Porträts und Tronies, erzählende Historienbilder, Landschaften, Stillleben und Genreszenen. So gilt Rembrandt unter seinen Zeitgenossen als Universalkünstler. Er vermag es, kostbare Materialien durch Licht- und Farbeffekte ins Bild zu bannen, wie etwa seine rätselhafte Heldin des Alten Testaments (1632–33, National Gallery of Canada, Ottawa) eindrücklich zeigt. Wie kein Zweiter spitzt Rembrandt seine erzählenden Bilder auf eine einzige entscheidende Szene zu. Seine Historienbilder sind mitreißende Momentaufnahmen, die berühren, aufwühlen und erschrecken können. Gerade in der Darstellung des menschlichen Gesichtsausdrucks fängt Rembrandt Zwischentöne und Mehrdeutigkeit ein, so auch in der Figur des Königs Saul im Werk David spielt die Harfe vor Saul (um 1630/31, Städel Museum).Rembrandt verfolgt zuweilen auch eine derbe und humorvolle Herangehensweise (siehe Ganymed in den Fängen des Adlers, 1635).

Rembrandts Naturdarstellungen, wie die Radierung Die drei Bäume (1643, Städel Museum) oder die Landschaft mit Steinbrücke (um 1638, Rijksmuseum, Amsterdam), verdeutlichen, wie er mit optischen Effekten versucht, Licht- und Wetterphänomene und Bewegung in der Natur greifbar zu machen – eine Alternative zu den Werken derjenigen Maler, die sich auf südliche Landschaften in italienischem Licht spezialisierten und damit ihrerseits auf dem Kunstmarkt großen Erfolg haben.

Wie zuvor schon in Frankreich orientieren sich die Künstler in Amsterdam ab der Mitte des 17. Jahrhunderts an den Regeln der klassischen Antike: Helle Farben und klare Strukturen werden beliebter. Diese neue, klassizistische Kunst unterscheidet sich stark von Rembrandts Malweise. Dies zeigt sich besonders prägnant in der Gegenüberstellung von Rembrandts Gemälde Das Bad der Diana mit Aktaion und Callisto (1634, Sammlung der Fürsten zu Salm-Salm, Wasserburg Anholt, Isselburg) und Jacob van Loos Diana und ihre Nymphen (1654, Statens Museum for Kunst, Kopenhagen). In den seit der Mitte der 1650er-Jahren entstehenden Gemälden seines Spätwerks sollte sich Rembrandt mit dunkler Palette und dickem, pastosem Farbauftrag vom Zeitgeschmack übrigens immer weiter entfernen, wodurch seine beherrschende Stellung auf dem Amsterdamer Kunstmarkt schon zu seinen Lebzeiten endete.

Die Ausstellung wird organisiert vom Städel Museum, Frankfurt am Main, und von der National Gallery of Canada, Ottawa.

Ort:
Städel Museum,
Schaumainkai 63,
60596 Frankfurt am Main
Information: www.staedelmuseum.de

Besucherservice: +49(0)69-605098-200, info@staedelmuseum.de sowie über das Kontaktformular unter www.staedelmuseum.de/kontakt
Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr, Sa, So + Feiertage 10.00–18.00 Uhr, Do 10.00–21.00 Uhr

Sonderöffnungszeiten: Aktuelle Informationen zu besonderen Öffnungszeiten etwa an Weihnachten und Neujahr unter www.staedelmuseum.de

Tickets und Eintritt: Tickets online buchbar unter shop.staedelmuseum.de. Di–Fr 16 Euro, ermäßigt 14 Euro; Sa, So +
Feiertage 18 Euro, ermäßigt 16 Euro; freier Eintritt für Kinder unter 12 Jahren; Gruppen ab 10 regulär zahlenden Personen: 14 Euro pro Person, Wochenende 16 Euro. Für alle Gruppen ist generell eine Anmeldung unter Telefon +49-(0)69-605098-200 oder info@staedelmuseum.de erforderlich.

‚Städels Beckmann / Beckmanns Städel‘ bis Ende August verlängert

Selbstbildnis im Sektglas in der Beckmann-Ausstellung. v.l.n.r.: Alexander Eiling, Sammlungsleiter Kunst der Moderne im Städel Museum, Städel-Direktor Philipp Demandt, Wolfgang Kirsch, Vorsitzender der Städel Administration und Oberbürgermeister Peter Feldmann © Stadt Frankfurt am Main Foto: Rainer_Rueffer
Selbstbildnis im Sektglas in der Beckmann-Ausstellung. v.l.n.r.: Alexander Eiling, Sammlungsleiter Kunst der Moderne im Städel Museum, Städel-Direktor Philipp Demandt, Wolfgang Kirsch, Vorsitzender der Städel Administration und Oberbürgermeister Peter Feldmann © Stadt Frankfurt am Main Foto: Rainer_Rueffer

(ffm) Bereits aufgebaut wartete die Ausstellung „Städels Beckmann / Beckmanns Städel“ aufgrund der Pandemie lange auf Besucherinnen und Besucher. Mit der Wiedereröffnung des Städel Museums ist die Schau, die dem Künstler Max Beckmann und seiner Beziehung zu Frankfurt gewidmet ist, endlich zu sehen und wurde bis Ende August verlängert.

„Es ist eine durch und durch Frankfurter Ausstellung, die nicht nur viel über den Künstler Max Beckmann in Frankfurt erzählt, sondern auch über die Menschen unserer Stadt – von der Weimarer Republik bis zur Herrschaft der Nationalsozialisten“, sagte Oberbürgermeister Peter Feldmann nach dem Besuch des Museums. Es sei ein großes Glück, dass das Städel nicht nur eines der bekanntesten Werke Beckmanns, das „Selbstbildnis mit Sektglas“ vor Kurzem für Frankfurt erwerben konnte, sondern in der Ausstellung auch an die Menschen erinnere, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts für die Kunst und das kulturelle Leben in ihrer Stadt einsetzten und mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten geächtet, vertrieben und umgebracht wurden. „Mit ihnen verschwand eine bunte Gesellschaft — Frankfurt verlor sein Herz“, sagte Feldmann.

Das Gemälde „Selbstbildnis mit Sektglas“ ist 1919 in Frankfurt entstanden und gilt als Sinnbild der Zwischenkriegszeit und der Weimarer Republik. Der Ankauf für die Sammlung des Städel Museums führt die Tradition des großen bürgerlichen Engagements in Frankfurt fort. Das Gemälde konnte dank der Unterstützung des Städelschen Museums-Vereins, der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und der Kulturstiftung der Länder sowie fünf privater Mäzene erworben werden. „Max Beckmann ist heute, vor allem durch seine frühe Rezeption in den USA, der bekannteste deutsche Vertreter der Klassischen Moderne. Was aber weit weniger bekannt ist und wir in der Ausstellung zeigen, ist, wie eng das Schaffen, der Aufstieg, aber auch das Schicksal von Max Beckmann mit der Stadt Frankfurt verknüpft sind“, sagte Philipp Demandt, Direktor des Städel Museums.

Wie kaum ein anderer Künstler ist Max Beckmann (1884–1950) mit dem Städel Museum und Frankfurt verbunden, wo er einen Großteil seiner zentralen Werke schuf und den für ihn charakteristischen Stil entwickelte. Das Städel Museum befasst sich seit fast einem Jahrhundert intensiv mit dem Sammeln und der Erforschung seines Œuvres. Seit 1918 wurden kontinuierlich Arbeiten des Künstlers erworben. Heute verfügt das Museum über eine der weltweit umfangreichsten Beckmann-Sammlungen. Die Ausstellung „Städels Beckmann / Beckmanns Städel. Die Jahre in Frankfurt“ ist bis zum 29. August im Städel Museum zu sehen.

Weitere Infos: Städel-Museum

Das Städel Museum Frankfurt ist wieder geöffnet!

© Foto: Diether v. Goddenthow
© Foto: Diether v. Goddenthow

Neben der Sammlungspräsentation ist die Sonderausstellung „Städels Beckmann / Beckmanns Städel. Die Jahre in Frankfurt“ zu sehen und bis 29. August verlängert. Ab dem 30. Juni ist zudem die Sonderausstellung „Neu Sehen. Die Fotografie der 20er und 30er Jahre“ für das Publikum zugänglich. Alle Informationen für den Museumsbesuch finden Sie hier.

Im Juni bietet das Städel Museum weiterhin eine Vielzahl von Online-Veranstaltungen und digitalen Vermittlungsangeboten zur 700 Jahre umfassenden Sammlung sowie den Sonderausstellungen. Das abwechslungsreiche Online-Angebot Museum für zu Hause – Live ermöglicht die Begegnung mit Kunst und den interaktiven Austausch im digitalen Raum. Ob Zuhause auf der Couch, am Schreibtisch in der Mittagspause oder mit der Familie im Wohnzimmer – von überall können die Werke unserer Sammlung in Form einer Videokonferenz erlebbar werden.

Die Faszination für das Reisen hat schon immer auch Künstlerinnen und Künstler ergriffen. Welche Eindrücke nahmen sie von abgelegenen Orten mit und wieso begaben sie sich in die Ferne? Inwiefern findet sich das neu Gesehene und Erfahrene in ihren Bildern wieder? Bei der Online-Tour „Künstlerreisen“ am Sonntag, dem 13. Juni um 14.00 Uhr werden die Kunstwerke der Städel Sammlung anhand von Erfahrungsberichten, Bildmaterial und 360°-Fotografien der Original-Schauplätze erlebbar gemacht. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer können beim interaktiven, digitalen Kunsterlebnis mitentscheiden, wohin die Reise geht.

Welche Orte lösten bei Künstlerinnen und Künstlern Fernweh aus? Suchten sie dort nach Inspiration, Gemeinschaft oder Abenteuer? Wie nah liegen der gemalte Wunsch und die Realität beieinander? Die Online-Session „Sehnsuchtsorte. Paradiesisch schön“ verbindet die Sehnsuchtsorte unserer Gegenwart mit den Werken aus 700 Jahren Kunst. Jeden Donnerstag um 19.00 Uhr erwartet die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein interaktives, multimediales Kunsterlebnis, das wahre Glücksgefühle hervorruft.

Das vollständige Online-Veranstaltungsprogramm für Juni 2021 können Sie hier einsehen und herunterladen.

Städel Museum
Dürerstraße 2
60596 Frankfurt am Main

 

STÄDELS BECKMANN / BECKMANNS STÄDEL. DIE JAHRE IN FRANKFURT bis 29. August 2021


Max Beckmann (1884–1950) ist wie kaum ein anderer Künstler mit dem Städel Museum und Frankfurt verbunden. Er verbrachte die längste und wichtigste Zeit seines Lebens in Frankfurt, schuf hier einen Großteil seiner zentralen Werke und entwickelte den für ihn charakteristischen Stil. Das Städel Museum befasst sich seit fast einem Jahrhundert intensiv mit dem Sammeln und der Erforschung seines Œuvres. Seit 1918 wurden kontinuierlich Arbeiten des Künstlers erworben; heute verfügt das Museum über eine der weltweit umfangreichsten Beckmann-Sammlungen.

Jüngst konnte eines der bekanntesten und bedeutsamsten Werke des Künstlers, Selbstbildnis mit Sektglas (1919), für das Städel gesichert werden. Diese Ikone der Moderne wurde dank der Unterstützung des Städelschen Museums-Vereins, der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Bundesrepublik Deutschland und der Kulturstiftung der Länder sowie fünf privater Mäzene erworben. In einer Sonderpräsentation widmet sich das Städel mit ausgewählten Gemälden, Papierarbeiten und dokumentarischem Material seinem Beckmann-Bestand und den Frankfurter Jahren des Künstlers. Im Mittelpunkt steht das Selbstbildnis mit Sektglas.

Traumatisiert von seinen Erlebnissen als Sanitätshelfer im Ersten Weltkrieg kam Max Beckmann im Jahr 1915 in die Mainmetropole. 1925 übertrug ihm die Stadt die Leitung einer Meisterklasse an der Kunstgewerbeschule. Zahlreiche Frankfurt-Ansichten, Selbstbildnisse und Porträts von Freunden und Bekannten belegen seine enge Bindung an die Stadt. In der Zeit seines Aufenthaltes wurden seine Werke in 18 Einzel- und Gruppenausstellungen in Frankfurt präsentiert. 1929 verlieh ihm die Stadt den Großen Ehrenpreis. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde er aus seiner Lehrtätigkeit entlassen und musste Frankfurt verlassen. 1937 floh Beckmann, als „entartet“ diffamiert, nach Amsterdam. 1950 starb er in New York.
„Das Sammeln und die Erforschung der Kunst Max Beckmanns hat eine mehr als einhundertjährige Tradition am Städel Museum. Es ist ein außerordentlicher Glücksfall, dass wir dank des überwältigenden gemeinschaftlichen Engagements privater und staatlicher Förderer erst vor Kurzem das Selbstbildnis mit Sektglas von Max Beckmann für das Städel Museum erwerben konnten. Die Erwerbung dieses Jahrhundertwerks ist in der Geschichte des Hauses singulär und zeigt einmal mehr, wie sehr sich das Museum dem Werk des Künstlers verpflichtet fühlt. Diese enge Verbundenheit des Städel Museums und der Stadt Frankfurt mit Max Beckmann unseren Besucherinnen und Besuchern zu vermitteln, ist das Anliegen der Sonderpräsentation“, so Städel Direktor Philipp Demandt.

EINBLICKE IN DIE SONDERPRÄSENTATION

STÄDELS BECKMANN / BECKMANNS STÄDEL. DIE JAHRE IN FRANKFURT Ausstellungs-Impression  © Städel Museum
STÄDELS BECKMANN / BECKMANNS STÄDEL.
DIE JAHRE IN FRANKFURT Ausstellungs-Impression © Städel Museum

Die Schau „STÄDELS BECKMANN / BECKMANNS STÄDEL. Die Jahre in Frankfurt“ gliedert sich in drei Kapitel, beginnend mit dem für Beckmann so zentralen Thema des Selbstporträts: Beckmann hat wie kaum ein zweiter Künstler der Klassischen Moderne Selbstbildnisse geschaffen. Sie entstanden in allen Techniken, von der Malerei über die Zeichnung und Druckgrafik bis hin zur Skulptur. Wie in den hier ausgewählten Selbstbildnissen deutlich wird, begleiteten sie Beckmanns künstlerischen Werdegang von seinem Früh- bis in sein Spätwerk und veranschaulichen entscheidende Phasen seiner Entwicklung. Im Zentrum des Kapitels steht dabei als Hauptwerk die jüngste Neuerwerbung des Städel, das Gemälde Selbstbildnis mit Sektglas. 1919 in Frankfurt gemalt, ist es ein Sinnbild der Zwischenkriegszeit und der Weimarer Republik. Es zeigt den Künstler zum ersten Mal als eleganten Dandy im Smoking an der Theke eines Nachtlokals, vermutlich der Bar des Frankfurter Hofs, wo Beckmann laut Zeitzeugen mit Vorliebe Champagner trank.
Neben den vielen Einzelselbstbildnissen finden sich oft szenische Darstellungen, in denen Beckmann wie ein Schauspieler auf der Bühne seiner symbolisch-rätselhaften Kompositionen agiert: als Zirkusdirektor, wie etwa in dem Gemälde Zirkuswagen (1940), als Ausrufer, wie im Zyklus Die Hölle (1919), als biblischer Adam, wie in der Skulptur Adam und Eva (1936/1979), oder als vermeintlich beiläufiger Beobachter. Zeitgenössische Ereignisse vermischte er dabei mit allgemeinen, überzeitlichen und existenziellen Themen. Denn das Selbstbildnis bedeutete für Beckmann mehr als die Darstellung persönlicher Gemütsverfassungen. Es half ihm bei der Bestimmung seiner Rolle als Künstler in der Gesellschaft und war eine Möglichkeit, weltanschauliche Fragestellungen sowie grundlegende menschliche Konflikte zu thematisieren, wie etwa in der Kaltnadelradierung Der Abend (Selbstbildnis mit den Battenbergs) (1916). Die Druckgrafik zeigt das Ehepaar Heinrich (Ugi) und Frieda (Fridel) Battenberg, bei denen Beckmann nach seinem Einsatz im Krieg in Frankfurt Unterschlupf fand. Wie ein Keil schiebt sich sein Gesicht dabei zwischen die Eheleute, der dämonische Dritte in der sonst friedlichen Zweisamkeit. Diese spezielle Funktion des Selbstbildnisses zeigt sich auch in Beckmanns druckgrafischem Schlüsselwerk Die Hölle (1919), das im zweiten Teil der Schau präsentiert wird. Über Zeichnung, Radierung und Lithografie hatte Beckmann zu einer neuen, einprägsamen Formensprache gefunden: Kantige, reduzierte Formen bestimmen nun das Bildgefüge. Der Raum wird gleichsam kubistisch aufgebrochen und perspektivische Verzerrungen und verfremdete Maßverhältnisse erzeugen Instabilität und Dynamik. Der lithografische Zyklus Die Hölle, der im selben Jahr wie Selbstbildnis mit Sektglas entstand und zu dem Gemälde enge formale Bezüge aufweist, spiegelt Beckmanns Erfahrung einer aus den Fugen geratenen Welt nach dem Ersten Weltkrieg. Auf das Titelblatt mit einem Selbstbildnis als Ausrufer folgen zehn verrätselte Kompositionen einer von Menschen geschaffenen ‚Hölle‘, in denen reale Elemente aus der unmittelbaren Gegenwart ‒ Bezüge auf die Ermordung Rosa Luxemburgs oder das Frankfurter Nachtlokal „Malepartus“ beispielsweise ‒ mit Sinnbildhaftem, Allegorischem kombiniert werden. Beckmann zeichnete die ungewöhnlich großformatigen Kompositionen dafür mit Kreide auf Papier; im Umdruckverfahren wurden die Zeichnungen dann auf den Lithostein übertragen und im Auftrag des Galeristen J. B. Neumann bei der Druckerei C. Naumann in Frankfurt gedruckt.

Das dritte Kapitel der Präsentation widmet sich Beckmanns Leben in Frankfurt. Ein Stadtplan zeigt neben Beckmanns Wohn- und Wirkungsstätten auch seine bevorzugten Aufenthaltsorte und seine wichtigsten Frankfurter Kontakte. In der Mainmetropole entwickelte Beckmann sich zu einem Künstler von internationalem Rang. Er war vernetzt mit führenden Figuren der Frankfurter Medien, Industrie und Kulturpolitik. Zu seinen Freunden und Sammlern wurden u. a. das Unternehmer-Ehepaar Walter und Käthe Carl, der Verleger Heinrich Simon, der damalige Städel-Direktor Georg Swarzenski, der Journalist und Autor Benno Reifenberg, die Journalistin Käthe von Porada, die Mäzenin Lilly von Schnitzler oder der Kunsthistoriker Fritz Wichert. Die Schau zeigt daher unter anderem das Gemälde Bildnis Ehepaar Carl (1918) oder das lithografierte Bildnis von Georg Swarzenski (1921) sowie historische Aufnahmen von Frankfurter Orten. Auf täglichen Spaziergängen erkundete der Künstler zudem die Stadt und schuf eine Reihe eindrücklicher Stadtlandschaften, wie etwa Eisgang (1923) oder Die Synagoge in Frankfurt am Main (1919).

Im Städel Museum entstand bereits seit 1918 die größte öffentliche Sammlung von Werken Beckmanns. Die meisten seiner Werke wurden direkt aus seinem Atelier und mit städtischen Mitteln angekauft. 1918 erwarb der damalige Direktor des Städel Museums, Georg Swarzenski, erstmals Werke von Beckmann für die dem Städel angegliederte Städtische Galerie. Bis 1931 erweiterte Swarzenski die zeitgenössische Abteilung auf insgesamt 13 Gemälde des Künstlers und über hundert Arbeiten auf Papier. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten mussten Beckmanns Gemälde abgehängt werden und wanderten ins Depot. Im Sommer 1937 erfolgte im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“ die Beschlagnahmung nahezu der gesamten Beckmann-Sammlung. Nach dem Zweiten Weltkrieg organisierte Swarzenskis Nachfolger Ernst Holzinger 1947 gemeinsam mit Beckmanns Galeristen Günther Franke wieder eine Beckmann-Ausstellung im Städel mit Werken aus Privatbesitz. Der Kunsthändler schenkte dem Städel aus diesem Anlass mehrere Grafiken. Von entscheidender Bedeutung für den Wiederaufbau der verlorenen Beckmann-Sammlung war der Zugang von fast 170 Papierarbeiten aus der großen Grafiksammlung des mit Beckmann befreundeten Ehepaars Fridel und Ugi Battenberg im Jahr 1949. Ein Jahr nach dem Tod des Künstlers realisierte die Stadt Frankfurt mit Zirkuswagen (1940) den ersten Ankauf eines Beckmann-Gemäldes in der Nachkriegszeit. Seither hat das Städel kontinuierlich weitere Arbeiten des Künstlers erworben und verfügt mit elf Gemälden, zwei Skulpturen und einem mehrere hundert Blatt umfassenden grafischen Bestand heute wieder über eine der größten Beckmann-Sammlungen weltweit.

Kuratoren: Dr. Alexander Eiling (Sammlungsleiter Kunst der Moderne, Städel Museum), Dr. Regina Freyberger (Leiterin Graphische Sammlung ab 1750, Städel Museum), Dr. Iris Schmeisser (Leiterin Provenienzforschung und historisches Archiv, Städel Museum)

STÄDELS BECKMANN / BECKMANNS STÄDEL.
DIE JAHRE IN FRANKFURT

AUSSTELLUNGSDAUER: 9. Dezember 2020 bis 5. April 2021 – verlängert bis 29. August 2021
KURATOREN: Dr. Alexander Eiling (Sammlungsleiter Kunst der Moderne, Städel Museum), Dr. Regina Freyberger (Leiterin Graphische Sammlung ab 1750, Städel Museum), Dr. Iris Schmeisser (Leiterin Provenienzforschung und historisches Archiv, Städel Museum)

ORT: Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main
INFORMATION: www.staedelmuseum.de
BESUCHERSERVICE: +49(0)69-605098-200, info@staedelmuseum.de
ÖFFNUNGSZEITEN: Di, Mi, Fr, Sa, So + Feiertage 10.00–18.00 Uhr, Do 10.00–21.00 Uhr
EINTRITT: 14 Euro; freier Eintritt für Kinder unter 12 Jahren
KARTENVORVERKAUF: shop.staedelmuseum.de

KATALOG: Zur Ausstellung erscheint ein von Alexander Eiling, Regina Freyberger und Iris Schmeisser herausgegebener Katalog, mit einem Grußwort von Sylvia von Metzler und einem Vorwort von Philipp Demandt, 94 Seiten, 15 Euro.

PODCAST STÄDEL MIXTAPE: Die erste Folge des neuen Podcasts STÄDEL MIXTAPE widmet sich kunst- und kulturhistorischen Fragen rund um Beckmanns „Selbstbildnis mit Sektglas“ und kombiniert diese mit einem passenden Soundtrack. Überall dort zu finden, wo es Podcasts gibt, und auf mixtape.staedelmuseum.de

AUDIOTRACKS ZU MAX BECKMANN: Ab sofort finden Sie weiterführende Texte, Bilder und Audiotracks zu den sechs wichtigsten Beckmann-Werken der Städel Sammlung auch in unserer Highlight-App, staedelmuseum.de/app-angebot

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STÄDEL BLOG: Noch mehr Geschichten und Hintergründe zur Sammlung und den Sonderausstellungen unter blog.staedelmuseum.de / keinen Artikel verpassen, blog.staedelmuseum.de/blog-abonnieren

Das Städel Museum