Kategorie-Archiv: Städel Museum Frankfurt

Zeichen der Freundschaft – Städel Museum zeigt 90 intime Werke aus dem geschenkten Nachlass Ulrikes Crespos

Oskar Schlemmer Bauhaustreppe 1931 Bleistift und Aquarell auf Velinpapier Blatt: 279 × 219 mm Erworben 2019 als Vermächtnis von Ulrike Crespo aus der Sammlung Karl Ströher Foto: Städel Museum, Frankfurt am Main
Oskar Schlemmer Bauhaustreppe 1931 Bleistift und Aquarell auf Velinpapier Blatt: 279 × 219 mm Erworben 2019 als Vermächtnis von Ulrike Crespo aus der Sammlung Karl Ströher Foto: Städel Museum, Frankfurt am Main

Frankfurt am Main, 22. Oktober 2021. Es ist eines der bedeutendsten Vermächtnisse der letzten Jahrzehnte: Die Frankfurter Fotografin und Mäzenin Ulrike Crespo hinterlässt dem Städel Museum über 90 herausragende Gemälde und Arbeiten auf Papier der Klassischen Moderne und der internationalen Nachkriegskunst, darunter Werke von Wassily Kandinsky, Franz Marc, Otto Dix, Max Ernst, Fernand Léger, Jean Dubuffet, Cy Twombly und anderen. Ein Spitzenstück des Vermächtnisses ist Oskar Schlemmers Aquarell zu seinem weltberühmten Gemälde Bauhaustreppe (New York, Museum of Modern Art).

Das Städel Museum würdigt diese beeindruckende Geste Ulrike Crespos mit einer Sonderausstellung. Unter dem Titel „Zeichen der Freundschaft. Ulrike Crespo beschenkt das Städel Museum“ treten vom 24. November 2021 bis zum 6. März 2022 ausgewählte Arbeiten aus dem Vermächtnis in einen Dialog mit Werken aus der Sammlung des Städel Museums. Es werden insgesamt 72 Arbeiten gezeigt, darunter 44 aus dem Vermächtnis von Ulrike Crespo. Die geschenkten Werkgruppen und Einzelpositionen korrespondieren in der Ausstellung immer wieder mit Arbeiten aus dem Bestand des Städel Museums: Sie beziehen sich aufeinander, bereichern sich gegenseitig und schließen auch Lücken, die beispielsweise 1937 durch die Beschlagnahme von Kunstwerken im Rahmen der Aktion „Entartete Kunst“ durch die Nationalsozialisten entstanden sind.

„Mit ihrem Vermächtnis reiht sich Ulrike Crespo ein in beste Frankfurter Bürgertradition, verdankt sich doch schon die Gründung des Städel Museums solch einer mäzenatischen Tat. Dabei ergänzen die Meisterwerke aus dem Nachlass von Ulrike Crespo die Bestände des Städel Museums auf das Schönste. Mit unserer Sonderausstellung möchten wir der Stifterin gedenken und ihr großartiges für Frankfurt feiern. Das Städel Museum ist Ulrike Crespo zu größtem Dank verpflichtet“, so Städel Direktor Philipp Demandt.

„Ulli Crespo war eines sehr wichtig: Die Kunst sollte der ganzen Gesellschaft zugänglich sein. Sie wollte es noch mehr Menschen ermöglichen, ihre Persönlichkeit durch die sinnlich-ästhetische Erfahrung von Kunst und Kultur zu entfalten – und gründete auch dafür ihre Stiftung, die Crespo Foundation. Ihr Vermächtnis an das Städel Museum folgt dieser Logik. Wir sind sehr glücklich, nun diese Ausstellung zu Ehren der Werke und Werte von Ulli Crespo zu erleben“, so Christiane Riedel, Vorständin, Crespo Foundation.

Ausstellungsansicht „Zeichen der Freundschaft. Ulrike Crespo beschenkt das Städel Museum“ Foto: Städel Museum  - Norbert Miguletz
Ausstellungsansicht „Zeichen der Freundschaft. Ulrike Crespo beschenkt das Städel Museum“ Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Die Fotografin, Psychotherapeutin und Philanthropin Ulrike Crespo (1950–2019) gründete 2001 die Crespo Foundation in Frankfurt, die mit zahlreichen Projekten gesellschaftlich Benachteiligte fördert und dabei einen Schwerpunkt auf Bildung und Kreativität legt. Zugleich unterstützte sie Künstlerinnen und Künstler sowie Kunstinstitutionen und baute eine Sammlung zeitgenössischer Kunst auf. Bildende Kunst war ihr ein existenzielles Anliegen – und hatte Familientradition. Ursprünglich waren die dem Städel Museum vermachten Werke Teil der weit umfangreicheren Sammlung von Karl Ströher (1890–1977), Ulrike Crespos Großvater. Geprägt von der eigenen Vorliebe für Arbeiten auf Papier – Karl Ströher war selbst begeisterter Zeichner –, aber auch durch den Austausch mit befreundeten Künstlern wie Willi Baumeister, mit Kunsthistorikern wie Will Grohmann und mit Galeristen erwarb Ströher nach dem Zweiten Weltkrieg Werke der Klassischen Moderne und der unmittelbaren Zeitgenossenschaft, vom Expressionismus bis zur US-amerikanischen Pop-Art.

Rundgang durch die Ausstellung
Die Schau in der Ausstellungshalle der Graphischen Sammlung ist nach Werkgruppen weitestgehend chronologisch in sieben Kapitel gegliedert und beginnt mit den vielleicht wichtigsten Neuzugängen für das Städel Museum, mit Werken der einstigen Bauhauslehrer Oskar Schlemmer, Paul Klee, Lyonel Feininger und László Moholy-Nagy. Da alle Lehrkräfte dieser 1919 gegründeten, interdisziplinären Kunstschule angehalten waren, ihre eigene ästhetische Vision deutlich zu vermitteln, bündelte das Bauhaus viele formal eigenständige und für die Moderne wichtige Positionen. Auch wenn nicht alle in diesem Kapitel versammelten Werke unmittelbar am Bauhaus entstanden, zeigen sie doch dessen charakteristische Suche nach einer neuen Formensprache. Landschaft und Figur werden mal zeichenhaft reduziert, mal kubistisch zerlegt oder geometrisch konstruiert. Zeichnungen von Schlemmer und Moholy-Nagy waren in der Graphischen Sammlung des Städel Museums dabei bisher gar nicht oder nur als Leihgaben vertreten. Schlemmers Aquarell zur längst ikonischen Bauhaustreppe (1931) sowie seine beiden malerisch experimentellen Figurengruppen in Öl auf Ölpapier von 1942 schließen mit Moholy-Nagys geometrisch-abstrakter Komposition Graue Überschneidungen (1930) diese Lücke nun auf höchstem Niveau.

Ausstellungsansicht „Zeichen der Freundschaft. Ulrike Crespo beschenkt das Städel Museum“ Foto: Städel Museum  - Norbert Miguletz
Ausstellungsansicht „Zeichen der Freundschaft. Ulrike Crespo beschenkt das Städel Museum“ Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten Adolf Hölzel sowie die Künstler des „Blauen Reiter“ Wege in die Abstraktion eingeschlagen. Hölzel, der sich um 1905 von einer rein gegenständlichen Malerei löste, prägte als Lehrer in Stuttgart und wichtiger Theoretiker nicht nur Oskar Schlemmer, Johannes Itten oder Ida Kerkovius, die später am Bauhaus wirkten, sondern beispielsweise auch Willi Baumeister. Etwa zur selben Zeit fand in München die Künstlervereinigung „Blauer Reiter“ zu neuen formalen Möglichkeiten. Für Kandinsky, der später gleichfalls am Bauhaus lehrte, entstand wahre Kunst losgelöst von der äußeren Welt aus innerer Notwendigkeit. Sein Schaffen ist dank Ulrike Crespo am Städel Museum mit der frühen Landschaft in Öl, Kallmünz – Hellgrüne Berge (1903), und (seit 2016) einer Improvisation (1911/12) in Aquarell erfahrbar, der Zeichner Franz Marc mit einer einfühlsamen Pferdestudie in Bleistift aus einem Skizzenbuch von 1910/11.

Neben Hölzel in Stuttgart und dem „Blauen Reiter“ in München bildete sich um 1905 mit der Künstlergemeinschaft „Brücke“ in Dresden ein weiteres Zentrum der Moderne. „Unmittelbar und unverfälscht“ wollten Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, aber auch Emil Nolde schaffen. Die vermachten Werke dieser Künstler sowie des ihnen nahestehenden Christian Rohlfs fügen sich dabei nahtlos in die reichen Expressionismus-Bestände des Städel Museums und damit in die einstige Sammlung Carl Hagemanns (1867–1940) ein. Mit dem Kopf Ernas von 1912 verfügt das Städel nun über den einzigen bekannten Abzug dieses Holzschnitts von Ernst Ludwig Kirchner. Einen neuen Aspekt bringt das farbenprächtige, expressive Aquarell anonymer Großstadtmenschen von Otto Dix, das im schöpferischen Ausdruck an Nolde anschließt und doch ein ganz anderes koloristisches Temperament wie auch Menschenbild verrät.

Neben diesen größeren Werkgruppen zur Klassischen Moderne gelangten mit dem Vermächtnis auch für sich stehende, bedeutende Einzelwerke ins Städel Museum. Sie stammen von Gustav Klimt und Paula Modersohn-Becker, von Fernand Léger und Max Ernst, von Ben Nicholson und Alberto Giacometti und fächern über ein halbes Jahrhundert internationaler Schaffensvielfalt auf. Ein Höhepunkt ist Max Ernsts surrealistisches Gemälde Grätenwald von 1927: Es kombiniert ‚klassische‘ Malerei mit experimentellen Verfahren; Zufall und freie Assoziation werden Teil der Bildfindung.

Ähnlich experimentell arbeitete Jean Dubuffet, dem das folgende Kapitel gewidmet ist. Dubuffet sah in der Unmittelbarkeit und Unverstelltheit der Kunst von Kindern und psychisch Beeinträchtigten eine größere Glaubwürdigkeit als in der Formensprache ausgebildeter Künstler. Ihn interessierte scheinbar formlose Materie, das Erdige, Schrundige. Sand, Gips und andere ungewöhnliche Materialien verwendete er als Malgrund, in den er ritzte oder auf den er spachtelte. Eindrucksvoll ist dies gerade in den beiden vermachten Werken nachvollziehbar, einem Gemälde und einem Relief aus Papiermaché, die mit grafischen Arbeiten aus dem eigenen Bestand in Dialog treten.

An Dubuffet schließt die Werkgruppe um Willi Baumeister an, einen der wichtigsten Protagonisten der deutschen Nachkriegsmoderne. Werke von ihm, aber auch von Julius Bissier und Fritz Winter bilden in der Schenkung eine wichtige Gruppe. Sie werden ergänzt um US-amerikanische Kunst. Karl Ströher, der zunächst Werke von Sam Francis und Cy Twombly erwarb, kaufte 1968 die Pop-Art-Sammlung des New Yorker Versicherungsmaklers Leon Kraushar, die wesentlich den internationalen Ruf seiner Sammlung bestimmte. Im Städel Museum, das etwa zur selben Zeit US-amerikanische Kunst auf Papier zu erwerben begann, vertiefen die geschenkten Werke diesen seitdem kontinuierlich ausgebauten Sammlungsschwerpunkt. Die Ausstellung macht so nicht nur die Vielfalt der internationalen Kunst von 1905 bis 1965, sondern auch das Sammeln als lebendigen Prozess erfahrbar.

Alle Werke, die Ulrike Crespo für das Städel Museum bestimmte, sind mit Beginn der Ausstellung in einem Album in der Digitalen Sammlung zu entdecken. Nicht ausgestellte Werke auf Papier können sich die Besucherinnen und Besucher im Studiensaal der Graphischen Sammlung vorlegen lassen.

In der Ausstellung und auf dem Städel YouTube-Kanal ist ein filmisches Porträt über Ulrike Crespo zu sehen. Es spürt dem Wirken der Fotografin, Psychotherapeutin und Philanthropin nach. Wichtige Wegbegleiter, Freunde und die Familie Ulrike Crespos geben Einblicke in ein Leben, das in vielfacher Hinsicht von Kunst bestimmt war.

Infos zur Ausstellung 

Ausstellungsansicht „Zeichen der Freundschaft. Ulrike Crespo beschenkt das Städel Museum“ Foto: Städel Museum  - Norbert Miguletz
Ausstellungsansicht „Zeichen der Freundschaft. Ulrike Crespo beschenkt das Städel Museum“ Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Ausstellungsdauer: 24. November 2021 bis 6. März 2022
Ort: Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main
Information: www.staedelmuseum.de
Besucherservice: +49(0)69-605098-200, info@staedelmuseum.de
Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr, Sa, So + Feiertage 10.00–18.00 Uhr, Do 10.00–21.00 Uhr
Sonderöffnungszeiten: Aktuelle Informationen zu besonderen Öffnungszeiten etwa an Weihnachten und Neujahr unter www.staedelmuseum.de Studiensaal der Graphischen Sammlung: Mi, Fr 14.00–17.00 Uhr, Do 14.00–19.00 Uhr, nach Voranmeldung unter graphischesammlung@staedelmuseum.de
Eintritt: Preise während der Sonderausstellung „Nennt mich Rembrandt!“ (bis 30.1.2022): Tickets online buchbar unter shop.staedelmuseum.de. Di–Fr 16 Euro, ermäßigt 14 Euro; Sa, So + Feiertage 18 Euro, ermäßigt 16 Euro; freier Eintritt für Kinder unter 12 Jahren

„Nennt mich Rembrandt“ vom 7. 10.21 – 30.01.22 im Städelmuseum Frankfurt

„Nennt mich Rembrandt! Durchbruch in Amsterdam“, 6. OKTOBER 2021 BIS 30. JANUAR 2022, betrachtet erstmalig die Erfolgsgeschichte Rembrandts vom jungen, ambitionierten Künstler aus Leiden hin zum berühmten Meister in Amsterdam. 60 Kunstwerke Rembrandts treten dafür in Dialog mit Bildern anderer Künstler seiner Zeit. Die Schau vereint den bedeutenden Frankfurter Bestand an Arbeiten Rembrandts, darunter Die Blendung Simsons (1636). © Foto Diether v. Goddenthow
„Nennt mich Rembrandt! Durchbruch in Amsterdam“, 6. OKTOBER 2021 BIS 30. JANUAR 2022, betrachtet erstmalig die Erfolgsgeschichte Rembrandts vom jungen, ambitionierten Künstler aus Leiden hin zum berühmten Meister in Amsterdam. 60 Kunstwerke Rembrandts treten dafür in Dialog mit Bildern anderer Künstler seiner Zeit. Die Schau vereint den bedeutenden Frankfurter Bestand an Arbeiten Rembrandts, darunter Die Blendung Simsons (1636). © Foto Diether v. Goddenthow

„Endlich geht es wieder los“, ist Städel Direktor Philipp Demandt nach lähmender sechsmonatiger Schließung und beinahe 2 Jahren Corona-Pandemie sichtlich erleichtert, als er heute gemeinsam mit Prof. Dr. Jochen Sander, Kurator der Ausstellung und Stellvertretender Direktor und Sammlungsleiter für Holländische, Flämische und Deutsche Malerei vor 1800 am Städel Museum, die große Herbstausstellung „Nennt mich Rembrandt“ (7. 10.21 – 30.01.22) beim Presserundgang vorstellt.  „Die Rembrandt-Ausstellung“ ist zudem ein Zeichen des Aufbruchs für Frankfurt – und ein großer Dank an die Förderer dieses herausragenden Projektes ebenso wie an alle Bürgerinnen und Bürger, Partner, Stiftungen und Unternehmen, deren überwältigende Solidarität unser Haus über die vergangenen Monate mehr denn je getragen hat“, so Demandt.

Ausstellungs-Impression „Nennt mich Rembrandt! Durchbruch in Amsterdam“ © Foto Diether v. Goddenthow
Ausstellungs-Impression „Nennt mich Rembrandt! Durchbruch in Amsterdam“ © Foto Diether v. Goddenthow

Das Geheimnis Rembrandts Erfolg seit Amsterdam ergründen

Einfach „nur“ eine Rembrandt-Ausstellung zu machen und ein paar Bilder an die Wand zu hängen, wäre zwar auch schon spannend gewesen, aber irgendwie doch nicht wirklich prickelnd. Vielmehr ging es den Ausstellungsmachern, so Sander, ganz wesentlich darum, zu zeigen, wie und mit welchen Mechanismen und mit welchen künstlerischen Strategien  es Rembrandt geschafft hat, in einem extrem wettbewerbsorientierten Kunstmarkt der im 17. Jahrhundert extrem boomenden Welthandelsmetropole Amsterdam, zu dem Erfolgskünstler zu werden,  als den wir ihn  bis heute kennen, nämlich zu Rembrandt. Kurzum, es geht um die Betrachtung und Ergründung von Rembrandts Erfolgsgeheimnis,  seiner steilen Karriere Rembrandts, seit er aus Leiden als junger ambitionierter Künstler um 1631 in die damalige Welthandelsmetropole  Amsterdam  umgezog, wo er zunächst beim Kunsthändler Hendrick Uylenburgh wohnte, dessen „academie“ leitete und bald als Jungstar viel Aufmerksamkeit bis zum Hof in Dan Haag erweckt hat. Bis zu diesem Zeitpunkt, so Sander, signiert er wie alle anderen mit dem vollen Namen, nämlich mit Rembrandt Harmenszoon van Rijn. Im Moment, da er nach Amsterdam umzieht, entscheidet er sich recht mutig, nur noch mit seinem Vornamen „Rembradt“ zu signieren, aber auch auch seine Briefe zu unterschreiben. Das war revolutionär und unterschied ihn von allen anderen Künstlern, und machte seinen Namen quasi zur Marke „Rembrandt“.

Rembrandts Bildproduktion war erstaunlich reich und umfasste neben Landschaften, Genreszenen und Stillleben vor allem dramatische Historienbilder und lebensnahe Porträts. Dabei prägte die Auseinandersetzung mit anderen Malern im sehr umkämpften Kunstmarkt der boomenden Metropole Amsterdam seine künstlerische Entwicklung ebenso wie seine unternehmerischen Ambitionen. In der anregenden Atmosphäre von Wettstreit und Konkurrenz in Amsterdam, wo viele talentierte Künstler um die Gunst des wohlhabenden Bürgertums warben, entwickelte Rembrandt jene einzigartig expressive Bildsprache, mit welcher er sich schließlich auf dem hart umkämpften Kunstmarkt durchsetzen konnte.

Rembrandts Werke  im visuellen Vergleich zu Produktionen seiner Konkurrenz

Ausstellungs-Impression „Nennt mich Rembrandt! Durchbruch in Amsterdam“ © Foto Diether v. Goddenthow
Ausstellungs-Impression „Nennt mich Rembrandt! Durchbruch in Amsterdam“ © Foto Diether v. Goddenthow

Wir wollten versuchen, nicht einfach  „nur“ so viele Bilder von Rembrandt wie möglich zusammenzutragen, sondern Werke von Rembrandt den Produktionen  seiner Mitstreiter, Mitbewerber, Schüler, Werkstattmitarbeiter, die allesamt mit ihm konkurrierten,   gegenüberzustellen, so der Kurator. Mit dieser Konfrontation Rembrandts Werke mit denen seiner „Konkurrenten“ soll Besuchern eine visuelle Vergleichs-Möglichkeit gegeben werden,   selber zu sehen, was  denn eigentlich „das“ Besondere an Rembrandt ist, das ihn so außergewöhnlich erfolgreich werden ließ, erklärt Sander. Dabei  erwähnt der Kurator  auch einen  Begleitbrief Rembrandts von 1639 zur Abgabe von Bildern  an den Sekretär Constantijn Huygens, Stadthalter und Graue Eminenz hinter dem Hof. In diesem Schriftdokument bringt  Rembrandt es selbst schon auf den Punkt, worin sich seine Kunst gegenüber der „herkömmlichen“ Malerei seiner Zeit unterscheidet: (…) „um seine Hoheit damit zu erfreuen, denn in diesen beiden [Bildern] ist die meiste und natürlichste Beweglichkeit beachtet worden, was auch die Hauptursache dafür war, dass ihre Fertigstellung so lange gedauert hat.“ Der Originalbrief samt Transkription wird gezeigt in Teil 2 (Obergeschoss). 

Die Ausstellung

Rembrandt. Die Entführung des Ganymed. Dresden, Staatliche Kunstsammlungen, Gemäldegalerie Alte Meister. © Foto Diether v. Goddenthow
Rembrandt. Die Entführung des Ganymed. Dresden, Staatliche Kunstsammlungen, Gemäldegalerie Alte Meister. © Foto Diether v. Goddenthow

Wir zeigen  Werke  aus dem Museo Nacional del Prado in Madrid oder der National Gallery of Art in Washington.   Wir haben Werke aus Los Angeles, der National Galerie London und eines der berühmtesten Bilder von Rembrandt überhaupt, so Demandt, nämlich den  „brutal brüllenden und schreienden Säugling im Raub des Ganymed.  Dieser Säugling, der von Zeus in Form eines Adlers entführt wird, das nach der Sixtinischen Madonna  wohl das bekannteste Bild der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden.“ Auch  das sei ein Bild , „an dem man wirklich exemplifizieren kann, welche Strategien der Bildfindung, aber auch der Erzeugung von Aufmerksamkeit Rembrandt nutzt, um sich in dem Umfeld in Amsterdam der großen, lauten, vollen und prosperierenden Stadt als Künstler durchzusetzen.“ Dieses Werk „Ganymed in den Fängen des Adlers“ (1635), in welchem sich Rembrandt abhebt von der ikonografischen Tradition, nach dem Vorbild von Michelangelo einen attraktiven Jüngling darzustellen, zeigt auch seine derbe, ironische und humorvolle Herangehensweise, so der Museumsdirektor.

 

Rembrandt Die Blendung Simsons, 1634. Frankfurt, Städel Museum © Foto Diether v. Goddenthow
Rembrandt Die Blendung Simsons, 1634. Frankfurt, Städel Museum © Foto Diether v. Goddenthow

Im Zentrum dieser Ausstellung, steht auch eines von Rembrandt berühmtesten und auch eines „der brutalsten Gemälde, die Rembrandt jemals gemalt hat, nämlich die legendäre Blendung des Simson von 1636″ im Zentrum der Ausstellung. Zuletzt war es in Kanada zu sehen, auf der ersten Station der Ausstellung, und jetzt hier im Zentrum unserer Ausstellung steht. Dieses Werk sei 1905 mit Hilfe einer riesigen Spendenaktion vom Städel für 300 000 Mark aus einer Wiener Privatsammlung gesichert worden. Bis heute ist es ein Meisterwerk hier in der Sammlung, Demandt.

Die Ausstellung ist thematisch strukturiert

„Nennt mich Rembrandt! Durchbruch in Amsterdam“ folgt einem thematisch strukturierten Rundgang. In einer offenen Architektur können die Werke Rembrandts jenen seiner Zeitgenossen begegnen und in Dialog miteinander treten.

Als Rembrandt Harmensz. van Rijn zu Anfang der 1630er-Jahre in Amsterdam ankommt, ist er durchaus kein Unbekannter. In der Welthandelsmetropole Amsterdam sind Kunstwerke nicht nur bei wohlhabenden Kaufleuten, sondern selbst bei Handwerkern und Seeleuten begehrt.  Seine Werke, wie das in der Ausstellung präsentierte Bildnis des Andries de Graeff von 1639 (Gemäldegalerie Alte Meister, Museumslandschaft Hessen, Kassel), legen ihren Fokus auf den unmittelbaren und lebendigen Ausdruck des Porträtierten. In der Gegenüberstellung mit Bildnissen seiner Amsterdamer Konkurrenten, etwa mit Nicolaes Eliasz. Pickenoys lebensgroßen, repräsentativen Bildnis eines stehenden Mannes (1628, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe), wird das besonders deutlich.

Rembrandt Selbstbildnis mit Samtbarett und Mantel mit Pelzkragen, 1634, Berlin Staatliche Museen, Gemäldegalerie. © Foto Diether v. Goddenthow
Rembrandt Selbstbildnis mit Samtbarett und Mantel mit Pelzkragen, 1634, Berlin Staatliche Museen, Gemäldegalerie. © Foto Diether v. Goddenthow

Neben Auftragsbildnissen begleiten Selbstporträts Rembrandts Schaffen sein ganzes Leben lang. Das Studium seines eigenen Gesichts – ob im Gemälde, der Zeichnung oder der Druckgrafik – ermöglicht ihm die Erkundung des Ausdrucks aller nur denkbaren Gefühle und Gemütszustände. Selbstbildnisse und Kopfstudien dienen Rembrandt auch als Werbung für sich und seine künstlerischen Fähigkeiten. Auch sie werden zu einem Wiedererkennungszeichen seiner Kunst, denn er verwendet seine eigenen Gesichtszüge auch in Rollenporträts, den sogenannten „Tronies“. Ein beeindruckendes Beispiel hierfür ist etwa sein Tronie eines Mannes mit Federbarett (um 1635-40, Mauritshuis, Den Haag).

Schon nach kurzer Zeit in Amsterdam tritt Rembrandt 1634 der Lukasgilde bei. Als Mitglied des Berufsverbands der Künstler ist es ihm möglich, eine eigene Werkstatt aufzubauen, unternehmerische Unabhängigkeit zu erlangen und Schüler zu unterrichten. Mindestens vierzig junge Künstler durchlaufen seine Werkstatt in Amsterdam. Jeder Schüler trägt mit seinen Werken aktiv dazu bei, den Ruf der Marke Rembrandt zu mehren. Dabei ermutigt Rembrandt seine Schüler, seine Werke nicht bloß zu kopieren, sondern eigene kreative Variationen zu entwickeln. Seine eigene Kunst wird daher ebenso wie die seiner Werkstattmitarbeiter stets vom kreativen Austausch mit talentierten Künstlern geprägt.

Rembrandt beherrscht sämtliche Gattungen der Malerei: Porträts und Tronies, erzählende Historienbilder, Landschaften, Stillleben und Genreszenen. So gilt Rembrandt unter seinen Zeitgenossen als Universalkünstler. Er vermag es, kostbare Materialien durch Licht- und Farbeffekte ins Bild zu bannen, wie etwa seine rätselhafte Heldin des Alten Testaments (1632–33, National Gallery of Canada, Ottawa) eindrücklich zeigt. Wie kein Zweiter spitzt Rembrandt seine erzählenden Bilder auf eine einzige entscheidende Szene zu. Seine Historienbilder sind mitreißende Momentaufnahmen, die berühren, aufwühlen und erschrecken können. Gerade in der Darstellung des menschlichen Gesichtsausdrucks fängt Rembrandt Zwischentöne und Mehrdeutigkeit ein, so auch in der Figur des Königs Saul im Werk David spielt die Harfe vor Saul (um 1630/31, Städel Museum).Rembrandt verfolgt zuweilen auch eine derbe und humorvolle Herangehensweise (siehe Ganymed in den Fängen des Adlers, 1635).

Rembrandts Naturdarstellungen, wie die Radierung Die drei Bäume (1643, Städel Museum) oder die Landschaft mit Steinbrücke (um 1638, Rijksmuseum, Amsterdam), verdeutlichen, wie er mit optischen Effekten versucht, Licht- und Wetterphänomene und Bewegung in der Natur greifbar zu machen – eine Alternative zu den Werken derjenigen Maler, die sich auf südliche Landschaften in italienischem Licht spezialisierten und damit ihrerseits auf dem Kunstmarkt großen Erfolg haben.

Wie zuvor schon in Frankreich orientieren sich die Künstler in Amsterdam ab der Mitte des 17. Jahrhunderts an den Regeln der klassischen Antike: Helle Farben und klare Strukturen werden beliebter. Diese neue, klassizistische Kunst unterscheidet sich stark von Rembrandts Malweise. Dies zeigt sich besonders prägnant in der Gegenüberstellung von Rembrandts Gemälde Das Bad der Diana mit Aktaion und Callisto (1634, Sammlung der Fürsten zu Salm-Salm, Wasserburg Anholt, Isselburg) und Jacob van Loos Diana und ihre Nymphen (1654, Statens Museum for Kunst, Kopenhagen). In den seit der Mitte der 1650er-Jahren entstehenden Gemälden seines Spätwerks sollte sich Rembrandt mit dunkler Palette und dickem, pastosem Farbauftrag vom Zeitgeschmack übrigens immer weiter entfernen, wodurch seine beherrschende Stellung auf dem Amsterdamer Kunstmarkt schon zu seinen Lebzeiten endete.

Die Ausstellung wird organisiert vom Städel Museum, Frankfurt am Main, und von der National Gallery of Canada, Ottawa.

Ort:
Städel Museum,
Schaumainkai 63,
60596 Frankfurt am Main
Information: www.staedelmuseum.de

Besucherservice: +49(0)69-605098-200, info@staedelmuseum.de sowie über das Kontaktformular unter www.staedelmuseum.de/kontakt
Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr, Sa, So + Feiertage 10.00–18.00 Uhr, Do 10.00–21.00 Uhr

Sonderöffnungszeiten: Aktuelle Informationen zu besonderen Öffnungszeiten etwa an Weihnachten und Neujahr unter www.staedelmuseum.de

Tickets und Eintritt: Tickets online buchbar unter shop.staedelmuseum.de. Di–Fr 16 Euro, ermäßigt 14 Euro; Sa, So +
Feiertage 18 Euro, ermäßigt 16 Euro; freier Eintritt für Kinder unter 12 Jahren; Gruppen ab 10 regulär zahlenden Personen: 14 Euro pro Person, Wochenende 16 Euro. Für alle Gruppen ist generell eine Anmeldung unter Telefon +49-(0)69-605098-200 oder info@staedelmuseum.de erforderlich.

‚Städels Beckmann / Beckmanns Städel‘ bis Ende August verlängert

Selbstbildnis im Sektglas in der Beckmann-Ausstellung. v.l.n.r.: Alexander Eiling, Sammlungsleiter Kunst der Moderne im Städel Museum, Städel-Direktor Philipp Demandt, Wolfgang Kirsch, Vorsitzender der Städel Administration und Oberbürgermeister Peter Feldmann © Stadt Frankfurt am Main Foto: Rainer_Rueffer
Selbstbildnis im Sektglas in der Beckmann-Ausstellung. v.l.n.r.: Alexander Eiling, Sammlungsleiter Kunst der Moderne im Städel Museum, Städel-Direktor Philipp Demandt, Wolfgang Kirsch, Vorsitzender der Städel Administration und Oberbürgermeister Peter Feldmann © Stadt Frankfurt am Main Foto: Rainer_Rueffer

(ffm) Bereits aufgebaut wartete die Ausstellung „Städels Beckmann / Beckmanns Städel“ aufgrund der Pandemie lange auf Besucherinnen und Besucher. Mit der Wiedereröffnung des Städel Museums ist die Schau, die dem Künstler Max Beckmann und seiner Beziehung zu Frankfurt gewidmet ist, endlich zu sehen und wurde bis Ende August verlängert.

„Es ist eine durch und durch Frankfurter Ausstellung, die nicht nur viel über den Künstler Max Beckmann in Frankfurt erzählt, sondern auch über die Menschen unserer Stadt – von der Weimarer Republik bis zur Herrschaft der Nationalsozialisten“, sagte Oberbürgermeister Peter Feldmann nach dem Besuch des Museums. Es sei ein großes Glück, dass das Städel nicht nur eines der bekanntesten Werke Beckmanns, das „Selbstbildnis mit Sektglas“ vor Kurzem für Frankfurt erwerben konnte, sondern in der Ausstellung auch an die Menschen erinnere, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts für die Kunst und das kulturelle Leben in ihrer Stadt einsetzten und mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten geächtet, vertrieben und umgebracht wurden. „Mit ihnen verschwand eine bunte Gesellschaft — Frankfurt verlor sein Herz“, sagte Feldmann.

Das Gemälde „Selbstbildnis mit Sektglas“ ist 1919 in Frankfurt entstanden und gilt als Sinnbild der Zwischenkriegszeit und der Weimarer Republik. Der Ankauf für die Sammlung des Städel Museums führt die Tradition des großen bürgerlichen Engagements in Frankfurt fort. Das Gemälde konnte dank der Unterstützung des Städelschen Museums-Vereins, der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und der Kulturstiftung der Länder sowie fünf privater Mäzene erworben werden. „Max Beckmann ist heute, vor allem durch seine frühe Rezeption in den USA, der bekannteste deutsche Vertreter der Klassischen Moderne. Was aber weit weniger bekannt ist und wir in der Ausstellung zeigen, ist, wie eng das Schaffen, der Aufstieg, aber auch das Schicksal von Max Beckmann mit der Stadt Frankfurt verknüpft sind“, sagte Philipp Demandt, Direktor des Städel Museums.

Wie kaum ein anderer Künstler ist Max Beckmann (1884–1950) mit dem Städel Museum und Frankfurt verbunden, wo er einen Großteil seiner zentralen Werke schuf und den für ihn charakteristischen Stil entwickelte. Das Städel Museum befasst sich seit fast einem Jahrhundert intensiv mit dem Sammeln und der Erforschung seines Œuvres. Seit 1918 wurden kontinuierlich Arbeiten des Künstlers erworben. Heute verfügt das Museum über eine der weltweit umfangreichsten Beckmann-Sammlungen. Die Ausstellung „Städels Beckmann / Beckmanns Städel. Die Jahre in Frankfurt“ ist bis zum 29. August im Städel Museum zu sehen.

Weitere Infos: Städel-Museum

Das Städel Museum Frankfurt ist wieder geöffnet!

© Foto: Diether v. Goddenthow
© Foto: Diether v. Goddenthow

Neben der Sammlungspräsentation ist die Sonderausstellung „Städels Beckmann / Beckmanns Städel. Die Jahre in Frankfurt“ zu sehen und bis 29. August verlängert. Ab dem 30. Juni ist zudem die Sonderausstellung „Neu Sehen. Die Fotografie der 20er und 30er Jahre“ für das Publikum zugänglich. Alle Informationen für den Museumsbesuch finden Sie hier.

Im Juni bietet das Städel Museum weiterhin eine Vielzahl von Online-Veranstaltungen und digitalen Vermittlungsangeboten zur 700 Jahre umfassenden Sammlung sowie den Sonderausstellungen. Das abwechslungsreiche Online-Angebot Museum für zu Hause – Live ermöglicht die Begegnung mit Kunst und den interaktiven Austausch im digitalen Raum. Ob Zuhause auf der Couch, am Schreibtisch in der Mittagspause oder mit der Familie im Wohnzimmer – von überall können die Werke unserer Sammlung in Form einer Videokonferenz erlebbar werden.

Die Faszination für das Reisen hat schon immer auch Künstlerinnen und Künstler ergriffen. Welche Eindrücke nahmen sie von abgelegenen Orten mit und wieso begaben sie sich in die Ferne? Inwiefern findet sich das neu Gesehene und Erfahrene in ihren Bildern wieder? Bei der Online-Tour „Künstlerreisen“ am Sonntag, dem 13. Juni um 14.00 Uhr werden die Kunstwerke der Städel Sammlung anhand von Erfahrungsberichten, Bildmaterial und 360°-Fotografien der Original-Schauplätze erlebbar gemacht. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer können beim interaktiven, digitalen Kunsterlebnis mitentscheiden, wohin die Reise geht.

Welche Orte lösten bei Künstlerinnen und Künstlern Fernweh aus? Suchten sie dort nach Inspiration, Gemeinschaft oder Abenteuer? Wie nah liegen der gemalte Wunsch und die Realität beieinander? Die Online-Session „Sehnsuchtsorte. Paradiesisch schön“ verbindet die Sehnsuchtsorte unserer Gegenwart mit den Werken aus 700 Jahren Kunst. Jeden Donnerstag um 19.00 Uhr erwartet die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein interaktives, multimediales Kunsterlebnis, das wahre Glücksgefühle hervorruft.

Das vollständige Online-Veranstaltungsprogramm für Juni 2021 können Sie hier einsehen und herunterladen.

Städel Museum
Dürerstraße 2
60596 Frankfurt am Main

 

STÄDELS BECKMANN / BECKMANNS STÄDEL. DIE JAHRE IN FRANKFURT bis 29. August 2021


Max Beckmann (1884–1950) ist wie kaum ein anderer Künstler mit dem Städel Museum und Frankfurt verbunden. Er verbrachte die längste und wichtigste Zeit seines Lebens in Frankfurt, schuf hier einen Großteil seiner zentralen Werke und entwickelte den für ihn charakteristischen Stil. Das Städel Museum befasst sich seit fast einem Jahrhundert intensiv mit dem Sammeln und der Erforschung seines Œuvres. Seit 1918 wurden kontinuierlich Arbeiten des Künstlers erworben; heute verfügt das Museum über eine der weltweit umfangreichsten Beckmann-Sammlungen.

Jüngst konnte eines der bekanntesten und bedeutsamsten Werke des Künstlers, Selbstbildnis mit Sektglas (1919), für das Städel gesichert werden. Diese Ikone der Moderne wurde dank der Unterstützung des Städelschen Museums-Vereins, der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Bundesrepublik Deutschland und der Kulturstiftung der Länder sowie fünf privater Mäzene erworben. In einer Sonderpräsentation widmet sich das Städel mit ausgewählten Gemälden, Papierarbeiten und dokumentarischem Material seinem Beckmann-Bestand und den Frankfurter Jahren des Künstlers. Im Mittelpunkt steht das Selbstbildnis mit Sektglas.

Traumatisiert von seinen Erlebnissen als Sanitätshelfer im Ersten Weltkrieg kam Max Beckmann im Jahr 1915 in die Mainmetropole. 1925 übertrug ihm die Stadt die Leitung einer Meisterklasse an der Kunstgewerbeschule. Zahlreiche Frankfurt-Ansichten, Selbstbildnisse und Porträts von Freunden und Bekannten belegen seine enge Bindung an die Stadt. In der Zeit seines Aufenthaltes wurden seine Werke in 18 Einzel- und Gruppenausstellungen in Frankfurt präsentiert. 1929 verlieh ihm die Stadt den Großen Ehrenpreis. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde er aus seiner Lehrtätigkeit entlassen und musste Frankfurt verlassen. 1937 floh Beckmann, als „entartet“ diffamiert, nach Amsterdam. 1950 starb er in New York.
„Das Sammeln und die Erforschung der Kunst Max Beckmanns hat eine mehr als einhundertjährige Tradition am Städel Museum. Es ist ein außerordentlicher Glücksfall, dass wir dank des überwältigenden gemeinschaftlichen Engagements privater und staatlicher Förderer erst vor Kurzem das Selbstbildnis mit Sektglas von Max Beckmann für das Städel Museum erwerben konnten. Die Erwerbung dieses Jahrhundertwerks ist in der Geschichte des Hauses singulär und zeigt einmal mehr, wie sehr sich das Museum dem Werk des Künstlers verpflichtet fühlt. Diese enge Verbundenheit des Städel Museums und der Stadt Frankfurt mit Max Beckmann unseren Besucherinnen und Besuchern zu vermitteln, ist das Anliegen der Sonderpräsentation“, so Städel Direktor Philipp Demandt.

EINBLICKE IN DIE SONDERPRÄSENTATION

STÄDELS BECKMANN / BECKMANNS STÄDEL. DIE JAHRE IN FRANKFURT Ausstellungs-Impression  © Städel Museum
STÄDELS BECKMANN / BECKMANNS STÄDEL.
DIE JAHRE IN FRANKFURT Ausstellungs-Impression © Städel Museum

Die Schau „STÄDELS BECKMANN / BECKMANNS STÄDEL. Die Jahre in Frankfurt“ gliedert sich in drei Kapitel, beginnend mit dem für Beckmann so zentralen Thema des Selbstporträts: Beckmann hat wie kaum ein zweiter Künstler der Klassischen Moderne Selbstbildnisse geschaffen. Sie entstanden in allen Techniken, von der Malerei über die Zeichnung und Druckgrafik bis hin zur Skulptur. Wie in den hier ausgewählten Selbstbildnissen deutlich wird, begleiteten sie Beckmanns künstlerischen Werdegang von seinem Früh- bis in sein Spätwerk und veranschaulichen entscheidende Phasen seiner Entwicklung. Im Zentrum des Kapitels steht dabei als Hauptwerk die jüngste Neuerwerbung des Städel, das Gemälde Selbstbildnis mit Sektglas. 1919 in Frankfurt gemalt, ist es ein Sinnbild der Zwischenkriegszeit und der Weimarer Republik. Es zeigt den Künstler zum ersten Mal als eleganten Dandy im Smoking an der Theke eines Nachtlokals, vermutlich der Bar des Frankfurter Hofs, wo Beckmann laut Zeitzeugen mit Vorliebe Champagner trank.
Neben den vielen Einzelselbstbildnissen finden sich oft szenische Darstellungen, in denen Beckmann wie ein Schauspieler auf der Bühne seiner symbolisch-rätselhaften Kompositionen agiert: als Zirkusdirektor, wie etwa in dem Gemälde Zirkuswagen (1940), als Ausrufer, wie im Zyklus Die Hölle (1919), als biblischer Adam, wie in der Skulptur Adam und Eva (1936/1979), oder als vermeintlich beiläufiger Beobachter. Zeitgenössische Ereignisse vermischte er dabei mit allgemeinen, überzeitlichen und existenziellen Themen. Denn das Selbstbildnis bedeutete für Beckmann mehr als die Darstellung persönlicher Gemütsverfassungen. Es half ihm bei der Bestimmung seiner Rolle als Künstler in der Gesellschaft und war eine Möglichkeit, weltanschauliche Fragestellungen sowie grundlegende menschliche Konflikte zu thematisieren, wie etwa in der Kaltnadelradierung Der Abend (Selbstbildnis mit den Battenbergs) (1916). Die Druckgrafik zeigt das Ehepaar Heinrich (Ugi) und Frieda (Fridel) Battenberg, bei denen Beckmann nach seinem Einsatz im Krieg in Frankfurt Unterschlupf fand. Wie ein Keil schiebt sich sein Gesicht dabei zwischen die Eheleute, der dämonische Dritte in der sonst friedlichen Zweisamkeit. Diese spezielle Funktion des Selbstbildnisses zeigt sich auch in Beckmanns druckgrafischem Schlüsselwerk Die Hölle (1919), das im zweiten Teil der Schau präsentiert wird. Über Zeichnung, Radierung und Lithografie hatte Beckmann zu einer neuen, einprägsamen Formensprache gefunden: Kantige, reduzierte Formen bestimmen nun das Bildgefüge. Der Raum wird gleichsam kubistisch aufgebrochen und perspektivische Verzerrungen und verfremdete Maßverhältnisse erzeugen Instabilität und Dynamik. Der lithografische Zyklus Die Hölle, der im selben Jahr wie Selbstbildnis mit Sektglas entstand und zu dem Gemälde enge formale Bezüge aufweist, spiegelt Beckmanns Erfahrung einer aus den Fugen geratenen Welt nach dem Ersten Weltkrieg. Auf das Titelblatt mit einem Selbstbildnis als Ausrufer folgen zehn verrätselte Kompositionen einer von Menschen geschaffenen ‚Hölle‘, in denen reale Elemente aus der unmittelbaren Gegenwart ‒ Bezüge auf die Ermordung Rosa Luxemburgs oder das Frankfurter Nachtlokal „Malepartus“ beispielsweise ‒ mit Sinnbildhaftem, Allegorischem kombiniert werden. Beckmann zeichnete die ungewöhnlich großformatigen Kompositionen dafür mit Kreide auf Papier; im Umdruckverfahren wurden die Zeichnungen dann auf den Lithostein übertragen und im Auftrag des Galeristen J. B. Neumann bei der Druckerei C. Naumann in Frankfurt gedruckt.

Das dritte Kapitel der Präsentation widmet sich Beckmanns Leben in Frankfurt. Ein Stadtplan zeigt neben Beckmanns Wohn- und Wirkungsstätten auch seine bevorzugten Aufenthaltsorte und seine wichtigsten Frankfurter Kontakte. In der Mainmetropole entwickelte Beckmann sich zu einem Künstler von internationalem Rang. Er war vernetzt mit führenden Figuren der Frankfurter Medien, Industrie und Kulturpolitik. Zu seinen Freunden und Sammlern wurden u. a. das Unternehmer-Ehepaar Walter und Käthe Carl, der Verleger Heinrich Simon, der damalige Städel-Direktor Georg Swarzenski, der Journalist und Autor Benno Reifenberg, die Journalistin Käthe von Porada, die Mäzenin Lilly von Schnitzler oder der Kunsthistoriker Fritz Wichert. Die Schau zeigt daher unter anderem das Gemälde Bildnis Ehepaar Carl (1918) oder das lithografierte Bildnis von Georg Swarzenski (1921) sowie historische Aufnahmen von Frankfurter Orten. Auf täglichen Spaziergängen erkundete der Künstler zudem die Stadt und schuf eine Reihe eindrücklicher Stadtlandschaften, wie etwa Eisgang (1923) oder Die Synagoge in Frankfurt am Main (1919).

Im Städel Museum entstand bereits seit 1918 die größte öffentliche Sammlung von Werken Beckmanns. Die meisten seiner Werke wurden direkt aus seinem Atelier und mit städtischen Mitteln angekauft. 1918 erwarb der damalige Direktor des Städel Museums, Georg Swarzenski, erstmals Werke von Beckmann für die dem Städel angegliederte Städtische Galerie. Bis 1931 erweiterte Swarzenski die zeitgenössische Abteilung auf insgesamt 13 Gemälde des Künstlers und über hundert Arbeiten auf Papier. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten mussten Beckmanns Gemälde abgehängt werden und wanderten ins Depot. Im Sommer 1937 erfolgte im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“ die Beschlagnahmung nahezu der gesamten Beckmann-Sammlung. Nach dem Zweiten Weltkrieg organisierte Swarzenskis Nachfolger Ernst Holzinger 1947 gemeinsam mit Beckmanns Galeristen Günther Franke wieder eine Beckmann-Ausstellung im Städel mit Werken aus Privatbesitz. Der Kunsthändler schenkte dem Städel aus diesem Anlass mehrere Grafiken. Von entscheidender Bedeutung für den Wiederaufbau der verlorenen Beckmann-Sammlung war der Zugang von fast 170 Papierarbeiten aus der großen Grafiksammlung des mit Beckmann befreundeten Ehepaars Fridel und Ugi Battenberg im Jahr 1949. Ein Jahr nach dem Tod des Künstlers realisierte die Stadt Frankfurt mit Zirkuswagen (1940) den ersten Ankauf eines Beckmann-Gemäldes in der Nachkriegszeit. Seither hat das Städel kontinuierlich weitere Arbeiten des Künstlers erworben und verfügt mit elf Gemälden, zwei Skulpturen und einem mehrere hundert Blatt umfassenden grafischen Bestand heute wieder über eine der größten Beckmann-Sammlungen weltweit.

Kuratoren: Dr. Alexander Eiling (Sammlungsleiter Kunst der Moderne, Städel Museum), Dr. Regina Freyberger (Leiterin Graphische Sammlung ab 1750, Städel Museum), Dr. Iris Schmeisser (Leiterin Provenienzforschung und historisches Archiv, Städel Museum)

STÄDELS BECKMANN / BECKMANNS STÄDEL.
DIE JAHRE IN FRANKFURT

AUSSTELLUNGSDAUER: 9. Dezember 2020 bis 5. April 2021 – verlängert bis 29. August 2021
KURATOREN: Dr. Alexander Eiling (Sammlungsleiter Kunst der Moderne, Städel Museum), Dr. Regina Freyberger (Leiterin Graphische Sammlung ab 1750, Städel Museum), Dr. Iris Schmeisser (Leiterin Provenienzforschung und historisches Archiv, Städel Museum)

ORT: Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main
INFORMATION: www.staedelmuseum.de
BESUCHERSERVICE: +49(0)69-605098-200, info@staedelmuseum.de
ÖFFNUNGSZEITEN: Di, Mi, Fr, Sa, So + Feiertage 10.00–18.00 Uhr, Do 10.00–21.00 Uhr
EINTRITT: 14 Euro; freier Eintritt für Kinder unter 12 Jahren
KARTENVORVERKAUF: shop.staedelmuseum.de

KATALOG: Zur Ausstellung erscheint ein von Alexander Eiling, Regina Freyberger und Iris Schmeisser herausgegebener Katalog, mit einem Grußwort von Sylvia von Metzler und einem Vorwort von Philipp Demandt, 94 Seiten, 15 Euro.

PODCAST STÄDEL MIXTAPE: Die erste Folge des neuen Podcasts STÄDEL MIXTAPE widmet sich kunst- und kulturhistorischen Fragen rund um Beckmanns „Selbstbildnis mit Sektglas“ und kombiniert diese mit einem passenden Soundtrack. Überall dort zu finden, wo es Podcasts gibt, und auf mixtape.staedelmuseum.de

AUDIOTRACKS ZU MAX BECKMANN: Ab sofort finden Sie weiterführende Texte, Bilder und Audiotracks zu den sechs wichtigsten Beckmann-Werken der Städel Sammlung auch in unserer Highlight-App, staedelmuseum.de/app-angebot

@STAEDELMUSEUM auf Social Media: #Staedel auf Instagram / Facebook / Twitter / YouTube / Pinterest
STÄDEL BLOG: Noch mehr Geschichten und Hintergründe zur Sammlung und den Sonderausstellungen unter blog.staedelmuseum.de / keinen Artikel verpassen, blog.staedelmuseum.de/blog-abonnieren

Das Städel Museum

„MUSEUM FÜR ZU HAUSE – LIVE“ STÄDEL UND LIEBIEGHAUS BIETEN NEUE KUNSTVERMITTLUNGSFORMATE ONLINE AN

Städel Museum Frankfurt © Foto Diether v. Goddenthow
Städel Museum Frankfurt © Foto Diether v. Goddenthow

INTERAKTIV UND MULTIMEDIAL DIE KUNST DES STÄDEL MUSEUMS UND DER LIEBIEGHAUS SKULPTURENSAMMLUNG ONLINE ERLEBEN

Ab heute starten das Städel Museum und die Liebieghaus Skulpturensammlung mit „Museum für zu Hause – Live“ Online-Formate für die Kunstvermittlung. Das neu entwickelte Angebot ermöglicht die Begegnung mit Kunst und den interaktiven Austausch darüber im digitalen Raum. Gerade in Zeiten, in denen das direkte Gespräch über die Kunst nicht vor Ort im Museum möglich ist, sind Momente der gemeinsamen Kunstbetrachtung selten. Mit innovativen Online-Touren und Online-Sessions schafft „Museum für zu Hause – Live“ einen sozialen Kunsterlebnisraum im Digitalen, der Kunstbegegnungen, Einführungen in die aktuellen Sonderausstellungen und überraschende Verbindungen zwischen den Themen unserer Zeit und den großen Meisterwerken des Städel Museums und der Liebieghaus Skulpturensammlung bietet.

Die Kunstvermittlerinnen und Kunstvermittler des Städel Museums und der Liebieghaus Skulpturensammlung bringen an festen Terminen die aktuellen Sonderausstellungen „Schaulust. Niederländische Zeichenkunst des 18. Jahrhunderts“ und „BUNTE GÖTTER – GOLDEN EDITION. Die Farben der Antike“ zu den Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Ob zu Hause auf der Couch, am Schreibtisch in der Mittagspause oder mit der Familie im Wohnzimmer – von überall kann Kunst in Form einer Videokonferenz erlebt werden. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Online-Touren werden in die Themen und kunsthistorischen Inhalte der Ausstellungen eingeführt und haben darüber hinaus die Gelegenheit, gemeinsam mit allen über die präsentierten Kunstwerke zu diskutieren.

Bei den Online-Sessions wird es für die Teilnehmenden besonders interaktiv und multimedial: Die kommunikativen Möglichkeiten des Internets werden ausgeschöpft und die Grenzen des digitalen Erlebens von Kunst aufgehoben. Nicht nur die Digitale Sammlung des Städel Museums wird für die Kunstbetrachtung herangezogen, sondern auch Musik, Filme und weitere Onlineangebote. Im Städel finden die ersten Online-Sessions unter dem Thema „Die Macht der Bilder“ statt. Dabei spielen die Stars der Gegenwart genauso eine Rolle wie alltägliche Medienphänomene oder die Beeinflussung durch Propaganda. Klug und überraschend intensiv sind dabei die Verbindungen zu den großen Meisterwerken des Städel Museums.

Die Online-Sessions der Liebieghaus Skulpturensammlung stehen unter dem Motto „Weihnachten“. Sie eröffnen anhand der Sammlung des Museums einen neuen Blick auf das Weihnachtsfest und die damit verbundenen Bräuche: Wie feierten die Menschen im Mittelalter Weihnachten und wie feiern wir das Fest heute?

Städel Museum Frankfurt zeigt Niederländische Zeichenkunst des 18. Jahrhunderts vom feinsten – vom 1. OKTOBER 2020 BIS 10. JANUAR 2021

Aert Schouman (1710–1792) Ein Rosalöffler (Platalea ajaja), um 1760 1780  Wasserfarben, über schwarzem Stift, auf Büttenpapier 251 × 375 mm Städel Museum, Frankfurt am Main Foto: Städel Museum – U. Edelmann
Aert Schouman (1710–1792) Ein Rosalöffler (Platalea ajaja), um 1760 1780 Wasserfarben, über schwarzem Stift, auf Büttenpapier 251 × 375 mm Städel Museum, Frankfurt am Main Foto: Städel Museum – U. Edelmann

Mit annähernd 600 Blättern verfügt das Städel Museum über eine der umfangreichsten Sammlungen niederländischer Zeichnungen des 18. Jahrhunderts außerhalb der Niederlande und Belgiens. Diesem wertvollen Bestand widmet das Städel vom 1. Oktober 2020 bis 10. Januar 2021 eine eigene Ausstellung. Präsentiert werden 81 repräsentative Zeichnungen von heute kaum mehr bekannten, in ihrer Zeit aber oft sehr erfolgreichen Künstlern. Sie veranschaulichen exemplarisch die Struktur des Sammlungsbestands, das inhaltliche Spektrum und die künstlerische Qualität. Die häufig bildmäßig vollendeten, oft auch farbigen Handzeichnungen bedienten die Schaulust der aufgeklärten Bürgerinnen und Bürger des 18. Jahrhunderts und ihr Bedürfnis nach Austausch und Information. Mit anderen Kunstinteressierten wurde eine Gesprächskultur über Bilder durch das gemeinsame Betrachten der Zeichnungen gepflegt.

In der Ausstellung sind Entwürfe für Wand- und Deckendekorationen von Jacob de Wit, Buchillustrationen von Bernard Picart, niederländische Topografien von Cornelis Pronk, Paulus Constantijn la Fargue oder Hendrik Schepper, stimmungsvoll komponierte Landschaftszeichnungen von Jacob Cats, den Brüdern Jacob und Abraham van Strij oder von Franciscus Andreas Milatz, dekorative Blumen- und Früchtestillleben von Jan van Huysum und dessen zahlreichen Nachfolgern sowie Darstellungen exotischer Tiere von Aert Schouman oder satirische Genreszenen von Cornelis Troost und Jacobus Buys versammelt. Die ausgewählten Werke verdeutlichen eindrucksvoll die Aufwertung und Emanzipation der Zeichnung in den Niederlanden des 18. Jahrhunderts ebenso wie die immer wieder gesuchte Auseinandersetzung mit der Kunst des 17. Jahrhunderts, des sogenannten niederländischen „Goldenen Zeitalters“.

Das Forschungs- und Ausstellungsprojekt wurde ermöglicht durch die Stiftung Gabriele Busch-Hauck, die sich seit Langem für die wissenschaftliche Erschließung der Bestände der Graphischen Sammlung des Städel Museums engagiert und bereits vor zwei Jahrzehnten den ersten Auswahlbestandskatalog der niederländischen Zeichnungen mit Werken des 15. bis 18. Jahrhunderts gefördert hat. An diesen Katalog knüpft das vorliegende Projekt mit seiner zeitlich konzentrierten Fragestellung an.

Mit dem ersten Besuchertag der Ausstellung ist auch der Studiensaal der Graphischen Sammlung nach Umbaumaßnahmen wieder zugänglich. Der Studiensaal bietet dem Publikum die Möglichkeit, sich Arbeiten aus dem über 100.000 Zeichnungen und Grafiken umfassenden Bestand des Städel Museums vorlegen zu lassen.

„Wir verbinden die niederländische Kunst des 18. Jahrhunderts heute zwar nicht mit bekannten Meisterwerken und berühmten Künstlernamen, dennoch erlebte sie in ihrer Zeit eine reiche Blüte und wurde auch außerhalb der Niederlande aufmerksam beobachtet und gesammelt. Das Städel Museum verfügt seit seiner Gründung über einen kunsthistorisch wertvollen Bestand an niederländischen Zeichnungen des 18. Jahrhunderts. Unsere jüngsten Forschungsergebnisse aus der Erschließung der Sammlung können wir nun in einer Ausstellung und einem Katalog für alle Besucherinnen und Besucher des Museums sichtbar machen. Gleichzeitig eröffnen wir mit der ‚Schaulust‘-Ausstellung auch den umgebauten Studiensaal für das Publikum, sodass nun die Räumlichkeiten der Graphischen Sammlung wieder vollständig zugänglich sind“, so Städel Direktor Philipp Demandt.

Außerhalb ihres Ursprungslandes ist die niederländische Kunst des 18. Jahrhunderts weit weniger bekannt und berühmt als die Kunst des „Goldenen Zeitalters“. Dennoch gab es im Jahrhundert der Aufklärung insbesondere in Zentren wie Amsterdam, Haarlem, Den Haag oder Dordrecht eine blühende Kunstproduktion. Dort entstanden neben Gemälden und Druckgrafiken in großem Umfang und auf hohem Niveau Zeichnungen, die vielfach als Kunstwerke für den Verkauf angefertigt und europaweit gesammelt wurden. Solche Zeichnungen wurden in Kunstbüchern oder Alben in den Bibliotheken wohlhabender Bürgerinnen und Bürger aufbewahrt und dienten dem Kunst- wie dem Wissens- und Bildungsbedürfnis. Auch der Stifter des Städel Museums, Johann Friedrich Städel (1728–1816), und der mit ihm befreundete Johann Georg Grambs (1756–1817) waren Sammler niederländischer Zeichnungen des 18. Jahrhunderts. Sie erwarben mit diesen Blättern Werke ihrer Gegenwart bzw. jüngsten Vergangenheit und damit zugleich eine Kunst, die besonders dem bürgerlichen Geschmack ihrer Zeit entsprach. Städels Sammlung wurde mit seinem Tod 1816 Eigentum seiner Stiftung; die Kunstwerke aus dem Besitz von Grambs, der dem ersten Vorstand der Städelschen Stiftung angehörte, kamen nur ein Jahr später dazu.

Rundgang durch die Ausstellung

Ausstellungsansicht "Schaulust. Niederländische Zeichenkunst des 18. Jahrhunderts" Foto: Städel Museum  Norbert Miguletz
Ausstellungsansicht „Schaulust. Niederländische Zeichenkunst des 18. Jahrhunderts“ Foto: Städel Museum Norbert Miguletz

Die Ausstellung „Schaulust. Niederländische Zeichenkunst des 18. Jahrhunderts“ gliedert sich in fünf thematische Kapitel. Den Anfang machen Werke, die die internationale Ausrichtung der niederländischen Kunst im frühen 18. Jahrhundert veranschaulichen und neben einer großen technischen Bandbreite die vielfältigen Funktionen von Zeichnung zeigen: Studienblätter und entwerfende Zeichnungen, etwa Figuren- und Kompositionsstudien, sowie ausgeführte Vorzeichnungen für großformatige barocke Wand- und Deckendekorationen sind vertreten, außerdem kleinformatige Buchillustrationen. Der wohl bekannteste Dekorationsmaler der Zeit, Jacob de Wit (1695–1754), verband die flämische Tradition von Rubens (1577–1640) und van Dyck (1599–1641) mit italienischen Vorbildern zu einem „holländischen Rokoko“. Seine zahlreichen und von ihm selbst sorgfältig aufbewahrten Vorzeichnungen und Studien wurden im Lauf des Jahrhunderts zu begehrten Sammelobjekten. Die Ausstellung zeigt beispielsweise den Deckenentwurf: Flora und Zephyr (um 1725). Weitere Zeichnungen, die internationalen Tendenzen folgen, sind ebenfalls in diesem Kapitel zusammengefasst. Mythologische Szenen, wie Aeneas rettet Anchises aus dem brennenden Troja (1687) von Willem van Mieris (1662–1747), oder klassisch-arkadische und italianisierende Landschaften von Jan van Huysum (1682–1749), wie Landschaft mit antiker Tempelarchitektur im Sturm (um 1721), aber auch Arbeiten von Abraham Rademaker (1677–1735) oder Isaac de Moucheron (1667–1744) zeigen vor allem einen von Frankreich beeinflussten Klassizismus.

Hendrik Kobell (1751–1779) Eine Antwerpener Pleit und andere Schiffe zwischen Noord Beveland und Wolphaartsdijk, 1775 Wasser- und Deckfarben, über schwarzem Stift, auf Büttenpapier 360 × 534 mm Städel Museum, Frankfurt am Main Foto: Städel Museum
Hendrik Kobell (1751–1779) Eine Antwerpener Pleit und andere Schiffe zwischen Noord Beveland und Wolphaartsdijk, 1775 Wasser- und Deckfarben, über schwarzem Stift, auf Büttenpapier 360 × 534 mm Städel Museum, Frankfurt am Main Foto: Städel Museum

Parallel dazu kam es im zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts zu einer Hinwendung zum eigenen Land, die an niederländische Traditionen des 17. Jahrhunderts anknüpfte und diese mit einer empirisch registrierenden Sachlichkeit verband. Im zweiten Kapitel der Ausstellung werden Zeichnungen gezeigt, die sehenswerte und bedeutungsvolle Orte in den Niederlanden darstellen. In diesen Topografien vergewisserte man sich auf eine neue Art der Heimat und ihrer Geschichte. Grundlage solcher Darstellungen war das Zeichnen an Ort und Stelle, die genaue Aufnahme der Gegebenheiten; das Ergebnis wurde dann für druckgrafische Illustrationen oder autonome Zeichnungen bearbeitet. Zum führenden Künstler wurde hier Cornelis Pronk (1691–1759). Das Städel Museum besitzt unter anderem eine außergewöhnlich großformatige autonome Zeichnung des niederländischen Parlaments, das gleichzeitig die Residenz des Statthalters der Niederlande war: der Binnenhof in Den Haag (nach 1741). Topografien wurden nicht nur von professionell ausgebildeten Künstlern wie Pronk und seinen Schülern Abraham de Haen (1707–1748) und Jan de Beijer (1703–1780) angefertigt, sondern auch von wohlhabenden Amateuren wie Hendrik Schepper (1741–1794), der auf höchstem künstlerischem Niveau arbeitete. Eine Besonderheit stellt die Fantasieansicht einer niederländischen Stadt von Johannes Huibert Prins (1757–1806) dar (Ansicht einer niederländischen Stadt, 1790). Die einzelnen Bildelemente lassen sich auf einen nach der Natur gezeichneten Motivvorrat des Künstlers zurückführen, die gesamte Komposition gibt allerdings keinen realen Ort wieder.

Der Wissensdurst im 18. Jahrhundert erstreckte sich auf vielfältige Gebiete. Nicht nur Atlanten der heimatlichen Sehenswürdigkeiten wurden angelegt, es gab auch Kunst- und Naturaliensammlungen verschiedenster Ausrichtungen. Zeichnungen von Flora und Fauna waren wegen ihres künstlerischen Charakters ebenso gefragt wie als instruktive lehrreiche Abbildungen. Im Jahrhundert der Aufklärung trat die im 17. Jahrhundert noch so wichtige symbolische und religiöse Bedeutung der künstlerischen Darstellungen zugunsten wissenschaftlich-empirischer Genauigkeit, kunstgeschichtlicher Rückbesinnung und einer unmittelbar sinnlichen Freude an der Vielfalt von Farbe und Textur zurück. Das prachtvolle, auf Pergament ausgeführte Blumengebinde (1700) von Herman Henstenburgh (1667–1726) zu Beginn des Kapitels „Blumen, Früchte und Tiere“ steht für die bezeichnende Verbindung von dekorativer Wirkung und sinnlich-gegenständlicher Präsenz. Aert Schouman (1710–1792) schuf neben dekorativen Wandgemälden und Zeichnungen mit Vögeln in idealisierten Parklandschaften vor allem eine große Anzahl von zoologisch zuverlässigen Abbildungen einzelner Tiere, etwa Ein Rosalöffler (Platalea ajaja) (um 1760–1780). Aufgrund der Genauigkeit ihrer Ausführung und ihrer zeichnerischen Virtuosität waren die Blätter für naturwissenschaftlich Interessierte ebenso spannend wie für Kunstsammlerinnen und -sammler.

Die Zeichenkunst des 18. Jahrhunderts beschäftigte sich auch mit der zeitgenössischen Gegenwart, etwa in den satirischen Schilderungen eines der originellsten niederländischen Künstler dieser Zeit, Cornelis Troost (1696–1750). Mit seinen Genrekompositionen richtete er seinen Blick auf die Bürgerinnen und Bürger seiner Zeit und nahm diese in Darstellungen wie Suijpe Stein (1742) aufs Korn. Neben den Genre- und Theaterzeichnungen widmen sich die zumeist großformatigen Zeichnungen im vierten Kapitel der Ausstellung der Rückschau auf die Kunst des „Goldenen Zeitalters“. Es ist ein niederländisches Phänomen dieser Zeit, dass Sammler Nachzeichnungen nach Gemälden des 17. Jahrhunderts in Auftrag gaben, um bewunderte Kunstwerke aus fremdem Besitz selbst verfügbar zu haben. Beliebt waren pittoreske Bauernszenen von Adriaen van Ostade (1610–1685), häusliche Genredarstellungen von Gerard Dou (1613–1675) oder Porträts der Haarlemer Maler Frans Hals (1582/83–1666) und Cornelis Verspronck (1601/1603–1662).

Abschließend beschäftigt sich die Ausstellung mit einem immer wiederkehrenden Thema der niederländischen Kunst, der Landschaft. Die Landschaftszeichnungen waren eine persönliche Vorliebe von Johann Friedrich Städel und Johann Georg Grambs. Nach 1750 ist ein sich veränderter Umgang mit dem Thema der Landschaft zu erkennen. Die Darstellungen zeigen eine Tendenz zur stärkeren Rückbesinnung auf die eigene Geschichte und Kunstgeschichte. Das Landleben und die malerischen Bauernhäuser wie in Landschaft mit Burg im Schnee (Der Winter) (1788) von Jacob Cats (1741–1799) oder von Egbert van Drielst (1745–1818) sind erkennbar von Vorbildern des „Goldenen Zeitalters“ beeinflusst. Und auch in den Marinen des Rotterdamers Hendrik Kobell (1751–1779), etwa Eine Antwerpener Pleit und andere Schiffe zwischen Noord-Beveland und Wolphaartsdijk (1775), oder des Dordrechters Martinus Schouman (1770–1848) klingt das vorangegangene Jahrhundert an. Der Reiz der Landschaftszeichnungen konnte sich in dieser Zeit auf mehreren Ebenen entfalten: in der Vergewisserung der Schönheit des eigenen Landes, im Reflektieren der großen niederländischen Kunstgeschichte und ihrer Malerei, aber auch in der meisterhaften Beherrschung der verschiedenen zeichnerischen Techniken.

Die Graphische Sammlung – Neuer Studiensaal Die Graphische Sammlung im Städel Museum bewahrt über 100.000 Zeichnungen und Druckgrafiken vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Dank der hohen Qualität der Blätter gehört sie zu den bedeutendsten Sammlungen ihrer Art in Deutschland. Höhepunkte sind neben Werken von Dürer, Raffael oder Rembrandt u. a. nazarenische Zeichnungen, französische Blätter des 18. und 19. Jahrhunderts, Werke von Max Beckmann und des deutschen Expressionismus um Ernst Ludwig Kirchner sowie Arbeiten der US-amerikanischen Kunst nach 1945. Die Werke werden in Sonderausstellungen präsentiert oder im Studiensaal zu den gesonderten Öffnungszeiten vorgelegt.
Nach mehr als fünf Jahrzehnten wurde die Graphische Sammlung mit ihren Bereichen für Wissenschaft und Forschung sowie dem Studiensaal umgebaut. Die Neupräsentation der Räumlichkeiten gewährleistet eine zeitgemäße Präsentation der Bestände und sorgt für eine Verbesserung der klimatischen Bedingungen wie auch der Sicherheitsvorkehrungen gegen Brand und Einbruch.

SCHAULUST. NIEDERLÄNDISCHE ZEICHENKUNST DES 18. JAHRHUNDERTS
Ausstellungsdauer: 1. Oktober 2020 bis 10. Januar 2021

© Foto: Diether v. Goddenthow
© Foto: Diether v. Goddenthow

Ort: Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main
Information: www.staedelmuseum.de
Besucherservice: +49(0)69-605098-200, info@staedelmuseum.de
Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr, Sa, So + Feiertage 10.00–18.00 Uhr, Do 10.00–21.00 Uhr

Sonderöffnungszeiten: Sa, 3.10., 10.00–18.00 Uhr; Do, 24.12., geschlossen; Fr, 25.12., 10.00–18.00 Uhr; Sa, 26.12., 10.00–18.00 Uhr; Do, 31.12., geschlossen; Fr, 1.1.2021, 11.00–18.00 Uhr

Öffnungszeiten Studiensaal Graphische Sammlung: Mi, Fr 14.00–17.00 Uhr, Do 14.00–19.00 Uhr. Um die Schutzmaßnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus (Covid-19) einzuhalten, ist eine vorherige schriftliche Anmeldung mit Angabe der Uhrzeit und Aufenthaltsdauer per E-Mail an graphischesammlung@staedelmuseum.de erforderlich.

Eintritt: 14 Euro; freier Eintritt für Kinder unter 12 Jahren
Überblicksführungen durch die Ausstellung: Do 18.00 Uhr, So 14.00 Uhr. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Tickets sind im Online-Shop für 5 Euro buchbar unter shop.staedelmuseum.de

Städel Frankfurt – ZURÜCK IN DIE GEGENWART NEUE PERSPEKTIVEN, NEUE WERKE – DIE SAMMLUNG VON 1945 BIS HEUTE

Miriam Cahn (*1949) Muttertier, 1998 Öl auf Leinwand 84 × 100 cm Städel Museum, Frankfurt am Main, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V. Erstmals präsentiert in den neu eröffneten Gartenhallen im Städel. © Foto: Diether v. Goddenthow
Miriam Cahn (*1949) Muttertier, 1998 Öl auf Leinwand 84 × 100 cm
Städel Museum, Frankfurt am Main, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V. Erstmals präsentiert in den neu eröffneten Gartenhallen im Städel. © Foto: Diether v. Goddenthow

Neupräsentation der Sammlung Gegenwartskunst ab dem 19. Mai 2020 in den Gartenhallen

Frankfurt am Main, 4. Mai 2020. Nahezu ein Jahrzehnt nach der Eröffnung der Gartenhallen wird die Sammlung Gegenwartskunst im Städel Museum ab dem 19. Mai 2020 zum ersten Mal neu präsentiert. Ausgehend vom zentralen Platz der rund 3.000 m² großen Gartenhallen und beginnend mit Hauptwerken der jüngeren und jüngsten Zeitgenossenschaft fächert sich eine Geschichte der Kunst nach 1945 auf. Rund 230 Arbeiten von 170 Künstlerinnen und Künstlern aus verschiedenen Schulen, Stilen und Gruppen eröffnen überraschende Vergleiche, Blickwinkel und Sichtachsen zwischen der unmittelbaren Gegenwart und ihren Wurzeln in den zurückliegenden Jahrzehnten. Aus diesem Anlass ist auch eine Vielzahl an jüngsten Neuerwerbungen und Schenkungen erstmals zu sehen, etwa Arbeiten von Miriam Cahn (*1949), René Daniëls (*1950), Carlos Cruz-Diez (1923–2019), Jimmie Durham (*1940), Asta Gröting (*1961) oder Victor Vasarely (1906–1997). Anhand unterschiedlichster Erzählstränge ermöglicht die Neupräsentation einen Zugang zur Kunst nach 1945, der die Sammlung bewusst nicht chronologisch, sondern thematisch erfahrbar macht. Die Auflösung des abgebildeten Gegenstandes in abstrakte, formlose Malereien wird ebenso Dekaden übergreifend vermittelt wie der sich gleichzeitig vollziehende Einzug der gestischen Malerei und deren Auswirkungen auf die nachfolgenden Jahrzehnte. Auch die immer wieder mit neuen Bedeutungen und Referenzen aufgeladene Ästhetik der Geometrie und der Dinge des alltäglichen Lebens wird in ihren unterschiedlichen Ausprägungen und thematischen Bezugspunkten gezeigt. Im Gang durch die Räume und Plätze der Gartenhallen kann das Publikum nachvollziehen, wie die Figur wieder zurück ins Bild findet, die Malerei den – realen – Raum erobert oder die scheinbar konkurrierenden Medien Malerei und Fotografie zu einem wechselseitigen Austausch finden.

Impression der Neupräsentation "Zurück in die Gegenwart" der Sammlung Gegenwartskunst ab dem 19. Mai 2020 in den Gartenhallen. © Foto: Diether v. Goddenthow
Impression der Neupräsentation „Zurück in die Gegenwart“ der Sammlung Gegenwartskunst ab dem 19. Mai 2020 in den Gartenhallen. © Foto: Diether v. Goddenthow

„Seit der Gründung des Städel Museums sammeln wir zeitgenössisch. Im Jahr 2012 hat die Sammlung Gegenwartskunst einen hervorragenden Platz in den neuen Gartenhallen gefunden. Seitdem ist viel passiert: In den letzten Jahren konnten wir durch das starke Engagement unserer Förderinnen und Förderer sowie durch zahlreiche bedeutende Schenkungen und eine entschlossene Ankaufspolitik die Sammlung Gegenwartskunst signifikant ausbauen. Diese neuen Werke und weitere bedeutende Arbeiten kann unser Publikum in einer veränderten Präsentation und einer Auswahl von 170 Künstlerinnen und Künstlern neu entdecken. Es ist eine Einladung, eine besondere Sammlung und sieben Jahrzehnte Gegenwartskunst mit anderen Augen zu sehen“, so Philipp Demandt, Direktor des Städel Museums.

„Die offene Struktur der Städel Gartenhallen ermöglicht einen unabhängigen Blick auf die Kunst unserer Zeit, die vom jeweiligen Heute bis in die unmittelbare Nachkriegszeit zurückreicht. Die Plätze, Räume und Wege der Ausstellungsarchitektur eröffnen ungewohnte Blickachsen und Nachbarschaften, die Verbindungen herstellen, sichtbar machen und mühelos Kunst aus mehreren Jahrzehnten zusammenführen. Wir werden zum Flaneur und können die jüngste Kunstgeschichte nach unseren selbst gewählten Routen entdecken“, erklärt Martin Engler, Sammlungsleiter der Abteilung Gegenwartskunst im Städel Museum.

So tritt etwa Wolfgang Tillmans’ (*1968) abstrakte Fotografie Freischwimmer 54 (2004) in Dialog mit der Assemblage Zimbal (1966) von Gerhard Hoehme (1920–1989) oder Raymond Hains’ (1926–2005) Collage Coup de Pied (1960), die Skulpturen Jessica Stockholders (*1959) #358 (2001) und Isa Genzkens (*1948) Wind I (David) (2009) leiten über zu Blinky Palermos (1943–1977) Stoffbild (1970) oder Yves Kleins (1928–1962) Schwammrelief Relief éponge bleu (1960). Daniel Richters (*1962) abstrakt-figurative Malerei verknüpft sich mit Francis Bacons (1909–1992) Studie für die Kinderschwester in dem Film „Panzerkreuzer Potemkin“ (1957). Dirk Skrebers (*1961) fotorealistisch anmutende Malerei führt zu Thomas Demands (*1964) selbst gebauten und fotografisch festgehaltenen Räumen. Jenseits der scheinbar vertrauten Pfade der Kunst nach 1945 werden verschiedene Gegenwarten sichtbar: unterschiedlichste Lesarten und Zugänge zur Kunst dieser Zeit, die teilweise parallel verlaufen, sich überschneiden oder ergänzen, einander widersprechen und kommentieren. Das Ergebnis ist ein Parcours durch sieben Jahrzehnte Gegenwartskunst, der es dem Publikum ermöglicht, eine eigene Kunstgeschichte auf individuelle Weise und nach persönlichem Interesse zu begreifen.

Einblicke in die Neupräsentation
Die Neupräsentation der Sammlung Gegenwartskunst lässt sich ausgehend vom zentralen Platz der Gartenhallen erschließen. Unter der acht Meter hohen Kuppel vereinen sich aktuelle Positionen von Künstlerinnen und Künstlern der jüngsten Gegenwart. Arbeiten von Isa Genzken, Jessica Stockholder, Michel Majerus (1967–2002), Wilhelm Sasnal (*1972), Daniel Richter oder Dirk Skreber führen die vielschichtigen Erzählstränge der Sammlung zusammen. Sie zeigen die Heterogenität zeitgenössischer Kunstproduktion und definieren zugleich den ästhetischen Resonanzraum unserer Gegenwart. Von ihnen gehen strahlenförmig die Haupterzählstränge der Sammlungspräsentation aus. Anhand von Hauptwerken und Entdeckungen jenseits des Kanons wird eine Lesart der Kunstgeschichte betont, die eine lineare Entwicklung entkräftigt und vielmehr das Verbindende als das Trennende in der Kunst sucht.

Eines der zentralen Anliegen der neuen Dauerausstellung ist die Entwicklung einer verbindenden Erzählung zwischen der Kunst nach 1945 und der Moderne – der sogenannten ersten und zweiten Avantgarde. In der geometrischen Abstraktion der Nachkriegszeit zitieren, überarbeiten oder dekonstruieren Künstlerinnen und Künstler die Formensprache des Bauhauses oder des russischen Suprematismus.

Geometrische Abstraktionen. Im Hintergrund: Victor Vasarely (1906–1997) mit "Rey-Tey-Ket", 1969 Arcyl auf Leinwand 160 × 160 cm. © Foto: Diether v. Goddenthow
Geometrische Abstraktionen. Im Hintergrund: Victor Vasarely (1906–1997)
mit „Rey-Tey-Ket“, 1969 Arcyl auf Leinwand 160 × 160 cm. © Foto: Diether v. Goddenthow

In einer konzentrierten Zusammenstellung verdeutlichen Arbeiten von Victor Vasarely, Mary Heilmann (*1940), Carlos Cruz-Diez oder Josef Albers (1888–1976), wie der Verzicht auf eine persönliche Handschrift und auf Gegenständliches die visuelle Wahrnehmung von Farbe und Form schärfen. Robert Breer (1926–2011) oder Rupprecht Geiger (1908–2009) hingegen überführen die geometrische Abstraktion in eine Farbfeldmalerei.

Das europäische Informel wird in der Sammlung Gegenwartskunst im Städel als Konzept einer ganzen Epoche begriffen. Nach 1945 äußert sich darin neben dem Moment der Freiheit auch die Unmöglichkeit, das Ausmaß der Zerstörung mit einer gegenständlichen Bildsprache angemessen darzustellen. Eine abstrakte, gestische Malerei löst jegliche Form und menschliche Gestalt auf. Der Mensch ist nur noch als Spur der malerischen Handlung im Bild verankert. Doch schon in den 1920er- und 30er-Jahren, in den Arbeiten von Jean Fautrier (1898–1964) oder Fritz Winter (1905–1976), wird dieses vielfältige internationale Phänomen sichtbar. Arbeiten von Wolfgang Tillmans oder Michel Majerus veranschaulichen hingegen das Formlose als ästhetische Kategorie bis in unsere direkte Gegenwartskunst. Diese universelle Bildsprache weitet sich schließlich auch über die Grenzen der Malerei aus. Arbeiten von Raymond Hains oder Dieter Roth (1930–1998) vereinen sich auf überraschende Weise in der Auflösung einer geschlossenen Form hin zu medienübergreifenden Bildkonzepten.

Parallel zu dieser Entwicklung verdeutlichen auch unterschiedliche künstlerische Positionen – beispielsweise von Georg Baselitz (*1938), Eugen Schönebeck (*1936), Leon Golub (1922–2004) oder Pablo Picasso (1881–1973), Francis Bacon und Alberto Giacometti (1901–1966) mit ihren deformierten Körperdarstellungen – dass die Figur keineswegs vollkommen verschwindet. Vielmehr befinden sich Künstlerinnen und Künstler auf einer Suche nach neuen Ausdrucksformen. Zwischen Figuration und Abstraktion entsteht eine neue Gegenständlichkeit, eine neue Wahrnehmung und Darstellung des Menschenbildes. Dass diese Suche bis in unsere jüngste Gegenwart reicht, zeigen Arbeiten von Miriam Cahn oder Daniel Richter.

Die Malerei nach 1945 verlässt immer mehr die Leinwand – ohne aufzuhören, Malerei zu sein. Diese Erweiterung des Tafelbildes in den Raum kann in den Gartenhallen anschaulich nachvollzogen werden, ausgehend von den Nouveaux Réalistes, Zero oder der amerikanischen Minimal Art bis in unsere heutige Zeit. Yves Kleins Schwammreliefs, Günther Ueckers (*1930) Nagelbilder oder Dieter Roths Assemblagen knüpfen an die Moderne an und verweisen gleichzeitig auf Zukünftiges. In den Arbeiten John M. Armleders (*1948), Isa Genzkens oder Jessica Stockholders zeigt sich, wie der Raum immer mehr erobert wird und die Kunst bis in den Alltag dringt.

Impression der Neupräsentation "Zurück in die Gegenwart" der Sammlung Gegenwartskunst ab dem 19. Mai 2020 in den Gartenhallen. © Foto: Diether v. Goddenthow
Impression der Neupräsentation „Zurück in die Gegenwart“ der Sammlung Gegenwartskunst ab dem 19. Mai 2020 in den Gartenhallen. © Foto: Diether v. Goddenthow

Auch das wechselseitige Verhältnis zwischen Malerei und Fotografie wird Dekaden übergreifend gefasst. Angefangen mit Bernd (1931–2007) und Hilla (1934–2015) Becher sowie ihren Schülerinnen und Schülern, wie Jörg Sasse (*1962) oder Andreas Gursky (*1955), bis hin zu Wolfgang Tillmans und Angela Grauerholz (*1952) wird ein vielschichtiges Spektrum an neuen Bildstrategien sichtbar: zwischen dokumentarischem Anspruch und Fotografien abseits jeglicher Realität. Dabei wird nicht die Unterschiedlichkeit der beiden scheinbar konkurrierenden Medien betont, sondern vielmehr der gegenseitige Einfluss. Die Fotografie, mit dem vermeintlichen Anspruch der Abbildung von Wirklichkeit, wird dann zum eigenständigen Medium, das seine Möglichkeiten ausschöpft. Insbesondere im Kontext eines digitalen Zeitalters gewinnt dieser Diskurs immer weiter an Relevanz. In diesem wechselseitigen Austausch eignen sich Fotografien die Bildstrategien der Malerei an und umgekehrt.

Die Sammlung Gegenwartskunst im Städel Museum
Seit seiner Gründung vor mehr als 200 Jahren erweitert das Städel Museum die eigene Sammlung kontinuierlich, stets auch im Hinblick auf die jeweilige künstlerische Gegenwart: sei es durch die Kunst der Nazarener zu Beginn des 19. Jahrhunderts oder später durch Werke des Impressionismus und Expressionismus unter dem damaligen Direktor Georg Swarzenski (1876–1957). Mit der Gründung der Städtischen Galerie im Städel durch die Stadt Frankfurt erhielt die Kunst der Gegenwart einen festen Platz im Museum. Mit den Erwerbungen unter Direktor Klaus Gallwitz (*1930) zwischen 1974 und 1994 konnte der Grundstein der heutigen und im Umfang deutlich vergrößerten Sammlung der Kunst nach 1945 gelegt werden. Hauptwerke von Yves Klein, Francis Bacon, Jean Dubuffet (1901–1985), Anselm Kiefer (*1945), Georg Baselitz oder Gerhard Richter (*1932) gelangten so vergleichsweise früh in den Sammlungsbestand des Städel.
Im Jahr 2012 konnte die Sammlung Gegenwartskunst in den von Max Hollein (*1969) initiierten Gartenhallen erstmals umfassend präsentiert werden. Ermöglicht wurde dieser Erweiterungsbau durch die Unterstützung der Bürgerschaft und durch das Engagement des Städelschen Museums-Vereins, der Städte Frankfurt und Eschborn, des Landes Hessen, der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung sowie weiterer Stiftungen und zahlreicher Unternehmen, deren Engagement in Form einer Saalpatenschaft zum Ausdruck gebracht wird. Die Sammlung Gegenwartskunst im Städel Museum wird bis heute durch großzügige Schenkungen von privaten Mäzeninnen und Mäzenen erweitert und hat wichtige Werke aus den Unternehmenssammlungen der Deutschen Bank sowie der DZ BANK als Leihgaben erhalten. Einen wesentlichen Anteil an Qualität und Umfang der aktuellen Sammlung Gegenwartskunst haben die Erwerbungen des Städelkomitees 21. Jahrhundert.
Durch die kontinuierlichen Erweiterungen und eine konsequente Ankaufspolitik konnte die Sammlung nicht nur ihr Profil mit dem Schwerpunkt deutsche Malerei schärfen, sondern auch wichtige Querverbindungen innerhalb der Nachkriegskunst und darüber hinaus ziehen: Dabei gab es Neu- und Wiederentdeckungen, internationale Verbindungen wurden ausgebaut und hergestellt. Die Dauerausstellung bietet einen Blick auf eine Geschichte der Kunst nach 1945, die nicht für sich alleine steht, sondern im Kontext einer 700 Jahre umfassenden Erzählung europäischer Kunst am Städel Museum. Ganz im Sinne eines globalen Zeitgeistes wird daher die Gegenwartskunst am Städel nicht als geradlinig fortschreitender Prozess, sondern facettenreich und thematisch vernetzt präsentiert.

CLOSE UP. Gegenwart verstehen – Gegenwart vertiefen
Im Zuge der Neupräsentation haben die Abteilungen der Bildung und Vermittlung und der Sammlung Gegenwartskunst des Städel Museums einen innovativen Kunst- und Vermittlungsraum entwickelt. Er bietet den Besucherinnen und Besuchern individuelle Zugänge und Vertiefungsmöglichkeiten zu zentralen Themen der Gegenwartskunst. CLOSE UP spricht ein diverses Publikum mit seinen vielfältigen Erwartungen und Vorkenntnissen an.Die Werke der Gegenwartskunst sind der Lebensrealität der heutigen Besucherinnen und Besucher am nächsten. Dennoch haben die Erfahrungen in der aktiven Vermittlungsarbeit der letzten Jahre gezeigt, dass die Rezeption von Gegenwartskunst häufig mit Hemmschwellen verbunden ist. Der neue Kunst- und Vermittlungsraum des Städel Museums setzt an dieser Stelle an und ermöglicht den Besucherinnen und Besuchern sowohl einen individuellen, niedrigschwelligen und zum Teil spielerischen Zugang als auch eine intensive Beschäftigung, ein Selbststudium von Künstlerinnen und Künstlern, Themen und Diskursen. CLOSE UP verbindet die Präsentation von Einzelwerken mit verschiedenen insbesondere, ab Mitte Juni 2020, auch digitalen Formaten. Die im Raum gezeigten Arbeiten werden in soziokulturelle und historische Zusammenhänge eingeordnet, sodass Verbindungslinien zwischen Kunst und Gesellschaft deutlich werden. Den Auftakt im CLOSE UP zur Neupräsentation der Gegenwart bildet das Zusammenspiel von Fotografie und Malerei. Darüber hinaus ergänzt ein abwechslungsreiches Vermittlungsprogramm für Gruppen das Angebot der vertiefenden Auseinandersetzung mit Themen der Sammlung Gegenwartskunst. Auch in das reguläre Vermittlungsprogramm und die Angebote für Kita-Gruppen und Schulklassen wird der neue Bereich eingebunden.

Ort:

© Foto: Diether v. Goddenthow
© Foto: Diether v. Goddenthow

Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main
Information: www.staedelmuseum.de
Besucherservice: +49(0)69-605098-200, info@staedelmuseum.de
Öffnungszeiten: Di, Mi, Sa, So + Feiertage 10.00–18.00 Uhr, Do + Fr 10.00–21.00 Uhr
Sonderöffnungszeiten: 21.5., 1.6., und 11.6.2020 (10.00–18.00 Uhr)
Eintritt: 14 Euro; freier Eintritt für Kinder unter 12 Jahren
Kartenvorverkauf: shop.staedelmuseum.de

Bestandskatalog: Sammlungsüberblick „Gegenwartskunst (1945–heute) im Städel Museum“, hrsg. von Martin Engler und Max Hollein. Mit einem Vorwort von Max Hollein, Einleitung von Martin Engler. Mit Texten von Martin Engler, Anna Fricke, Carolin Köchling und Charlotte Klonk sowie Gesprächen mit Klaus Gallwitz, Friedhelm Hütte, Sylvia von Metzler und Luminita Sabau.
368 Seiten, 379 Abbildungen, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2016, ISBN 978-3-941399-65-5 (dt. Ausgabe), 35,00 Euro

„EN PASSANT IMPRESSIONISMUS IN SKULPTUR“ ab 9. Mai 2020 im Frankfurter Städel Museum

Was für ein Glück, dass das Städelmuseum Frankfurt diese fulminante Überblicksausstellung „EN PASSANT IMPRESSIONISMUS IN SKULPTUR“ trotz Corona-Pandemie nunmehr ab 9. Mai 2020 doch noch zeigen kann. Was für ein großartiges Werk haben da Dr. Alexander Eiling (Leiter Kunst der Moderne, Städel Museum), Dr. Eva Mongi-Vollmer (Kuratorin für Sonderprojekte, Städel Museum) unter Mitarbeit von Dr. Juliane Betz und Fabienne Ruppen gemeinsam mit dem Städel-Team geschaffen. Diese Ausstellung ist ein Muss für jeden, nicht nur für Impressionisten-Fans und Kunstkundige. Denn „der“ Impressionismus fasziniert vor allem, da er einfach die Herzen der Menschen berührt. Impressionistische Malerei und Gestaltung sind nicht erklärungsbedürftig. Sie sind nicht verkopft,   sondern emotional. Die Werke berühren unsere Seelen durch ihre Lebendigkeit und Dynamik. Das gilt auch noch anderthalb Jahrhunderte nach Entstehung dieser Kunstrichtung als Ausdruck einer neuen, emanzipierten  Lebensweise.

Die impressionistische Malerei fasziniert besonders mit ihrem lockeren, skizzenhaft anmutenden Duktus, der hellen Farbpalette und den alltäglichen Motiven. Es glich Mitte des 19. Jahrhunderts einer kleinen Revolution als es zahlreiche junge Künstler aus ihren dunklen Ateliers ins Licht der Natur hinaus zog, und sie alles auf Leinwand bannten, was und wie sie es sahen. Das ist zumeist bekannt.

Ausstellungsansicht EN PASSANT. Impressionismus in Skulptur © Foto: Diether v Goddenthow
Ausstellungsansicht EN PASSANT. Impressionismus in Skulptur © Foto: Diether v Goddenthow

Bis heute weniger erforscht und einem breiten Publikum unbekannt ist hingegen die Vielfalt des Impressionismus in der Skulptur. Das Städel Museum geht in einer großen Ausstellung erstmals der Frage nach, wie sich Eigenschaften der impressionistischen Malerei wie Licht, Farbe, Bewegung – sogar Flüchtigkeit – in der Bildhauerei manifestiert haben. Im Mittelpunkt der Präsentation stehen fünf Künstler: Edgar Degas (1834–1917), Auguste Rodin (1840–1917), Medardo Rosso (1858–1928), Paolo Troubetzkoy (1866–1938) und Rembrandt Bugatti (1884–1916). Mit ihren Werken stehen sie stellvertretend für unterschiedliche Spielarten der impressionistischen Skulptur.

„EN PASSANT. Impressionismus in Skulptur“ wird durch die DZ BANK AG, die Art Mentor Foundation Lucerne und die Kulturfonds Frankfurt RheinMain gGmbH gefördert. Zusätzliche Unterstützung erfährt die Ausstellung durch die Stadt Frankfurt am Main und die Städelfreunde 1815.

Edgar Degas "Tänzerinnen auf der Bühne"  (ca. 1889). © Foto: Diether v Goddenthow
Edgar Degas „Tänzerinnen auf der Bühne“ (ca. 1889). © Foto: Diether v Goddenthow

Die Schau vereint herausragende Skulpturen der fünf Künstler und setzt sie in Dialog mit Gemälden, Pastellen, Zeichnungen, Druckgrafiken und Fotografien des Impressionismus. Es sind u. a. Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern wie Pierre Bonnard, Antoine Bourdelle, Mary Cassatt, Camille Claudel, Henri Matisse, Claude Monet, Auguste Renoir, Giovanni Segantini und John Singer Sargent zu sehen. Mit mehr als 160 Werken liefert die Ausstellung einen umfassenden Einblick in die Möglichkeiten und Herausforderungen des Impressionismus in der Skulptur.
Neben bedeutenden internationalen Leihgaben etwa aus dem Museum of Fine Arts, Boston, der Ny Carlsberg Glyptotek in Kopenhagen, der Tate Modern in London, dem Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid, dem Metropolitan Museum of Art in New York, dem Musée d’Orsay in Paris sowie zahlreichen privaten Sammlungen zeigt die Ausstellung auch den reichen Sammlungsbestand impressionistischer Kunst des Städel Museums.

Edgar Degas "Das Wannenbad". © Foto: Diether v Goddenthow
Edgar Degas „Das Wannenbad“. © Foto: Diether v Goddenthow

„Es mag verwundern, doch es gibt tatsächlich noch ‚blinde Flecken‘ in der international breit angelegten Forschung zur Kunst des Impressionismus. Ausgehend von unserer qualitätsvollen Sammlung impressionistischer Kunst und ergänzt durch herausragende Leihgaben europäischer und internationaler Museen zeigt sich, wie die Künstler die Bildhauerei an die Gegebenheiten ihrer Zeit anpassen wollten – parallel zu den Bestrebungen in der Malerei des Impressionismus. Die Ausstellung eröffnet unseren Besucherinnen und Besuchern einen eindrucksvollen Dialog zwischen Skulpturen und Gemälden, Papierarbeiten und Fotografien – wie sie auch damals von den Künstlern selbst mehrfach veranlasst wurde“, so Städel Direktor Philipp Demandt.

„Der Impressionismus wird heute wie damals überwiegend als zweidimensionale Kunst wahrgenommen. Die Ausstellung diskutiert die Existenz impressionistischer Skulptur und rückt mit Degas, Rodin, Rosso, Troubetzkoy und Bugatti fünf Künstler ins Zentrum, die mit ihren Werken neue Wege beschritten und von ihren Zeitgenossen als impressionistische Bildhauer bezeichnet wurden. Ihre Ansätze sind zu vielfältig, um nur von einer Form der ‚impressionistischen Skulptur‘ zu sprechen. Es finden sich aber spannende Ausprägungen einer ‚Skulptur im Impressionismus‘, die unseren Blick auf diese bislang durch Malerei, Druckgrafik und Zeichnung dominierte Stilrichtung erweitern“, erklären die Kuratoren der Ausstellung, Eva Mongi-Vollmer und Alexander Eiling.

Edgar Degas’ Plastik Kleine 14-jährige Tänzerin (1878/81, Privatsammlung, Europa) © Foto: Diether v Goddenthow
Edgar Degas’ Plastik Kleine 14-jährige Tänzerin (1878/81, Privatsammlung, Europa) © Foto: Diether v Goddenthow

Mit der Präsentation der berühmten Kleinen 14-jährigen Tänzerin (1878/81) von Edgar Degas auf der sechsten Impressionisten-Ausstellung im Jahr 1881 nahm die Diskussion über den Impressionismus in der Skulptur ihren Anfang. Es ist demnach keine Frage, ob es die impressionistische Skulptur gibt: Sie wurde zwar verhalten definiert und vorwiegend in Kritikerkreisen diskutiert, der Begriff galt aber bis nach der Jahrhundertwende als gesetzt.

Degas, Rodin, Rosso, Troubetzkoy und Bugatti wurden alle zu Lebzeiten als „impressionistische Bildhauer“ bezeichnet. Die Gründe dafür waren vielfältig: Zum einen wandten sich diese fünf Künstler mehr und mehr zeitgenössischen, häufig alltäglichen Themen zu. Zum anderen griffen sie auf Materialien jenseits des akademisch-klassischen Marmors zurück und verwendeten beispielsweise Wachs nicht nur für Entwürfe, sondern auch für ausgearbeitete Skulpturen. Anstatt die Oberflächen glatt und geschlossen anzulegen, arbeiteten sie lebhafte Strukturen heraus, in denen sich das Licht brechen konnte. Auch durch die Sichtbarkeit von Arbeitsspuren näherten sich ihre Skulpturen der Wirkung impressionistischer Gemälde an.

RUNDGANG DURCH DIE AUSSTELLUNG

Die Ausstellung beginnt im ersten Obergeschoss des Peichl-Baues und zeigt in überwiegend künstlermonografischen Räumen die unterschiedlichen Ansätze des Impressionismus in der Skulptur. Die Gegenüberstellung von Bildwerken, Gemälden, Zeichnungen, Druckgrafiken und Fotografien verdeutlicht die Wechselwirkungen zwischen den Medien.

Louis-Marie Ottin (1811–1890) , Skulptur "Junges Mädchen eine Vase tragend"  im Hintergrund Claude Monets (1840–1926) "Das Mittagessen" © Foto: Diether v Goddenthow
Louis-Marie Ottin (1811–1890) , Skulptur „Junges Mädchen eine Vase tragend“ im Hintergrund Claude Monets (1840–1926) „Das Mittagessen“ © Foto: Diether v Goddenthow

Eingangs präsentiert die Schau drei der insgesamt siebzehn Skulpturen, die zwischen 1874 und 1886 im Rahmen der acht Impressionisten-Ausstellungen in Paris zu sehen waren. Diese Skulpturen – zwei Arbeiten des neoklassizistischen Bildhauers Auguste-Louis-Marie Ottin (1811–1890) und eine von Paul Gauguin (1848–1903) – werden unter anderem zu Gemälden und Grafiken von Mary Cassatt (1844–1926), Claude Monet (1840–1926) und Pierre-Auguste Renoir (1841–1919) in Beziehung gesetzt. Sie überraschen die Besucherinnen und Besucher, da sie keines der Merkmale aufweisen, die heute mit dem Impressionismus in Verbindung gebracht werden. Dennoch waren sie Exponate in den namensgebenden Impressionisten-Ausstellungen.

 Edgar Degas

Edgar Degas’ Plastik Kleine 14-jährige Tänzerin (1878/81, Privatsammlung, Europa) © Foto: Diether v Goddenthow
Edgar Degas’ Plastik Kleine 14-jährige Tänzerin (1878/81, Privatsammlung, Europa) © Foto: Diether v Goddenthow

Mit Edgar Degas’ Plastik Kleine 14-jährige Tänzerin (1878/81, Privatsammlung, Europa) stellt das Städel ein Hauptwerk des Impressionismus in der Skulptur vor. Als sie 1881 auf der sechsten Impressionisten-Ausstellung gezeigt wurde, führte der Kritiker Jules Claretie erstmals den Begriff des „impressionistischen Bildhauers“ ein. Degas wählte mit der Darstellung einer jungen Ballettschülerin ein seinerzeit aktuelles Thema aus dem Schattenbereich des Pariser Unterhaltungsgeschäftes. Die Darstellung einer jungen Ballerina wurde vom damaligen Publikum mit dem Thema der Prostitution verknüpft. Die Neuartigkeit des Motivs unterstrich Degas mit der damals in der Kunst unüblichen Verwendung von Alltagsmaterialien. Den Hauptbestandteil der Figur bildete Wachs, das sich zu einer als modern und unkonventionell empfundenen Alternative zu Marmor und Bronze entwickelte.

Edgar Degas Impression von Tänzerinnen Skulpturen. © Foto: Diether v Goddenthow
Edgar Degas Impression von Tänzerinnen Skulpturen. © Foto: Diether v Goddenthow

Degas’ Skulptur steht prototypisch für eine Bildhauerei, die versuchte, mit neuartigen Materialien auf die Gegebenheiten einer sich grundlegend verändernden Gesellschaft zu reagieren. Während Degas’ Kleine 14-jährige Tänzerin die einzige Skulptur ist, die der Künstler zu Lebzeiten ausstellte, können die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung auf eine große Bandbreite an Kleinplastiken blicken. Nach Degas’ Tod 1917 ließen seine Erben die in seinem Atelier verwahrten zahlreichen Wachsfiguren in dauerhaftes Material überführen und eine limitierte Anzahl von Bronzegüssen anfertigen. Die Skulpturen stehen in direktem Zusammenhang mit den von Degas zeitlebens bevorzugten Motivkomplexen der Tänzerinnen und Badenden, Boudoir-Szenen sowie Darstellungen von Pferden und Jockeys. Sie waren für den Künstler Teil eines medienübergreifenden Werkprozesses. Ausdrucks- und Bewegungsmotive erprobte er im Zwei- sowie Dreidimensionalen und profitierte von den jeweiligen Wechselwirkungen.

Rembrandt Bugatti

Impression Arbeiten von  Rembrandt Bugatti. © Foto: Diether v Goddenthow
Impression Arbeiten von Rembrandt Bugatti. © Foto: Diether v Goddenthow

Der Rundgang leitet zu den Plastiken von Rembrandt Bugatti über. Diese entstanden in der Regel sur nature, also direkt vor seinen Modellen in den zoologischen Gärten von Paris oder Antwerpen. Bugattis Tierdarstellungen lösen sich von einer Tradition in der das Tier primär als Spiegel menschlicher Eigenschaften verstanden wurde. Vielmehr schuf er regelrechte Porträts von Panthern, Löwen oder Flamingos. Zugunsten der Wiedergabe von markanten Haltungen und Bewegungen verzichtete er auf Details.

Rembrandt Bugattis Fressende Löwin (1903, The Sladmore Gallery, London). © Foto: Diether v Goddenthow
Rembrandt Bugattis Fressende Löwin (1903, The Sladmore Gallery, London). © Foto: Diether v Goddenthow

Mitunter ist das Motiv kaum noch erkennbar, wie etwa Bugattis Fressende Löwin (1903, The Sladmore Gallery, London) verdeutlicht. Für Bugatti war das rasche Modellieren vor Ort maßgeblich für das Gelingen eines Werkes. Für seine ausgesprochen freie Modelliertechnik verwendete er unter anderem einen neuartigen Werkstoff, das Plastilin, das sehr geschmeidig und lange formbar war. Die Offenheit von Bugattis Formen und die Sichtbarkeit der Bearbeitungsspuren ähneln den Oberflächen impressionistischer Gemälde.

Rembrandt Bugatti Flamingo. © Foto: Diether v Goddenthow
Rembrandt Bugatti Flamingo. © Foto: Diether v Goddenthow

In der Ausstellung werden Bugattis frühe Arbeiten von Kühen und Ziegen Gemälden seines Onkels Giovanni Segantini (1858–1899) gegenübergestellt. Neben der motivischen Nähe der beiden Künstler wird auch ihr gemeinsames Interesse am Verweben von Figur und Raum durch eine übergreifende Struktur und Harmonie deutlich.

Medardo Rosso

Ausstellungs-Impression Medardo Rosso.  © Foto: Diether v Goddenthow
Ausstellungs-Impression Medardo Rosso. © Foto: Diether v Goddenthow

Im Erdgeschoss des Peichl-Baues setzt sich die Ausstellung mit den Arbeiten von Medardo Rosso fort. Die französische Presse bezeichnete den Künstler bereits 1886 als den Begründer der impressionistischen Skulptur. Seine figurativen Arbeiten versuchen das Vergängliche, Flüchtige zu erfassen und beziehen dabei auch den umgebenden Raum mit ein. Wie Rosso dies umsetzte, lässt sich eindringlich am Beispiel der Portinaia (1883/84, Guss 1887; Museum of Fine Arts, Budapest) sehen.

Medardo Rosso "Das goldene Zeitalter". © Foto: Diether v Goddenthow
Medardo Rosso „Das goldene Zeitalter“. © Foto: Diether v Goddenthow

Sie gilt in der Forschung als Schlüsselwerk. Dargestellt ist die Pförtnerin in Rossos Wohnhaus, an der er täglich vorbeiging. Diesen kurzen Augenblick des Wahrnehmens übertrug der Künstler in Form einer verwischten Kontur in das Objekt. Die entstehende Unschärfe lässt die Porträtierte nur von einer bestimmten Position erkennen und führt zu einer ungewöhnlichen Verschleifung von Figur und Raum. Mit diesem komplexen Ansatz und seinem Fokus auf die subjektive Wahrnehmung schloss Rosso an die Entwicklung des Impressionismus in der Malerei an. Rosso war selbst bestrebt, seine Werke zusammen mit Gemälden und Fotografien zu präsentieren. In der Ausstellung werden sie gemeinsam mit Arbeiten von Eugène Carrière (1849–1906) und Tranquillo Cremona (1837–1878) gezeigt.

Paolo Troubetzkoy

Ausstellungsansicht EN PASSANT. Impressionismus in Skulptur © Foto: Diether v Goddenthow
Ausstellungsansicht EN PASSANT. Impressionismus in Skulptur © Foto: Diether v Goddenthow

Mit den vibrierenden Bronzen von Paolo Troubetzkoy zeigt die Ausstellung eine weitere Facette des Impressionismus in der Skulptur. Hervorzuheben sind die Porträtplastiken des russisch-italienischen Bildhauers, bei denen er sein Hauptaugenmerk auf die bewegte Gestaltung von Kleidung und Haaren legte. Dies veranschaulicht u. a. die Darstellung Nach dem Ball (Adelaide Aurnheimer) (1897, Privatsammlung, London). Während das Gesicht der vermögenden Mäzenin Adelaide Aurnheimer glatt modelliert ist, gestaltete Troubetzkoy den Stoff ihrer Robe als eine überbordende Kaskade aus Falten mit zahlreichen Höhen und Graten, in denen die Fingerspuren des Künstlers sichtbar geblieben sind. Gussnähte und Reste von Gusskanälen bezog er bewusst als Gestaltungselemente in seine Werke ein. Selbst im anschließend angefertigten Bronzeguss ist dieser unmittelbare Zugriff des Künstlers auf den Werkstoff noch deutlich zu erkennen, sodass eine formale Ähnlichkeit zum lockeren Duktus der impressionistischen Porträtmalerei entsteht, wie etwa John Singer Sargents Gemälde der Lady Agnew of Lochnaw (1893, National Gallery of Scotland, Edinburgh) zeigt.

 Auguste Rodin

Auguste Rodin "Eva" (1881, Guss wahrscheinlich zwischen 1928 und 1942, Städel Museum © Foto: Diether v Goddenthow
Auguste Rodin „Eva“ (1881, Guss wahrscheinlich zwischen 1928 und 1942, Städel Museum © Foto: Diether v Goddenthow

Die Ausstellung schließt mit zentralen Werkgruppen von Auguste Rodin, die für die Zuordnung des Bildhauers zum Impressionismus ausschlaggebend waren. Die Gestaltung des Raumes orientiert sich an der von Rodin selbst im Jahr 1900 ausgerichteten umfangreichen Einzelausstellung im Pavillon de l’Alma. Auch wenn sich Rodin selbst nie als „impressionistischen Bildhauer“ bezeichnete, wurde er von der Kunstkritik neben Rosso als bedeutendster Vertreter dieser Richtung wahrgenommen. Den Auslöser bildete seine Skulptur Balzac (Verkleinerung, um 1892/93, Privatsammlung, London), bei der Rodin entgegen den akademischen Vorgaben für ein Denkmal keine Überhöhung des Schriftstellers anstrebte, sondern die ungeschönte Darstellung von dessen Person und Charakter.

Ausstellungsansicht EN PASSANT. Impressionismus in Skulptur © Foto: Diether v Goddenthow
Ausstellungsansicht EN PASSANT. Impressionismus in Skulptur © Foto: Diether v Goddenthow

Von Rodins Interesse an der Gestaltung von Oberflächen und dem Sichtbarmachen des Arbeitsprozesses zeugt seine Terrakottaplastik Das Haupt Johannes’ des Täufers (1878, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe). Eine Reihe von Bronzebüsten wiederum verdeutlicht, dass er das changierende Licht auf der Oberfläche miteinkalkulierte. Welch großen Wert Rodin zudem auf die Inszenierung seiner Werke legte, zeigt die Ausstellung mit der historisch nachempfundenen Präsentation seiner Eva (1881, Guss wahrscheinlich zwischen 1928 und 1942, Städel Museum). Rodin inszenierte den Bronzeguss im Salon de la Société Nationale des Beaux-Arts 1899 auf aufsehenerregende Weise, indem er die Plinthe der lebensgroßen Figur in Sand eingrub. Eva scheint dadurch barfuß und auf Augenhöhe der Betrachterinnen und Betrachter im Sand zu stehen. Rodin zielte damit bewusst auf die unmittelbare Begegnung mit der Skulptur.

STÄDEL MUSEUM
Dürerstraße 2,
60596 Frankfurt am Main,
Alle Informationen finden sich auch online unter www.staedelmuseum.de

Ab 9. Mai im STÄDEL MUSEUM „EN PASSANT. Impressionismus in Skulptur“, ab 13. Mai „Städels Erbe. Meisterzeichnungen aus der Sammlung des Stifters

Städel Museum Frankfurt © Foto: Diether v Goddenthow
Städel Museum Frankfurt © Foto: Diether v Goddenthow

Entsprechend eines nach behördlichen Vorgaben entwickelten und umgesetzten Hygieneplans erfolgt am 9. Mai 2020 die Öffnung des Städel-Museums Frankfurt. Die Vorsorgemaßnahmen für den Infektionsschutz umfassen u. a. eine Besucherbegrenzung und Regulierung der Besucher durch online erhältliche Zeitfenstertickets, eine optimierte Besucherführung in den Häusern sowie eine vermehrte Reinigung neuralgischer Punkte.
Es gilt die Abstandsregel von mindestens 1,5 Metern und die Nies- und Hust-Etikette einzuhalten, sowie einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Dieser kann mitgebracht oder an den Kassen erworben werden.

„EN PASSANT. Impressionismus in Skulptur“
Mit der großen Sonderausstellung „EN PASSANT. Impressionismus in Skulptur“ (bis 25. Oktober 2020) geht das Städel Museum erstmals der Frage nach, wie sich Eigenschaften der impressionistischen Malerei wie Licht, Farbe, Bewegung – sogar Flüchtigkeit – in der Bildhauerei manifestiert haben. Im Mittelpunkt der Präsentation stehen fünf Künstler: Edgar Degas (1834– 1917), Auguste Rodin (1840–1917), Medardo Rosso (1858–1928), Paolo Troubetzkoy (1866–1938) und Rembrandt Bugatti (1884–1916). Mit ihren Werken stehen sie stellvertretend für unterschiedliche Spielarten der impressionistischen Skulptur. Die Schau vereint herausragende Skulpturen der fünf Künstler und setzt sie in Dialog mit Gemälden, Pastellen, Zeichnungen, Druckgrafiken und Fotografien des Impressionismus. Es sind u. a. Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern wie Pierre Bonnard, Antoine Bourdelle, Mary Cassatt, Camille Claudel, Henri Matisse, Claude Monet, Auguste Renoir, Giovanni Segantini und John Singer Sargent zu sehen. Mit mehr als 160 Werken – darunter bedeutende internationale Leihgaben – liefert die Ausstellung einen umfassenden Einblick in die Möglichkeiten und Herausforderungen des Impressionismus in der Skulptur.

Die Ausstellung wird durch die DZ BANK AG, die Art Mentor Foundation Lucerne und die Kulturfonds Frankfurt RheinMain gGmbH gefördert. Zusätzliche Unterstützung erfährt die Ausstellung durch die Stadt Frankfurt am Main und die Städelfreunde 1815.

Ab 13. Mai: „Städels Erbe. Meisterzeichnungen aus der Sammlung des Stifters“
„Städels Erbe. Meisterzeichnungen aus der Sammlung des Stifters“ (13. Mai – 16. August 2020) präsentiert eine Auswahl von 95 Meisterzeichnungen, die einen exemplarischen Eindruck vom Zuschnitt, der Ordnung und der künstlerischen Bedeutung der einstigen Zeichnungssammlung des Frankfurter Bankiers und Kaufmanns Johann Friedrich Städel (1728–1816) vermitteln. Städel hinterließ dem Museum eine große Kunstsammlung, die neben Gemälden und Druckgrafiken auch über 4600 Zeichnungen umfasste. Lange Zeit konnte nicht nachvollzogen werden, welche Zeichnungen des heutigen Museumsbestands ursprünglich aus seiner Sammlung stammen. Zur damaligen Zeit wurde kein vollständiges Verzeichnis angelegt und eine Vielzahl von Zeichnungen im Zuge einer Inventarisierung in den 1860er-Jahren aussortiert und verkauft. Dem Städel Museum ist es nun gelungen, die Zeichnungssammlung des Stifters erstmals weitgehend zu rekonstruieren und rund 3000 Werke zu identifizieren, die bis heute im Museum erhalten sind. Herausragende Arbeiten von Raffael, Correggio und Primaticcio, Watteau, Boucher und Fragonard, Dürer, Roos und Reinhart sowie Goltzius, Rembrandt und De Wit werden in der Sammlungstradition des Stifters nach „europäischen Schulen“ geordnet gezeigt und in einem die Ausstellung begleitenden Katalog ausführlich besprochen. Ein Teil dieser Zeichnungen ist in der Forschung bereits bekannt, andere werden zum ersten Mal veröffentlicht. Das Forschungs- und Ausstellungsprojekt wird gefördert durch die Stiftung Gabriele Busch-Hauck, die Wolfgang Ratjen Stiftung, Liechtenstein, die Tavolozza Foundation sowie von der Georg und Franziska Speyer’sche Hochschulstiftung.

Ab 19. Mai: „ZURÜCK IN DIE GEGENWART. NEUE PERSPEKTIVEN, NEUE WERKE – DIE SAMMLUNG VON 1945 BIS HEUTE
Nahezu ein Jahrzehnt nach der Eröffnung der Gartenhallen wird die Sammlung Gegenwartskunst unter dem Titel „ZURÜCK IN DIE GEGENWART. NEUE PERSPEKTIVEN, NEUE WERKE – DIE SAMMLUNG VON 1945 BIS HEUTE“ ab 19. Mai 2020 im Städel Museum zum ersten Mal neu präsentiert. Ausgehend vom zentralen Platz der rund 3.000 m² großen Gartenhallen und beginnend mit Hauptwerken der jüngeren und jüngsten Zeitgenossenschaft fächert sich eine Geschichte der Kunst nach 1945 auf. Rund 250 Arbeiten von 170 Künstlerinnen und Künstlern aus verschiedenen Schulen, Stilen und Gruppen eröffnen überraschende Vergleiche, Blickwinkel und Sichtachsen zwischen der unmittelbaren Gegenwart und ihren Wurzeln in den zurückliegenden Jahrzehnten. Aus diesem Anlass ist auch eine Vielzahl an jüngsten Neuerwerbungen und Schenkungen erstmals zu sehen, etwa Arbeiten von Miriam Cahn (*1949), René Daniëls (*1950), Carlos Cruz-Diez (1923– 2019), Jimmie Durham (*1940), Asta Gröting (*1961) oder Victor Vasarely (1906–1997). Anhand unterschiedlichster Erzählstränge ermöglicht die Neupräsentation einen Zugang zur Kunst nach 1945, der die Sammlung bewusst nicht chronologisch, sondern thematisch erfahrbar macht.

STÄDEL MUSEUM
Dürerstraße 2,
60596 Frankfurt am Main,
Alle Informationen finden sich auch online unter www.staedelmuseum.de