Kategorie-Archiv: Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Hessisches Landesmuseum Darmstadt bietet vielfältiges Programm zum 41. Internationalen Museumstag am 13.Mai

Eugen Bracht Rast in der Wüste © Landesmuseum Mainz
Eugen Bracht Rast in der Wüste © Landesmuseum Mainz

Zum 41. Mal ruft das International Council of Museums (ICOM) Museen auf der ganzen Welt dazu auf, sich am Internationalen Museumstag zu beteiligen. Das diesjährige Motto »Netzwerk Museum: Neue Wege, neue Besucher« wird im Hessischen Landesmuseum Darmstadt mit dem Thema »Sehnsucht Orient« verknüpft.

Der Eintritt ist für alle Besucher kostenfrei!

Im Rahmen der Eröffnung von »Blickfang 3. Sehnsucht Orient. Malerei um 1900« wird ein abwechslungsreiches Programm mit Führungen, Tänzen, Märchenlesungen und einem spannenden Gewinnspiel angeboten, das große und kleine Besucher mit dem Morgenland bekannt macht.

Erstmals seit der Schließung des Museums 2007 wird das neu gerahmte Gemälde »Basar in Assuan I« von Max Slevogt wieder in der Gemäldegalerie zu sehen sein und in der kleinen Ausstellung »Sehnsucht Orient« in den direkten Bezug mit der orientalischen Bilderwelt von Hans Makart, Eugen Bracht und Lovis Corinth gesetzt.

Hier zum Download das Gesamtprogramm im Überblick

Hessisches Landesmuseum Darmstadt
Friedensplatz 1
64283 Darmstadt

MICROSCULPTURE Die sensationellen Insektenportraits von Levon Biss vom 4. Mai bis 5. August 2018 im Landesmuseum Darmstadt


Insekten: unheimliches Ungeziefer oder heimliche Herrscher? So artenreich Insekten sind, so mannigfaltig sind auch ihre Formen und ökologischen Leistungen. Mehr als die Hälfte aller bekannten rezenten Lebewesen sind Insekten. Weltweit sind bislang etwa 900.000 Insektenarten beschrieben, allein in Deutschland sind es 33.000. Wie hoch die Zahl der noch unbekannten Arten ist, ist schwer zu schätzen. Insekten besiedeln seit prähistorischer Zeit fast alle Lebensräume unserer Erde, sie sind allgegenwärtig und dennoch in weiten Teilen unerforscht. Eine Ursache dafür ist ihre geringe Größe.

Die in Größe und Auflösung einmaligen Fotografien des Britischen Fotografen Levon Biss rücken die Insekten aus der Sammlung des Oxford University Museum of Natural History in ein gänzlich neues Licht. Sie zeigen die atemberaubende Schönheit der Insekten und machen die oft unerwarteten, teils bizarren Oberflächenstrukturen und vielfältigen Farben sichtbar und zeigen so die Komplexität der evolutionären Anpassungen. Die Funktionen all dieser sogenannten „microsculptures“ sind bislang oft nur wenig oder gar nicht bekannt. Die sorgsam vom Entomologen Dr. James Hogan ausgewählten Objekte wurden aufwendig ausgeleuchtet und durch ein Mikroskopobjektiv von Levon Biss fotografiert. Für jede Microsculpture wurden ca. 8000 Einzelfotos aufgenommen, die übereinandergelegt und zusammengesetzt, ein durchgehend scharfes Bild ergeben. Als erstes Museum in Deutschland zeigt das Hessische Landesmuseum Darmstadt die spektakulären Werke des Künstlers.

Ziel der Ausstellung ist es, den Besuchern zu überzeugen, dass Insekten schöne, farbenfrohe Kreaturen sind mit oftmals interessanter Körpergestalt sind. Die Kombination von Fotokunst und Wissenschaft bietet einen neuen und reizvollen Zugang in die Thematik der Insekten, die durch das zu beobachtende Insektensterben der letzten Jahre derzeit traurige Aufmerksamkeit erlangte. Insektenpräparate aus der Sammlung des Hessischen Landesmuseum Darmstadt ermöglichen den Größenvergleich zwischen Foto und Insekt und zeigen zudem den Aufbau einer wissenschaftlichen Sammlung.

Darüber verdeutlicht die Schau, wie wichtig Insekten für Ökosysteme z.B. als Bestäuber, Zersetzter und Nahrung für andere Tiere sind und daher auch für uns Menschen von großer Relevanz sind. Ein weiterer Baustein der Ausstellung legt den Fokus auf die erfolgreiche evolutionäre Geschichte der Insekten. Hierzu werden Fossilien der ältesten bekannten Insekten und ein Modell eines Urzeit-Insekten in Lebensgröße gezeigt. Das Konzept der „Mikroskulpturen“ von Levon Biss denken die Ausstellungsmacher weiter: Haptische Modelle stellen ausgewählte Mikrostrukturen der Insekten dreidimensional dar und sind ausdrücklich zum Anfassen gedacht. Soweit bekannt, werden zudem die Funktionen dieser Strukturen erklärt.

In einem Making-of-Film in der Ausstellung erklärt Levon Biss die Entstehungsweise der Fotografien und auf einem Touch-Screen ist es möglich in die Fotos hinein zu zoomen, um die mikroskopischen Details der Insektenkörper noch besser sehen zu können.

Erleben Sie Insekten in einer gänzlich neuen Dimension! Erforschen Sie die bizarren Oberflächenstrukturen und lassen Sie sich von ihren schillernden Farben faszinieren. Erfahren Sie mehr über ihre Evolution und die evolutionären Anpassungen und beeindruckenden Leistungen, mit denen die Insekten insgeheim unsere Welt beherrschen.

Hessisches Landesmuseum Darmstadt
Friedensplatz 1
64283 Darmstadt

RAHMENPROGRAMM

MICROSCULPTURE
Die Insektenportraits von Levon Biss
Aus der Sammlung des Oxford University Museum of Natural History

4. Mai bis 5. August 2018

Öffentliche Führungen
kostenfrei, Sonderausstellungseintritt, max. 25 Teilnehmer, Teilnahmekarten am Veranstaltungstag an der Museumskasse, keine Vorreservierung möglich

Sonntag 6.5.
11.15 Uhr und 15.15 Uhr
mit Dr. Ulrike Kiehne

INTERNATIONALER MUSEUMSTAG
Kostenfreier Eintritt für alle!

Sonntag 13.5.
11.15 Uhr
mit Dipl. Biol. Christiane Kern

15.15 Uhr
»Blütenpracht im Museum. Blumen und Insekten auf den Bildern alter Meister«
Dr. Stephanie Hauschild

Sonntag 20.5.
11.15 Uhr und 15.15 Uhr
mit Dr. Axel Allgaier

Mittwoch 23.5.
18.30 Uhr
»Blütenpracht im Museum. Blumen und Insekten auf den Bildern alter Meister«
mit Dr. Stephanie Hauschild

Sonntag 27.5.
11.15 Uhr und 15.15 Uhr
mit Julius Körner
Sonntag 3.6.
11.15 Uhr
mit Julius Körner

15.15 Uhr
Dipl. Biol. Christiane Kern

Aktionstag »MICROSCULPTURE – Faszinierende Insektenwelt«
Sonntag 10.6.
11.15 Uhr
mit Dr. Axel Allgaier

11.30 Uhr
»Blütenpracht im Museum. Blumen und Insekten auf den Bildern alter Meister«
mit D. Stephanie Hauschild

13.15 Uhr
mit Dr. Ulrike Kiehne

15.15 Uhr
Dipl. Biol. Christiane Kern

Mittwoch 6.6.
18.30 Uhr
mit Dr. Ulrike Kiehne

Mittwoch 13.6.
18.30 Uhr
Dipl. Biol. Christiane Kern

Sonntag 17.6.
11.15 Uhr
mit Dipl. Biol. Corinne Wacker

15.15 Uhr
Julius Körner

Sonntag 24.6.
15.15 Uhr
»Blütenpracht im Museum. Blumen und Insekten auf den Bildern alter Meister«
mit Dr. Stephanie Hauschild

Sonntag 1.7.
15.15 Uhr
mit Dr. Ulrike Kiehne

Sonntag 15.7.
15.15 Uhr
mit Dipl. Biol. Corinne Wacker

Sonntag 29.7
15.15 Uhr
mit Dr. Ulrike Kiehne

Sonntag 5.8.
15.15 Uhr
mit Dipl. Biol. Corinne Wacker

Vorträge
kostenfrei, Sonderausstellungseintritt, Teilnahmekarten am Veranstaltungstag an der Museumskasse, keine Vorreservierung möglich, begrenzte Plätze

Mittwoch 16.5.
18.30 Uhr
»Insektensterben / Insektenökologie«
Vortrag von Prof. Alexandra-Maria Klein, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Mittwoch 13.6.
18.30 Uhr
»Ein bisschen Aas muss sein – Mit Schmeißfliege & Co auf Verbrecherjagd«
Vortrag von PD Dr. Jens Amendt, Institut für Rechtsmedizin, Forensische Biologie/Entomologie, Johann Wolfgang von Goethe-Universität, Frankfurt am Main

Mittwoch 20.6.
18.30 Uhr
»Per Anhalter durch die dritte Dimension – Eine Reise in den Mikrokosmos«
Vortrag von Dr. Michael Heethoff, Technische Universität Darmstadt

Sonderveranstaltungen

Sommerkino im Römischen Hof
Mittwoch 4.7.
21.30 Uhr
»Das große Krabbeln« (Animationsfilm, USA, 1998, 96 Min, FSK 0)
Mittwoch 18.7.
21.30 Uhr
»Wings of Life« (Dokumentation, F/USA, 2011, 77 Min., FSK 0)

Kostenfrei, Einlass ab 21.00 Uhr nur über den Seiteneingang Museumsshop
Bei schlechtem Wetter wird die Veranstaltung in den Vortragssaal verlegt.

Aktionstag »MICROSCULPTURE – Faszinierende Insektenwelt«
Sonntag 10.6.
11.00 – 17.00 Uhr
Das gesamte Programm wird gesondert veröffentlicht.

»Poetry Slam«
Mittwoch 1.8.
20.00 Uhr
Poetische Beiträge über die faszinierende Insektenwelt präsentiert vom Krone-Slam Team, Darmstadt, Moderation: Finn Holitzka

Eintritt: 4 Euro pro Person
Einlass ab 19.30 Uhr nur über den Seiteneingang Museumsshop
Bei schlechtem Wetter wird die Veranstaltung in das Museum verlegt.

Kinder und Familien
Sommerferien-Workshop für Kinder ab 8 Jahren
»Faszinierende Insektenwelt«
Weitere Informationen sind auf unserer Homepage unter www.hlmd.de veröffentlicht.

Dienstag 3.7. bis Freitag 6.7.
Dienstag 24.7. bis Freitag 27.7.
Dienstag 31.7. bis Freitag 3.8.
jeweils 10.00–14.00 Uhr

Teilnehmerbeitrag: 50 Euro pro Teilnehmer, max. 20 Teilnehmern pro Woche
Anmeldung und Beratung: T 06151 16 57 – 111, vermittlung@hlmd.de

Rundgang mit »Museumsdirektor Dinkeltaler«
Samstag, 26.5, 15.00 Uhr
» Großes Insektenkrabbeln – wie viele Beine und Füße «
mit Kerstin Hebell

Samstag, 30.6., 15.00 Uhr
» Großes Insektenkrabbeln – wie viele Beine und Füße «
mit Kerstin Hebell

für Kinder von 4 bis 6 Jahren, kostenfrei, lediglich Sonderausstellungseintritt für Erwachsene, max. 25 Teilnehmer, Teilnahmekarten am Veranstaltungstag an der Museumskasse

Familienausflüge
Sonntag 6.5.
14.00 Uhr
»Insekten – Die heimlichen Herrscher der Welt«
mit Dipl. Biol. Corinne Wacker

Sonntag 17.6.
14.00 Uhr
»Insekten – Die heimlichen Herrscher der Welt«
mit Dr. Ulrike Kiehne

für Kinder ab 6 Jahren, kostenfrei, lediglich Sonderausstellungseintritt für Erwachsene,
max. 25 Teilnehmer, Teilnahmekarten am Veranstaltungstag an der Museumskasse, keine Vorreservierung möglich

Schulklassenangebote
Kita (5 – 6 Jahre) und Grundschule (Sachkunde)
Rundgang »Darf ich vorstellen: Das Insekt«
Themenschwerpunkte: Was macht ein Insekt aus, und wie unterscheiden sich einzelne Insektengruppen voneinander? Bauplan Insekt, Erarbeitung der Merkmale von Insektengruppen Dazu buchbares Angebot für die Grundschule:
Bau eines Insekten-Hotels (Bitte kleine Konservendosen mitbringen!)

Weiterführende Schule (Haupt- , Realschule, Gymnasium, 5. – 7. Klasse, Biologie)
Rundgang mit Übungsanteil »Eine Welt ohne Insekten? Ökosysteme und biologische Vielfalt«
Themenschwerpunkt: Ökologische Funktion und Evolution von Insekten mit Übungsanteil zur Frage: Wie verändert sich die Zahl der Insekten einer bestimmten Art, wenn sich das jeweilige Ökosystem ändert?

Dauer für alle Angebote: ca. 60 – 90 Min. mit Bau Insekten-Hotel ca. 100 Min.
Kostenbeiträge: 45 Euro, mit Bau Insekten-Hotel 70 Euro zzgl. 2,50 Euro Materialgebühren pro Teilnehmer
Anmeldung und Beratung: T 06151 16 57 – 111, vermittlung@hlmd.de

Lehrerfortbildung
Lehrkräfte und Referendare Grundschule, Weiterführende Schule, Sachkunde, Biologie
Mittwoch 9.5., 10.00 – 16.00 Uhr
Weitere Informationen sind auf unserer Homepage unter www.hlmd.de veröffentlicht.

Weitere aktuelle Ausstellungen im Landesmuseum

  • 28. März 2018 bis 24. Juni 2018 Eleganz und Poesie. Höhepunkte der französischen Zeichenkunst vom 16. bis 18. Jahrhundert
  • 24. April bis 22. Juli 2018 Beschaffenheit des Himmels. Altarmalerei am Mittelrhein vom 13. bis 16. Jahrhundert
  • 4. Mai bis 5. August 2018 Microsculpture – Faszinierende Insektenwelt. Mit den Insektenportraits von Levon Biss

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Beschaffenheit des Himmels. Altarmalerei am Mittelrhein vom 13. bis 16. Jahrhundert ab 24. April 2018 im Landesmuseum Darmstadt


Beschaffenheit des Himmels. Altarmalerei am Mittelrhein vom 13. bis 16. Jahrhundert
24. April bis 22. Juli 2018

Die Ausstellung in der Gemäldegalerie präsentiert vom 24. April bis 22. Juli 2018 14 Altaraufsätze, Retabelfragmente sowie Einzeltafeln, die beispielsweise aus Friedberg, Nieder-Erlenbach, Ortenberg, Siefersheim, Seligenstadt, Wolfskehlen und Worms in die Darmstädter Sammlung gelangten. Sie entstanden zwischen 1260 und 1505 und wurden, wie die Forschung der letzten Jahrzehnte zeigt, in den damaligen Kunstzentren der Mittelrheinregion Koblenz, Mainz, Frankfurt/M. und Worms gefertigt. In der Präsentation werden die Altarretabel, die somit zum kostbaren Kernbestand der Darmstädter Sammlung gehören, entsprechend ihrer Entstehungszentren neu gruppiert.

Die Besucher können sie durch spannungsreiche Blickbezüge, Rekonstruktionszeichnungen, kunsttechnische Kopien und mediale Inszenierungen wieder und neu entdecken. Leihgaben aus Basel, Boppard, Frankfurt/M., München und Oberwesel stehen im direkten Werkzusammenhang mit den Darmstädter Stücken und ergänzen die Schau.

Sammlungsbestand
Genau vor 200 Jahren erließ der Museumsgründer Großherzog Ludewig I. (1753-1830) auf Initiative des Darmstädter Architekten Georg Moller (1784-1852) im Großherzogtum Hessen-Darmstadt das erste Denkmalschutzgesetz Deutschlands. Angeregt durch diese Verordnung gelangten primär im Laufe des 19. Jahrhunderts zahlreiche Ausstattungsstücke aus Kirchen und säkularisierten Klöstern Hessens und der Mittelrheinregion in die großherzogliche Galerie.

Forschungsprojekt
Der altdeutsche Tafelmalereibestand in Darmstadt ist von überragendem Niveau.
Unter dem Titel „Kunst- und Technologietransfer in Hessen und am Mittelrhein in Spätmittelalter und Früher Neuzeit auf der Grundlage des Gemäldebestandes des Hessischen Landesmuseums Darmstadt“ wurden 2013 bis 2018 die 14 Mittelrheinwerke im Kontext des gesamten altdeutschen Tafelmalereibestandes (79 Werke, ca. 177 Flächen) erstmals systematisch kunsthistorisch und kunsttechnologisch untersucht. Die VolkswagenStiftung förderte das gemeinsam mit der Städel-Kooperationsprofessur der Goethe-Universität Frankfurt a. M. und der Hochschule für Bildende Künste in Dresden durchgeführte Projekt. In der zweiten Jahreshälfte werden die Ergebnisse in einem gedruckten Bestandskatalog vorgelegt.

Himmel
Die Ausstellung zeigt eine heute fremd erscheinende Bildwelt. Zugleich deckt sie auf, was die Retabel den Menschen in ihrer Entstehungszeit bedeuteten. Die musealen Kunstwerke sind fern ihrer einstigen sakralen Bestimmungsorte, besaßen jedoch im Spätmittelalter Funktionen im Gottesdienst und für die Frömmigkeit der Gläubigen. Gottesdienste führten Mensch und Gott, Erde und Himmel zusammen. Mit dem Himmel verband man das Jenseits und ewiges Leben bei Gott. Theologen wie Laien sahen das Himmelreich bevölkert von Engeln und Märtyrern die in göttlicher Ordnung um Jesus, Maria und die Apostel, versammelt waren. Die Altartafeln zeigen die göttliche Sphäre in leuchtenden Farben und Goldgrund und spiegeln bis ins Material hinein die theologischen Vorstellungen der Zeit wider. Für die Ausstellung wurden Kerzenlichtfilme produziert, die eine Ahnung davon vermitteln, wie die Menschen damals die Werke wahrnahmen. Die in leuchtenden Farben aufgemalten Darstellungen erhielten ein Eigenleben innerhalb der reliefierten und punzierten Goldgründe – Materielles wurde immateriell und transzendent.

Beschaffenheit
Die technologische Untersuchung der Bilder fasziniert ebenso wie die historische. Als Abbilder des Himmels sollten sie eine Ahnung von dessen Beschaffenheit geben. Bei Betrachtung durch das Mikroskop, der Infrarot- oder Röntgenaufnahme wird die außergewöhnlich kostbare Materialität der Tafelgemälde sichtbar. Eine wohlgeordnete Welt aus farbkräftigen Pigmenten, glänzenden oder matten Bindemitteln und kunstvoll verzierten Blattmetallen wird erkennbar. Die staunenswerte Kunstfertigkeit der Maler in den spätmittelalterlichen Werkstattbetrieben wird durch heutige Bildgebungsverfahren, fragmentarische Werke und kunsttechnologische Kopien wieder unmittelbar erlebbar.
Veranstaltungsort

Ort:

© Foto: Diether v. Goddenthow
© Foto: Diether v. Goddenthow

Hessisches Landesmuseum Darmstadt
Friedensplatz 1, 64283 Darmstadt
Karl-Freund-Galerie
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Laufzeit:
24. April bis 22. Juli 2018

Öffnungszeiten:
Dienstag, Donnerstag, Freitag 10.00 – 18.00 Uhr
Mittwoch 10.00 – 20.00 Uhr

Samstag, Sonn- und Feiertag 11.00 – 17.00 Uhr
Montag geschlossen
Pfingstmontag geöffnet 11.00 – 17.00 Uhr

Eintritt:
Erwachsene 6, ermäßigt 4 Euro
Das Ticket berechtigt auch zum Besuch der Ständigen Sammlung.
Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren haben freien Eintritt.

Gruppen- und Einzelführungen:
Individuelle Buchung beim Besucherservice Bildung und Vermittlung unter: Telefon: +49 (0) 6151 1657-111, Mail: vermittlung@hlmd.de
Anmeldungen auch für Gruppen ohne gebuchte Führung erforderlich! Die Führungen sind auf 25 Personen beschränkt.
Erreichbarkeit: Dienstag und Freitag 10.00 – 12.00 Uhr, Mittwoch 14.00 – 16.00 Uhr
pro Führung und Gruppe: 60 Euro zzgl. Eintritt, fremdsprachig: 70 Euro zzgl. Eintritt

 

Altarmalerei am Mittelrhein vom 13. bis 16. Jahrhundert

Nieder-Erlenbacher Altar, Nikolaus Schit_1497. HMLD Foto Wolfgang Fuhrmannek
Nieder-Erlenbacher Altar, Nikolaus Schit_1497. HMLD Foto Wolfgang Fuhrmannek

Mainz

Im Herzen der Mittelrheinregion liegt die alte Bischofsstadt Mainz. Dort fertigte eine Großwerkstatt um 1260 die beidseitig bemalten Wormser Tafeln. Sie zählen zu den frühesten erhaltenen Flügeln eines wandelbaren Retabels nördlich der Alpen. Drei Studentinnen des Studiengangs Kunsttechnologie, Konservierung und Restaurierung von der Hochschule für Bildende Künste in Dresden erstellten kunsttechnische Kopien des rechten Flügels. Diese Kopien veranschaulichen den hohen Aufwand und das Know-how mit dem die Wormser Tafeln hergestellt worden sind.

Um 1370-80 war Tafelmalerei als kunst- und lehrreicher Bilderschmuck am Altar etabliert und der Hochaltar der Pfarrkirche „Unsere Liebe Frau“ in Friedberg erhielt ein monumentales Retabel. Wie Stilanalyse und Infrarotaufnahmen bestätigten, arbeiteten an diesem komplexen heilsgeschichtlichen Bildprogramm mehrere Maler und Gehilfen zusammen. Vorgestellt werden die massive Tafelkonstruktion und die Glanzleistung des größten Retabels in Darmstadt: die punzierten Goldhintergründe.

Das ästhetisch, künstlerisch und materialtechnisch herausragende Kunstwerk des Bestandes ist der um 1420 entstandene Ortenberger Altar. Beleuchtet werden die Provenienzfrage, die Fassungen der Flügelaußenseiten, der großflächige Einsatz von Blattmetallen und die Ikonographie, die Rückschlüsse auf Auftraggeber und Rezipienten erlaubt. Daneben zeigen wir eine Kopie (um 1430-40) des rechten Retabelflügels mit der Königsanbetung aus der Aschaffenburger Galerie. Der Ortenberger Altar entstammt einer produktiven Werkstatt, die neu charakterisiert werden kann.

KOBLENZ

Am nördlichen Mittelrhein schuf vermutlich eine Koblenzer Malerwerkstatt um 1400-1410 den von Köln beeinflussten Siefersheimer Altar. In Darmstadt ist nur die Mitteltafel erhalten. Im Museum Boppard machte die Forschung den rechten Retabelflügel ausfindig. Dieser rechte Flügel und die Mitteltafel sind seit Jahrhunderten erstmals wieder vereint und als ehemaliges Hochaltarretabel der Bopparder Karmeliterkirche rekonstruierbar.

FRANKFURT AM MAIN

Das Pendent zur Bischofsstadt Mainz, dem geistlichen Mittelrheinzentrum, bildete die Messestadt Frankfurt/M. Hier entstand um 1430 der Kleine Friedberger Baldachinaltar. Er führt uns ein weiteres Kunstwerk aus der Friedberger Liebfrauenkirche vor Augen, dass zudem mit einem damals überregional bedeutenden Gnadenbild, der etwa 100 Jahre früher entstandenen Muttergottes mit dem Jesuskind, ausgestattet ist. Der Baldachinaltar besaß einen Unterbau und die Madonna einen Sockel, die rekonstruiert wurden.

Die Tafel mit der Marienkrönung und Grablegung gehörte zu einem großen Marienaltar. Er wurde wohl von dem Frankfurter Meister Conrad I. Fyoll in den Jahren 1467-69 für das Prämonstratenserkloster Selbold (Main-Kinzig-Kreis) angefertigt. Die jüngere Forschung belegte dies anhand einer in der gleichen Werkstatt gemalten Grablegung Christi (Hist. Mus. Frankfurt/M.). Beide Tafeln werden erstmals nebeneinander präsentiert. Sie bezeugen eine einst bedeutende Frankfurter Malerwerkstatt im dritten Viertel des 15. Jahrhunderts.

Der Nieder-Erlenbacher Altar ist auf dem Bildrahmen in das Jahr 1497 datiert. Er wurde vermutlich von dem Frankfurter Maler Nikolaus Schit für die kleine Pfarrkirche im gleichnamigen heutigen Frankfurter Stadtteil angefertigt. Das Bildprogramm zeugt nicht nur von der außergewöhnlichen Kunstfertigkeit Schits, sondern verdeutlicht, wie sehr die Druckgraphik Ende des 15. Jahrhunderts das ultimative Vorlagen-Medium in Malerwerkstätten geworden ist.

WORMS

Für die 11 km von Darmstadt entfernte Wolfskehler Pfarrkirche ließ der ortsansässige Adel dieses Schreinretabel anfertigen. Es kam 1821 als erster vollständiger Altaraufsatz in die Darmstädter Sammlung. Die Forschungen bestätigten, dass der Wolfskehler Altar in einer Wormser Werkstatt angefertigt wurde. Dieses Werk vom südlichen Mittelrhein, das durch die fast lebensgroßen Skulpturen von Maria, Petrus und Thekla eine besonders realitätsnahe Ausstrahlung besitzt, bildet den Abschluss der Ausstellung.

 

RAHMENPROGRAMM

Beschaffenheit des Himmels
Altarmalerei am Mittelrhein vom 13. bis 16. Jahrhundert

24. April bis 22. Juli 2018

Öffentliche Themenführungen
Alle Führungen kostenfrei (lediglich Sonderausstellungseintritt), max. 25 Teilnehmer pro Führung, Teilnahmekarten am Veranstaltungstag an der Museumskasse

Mittwoch
25.4., 18.30 Uhr
mit Almut Rüllmann, M. A.

Freitag
18.5., 11.00 Uhr
mit Dr. Thomas Foerster

Sonntag
27.5., 11.30 Uhr
mit Almut Rüllmann, M. A.

Freitag
15.6., 11.00 Uhr
mit Dr. Thomas Foerster

Mittwoch
4.7., 18.30 Uhr
mit Carien Walter

Sonntag
22.7., 11.30 Uhr
mit Carien Walter

Vorträge
Mittwoch 9.5., 18.30 Uhr
»Der Wolfskehler Altar«
von Dr. des. Hilja Droste, Johann Wolfgang von Goethe-Universität Frankfurt am Main

Mittwoch 11.7., 18:30 Uhr
»Der Nieder-Erlenbacher Altar und weitere Werke von Nikolaus Schit, einem Zeitgenossen Albrecht Dürers«
von Dr. Michaela Schedl, Johann Wolfgang von Goethe-Universität Frankfurt am Main

Museumskolleg für kunst- und kulturgeschichtliche interessierte Erwachsene
Freitag 4.5.
16.00 – 17.30 Uhr
»Altarmalerei am Mittelrhein – Formen, Funktionen, Kontexte«
mit Dr. Anna Eifert und Dr. Thomas Foerster

Freitag 18.5.
16.00 – 17.30Uhr
»Fallstudie Wormser Tafeln: Kunstgeschichte und Kunsttechnologie«
mit Dr. Anna Eifert, Dr. Thomas Foerster und Dipl. Rest. Susanne Voigt

Freitag 1.6.
16.00 – 17.30 Uhr
»Werkgruppen, Malerwerkstätten und Meister«
mit Dr. Anna Eifert und Dr. Thomas Foerster

Freitag 29.6.
16.00 – 17.30 Uhr
»Fallstudie Großer Friedberger Altar: die Erforschung des Kunst- und Technologietransfers in Hessen und am Mittelrhein«
mit Dr. Anna Eifert, Dr. Thomas Foerster und Christine Weber, M. A.

Leitung: Dr. Anna Eifert

max. 15 Teilnehmer
Kostenbeitrag für ein Kolleg mit 4 Terminen: 48 Euro pro Person
Paare und Familien: erster Teilnehmer zahlt vollen Preis, jeder weitere die Hälfte
Studierende, Arbeitsuchende gegen Nachweis zahlen die Hälfte der Kursgebühren
Weitere Informationen s. Ausstellungsfolder

Workshop
»Kleine Einführung in die Technik des Vergoldens«
Vergolden mit Blattgold
Sonntag 29.4.2018, 11.00 – 17.00 Uhr

Im Rahmen des eintägigen Kurses wird die grundlegende Technik der Ölvergoldung Schritt für Schritt erlernt. Jeder Teilnehmer nimmt als Ergebnis ein selbst vergoldetes Werkstück mit nach Hause. Es können auch eigene kleine Gegenstände, z. B. aus Holz, zum Vergolden mitgebracht werden. Die nötigen Werkzeuge werden gestellt. Das benötigte Blattgold erwirbt man vor Ort.

Leitung: Renate-Charlotte Hoffmann, M. A. (Vergoldermeisterin)
Kosten: 50 Euro zzgl. 25 Euro für das Büchlein »Blattgold«
max. 6 Teilnehmer
Anmeldung und Beratung: T06151 1657-111 oder vermittlung@hlmd.de

Ort:

© Foto: Diether v. Goddenthow
© Foto: Diether v. Goddenthow

Hessisches Landesmuseum Darmstadt
Friedensplatz 1, 64283 Darmstadt
Karl-Freund-Galerie
www.hlmd.de
www.facebook.com/HessischesLandesmuseumDarmstadt
www.instagram.com/landesmuseumdarmstadt
www.youtube.com/user/PresseHLMD

Buchung von Gruppen- und Individualführungen
Kosten: eine Führung 60 Euro zzgl. Eintritt; fremdsprachig 70 Euro zzgl. Eintritt
Anmeldung mindestens zwei Wochen vor dem geplanten Museumsbesuch.
Servicetelefon: T 06151 1657-111 (Dienstag und Freitag 10.00 – 12.00 Uhr,
Mittwoch 14.00 – 16.00 Uhr) oder E-Mail: vermittlung@hlmd.de

Sensationelle Insektenportraits von Levon Biss im Landesmuseum Darmstadt – Kartenvorverkauf startet ab 10.4.2018

MICROSCULPTURE – Die Insektenportraits von Levon Biss
Aus der Sammlung des Oxford University Museum of Natural History
Ausstellungsdauer 4.5. – 5.8.2018, Großer Saal, Landesmuseum Darmstadt

Die spektakuläre Schau präsentiert vom 4. Mai bis 5. August 2018 als erstes deutsches Museum die in Auflösung und Größe einmaligen Insektenaufnahmen des Britischen Fotografen Levon Biss. Seine Fotos rücken die Insekten aus der Sammlung des Oxford University Museum of Natural History in ein gänzlich neues Licht. Sie zeigen die atemberaubende Schönheit der Insekten, machen die oft unerwarteten, teils bizarren Oberflächenstrukturen und vielfältigen Farben sichtbar und zeigen so die Komplexität der evolutionären Anpassungen.

Die Funktionen all dieser sogenannten „microsculptures“ sind bislang oft nur wenig oder gar nicht bekannt. Die sorgsam vom Entomologen Dr. James Hogan ausgewählten Objekte wurden aufwendig ausgeleuchtet und durch ein Mikroskop-Objektiv fotografiert. Für jede Microsculpture wurden ca. 8000 Einzelfotos aufgenommen, die übereinandergelegt und zusammengesetzt, ein durchgehend scharfes Bild ergeben.

Kartenvorverkauf online
am Dienstag, den 10. April 2018, beginnt der Vorverkauf für die Ausstellung „MICROSCULPTURE – Die Insektenportraits von Levon Biss“. Zu erwerben sind die Tickets an den Kassen des Hessischen Landesmuseums Darmstadt und online unter:
Karten für Ausstellung „MICROSCULPTURE“

© Foto: atelier-Goddenthow
© Foto: atelier-Goddenthow

Hessisches Landesmuseum Darmstadt
Friedensplatz 1
64283 Darmstadt

Landesmuseum Darmstadt zeigt „Eleganz und Poesie – Höhepunkte der französischen Zeichenkunst vom 16. bis 18. Jahrhundert“


In der neuen Ausstellung „Eleganz & Poesie – Höhepunkte der französischen Zeichenkunst“ zeigt das Hessische Landesmuseum Darmstadt vom 29. März bis 24. Juni 2018 aus 490 Blättern seines eigenen Bestandes 75 ausgewählte Kostbarkeiten der Zeichenkunst in Frankreich vom 16. bis 18. Jahrhundert.

Die Ausstellung mit 75 ausgewählten Zeichnungen unterstreicht die Qualität der Werke, indem sie diese nicht nur chronologisch, sondern auch unter ästhetischen Gesichtspunkten ordnet. Abstraktion und Reduktion von visueller Information auf die bloße Kontur ist eine beachtliche intellektuelle Leistung. Deshalb gilt die Schule der Zeichnung auch als Schule des aufmerksamen und genauen Sehens

Im 16. Jahrhundert sind die Blätter von Jean Cousin der Ältere oder Étienne Delaune deutlich vom Manierismus geprägt. Wie die Zeichnungen von Martin Fréminet und Nicolas Cordier sind sie von höchster Qualität. Vielseitig und originell ist das 17. Jahrhundert mit Zeichnungen von Pierre Brebiette oder Claude Vignon. Aus dem lothringischen Raum stammen die Künstler Jacques Bellange und Jacques Callot, die mit einzigartigen, lavierten Federzeichnungen vertreten sind. Genauso bemerkenswert sind die Arbeiten von Simon Vouet und seinen Schülern sowie von Laurent de La Hyre, die unter der Regierung Louis XIII. arbeiteten. Auch die Künstler unter Louis XIV. sind präsent, insbesondere durch Charles Le Brun, Adam Frans Van der Meulen und Charles de La Fosse. Ebenso reich ist die Kollektion des 18. Jahrhunderts. Dazu gehören die berühmten Vertreter des Stils der „fêtes galantes“, Claude Gillot und Jean-Antoine Watteau, und die führenden Vertreter des Rokoko, François Boucher, Jean-Baptiste-Marie Pierre, Pierre-Charles Trémolières und Jean-Honoré Fragonard. Schließlich sind auch Arbeiten der großen Landschaftszeichner Joseph Vernet, Hubert Robert und Jean-Jacques Boissieu Teil der Ausstellung, genauso wie die der Historienmaler Jean-Simon Berthélémy, Gabriel-François Doyen oder Jean-Baptiste Greuze, die die französische Kunst zum neoklassizistischen Stil führten. Dieser wurde schließlich durch Jean-François-Pierre Peyron, Alexandre (oder Jean-Philibert) Moitte, Antoine-Denis Chaudet und Anne-Louis Girodet-Trioson umgesetzt.
RAUMFOLGE

RAUM 1
Zeichnung als eine Stufe im Werkprozess

Jacques Callot Entwurf für eine Theaterdekoration nach italienischer Art in der Mitte eine Säule um 1618. Schwarze Kreide, Pinsel und braune Lavierung. Foto: Wolfgang Fuhrmannek, HLMD
Jacques Callot Entwurf für eine Theaterdekoration nach italienischer Art in der Mitte eine Säule um 1618. Schwarze Kreide, Pinsel und braune Lavierung. Foto: Wolfgang Fuhrmannek, HLMD

In der Kunsttheorie der Renaissance wird Zeichnung als „Disegno“ – von lateinisch „designare“ (bezeichnen/zeichnen) – zum grundlegenden Begriff und steht sowohl für die künstlerische Idee, den Entwurf wie auch für das geistiges Konzept in einem religiösen Sinne. Die Zeichnung ist der erste Gedanke, den der Künstler zu Papier bringt. Auch im 17. Jahrhundert bleibt die Zeichnung eine Stufe im bildnerischen Entstehungsprozess und diesem untergeordnet. Häufig erfüllt sie eine akademische Pflichtaufgabe. Zeichnerisch wird das Gesamtbild in einzelnen Details erarbeitet oder es wird die Komposition durchgespielt, bevor die Einzelstudien etwa für ein Gemälde, eine Wandmalerei oder eine Skulptur übertragen werden. Im 18. Jahrhundert gilt die Zeichnung als die Grundtechnik der künstlerischen akademischen Ausbildung. Allerdings besteht die Tendenz, das Zeichnen auf den technischen Aspekt zu verkürzen und in der Zeichnung vor allem die vorbereitende Studie und Übung zu sehen. In der französischen Akademie dienen Ideen-, Entwurfsskizzen, Kompositions- und Figurenstudien sowie die genaue Vorzeichnung, gegebenenfalls in unterschiedlichen Techniken, zur Kontrolle im Herstellungsprozess eines Kunstwerkes.

RAUM 2
Zeichnung wird autonom

Horace Le Blanc Militaerszene. Foto: Wolfgang Fuhrmannek, HLMD
Horace Le Blanc Militaerszene. Foto: Wolfgang Fuhrmannek, HLMD

Die im 18. Jahrhundert übliche Akademiepraxis ordnet den Inhalt des Akademiestudiums in drei Bereiche: das Zeichnen „d‘après l’exemple“ (nach graphischen Vorlagen), „d’après la bosse“ (nach Statuen) und „d’après la nature“ (nach dem lebenden Modell). Den weichzeichnenden Stiften, das ist weiße, schwarze und rote Kreide, kommt dabei eine wichtige Rolle zu. Gemeinsam ist diesen Materialien die Variabilität des Auftrags: Kreiden erlauben einerseits weich schattierend, schummernd sowie breit und flächig zu zeichnen, andererseits kann man durch Spitzen, Schneiden oder Brechen des Stiftes auch eine scharfe, präzise Linie ziehen. Kreide reagiert auf den leisesten Druck der Hand und lässt sich für lineare Gestaltungen wie für plastische Modellierungen und unterschiedliche Tondarstellungen einsetzen. Vorteilhaft für den Zeichner ist, dass die Kreidestriche korrigiert werden können, das ist ein wichtiger Aspekt für das Erarbeiten von Studien nach der Natur oder dem lebenden Modell.

Seit Beginn des 18. Jahrhunderts wächst das Bewusstsein einer subjektiven Empfindung. Damit einher geht das Interesse an einer individuellen zeichnerischen Handschrift und einer privaten Sicht auf die Dinge. Damals wird dem Sehen bei der Erziehung des vernünftigen Menschen eine wesentliche Bedeutung zugemessen, wobei das Auge als Instrument des Verstandes und der Emotion verstanden wird. Die Zeichnungen und das Zeichnen als private Beschäftigung erhalten hier einen neuen Sinn, insofern als sie die Trennung zwischen Auge und Hand aufheben. Während der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstehen neben der offiziellen Akademie in Paris mehrere private Kunstschulen und Kreise, in denen das gemeinsame Zeichnen als eine Form von Geselligkeit praktiziert wird. Allmählich entwickelt sich die Zeichnung zu einem eigenständigen Bereich. So werden in dem ab 1737 regelmäßig stattfindenden „Pariser Salon“, jener Akademie-Ausstellung, die von König Ludwig XIV. 1667 initiiert wurde, um den offiziellen höfischen Kunstgeschmack zu propagieren, Zeichnungen neben Gemälden und Skulpturen als gleichberechtigt gezeigt.

RAUM 3
Pierre Crozat (1661 oder 1665–1740) – Bankier, Sammler und Mäzen

Charles-Joseph Natoire Der Hafen Ripa Grande in Rom. Foto: Wolfgang Fuhrmannek, HLMD
Charles-Joseph Natoire Der Hafen Ripa Grande in Rom. Foto: Wolfgang Fuhrmannek, HLMD

Es sind vor allem Liebhaber und Kenner, die der Zeichnung zum Durchbruch verhelfen, indem sie diese neben der akademischen Übung und Arbeit im Atelier zu einem Medium geistiger und geselliger Kommunikation machen. Im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts kommt dabei den Sammlungen des vermögenden Bankiers Pierre Crozat (1661 oder 1665–1740) eine existentielle Rolle zu. 1704 erwarb Crozat in Paris eine große, an der rue de Richelieu gelegene Parzelle, wo er sich eine luxuriöse Stadtresidenz bauen ließ. Die zur Gartenseite gelegene große Galerie schmückte Charles de La Fosse aus, für den Speisesaal schuf Crozats Schützling Jean-Antoine Watteau die „Vier Jahreszeiten“.

Bei wöchentlich stattfindenden „Réunions“ trifft sich ein Zirkel von Kennern und bildenden Künstlern, es wird musiziert und gesellschaftliche Konversation gepflegt, vor allem aber studiert man Gemälde und Zeichnungen in Crozats Sammlungen und diskutiert Fragen der Kunst. Einige der hier vertretenen Künstler gehören zum Besucherkreis. Nahezu ständig anwesende Stammgäste sind Charles de La Fosse (1640–1716), der in seinem Haus starb, und Crozats junger Schützling Jean-Antoine Watteau (1684–1721), den er von 1715 bis 1717 beherbergte, sowie der junge Maler Charles-Joseph Natoire (1700–1777) oder François Boucher (1703–1770).

Pierre Crozat stirbt im Jahr 1740 in seinem Stadtpalais. Seine Kunstsammlung ist die größte private Sammlung dieser Art im Frankreich des 18. Jahrhunderts. Die Zeichnungen werden bereits 1741 versteigert. Im Jahr 1772 wird die Gemäldesammlung mit Unterstützung des Philosophen Denis Diderot von der russischen Zarin Katharina der Großen angekauft, so dass die Sammlung Crozat sich heute größtenteils in der Ermitage in Sankt Petersburg befindet.

RAUM 4
Der Markt der Sammler und Händler

Antoine Denis Chaudet Derjenige der gibt bekommt es von Gott zurueck Bleigriffel.Foto: Wolfgang Fuhrmannek, HLMD
Antoine Denis Chaudet Derjenige der gibt bekommt es von Gott zurueck Bleigriffel.Foto: Wolfgang Fuhrmannek, HLMD

„Die Handzeichnungen großer Meister werden von Kennern und Künstlern sehr hoch geschätzt, und nicht selten zum Studium der Kunst, den nach diesen Zeichnungen vollendeten Werken selbst vorgezogen. Denn da sie insgeheim in dem vollen Feuer der Begeisterung verfertiget werden, dem wahren Zeitpunkt, da der Künstler mit der größten Lebhaftigkeit fühlt, und am glücklichsten arbeitet: so ist auch das größte Feuer und Leben darin.“
Johann George Sulzer, Allgemeine Theorie der schönen Künste, 1779

Neben dem akademischen Diskurs befördert eine breite Sammlerbewegung die Etablierung der Zeichnung auf dem sich entwickelnden Kunstmarkt. Der Pariser Kunsthandel reagiert, indem er zu den zahlreichen Versteigerungen des 18. Jahrhunderts nicht nur Listen, sondern ausführliche Kataloge publiziert, in denen die Zeichnungen nach Schulen geordnet und beschrieben werden. Einige der Darmstädter Blätter stammen aus der Sammlung von Pierre-Jean Mariette (1694–1774), die 1775 in Paris versteigert worden ist. Was Qualität und Kennerschaft betrifft, ist Mariettes Sammlung als die überragende ihrer Zeit anzusehen. Mariettes Auffassung, der Strich lasse die Sache erkennen und arbeite damit das Wesentliche einer bildlichen Darstellung heraus, setzt sich allgemein durch und wird wegbereitend für die Aufwertung der Zeichnung als eigenständige Kunstgattung.
Diese Entwicklungen, das dem 18. Jahrhundert eigene ausgeprägte Bewusstsein für die Zeichnung einerseits und die Liberalisierung der Akademie andererseits, haben schließlich zu einer außerordentlichen Vielfalt geführt, was die Zeichenmittel, die Zeichentechniken und die behandelten Thematiken betrifft.

Veranstaltungsort

© Foto: atelier-Goddenthow
© Foto: atelier-Goddenthow

Hessisches Landesmuseum Darmstadt
Friedensplatz 1, 64283 Darmstadt
Karl-Freund-Galerie

Laufzeit
29. März 2018 bis 24. Juni 2018

Öffnungszeiten
Dienstag, Donnerstag, Freitag 10.00 – 18.00 Uhr
Mittwoch 10.00 – 20.00 Uhr
Samstag, Sonn- und Feiertag 11.00 – 17.00 Uhr
Montag, Karfreitag geschlossen
Ostermontag und Pfingstmontag geöffnet

Eintritt
Erwachsene 6, ermäßigt 4 Euro
Das Ticket berechtigt auch zum Besuch der Ständigen Sammlung.
Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren haben freien Eintritt.

Gruppen- und Einzelführungen
Individuelle Buchung beim Besucherservice Bildung und Vermittlung
unter: Telefon: +49 (0) 6151 1657-111, Mail: vermittlung@hlmd.de
Anmeldungen auch für Gruppen ohne gebuchte Führung erforderlich!
Die Führungen sind auf 25 Personen beschränkt.
Erreichbarkeit: Dienstag und Freitag 10.00 – 12.00 Uhr, Mittwoch 14.00 – 16.00 Uhr
pro Führung und Gruppe: 60 Euro zzgl. Eintritt, fremdsprachig: 70 Euro zzgl. Eintritt

Katalog
Französische Zeichnungen des 16., 17. und 18. Jahrhunderts im Hessischen Landesmuseum Darmstadt“, in deutscher oder französischer Sprache
90 Euro während der Ausstellung im Museumsshop

Publikation
Sammelmappe für Zeichnungsliebhaber mit 15 Reproduktionen ausgewählter und kommentierter französischer Zeichnungen aus dem Darmstädter Bestand.
24,90 Euro

Rahmenprogramm

Eleganz & Poesie
Höhepunkte der französischen Zeichenkunst im Hessischen Landesmuseum Darmstadt

29. März 2018 bis 24. Juni 2018

Aktionstag
Sonntag der französischen Zeichenkunst
29.4.2018, 11.00 – 17.00 Uhr
Karl Freund-Galerie (2. OG)

Programm

Ganztägig
Die Kurse »Werkstatt Zeichnen« stellen sich vor und laden zum Mitzeichnen ein, unter der Leitung von Gudrun Cornford

11.15 Uhr
»Rendezvous«
Öffentliche Führung mit Dr. des. Jennifer Chrost, HLMD

12.15 Uhr
»Rendezvous«
Öffentliche Führung mit Nina Wittmann, M. A.

13.15 – 13.45 Uhr
»Harfenklänge für die Kunst«
mit Iván Gómez Cervantes

14.00 Uhr
»Rendezvous«
Öffentliche Führung mit Dr. Mechthild Haas, HLMD

15.00–15.30 Uhr
»Harfenklänge für die Kunst«
mit Iván Gómez Cervantes

15.30–16.00 Uhr
»La poésie et l´art«
Poetisches zur Ausstellung
mit Finn Holitzka und Samuel Kramer (Poetry Slamer)

16.00 Uhr
»Rendezvous« (frz./dt.)
Öffentliche Führung in deutsch-französischer Sprache mit Barbara Rubert, M. A.

Öffentliche Führungen

Sonntag, 1.4.2018
14.00 Uhr mit Dr. Susanne Lang

Sonntag, 8.4.2018
14.00 Uhr mit Nina Wittmann, M. A.

Mittwoch, 11.4.2018
18.30 Uhr mit Barbara Rubert, M. A.

Freitag, 11.5.2018
11.00 Uhr mit Dr. Susanne Lang

Sonntag, 27.5.2018
14.00 Uhr mit Dr. Susanne Lang

Freitag, 8.6.2018
11.00 Uhr mit Dr. des. Jennifer Chrost, HLMD

Mittwoch, 20.6.2018
18.30 Uhr mit Dr. des. Jennifer Chrost, HLMD

Sonntag, 24.6.2018

Finissage
11.15 Uhr, Führung mit Dr. des. Jennifer Chrost, HLMD
14.00 Uhr, Führung mit Dr. Mechthild Haas, HLMD
15.00–17.00 Uhr,
»Macarons et Crémant«
Französische Gaumenfreuden mit Anna Reckmann
Pâtisserie & Chocolaterie im Café Rodenstein

Veranstaltungsort
Hessisches Landesmuseum Darmstadt
Friedensplatz 1, 64283 Darmstadt
Karl-Freund-Galerie

Laufzeit
29. März 2018 bis 24. Juni 2018

Öffnungszeiten
Dienstag, Donnerstag, Freitag 10.00 – 18.00 Uhr
Mittwoch 10.00 – 20.00 Uhr
Samstag, Sonn- und Feiertag 11.00 – 17.00 Uhr
Montag, Karfreitag geschlossen
Ostermontag und Pfingstmontag geöffnet

Eintritt
Erwachsene 6, ermäßigt 4 Euro
Das Ticket berechtigt auch zum Besuch der Ständigen Sammlung.
Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren haben freien Eintritt.

Gruppen- und Einzelführungen
Individuelle Buchung beim Besucherservice Bildung und Vermittlung
unter: Telefon: +49 (0) 6151 1657-111, Mail: vermittlung@hlmd.de
Anmeldungen auch für Gruppen ohne gebuchte Führung erforderlich!
Die Führungen sind auf 25 Personen beschränkt.
Erreichbarkeit: Dienstag und Freitag 10.00 – 12.00 Uhr, Mittwoch 14.00 – 16.00 Uhr
pro Führung und Gruppe: 60 Euro zzgl. Eintritt, fremdsprachig: 70 Euro zzgl. Eintritt

Trauer um dem Darmstädter Landesmuseums-Direktor Dr. Theo Jülich

Dr. Theo Jülich, Direktor des Hessischen Landesmuseum Darmstadt. Foto: HLMD
Dr. Theo Jülich, Direktor des Hessischen Landesmuseum Darmstadt. Foto: HLMD

Wiesbaden.Kunst- und Kulturminister Boris Rhein sowie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hessischen Landesmuseums Darmstadt trauern um den Leitenden Direktor des Hauses, Dr. Theo Jülich. Dr. Jülich verstarb am 20. Januar 2018 nach langer, schwerer Krankheit.

Kunst- und Kulturminister Boris Rhein: „Dr. Theo Jülich war ein herausragender Kunstwissenschaftler und hat das Hessische Landesmuseum Darmstadt mit Herzblut geführt. Eine seiner größten Leistungen war die Koordinierung der Sanierung des Landesmuseums, das seitdem zweifellos eines unserer kulturellen Flaggschiffe in Hessen ist. Dr. Theo Jülichs Tod reißt eine große Lücke – nicht nur an seinem Arbeitsplatz und bei seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, auch in der gesamten hessischen Museumslandschaft. Unsere Gedanken sind in diesen schweren Stunden bei seiner Familie und seinen Freunden.“

Dr. Theo Jülich wurde 1956 geboren. Er studierte Kunstgeschichte und Geschichte in Aachen und kam 1989 zum Hessischen Landesmuseum Darmstadt – zunächst als wissenschaftlicher Angestellter. Im Jahr 2005 wurde er stellvertretender Direktor des Hauses, seit 2013 führte er das Landesmuseum als Leitender Direktor.

Dr. Jülichs Leidenschaft galt vor allem der Mittelalterlichen Kunst. Er war national und international als herausragender Kenner bekannt. Ebenso wie das Mittelalter fesselte ihn die Geschichte des Hessischen Landesmuseums seit seinen Anfängen 1820. Er arbeitete diese Geschichte erstmals intensiv und für alle nachfolgenden Generationen gültig auf. Dass er das 200jährige Jubiläum im Jahr 2020 nicht mehr gestalten kann, ist daher besonders tragisch.

Dr. Theo Jülich schaffte es, dass das Hessische Landesmuseum Darmstadt alle Altersstufen anspricht und sich so ein breites Interesse am Haus und seinen Sammlungen sichert. Während der siebenjährigen Sanierung des Landesmuseums koordinierte Dr. Jülich mit größtem Einsatz die Auslagerung der gesamten Sammlung und arbeitete gemeinsam mit der Hessischen Landesregierung daran, ein modernes Museumserlebnis zu schaffen, das 2014 der Öffentlichkeit präsentiert werden konnte.

Die Früchte dieses Erfolges konnte er aufgrund seiner bald folgenden Erkrankung leider nicht mehr in vollen Zügen genießen. Er blieb bis zur letzten Minute an seinem Schreibtisch im Dienst des Hessischen Landesmuseums Darmstadt und dessen Zukunft. Davon legt die noch bis zum 11. März 2018 laufende Ausstellung „Der Mainzer Goldschmuck. Ein Kunstkrimi aus der deutschen Kaiserzeit“ Zeugnis ab, die ihm seit langen Jahren ein besonderes Forschungs- und Herzensanliegen war.

„Das Hessische Landesmuseum Darmstadt ist eines der letzten großen Universalmuseen in Europa, das Kunst, Kultur und Naturkunde unter einem Dach vereint. Dr. Theo Jülich verstand es unnachahmlich, die unterschiedlichen Sammlungen miteinander zu vernetzen und durch attraktive Dauer- und Sonderausstellungen mit anspruchsvollen Themen zu präsentieren. Wir werden Dr. Theo Jülich ein ehrendes Andenken bewahren“, so Kunst- und Kulturminister Boris Rhein abschließend.

Das Kondolenzbuch liegt ab Dienstag, den 23. Januar 2018, in der Haupthalle des Museums aus. Während der Öffnungszeiten des Museums gibt es die Möglichkeit, sich in das Buch einzutragen.

Hessisches Landesmuseum Darmstadt
Friedensplatz 1
64283 Darmstadt

Bis 04. Februar 2018 Bildwerke des Wissens. Ein Querschnitt durch 450 Jahre Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt
Bis 11. März 2018 Der Mainzer Goldschmuck. Ein Kunstkrimi aus der deutschen Kaiserzeit
Save the date!
28. März 2018 bis 24. Juni 2018 Eleganz und Poesie. Höhepunkte der französischen Zeichenkunst vom 16. bis 18. Jahrhundert
24. April bis 22. Juli 2018 Beschaffenheit des Himmels. Altarmalerei am Mittelrhein vom 13. bis 16. Jahrhundert
4. Mai bis 5. August 2018 Microsculpture – Faszinierende Insektenwelt. Mit den Insektenportraits von Levon Biss

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Der Mainzer Goldschmuck – Ein Kunstkrimi aus der deutschen Kaiserzeit

Die große fränkische Adler-/Pfauenfibel, 2. Hälfte 9. Jahrhunderts, die 1880 in Mainz (Ecke Stadthausstrasse/Schustergasse" gefunden wurde, war Hauptstück des  Konvoluts, um das in den folgenden Jahren die Geschichte eines Kaiserinnenschmucks erfunden wurde. Die Fibel, jetzt in der Darmstädter Ausstellung zu bewundern, zählt zu den kostbarsten Exponaten des Landesmuseums Mainz. Foto: Diether v. Goddenthow
Die große fränkische Adler-/Pfauenfibel, 2. Hälfte 9. Jahrhunderts, die 1880 in Mainz (Ecke Stadthausstrasse/Schustergasse“ gefunden wurde, war Hauptstück des Konvoluts, um das in den folgenden Jahren die Geschichte eines Kaiserinnenschmucks erfunden wurde. Die Fibel, jetzt in der Darmstädter Ausstellung „Mainzer Goldschatz“ zu bewundern, zählt zu den kostbarsten Exponaten des Landesmuseums Mainz und war auch 1992  in der großen Staufer-Ausstellung  in Speyer ein Publikumsmagnet. Foto: Diether v. Goddenthow

Die abenteuerliche Geschichte des wohl prominentesten mittelalterlichen Schmuckensembles, die Ergebnisse der Untersuchungen und seine heutige Interpretation sind die Themen dieser einmaligen Ausstellung, die zum ersten Mal alle Teile des Schatzes vereinigt. Vom 8. Dezember 2017 – 11. März 2ß18.

Sicher ist, dass 1880 im Stadtzentrum von Mainz bei Bauarbeiten eine goldene Fibel aus dem Mittelalter gefunden wurde, die einen stilisierten Pfau zeigt. Wie das Denkmalschutzgesetz es für Bodenfunde vorschrieb, gelangte das Stück in das Mainzer Altertumsmuseum. Es wurde bei der Gelegenheit an einigen Stellen restauriert, was bei Bodenfunden durchaus üblich ist, und der Fund als „Adlerfibel“ in der Fachliteratur veröffentlicht. Sechs Jahre später, 1886, tauchen mit unklarer Herkunft 6 Ringe, 5 Schmuckstücke und einige Goldketten bei einer Wiesbadener Trödlerin, Rebekka Rosenau, auf. Der Konservator für die Altertümer im Bezirk Wiesbaden, Carl August von Cohausen (1812 – 1894), vermerkt aufgrund der Art der anhaftenden Erde, dass die Stücke als Fund von einem Acker stammen müssen. Das heißt, sie haben nichts mit dem Fund von 1880 in der Mainzer Innenstadt zu tun.

Davon geht aber der Mainzer Kulturprälat Friedrich Schneider (1836 – 1907) aus, der 1887 bei einer weiteren Gruppe von Schmuckstücken vom dritten Teil des Mainzer Goldschmucks redet. Die Wiesbadener Gruppe war für ihn also der zweite Teil des Schatzfundes. Die Wiesbadener Gruppe wird von dem Frankfurter Kunsthändler Julius Goldschmidt (1858 – 1932) für 2.700 Mark erworben, durch gegenseitige Verkäufe mit David Reiling, einem Mainzer Kunsthändler, auf 5.000 Mark hochgeschaukelt und schließlich auf nachdrückliche Empfehlung von Friedrich Schneider für 10.000 Mark an den Baron Maximilian von Heyl verkauft.

Friedrich Schneider ist wie eine Art Kunstmakler für den Darmstädter Millionär Maximilian von Heyl (1844 – 1925) tätig. Er ist ihm freundschaftlich verbunden und berät ihn bei Ankäufen zum Aufbau einer großen Kunstsammlung, vornehmlich bei mittelalterlichen Objekten. Ein Jahr später, 1887, tauchen bei dem Wiesbadener Kunsthändler August Gerhard weitere Schmuckstücke auf, darunter ein Brustschmuck, der sogenannte Loros. August von Cohausen hält diesen nach einer Einschätzung von Julius Lessing (1843 – 1908), dem Direktor des Berliner Kunstgewerbemuseums, für zwei Gehänge, die seitlich an einer Krone befestigt gewesen wären. Friedrich Schneider schreibt an von Heyl, er hoffe, dass auch die zugehörige Krone bald auftauche. Von Heyl erwirbt diesen „dritten“ Teil des Mainzer Schmucks für 8.000 Mark.

Einige Stücke, die bei von Heyl zu dem Schmuckensemble zählten, werden sonst nicht in den Empfehlungsschreiben und Berichten erwähnt. Dazu zählen der Halsschmuck, das sogenannte Maniakon, und die Berliner Adlerfibel, die wohl mit dem „dritten“ Teil von August Gerhard 1887 nach Darmstadt kamen. Ohrringe und weitere Fibeln mögen ebenfalls darunter gewesen sein, falls sie nicht tatsächlich mit der Adlerfibel 1880 gefunden und unterschlagen wurden und auf uns nicht bekannten Wegen an Baron von Heyl gelangten.

Zwei Sternfibeln, Gold, Saphire, Amethyste, Perlen und Granateinlagen.  1. Hälfte 11. Jahrhundert, die angeblich 1896 durch den Prälaten Friedrich Schneider höchstpersönlich in einer Baugrube am Mainzer Dom gefunden worden sind. Foto: Diether v. Goddenthow
Zwei Sternfibeln, Gold, Saphire, Amethyste, Perlen und Granateinlagen. 1. Hälfte 11. Jahrhundert, die angeblich 1896 durch den Prälaten Friedrich Schneider höchstpersönlich in einer Baugrube am Mainzer Dom gefunden worden sind. Foto: Diether v. Goddenthow

1896 entdeckt Friedrich Schneider höchstpersönlich in einer Baugrube am Mainzer Dom die zwei Mainzer Tasseln (paarweise getragene Fibeln), die dann dem Dommuseum Mainz einverleibt und heute im Darmstädter Landesmuseum aufbewahrt werden. Ihr Zustand mit unversehrten Perlen und kaum verdrückten Goldfassungen spricht entweder für eine durchgreifende Restaurierung, die aber nicht in den Unterlagen des Dommuseums dokumentiert ist, oder für ganz andere Fundumstände als angegeben.1904 werden schließlich bei Bauarbeiten ein Ohrring und eine byzantinische Münze des Kaisers Romanos gefunden und dem Gesetz folgend dem Altertumsmuseum Mainz, heute Landesmuseum Mainz, übergeben.

Eine eingehende technologische und kunsthistorische Untersuchung der Stücke in den letzten Jahren ergab, dass sie weder stilistisch noch technisch in einen unmittelbaren Zusammenhang gehören. Sie entstammen unterschiedlichen Zeiten und Regionen. Ein Teil von ihnen ist durchgreifend restauriert, ein anderer Teil nur wenig. Gerade die prominenten Stücke, die die Vorstellung von einem Kaiserinnenschmuck erst begründeten, sind aber moderne Erfindungen. Das gilt für den Loros, das Maniakon und die Berliner Adlerfibel. Sie wurden unter der Verwendung weniger alter Teile neu geschaffen.

Denkbar und wahrscheinlich ist nun folgendes Szenarium: Nach dem spektakulären Fund der Mainzer Adlerfibel entsteht bei von Heyl der Wunsch, derartiges und möglichst mit einer prominenten Herkunft auch in seiner Sammlung zu haben. In enger Zusammenarbeit präsentieren Friedrich Schneider, Julius Goldschmidt, David Reiling und August Gerhard nun Stücke, die sie mit dem Mainzer Schatzfund in Verbindung bringen. Das sind Objekte, die aus unterschiedlichsten Quellen wie Raubgrabungen und dem Kunsthandel stammen. Darunter sind auch solche wie die große Buckelfibel, die Darmstädter Tasseln und die Ohrgehänge, die von großer Feinheit und Qualität sind. Die beiden Schmuckketten, Loros und Maniakon, sind dagegen grob nach dem Vorbild mittelalterlicher Bilder von Kaisern und Kaiserinnen und antiken Schmuckstücken unter Verwendung von alten Teilen wie zerbrochenen Kameen neu gestaltet worden. Friedrich Schneider preist die Stücke an, verbürgt sich sozusagen dafür, und der Baron kauft im Glauben, es handele sich um einen homogenen Fund mit fürstlichem Hintergrund.
Inwieweit Friedrich Schneider von der zweifelhaften Herkunft der Stücke wusste oder selbst mit Erfolg betrogen wurde, kann man heute nicht mehr entscheiden. Der wundersame Fund der Tasseln, die weder in ihrem Zustand noch als Pärchen im Erdboden am Mainzer Dom Sinn machen, spricht dafür, dass hier dem Prälaten und seinem Museum aus derselben zusammen gestellten Kollektion etwas zukommen sollte, aus der auch der Schmuck der Kaiserinnen stammte.

Der Öffentlichkeit wird der Schatz im Besitz des Barons von Heyl zuerst 1890 im Kunstgewerbemuseum Berlin, dann auf der Düsseldorfer Kunstausstellung 1902 als Schmuck einer Fürstin des 11. Jahrhunderts präsentiert. Wilhelm von Bode (1845 – 1929), der Generaldirektor der königlichen Museen in Berlin, wird ihn in Berlin oder Düsseldorf gesehen haben. Seit der Ausstellung 1902 wird dem Schmuck eine stets wachsende kaiserliche Aura zugebilligt, bis hin zu Otto von Falkes (1862 – 1942) Identifizierung der Trägerin als Kaiserin Gisela im Jahr 1913. In der Öffentlichkeit und in der Kunstgeschichte werden gerade die beiden Kettengehänge zum Paradebeispiel für den Schmuck einer hochmittelalterlichen Kaiserin.

Wohl auf Anregung des Generaldirektors der Königlichen Museen, Wilhelm von Bode, erwarb 1912 eine Gruppe vermögender Männer das zum Kaiserinnen-Schmuck erhobene Konvolut für 300 000 Mark vom Darmstädter Baron von Heyl für das im Bau befindliche "Deutsche Museum" in Berlin. Dies war ein Prestige-Projekt von Kaiser Wilhelm II,  Foto: Diether v. Goddenthow
Wohl auf Anregung des Generaldirektors der Königlichen Museen, Wilhelm von Bode, erwarb 1912 eine Gruppe vermögender Männer das zum Kaiserinnen-Schmuck erhobene Konvolut für 300 000 Mark vom Darmstädter Baron von Heyl für das im Bau befindliche „Deutsche Museum“ in Berlin. Dies war ein Prestige-Projekt von Kaiser Wilhelm II, Foto: Diether v. Goddenthow

Wohl auf Anregung Wilhelm von Bodes hatte sich ein Konsortium privater vermögender Stifter unter der Organisation des Bankiers Ludwig Delbrück (1860 – 1913) gebildet mit dem Ziel, den Schatz für Kaiser Wilhelm II. und das gerade entstehende „Deutsche Museum“ zu erwerben. 1912 konnte für 300.000 Mark die Besitzübertragung erfolgen. Auch für Baron von Heyl war daher der „Schmuck der Kaiserinnen“ ein gutes Geschäft. Das „Deutsche Museum“ Wilhelm von Bodes wurde durch Krieg und Revolution bedingt erst 1930 eröffnet und der Schmuck schließlich dem Kunstgewerbemuseum überwiesen, wo er über Jahrzehnte hinweg als das Hauptwerk des mittelalterlichen Schmucks in Deutschland galt.

Der Katalog zur Ausstellung
coverDer zur Ausstellung von Theo Jülich herausgegebene Katalog erweist sich als wahre Fundgrube zu allen Aspekten  der abenteuerlichen Geschichte des Mainzer Goldschmucks, des wohl prominentesten mittelalterlichen Schmuckensembles in Deutschland.

Theo Jülich (Hrsg.) MAINZER GOLDSCHMUCK. Ein Kunstkrimi aus der Kaiserzeit, Schnell & Steiner, Regenburg 2017, gebundene Ausgabe, 336 Seiten, ISBN:978-3-7954-3286-7
33 Euro während der Ausstellung im Museumsshop, 39,95 Euro im Buchhandel.

RAHMENPROGRAMM

Der Mainzer Goldschmuck
Ein Kunstkrimi aus der deutschen Kaiserzeit – vom 8. Dezember 2017 – 11. März 2ß18

Öffentliche Themenführungen
Sonderausstellungseintritt, max. 25 Teilnehmer, Teilnahmekarten am Veranstaltungstag
an der Museumskasse, keine Vorreservierung möglich

Sonntag, jeweils 11.30 Uhr
10.12.2017
»Zwischen Mythos und Wirklichkeit – Ein Kunstkrimi«
mit Dr. Joyce Wittur

17.12.2017
»Im Glanz von Gold und Edelsteinen – Das höfische Handwerk im Mittelalter«
mit Renate-Charlotte Hoffmann, M. A. (Vergoldermeisterin)

7.1.2018
»Sammelleidenschaft – Maximilian von Heyl und der Goldschmuck«
mit Carien Walter

21.1.2018
»Im Glanz von Gold und Edelsteinen – Das höfische Handwerk im Mittelalter«
mit Renate-Charlotte Hoffmann, M. A. (Vergoldermeisterin)

4.2.2018
»Zwischen Mythos und Wirklichkeit – Ein Kunstkrimi«
mit Dr. Joyce Wittur

18.2.2018
»Fürstliches Geschmeide – Der Mainzer Goldschmuck kommt nach Darmstadt«
mit Hannes Pflügner, M. A.

4.3.2018
»Im Glanz von Gold und Edelsteinen – Das höfische Handwerk im Mittelalter«
mit Renate-Charlotte Hoffmann, M. A. (Vergoldermeisterin)

11.3.2018
»Zwischen Mythos und Wirklichkeit – Ein Kunstkrimi«
mit Dr. Joyce Wittur

Mittwoch, jeweils 18.30 Uhr
31.1.2018
»Zwischen Mythos und Wirklichkeit – Ein Kunstkrimi«
mit Dr. Joyce Wittur

14.2.2018
»Sammelleidenschaft – Maximilian von Heyl und der Goldschmuck«
mit Carien Walter

7.3.2018
»Fürstliches Geschmeide – Der Mainzer Goldschmuck kommt nach Darmstadt«
mit Hannes Pflügner, M. A.

Vorträge
Sonderausstellungseintritt, Teilnahmekarten am Veranstaltungstag an der Museumskasse, keine Vorreservierung möglich

Mittwoch, 7.2.
18.30 Uhr
»Die Goldschmiedearbeiten der Trierer Egbertwerkstatt«
Vortrag von Dr. Hiltrud Westermann-Angerhausen, Universität Düsseldorf

Mittwoch, 21.2.
18.30 Uhr
»Essen sein Schatz. Die ottonisch-salischen Kunstwerke des Essener Doms«
Vortrag von Dr. Birgitta Falk, Leiterin der Domschatzkammer Aachen

Mittwoch, 7.3.
18.30 Uhr
»Die Krone der Kronen. Die Reichskrone in der Weltlichen Schatzkammer«
Vortrag von Dr. Fritz Fischer, Direktor der Weltlichen Schatzkammer Wien

Sonderveranstaltungen
Workshop
Samstag, 27.1.2018, 11.00-17.00 Uhr
»Kleine Einführung in die Technik des Vergoldens«

Vergolden mit Blattgold

Die sehr alte Kunst eine Fläche mit Blattgold zu veredeln wird in diesem Kurs praktisch vermittelt. Im Rahmen des eintägigen Workshops wird die grundlegende Technik der Ölvergoldung Schritt für Schritt erarbeitet. Jede/r Teilnehmer/in wird als Ergebnis ein selbst vergoldetes Werkstück mit nach Hause nehmen. Es können auch eigene kleine Gegenstände, z. B. aus Holz, zum Vergolden mitgebracht werden. Die nötigen Werkzeuge werden gestellt, das Blattgold kann vor Ort
erworben werden.

Leitung: Renate-Charlotte Hoffmann, M. A. (Vergoldermeisterin)
Kosten: 50 Euro pro Person zzgl. 25 Euro für Material Blattgold
max. 6 Teilnehmer

Anmeldung und Beratung: T06151 1657-111 oder vermittlung@hlmd.de

Buchung von Gruppen- und Individualführungen
Kosten: pro Gruppe 60 Euro, zzgl. Sonderausstellungseintritt, fremdsprachig 70 Euro, zzgl. Sonderausstellungseintritt, max. 25 Teilnehmer

Anmeldung und Beratung
T 06151 1657-111 (Di 10.00-12.00, Mi 14.00-16.00, Fr. 10.00-12.00 Uhr)
oder vermittlung@hlmd.de

 Ort:

Foto: Diether v. Goddenthow
Foto: Diether v. Goddenthow

Hessisches Landesmuseum Darmstadt
Friedensplatz 1,
64283 Darmstadt
www.hlmd.de

„Bildwerke des Wissens“ zeigt Bilderschatz durch 450 Jahre Uni- und Landesbibliothek ab 2.Nov. im Landesmuseum Darmstadt

Bildwerke des Wissens. Ein Querschnitt durch 450 Jahre Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt 2. November 2017 bis 4. Februar 2018 Foto: Diether v. Goddenthow
Bildwerke des Wissens.
Ein Querschnitt durch 450 Jahre Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt
2. November 2017 bis 4. Februar 2018 Foto: Diether v. Goddenthow

 

 

(Text Landesmuseum Darmstadt)

Bildwerke des Wissens.
Ein Querschnitt durch 450 Jahre Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt
2. November 2017 bis 4. Februar 2018

Aus dem seit 450 Jahren gewachsenen Bestand der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt stellt die Ausstellung ausgewählte Bildwerke ins Zentrum und lässt anschaulich werden, dass sich bereits seit den Anfängen mit der Büchersammlung des Landgrafen Georg I. (1547-1596) und der ersten Erweiterung der Bibliotheksbestände durch Ankäufe im Jahr 1568 die »Macht des Wissens« mit der »Macht der Bilder« verschränkte.

Aquarell "Päpstin Johanna", die lt. Legende, als Mann verkleidet, bei einer Prozession ein Kind gebar. in:Thesaurus Picturarum - Ende 16.Jhrd.  Foto: Diether v. Goddenthow
Aquarell „Päpstin Johanna“, die lt. Legende, als Mann verkleidet, bei einer Prozession ein Kind gebar. in:Thesaurus Picturarum – Ende 16.Jhrd. Foto: Diether v. Goddenthow

Zu sehen ist u.a. das 33 Bände umfassende bebilderte Werk »Thesaurus Picturarum« des Heidelberger Kirchenrats Markus zum Lamm (Speyer 1544-1606 Heidelberg), welches erwiesenermaßen in direktem Zusammenhang mit der Sammeltätigkeit der Darmstädter Landgrafen steht, indem Georg II. (1626-1661) es seiner Gemahlin Sophie Eleonore schenkte. Diese enzyklopädische Sammlung ist eine der wichtigsten Quellen für die Umbruchzeit in der Kurpfalz Ende des 16. Jahrhunderts. Ebenso werden Stichwerke des Künstlers und Archäologen Giovanni Battista Piranesi (1720-1778) gezeigt, darunter »Le Vedute di Roma« (4 Bde., 1756). Piranesi war ein bildmächtiger Rekonstrukteur des alten Rom sowie Chronist und Bildgeber seiner Gegenwart. Aber auch die ersten manufakturell hergestellten Reliefkarten des Kartographen Georg Michel Bauerkeller (1805-1886) sind zu bestaunen. Mit seiner Erfindung der »Geomontographie« verlieh Bauerkeller seinen farblithographischen Plänen bereits in den 1830/40er Jahren Dreidimensionalität und lieferte auf Grundlage neuen geographischen Wissens visuelle Werkzeuge für das Denken und die Erkenntnis.

Alle genannten Werke waren herausragende Veröffentlichungen ihrer Zeit und legen Zeugnis ab von der Kunstbegeisterung und dem Qualitätsbewusstsein der Landgrafen und später Großherzöge von Hessen-Darmstadt.

RAUMFOLGE

RAUM 1
Bildwerke des Wissens – Einführung zur Ausstellung

Im Raum 1 werden neben Einführungstexten und Porträts des Begründers von Residenz und Bibliothek um 1567 Georg I. Ahnentafeln derer von Hessen-Darmstadt gezeigt. Foto: Diether v. Goddenthow
Im Raum 1 werden neben Einführungstexten und Porträts des Begründers von Residenz und Bibliothek um 1567 Georg I. Ahnentafeln derer von Hessen-Darmstadt gezeigt. Foto: Diether v. Goddenthow

Die heutige Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt (ULB) und das Hessische Landesmuseum Darmstadt (HLMD) haben ihren gemeinsamen Ursprung bei den Landgrafen und späteren Großherzögen von Hessen-Darmstadt. Die ältere, große Schwester ist die Bibliothek, entstanden aus der Büchersammlung des Landgrafen Georg I. (1547-1596) und der ersten Erweiterung der Bibliotheksbestände durch Ankäufe im Jahr 1568. Zum 450jährigen ULB-Jubiläum zeigt das HLMD diese Ausstellung, die in Kooperation zwischen beiden Institutionen erarbeitet wurde.

Aus dem seit 450 Jahren gewachsenen Bestand der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt stellt „Bildwerke des Wissens“ drei Werkkomplexe ins Zentrum, die mit historischen Stationen der Entwicklung der Bibliothekssammlungen korrespondieren. Sie lassen anschaulich werden, dass sich bereits seit den Anfängen mit der Büchersammlung der Landgrafen und der ersten Erweiterung der Bibliotheksbestände die „Macht des Wissens“ mit der „Macht der Bilder“ verschränkte.

Thesaurus picturarum_ 1564-1606 Bd.4_S.139r Foto: Universitäts und Landesbibliothek Darmstadt.
Thesaurus picturarum_ 1564-1606 Bd.4_S.139r Foto: Universitäts und Landesbibliothek Darmstadt.

Den Auftakt macht der Thesaurus Picturarum von Marcus zum Lamm (1544-1606). Erstmals werden alle 33 Bände dieses „Schatzes der Bilder“ in einer Ausstellung gezeigt. Als Enzyklopädie der Frühen Neuzeit führt uns das Werk zum Primärgedanken der im 16. Jahrhundert entstandenen Bibliothek der Landgrafen von Hessen-Darmstadt und den Anfängen ihrer Sammeltätigkeit, die das Wissen der Welt vereinen und bewahren wollte.

Als papiernes Anschauungsmaterial des antiken Roms erwarb der Landgraf Ludwig 1792 das Stichwerk des zeitgenössischen Künstlers und Archäologen Giovanni Battista Piranesi (1720-1778), darunter 106 Blätter der großformatigen Vedute di Roma (1747-1778). Piranesis Radierungen wurden damals als Bilddokumente betrachtet, weshalb sie nicht zu den Kunstwerken in die Museumssammlungen, sondern zu den Büchern in die Hofbibliothek kamen. Heute hat sich die Sichtweise auf diese topographischen Ansichten gewandelt. Längst sind es museumswürdige Kunstwerke ersten Ranges. Anlässlich dieser Ausstellung wurde der im 19. Jahrhundert geheftete Band der Vedute di Roma aufgebunden und aufgelegt. So können diese Veduten, die der wertvollen Erstausgabe entstammen, erstmals ausgestellt werden.

Als dritten Werkkomplex zeigen wir seltene Reliefkarten des gelernten Buchdruckers und Kartographen Georg Michael Bauerkeller (1805-1886). Fast 200 Jahre vor dem digitalen 3D-Druck verlieh Bauerkeller dank seiner Erfindung der „Geomontographie“ (griech.- lat.: „Erd- und Bergdarstellung“) seinen farblithographischen Plänen bereits in den 1830/40er Jahren Dreidimensionalität und lieferte auf Grundlage neuen geographischen Wissens visuelle Werkzeuge für das Denken und die Erkenntnis.

450 Jahre nach ihren Anfängen ist die ULB Darmstadt dabei, sich in ein universelles Informationszentrum zu verwandeln mit Öffnungszeiten rund um die Uhr. Stück um Stück werden die wertvollen, urheberrechtsfreien Schätze eingescannt und online gestellt. Ob ein Mehr an enzyklopädischem Wissen, wie es digitale Bibliotheken zur Verfügung stellen, tatsächlich auch zu mehr Erkenntnis führt, lag und liegt an uns Menschen.

RAUM 2
Giovanni Battista Piranesi: Vedute di Roma

96 Drucke von Giovanni Battista Piranesi zeigt Raum 2.  Foto: Diether v. Goddenthow
96 Drucke von Giovanni Battista Piranesi zeigt Raum 2. Foto: Diether v. Goddenthow

Der Architekt, Zeichner und Radierer Giovanni Battista Piranesi (1720 – 1778) kam 1740 erstmals nach Rom. Von da an sollte die ewige Stadt sowohl biographisch als auch inhaltlich das Zentrum seines Schaffens bleiben. In Rom waren damals etliche Bauwerke dem Verfall preisgegeben oder ihnen wurden, jegliche Wertschätzung entbehrend, Materialien entnommen, die man als Baustoffe für Neubauten verwendete. Piranesi fasste daher den Plan, Stichwerke zu erarbeiten, die nicht zuletzt die antiken Bauten für die Menschheit auf ewig bewahren sollten. Ihm war in seinen Vedute di Roma daran gelegen, die antiken und barocken römischen Bauten in ihrer architektonischen Qualität zu würdigen und gleichzeitig ihre Monumentalität und Schönheit zu inszenieren.

Bildkonstruktion und Inszenierung

Giovanni Battista Piranesi: Vedute di Roma, Bildkonstruktion und Inszenierung.  Foto: Diether v. Goddenthow
Giovanni Battista Piranesi: Vedute di Roma, Bildkonstruktion und Inszenierung. Foto: Diether v. Goddenthow

Als ausgebildeter Architekt vermaß und erforschte Piranesi die Bauwerke oftmals bis ins Detail. Als Künstler ging es ihm jedoch weniger um die Einhaltung der in der Realität gegebenen Proportionen. Im Gegenteil vernachlässigte er nicht selten eine realistische Perspektive zugunsten einer Bedeutungsperspektive. Piranesi schuf idealisierte Veduten, in denen er Proportionen und Blickachsen verfremdete und an ästhetische Maßstäbe anpasste. Der architektonischen Inszenierung dienen zudem geschickt angelegte Blickachsen, die Wahl einer Perspektive, die eine extreme Unter- oder Aufsicht erzeugt oder eine dramatische Schattengebung. Ein Können, das Piranesi durch seine Mitarbeit bei dem Perspektivlehrer und Bühnenarchitekten Carlo Zucchi sowie im Atelier der Theater- und Dekorationsarchitekten Valeriani erworben hatte. Dem Betrachter der Stiche wird die Monumentalität der Gebäude durch meist kleine Staffagefiguren vor Augen geführt. Sie beleben die Szenen und führen den Betrachter ins Bild hinein. Aus den Werken Piranesis spricht die Ästhetik des Sublimen, das überwältigende Erhabene.

Die Vedute als Bildungsobjekt
Rom übte nicht nur auf Piranesi, sondern ebenso auf zahlreiche Romreisende und Gebildete, die nicht selbst die Reise nach Rom antreten konnten, eine große Faszination aus. Die zum Erwerb angebotenen Einzelblätter, die Innen- und Außenansichten variieren, ließ Piranesi ab 1760 in seiner eigenen Druckerei in Rom produzieren. Sie waren jedoch nicht für jeden Geldbeutel erschwinglich. Um Piranesis Bilddokumente der ewigen Stadt nach Darmstadt zu holen, musste der junge Landgraf Ludwig im Jahr 1790 tief in die Tasche greifen und die erkleckliche Summe von 450 Gulden zahlen (das Jahresgehalt eines Lehrers betrug damals ca. 135 Gulden).

RAUM 3
Die Reliefkarten der Gebrüder Bauerkeller

Die Reliefkarten der Gebrüder Bauerkeller  in Raum 3. Foto: Diether v. Goddenthow
Die Reliefkarten der Gebrüder Bauerkeller in Raum 3.
Foto: Diether v. Goddenthow

Neben neuen Vermessungsmöglichkeiten, territorialen Verschiebungen und kriegerischen Impulsen erfuhr die Kartographie am Ende des 18. Jahrhunderts bzw. Anfang des 19. Jahrhunderts durch große offizielle Landvermessungen einen Aufwind. Bereits im frühen 16. Jahrhundert finden sich Versuche, topographischen Karten durch zeichnerische Raffinesse eine reliefartige Wirkung zu verleihen und somit ihre Anschaulichkeit zu erhöhen. Noch bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts wurden Landkarten stets von Hand koloriert, bis die Erfindung der Lithographie einen seriellen Farbdruck ermöglichte.
Die plastischen „Geländemodelle“ der Gebrüder Bauerkeller, deren Produktion Anfang der 1840er Jahre begann, eröffneten ihren Zeitgenossen einen summarischen Blick über Gebirge, Flüsse und Täler aus einer den meisten Menschen des 19. Jahrhunderts noch unbekannten Perspektive. Bauerkeller sprach hierbei von „Geomontographie“, was etwa mit „Erd- und Bergdarstellung“ zu übersetzen ist.

Die Halbbrüder Georg Michael Bauerkeller (1805-1886) und Georg Leonhart Bauerkeller (1809 – 1848) aus Wertheim a. M. hatten in Paris die Druckerei „Bauerkeller & Cie.“ gegründet, die als erste Großdruckerei für Prägedrucke bezeichnet werden kann. Während die Firma in Paris florierte, ließ sich Georg Leonhart Bauerkeller 1844 in Darmstadt nieder. Hier entstand die Firma „Bauerkellerˈs Präganstalt Jonghaus und Venator“. Das Darmstädter Unternehmen gab zwischen 1844 und 1848 Pläne, Karten, Atlanten und diverse Kartenwerke im Relief heraus. Entscheidend für die Genese der Firma Bauerkeller war die Entwicklung von großformatigen Karten im Flächen-Prägedruck in Kombination mit Papiermaché (Pappmachee; Gemisch aus Papier mit Kleister). Die erste belegbare Landkarte in dieser neuen Technik ist die hier gezeigte Karte „Die Schweiz und angrenzende Länder“ (Paris, 1842).

Hierfür wurde zunächst eine mehrfarbige Landkarte im lithographischen Verfahren gedruckt. Darauf folgte die Gestaltung einer maßstabsgetreuen und seitenverkehrten Platte mit eingegrabenen Vertiefungen (Prägeform, Matrize) sowie einer passgenauen Gegenform (Patrize). Die gedruckte Landkarte wurde mittels Feuchtigkeit formbar gemacht und unter hohem Druck farblos geprägt. Um die so erzeugten Höhungen dauerhaft zu fixieren, wurde die unbedruckte Rückseite mit einer dünnen Schicht aus Papiermaché unterfüttert. Ein abschließender Firnis (Lack) gab dem farbigen Druck mehr Tiefe.

Auch wenn es bereits zuvor Reliefkarten unter der Verwendung von Papiermaché gab, blieben diese doch seltene Originale, da sie im aufwendigen händischen Verfahren gebaut werden mussten. Die Bauerkellerˈschen Reliefkarten waren hingegen maschinell hergestellt, so dass ihr Blick aus der Vogelperspektive einer breiten Masse zur Verfügung gestellt werden konnte.

RAUM 4
Marcus zum Lamm: Thesaurus Picturarum

Raum 1 der Thesaurus Picturarum von Marcus zum Lamm (1544-1606). 33 Bände dieses „Schatzes der Bilder“. Enzyklopädie der Frühen Neuzeit. Foto: Diether v. Goddenthow
Raum 4 der Thesaurus Picturarum von Marcus zum Lamm (1544-1606). 33 Bände dieses „Schatzes der Bilder“. Enzyklopädie der Frühen Neuzeit. Foto: Diether v. Goddenthow

Thesaurus Picturarum lässt sich als „Schatz der Bilder“ übersetzen, was den Anspruch seines Namensgebers und Erfinders Marcus zum Lamm wiedergibt, seine Zeit in Worten und Bildern zu erfassen und zur Bewahrung zwischen Buchdeckeln zu pressen.

Der Autor
Der in Speyer am 3. März 1544 geborene Juristen-Sohn Marcus zum Lamm studierte Jura in Heidelberg. 1576 wurde der inzwischen zum Calvinismus konvertierte Jurist vom Kurfürsten Friedrich III. von der Pfalz (1515-1576) in Heidelberg zum Kirchenrat berufen. Entlassen aus religiösen Gründen durch den lutherischen Nachfolger des Kurfürsten verblieb er dort ohne Beschäftigung – anstatt wie viele bekannte Calvinisten ins Exil zu Johann Kasimir von Pfalz-Simmern (1543-1592) in das heutige Neustadt an der Weinstraße zu flüchten. 1579 wurde er zum „Rat und Diener“ Johann Kasimirs. Dieser übernahm 1584 das Kurfürstenamt und Marcus zum Lamm bekam mit der Wiedereinführung des Calvinismus in Heidelberg wieder sein vormaliges Amt des Kirchenrates. Marcus zum Lamm starb am 13. Februar 1606.

Der gesamte Thesaurus muss auf der Grundlage des Lebens seines Machers verstanden werden. Denn von seinem Standpunkt aus als reicher Bürger, als Akademiker, als Calvinist und aus seiner örtlichen Gebundenheit an Heidelberg ist das Werk entstanden. Im Thesaurus macht uns Marcus zum Lamm in zahlreichen Kommentaren zu den von ihm gesammelten Darstellungen seine persönliche Meinung zu den Ereignissen zugänglich.

Die Thematik

Darstellung calvinistischer Schmährhetorik gegen die Lutheraner ist Teil einer Bildergeschichte. Hier: Eine junge Frau bringt im Beisein eines lutherischen Geistlichen und zweier Hebammen ein geflügeltes Ungeheuer zur Welt als Symbol der Lutherlüge. Die sexuell aufgeladene Bildpolemik bedient die Gier nach bizarren und monströsen Geschichten, wie sie sich um die am 13. Juni 1525 geschlossene Ehe von Martin Luther mit der entlaufenen Nonne Katharina von Bora rankten. aus Thesaurus Picturarum, Bd. 28, Blatt 89. Foto: Diether v. Goddenthow
Darstellung calvinistischer Schmährhetorik gegen die Lutheraner ist Teil einer Bildergeschichte. Hier: Eine junge Frau bringt im Beisein eines lutherischen Geistlichen und zweier Hebammen ein geflügeltes Ungeheuer zur Welt als Symbol der Lutherlüge. Die sexuell aufgeladene Bildpolemik bedient die Gier nach bizarren und monströsen Geschichten, wie sie sich um die am 13. Juni 1525 geschlossene Ehe von Martin Luther mit der entlaufenen Nonne Katharina von Bora rankten. aus Thesaurus Picturarum, Bd. 28, Blatt 89. Foto: Diether v. Goddenthow

Wir befinden uns mit dem Werk in einer Zeit der konfessionellen Konflikte nach der Reformationsbewegung. Der Thesaurus ist gespickt mit Flugblättern und Zeichnungen, die sowohl die römisch-katholische Kirche wie auch die lutherische Konfession kritisieren und karikieren. Wichtige Persönlichkeiten der Reformation werden dargestellt und kommentiert. Doch nicht nur sie, sondern auch angesehene Literaten, Persönlichkeiten der Antike oder längst verstorbene Akteure der Geschichte füllen neben dem Hochadel Europas sowie bekannten Hochstaplern und Verbrechern mit ihren Porträts die Bände. Unzählige zeitgenössische Schlachtendarstellungen spiegeln die unruhige Epoche wider. Spektakuläre Prozesse, schaurige Mordserien, prophetische Zeichen und Wunder finden ihren Weg in das Werk. Rauschende Feste zur Krönung, Taufe oder Hochzeit des Adels werden nacherzählt. Mit Akribie ließ Marcus zum Lamm die Mode der Zeit verschiedenster Schichten und aus unterschiedlichen Regionen in seinen Trachtenbänden darstellen. Ähnlich verfuhr er im Thesaurus bei seinen Vogelbildern, nicht nur seltene Exemplare, sondern auch häufig vorkommende Arten sind aufgenommen.

Der Weg des Thesaurus nach Darmstadt
Nach dem Tod des Marcus zum Lamm ging der Thesaurus Picturarum an seinen Sohn Marcus Christian zum Lamm (1580-1625), der das Werk selbst geringfügig erweiterte und auf den wahrscheinlich auch die heutige Zusammenstellung der Bände zurückgeht. Wohl aus finanziellen Gründen wechselte der Thesaurus in den Besitz des hessisch-darmstädtischen Kanzlers Antonius Wolff von Todenwarth (1592–1641) und nach dessen Tod in den seines Sohnes Eberhard (1614–1663). Georg II. von Hessen-Darmstadt (1605–1661) fragte 1644 bei Eberhard an, da seine Ehefrau Sophie Eleonore (1609–1671) Interesse an dem Bilderschatz bekundete und von dort gelangte der 33 bändige Thesaurus Picturarum schließlich in die Sammlung der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt.

Hessisches Landesmuseum Darmstadt
Friedensplatz 1
64283 Darmstadt

Herzlichen Glückwunsch! Joseph Maria Olbrich – zum 150. Geburtstag eines Universalkünstlers

Joseph Maria Olbrich Armlehnstuhl 1901. Foto: W. Fuhrmannek
Joseph Maria Olbrich Armlehnstuhl 1901. Foto: W. Fuhrmannek

Joseph Maria Olbrich, Architekt, Designer avant la lettre, Kunstmensch, wurde am 22. Dezember 1867 in Troppau im österreichischen Herzogtum Schlesien geboren. Seine Karriere startete 1893 mit dem Eintritt in das Büro des renommierten Wiener Architekten Otto Wagner. Das erste, aufsehenerregende, eigenständige Werk war das ab 1898 errichtete Wiener Secessionsgebäude mit seiner spektakulären Kuppel aus vergoldetem Blattwerk. Ein Jahr später berief ihn Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein nach Darmstadt an die neugegründete Künstlerkolonie, in der er von Anfang an eine führende Rolle übernahm. Hier in Darmstadt konnte Olbrich seine Ideen und Fähigkeiten als „Allrounder“ unter Beweis stellen. Die gesamte Umwelt wollte er gestalten, oder, wie er selbst formulierte: „Kein Gebiet menschlichen Denkens und Empfindens sollte unberücksichtigt bleiben, kein Quadratzentimeter Form und Farbe erhalten, die nicht vom künstlerischen Geist durchdrungen sind.“ Und so entwarf der Künstler Häuser und deren gesamte Einrichtung bis hin zum Kaffeelöffel und zum Küchenhandtuch, Textilien und Schmuck und sogar Autokarosserien und Registrierkassen. Kaum ein Bereich des menschlichen Lebens wurde außen vor gelassen. Über viele Jahre prägte Olbrich, zusammen mit seinen Kollegen, das Bild des „Darmstädter Jugendstils“. 1907 zog er mit seinem Büro nach Düsseldorf, blieb aber der Künstlerkolonie bis zu seinem Tod im Jahre 1908 treu.

In Darmstadt, dem Ort seiner produktivsten Schaffenszeit, wird Olbrichs Werk besonders gewürdigt. Auf der Mathildenhöhe, dem Mittelpunkt der Künstlerkolonie, sind noch einige seiner Bauwerke zu sehen, vor allem das Ernst-Ludwig-Haus und das Wahrzeichen der Stadt Darmstadt, der „Hochzeitsturm“.

Das Hessische Landesmuseum Darmstadt, eines der ersten Häuser, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg für die Wiederentdeckung des Jugendstils einsetzte, richtete bereits 1965 eine Dauerpräsentation ein. Hier durfte Olbrich nicht fehlen. So finden sich in den Beständen Gläser, Leuchter, Bestecke, Möbel, Geschirr und Haushaltstextilien, die die Vielseitigkeit des Entwerfers belegen. Aktuell in der Dauerausstellung zu sehen sind Einzelanfertigungen wie Beleuchtungskörper, die er anlässlich der Ausstellung „Ein Dokument deutscher Kunst“ 1901 für seine eigene Künstlervilla schuf, oder ein thronartiger Sessel, der aus gleichem Anlass für das Haus des Darmstädter Möbelfabrikanten Glückert gefertigt wurde. Er stand dort in der monumentalen, zweigeschossigen Halle vor dem Kamin. Der Sessel überstand die Kriegszeiten und wurde dem Museum als wichtiges Zeugnis Darmstädter Kunstgeschichte 2014 geschenkt.

Gemäß seiner Überzeugung, dass künstlerisch durchdrungenes Handwerk vielen Menschen und nicht nur einer Elite zugänglich sein sollte, arbeitete Olbrich aber auch folgerichtig mit Industrieunternehmen zusammen. Bestecke, von ihm gestaltet und in Weißmetall ausgeführt, waren preisgünstiger zu produzieren und standen daher einem größeren Kundenkreis offen. Gleiches gilt für Zinngeschirr, darunter auch für den berühmten anthropomorph gestalteten Leuchter, der quasi zu einem Symbol für Olbrichs Wirken wurde. Seine Geschirrtücher – beschriftet mit „Messer“, „Gläser“ oder „Teller“ – sind nicht nur in der Dauerausstellung zu bewundern, sondern als Museumsedition auch in unserem Shop zu erwerben. Ein schönes Geschenk an sich selbst, anlässlich des 150. Geburtstags eines großen Entwerfers.

Weitere Informationen: Landesmuseum Darmstadt

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Der Mainzer Goldschmuck Ein Kunstkrimi aus der deutschen Kaiserzeit – Ab 8.Dezember 2017 im Landesmuseum Darmstadt

1880 wurde in Mainz bei Bauarbeiten ein äußerst umfangreicher Goldschatz mit aufwändigen, fürstlichen Schmuckstücken entdeckt. Bis auf eine große Adlerfibel, die heute im Mainzer Landesmuseum aufbewahrt wird, wurde der Schatz jedoch unterschlagen und gelangte nach Wiesbaden in den Kunsthandel. Von dort wurde er dem Darmstädter Baron Maximilian von Heyl verkauft. Der Schmuck wurde bald schon mit deutschen Kaiserinnen in Verbindung gebracht und sollte seinen Aufstellungsort im „Deutschen Museum“ in Berlin finden. Eine Gruppe „patriotischer und vermögender Männer“ erwarb den Schmuck und schenkte ihn zu diesem Zweck Kaiser Wilhelm II. Am Ende des Kriegs gelangte er in die Sowjetunion, wurde nach seiner Rückkehr restauriert und nach der Wende im wieder vereinigten Berliner Kunstgewerbemuseum in einem umfangreichen Projekt untersucht.

 Die abenteuerliche Geschichte des wohl prominentesten mittelalterlichen Schmuckensembles, die Ergebnisse der Untersuchungen und seine heutige Interpretation sind die Themen dieser einmaligen Ausstellung, die zum ersten Mal alle Teile des Schatzes vereinigt.

Veranstaltungsort
Hessisches Landesmuseum Darmstadt
Friedensplatz 1, 64283 Darmstadt

Laufzeit
08. Dezember 2017 bis 11. März 2018

Öffnungszeiten
Dienstag, Donnerstag, Freitag 10.00 – 18.00 Uhr
Mittwoch 10.00 – 20.00 Uhr
Samstag, Sonn- und Feiertag 11.00 – 17.00 Uhr
Montag geschlossen

Eintritt
Erwachsene 10, ermäßigt 6 Euro
Das Ticket berechtigt auch zum Besuch der Ständigen Sammlung.
Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren haben freien Eintritt.
Buchung Onlineticket unter: https://www.musticket.de/new/app/Shoppingref=evt271719535&n=MainzerGoldschmuck&process=0%20Buchungslink

Gruppen- und Einzelführungen
Individuelle Buchung beim Besucherservice Bildung und Vermittlung unter: Telefon: +49 (0) 6151-1657111,
Mail: vermittlung@hlmd.de
Anmeldungen auch für Gruppen ohne gebuchte Führung erforderlich!
Die Führungen sind auf 25 Personen beschränkt.
Erreichbarkeit: Dienstag und Freitag 10.00 – 12.00 Uhr, Mittwoch 14.00 – 16.00 Uhr
pro Führung und Gruppe: 60 Euro zzgl. Eintritt, fremdsprachig:
70 Euro zzgl. Eintritt
Die Führungen können ab sofort gebucht werden.

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