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Neue Projekte 2023 im Jüdischem Museum Frankfurt: ZURÜCK INS LICHT Vier Künstlerinnen – Ihre Werke. Ihre Wege – bis 29.Mai 2023 verlängert

In der Weimarer Republik reüssieren erstmals Frauen auf dem internationalen Kunstmarkt – darunter die Zeichnerin, Malerin und Holzbildhauerin Rosy Lilienfeld, die Bildhauerin und Malerin Amalie Seckbach, die Autorin, Zeichnerin und Illustratorin Erna Pinner und die Malerin Ruth Cahn. Die vier Künstlerinnen stellen international aus, reisen um die Welt und entwickeln sich zu weithin wahrgenommenen Kosmopolitinnen. Ihre Werke werden gefeiert, gesammelt und gedruckt, ihre Ateliers in Frankfurt am Main von vielen aufgesucht. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten bereitet ihren Karrieren ein jähes Ende. Rosy Lilienfeld wird 1942 in Auschwitz, Amalie Seckbach 1944 in Theresienstadt ermordet. Erna Pinner gelingt die Flucht nach London, wo sie als Illustratorin naturwissenschaftlicher Bücher ihr Geld verdient und bis 1987 lebt. Ruth Cahn flieht nach Santiago de Chile und kehrt Anfang der 60er Jahre als unbekannte Künstlerin zurück nach Frankfurt.

Lilienfeld und Seckbach sind heute weitgehend unbekannt. Auch Cahn und Pinner gelingt es – wie zahlreichen anderen Kunstschaffende – nicht, im Exil an ihre Erfolge anzuknüpfen. Alle vier geraten nach der Schoa in Vergessenheit. Die Ausstellung „Zurück ins Licht. Vier Künstlerinnen – Ihre Werke. Ihre Wege“ verschafft Ihnen nun die Aufmerksamkeit, die ihnen gebührt.

Den Ausgangpunkt der Ausstellung bildet ein Artikel der Kunsthistorikerin Dr. Sascha Schwabacher, der im Mai 1935 im „Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt“ unter dem Titel „Atelierbesuch bei Frankfurter Künstlerinnen“ erscheint. Schwabacher erinnert sich darin an die Atelierbesuche bei den vier Künstlerinnen und stellt diese in Kurz-Porträts vor. Die Ausstellung erinnert in der Gestaltung von vier distinkten Räumen, denen jeweils eine eigene Farbe zugeordnet ist, an die vier Ateliers.

Neben dem Artikel von Schwabacher stellt sie eine Zeitung mit zeitgenössischen Texten zu den vier Künstlerinnen sowie Selbstzeugnisse als Audiobeiträge zur Verfügung.

Im Eingangsbereich sind sowohl Stadtansichten, die Topografie Frankfurts und seiner Kunstszene in den1920er Jahre zu sehen, als auch das Bild der „Neuen Frau“ und die damit einhergehenden Selbstinszenierungen in Kunst und Fotografie. Neben den vier farbigen Räumen, die zu Begegnungen mit den Werken der vier Künstlerinnen aus der Zeit der Weimarer Republik einladen, sind in einem zusammenhängenden abschließenden Raumgefüge auch die Werke zu sehen, die sie nach der nationalsozialistischen Machtübernahme schufen. In ihnen zeichnet sich eine weitreichende Flucht in die Fantasie ab. Diese Flucht wird von der eigens entwickelten Auftragsarbeit der zeitgenössischen Künstlerin Elianna Renner aufgegriffen und reflektiert, die in einem separaten Raum zu sehen ist. Die Arbeit setzt sich mit den beiden weithin unbekannten Künstlerinnen Ruth Cahn und Amalie Seckbach auseinander und widmet der Erinnerung an sie die dreiteilige Medieninstallation „Re per toire“.

Die Ausstellung „Zurück ins Licht“ begeht fünf Premieren:
Zum ersten Mal werden:

  • die gesammelten Werke von Rosy Lilienfeld ausgestellt, darunter auch die illustrierte zweisprachige Nacherzählung zu Baal Schem Tov von Martin Buber,
  • die Werke von Amalie Seckbach umfänglich gezeigt,
  • alle bekannten Werke von Ruth Cahn und
    die bislang unbekannten Zeichnungen von Erna Pinner und ihre Fotoalben präsentiert und außerdem
  • wird zum ersten Mal die dreiteilige Medieninstallation „Re per toire“ von Elianna Renner ausgestellt.
Erna Pinner, Köpfe von vier Kronenkranichen, 1920er Jahre, Farbholzschnitt, Abzug auf Papier, 60,8 × 55,2 cm © Jüdisches Museum Frankfurt
Erna Pinner, Köpfe von vier Kronenkranichen, 1920er Jahre, Farbholzschnitt, Abzug auf Papier, 60,8 × 55,2 cm © Jüdisches Museum Frankfurt

Anlässlich der Ausstellungseröffnung waren  auch Familienangehörige der vier Künstlerinnen nach Frankfurt gereist. Christian Peña Cortés, Großneffe der Künstlerin Ruth Cahn, ließ wissen: „Die Familie von Ruth Cahn ist stolz darauf, dass sie dazu beitragen kann, das Bild einer Künstlerin wieder herstellen zu können, die einen Teil ihres Lebens der Kunst und ihrer Geburtsstadt gewidmet hat, die sie so sehr liebte und so oft gemalt hat. Die politischen Umstände der damaligen Zeit hatten sie auf dramatische Weise zur Flucht gezwungen. Nun werden ihre menschlichen und künstlerischen Qualitäten den Vergessen entrissen.“

Neben institutionellen und privaten Leihgaben sind in der Ausstellung insgesamt 210 Werke aus der Sammlung des Jüdischen Museums zu sehen. Dieses sammelt seit seiner Gründung systematisch Werke von jüdischen Künstlerinnen und Künstlern und setzte mit dem 1992 eingerichteten „Ludwig Meidner Archiv“ dabei zunächst einen Schwerpunkt im Bereich der Exil-Kunst. Bereits 1989, ein Jahr nach der ersten Eröffnung, präsentierte das Jüdische Museum erstmals den einer alten Frankfurter jüdischen Familie entstammenden Künstler und Bildhauer Samson Schames, dessen Werk im Januar 2023 erneut in einer Kabinettausstellung zu sehen sein wird. Das 2017 gegründete Jakob Nussbaum Archiv, welches unter anderem die Werke von Schames, Lilienfeld und Pinner umfasst, macht diesen Schwerpunkt
innerhalb der Sammlung des Jüdischen Museums deutlich. Es umfasst Bildende Kunstwerke von Angehörigen der „verlorenen Generation“, also von jüdischen Künstlerinnen und Künstlern aus Frankfurt, die von den Nationalsozialisten geächtet und verfolgt wurden und die heute weitgehend unbekannt sind.

Prof. Dr. Mirjam Wenzel, die Direktorin des Jüdischen Museums sagt dazu:

„Es gehört zu den Kernaufgaben des Jüdischen Museums Frankfurt, nicht nur an die Menschen zu erinnern, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden, sondern auch den Folgen des systematischen Ausschlusses aus dem öffentlichen Leben und Bewusstsein entgegen zu treten, der nach 1945 andauerte. Mit der Ausstellung ,Zurück ins Licht‘ holen wir vier Künstlerinnen an eben den Ort zurück, wo sie in den 1920er Jahren hingehörten: in die internationale Öffentlichkeit Frankfurts.“

Die Ausstellung wird von mehreren Veranstaltungen (siehe Flyer) und einem Katalog begleitet, der in einer deutschen und in einer englischen Ausgabe im Kerber Verlag erschienen ist.

Weitere Informationen: Zurück zum Licht

Neue Projekte/Ausstellungen 2023

 

Vom 13. Bis 30. April 2023
Mapping Memories – Judengasse Extended. Pop-up-Ausstellung mit Performances, Workshops, Artist Talks und Podiumsgesprächen in und rund um das Museum Judengasse.
Das mehrtägige Event findet im Rahmen von METAhub (Museum, Education, Theater, Arts) Frankfurt statt, einem mehrjährigen Kooperationsprojekt des Jüdischen Museums mit dem Archäologischen Museum und dem Künstlerhaus Mousonturm, das jüdische Kulturgüter auf performative und digitale Weise im Stadtraum sichtbar macht. Im Zentrum von „Mapping Memories – Judengasse Extended“ stehen archäologische Fundstücke aus der Judengasse sowie deren Verhältnis zum heutigen Stadtraum. Neben einer Pop-up-Ausstellung im Museum Judengasse sind architektonische Interventionen und digitale Rekonstruktionen, Performances und Führungen, Workshops, Künstlerinnengespräche und zwei Podiumsdiskussionen geplant. Näheres zum Projekt und dem Programm sind auf der Website zu finden: metahubfrankfurt.de

Vom 14. Mai 2023 bis 7. Januar 2024
Metall & Gesellschaft. Wilhelm Merton – Unternehmer mit sozialer Verantwortung. Kabinettausstellung im Jüdischen Museum
Die Merton-Straße, das Merton-Viertel, eine Berufsschule, ein Übersetzerpreis sowie ein Universitätsinstitut erinnern in Frankfurt an Wilhelm Merton, dessen Engagement die Stadt so viel verdankt. Wer aber war Wilhelm Merton, der 1848 in eine Frankfurter jüdische Familie geboren wurde? Aus Anlass des 175. Geburtstages von Wilhelm Merton geht das Jüdische Museum dieser Frage in einer Ausstellung nach, die insbesondere das unternehmerische und sozialreformerische Wirken des Gründers der Metallgesellschaft thematisiert. Die Ausstellung richtet den Blick nicht nur auf bislang wenig bekannte Facetten des Lebens von Wilhelm Merton, sondern mit eigens entwickelten Fotoarbeiten und Bildungskooperationen auch auf soziale wie auch ökologische Fragen in der gegenwärtigen globalisierten Welt. Mehrere Begleitveranstaltungen an verschiedenen Orten in Frankfurt und eine Publikation, die im Verlag Hentrich & Hentrich erscheint, ergänzen die Ausstellung, die unter der Schirmherrschaft der Frankfurter Kulturdezernentin Dr. Ina Hartwig steht. Weitere Informationen: Metall & Gesellschaft. Wilhelm Merton – Unternehmer mit sozialer Verantwortung

Vom 17. bis 21. Mai 2023 auf dem Bertha-Pappenheim-Platz und im Juni 2023 an drei verschiedenen Orten im Stadtraum
Paulskirche und demokratisches Selbstverständnis. Pop-up-Archiv zu 75 Jahren bundesdeutschem Diskurs
Zum 175-jährigen Jubiläum der Nationalversammlung richtet das Jüdische Museum Frankfurt die Aufmerksamkeit auf den Wiederaufbau der Paulskirche im Jahr 1948 und die Reden, Ausstellungen und Konflikte, die seither in der „Wiege der deutschen Demokratie“ gehalten, gezeigt und ausgetragen wurden. In einem eigens gestalteten Pop-up-Archiv werden Fotos, Zeitungsberichte, Manuskripte, Ton- und Filmdokumente präsentiert, die sich auf vier zentrale Aspekte konzentrieren: das Konzept des Wiederaufbaus und die ersten Veranstaltungen in der Paulskirche Ende der 1940er Jahre, die Ausstellungen und Reden zu Auschwitz, die vor Ort zu sehen und zu hören waren, die nationalkonservativen Umdeutungsversuche der deutschen Geschichte und fortschreitende Pluralisierung der Erinnerungskultur vor Ort. Das Pop-up-Archiv wird während der Jubiläumswoche erstmals auf dem Bertha-Pappenheim-Platz und im Juni an verschiedenen Orten im Stadtraum präsentiert. Seine Gestaltung lädt Jugendliche und junge Erwachsene zur Partizipation und Diskussion ein.

vom 14. Juli 2023 bis 14. Januar 2024
Ausgeblendet – Eingeblendet. Eine jüdische Filmgeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Ausstellung im Jüdischen Museum
Die Ausstellung widmet sich erstmalig der jüdischen Filmgeschichte der Bundesrepublik Deutschland und zeichnet die Lebenswege und Karrieren jüdischer Produzenten, Regisseurinnen und Regisseure oder Schauspieler und Schauspielerinnen nach, die mal am Rande, mal im Zentrum der Filmproduktion standen. Die Ausstellung thematisiert das Spannungsverhältnis zwischen ihrem Filmschaffen und der allgemeinen bundesdeutschen Filmgeschichte von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis zur deutsch-deutschen Wiedervereinigung. Den Ausgangpunkt bildet eine Videoinstallation mit Statements von zeitgenössischen Filmschaffenden zur Frage, ob sie ihr Jüdischsein in der Filmproduktion lieber ein- oder lieber ausgeblendet sehen (wollen). Der sich anschließende Rundgang geht sowohl auf die ersten Filmproduktionen jüdischer Überlebender wie Artur Brauner als auch auf die Filme von Stars wie Lilli Palmer oder von Autorenfilmemacherinnen wie Jeanine Meerapfel ein. Seine Gestaltung nimmt Bezug auf den historischen Ort der Filmproduktion, das Studio, und setzt Filmausschnitte und –requisiten neben persönlichen Zeugnissen in Szene. Die Ausstellung basiert auf jahrelanger Forschung der beiden Kuratoren und Filmwissenschaftlerinnen Lea Wohl von Haselberg und Johannes Praetorius-Rhein und wird in Kooperation mit dem DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum e.V. entwickelt. Weitere Informationen: Ausgeblendet – Eingeblendet

Die neue App des Jüdischen Museums Frankfurt 

Die digitale Strategie des Jüdischen Museums Frankfurt wurde 2016 entwickelt und umfasst eine Vielzahl an Projekten, die der Kommunikation, Vermittlung und Forschung im digitalen Raum gewidmet sind. Mit der im Februar 2023 gelaunchten App ist sie nunmehr abgeschlossen. Die App fungiert als zielgruppenspezifischer Mediaguide für die Dauerausstellung im Rothschild-Palais, den die Besucherinnen und Besucher sich entweder aus den App-Stores von Google und Apple auf ihr Smartphone laden oder auf Leih-Tablets mit Kopfhörern ansehen und -hören können. Die Entwicklung der App wurde unter anderem von der Dr. Marschner Stiftung finanziert. Deren Vorstand, Peter Gatzemeier, beschrieb das Anliegen der Unterstützung mit den Worten: „Die Dr. Marschner Stiftung freut sich, den digital innovativen und inhaltlich wie optisch attraktiven Guide des Jüdischen Museums in Frankfurt mittragen zu können. Das langanhaltende Projekt ist nicht nur für das Publikum eine Bereicherung vor Ort, sondern nimmt mit seinen einzelnen Features weit über das Museum hinaus die Vielfältigkeit unserer Frankfurter Stadtgesellschaft auf.“

Die App umfasst sowohl einen 90-minütigen wie auch einen 60-minütigen Highlight-Rundgang jeweils in deutscher wie in englischer Sprache. Sie umfasst zudem drei inklusive Angebote: eine Tour für höreingeschränkte Besucherinnen und Besucher mit Gebärdensprachen-Videos, eine Audioführung in Leichter Sprache sowie eine Tour für Seheingeschränkte. Letztere besteht aus eingehenden Beschreibungen zu ausgewählten Exponaten und führt zu den Tastobjekten in der Dauerausstellung. Die inklusiven Spuren wurden von der Crespo Foundation gefördert, deren Vorstand, Prof. Christiane Riedel, wissen lässt: „Die Crespo Foundation engagiert sich für die Bildungsteilhabe und kulturelle Teilhabe aller Menschen. Dass die Angebote des Jüdischen Museums auch für Zielgruppen erschlossen werden, für die der Zugang aus unterschiedlichen Gründen erschwert ist, unterstützen wir sehr. Das Jüdische Museum geht hier mit dem Mediaguide neue Wege, um die kulturelle Teilhabe für mehr Menschen zu ermöglichen.“

Jüdisches Museum Frankfurt a.Main
Bertha-Pappenheim-Platz 1,
60311 Frankfurt am Main
Tel: + 49 (0) 69 212 35000

„Alle Macht den Nanas“ – Schirn Kunsthalle Frankfurt zeigt Niki de Saint Phalle in einer herausragenden Überblicks-Schau

Niki de Saint Phalle Schirn Kunsthalle vom  3.02. bis 21.05.2023  © Foto Diether von Goddenthow
Niki de Saint Phalle Schirn Kunsthalle vom 3.02. bis 21.05.2023 © Foto Diether von Goddenthow

Die Schirn Kunsthalle Frankfurt lädt vom 3. Februar bis zum 21. Mai 2023 zu der wunderbaren Überblicksschau  „NIKI DE SAINT PHALLEs“ ein,  zu einer kunterbunten,  alle Sinne anregenden Kunstschau, die vor allem  Spaß macht. Und mitunter werden die Betrachter schmunzeln,  mit wieviel Ironie die umtriebige,  mitreißende Künstlerin Niki de Saint Phalle der Gesellschaft und ihren Konventionen von 1953 bis zum ihrem Tod 2001 den Spiegel vorgehalten hat.

So viele Medienvertreter kamen nicht einmal zur Chagall-Ausstellung.  © Foto Diether von Goddenthow
So viele Medienvertreter kamen nicht einmal zur Chagall-Ausstellung. © Foto Diether von Goddenthow

Gezeigt wird aber auch eine ernste, „eine visionäre und eine politisch denkende Künstlerin, und nicht nur die Herstellerin der populären Nanas“, schwärmt Schirn-Direktor Sebastian Baden. Niki de Saint Phalle sei eine Künstlerin, deren Arbeit mitten im Leben verortet sei, wie bei vielen Künstlern, aber in diesem Fall ganz besonders in einer die Kunstwelt prägenden Situation der 1950er und 60er Jahre, also in einer Aufbruchssituation nach dem 2 Weltkrieg, und einer Biographie, die sich auf Europa und USA gleichermaßen erstrecke, so Baden. Niki de Saint de Phalles Werke genießen eine enorme Popularität. Das belege allein schon der große Andrang zur Pressekonferenz mit einem noch größeren Andrang als anlässlich der Chagall-Ausstellung. Niki de Saint Phalle beherrscht nach wie vor ganz aktuelle Debatten. Es geht um Feminismus, obwohl sie nie wirklich eine Feministin war, sondern eher vom Feministinnen umarmt wurde, ob ihres provokativen Werkes in einer damals noch männerdominierten Kunstszene.

Rechts Katharina Dohm, Ausstellungskuratorin mit Sebastian Baden, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt. Er hält hier den höchst empfehlenswerten Begleitkatalog zur Ausstellung mit der Rückseite empor: Besser wie auf diesem Foto könne man sich nicht inszenieren. Die Künstlerin Niki de Saint Phalle, die früher auch Modell war, posiert hier zum Jubiläum  800 Jahre Notre Dame, im perfekten Schützenanzug mit Gewehr und der Replika dieses Gebäudes, also das Bild im Bild, und noch dazu der Schuss, der dann fallen wird. Das ist schon ziemlich perfekt, und sicherlich für alle unsere Besucherinnen und Besucher ein Grund, dieses Buch zu nehmen, so Baden.  © Foto Diether von Goddenthow
Rechts Katharina Dohm, Ausstellungskuratorin mit Sebastian Baden, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt. Er hält hier den höchst empfehlenswerten Begleitkatalog zur Ausstellung mit der Rückseite empor: Besser wie auf diesem Foto könne man sich nicht inszenieren. Die Künstlerin Niki de Saint Phalle, die früher auch Modell war, posiert hier zum Jubiläum 800 Jahre Notre Dame, im perfekten Schützenanzug mit Gewehr und der Replika dieses Gebäudes, also das Bild im Bild, und noch dazu der Schuss, der dann fallen wird. Das ist schon ziemlich perfekt, und sicherlich für alle unsere Besucherinnen und Besucher ein Grund, dieses Buch zu nehmen, so Baden. © Foto Diether von Goddenthow

Es geht um weibliches Selbstbewusstsein, und um das, was die kreative Vielfalt Saint de Phalles Werke transportieren, nämlich das Experiment mit vielfältigen Materialien, Varianten von Aktionskunst, also Techniken, Themen und Arbeitsweisen, die sehr vielseitig zur Anwendung kommen, von einer Künstlerin, die sich ganz bewusst als Autodidaktin versteht, die keine Ritualgestaltung einer Akademie präsentiert, sondern die 1953 nach „Erholung“ von einem Nervenzusammenbruch aus Nizza nach Paris zurückgekehrt, ihre Berufung als Künstlerin spürt, und ihre Grenzerfahrungen und psychotischen Zuständen seit ihrer katastrophal familienzerrütteten Kindheit  mit sexuellen Missbrauchserfahrungen durch den Vater als wichtigsten Motor für ihre künstlerische Karriere versteht:
«lch war eine zornige junge Frau, doch gibt es ia viele zornige junge Männer und Frauen, die trotzdem keine Künstler werden, lch wurde Künstler, weil es für mich keine Alternative gab – infolgedessen brauchte ich auch keine Entscheidung zu treffen. Es war mein Schicksal. Zu anderen Zeiten wäre ich für immer in eine lrrenanstalt eingesperrt worden – so aber befand ich mich nur kurze Zeit unter strenger psychiatrischer Aufsicht, mit zehn Elektroschocks usw. lch umarmte die Kunst als Erlösung und Notwendigkeit.(Zitat nach Christoph Becker aus dem Begleitkatalog zur Ausstellung, 2023, S. 15).

Niki, aus der Nervenklinik in Nizza wieder entlassen,  beginnt zu malen und fertigt erste Assemblagen an. Immer drängender wird  für sie jedoch die Frage: „Familie oder Kunst?“ Um als Künstlerin arbeiten zu können, trennte sie sich schließlich 1960 von ihrem Ehemann, dem US-Schriftsteller Harry Mathews und ihren beiden Kindern, mit denen sie weiterhin in Kontakt blieb, und diese später in ihre Arbeit einbezog. 1960 lernt de Saint Phalle  den international renommierten und gut vernetzten Direktor des Moderna Museet jn Stockholm Pontus Hultén kennen, der zu ihrem wichtigsten Förderer und Motivator wird.

Ein wenig später lernte Niki de Saint Phalle ihren künstlerischen Wegbegleiter und langjährigen Partner, den Künstler Jean Tinguely kennen, mit dem sie in der Folge zahlreiche Projekte realisierte und ab 1963 in Frankreich und den USA lebte. Ab 1958 arbeitete die Autodidaktin an Assemblagen und Landschaften, in die sie gefundene Scherben, Alltagsgegenstände oder auch Plastikobjekte wie Spielzeugpistolen integrierte. Inspiriert von zeitgenössischer Kunst experimentierte sie mit unterschiedlichen Techniken, in Nightscape (Nachtlandschaft, 1959) etwa mit dem von Jackson Pollock geprägten Dripping und der von Antoni Gaudí verwendeten alten maurischen Mosaik-Technik, und griff Einflüsse von Jean Dubuffet, surrealistischen Collagen, Neo-Dada und naiver Malerei auf.

Wir kennen vor allem Nikis Nanas, die großen bunten voluminösen übergroßen Frauenkörper, bunt schrill und mitunter begehbar, wie die PLastik Hon 1966 im Moderna Museet in Stockholm, mit der de Saint Phalle der internationale Durchbruch als Künstlerin gelingt, oder die hausgroßen Skulpturen in ihrem Tarot-Park in der Provence. Hiervon präsentiert die Ausstellung zahlreiche Modelle.

Nikis Schießbilder

Niki de Saint Phalle, King-Kong, 1962, Schießbild, Farbe, Gips und verschiedene Objekte auf Holz, 276 x 611 x 47 cm (in 5 Teilen), Albin Dahlström / Moderna Museet, © 2023 Niki Charitable Art Foundation / Adagp, Paris  © Foto Diether von Goddenthow
Niki de Saint Phalle, King-Kong, 1962, Schießbild, Farbe, Gips und verschiedene Objekte auf Holz, 276 x 611 x 47 cm (in 5 Teilen), Albin Dahlström / Moderna Museet, © 2023 Niki Charitable Art Foundation / Adagp, Paris © Foto Diether von Goddenthow

Heutzutage weniger populär  sind beispielsweise Nikis Schießbilder (Tirs), mit denen sie in den frühen 1960er Jahren erste Bekanntheit erlangte. In provokanten Performances schoss sie vor Publikum mit einem Gewehr auf präparierte weiße Gipsreliefs mit verspachtelten Farbelementen, die sie damit regelrecht zum Bluten brachte. Diese Aktionen führten 1961 zu ihrer Aufnahme als einzige Künstlerin in die Gruppe der „Nouveaux Réalistes“ um Pierre Restany, die die abstrakte Kunst der Nachkriegszeit ablehnten und eine neue Verbindung zwischen Kunst und Realität forderten. Essenziell für die Werkserie der Schießbilder ist die Auflösung der strikten Trennung zwischen Künstlerin, Werk und Publikum.

„Aus den zunächst spontanen Schießaktionen wurden zunehmend ritualisierte Spektakel, und Niki de Saint Phalle war innerhalb kürzester Zeit international berühmt, ohne Social Media, wie Insta, Twitter, Facebook & Co.“, erklärt Katharina Dohm, die die wunderbare Niki-de-Saint-Phalle-Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt kuratiert hat. Der Akt des Schießens war für  Niki de Saint Phalle sowohl ein Ventil, um Aggressionen abzubauen, als auch ein Mittel, um die herrschenden Vorstellungen von Malerei zu hinterfragen.

Unter den schießenden Personen sind Künstlerkollegen, wie ihr Partner Jean Tinguely, sowie Pierre Restany, Jasper Johns, Robert Rauschenberg oder Edward Kienholz. Sie nahmen aktiv an den Happenings teil, schossen auf die Bilder und wurden so zu Mitwirkenden an einem zerstörerischen und zugleich schöpferischen, gesellschaftskritischen Akt.

Nike de Saint Phalle tritt in diesen Aktionen direkt mit dem Publikum in Dialog. Hierdurch wird die strikte Trennung von Künstlern und Werkbetrachtern aufgehoben. Der Betrachter tritt viel mehr als Mitproduzent in dem Werk in Erscheinung, wobei sogleich die Figur des Künstlers sehr explosiv infrage gestellt werde. Es sei eine geradezu kämpferische Art, ein kämpferischer Auftritt, auch auf die damals männlich dominierte Kunstwelt. Der kreative Akt, die kreative Konstruktion erfolgt also durch die Dekonstruktion, so Dohm.

„Das Bild war das Opfer! ‚Wer war das Bild: Papa, alle Männer, kleine Männer, große Männer, dicke Männer, dünne Männer? Mein lieber John? Oder war ich selbst das Bild?“. Schoss ich auf mich selbst in einem Litoral, das es mir ermöglichte durch meine eigene Hand zu sterben, und wiedergeboren zu werden?“, so Niki de Saint Phalle

„Die Einbindung des Publikums in die Fertigstellung der Arbeit ist essenziell für die Werke“, so Dohm. Im Jahr 1963 beendete de Saint Phalle die Werkgruppe der Schießbilder. Die Schirn präsentiert u. a. zwei Werke aus der Serie Alte Meister, die de Saint Phalle 1961 in ihrer ersten Einzelausstellung „Feu à volonté“ („Feuer frei“) in der Galerie J in Paris zeigte. Großformatige Arbeiten wie King-Kong (1962) oder Heads of State (Study for King-Kong) (Staatsoberhäupter (Studie zu King-Kong), 1963) mit satirischen Darstellungen von männlichen Protagonisten der Weltpolitik unterstreichen die politische Dimension der Schießbilder.

Ab 1963 entwickelte de Saint Phalle zunehmend figürliche Assemblagen, die sich mit weiblicher Identität auseinandersetzen. Obwohl sich die Künstlerin nicht aktiv an der aufkommenden zweiten Frauenbewegung beteiligte, nahm sie in ihren Werken zentrale Aspekte der feministischen Kunstbewegung vorweg. Mit Arbeiten wie Femme nue (Figure) (Nackte Frau (Figur), 1963/64), L’accouchement rose (Die rosa Geburt, 1964) oder Autel des femmes (Altar der Frauen, 1964) erschuf sie imposante wie auch monströse Frauengestalten. Betont weiblich und bedeckt von Plastikspielzeug und Fundobjekten beleuchten die Plastiken die Potenz der Frau und hinterfragen zugleich kritisch traditionelle Rollen als Ehefrau, Mutter und sexualisierter Körper in der westlichen Nachkriegsgesellschaft.

Alle Macht den Nanas

Niki de Saint Phalle, Nana rouge jambes en l'air, um 1968, Polyester, bemalt, auf Eisendraht, 220 x 185 x 120 cm, Leopold-Hoesch Museum, Düren / Peter Hirnschläger, Aachen, © 2023 Niki Charitable Art Foundation / Adagp, Paris © Foto Diether von Goddenthow
Niki de Saint Phalle, Nana rouge jambes en l’air, um 1968, Polyester, bemalt, auf Eisendraht, 220 x 185 x 120 cm, Leopold-Hoesch Museum, Düren / Peter Hirnschläger, Aachen, © 2023 Niki Charitable Art Foundation / Adagp, Paris © Foto Diether von Goddenthow

1965 stellte de Saint Phalle in Paris erstmals die neue Werkserie der Nanas vor, die sie als ein „Jubelfest der Frauen“ bezeichnete. Anders als die frühen Assemblagen verkörpern die in leuchtenden Farben bemalten, üppigen und oft schwangeren Frauenfiguren mit prallen Brüsten, großen Hinterteilen und kleinen Köpfen Lebensfreude und Stärke und rufen ein von Unterdrückung befreites Matriarchat aus. In der Folge entstanden Nanas in vielen Ausführungen, in unterschiedlichen Materialien, Größen und Farben, als Skulpturen im öffentlichen Raum oder als begehbare Nana Häuser.

Modell von „Hon“, die Kathedrale Skulptur von Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle im Moderna Museet in Stockholm. In Original: 25 Meter lang, 9 Meter breit und 6 Meter hoch, Hon ist eine  Skulptur in Gestalt einer liegenden Schwangeren, in deren Bauch die Besucher durch eine übergroße Vagina gelangen. Hier gab es Angebote von einer Ausstellung gefälschter Gemälde und Kurzfilme über Unterhaltung und Kurzfilme bis hin zu einem Planetarium in der linken und einer Milchbar in der rechten Brust. © Foto Diether von Goddenthow
Modell von „Hon“, die Kathedrale Skulptur von Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle im Moderna Museet in Stockholm. In Original: 25 Meter lang, 9 Meter breit und 6 Meter hoch, Hon ist eine Skulptur in Gestalt einer liegenden Schwangeren, in deren Bauch die Besucher durch eine übergroße Vagina gelangen. Hier gab es Angebote von einer Ausstellung gefälschter Gemälde und Kurzfilme über Unterhaltung und Kurzfilme bis hin zu einem Planetarium in der linken und einer Milchbar in der rechten Brust. © Foto Diether von Goddenthow

Für das Moderna Museet in Stockholm realisierte die Künstlerin, wie oben bereits erwähnt, 1966 zusammen mit Per Olof Ultvedt und Jean Tinguely die Großskulptur Hon – En Kathedral (Sie – Eine Kathedrale), eine durch die Vagina begehbare Nana, in deren Inneren sich ein Vergnügungspark für Erwachsene u. a. mit Milchbar, Planetarium, Kino und Ausstellungen befand. Die Schirn zeigt ein Modell davon sowie eine Skizze und dokumentarisches Material der 25 Meter langen, 9 Meter breiten und 6 Meter hohen Figur, von der nur der Kopf erhalten geblieben ist.

Als Gegenserie zu den befreiten Nanas konzipierte die Künstlerin in den 1970er-Jahren The Devouring Mothers (Die verschlingenden Mütter), die den Konventionen verhaftete alternde Frauen darstellen. Die Schirn zeigt Tea Party, ou Le Thé chez Angelina (Tea Party, oder Tee bei Angelina, 1971) und La Toilette (Die Körperpflege, 1978). Hier wie auch in der gleichnamigen illustrierten Publikation The Devouring Mothers, Storybook (Die verschlingenden Mütter, Bilderbuch, 1972) und dem Film Daddy (1973) setzte sich de Saint Phalle u. a. mit der schwierigen Beziehung zu ihrer Mutter und dem Missbrauch durch den Vater in ihrer Kindheit auseinander. Im Begleitprogramm der Ausstellung präsentiert die Schirn neben Daddy auch den Film Un rêve plus long que la nuit (Ein Traum länger als die Nacht, 1976) der Künstlerin.

Niki de Saint Phalle Tempel aller Religionen, Modell aus dem Tarotgarten. © Foto Diether von Goddenthow
Niki de Saint Phalle Tempel aller Religionen, Modell aus dem Tarotgarten. © Foto Diether von Goddenthow

Die Faszination für architekturale Skulpturen begleitete de Saint Phalle seit Beginn ihres künstlerischen Schaffens. Bereits in den 1950er-Jahren hinterließen Besuche u. a. des Park Güell von Antoni Gaudí in Barcelona und des Palais idéal von Ferdinand Cheval in Hauterive in Frankreich einen nachhaltigen Eindruck. Die Absicht, Kunst in das Leben der Menschen zu integrieren, zieht sich in unterschiedlicher Form durch ihr Werk, als Motiv in den frühen Gemälden bis zu Gebäuden, Spielhäusern für Kinder und Skulpturen-Parks. Ab 1975 widmete sie sich verstärkt dem Tarotgarten, der zu ihrem künstlerischen Vermächtnis wurde. Über 20 Jahre arbeitete sie an diesem Großprojekt, das sie selbst finanzierte und an dem u. a. Jean Tinguely, Seppi Imhof und Rico Weber mitwirkten. Der Garten wurde am 15. Mai 1998 eröffnet und umfasst 22 teilweise begeh- und bewohnbare Monumentalskulpturen, die mit farbigen Mosaiksteinen, Keramik- und Spiegelscherben verkleidet sind. Die Schirn präsentiert Entwürfe, u. a. Sphinx (o. D.) und Magicien – House of Meditation (Magier – Haus der Meditation, 1978) sowie Modelle für Projekte, die nicht realisiert werden konnten, wie Temple of all Religions (Tempel aller Religionen, 1974–1988).

Niki de Saint Phalle Die Braut zu Pferd. 1997, Sprengel-Museum. © Foto Diether von Goddenthow
Niki de Saint Phalle Die Braut zu Pferd. 1997, Sprengel-Museum. © Foto Diether von Goddenthow

Die Auseinandersetzung mit politischen Themen findet sich in allen Schaffensphasen der Künstlerin. Ihre Schießbilder entstanden während des Algerienkrieges, der Kubakrise und der nuklearen Bedrohung im Kalten Krieg. In den 1980er-Jahren beteiligte sie sich als eine der ersten Künstlerinnen mit Aufklärungskampagnen am Kampf gegen AIDS. In diesem Kontext schuf sie auch die in der Schirn gezeigten Skulpturen Trilogie des obélisques (Trilogie der Obelisken, 1987) und Skull, Meditation Room (Schädel, Meditationsraum,1990). 2001 gestaltet de Saint Phalle in den USA eine Serie von Grafiken, die sich in eine lange Reihe piktografischer Briefe seit den 1960er-Jahren einfügt. Hierin verhandelte die Künstlerin öffentliche Diskurse u. a. in den USA, die bis heute relevant sind, wie etwa die mangelnde Regulierung der Waffenindustrie oder die Auseinandersetzung um Abtreibung und das Recht der Frau auf körperliche Selbstbestimmung. In Global Warming (Globale Erwärmung) kritisiert de Saint Phalle die Politik des damaligen republikanischen Präsidenten George W. Bush, der für sie die Vernachlässigung der Umweltprobleme verkörperte.

SCHIRN KUNST­HALLE FRANK­FURT am Main GmbH
Römer­berg
D-60311 Frank­furt am Main
Tel +49 69 299882-0
Fax +49 69 299882-240

Plädoyer für rascheren Bürokratieabbau – „Jahresempfang der Wirtschaft“ feiert Comeback in der Mainzer Rheingoldhalle

Bis auf den letzten Platz besetzt war der große Kongressaal der  frisch sanierten Mainzer Rheingold-Halle beim 22. Empfang der Wirtschaft am 2. Februar  2023. 15 Kammern und Institutionen des Mittelstands, des Handwerks, der freien Berufe und der Landwirtschaft aus Rheinland-Pfalz hatten nach zwei Jahren coronabedingter Zwangspause zum Mainzer Großereignis eingeladen, das als größter Jahresempfang der regionalen Wirtschaft in Deutschland gilt. Keynote-Speaker und Ehrengast war Dr. Peter Frey, der als einer der bekanntesten TV-Journalisten Deutschlands gilt – mit einer klaren und unabhängigen Perspektive angesichts der aktuellen Krisen und der politischen Gemengelage. © Foto Diether von Goddenthow
Bis auf den letzten Platz besetzt war der große Kongressaal der frisch sanierten Mainzer Rheingold-Halle beim 22. Empfang der Wirtschaft am 2. Februar 2023. 15 Kammern und Institutionen des Mittelstands, des Handwerks, der freien Berufe und der Landwirtschaft aus Rheinland-Pfalz hatten nach zwei Jahren coronabedingter Zwangspause zum Mainzer Großereignis eingeladen, das als größter Jahresempfang der regionalen Wirtschaft in Deutschland gilt. Keynote-Speaker und Ehrengast war Dr. Peter Frey, der als einer der bekanntesten TV-Journalisten Deutschlands gilt – mit einer klaren und unabhängigen Perspektive angesichts der aktuellen Krisen und der politischen Gemengelage. © Foto Diether von Goddenthow

Rezession, Inflation und Krieg in Europa, die Auswirkungen der Corona-Pandemie und Fragen, was gegen all diese Krisen helfen könne, waren die Stichworte, mit denen  der bekannte TV-Moderator Markus Appelmann die rund 3000 Gäste aus Wirtschaft, Politik und Kultur zum 22. „Jahresempfang der Wirtschaft“ am 2. Februar 2023 in der frisch renovierten Mainzer Rheingoldhalle begrüßte.  Sie repräsentierten  rund 100 000 Betriebe mit über 400 000 Beschäftigten aus 15 Kammern und Institutionen des Mittelstands, des Handwerks, der freien Berufe und der Landwirtschaft aus Rheinland-Pfalz. 

Als Keynote-Speaker konnte der renommierte, international erfahrene Journalist und Fernsehmoderator Dr. Peter Frey, ZDF-Chefredakteur i.R., gewonnen werden. Er sprach zu   „Zeitenwende und deutsche Lebenslügen“, wobei Frey mit Blick auf  den Umgang mit der Pandemie,  mit dem Energie-Engpass und dem Mut zur unfreiwilligen militärischen „Zeitenwende“ unserem Land eine positive Bilanz 2022 bescheinigte:  „Wir haben die Kraft, Krisen zu bewältigen. Dieses Land ist zu Innovation und Solidarität fähig!“.
Aber wie lange noch, fragten viele Mittelständler und Wirtschaftsvertreter: Denn nicht die Krisen allein seien ihr  größtes Problem. Vielmehr lähme sie und unser Land eine wachsende überbordende Bürokratie, eine zu beobachtende Erschöpfung von Mitarbeitern und Unternehmern sowie zusehends die Angst etlicher  junger Menschen, sich Führungspositionen zuzutrauen.

Handwerkspräsident Jörg Friese hofft auf einen neuen Ruck durch unsere Gesellschaft 

Im Namen aller 15 gastgebenden Kammern begrüßte in diesem Jahr der Jörg Friese, Präsident der Handwerkskammer Rheinhessen die Gäste. © Foto Diether von Goddenthow
Im Namen aller 15 gastgebenden Kammern begrüßte in diesem Jahr der Jörg Friese, Präsident der Handwerkskammer Rheinhessen die Gäste. © Foto Diether von Goddenthow

Diese vielerorts anzutreffende postpandemische und von den Auswirkungen der Energiekrise gezeichnete Gemengelage der Unternehmen und Arbeitnehmer im Mittelstand  brachte Hans-Jörg Friese, Präsident der Handwerkskammer Rheinhessen, in seinem bisweilen recht emotionalen Grußwort  auf den Punkt: Die multiplen Krisen wirkten auf ihn wie ein Brennglas, sie zeigten „was wir in den letzten Jahren vernachlässigt und immer wieder vor uns hergeschoben haben“. Die Digitalisierung sei immer noch nicht so weit, „dass sie schon derartige Effizienzgewinne bringen könnte, um natürlich auch die Folgen des demographischen Wandels abzufangen“, so Friese. „Plötzlich erkennen wir in fast allen Bereichen der Infrastruktur erheblichen Investitionsstau, egal, ob bei der Bahn, den Autobahnbrücken, dem Öffentlichen Gesundheitswesen oder gerade im Bereich der Bildung.“ Fehlende Arbeitskräfte würden zur Herausforderung, und er, der Handwerkspräsident, kenne „keine Branche, keinen Betrieb und keine Organisation, die nicht über die Schwierigkeiten bei der Besetzung vakanter Arbeitsstellen“ klage. Zudem gingen immer mehr traditionelle Strukturen im sozialen Miteinander verloren, ob z. B. in Vereinen oder anderen ehrenamtlichen Organisationen, so Friese. „Was mich besorgt“ so Friese, „ sind weniger die zahlreichen Herausforderungen. Auch unsere Eltern, unsere Großeltern hatten mit großen Herausforderungen zu kämpfen. Was mich besorgt, ist die riesige Verunsicherung, und die Erschöpfung, die ich wahrnehme! Vielleicht an der einen oder anderen Stelle ist es auch Bequemlichkeit und Egoismus.“

Vor allem sorge ihn auch, dass immer mehr junge Menschen „keine Führungsposition mehr übernehmen“ wollten. „Und allen Aufrufen zur Notwendigkeit des lebenslangen Lernens zum Trotz, gibt es eine immer geringere werdende innere Bereitschaft, auch an Weiterbildungen teilzunehmen“, so der Handwerkspräsident. Er höre immer wieder so Aussagen wie: „Ich habe keine Zeit! Ich habe keine Lust zur Weiterbildung!“ Und das höre er nicht nur von Beschäftigten, sondern auch „von Betriebsinhabern“. Er könne allmählich die Entschuldigungen nicht mehr hören.
„Wie schaffen wir es, dass wieder ein Ruck durch unsere Gesellschaft geht. Wie schaffen wir wieder Mut und Zuversicht zu schaffen, und diesen auch an unsere Mitarbeiter und an unsere Mitmenschen weiterzugeben?“, fragte er ins Plenum und ermahnte sich und seine Kolleginnen und Kollegen: „Sie alle, die Sie hier sitzen! Sie, die Sie Verantwortung tragen in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen! Sie sind diejenigen, die andere mitnehmen, andere anstecken und inspirieren müssen, mit Zuversicht und Mut nach vorne zu blicken!“

Gerade die Zeit der multiplen Krisen sollten genutzt werden, Neuanfänge zu wagen: „Gehen Sie neue Wege! Trauen Sie sich! Schneiden Sie alte Zöpfe ab und probieren Sie neue Dinge aus! Und was genauso wichtig ist: Ermutigen Sie auch andere, dies zu tun. Seien Sie bereit, auch Fehler zu machen und Dinge auszuprobieren und gestehen Sie dies auch anderen zu! Wir brauchen mehr Zuversicht, mehr Mut in der Politik, in der Gesellschaft in den Betrieben. Sie alle, auch ich, sind gefordert, dies umzusetzen“, so Friese abschließend in seinem leidenschaftlichen Appell.

IHK-Präsident Peter Hähner: „Wir dürfen uns nicht länger bremsen lassen“

Die Talkrunde war einer der  Höhepunkte des 22. Empfangs der Wirtschaft- (v.li.n.r.:) TV-Moderator Thomas Appelmann, Joachim Rind, Präsident der Architektenkammer, Ministerpräsidentin Malu Dreyer, Peter Hähner, Präsidenten der IHK für Rheinhessen,  Günther Matheis, Präsident der Landesärztekammer. © Foto Diether von Goddenthow
Die Talkrunde war einer der Höhepunkte des 22. Empfangs der Wirtschaft- (v.li.n.r.:) TV-Moderator Thomas Appelmann, Joachim Rind, Präsident der Architektenkammer,
Ministerpräsidentin Malu Dreyer, Peter Hähner, Präsidenten der IHK für Rheinhessen, Günther Matheis, Präsident der Landesärztekammer. © Foto Diether von Goddenthow

Im Mittelpunkt der anschließenden Talkrunde mit Ministerpräsidentin Malu Dreyer, dem Präsidenten der IHK für Rheinhessen, Peter Hähner, dem Präsidenten der Landesärztekammer, Dr. Günther Matheis, sowie Joachim Rind, Präsident der Architektenkammer, standen Energie- und Klimakrise und die Frage, wie Wirtschaft und Politik damit umgehen.

Ministerpräsidentin Malu Dreyer. © Foto Diether von Goddenthow
Ministerpräsidentin Malu Dreyer. © Foto Diether von Goddenthow

Ministerpräsidentin Malu Dreyer sieht aber  auch Grund für Optimismus, so spüre man nach  den vielen Krisen der vergangenen Jahre den „starken Willen in der Bevölkerung und in der Wirtschaft, nach vorne zu schauen, zu gestalten und aus den Herausforderungen Chancen zu machen“. „Wirtschaft und Industrie, Staat und Gesellschaft haben bewiesen, wie gut sie Kräfte bündeln und Modernisierung vorantreiben können“, so die Ministerpräsidentin. Der Weg in die Zukunft sei klar gezeichnet: „Die Transformation von Wirtschafts- und Arbeitswelt und die Umstellung auf erneuerbare Energien müssen mit hohem Tempo vorangetrieben werden. Wir müssen Innovationen fördern, die Infrastruktur nachhaltig ausbauen und bürokratische Hürden senken, so dass qualifizierte Fachkräfte nach Deutschland kommen, zukunftsweisende Ideen gefördert werden und Unternehmen bereit sind, in Deutschland zu investieren“, sagte die Ministerpräsidentin.

Peter Hähner, Präsident der IHK für Rheinhessen © Foto Diether von Goddenthow
Peter Hähner, Präsident der IHK für Rheinhessen © Foto Diether von Goddenthow

Der IHK-Präsident Peter Hähner machte deutlich, dass sich die Wirtschaft in Rheinhessen und in Rheinland-Pfalz insgesamt als krisenresistent gezeigt habe – allerdings unter anderem auf Kosten von Investitionen, die zurückgestellt werden mussten. Dabei seien diese gerade jetzt entscheidend, auch mit Blick auf das Ziel des Landes Rheinland-Pfalz, bis zum Jahr 2040 klimaneutral zu sein. „Hier geht es um Neubau, Erweiterung sowie Modernisierung großer Teile der Infrastruktur, der Gebäude oder der Industrieanlagen. Dabei dürfen wir uns nicht länger durch langwierige Genehmigungsprozesse bremsen lassen. Wir brauchen dringend eine höhere Ausbaugeschwindigkeit und -dynamik bei der Energieversorgung.“ Der IHK-Präsident forderte „Bürokratiearme, schnellere und digitalisierte Förderprozesse und eine höhere Ausbaugeschwindigkeit und -dynamik der Energie-Infrastruktur. „Wir dürfen uns nicht länger bremsen lassen“

Joachim Rind, Präsident der Architektenkammer. © Foto Diether von Goddenthow
Joachim Rind, Präsident der Architektenkammer. © Foto Diether von Goddenthow

Diese Forderung unterstrich auch Joachim Rind,  Präsident der Architektenkammer Rheinland-Pfalz: „Ich wünsche mir bei dem Bürokratieabbau deutlich mehr Geschwindigkeit. Ich glaube, dann kriegen wir von ganz alleine eine Fahrt rein, die man aufnehmen kann.“ Im Bausektor läge seiner Einschätzung nach die Zukunft vor allem im Gebäudebestand: „Wenn wir die Klimaziele zwischen 2035 und 2040 erreichen wollen, brauchen wir ein wirkliches Umsteuern bei allen am Bau Beteiligten. Der Fokus muss weg vom Neubau mit seinem großen CO2-Fußabdruck hin zur Entwicklung und Pflege des Gebäudebestands und seiner Potenziale.“ Deshalb ist für den Gebäudebestand nach Auffassung von Rind die konsequente Lebenszyklusanalyse nötig. So können die beim Bau ehemals aufgewendete und darin gebundene Energie, die verwendeten endlichen Materialressourcen und nicht zuletzt die ihnen zugewachsene Kultur- und Alltagsgeschichte in die Abwägung ‚Sanierung oder Neubau‘ einbezogen werden. Auch bei der Frage nach Schaffung von dringend benötigtem Wohnungen müsse geprüft werden, ob nicht auch leerstehende Bürogebäude in guten Zentrumslagen entsprechend umgebaut werden könnten. „Zero Waste“ wäre keine Utopie. Lösungen für dieses neue Bauen sind an den Hochschulen und in vielen ambitionierten Architekturbüros bereits entwickelt. Präsident Rind fordert daher „Was uns noch hindert, sind alte Normen und Regelwerke und natürlich Haftungsfragen.“ Deshalb: „Nachdenken und Mut haben, sich auch von gewohnten Dingen mal zu lösen!“

Peter Frey  „Zeitenwende und deutsche Lebenslügen“  

Keynote-Speaker und Ehrengast war Dr. Peter Frey, der als einer der bekanntesten TV-Journalisten Deutschlands gilt – mit einer klaren und unabhängigen Perspektive angesichts der aktuellen Krisen und der politischen Gemengelage. Unter dem Titel „Zeitenwende und deutsche Lebenslügen“ hielt er ein starkes Plädoyer für Demokratie und Zusammenhalt. Seine Jahresbilanz 2022: „Wir haben die Kraft, Krisen zu bewältigen. Dieses Land ist zu Innovation und Solidarität fähig.“ © Foto Diether von Goddenthow
Keynote-Speaker und Ehrengast war Dr. Peter Frey, der als einer der bekanntesten TV-Journalisten Deutschlands gilt – mit einer klaren und unabhängigen Perspektive angesichts der aktuellen Krisen und der politischen Gemengelage. Unter dem Titel „Zeitenwende und deutsche Lebenslügen“ hielt er ein starkes Plädoyer für Demokratie und Zusammenhalt. Seine Jahresbilanz 2022: „Wir haben die Kraft, Krisen zu bewältigen. Dieses Land ist zu Innovation und Solidarität fähig.“ © Foto Diether von Goddenthow

„Wir stecken in sich überlagernden Krisen, und jede einzelne ist  schwergewichtig und kurzfristig kaum lösbar“,  fasste Peter Frey gleich zu Beginn seines Beitrags „Zeitenwende und deutsche Lebenslügen“ die gegenwärtige Situation   zusammen. Umso mehr gelte es, gemeinsam eine Zeitenwende zu wagen, um die Herausforderungen zu meistern. Dazu müsse sich unsere Gesellschaft endgültig aus drei zentralen Lebenslügen befreien, nämlich erstens, „der billigen Energie aus Russland“, zweitens, „einer kaum zu verantwortenden und zu Abhängigkeiten führenden wirtschaftlichen Verschränkung mit China“ und drittens „der Übereignung der eigenen Sicherheit an die USA.“  „Diese drei, in Politik, Medien und Gesellschaft kaum kontrovers diskutierten Grundbedingungen, waren die Grundlage für das neue deutsche Wirtschaftswunder zum Beginn des 21. Jahrhunderts“, so Frey.

Aufwertung der Verteidigung
Obgleich er als ehemaliger Kriegsdienstverweigerer zu einer Generation gehöre, „die angesichts des Nato-Doppelbeschlusses in den 1980er Jahren von „Frieden schaffen ohne Waffen“ geträumt hatte, müsse er heute feststellen, dass „dieser Satz seine Schwächen hat, wenn wir es mit einem Angreifer zu tun haben, der entschlossen ist, seine Interessen mit militärischer Gewalt, auch mit Gewalt gegen die eigene Bevölkerung, durchzusetzen“, so Frey. In dieser Lage sei „der effektivste Weg, die Ukraine zu unterstützen durch die Lieferung von Waffen“, was für Christen und Pazifisten natürlich eine Zumutung sei. „Unter dem Druck des Aufstiegs der neuen Autokratien wird sich ein größer gewordenes Europa, einschließlich der Ukraine, stärker mit den USA verbünden und sich dabei gleichzeitig für den Fall wappnen müssen, dass diese USA noch einmal in die Hände neonationalistischer, an Westeuropa wenig interessierter Kräfte fallen.

Generell müsse Deutschland „der militärischen Dimension als staatlicher Aufgabe einen viel höheren Stellenwert einräumen“, so Frey. Die »Zeitenwende« sei „nicht nur ein politischer, vor allem sicherheits- und außenpolitischer Paradigmenwechsel, sondern eine Entscheidung mit weitreichenden finanziellen und deshalb gesellschaftlichen Folgen.“

Re-Globalisierung statt Entkopplung von China
Deutschland brauche sich auch nicht kleiner machen als es sei, immerhin kam die Erfindung des entscheidenden Impfstoffes zur Corona-Bekämpfung aus Mainz, überspitzt gesagt, wurde aus Deutschland heraus die „Welt vor Corona“ gerettet, und nicht aus China. In China sei die Pandemie benutzt worden, „um die Mobilität einzuschränken und einen digitalen Überwachsungsstaat einzuführen, wie ihn die Welt bisher nicht kannte“, so Frey. Die wirtschaftlichen Folgen der verfehlten Corona-Politik in China seien immens. „Es ist Zeit, China mit mehr Selbstbewusstsein entgegenzutreten“. Der  Westen habe in der Krise gezeigt, „was er besser kann“, so Frey, der sich jedoch ausdrücklich gegen eine wirtschaftliche Entkopplung von China und gegen eine De-Globalisierung aussprach. Der wirtschaftliche Preis und die destabilisierenden Folgen in unserer Gesellschaft wären viel zu hoch. Aber wir müssten Konsequenzen ziehen. „die Abhängigkeiten genau kalkulieren, und unsere Kunden und Auftraggeber diversifizieren. Wir müssen am Ende Globalisierung neu denken, nicht nur ökonomisch, auch strategisch, politisch, ökologisch und sozial“, sagte Frey. Ein neues Globalisierungs-Konzept bedeutete nicht, „wie bisher einfach die günstigsten Produktionsstandorte durch Handel, durch Kommunikation, Investitionen, Technologietransfer, durch eine freizügige Wirtschaftsordnung miteinander zu verknüpfen“.

„Wir brauchen eine Re-Globalisierung, wie das Claus Hulverscheidt in der Süddeutschen Zeitung genannt hat“, so Frey. Re-Globalisierung hieße, „sich breit aufzustellen, Rohstoff und Produktion zu Exportmärken zu diversifizieren, die Arbeitsteilung mit ähnlich gestrickten Staaten zu forcieren, und zugleich gegenüber Autokraten und Diktatoren mehr Vorsicht walten zu lassen, insbesondere bei kritischen Gütern“, allein, wenn wir an Arzneimittel, Batterien oder Chips dächten.

(Dokumentation: Diether von Goddenthow /Rhein-Main.Eurokunst)

Über den Jahresempfang der Wirtschaft 

Impression vom 22. Empfang der Wirtschaft in der Rheingold-Halle Mainz. © Foto Diether von Goddenthow
Impression vom 22. Empfang der Wirtschaft in der Rheingold-Halle Mainz. © Foto Diether von Goddenthow

Auch beim  22. Jahresempfang der Wirtschaft kamen in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt wieder Unternehmerinnen und Unternehmer aus Betrieben und Berufen aller Branchen und Größen zusammen – mit der Möglichkeit zu einem unmittelbaren Dialog mit Spitzenpolitikerinnen und Spitzenpolitikern aus Bund und Land sowie Repräsentanten der Region. Die Kooperation begann im Jahr 2000 mit sechs beteiligten Kammern und dem rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck als Gastredner. Seither waren Bundeskanzler Gerhard Schröder und – dreimal – Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Gast, Bundeskanzler Olaf Scholz stand 2019 als Finanzminister am Rednerpult. Dialogpartner waren ebenso die Bundeswirtschaftsminister Clement, Glos und Brüderle, die Parteivorsitzenden Westerwelle, Beck, Gabriel und Lindner sowie Ministerpräsidentin Malu Dreyer, Bundesbankpräsident Dr. Jens Weidmann sowie EU-Kommissar Günther Oettinger.

Dahinter stehen folgende 15 Kammern und Institutionen der Wirtschaft, des Handwerks, der freien Berufe und der Landwirtschaft:

Architektenkammer Rheinland-Pfalz
Handwerkskammer Rheinhessen
Industrie- und Handelskammer für Rheinhessen
Ingenieurkammer Rheinland-Pfalz
Landesärztekammer Rheinland-Pfalz
Landesapothekerkammer Rheinland-Pfalz
Landespflegekammer Rheinland-Pfalz
Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz
Landestierärztekammer Rheinland-Pfalz
Landeszahnärztekammer Rheinland-Pfalz
Landwirtschaftskammer Rheinland-Pfalz
Pfälzische Rechtsanwaltskammer Zweibrücken
Rechtsanwaltskammer Koblenz
Steuerberaterkammer Rheinland-Pfalz
Wirtschaftsprüferkammer in Rheinland-Pfalz

Weitere Eindrücke vom Jahresempfang der Wirtschaft

Austausch und Netzwerken beim Jahresempfang der Wirtschaft im oberen Foyer der Mainzer Rheingold-Halle. © Foto Diether von Goddenthow
Austausch und Netzwerken beim Jahresempfang der Wirtschaft im oberen Foyer der Mainzer Rheingold-Halle. © Foto Diether von Goddenthow

Umzug des Gutenberg Museums ins Naturhistorische Museum Mainz – Ermäßigte Eintrittspreise

Mammutprojekt im Zuhause des Hauer-Elefanten. Naturhistorisches Museum Mainz (nhm) ermäßigt Eintritt während aktueller Umbaumaßnahmen. Das Naturhistorische Museum Landessammlung für Naturkunde Rheinland-Pfalz in Mainz ist das größte Museum seiner Art in Rheinland-Pfalz. Schwerpunkte der Ausstellungen und Sammlungen sind die Bio- und Geowissenschaften in Rheinland-Pfalz und dessen Partnerland Ruanda. © Foto Diether von Goddenthow
Mammutprojekt im Zuhause des Hauer-Elefanten. Naturhistorisches Museum Mainz (nhm) ermäßigt Eintritt während aktueller Umbaumaßnahmen. Das Naturhistorische Museum Landessammlung für Naturkunde Rheinland-Pfalz in Mainz ist das größte Museum seiner Art in Rheinland-Pfalz. Schwerpunkte der Ausstellungen und Sammlungen sind die Bio- und Geowissenschaften in Rheinland-Pfalz und dessen Partnerland Ruanda. © Foto Diether von Goddenthow

(rap) Wo gehobelt wird, da fallen bekanntlich Späne – und dadurch entstehen neue Perspektiven! Denn das Naturhistorische Museum bereitet in diesem Moment den Einzug des Gutenberg-Museums vor. Geplant ist, dass das Gutenberg-Museum in den „Wilden Welten“ ein vorrübergehendes Zuhause findet, da parallel ein Neubau des Weltmuseums der Druckkunst am historischen Liebfrauenplatz entstehen wird.

Platz dafür schafft nun das Team des Naturhistorischen Museums – Möbel werden gerückt und Vitrinen neu bestückt: „Ein solches Projekt braucht starke Nerven, aber auch starke Besucher:innen, die uns auf diesem Weg begleiten. Wir wissen, dass wegen des Umbaus einige Ausstellungsflächen wegfallen – dafür haben wir eine Lösung gefunden. Wir bieten ab sofort: Reduzierte Flächen für einen reduzierten Preis“, erklärt Museumsdirektor Dr. Bernd Herkner.

Der Eintrittspreis wurde von 5 auf 3 Euro gesenkt. „Viele Besucher:innen haben sicherlich das Gefühl, das durch die Umbauarbeiten Inhalte verloren gehen. Wir können an dieser Stelle aber beruhigen: Vor der Neueröffnung des nhms im Jahr 2019 haben wir uns bewusst für eine nachhaltige Neukonzeption der Dauerausstellung im Erdgeschoss entschieden, die während und natürlich auch nach der Interimsphase zu sehen ist“, betont Nicole Fischer, stellvertretende Direktorin. Das „Maskottchen“ des Museums, das riesige „Deinotherum giganteum“ lässt sich also von all dem nicht beeindrucken und begrüßt im Foyer die Besucher weiterhin mit seinem Rüssel.

Was ebenso bleibt, ist die Zuversicht: „Dieses Umbau-Projekt bietet auch dem nhm langfristig Chancen. Es ermöglicht uns, unsere Dauerausstellung zu erneuern und neue Ansätze in der Vermittlung festzulegen. Im Interim werden wir bestehende Objekte frisch in Szene setzen und für unsere Gäste neu präsentieren“, so Dr. Bernd Herkner.
Soviel kann schon verraten werden: Die Urpferdchen werden in neuem Kontext präsentiert, ebenso wird es eine Ausstellung zur Evolution des Menschen geben. Und keine Sorge, der Mainzer Wolf kommt auch wieder zurück ins Museum, nur an anderer Stelle.

Außerhalb des Museums wird es ab Frühjahr wieder die beliebten Stadtspaziergänge „Wildes Mainz“ geben. Dort können Teilnehmende ihr Wissen rund um Flora und Fauna testen und die wilden Seiten der Landeshauptstadt kennenlernen.

Naturhistorisches Museum Mainz
Landessammlung für Naturkunde RLP
Reichklarastraße 1 und 10
55116 Mainz
naturhistorisches.museum
@stadt.mainz.de

Veranstaltungen im Gutenberg-Museum vom 06.02. bis 12.02.2023

© Foto Diether von Goddenthow
© Foto Diether von Goddenthow

Veranstaltungen, die vom 06.02.  bis 12.02.2023 im Gutenberg-Museum stattfinden, mit der Bitte um Veröffentlichung.

Montag, 06.02.2023, 9.00-17.00 Uhr

Drucken und Setzen im Druckladen des Gutenberg-Museums für große und kleine Gruppen. Setzen mit Holzlettern, Drucken der Motive im Hochdruck. Weitere Projekte nach Absprache. Kosten: Werkstattbeitrag (Voranmeldung erforderlich, Tel. 06131-122686 oder gm-druckladen@stadt.mainz.de).

Dienstag, 07.02.2023, 9.00-17.00 Uhr
Drucken und Setzen im Druckladen des Gutenberg-Museums für große und kleine Gruppen. Setzen mit Holzlettern, Drucken der Motive im Hochdruck. Weitere Projekte nach Absprache. Kosten: Werkstattbeitrag (Voranmeldung erforderlich, Tel. 06131-122686 oder gm-druckladen@stadt.mainz.de).

Dienstag, 07.02.2023, 10.00, 11.00, 12.00, 14.00, 15.00 und 16.00 Uhr
(und auf Nachfrage)
Druckvorführung an der Gutenberg-Presse.

Mittwoch, 08.02.2023, 9.00-17.00 Uhr
Drucken und Setzen im Druckladen des Gutenberg-Museums für große und kleine Gruppen. Setzen mit Holzlettern, Drucken der Motive im Hochdruck. Weitere Projekte nach Absprache. Kosten: Werkstattbeitrag (Voranmeldung erforderlich, Tel. 06131-122686 oder gm-druckladen@stadt.mainz.de).

Mittwoch, 08.02.2023, 10.00, 11.00, 12.00, 14.00, 15.00 und 16.00 Uhr (und auf Nachfrage)
Druckvorführung an der Gutenberg-Presse.

Mittwoch, 08.02.2023, 15.00 Uhr
Führung durch die Sonderausstellung „Hotspot Gutenberg-Museum – Hoher Besuch in Rheinland-Pfalz“ mit der Kuratorin Dr. Anett Göthe. Kosten: Museumseintritt. Keine Anmeldung erforderlich.

Donnerstag, 09.02.2023, 9.00-17.00 Uhr
Drucken und Setzen im Druckladen des Gutenberg-Museums für große und kleine Gruppen. Setzen mit Holzlettern, Drucken der Motive im Hochdruck. Weitere Projekte nach Absprache. Kosten: Werkstattbeitrag (Voranmeldung erforderlich, Tel. 06131-122686 oder gm-druckladen@stadt.mainz.de).

Donnerstag, 09.02.2023, 10.00, 11.00, 12.00, 14.00, 15.00 und 16.00 Uhr (und auf Nachfrage)
Druckvorführung an der Gutenberg-Presse.

Freitag, 10.02.2023, 9.00-17.00 Uhr
Drucken und Setzen im Druckladen des Gutenberg-Museums für große und kleine Gruppen. Setzen mit Holzlettern, Drucken der Motive im Hochdruck. Weitere Projekte nach Absprache. Kosten: Werkstattbeitrag (Voranmeldung erforderlich, Tel. 06131-122686 oder gm-druckladen@stadt.mainz.de).

Freitag, 10.02.2023, 10.00, 11.00, 12.00, 14.00, 15.00 und 16.00 Uhr (und auf Nachfrage)
Druckvorführung an der Gutenberg-Presse.

Samstag, 11.02.2023, 10.00, 11.00, 12.00, 14.00, 15.00 und 16.00 Uhr (und auf Nachfrage)
Druckvorführung an der Gutenberg-Presse.

Samstag, 11.02.2023, 10.00-15.00 Uhr  
Offene Werkstatt im Druckladen des Gutenberg-Museums
für Einzelpersonen und Große und kleine Gruppen mit max. 5 Teilnehmern. Drucken von eigenen oder vorhandenen Motiven, Setzen mit Holzlettern. Sondermaterialien auf Anfrage. Kosten: Werkstattbeitrag

Samstag, 11.02.2023, 11.00 Uhr  
Öffentliche Führung durch die Dauerausstellung mit den Gästeführer:innen der Stadt Mainz. Führung 5 Euro  (zzgl. Eintritt)

Samstag, 11.02.2023, 13.30-16.30 Uhr
Nachlass von großen und kleinen Sünden
Druckvorführung von Ablassbriefen im 1. Stock des Gutenberg-Museums
Sonntag, 12.02.2023, 12.00, 13.00, 14.00, 15.00 und 16.00 Uhr (und auf Nachfrage)
Druckvorführung an der Gutenberg-Presse (15 Uhr im Rahmen der Kinderführung).

Sonntag, 12.02.2023, 15.00-17.00 Uhr
Familiennachmittag

Von tanzenden Buchstaben und bunten Blättern – Spannende Kinderführung von A bis Z mit Druckerschwärze und zauberhaften Büchern im Reich der schwarzen Kunst.  Für Kinder ab 6 Jahre und ihre Eltern. Treffpunkt 15 Uhr an der Museumskasse | Mobile Druckwerkstatt: Drucken im Foyer des Gutenberg-Museums. Teilnahmebeitrag pro Kind: Führung 2 Euro und Drucken 2 Euro, inkl. Eintritt, erm. Eintritt 3,50 Euro für Eltern und begleitende Angehörige

Von Montag bis Freitag zwischen 9.00-17.00 Uhr
Einzelbetreuung und Druckaufträge im Druckladen des Gutenberg-Museums
Erstellen privater Drucksachen unter fachkundiger Hilfe. Entgegennahme von Aufträgen nach persönlicher Absprache (Voranmeldung erforderlich, Tel. 06131-122686 oder gm-druckladen@stadt.mainz.de)

Ausstellungen Klima_X bis 27.08. u. ab 6.10. „STREIT. Eine Annäherung“ zum Paulskirchenjubiläum u. vieles mehr im Museum für Kommunikation Frankfurt

Ausstellungsansicht „STREIT. Eine Annäherung“ © Museumsstiftung für Post und Telekommunikation, Foto: Kay Herschelmann
Ausstellungsansicht „STREIT. Eine Annäherung“ © Museumsstiftung für Post und Telekommunikation, Foto: Kay Herschelmann

Seit dem zweiten Halbjahr 2022 seien die Besucherzahlen im Museum für Kommunikation nahezu schon fast wieder auf dem Vorcorona-Niveau, freut sich Museums-Direktor Dr. Helmut Gold beim heutigen Jahrespressegespräch mit Rück- und Ausblick auf das Ausstellungsprogramm und die Projekte 2023.

Während der Pandemie, als die Besucherzahlen stark eingebrochen waren, hat das Museum seine Livestream-Angebote mit großem Erfolg stark ausgebaut. Einige Vorträge und Diskussionen fanden ausschließlich online statt und erfreuten sich guter Zugriffszahlen. Das Museum wird auch 2023 diesen Mix aus analogen, digitalen und hybriden Veranstaltungsangeboten fortführen.

Publikumsmagneten 2022 waren das überaus erfolgreiche Museumsuferfest (ca. 15.000 Besucher) sowie der Internationale Museumstag im Sammlungsdepot in Heusenstamm, der mit 1.100 Gästen so viel Resonanz wie noch nie hatte. Bei Führungen und Aktionen konnten die Besucher die einzigartigen Bestände der Museumsstiftung für Post und Telekommunikation, das sind schätzungsweise 90 Prozent der Gesamtsammlung des Museums, erleben.

„2022 war auch geprägt durch das Ausstellungsprojekt KLIMA_X, das uns über das gesamte Jahr hinweg begleitete: Bereits im Vorfeld zur Eröffnung hatte das Museum im Schulterschluss mit zahlreichen Kooperationspartnern, Initiativen und Gruppen Veränderungsaktionen auf den Weg gebracht, um das Bewusstsein für Veränderung nachhaltig in der Stadtgesellschaft zu verankern. Das breite Spektrum des Publikums– von Interessensverbänden über Verbraucherzentrale und Stadtplanungsamt bis hin zu Akteurinnen und Akteuren aus Schulen und dem kirchlichen Bereich – zeigt, dass es gelungen ist, unser bestehendes Publikum um neue Gruppen zu erweitern“, Dr. Helmut Gold.

KLIMA_X bis 27.08.2023
Die große Sonderausstellung KLIMA_X geht noch bis 27.8.2023. Dabei wird wird auch der Denkraum „Klima & Du“ bis zum 10.9.2023 kontinuierlich um neue Ausstellungsobjekte erweitert, die von Gruppen, Klassen oder Einzelpersonen eingereicht werden.
Worum geht es bei KLIMA_X? Wir kennen alle die Last der guten Vorsätze: Wir wollen weniger Zucker essen, unseren Fleischkonsum reduzieren, uns mehr bewegen, nicht mehr Rauchen oder das Fahrrad statt das Auto nehmen. Oft wissen wir bereits, was gesund und gut für uns wäre, doch die Umsetzung fällt uns schwer. Das gilt auch in Bezug auf die Klimakrise. Starkregen, Hitzeperioden oder Dürren haben wir bereits erlebt und Klimawissenschaftler:innen auf der ganzen Welt haben valide Klimadaten vorgelegt. Wir wissen, dass wir CO2 Emissionen deutlich reduzieren müssen, um unseren Lebensraum zu erhalten. Wir wissen, dass wir unsere Mobilität, Ernährung und unseren Konsum verändern müssen. Wir wissen, dass das Thema uns alle angeht – im Großen die Politik und Wirtschaft und im Kleinen jeden in der persönlichen Lebensführung. Doch warum tun wir nicht, was wir wissen?

Die Ausstellung geht diesen Fragen nach und lädt die Besuchenden ein, den eigenen Veränderungstyp auszukundschaften. Denn jeder Mensch geht mit Veränderung unterschiedlich um und hat unterschiedliche Auffassungen dazu. Frei nach dem Motto: Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.
Klima & Du. Ein partizipativer Denkraum bis 10.9.2023
Was können wir als Einzelne und als Gesellschaft tun, um der Klimakrise zu begegnen? Begleitend zur großen Wechselausstellung KLIMA_X zeigen wir in den Kunst-Räumen Ergebnisse aus dem Vermittlungsprogramm und partizipativen Aktionen. Die Ausstellung verändert sich mit der Zeit und ermöglicht Gruppen und Initiativen, sich zu beteiligen. Unter anderem sind hier die Gewinnerentwürfe der Aktion „Kinder gestalten eine Briefmarke“ (Deutsche Post) zum Thema Nachhaltigkeit zu sehen und Ergebnisse des Kooperationsprojekts mit der Ev. Akademie Frankfurt „#change: Werkstatt für Veränderung“.
Aktion „Meine Idee“:
Was können wir für eine klimagerechte Zukunft tun? Wie stellen sich die Besuchenden eine lebenswerte Zukunft vor? In dem partizipativen Denkraum „Klima & Du“ bieten wir eine Mikro-Ausstellungsfläche, um als Einzelne, Institution, Klasse, Gruppe oder Künstler:in Ideen zu präsentieren und mit Besuchenden in Dialog zu treten.

„HumANimal. Das Tier und Wir“ vom 2.03. bis 15.10.2023

Ausstellungsansicht „Humanimal. Das Tier und Wir“ © Badisches Landesmuseum Karlsruhe, Foto: ARTIS – Uli Deck
Ausstellungsansicht „Humanimal. Das Tier und Wir“
© Badisches Landesmuseum Karlsruhe, Foto: ARTIS – Uli Deck

Aus kulturgeschichtlicher Perspektive um das wechselvolle, oftmals widersprüchliche Verhältnis von Mensch und Tier geht es vom 2.03. bis 15.10.2023 in der Ausstellung „HumANimal. Das Tier und Wir.“ Egal ob verehrte Gottheit oder ertragreiches Schlachtvieh, verwöhntes Familienmitglied oder nützliche Arbeitskraft: Die individuelle Beziehung zu Tieren prägt den Alltag eines jeden Menschen und rührt an nichts Geringerem als dem menschlichen Welt- und Eigenverständnis: „Wie halten wir es mit dem Fleischkonsum?“, „ Seit wann leben Hund und Katze mit uns unter einem Dach“ usw. Die auf 130 Quadratmetern eigentlich kleine Schau gibt einen facettenreichen kulturhistorischen Überblick über die Mensch-Tier-Beziehung von der Antike bis heute. Humanimal“ ist eine Ausstellung produziert vom Badischen Landesmuseum Karlsruhe.

STREIT. Eine Annäherung 6.10.2023 bis 25.08.2024
Mit einer großen Ausstellung, die die KLIMA_X-Schau ablösen wird, widmet sich das Museum für Kommunikation Im Jahr des Paulskirchenjubiläums dem gewaltigen Thema „Streit“ als Teil der menschlichen Kommunikation. Streit begegnet uns täglich: in den Medien, in politischen oder gesellschaftlichen Debatten, in der Familie oder in Beziehungen. Die Ausstellung STREIT. Eine Annäherung betrachtet die Entwicklungen, Herausforderungen und die Relevanz von „Streit“ aus historischer, kommunikativer, politischer und persönlicher Perspektive.
Mit rund 150 „streitbaren“ Objekten, Fotografien, Medien und künstlerischen Positionen eröffnet die Ausstellung „STREIT. Eine Annäherung“. Sie zeigt aus historischer, kommunikativer und politischer, aber auch persönlicher Perspektive welche Herausforderungen sich im Streit stellen – und welche Entwicklungen möglich sind.

Hello! Where are you? – Hallo! Wer da? Vom 17.9.2023 bis Frühjahr 2024

Ausstellung „Hallo! Wer da?“ Modelle von links nach rechts: Motorola International 3200 (1992), Motorola 5200 (1994), Nokia 5110 (1997), Siemens C25 (1999), iPhone 3G (2008), iPhone 4 (2010), Huawei P8lite (2019) © Museumsstiftung für Post und Telekommunikation, Foto: Bert Bostelmann
Ausstellung „Hallo! Wer da?“ Modelle von links nach rechts: Motorola International 3200 (1992), Motorola 5200 (1994), Nokia 5110 (1997), Siemens C25 (1999), iPhone 3G (2008), iPhone 4 (2010), Huawei P8lite (2019) © Museumsstiftung für Post und Telekommunikation, Foto: Bert Bostelmann

Da Slowenien in diesem Jahr Ehrengastland bei der Frankfurter Buchmesse (18. bis 22.10.2023) ist, kooperiert das Museum für Kommunikation mit dem slowenischen Museum für Post und Telekommunikation. In der gemeinsamen Ausstellung „Hello! Where are you? – Hallo! Wer da?“ werden sie die bis zu den 1990er Jahren noch recht unterschiedliche und dann parallele Entwicklung des Mobilfunks in Deutschland und in Slowenien präsentieren.
Mit „Hallo! Wo bist du? [Halo! Kje si?]“ haben sich die Menschen dort am Handy gemeldet, als das Mobiltelefon noch ganz neu war und sie nicht wussten, von wo aus sie angerufen wurden, daher dieser Titel. Der Anruf wird symbolisch angenommen mit dem der Rückfrage: „Hallo! Wer da?“ Anhand von Objekten aus den Sammlungen beider Museen und ausgewählten Nutzungsgeschichten erfahren die Besuchenden mehr über die technischen Meilensteine des Mobilfunks und der Entwicklung der slowenischen und deutschen Handykultur – von den wechselhaften Anfängen der Mobiltelefonie in unterschiedlichen politischen Systemen bis in die gemeinsame Gegenwart und Zukunft globaler Kommunikation. Auch die Besucherinnen und Besucher können vor Ort mit ihrer eigenen Handygeschichte an unserem gemeinsamen Gespräch teilnehmen.

#KRISENALLTAG ab 10.11.2023 bis Frühjahr 2024
Im Zuge der Corona-Pandemie rückten öffentliche Gesundheitsinstitutionen und ihre Krisenkommunikation in den Fokus. Die Ausstellung #KRISENALLTAG zeichnet die kommunikativen Herausforderungen nach und zeigt, wie die Bevölkerung auf Informationen, Warnungen, Handlungsempfehlungen und -anweisungen reagierte. Eine Ausstellung in Kooperation mit dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)

Auswahl Veranstaltungen 2023

KLIMA_X: Blühwiese zwischen dem Museumsneubau und der historischen Villa © Museum für Kommunikation Frankfurt
KLIMA_X: Blühwiese zwischen dem Museumsneubau und der historischen Villa © Museum für Kommunikation Frankfurt

Mi, 8.3.2023, 19 Uhr
Frankfurter Premieren: Wenn Du geredet hättest, Desdemona
1983 erschien das Buch „Wenn du geredet hättest, Desdemona. Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen“ von Christine Brückner. Es wurde zu einem großen Erfolg, denn die Monologe, die Christine Brückner bekannten Frauen aus Literatur und Geschichte in den Mund legte, machten auch auf dem Theater Furore.Zum 100. Geburtstag von Christine Brückner haben der S. Fischer Theater und Medien Verlag und die Stiftung Brückner-Kühner in Kooperation mit dem Archiv der deutschen Frauenbewegung, der Stadt Kassel und dem Hessischen Rundfunk einen Aufruf gestartet. Gesucht wurden neue Reden von gesellschaftlicher und persönlicher Bedeutung. Am Weltfrauentag werden Reden von ausgewählten Autorinnen vorgetragen.
Eine Veranstaltung in Kooperation mit dem Frauenreferat und dem Kulturamt Frankfurt

Do, 27.4.2023, 19 Uhr
Frankfurt liest ein Buch: Von unten stark
Lesung von Deniz Ohde aus ihrem Roman „Streulicht“ und anschließendes Gespräch mit Anja Kittlitz (SchlaU-Werkstatt)
„Nichts war je von mir ausgegangen, alles ist immer nur auf mich eingefallen“ – so heißt es in Deniz Ohdes Roman über das Erwachsenwerden am Rande des Industrieparks Höchst. Wie gelingt es, sich als Jugendliche von Zuschreibungen zu befreien und die eigene Biografie zu gestalten? Darüber spricht die Autorin mit der Kulturwissenschaftlerin Anja Kittlitz.
Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Crespo Foundation.

Sa, 13.5.2023, 19-2 Uhr
Nacht der Museen
Lebenswert, nachhaltig, zukunftsgewandt: Grün ist unser Motto für die Nacht der Museen 2023 am 13.5.2023. Ein buntes Programm im Lichthof des Museums wird ergänzt mit Kurzführungen in den Ausstellungen.

Fr-So, 25.-27.8.2023
Museumsuferfest
Zum Museumsuferfest vom 25. bis 27. August 2023 lassen wir die Tiere los: Am letzten Wochenende im August dreht sich das gesamte Programm um die Ausstellung „Humanimal“. Außerdem spielt die Bigband der Deutschen Telekom im Lichthof.

Museum für Kommunikation Frankfurt a. M
Schaumainkai 53 (Museumsufer)
60596 Frankfurt am Main
E-Mail: mfk-frankfurt@mspt.de

Harald Martenstein erhält Medienpreis für Sprachkritik – Jury: »Ironisch, kritisch, unangepasst und provozierend, aber niemals verletzend«

Harald Martenstein © C. Bertelsmann
Harald Martenstein © C. Bertelsmann

Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) und die Hans-Oelschläger-Stiftung verleihen Ende März den neu ausgerichteten Medienpreis für Sprachkritik. Der mit 10 000 Euro dotierte Preis ersetzt die bisherigen Medienpreise für Sprachkultur und setzt die Sprachkritik als wichtigsten Schwerpunkt an.

Erster Preisträger des neuen Preises ist der bekannte Journalist und Sprachkolumnist Harald Martenstein. Dies entschied eine unabhängige Jury bestehend aus dem Hauptvorstand der GfdS sowie aus Vertreterinnen und Vertretern der Hans-Oelschläger-Stiftung.

»Harald Martenstein zählt seit Jahrzehnten zu den bedeutendsten Kolumnisten in Deutschland«, erklärt Peter Schlobinski, Vorsitzender der Gesellschaft für deutsche Sprache. »Mit scharfem Blick auf die kleinen Dinge des Alltäglichen und die großen Fragen der Politik seziert Martenstein gesellschaftliche und sprachliche Entwicklungen: ironisch und mit Wortwitz, kritisch, unangepasst und provozierend, aber niemals verletzend. Sein Kompass: Respekt vor der Meinung der Andersdenkenden«, lautet die Begründung der Jury.

Die Gesellschaft für deutsche Sprache ist eine politisch unabhängige Vereinigung zur Pflege und Erforschung der deutschen Sprache mit Sitz in Wiesbaden und Berlin. Unter anderem wählt sie jedes Jahr das Wort des Jahres und gibt die beliebtesten Vornamen des Jahres bekannt. Um ihre Aufgaben wahrnehmen und ihre Ziele erreichen zu können, wird sie von der Bundesregierung (Beauftragte für Kultur und Medien) und von den Regierungen der Bundesländer (Kultusministerkonferenz) gefördert.

Der Preis wird in einem Festakt am 25. März um 19 Uhr in Wiesbaden verliehen

Statement des Wiesbadener Staatstheaters zu den Internationalen Maifestspielen 2023

© Foto Diether von Goddenthow
© Foto Diether von Goddenthow

Nun sind Teile des Programms der Internationalen Maifestspiele 2023 zwischen die russischen und ukrainischen Kultur-Fronten geraten, was bedauerlicherweise zu Absagen der ukrainischen Nationalphilharmonie und des Taras-Schewtschenko-Theaters Charkiw geführt hat. Hierzu lässt das Hessische Staatstheater folgendes verlauten:
„Die Internationalen Maifestspiele Wiesbaden (IMF) erreichte gestern durch die Agentur Andreas Richter ein Brief des Generalintendanten des Nationalen Operntheaters der Ukraine Petro Chupryna sowie ein an die Staatsministerin für Kultur und Medien Claudia Roth gerichtetes Schreiben des ukrainischen Kulturministers Oleksandr Tkachenko.

Die Agentur Andreas Richter, die sowohl die Ukrainische Nationalphilharmonie als auch Teodor Currentzis’ musicAeterna in Europa vertritt, hatte dem Chefdirigenten Mykola Diadiura und der Nationalphilharmonie frühzeitig mitgeteilt, dass in einem anderen Konzert auch Anna Netrebko im Rahmen der IMF auftreten werde. Die Künstler hat das nicht davon abgehalten, unsere Einladung anzunehmen.

Die vorläufigen Absagen, die uns nun sowohl seitens der Ukrainischen Nationalphilharmonie als auch seitens des Taras-Schewtschenko-Theater Charkiw erreichten, sind ganz offensichtlich politisch motiviert bzw. von der Politik auferlegt. Dies wird nicht zuletzt aus dem Schreiben des Kulturministers Oleksandr Tkachenko an Claudia Roth offenbar. Tkachenko stellt in diesem Schreiben klar, dass die ukrainische Seite weder die Zusammenarbeit mit Personen tolerieren werde, die die russische Kultur repräsentierten, noch überhaupt Veranstaltungen, in denen russische Kultur zur Darstellung käme (»the Ukrainian side does not tolerate any kind of collaboration with the aggressor state nor participation in any cultural event together with anyone representing Russian culture, nor being part of any event promoting russian culture.«).

Für uns würde das bedeuten, dass wir keinerlei russische Künstler mehr auftreten lassen könnten, keinerlei russische Musik mehr spielen (was wir mit Tschaikowskis Violinkonzert bei den IMF tun) und auch keine russischen Dichter mehr zu Wort kommen lassen dürften (was in unserer Eröffnungspremiere mit der Vertonung von Dostojewskis »Aus einem Totenhaus« passieren wird). Diese Forderung des ukrainischen Kulturministers, die russische Kultur aus unseren Spielplänen ganz zu entfernen, kann für uns in einem freien Land nicht hinnehmbar sein.

Auch halten wir es für falsch, dass ukrainische Künstler, die uns mehrfach beteuert haben, dass sie bei den Internationalen Maifestspielen 2023 auftreten möchten, von staatlicher Seite daran gehindert werden.

Wenn wir von ukrainischen Staatsbeamten aufgefordert werden, dass wir uns zwischen zwei Kulturen entscheiden sollten (»der Kultur des Aggressors und der Kultur eines demokratischen Staates«), so wird hier eine falsche Alternative aufgemacht. Wir haben uns klar gegen den Angriffskrieg von Putin und auch gegen das gesamte Handeln des Putin-Regimes gestellt. Das kann aber keine Verurteilung aller russischen Menschen und aller russischen Kultur bedeuten. Kultur lebt immer von menschlichen Werten, die über den Nationen stehen. So ist die ukrainische Theatertruppe mit dem französischen Stück »Caligula« von Albert Camus eingeladen und das ukrainische Orchester mit einem Werk des Italieners Giuseppe Verdi. Dass es dazu auf staatliches Geheiß in Wiesbaden vermutlich nicht kommen wird, ist kein gutes Zeichen für eine Kultur, die Kriege und Unrecht überwinden will. Die Internationalen Maifestspiele Wiesbaden sind international. Sie entscheiden sich nicht für oder gegen eine nationale Kultur. Sie entscheiden sich für die eine Kultur, die alle verbinden sollte.“

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

DAM PREIS 2023 – Die 26 besten Bauten in\aus Deutschland – vom 27.01. bis 1. Mai 2023 im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt

DAM-Preis 2023  Erweiterung Landratsamt Starnberg des Architekturbüros AUER WEBER Foto / Photo: Aldo Amoretti
DAM-Preis 2023 Erweiterung Landratsamt Starnberg des Architekturbüros AUER WEBER Foto / Photo: Aldo Amoretti

Die 26 besten Bauten in /aus Deutschland: Der DAM-Preis 2023 geht an das international tätige Architekturbüro Auer /Weber für die Erweiterung des Landratsamtes Starnberg

Die Erweiterung des Landratsamts Starnberg von Auer Weber hat die Jury begeistert. Wobei es eigentlich der Zusammenklang des Bestands und des Ergänzungsbaus ist, der letztendlich überzeugte. Denn selten treffen ein Alt- und ein Neubau so harmonisch aufeinander, was nicht zuletzt daran lag, dass hier im Abstand von 35 Jahren die gleichen Architekten am Werk waren. Und so ist heute nur mit scharfem Blick zu erkennen, wo der Bestand aufhört und die Erweiterung beginnt, welche bewährten und geschätzten Attribute des Bestands fortgeschrieben und wo zeitgemäß modernisiert wurde und eben doch ein neuer Charakter Einzug gehalten hat.

Seit 2007 werden mit dem DAM Preis jährlich herausragende Bauten in Deutschland ausgezeichnet. 2023 wird der Preis vom Deutschen Architekturmuseum (DAM) bereits zum siebten Mal in enger Zusammenarbeit mit JUNG als Kooperationspartner vergeben.

Die Longlist
Für die Longlist des DAM Preis nominiert wurden rund 100 Bauwerke aus Deutschland, die aus einer umfangreichen Recherche stammen, an der ein Beirat aus Experten beteiligt war. Dieser bestand aus Christina Beaumont, Christof Bodenbach, Uwe Brösdorf, Matthias Dreßler, Florian Fischer, Lydia Haack, Florian Heilmeyer, Liza Heilmeyer-Birk, Angelika Hinterbrandner, Christian Holl, Philipp Jamme, David Kasparek, Ursula Kleefisch-Jobst, Steffen Lauterbach, Maximilian Liesner, Gert Lorber, Andreas Reich, Marcus Rommel, Ilka Ruby, Christian Schmieder, Heiner Stengel und Finn Warncke. Außerdem wurden Projekte von den Architektenkammern der Länder Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland und Thüringen vorgeschlagen. Grundsätzlich bestand für die Nominierung der Bauten keine Einschränkung auf eine bestimmte Bautypologie, Mindestgröße oder Bausumme. Die nominierten Bauwerke für den DAM Preis 2023 sollten zwischen Ende 2020 und Frühjahr 2022 fertiggestellt sein.

Neu seit 2017 ist, dass alle Bauten dieser Nominierungsliste, geographisch sortiert, jährlich im Architekturführer Deutschland vorgestellt werden. Die Ausgabe 2023, von DOM publishers verlegt, ist bereits im Handel. Gleichzeitig ist die Longlist auch im Internet unter dam-preis.de einsehbar. Über die Jahre entsteht so zusätzlich ein digitales Archiv bemerkenswerter Gebäude in Deutschland.

Die Shortlist
Eine Expertenjury unter Vorsitz von Martin Haas bestimmte aus dem Feld der Longlist 23 Projekte für die engere Wahl der Shortlist zum DAM Preis 2023. Eine Auswahl von drei Bauten deutscher Architekten im Ausland kommt außer Konkurrenz hinzu.

Es fällt auf, dass sich die Debatte um die Bedeutung des öffentlichen Raums ausweitet, dass verstärkt mit flexiblen Wohnformen experimentiert wird und das Um- und Weiterbauen weiterhin im Fokus steht. Vor dem Hintergrund der Mobilitätswende gewinnen Verkehrsinfrastrukturprojekte an Bedeutung, die über ihre Funktion hinaus auch Aufenthaltsqualität versprechen. Dass sich nach der intensiven Phase des Homeoffice die Büros wieder füllen, bildet sich an interessanten Arbeitsorten ab, die Kultur zieht gerne in geschickt umgestaltete Industriebauten ein, im Bereich Bildung sind wegweisende Schul- und Universitätsbauten entstanden. Eine Gemeinsamkeit zeichnet sich ab: am Thema Nachhaltigkeit kommt kaum noch ein Vorhaben vorbei.

Die Finalisten
Auf einer gesonderten Juryfahrt Anfang September 2022 wurden die fünf gewählten finalen Bauensembles von der Jury vor Ort besichtigt:

  • ALLMANNWAPPNER – Stadtbahntunnel Karlsruhe
  • AUER WEBER – Erweiterung Landratsamt Starnberg
  • ELEMENT • A ARCHITEKTEN / HIENDL_SCHINEIS ARCHITEKTENPARTNERSCHAFT – Bundesgeschäftsstelle des Deutschen Alpenvereins e.V., München
  • HÜTTEN & PALÄSTE – Scheune Prädikow, Prötzel
  • LRO LEDERER RAGNARSDÓTTIR OEI – Münchner Volkstheater

Die Bauten im Ausland
Nicht in der Auswahl für den DAM Preis, aber seit vielen Jahren ein fester Bestandteil dieser Übersicht zur deutschen Gegenwartsarchitektur, sind die Bauten von Architekturbüros aus Deutschland in anderen Ländern: In Shenzhen, China, haben Crossboundaries das Dach eines Bahnhofsgebäudes in einen 1,2 Kilometer langen »Skypark« verwandelt. Ein ungewöhnliches Museum ist mit dem Insectarium in Montreal, Kanada, entstanden. Die Architekten waren Kuehn Malvezzi und die ortsansässigen Büros Pelletier de Fontenay sowie Jodoin Lamarre Pratte architectes. Studio Anna Heringer hat in Bangladesch ein vollständig mit der Hand errichtetes Lehm-Bambus-Gebäude entwickelt – das Therapiezentrum Anandaloy mit eng damit verwobener Textilproduktion.

Würdigung des Preisträgers AUER /WEBER
durch Peter Cachola Schmal, Direktor des Deutschen Architektur Museums (DAM) Frankfurt.

„Auer /Weber – Erweiterung Landratsamt Starnberg
Die Erweiterung des direkt am See gelegenen Starnberger Landratsamts ehrt den Bestand und schreibt ihn in beeindruckender Weise fort. Es ist nicht selbstverständlich, dass Bestandsbauten erhalten und weiterverwendet oder erweitert werden – im Gegenteil werden besonders Bauten der Siebziger- und Achtzigerjahre skeptisch betrachtet, was ihre Zukunftsfähigkeit angeht. In Starnberg war dies von Anfang an anders. Die Architekten Fritz Auer und Carlo Weber nahmen 1982 am Wettbewerb für das Landratsamt Starnberg teil. Fritz Auer erinnert sich, dass wesentliche Inspirationen für die städtebauliche Organisation von seiner Japanreise 1960 stammten, bei der er sich die Katsura-Villa – den kaiserlichen Nebenpalast – aus dem 17. Jahrhundert in Kyoto angeschaut hatte. Dessen horizontale Verteilung der Baumassen und Staffelung der Baukörper, die damit ihr sehr großes Volumen geschickt verbargen, die Zweigeschossigkeit mit umlaufenden Veranden im Obergeschoss, die Dachüberhänge und die sanft geneigten Dächer schienen ihm auch geeignete Mittel für das Grundstück in Starnberg zu sein.

Tatsächlich gewann der Entwurf und wurde realisiert. Schon der ursprüngliche Bau setzte in seiner städtebaulichen Anordnung in Form zweigeschossiger Pavillons mit umlaufenden Fluchtbalkonen und einem Wasserbecken sowie fingerartigen Höfen auf eine enge Verzahnung mit der Nachbarschaft. Die teils flügel-, teils kammartige Struktur der Erweiterung führt diese Idee fort. Ein öffentlicher Fußweg leitet durch den baumbestandenen Innenhof mit einem weiteren Wasserbecken hinunter zum Seeufer. Fast nebenbei gelangt man dabei in das großzügige Eingangsatrium, das über zierliche Treppen und Galerien zu den Büros führt. Sie sind nach außen orientiert, aber auch zu den Gängen hin stellen Glasbänder in den Trennwänden große Transparenz her. Die insgesamt drei Atrien haben Oberlichtbänder; es entsteht eine für Behörden überraschend freundliche Atmosphäre.

Dass »das schönste Landratsamt Bayerns«, wie der aktuelle Landrat es stolz nennt, von seinen ursprünglichen Architekten erweitert wurde, war sicher wesentlich. Sie nahmen aber nicht die 1987 noch intendierten Flächen für künftige Erweiterungen im Osten und Süden auf, sondern entwickelten das modulare Konzept im Westen weiter. Dort wurde additiv die im Bestand vorgezeichnete Figur aus Flügelbauten um eine Atriumhalle verdoppelt. Gestalterisch gleichen sich der Bestand und die Erweiterungen weitgehend. Der Übergang zwischen Alt und Neu ist fließend, die Fassaden und Einbauten sind neu, liegen aber teilweise noch unter dem alten Dach. Außerdem wurden manche gestalterischen Entscheidungen von früher revidiert. So ist das Holz der äußeren, neuen Tragstützen nicht mehr natürlich belassen, sondern in dem Grauton lasiert, der der Patina der alten Tragstützen entspricht. Im Vergleich der Atrien ist die Interpretation und Weiterentwicklung der damals lässig verspielten Details hochspannend anzuschauen. Keine Spiegelungen unter den Decken, keine ulkigen Roste im Geländer an den Ecken, keine rhetorischen Glasdurchbrüche und keine mintgrünen Farbakzente an den Geländern mehr. Stattdessen herrscht eine schnörkellosere und klarere Architektursprache in den Details, die die Feinheit der bestehenden aufnimmt, aber professioneller und damit weniger warmherzig erscheint. Die Gebäudetechnik entspricht dem aktuellen Standard, die den Neubau zu einem CO2-neutralen KfWEffizienzhaus 55 macht.

Der Jury hat besonders die Haltung der Architekten imponiert, ihr eigenes Werk zu reflektieren, neu zu interpretieren und in zeitgemäßer Sprache fortzuschreiben.“
Peter Cachola Schmal, Direktor des Deutschen Architektur Museums (DAM) Frankfurt

Jury DAM PREIS 2023

  • Martin Haas (Partner haascookzemmrich STUDIO2050, Juryvorsitz)
  • Peter Chachola Schmal (Direktor DAM)
  • Brita Köhler (PR DAM)
  • Yorck Förster (Freier Kurator DAM, Vorjury / Stellvertreter)
  • Christina Gräwe (Freie Kuratorin DAM, Vorjury / Stellvertreterin)
  • Uwe Bresan / Dijane Slavic (Architektur Media Management JUNG)
  • Juliane Greb (Preisträgerin DAM Preis 2022, Gründerin Büro Juliane Greb) /
  • Florian Summa (Preisträger DAM Preis 2022,
  • Partner SUMMACUMFEMMER) Andreas Ruby (Direktor Schweizerisches Architekturmuseum S AM)
  • Lena Unger (Partnerin Meier Unger Architekten)
  • Jörn Walter (Stadtplaner, ehem. Baudirektor Hamburg)
  • Uta Winterhager (Architekturkritikerin, Publizistin)

Stimmen aus der Jury
»Die clusterartige Anordnung mit intelligenten Grundrissen, die Zeitlosigkeit und helle Freundlichkeit des Gebäudes sind besonders im Bereich des Verwaltungsbaus eine Seltenheit. Dass es die Architekten geschafft haben, dies unter all den aktuellen energetischen und baulich-konstruktiven Anforderungen im gleichen Duktus fortzuschreiben und zu optimieren, ist (wiederholt) preiswürdig.« Brita Köhler

»Die eigene Arbeit Korrektur zu lesen ist schwierig. Wie gerne verschließt man doch die Augen vor der eigenen Unzulänglichkeit, hakt ab, geht weiter. AUER WEBER haben sich der Auseinandersetzung mit dem eigenen Schaffen gestellt, genau hingeschaut und weitergedacht. Genau das brauchen wir heute: Architektur, die das Gestern ernst nimmt, das Heute versteht und deutlich über morgen hinausdenkt.«
Uta Winterhager

»Das Landratsamt Starnberg ist ein wunderbares Beispiel für das so kluge, aber dennoch so selten praktizierte Prinzip des Weiterbauens. Die Qualitäten des Gebäudes haben sich bis heute bewährt. Die Ergänzung hat trotz der technischen Herausforderungen unserer Tage nichts davon eingebüßt. Die Nutzer lieben das Haus. Besseres kann einem Gebäude nicht widerfahren« Martin Haas »Es ist so wohltuend, endlich ein gelungenes Bauwerk zu finden, das von seinen Nutzern geliebt und von seinen Architekten nach über 30 Jahren ˏeinfachˊ weitergebaut wird.« Peter Cachola Schmal

»Um eine Architektur der 1980er-Jahre in Stil, Form und Materialität des ursprünglichen Entwurfs weiterzubauen, braucht es Verständnis für die Qualitäten des Bestands, Respekt vor dem Werk und nur behutsame Anpassungen an heutige Bedürfnisse. Alle drei Bedingungen widersprechen eigentlich unserem auf Fortschritt und Innovation versessenen Zeitgeist. Dass die Erweiterung des Starnberger Landratsamtes gelungen ist, darf daher als ein großer Glücksfall gelten.« Dijane Slavic/Uwe Bresan

»Eine Bauherrschaft, die nach mehr als 30 Jahren ihr Gebäude noch einmal fast identisch erweitern lässt – gibt es eine schönere Auszeichnung für alle am Bau und Unterhalt Beteiligten?« Florian Summa »Das Landratsamt entsorgt souverän die triviale Unterscheidung von Alt- und Neubau, die es so erst seit der Moderne gibt. Das permanente Weiterbauen, das dieses Projekt so elegant beiläufig zelebriert, war in der Baugeschichte Regel und nicht Ausnahme. Das Gebäude seinem ursprünglichen Entwurfsgedanken entsprechend weiterzubauen ist ein bauliches Plädoyer für die prinzipielle Unabgeschlossenheit von Architektur.« Andreas Ruby

»Das Projekt beweist, dass flexible Veränderungen und nötige Anpassungen nicht charakterlose, ausdruckslose Strukturen erfordern, sondern dass es nur logisch ist, die Qualitäten des Bestandes weiterzuführen. Eine bewundernswerte Bescheidenheit.« Lena Unger

»Mit der Erweiterung des Landratsamts haben sich AUER WEBER entspannt der Erwartung entzogen etwas `Neues´ schaffen zu müssen und überzeugen mit einem jahrzehntelang perfekt gepflegten, instandgehaltenen und weitergebauten Gesamtprojekt. Eine ressourcenschonende und zeitgemäße Architekturpraxis.« Juliane Greb

»Das schönste und heiterste Landratsamt der Republik erweitern zu sollen, ist eine mentale Herausforderung. Das vorbildliche Gebäude von 1987 unter heutigen Bedingungen (Energie, Brandschutz, Inklusion) einfach zu reproduzieren aber auch eine ingenieurtechnische. Verblüffend das überzeugende Ergebnis, das erneut zum Vorbild wird.« Jörn Walter

Ausstellung 
DAM PREIS 2023 Die 26 besten Bauten in\aus Deutschland
Zeit: vom 28. Januar bis 1. Mai 2023

Ort: DAM Ostend Henschelstr. 18, Frankfurt / M., Hessen

Die Liste der ausgestellten Objekte

  • ALLMANNWAPPNER FINALIST Stadtbahntunnel Karlsruhe
  • AMUNT NAGEL THEISSEN FRIHA / Haus am Hang, St. Blasien – Menzenschwand
  • AUER WEBER PREISTRÄGER Erweiterung Landratsamt Starnberg
  • C/O NOW Experimentelles Wohnhaus „Where the White Morels Grow“, Groß Kreutz – Schmergow
  • DAVID CHIPPERFIELD ARCHITECTS Grundinstandsetzung Neue Nationalgalerie, Berlin
  • ELEMENT • A ARCHITEKTEN/ HIENDL_SCHIENEIS ARCHITEKTENPARTNERSCHAFT FINALIST Bundesgeschäftsstelle Deutscher Alpenverein, München
  • FTHENAKIS ROPEE ARCHITEKTENKOOPERATIVE Aufstockung Justizgebäude, Aschaffenburg
  • GMP VON GERKAN MARG UND PARTNER Isarphilharmonie HP8, München
  • GRÜNTUCH ERNST ARCHITEKTEN Hotel Wilmina / Umbau ehemaliges Frauengefängnis, Berlin
  • HEIDE & VON BECKERATH Baugruppe „Spiegelfabrik“, Fürth
  • HEIM BALP ARCHITEKTEN Gutshof Güldenhof / Umbau zum Atelier, Stechlin
  • HERZOG & DE MEURON MKM Museum Küppersmühle, Duisburg
  • HILD UND K Wohnen am Hohentorsplatz, Bremen
  • HÜTTEN & PALÄSTE FINALIST Scheune Prädikow, Prötzel
  • KREKELER ARCHITEKTEN Sanierung Audimax Universität Braunschweig
  • LRO LEDERER RAGNARSDÓTTIR OEI FINALIST Münchner Volkstheater
  • MEHR* ARCHITEKTEN Brauereihalle, Kirchheim
  • MONO ARCHITEKTEN | PLANORAMA LANDSCHAFTSARCHITEKTUR | MUS STUDIO KOMMUNIKATIONSDESIGN Tank- und Rastanlage Leubinger Fürstenhügel, Sömmerda (A71)
  • PASZTORI SIMONS Studio D / Künstleratelier, Berlin
  • SAUERBRUCHHUTTON Bürohaus Luisenblock West, Berlin
  • STEPHANIE HIRSCHVOGEL Sanierung und Umbau „Grünes Haus“, Schongau
  • STURM UND WARTZECK Nationalparkzentrum Ruhestein, Baiersbronn
  • WULF ARCHITEKTEN Mensa und Mediathek Berufsschulzentrum, Darmstadt

Ort:
Deutsches Architekturmuseum im
DAM OSTEND
Henschelstr. 18, 60314 Frankfurt am Main

Weitere Informationen

 

Multimedia-Installation Van Gogh Alive in Frankfurt noch bis zum 2. Mai 2023

Van Gogh Alive Brand Image with Logo©Grande-Exhibitions
Van Gogh Alive Brand Image with Logo©Grande-Exhibitions

Multimedia-Installation Van Gogh Alive in Frankfurt Fesselnd, lehrreich und immersiv – die besucherstärkste multisensorielle Ausstellung der Welt wird vom 13. Januar bis zum 2. Mai 2023 in der raumfabrik gezeigt. Van Gogh Alive ist ein immersives Kunst- und Unterhaltungserlebnis, das bereits über 8,5 Millionen Menschen in mehr als 70 Städten auf der ganzen Welt inspiriert hat. Zuletzt in Köln, Hamburg und Palma de Mallorca zu sehen, wird diese besondere multisensorielle Erfahrung jetzt auch dem Frankfurter Publikum zugänglich sein.

Van Goghs Meisterwerke werden seit über hundert Jahren auf der ganzen Welt ausgestellt – aber noch nie auf diese Weise. Auf knapp 800 m2 präsentiert Grande Experiences eine immersive Ausstellung für die ganze Familie. Vom ersten Augenblick an lädt eine lebendige Symphonie aus Licht, Farben, Klang und Düften dazu ein, den Alltag hinter sich zu lassen und ein unvergessliches Erlebnis für alle Sinne zu genießen. Über 3.000 Bilder werden von eindringlicher, klassischer Musik begleitet und verwandeln den Ausstellungsraum in ein Gesamtkunstwerk. Große und kleine Besucher können auf den riesigen Projektionen und kräftigen Farben von Van Goghs detailreichem Werk spazieren, spielen und sich dabei ganz von ihrer Intuition leiten lassen.

Als Kulisse dient die raumfabrik im Nord-Westen Frankfurts, eine ehemalige Fabrikationshalle aus den 1960er mit einem ganz besonderen Ambiente, die in nur 15 Minuten mit dem Auto und in 20 Minuten mit der U-Bahn U1/U9 aus der Frankfurter Innenstadt erreichbar ist.

Dort ermöglicht es Van Gogh Alive den Besucher*innen vom 13.01. bis zum 02.05.2023, täglich zwischen 10 und 20 Uhr, ganz in die Welt des berühmten Künstlers einzutauchen und einen neuen, unerwarteten Umgang mit Kunst zu entdecken. Van Goghs Meisterwerke werden hier lebendig und mit allen Sinnen greifbar. Diese auβergewöhnliche Multimedia-Installation ermöglicht es groβen und kleinen Besucher eine lehrreiche, faszinierende Erfahrung zu machen, die zugleich Spaß garantiert.

Multimedia-Installation Van Gogh Alive in Frankfurt vom 13.Januar bis 2. Mai 2023
täglich von 10 Uhr bis 20 Uhr.

Ort:
Raumfabrik,
Heddernheimer Landstraße 155,
60439 Frankfurt am Main

Tickets ab 17€ pro Person unter: https://www.vangogh-alive.de
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