Kategorie-Archiv: Literaturforum Mousonturm

Heinz Helle, Christoph Schröder und Karen Duve lesen im Literaturforum Mousonturm

© Foto: Diether v. Goddenthow
© Foto: Diether v. Goddenthow

Dienstag, 25. September 2018, 20 Uhr:
Heinz Helle: Die Überwindung der Schwerkraft

Plötzlich ein Kuss – und Pause. In einer Münchener Kneipe stoppt ein Glatzkopf den alkoholgetränkten Redeschwall des großen Bruders. Aber der ergreift gleich wieder das Wort, gibt kurz darauf eine „abstoßende Erzählung“ zum Besten und schickt Monate später einen verworrenen Text hinterher. Es ist die letzte Nacht, die zwei Brüder miteinander erleben, eine letzte Nachricht, die der Jüngere bekommt, bevor der Ältere stirbt. Der kleine Bruder versucht, sich zu erinnern, sich nicht länger dem zu entziehen, was er zu dessen Lebzeiten kaum mehr hören wollte. Er leiht dem Toten seine Stimme, damit dieser erzählen kann: von zu viel Alkohol und Zigaretten, von der Schuld, die er spürt, vor allem aber vom Hadern mit der Welt, in der es Treblinka gab und die einen Marc Dutroux hervorgebracht hat. Nicht mal die Hoffnung, Vater zu werden, hält den Raubbau am eigenen Körper auf, zu tief verstrickt ist der große Bruder in seine Gedankenwelt, in der er ohne Unterlass um Zivilisationsbrüche kreist.

Die Kälte, die den Ton von Heinz Helles ersten beiden Romanen geprägt hat, muss diesmal draußen bleiben – als Eis auf Gehwegen und Schnee vor Kneipenfenstern. Die Überwindung der Schwerkraft dient dem „zutiefst menschlichen Ziel, das jeder Austausch von Zeichen hat, der Erzeugung von Nähe“.

Moderation: Christoph Schröder

Ort: Literaturforum im Mousonturm
Eintritt: 7,-/4,- (VVK)| 8,-/5,- (AK)

Heinz Helle wurde 1978 in München geboren. Er studierte Philosophie, arbeitete als Werbetexte und absolvierte das Schweizer Literaturinstitut in Biel. Mittlerweile lebt er mit Frau und Kind in Zürich. Für seine Romane Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin (2014) und Eigentlich müssten wir tanzen (2015) hat er mehrere Preise erhalten. 2016 wurde er mit einer philosophischen Arbeit über Bewusstsein promoviert.

Mit freundlicher Unterstützung von Pro Helvetia.

********************************************************
Mittwoch, 26. September 2018, 20 Uhr:
Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer

Schlechte Karten für Liebe auf den ersten Blick. Die junge Adelige: stark kurzsichtig, mit Glubschaugen, und gegenüber Männern um Widerworte nicht verlegen. Der mittellose Student: „ein kleiner, grundhässlicher Mann“. Schlimmer noch: Er ist nicht nur von bürgerlicher Herkunft, sondern auch Protestant. Und dennoch entwickeln Annette von Droste-Hülshoff und Heinrich Straube Gefühle füreinander. Die Poesie macht’s möglich. Den gehässigen Vorbehalten seiner Geschlechtsgenossen zum Trotz erkennt Straube ihr literarisches Talent und setzt sich für sie ein. Wo zwei sich lieben, darf jedoch ein Rivale nicht fehlen. August von Arnswaldt redet wie Helmut Markwort („Fakten, Fakten, Fakten“), sieht aber gut aus. Was Nette mit Straube verbindet, ist schneller vorbei, als sie gucken kann.

Karen Duve erzählt in ihrem historischen Roman Fräulein Nettes kurzer Sommer davon, wie sich am Anfang des 19. Jahrhunderts eine junge Frau zu behaupten versucht gegen die Widerstände eines chauvinistischen, männerdominierten Umfelds. Der Roman ist aber mehr als eine Liebes- und Emanzipationsgeschichte: Die Grimms lernt man genauso kennen wie einen jungen Studenten namens Heinrich Heine. Und spätestens wenn es um Politik geht, um die zunehmend nationalistischen und völkischen Ideale der Männerfiguren, sind wir auch mittendrin in unserer eigenen Gegenwart.

Moderation: Björn Jager

Ort: Literaturforum im Mousonturm
Eintritt: 7,-/4,- (VVK)| 8,-/5,- (AK)

Karen Duve wurde 1961 in Hamburg geboren. Dort arbeitete sie mehrere Jahre als Taxifahrerin, bevor sie sich voll und ganz dem Schreiben widmete. Mittlerweile lebt sie in der Märkischen Schweiz. Ihre Romane – z.B. Dies ist kein Liebeslied (2005) und Taxi (2008) – sind Bestseller. Zahlreiche Übersetzungen in andere Sprachen und mehrere Auszeichnungen sprechen für sich. Die Verfilmung ihres Romans Taxi kam im Sommer 2015 ins Kino.

********************************************************
Donnerstag, 27. September 2018, 20 Uhr:
Olga Martynova stellt vor: Thomas Stangl mit Fremde Verwandtschaften

Es ist ein „Sprachkunstwerk“ (Kurier), ein „grandioser Roman“ (NZZ) – so klar und einhellig das Urteil der Literaturkritik, so mehrdeutig und aufs Schönste rätselhaft erscheint Thomas Stangls Fremde Verwandtschaften. Zwei Erzählebenen wechseln sich ab, nähern sich einander an: Ein Architekt reist in ein afrikanisches Land zu einem Kongress. Ein Ich bewegt sich durch Paris, auf den Spuren eines früheren Aufenthalts. Der Architekt fühlt sich in seiner Haut nicht wohl, eine Form der Nähe zu seiner Reisegruppe will sich nicht einstellen, Wege verschwinden oder führen ins Nirgendwo. Träume, Wünsche und Erinnerungen beginnen ineinander zu verschwimmen. Und dazwischen immer wieder die Stimme dieses Ichs. Oder sind es und der Architekt doch eins?

Thomas Stangls Protagonist bieten weder Erfahrungen noch Gewohnheiten Sicherheit. In Afrika droht der postkolonial geschulte Europäer sich selbst zu verlieren – und so wird Fremde Verwandtschaften zu einem Roman ganz im Sinne der Moderne, in der Ich und Welt kollidieren, in der Identitätssuche und Entfremdung Hand in Hand gehen.

Moderation: Olga Martynova

Ort: Literaturforum im Mousonturm
Eintritt: 7,-/4,- (VVK)| 8,-/5,- (AK)

Thomas Stangl wurde 1966 in Wien geboren und ist seiner Heimatstadt treu geblieben. Er studierte Philosophie sowie Hispanistik. Seit Anfang der Neunziger veröffentlichte er Essays, Rezensionen und später Prosatexte in Tageszeitungen wie in Literaturzeitschriften. Bereits sein erster Roman Der einzige Ort brachte ihm den aspekte-Preis (2004) für das beste deutschsprachige Debüt ein. In den Folgejahren erhielt er u. a. den Literaturpreis der deutschen Wirtschaft (2007), den Telekom-Austria-Preis beim Bachmann-Preis (2007), den Alpha-Literaturpreis (2010) und den Erich-Fried-Preis (2011).

Robert Gernhardt Preis 2018 an Julia Wolf und Florian Wacker im Frankfurter Mousonturm verliehen

Robert-Gernhardt-Preisträger: Julia Wolf für ihr Romanprojekt "Alte Mädchen". Florian Wacker für sein Romanprojekt "Dikson". Foto: Diether v. Goddenthow
Robert-Gernhardt-Preisträger: Julia Wolf für ihr Romanprojekt „Alte Mädchen“. Florian Wacker für sein Romanprojekt „Dikson“. Foto: Diether v. Goddenthow

Wiesbaden. Kunst- und Kulturminister Boris Rhein hat heute den Robert Gernhardt Preis 2018 vergeben. Im Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm nahmen Julia Wolf und Florian Wacker die Auszeichnung entgegen, die das Land Hessen und die Wirtschafts- und Infrastrukturbank Hessen (WIBank) gemeinsam vergeben. Der Robert Gernhardt Preis soll Autorinnen und Autoren die Realisierung eines größeren literarischen Vorhabens ermöglichen und ist mit insgesamt 24.000 Euro dotiert. Das Preisgeld teilen sich die Geehrten.

Kunst- und Kulturminister Boris Rhein. Foto: Diether v. Goddenthow
Kunst- und Kulturminister Boris Rhein. Foto: Diether v. Goddenthow

„In diesem Jahr gingen so viele Bewerbungen um den Robert Gernhardt Preis ein wie noch nie. Über 100 Autorinnen und Autoren aus ganz Deutschland und dem deutschsprachigen Ausland bewarben sich mit einem noch nicht vollendeten literarischen Projekt“, stellte Kunst- und Kulturminister Boris Rhein heraus. „Das ist ein hervorragender Erfolg für die Preisträgerin und den Preisträger – und zeigt, welchen Stellenwert der Robert-Gernhardt-Preis in der literarischen Welt genießt. Ich gratuliere Julia Wolf und Florian Wacker herzlich zu dieser Auszeichnung und wünsche ihnen, dass die Auszeichnung Ansporn ihren Werken Flügel verleiht.“

Juli Wolf. Foto: Diether v. Goddenthow
Juli Wolf. Foto: Diether v. Goddenthow

Julia Wolf erhält die Auszeichnung für ihr Romanprojekt „Alte Mädchen“, den dritten Teil einer Romantrilogie, die die Autorin als eine poetische Erforschung eines kleinbürgerlichen, westdeutschen Milieus versteht. Der Text überzeugte die Jury wegen seiner gelungenen Mischung aus Distanz und Warmherzigkeit. „Sprachlich sicher und mit ungewöhnlichen Mitteln karikiert sie ihre Protagonistinnen nicht, sondern bringt sie ihren Lesern schon auf wenigen Seiten so nah, dass man mehr über diese Frauen wissen will. Dazu trägt die leichthändig und souverän gemeisterte Form des inneren Monologs bei“, so die Jury.

(v.li.) Dr. Michael Reckhard, Mitglied der Geschäftsleitung der Wirtschafts- und Strukturbank Hessen (WiBank), Julia Wolf (Preisträgerin), Florian Wacker (Preisträger), Almut Gehebe-Gernhardt (Witwe von Robert Gernhardt), Boris Rhein, Staatsminister im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst.© Foto: Diether v. Goddenthow
(v.li.) Dr. Michael Reckhard, Mitglied der Geschäftsleitung der Wirtschafts- und Strukturbank Hessen (WiBank), Julia Wolf (Preisträgerin), Florian Wacker (Preisträger), Almut Gehebe-Gernhardt (Witwe von Robert Gernhardt), Boris Rhein, Staatsminister im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst.© Foto: Diether v. Goddenthow

Florian Wacker wird für sein Romanprojekt „Dikson“ ausgezeichnet. Es erzählt vom mysteriösen Verschwinden zweier Teilnehmer einer norwegischen Arktisexpedition zu Beginn der 1920er Jahre. Die Jury überzeugte das Projekt, das souverän Elemente des Abenteuer- und des Kriminalromans mit der Geschichte einer Freundschaft an der Grenze des Todes verbindet. „Florian Wacker weiß Spannung zu erzeugen, verfügt aber auch über die sprachlichen Mittel, die Verschmelzung von Realität und albtraumartiger Phantasie im Todeskampf der Verschollenen darzustellen“, heißt es in der Begründung.

"Der Chor", mit vertonten Robert Gernhardt-Gedichten, unter Leitung von Michael Weber. © Foto: Diether v. Goddenthow
„Der Chor“, mit vertonten Robert Gernhardt-Gedichten, unter Leitung von Michael Weber. © Foto: Diether v. Goddenthow

„Zur zehnten Verleihung des Robert Gernhardt Preises fällt unsere Bilanz sehr gut aus: Elf Autoren und acht Autorinnen konnten bisher davon profitieren, neun Romane und vier Lyrikbände sind erschienen. Wir können stolz sein auf diese Bibliothek, die jährlich wächst. Und auch in Zukunft werden wir die Literaturförderung weiter ausbauen: So haben wir in diesem Jahr erstmals den Hessischen Verlagspreis verliehen, der die kulturelle Vielfalt der Verlage in Hessen würdigt. Zudem ist das Land Hessen 2018 zum ersten Mal auf der Frankfurter Buchmesse mit einem Gemeinschaftsstand vertreten. Hessische Literaturinstitutionen können sich und ihre Programme präsentieren, kleine Verlage, die sonst nicht auf der Messe vertreten wären, ihr neues Programm vorstellen. Ich lade alle lesebegeisterten Hessinnen und Hessen ein, mit uns in die Welt der Literatur einzutauchen“, so Kunst- und Kulturminister Boris Rhein abschließend.

Septemberprogramm des Literaturforums im Mounsonturm Frankfurt

© Foto: Diether v. Goddenthow
© Foto: Diether v. Goddenthow

Mittwoch, 5. September 2018, 20 Uhr:
Frank Witzel stellt vor: Maruan Paschen mit Weihnachten

Man nehme: ein Therapiegespräch, Geschichten à la Till Eulenspiegel, Themen wie Migration, die erste Liebe und die Ironisierung der Ironie, portioniere alles in 25 Kapitel – et voilà, fertig ist Weihnachten. Ein Ich, das Maruan Paschen heißt, schildert einem Psychologen namens Dr. Gänsehaupt eine Familientradition: An Heiligabend gibt es bei den Paschens stets Fondue, diesmal jedoch mit fatalem Ausgang. Denn, so erfahren wir schon zu Beginn des Romans, am Ende dieses Abends ist die Familie tot.

Wie das Essen, so das Erzählen: Maruan Paschen spießt genussvoll verschiedenste literarische Motive und Formen auf, um sie – Text statt Topf – in einen Roman zu stecken. Aus dieser wilden Mischung entsteht ein ganz eigener Geschmack. Kostproben gefällig? Wie wäre es mit der Krankheit der Mutter, die in jungen Jahren ohne Knochen auskommen musste und deshalb in einem Cognac-Glas herumgetragen wurde? Oder der Frau, der er beim Unterwäschekauf näher kommt, bis sie erfährt, dass seine Familie Fondue nur in Handschellen isst? Glauben sollte man Weihnachten, diesem Feuerwerk aus Räuberpistolen, besser nicht schenken.

Moderation: Frank Witzel

Ort: Literaturforum im Mousonturm
Eintritt: 7,-/4,- (VVK)| 8,-/5,- (AK)

Maruan Paschen, geboren 1984 nahe Ramallah, aufgewachsen in Hamburg, wurde zum Koch ausgebildet, ehe es ihn die Schweiz ans Bieler Literaturinstitut zog. Sein Debütroman Kai. Eine Internatsgeschichte erschien 2014. Maruan Paschen lebt in Leipzig.

********************************************************
Freitag, 14. September 2018, 20 Uhr:
Desintegriert euch! Max Czollek im Gespräch mit Necati Öziri.

Die aktuelle Gretchenfrage der Nation: Wie hast du’s mit der Integration? Mehr fördern, sagen die einen, mehr fordern, die anderen. Alles für die Katz, meint der „Lyriker, Berliner und Jude“ Max Czollek in seiner politischen Streitschrift Desintegriert euch! Nicht das Wie der Integration ist für ihn das Problem, sondern der Begriff an sich. Denn er setze ein gesellschaftliches „Zentrum“ voraus, eine „Dominanzkultur“, die durch die bunt gescheckte Lebensrealität Deutschlands alltäglich Lügen gestraft werde. Seinen polemischen Aufruf zur Desintegration erläutert Czollek am Beispiel der jüdischen Minderheit. Die sie auszeichnende Vielfalt schnurre in der deutschen Öffentlichkeit auf eine Facette zusammen: „die Nachkommen der Täter*innen bei der Konstruktion ihrer Identität zu unterstützen“. Czollek fordert dazu auf, aus dieser Rolle auszubrechen, weil Judentum sich nicht auf Schlagworte wie Shoa und Antisemitismus reduzieren lässt. Eine Analyse und Kritik der deutschen Erinnerungspolitik ist dabei genauso inbegriffen wie das Aufzeigen möglicher Alternativen. Angesichts des allenthalben wieder erstarkenden Nationalismus hat Czollek ein Ziel klar vor Augen: „Wir müssen weg von jeder Sehnsucht nach Normalität“. Über seine Thesen wird er an diesem Abend mit dem Theaterautor und Dramaturg Necati Öziri sprechen.

Eine Veranstaltung im Rahmen des Literaturprojekts Textland – Made in Germany.

Ort: Literaturforum im Mousonturm
Eintritt: 7,-/4,- (VVK)| 8,-/5,- (AK)

Max Czollek wurde 1987 in Berlin geboren, wo er Politikwissenschaften studierte und bis heute lebt. Am Zentrum für Antisemitismusforschung wurde er promoviert. Er ist sowohl Mitglied des Lyrikkollektivs G13 als auch Kurator des internationalen Lyrikprojekts „Babelsprech“. Zuletzt erschien der Gedichtband A.H.A.S.V.E.R. (2016). Mit Sasha Marianna Salzmann kuratierte er 2016 die Veranstaltung „Desintegration. Ein Kongress zeitgenössischer jüdischer Positionen“.

Necati Öziri, geboren 1988, hat Philosophie, Germanistik und Neuere Deutsche Literatur in Bochum, Istanbul und Berlin studiert. Öziri war Stipendiat der Heinrich-Böll-Stiftung, arbeitete am Ballhaus Naunynstraße, Berlin, und ist derzeit Dramaturg am Maxim Gorki Theater, Berlin, wo er seit der Spielzeit 2014/15 künstlerischer Leiter des Studio R ist.

********************************************************
Mittwoch, 19. September 2018, 20 Uhr:
Inger-Maria Mahlke: Archipel

Und mittendrin ein Trübsal blasender Faschist im Bademantel. Natürlich „nicht in dem aus Frotté“. Nein, „Lorenzo trauert in anthrazitfarbener Seide, mit weißem Einstecktuchdreieck in der Brusttasche“, weil Franco die Falangisten von der Regierung ausgeschlossen hat. Im Archipel liegt der Witz im Detail. Jener Lorenzo macht sich gerne wichtig, ist aber nur ein Glied in einer Generationenfolge, die die Bautes und Bernadottes – Republikaner die einen, Nationalisten die anderen – auf Teneriffa zusammenführt. Oder andersherum: Inger-Maria Mahlke dröselt in ihrem vierten Roman das Familiengeflecht auf, treibt wieder auseinander, was sich gefunden hat. Die Chronologie steht Kopf, auf der größten Insel der Kanaren wird die Zeit zurückgespult.

Anhand der Geschichte zweier Familien, ihrer Freunde und Angestellten, erzählt der Roman im Rückwärtsgang von 2015 bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, wie die sozialen und politischen Spannungen Spaniens ihre Gestalt zwar ändern, aber nicht vergehen: von der Immobilienkrise über den Westsaharakonflikt bis zum Bürgerkrieg – und darüber hinaus.

Moderation: Björn Jager

Ort: Literaturforum im Mousonturm
Eintritt: 7,-/4,- (VVK)| 8,-/5,- (AK)

Inger-Maria Mahlke, gebürtige Hamburgerin, Jahrgang 1977, verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Lübeck und auf Teneriffa, studierte Rechtswissenschaften in Berlin und setzte ein erstes literarisches Ausrufezeichen mit einem Preis beim „open mike“ 2009. Ausgezeichnet wurden auch ihr Debüt Silberfischchen (2010) und der Roman Rechnung offen (2014), während Wie Ihr wollt (2016) den Sprung auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte. Inger-Maria Mahlke lebt in Berlin.

********************************************************
Dienstag, 25. September 2018, 20 Uhr:
Heinz Helle: Die Überwindung der Schwerkraft

Plötzlich ein Kuss – und Pause. In einer Münchener Kneipe stoppt ein Glatzkopf den alkoholgetränkten Redeschwall des großen Bruders. Aber der ergreift gleich wieder das Wort, gibt kurz darauf eine „abstoßende Erzählung“ zum Besten und schickt Monate später einen verworrenen Text hinterher. Es ist die letzte Nacht, die zwei Brüder miteinander erleben, eine letzte Nachricht, die der Jüngere bekommt, bevor der Ältere stirbt. Der kleine Bruder versucht, sich zu erinnern, sich nicht länger dem zu entziehen, was er zu dessen Lebzeiten kaum mehr hören wollte. Er leiht dem Toten seine Stimme, damit dieser erzählen kann: von zu viel Alkohol und Zigaretten, von der Schuld, die er spürt, vor allem aber vom Hadern mit der Welt, in der es Treblinka gab und die einen Marc Dutroux hervorgebracht hat. Nicht mal die Hoffnung, Vater zu werden, hält den Raubbau am eigenen Körper auf, zu tief verstrickt ist der große Bruder in seine Gedankenwelt, in der er ohne Unterlass um Zivilisationsbrüche kreist.

Die Kälte, die den Ton von Heinz Helles ersten beiden Romanen geprägt hat, muss diesmal draußen bleiben – als Eis auf Gehwegen und Schnee vor Kneipenfenstern. Die Überwindung der Schwerkraft dient dem „zutiefst menschlichen Ziel, das jeder Austausch von Zeichen hat, der Erzeugung von Nähe“.

Moderation: Christoph Schröder

Ort: Literaturforum im Mousonturm
Eintritt: 7,-/4,- (VVK)| 8,-/5,- (AK)

Heinz Helle wurde 1978 in München geboren. Er studierte Philosophie, arbeitete als Werbetexte und absolvierte das Schweizer Literaturinstitut in Biel. Mittlerweile lebt er mit Frau und Kind in Zürich. Für seine Romane Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin (2014) und Eigentlich müssten wir tanzen (2015) hat er mehrere Preise erhalten. 2016 wurde er mit einer philosophischen Arbeit über Bewusstsein promoviert.

Mit freundlicher Unterstützung von Pro Helvetia.

********************************************************
Mittwoch, 26. September 2018, 20 Uhr:
Karin Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer

Schlechte Karten für Liebe auf den ersten Blick. Die junge Adelige: stark kurzsichtig, mit Glubschaugen, und gegenüber Männern um Widerworte nicht verlegen. Der mittellose Student: „ein kleiner, grundhässlicher Mann“. Schlimmer noch: Er ist nicht nur von bürgerlicher Herkunft, sondern auch Protestant. Und dennoch entwickeln Annette von Droste-Hülshoff und Heinrich Straube Gefühle füreinander. Die Poesie macht’s möglich. Den gehässigen Vorbehalten seiner Geschlechtsgenossen zum Trotz erkennt Straube ihr literarisches Talent und setzt sich für sie ein. Wo zwei sich lieben, darf jedoch ein Rivale nicht fehlen. August von Arnswaldt redet wie Helmut Markwort („Fakten, Fakten, Fakten“), sieht aber gut aus. Was Nette mit Straube verbindet, ist schneller vorbei, als sie gucken kann.  

Karen Duve erzählt in ihrem historischen Roman Fräulein Nettes kurzer Sommer davon, wie sich am Anfang des 19. Jahrhunderts eine junge Frau zu behaupten versucht gegen die Widerstände eines chauvinistischen, männerdominierten Umfelds. Der Roman ist aber mehr als eine Liebes- und Emanzipationsgeschichte: Die Grimms lernt man genauso kennen wie einen jungen Studenten namens Heinrich Heine. Und spätestens wenn es um Politik geht, um die zunehmend nationalistischen und völkischen Ideale der Männerfiguren, sind wir auch mittendrin in unserer eigenen Gegenwart.

Moderation: Björn Jager

Ort: Literaturforum im Mousonturm
Eintritt: 7,-/4,- (VVK)| 8,-/5,- (AK)

Karen Duve wurde 1961 in Hamburg geboren. Dort arbeitete sie mehrere Jahre als Taxifahrerin, bevor sie sich voll und ganz dem Schreiben widmete. Mittlerweile lebt sie in der Märkischen Schweiz. Ihre Romane – z.B. Dies ist kein Liebeslied (2005) und Taxi (2008) – sind Bestseller. Zahlreiche Übersetzungen in andere Sprachen und mehrere Auszeichnungen sprechen für sich. Die Verfilmung ihres Romans Taxi kam im Sommer 2015 ins Kino.

********************************************************
Donnerstag, 27. September 2018, 20 Uhr:
Olga Martynova stellt vor: Thomas Stangl mit Fremde Verwandtschaften

Es ist ein „Sprachkunstwerk“ (Kurier), ein „grandioser Roman“ (NZZ) – so klar und einhellig das Urteil der Literaturkritik, so mehrdeutig und aufs Schönste rätselhaft erscheint Thomas Stangls Fremde Verwandtschaften. Zwei Erzählebenen wechseln sich ab, nähern sich einander an: Ein Architekt reist in ein afrikanisches Land zu einem Kongress. Ein Ich bewegt sich durch Paris, auf den Spuren eines früheren Aufenthalts. Der Architekt fühlt sich in seiner Haut nicht wohl, eine Form der Nähe zu seiner Reisegruppe will sich nicht einstellen, Wege verschwinden oder führen ins Nirgendwo. Träume, Wünsche und Erinnerungen beginnen ineinander zu verschwimmen. Und dazwischen immer wieder die Stimme dieses Ichs. Oder sind es und der Architekt doch eins?

Thomas Stangls Protagonist bieten weder Erfahrungen noch Gewohnheiten Sicherheit. In Afrika droht der postkolonial geschulte Europäer sich selbst zu verlieren – und so wird Fremde Verwandtschaften zu einem Roman ganz im Sinne der Moderne, in der Ich und Welt kollidieren, in der Identitätssuche und Entfremdung Hand in Hand gehen.

Moderation: Olga Martynova

Ort: Literaturforum im Mousonturm
Eintritt: 7,-/4,- (VVK)| 8,-/5,- (AK)

Thomas Stangl wurde 1966 in Wien geboren und ist seiner Heimatstadt treu geblieben. Er studierte Philosophie sowie Hispanistik. Seit Anfang der Neunziger veröffentlichte er Essays, Rezensionen und später Prosatexte in Tageszeitungen wie in Literaturzeitschriften. Bereits sein erster Roman Der einzige Ort brachte ihm den aspekte-Preis (2004) für das beste deutschsprachige Debüt ein. In den Folgejahren erhielt er u. a. den Literaturpreis der deutschen Wirtschaft (2007), den Telekom-Austria-Preis beim Bachmann-Preis (2007), den Alpha-Literaturpreis (2010) und den Erich-Fried-Preis (2011).

********************************************************
Samstag, 29. September, und Sonntag, 30. September 2018, 10-18 Uhr:
Der Roman als Kurzform. Seminar mit Frank Witzel

Die Definitionen des Romans sind vielfältig, allen gemein aber ist die Angabe einer gewissen Länge, die ihn von der Erzählung oder der Novelle unterscheiden soll. In der Moderne wurde das Genre mit unterschiedlichsten Mitteln aufgebrochen, doch auch hier wurde der Aspekt des Umfangs kaum infrage gestellt. Zeichnen den Roman aber nicht vielmehr ganz andere Aspekte aus, die nichts mit einer erreichten Seitenzahl zu tun haben? Umgekehrt gefragt: Wie kurz kann ein Text sein und dennoch als Roman gelten?

An diesem Wochenende wollen wir versuchen, das starre Gerüst des Romans aufzubrechen, indem wir uns mit dem Entwickeln kurzer Texte befassen, die jedoch weiter dem Genre Roman zugeordnet werden sollen.

Anhand von kleinen thematischen Einführungen und Aufgabenstellungen, vor allem aber in der direkten Arbeit am Text und dem gemeinsamen Gespräch darüber, soll die Perspektive des eigenen Schreibens erweitert und neue Darstellungsformen zugänglich gemacht werden.

Anmeldungen mit einer zwei- bis dreiseitigen Leseprobe an bjoern.jager@hlfm.de

Mit freundlicher Unterstützung der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen

Ort: Literaturforum im Mousonturm
Gebühr: 100,- / 50,-

Hessisches Literaturforum im Mousonturm e.V.
Waldschmidtstraße 4
60316 Frankfurt am Main

www.hlfm.de

Das Literaturforum Mousonturm Frankfurt im Juni 2018

© Foto: Diether v. Goddenthow
© Foto: Diether v. Goddenthow

Mit Unterstützung durch das Frankfurter Kulturamt kann das Literaturforum  im Mousonturm im Rahmen des Festivals literaTurm zwei Veranstaltungen anbieten, die sich jeweils Hochkarätern widmen: zum einen ein Abend für Susan Sontag, bei dem es u.a. um ihre Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit und ihren Einfluss auf zeitgenössische Essayistinnen gehen wird; zum anderen eine Matinee für den mit Frankfurt eng verbundenen Schriftsteller Peter Kurzeck, der am 10. Juni 75. Jahre alt geworden wäre. Zu diesem Anlass gibt der Stroemfeld Verlag ein Romanfragment aus Kurzecks Nachlass heraus, um dessen Einordnung ins Gesamtwerk sich unsere Gäste bemühen werden. Es folgt ein „Ausswärtsspiel“ in der Romanfabrik mit Annika Scheffels neuem Roman Hier ist es schön. In Zusammenarbeit mit dem Philosophischen Colloqium: Kritische Theorie und der KunstGesellschaft präsentieren wir zudem eine Edition von Walter Benjamins Rundfunkarbeiten. Den Abschluss des ersten Halbjahresprogramms bildet eine gemeinsame Veranstaltung mit der jüdischen Gemeinde Frankfurts. Der Nachrichtensprecher und Journalist Christian Sievers wird sein Buch vorstellen, das auf seinen Erfahrungen als Auslandskorrespondent im Nahen Osten beruht.

Das Programm im Literaturform Juni 2018 auf einen Blick:

Freitag, 8. Juni 2018, 20 Uhr:
literaTurm – Ein Abend für Susan Sontag
Mit Elisabeth Bronfen, Anna-Lisa Dieter, Daniel Schreiber und Silvia Tiedtke

„Radikales Denken“ ist das Markenzeichen von Susan Sontag – und der Titel eines kürzlich erschienenen Sammelbandes, der ihre ungebrochene Aktualität unter Beweis stellt. Anna-Lisa Dieter und Silvia Tiedtke, die Herausgeberinnen, werden zusammen mit Elisabeth Bronfen über Werk und Wirkung der „Silberlocke“ (Monika Rinck) sprechen, moderiert und unterstützt vom Sontag-Biografen Daniel Schreiber.
Elisabeth Bronfen lehrt an der Universität Zürich englische Literatur. Seit 2007 ist sie zudem Global Distinguished Professor an der New York University.
Anna-Lisa Dieter hat Romanistik, Germanistik und Komparatistik studiert und über Stendhal promoviert. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Hygiene-Museum in Dresden.
Daniel Schreiber ist Kulturkritiker. Seine Artikel erscheinen in internationalen Zeitungen und Magazinen. 2007 veröffentlichte er die Susan-Sontag-Biografie Geist und Glamour.
Silvia Tiedtke ist promovierte Germanistin. Zuletzt war sie als wissenschaftliche Koordinatorin an der LMU München tätig und unterrichtete englische Literatur.
Ort: Literaturforum im Mousonturm
Eintritt: 7,-/4,- (Vorverkauf)| 8,-/5,- (Abendkasse)
Mit freundlicher Unterstützung des Kulturamts der Stadt Frankfurt und im Rahmen von literaTurm.

***************************************************************************
Sonntag, 10. Juni 2018, 11 Uhr:
literaTurm – Peter Kurzeck zum 75. Geburtstag
Mit Rudi Deuble, Alexander Losse und Beate Tröger

Am 10. Juni wäre Peter Kurzeck 75 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass macht der Stroemfeld Verlag der Leserschaft ein Geschenk: die Herausgabe eines Romanfragments aus Kurzecks Nachlass. Für seine Lektoren Rudi Deuble und Alexander Losse sowie die Literaturkritikerin Beate Tröger Grund genug, um nicht nur zu feiern, sondern auch um zurückzuschauen auf das Schreiben und die Texte von einem, der viel zu früh gegangen ist.
Rudi Deuble war langjähriger Lektor Peter Kurzecks im Stroemfeld Verlag und verwaltet dessen Nachlass.
Alexander Losse studierte Philosophie und Germanistik. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Siegen. Von 2005 bis 2016 war er Lektor im Stroemfeld Verlag.
Beate Tröger studierte Germanistik, Anglistik und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft.  Sie arbeitet als Literaturkritikerin für Print und Radio und als Moderatorin.
Harry Oberländer ist freier Schriftsteller und Journalist. Bis 2015 leitete er das Hessische Literaturforum.
Moderation: Harry Oberländer
Ort: Literaturforum im Mousonturm
Eintritt: 7,-/4,- (Vorverkauf)| 8,-/5,- (Abendkasse)
Mit freundlicher Unterstützung des Kulturamts der Stadt Frankfurt und im Rahmen von literaTurm.

***************************************************************************
Mittwoch, 13. Juni 2018, 20 Uhr:
Auswärtsspiel in der Romanfabrik
Annika Scheffel: Hier ist es schön

Erst Castingshow, dann Space Odyssey. So ist der Plan – bis ein Roadmovie dazwischenkommt. Dabei sind Irma und Sam „Hoffnungsträger“. Vor einem Millionenpublikum haben sie es ins Finale geschafft. Abgeschottet von der Außenwelt, werden sie in einer „Arena“ zehn Jahre lang darauf vorbereitet, zu den Sternen zu fliegen. Der Erde droht die Apokalypse. Die Rettung ist ein ferner Planet. Doch kurz vor dem Abflug entdeckt Sam eine Karte zu einem Ort, um den sich Mythen ranken: „Die letzte Insel. Niemand weiß genau, was dort ist, ob noch jemand dort lebt.“ Die erste heiße Spur, seit er den anonymen Brief („Die Insel. Ich warte dort.“) in seinem Koffer gefunden hat. Sam, eine Mischung aus Parzival und Kaspar Hauser, „der angespült wurde“, bricht aus: „Die Welt ist schön, und alles, was er kennt, ist Linoleum.“ Und Irma folgt ihm. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg, immer die Straße lang, die Frage nach der eigenen Herkunft im Visier. Seltsam nur, dass ihre Verfolger, die Wächter und Ausbilder mit den Pestmasken, auf sich warten lassen.
Was als One-Way-Briefroman beginnt, entwickelt sich zu einem zart erzählten Abenteuer, getragen vom Glauben an eine Utopie. In Hier ist es schön, ausgezeichnet mit dem Robert Gernhardt Preis, lotet Annika Scheffel aus, inwieweit der Mensch Illusionen braucht, um sich Hoffnungen machen zu können.
Moderation: Björn Jager
Ort: Romanfabrik
Eintritt: 7,-/4,- (Vorverkauf+Abendkasse)
In Kooperation mit der Romanfabrik.
Annika Scheffel, 1983 in Hannover geboren, ist Prosa- und Drehbuchautorin. Für ihre Arbeiten wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Phantastik-Preis der Stadt Wetzlar 2013 und dem Robert Gernhardt Preis 2015. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

***************************************************************************
Dienstag, 19. Juni 2018, 20 Uhr:
„Vergessen Sie nicht: zwanglose Vortragsart!“
Der Philosoph am Mikrofon. Walter Benjamins Rundfunkarbeiten
Der Philosoph, Essayist und Kritiker Walter Benjamin (1892-1940) hat jahrelang für das Massenmedium Rundfunk geschrieben und selbst am Mikrofon gesprochen. Die soeben erschienene kritische Edition seiner Rundfunkarbeiten präsentiert diesen wichtigen Teil seines Schaffens erstmals zusammenhängend und ausführlich kommentiert. Damit bietet sie einen gänzlich neuen Einblick in Benjamins Arbeitsprozesse und macht das Medienspezifische seiner Radiotexte sichtbar.
Die Herausgeberin Anja Nowak und der Herausgeber Thomas Küpper stellen gemeinsam mit der Rundfunk-Expertin Sabine Schiller-Lerg die neue Edition vor und zeichnen ein lebendiges Bild von Benjamins Rundfunkpraxis.
Ort: Literaturforum im Literaturforum
Eintritt: 7,-/4,- (Vorverkauf)| 8,-/5,- (Abendkasse)
In Kooperation mit Philosophisches Kolloquium: Kritische Theorie sowie KunstGesellschaft e.V.

***************************************************************************
Mittwoch, 20. Juni 2018, 20 Uhr:
Christian Sievers: Grauzonen. Geschichten aus der Welt hinter den Nachrichten

Zwanzig Minuten hat Christian Sievers in einer «heute»-Sendung, um über das aktuelle Weltgeschehen zu berichten – und muss dabei erklären, zusammenfassen, weglassen. In diesem Buch erzählt er die Geschichten hinter der Nachricht. Gerade in den Krisengebieten dieser Welt stößt er auf Unerwartetes, Überraschendes, Verwirrendes: Humor neben Hass, Mut in der Katastrophe, Propaganda mit Augenzwinkern und Lügner, die den Wert der Wahrheit predigen. Eine verunsicherte Medienwelt steht vor der Herausforderung, all diesen Facetten der Story gerecht zu werden. Das Buch ist ein Blick hinter die Kulissen einer Nachrichtensendung und in den aufwühlenden Alltag von Krisenreportern. Es ist auch eine Liebeserklärung an den Nahen Osten, wo nichts geht und alles möglich ist.
Ort: Literaturforum im Literaturforum
Eintritt: 7,-/4,- (Vorverkauf)| 8,-/5,- (Abendkasse)
Eine Kooperation mit der Jüdischen Gemeinde Frankfurts.
Christian Sievers, (Jahrgang 1969) hat Rechtswissenschaften studiert. Seine journalistische Kariere begann er beim Radio; die Fernsehzuschauer lernten ihn
als Moderator des ZDF-Morgenmagazins kennen. Heute moderiert er die Nachrichtensendungen «heute» und «heute journal». Zuvor war er fünf Jahre lang Auslands-Korrespondent des ZDF im Nahen Osten. Er twittert mit Leidenschaft und liebt im Urlaub Hotels, die ihr Frühstück bis nachmittags servieren.

Hessisches Literaturforum im Mousonturm e.V.
Waldschmidtstraße 4
60316 Frankfurt am Main
www.hlfm.de

Hessisches Literaturforum im Mousonturm e.V. – Termine Januar – Februar 2018

© atelier-goddenthow Foto: Diether v. Goddenthow
© atelier-goddenthow Foto: Diether v. Goddenthow

Das Hessisches Literaturforum im Mousonturm e.V. in Frankfurt startet – ein wenig verzögert – am 25.Januar mit Joshua Cohen und seinem dann gerade auf Deutsch frisch erschienenen Roman „Buch der Zahlen“ in die neue Saison 2018. Weitere Highlights sind darüber hinaus Julia Zanges Poproman „Realitätsgewitter“ und Leander Steinkopfs „Stadt der Feen und der Wünsche“ sowie die Longlist-2017-Autoren des Deutschen Buchpreises Jakob Nolte mit „Schreckliche Gewalten“ und Robert Prosser mit „Phantome“ sowie Rimini, das literarische Debüt der Filmregisseurin Sonja Heiss.

Donnerstag, 25. Januar 2018, 20 Uhr:
Joshua Cohen: Buch der Zahlen

„Verpisst euch doch einfach, wenn ihr dies am Bildschirm lest“ – so charmant eröffnet Joshua Cohen seinen Roman Buch der Zahlen, der unserer hochgradig technisierten Gesellschaft den Spiegel vorhält. Indem er Blogeinträge und Emailkorrespondenzen mit einer halb erfundenen Biografie verquickt, wirft er einen ungeschönten Blick auf die schier unbegrenzte Macht der neuen Medien und ihren Datensammelwahn. Auf einer abenteuerlich-absurden Reise von Amerika über Dubai bis zur Frankfurter Buchmesse verfolgt man die Bemühungen des Autors Joshua Cohen, der eine Biografie über den Suchmaschinenkönig Joshua Cohen zu schreiben versucht. Doch je weiter seine Recherche die dunklen Machenschaften der Mitarbeiter aufdeckt, desto gefährlicher wird auch die Arbeit des Ghostwriters.

Joshua Cohen führt mit ausschweifender Sprache und einem unwiderstehlichen Humor auf die wenig bekannte Seite der großen Medienkonzerne und ihrer Verstrickungen. Ein wichtiges, ernstes und humorvolles Buch, das nun endlich auch auf Deutsch vorliegt.

Moderation: Jan Wilm
Lesung der dt. Übersetzung: Isaak Dentler
Ort: Hessisches Literaturforum im Mousonturm
Eintritt: 7,-/4,- (VVK) | 8,-/5,- (AK)

In Kooperation mit Kultur & Bahn e.V.
Joshua Cohen wurde 1980 in New Jersey geboren und studierte an der ‚Manhattan School of Music‘. Er schreibt nicht nur Erzählbände und Romane, sondern auch Kritiken für renommierte Zeitungen wie die ‚New York Times Book Review‘. Zu den Auszeichnungen, die er für sein literarisches Schaffen erhalten hat, zählen der ‚Pushcart Prize‘ (2012) und der ‚Matanel Prize in Jewish Literature‘ (2013). Im Wintersemester 2017/18 ist er Samuel Fischer Gastprofessor für Literatur an der FU Berlin.

**************************************************************************

Dienstag, 6. Februar 2018, 20 Uhr:
Berlin, mon amour?
Mit Leander Steinkopf und Julia Zange

Dieser Pop-Roman schreit nach Punkrock. Im Laufe von Julia Zanges Realitätsgewitter möchte man am liebsten mit Kraftklub „Ich will nicht nach Berlin“ anstimmen. Wo sich Kreative aller Länder vereinigen, ist Oberfläche alles. Schöne, hippe Menschen gehen in Clubs, nehmen Drogen und reden über Kunst. Mittendrin: Marla, Anfang zwanzig und ohne Plan. Um der Einsamkeit zu entgehen, lässt sie sich treiben – einer von 1675 Facebook-Freunden weiß immer, wo was los ist. Dem namenlosen jungen Mann, der durch Leander Steinkopfs Stadt der Feen und der Wünsche flaniert, würde Marla auf der Straße sicherlich auffallen. Zu genau beobachtet er sein Umfeld, die Menschen in Berlin. Seinem scharfen Urteil entgeht keiner: weder die „Unterschichtsscheuche“ im Wedding noch die „Berlin-Mitte-Existenzen“. Als Dandy auf Achse kartiert er die Stadt und sortiert ihre Bewohner, ein Sammelsurium von Sehnsüchten, die er längst aufgegeben hat. Was er wohl über Marla denken würde?

Moderation: Malte Kleinjung
Ort: Literaturforum im Mousonturm
Eintritt: 7,-/4,- (Vorverkauf)| 8,-/5,- (Abendkasse)

Leander Steinkopf, geboren 1985, ist promovierter Psychologie. Wenn er nicht als freier Journalist für die FAZ oder F.A.S. schreibt, verfasst er Komödien fürs Theater oder Essays, die im „Merkur“ veröffentlicht werden. Nach Stationen in Mannheim, Berlin und Sarajevo lebt und arbeitet Leander Steinkopf heute in München. Stadt der Feen und der Wünsche ist sein literarisches Debüt.

Julia Zange wurde 1983 in Darmstadt geboren. Sie studierte Gesellschafts – und Wirtschaftskommunikation in Berlin. 2006 gewann sie den open mike, 2008 veröffentlichte sie ihren Debütroman Die Anstalt der besseren Mädchen. Es folgten eine Reihe von Kurzgeschichten sowie Auftritte in Kinofilmen und Serien (u.a. im Tatort). Julia Zange lebt und arbeitet in Berlin.

**************************************************************************

Mittwoch, 14. Februar 2018, 20 Uhr Uhr:
Jakob Nolte: Schreckliche Gewalten

„Mein Buch ist ein bisschen wie Browsen“, sagt Jakob Nolte im Interview mit dem Magazin SPEX. „Nur dass die 18 offenen Tabs direkt nebeneinander abgebildet sind“. Wie sich das liest? Schreckliche Gewalten ist ein beeindruckender Mix aus Horror, Porno und Märchen, aufgelockert durch Ironie, gespickt mit Abschweifungen. Die Geschichte fängt im Norwegen der 70er-Jahre an. Als der Vollmond am Himmel steht, zerfleischt Hilma, plötzlich zum Werwolf mutiert, ihren Mann. Auf diesen Schock reagieren ihre Kinder, die Zwillinge Iselin und Edvard, unterschiedlich. Iselin bleibt vor Ort, um zu studieren – und wird zur Terroristin. Edvard hingegen möchte weg, über die Sowjetunion nach Afghanistan. Zu diesem Zeitpunkt übt ein Parasit bereits seit einigen Jahren die Kontrolle über ein Mädchen namens Sofia aus. Er lebt vom „biochemikalischen Trubel“ in ihren Blutbahnen. Alles, was Schmerz und Aufregung bereitet, ist ihm ein Fest. Die Jagd auf den Werwolf kann beginnen.

Indem Schreckliche Gewalten ein ums andere Mal überraschende Haken schlägt, entsteht eine unheimliche Dynamik. Der Titel ist dabei Programm: Es entfaltet sich ein Panorama der Gewalt, dessen Irrwitz auf historischen Fundamenten ruht. Der Roman zieht eine Bilanz des 20. Jahrhunderts und seiner Schrecken, die Namen wie Nanking, Hiroshima und Auschwitz tragen.

Moderation: Björn Jager
Ort: Literaturforum im Mousonturm
Eintritt: 7,-/4,- (Vorverkauf)| 8,-/5,- (Abendkasse)

Jakob Nolte, geboren 1988, wuchs in Barsinghausen am Deister auf. Nach seinem Studium des Szenischen Schreibens an der Universität der Künste in Berlin ist er mit vielfach ausgezeichneten Theaterstücken in Erscheinung getreten. Für seinen Debütroman ALFF bekam er den Kunstpreis Literatur 2016. Schreckliche Gewalten, sein zweiter Roman, stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2017.

**************************************************************************

Montag, 19. Februar 2018, 20 Uhr:
Acting out! #5
Mit Robert Prosser

Es „klackdiklickert“ im Rucksack, „zack zack zack“ rauscht ein Zug vorbei: ein Graffiti-Sprayer auf der Suche nach dem Kick. Je tiefer er in den Wiener Untergrund hinabsteigt, desto weiter schweifen die Gedanken. Der Trip durch die Tunnel führt in die Vergangenheit, ins Schlachthaus des zerfallenden Jugoslawiens, zum „Klickdiklick“ der Kalahsnikovs. In seinem Roman Phantome, der auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2017 stand, begibt sich Robert Prosser auf die Spur der Geflohenen, Vermissten und Toten dieses Krieges. Gegen das Vergessen erzählt Phantome von Anisa und Jovan, sie bosnische Muslima, er Serbe. Mit einer Perfomance, in der „die Worte prasseln, prickeln, funkeln“ (Tiroler Tageszeitung), bringt Prosser sie zum Sprechen.

Moderation: Björn Jager
Ort: Lokal im Mousonturm
Eintritt: 7,-/4,- (Vorverkauf+Abendkasse)
*Der Vorverkauf läuft über den Mousonturm

Robert Prosser, geboren 1983, studierte Komparatistik sowie Kultur- und Sozialanthropologie. Als Mitbegründer des Lyrikkollektivs Babelsprech sorgt er für die internationale Förderung, als Perfomancekünstler mit Auftritten in ganz Europa für die Verbreitung junger Poesie. Auf sein Konto gehen dabei nicht nur Romane und Prosastücke, sondern auch die Mitherausgabe von Lyrik von Jetzt 3. Für all das wurde er mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Land-Niederösterreich-Literaturpreis und Publikumspreis Wartholz 2016. Robert Prosser lebt in Alpbach/Tirol und Wien.

**************************************************************************

Donnerstag, 22. Februar 2018, 20 Uhr:
Sonja Heiss: Rimini

Achtung: Kann Spuren von Loriot, Woody Allen und Yasmina Reza enthalten (© Christine Westermann)! Hier sind die Dialoge so treffend wie die Charaktere erschreckend vertraut. Das Gefühl dabei: irgendwo zwischen irre komisch und peinlich berührt. Die Schrullen, Sorgen und Wünsche der Familie Armin, von der Sonja Heiss in Rimini erzählt, haben Wiedererkennungswert. Während Barbara sich mit ihrem frisch verrenteten Mann Alexander arrangieren muss, bekommen Hans und Masha, ihre erwachsenen Kinder, gleich mehrere Pistolen auf die Brust gesetzt. Hans, dem zumindest bis vor Kurzem sehr erfolgreichen Anwalt, drohen nicht nur die Kanzleipartner mit dem Rauswurf, sondern auch seine Frau Ellen – wenn er nicht endlich durch eine Therapie die Neigung zu Aggressionen und Alkohol unter Kontrolle bringt. Bei Masha, einer Schauspielerin auf dem absteigenden Ast, steht indes der 40. Geburtstag vor der Tür. Höchste Zeit für ein Kind, von dem sie bisher aus Karrieregründen nichts wissen wollte. Ihr langjähriger Freund sagt: „Okay“. Doch irgendwas ist plötzlich anders. Er riecht nach altem Mann und isst wie ein Kamel.

Sonja Heiss, die sich als Filmregisseurin einen Namen gemacht hat, gelingt es, durch geschickte Perspektivwechsel das morsche Gefüge einer deutschen Mittelstandsfamilie auszuleuchten. Schonungslos, aber voller Empathie zeigt sie, wie Menschen immer wieder daran scheitern, die eigenen Bedürfnisse mit anderen zu versöhnen.

Moderation: Malte Kleinjung
Ort: Literaturforum im Mousonturm
Eintritt: 7,-/4,- (Vorverkauf)| 8,-/5,- (Abendkasse)

Sonja Heiss, geboren 1976, studierte an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Sie führte bei zahlreichen Filmen Regie, darunter die preisgekrönten Hotel Very Welcome und Hedi Schneider steckt fest. Sonja Heiss war Stipendiatin der Villa Aurora. 2011 erschien ihr vielbeachteter Erzählungsband Das Glück geht aus. Rimini ist ihr erster Roman.

Bewerbungsfrist für den Hessischen Leseförderpreis noch bis 31.08.2017 über Literaturforum im Mousonturm e.V. Frankfurt

Foto: Diether v. Goddenthow
Foto: Diether v. Goddenthow

Auch in diesem Jahr vergibt das Land den mit 15.000 Euro dotierten „Hessischen Leseförderpreis“ – Bewerbungen noch bis 31. August möglich

Wiesbaden. Kunst- und Kulturminister Boris Rhein hat heute auf die bevorstehende Bewerbungsfrist des Hessischen Leseförderpreises 2017 aufmerksam gemacht. Noch bis zum 31. August 2017 können sich haupt- und ehrenamtlich geführte Bibliotheken und andere öffentliche gemeinnützige Einrichtungen, die herausragende Projekte der Leseförderung für Kinder und Jugendliche organisiert haben, bewerben. Der Hessische Leseförderpreis ist mit 15.000 Euro dotiert und wird bereits zum 19. Mal vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst verliehen.

Kunst- und Kulturminister Boris Rhein: „Literatur ist ein wichtiger Bestandteil der kulturellen Vielfalt von Kindern und Jugendlichen und zählt deswegen zu einer der wichtigen Aufgaben der Hessischen Landesregierung. Der ‚Hessische Leseförderpreis‘ hat das Ziel mit spannenden, interessanten, phantasievollen Projekten die Jugend vom Lesen zu begeistern und die Leseförderung in Hessen weiter auszubauen.“

Beteiligen können sich alle öffentlichen und gemeinnützigen Einrichtungen in Hessen. Gefragt sind dabei außergewöhnliche Projekte, die über die allgemeine Bibliotheksarbeit hinausgehen, vor allem Kinder und Jugendliche in besonderer Weise in Leseaktionen einbinden und damit jugendliche Leser und Leserinnen erneut und verstärkt an das Medium Buch heranführen. Die Gewinner sollen das Preisgeld für den Erwerb neuer Medien im Kinder- und Jugendbuchbereich der jeweiligen Bibliothek sowie für weitere Leseprojekte nutzen.

Bewerben können sich alle öffentlichen und gemeinnützigen Einrichtungen in Hessen, die ihre Projekte zwischen dem 1. September 2016 und dem 31. August 2017 umgesetzt haben oder noch umsetzen. Sie sollen sich durch Kreativität und Engagement ausweisen und nachhaltig das Leseverhalten beeinflussen. Eine unabhängige, fachkundige Jury entscheidet am Ende über die Wettbewerbsbeiträge.

Die Bewerbungsunterlagen mit ausführlicher Beschreibung sowie einer Dokumentation des realisierten Projektes (z.B. Bildmaterial, Videofilme, CDs, Pressebesprechungen o.a.) sind bis zum 31. August 2017 bei der Hessischen Leseförderung im Hessischen Literaturforum im Mousonturm e.V., Waldschmidtstraße 4, 60316 Frankfurt am Main, einzureichen.

Genaue Informationen zur Ausschreibung unter www.hessische-lesefoerderung.de. Rückfragen beantwortet Björn Jager, Projektleiter der Hessischen Leseförderung im Hessischen Literaturforum im Mousonturm e.V.: E-Mail bjoern.jager@hlfm.de; Tel. 069/24449941.

Das Literaturforum im Mousonturm Frankfurt – Juni 2017

mousonturmDonnerstag, 1. Juni 2017, 20 Uhr:
Anke Stelling: Fürsorge
Seit sechzehn Jahren hat Nadja ihren Sohn nicht mehr gesehen. Es war eine bewusste Entscheidung der Ballerina, ihn direkt nach der Geburt bei ihrer Mutter unterzubringen und sich der eigenen Karriere zu widmen. Diese ist nun beendet, der Körper – noch immer schön und jugendlich – ist nach 30 Jahren des harten Trainings zerschunden. Als Nadja in eine Krise gerät, besucht sie Mutter und Sohn. Das Familientreffen folgt jedoch nicht den üblichen Mustern: Zwischen Nadja und Mario, dem fitnessgestählten Sohn, entstehen Gefühle, die weit über die Liebe zwischen Eltern und Kindern hinausgehen. Es dauert nicht lange, bis die beiden zum ersten Mal miteinander schlafen.

Nach ihrem für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman Bodentiefe Fenster blickt Anke Stelling in Fürsorge einmal mehr schonungslos in die Abgründe einer Mutter. Nicht um des Skandals oder Schocks willen beschreibt Stelling einen Inzest. Anhand dieser Thematik gelingt es ihr vielmehr, Einsamkeit, Zwänge und Emotionskälte zu sezieren.
Moderation: Björn Jager
Ort: Literaturforum im Mousonturm
Eintritt: 7,-/4,- (VVK)| 8,-/5,- (AK)

Anke Stelling, Jahrgang 1971, in Ulm geboren, wuchs in Stuttgart auf. Sie ist Absolventin des Deutschen Literaturinstituts in Leipzig und lebt derzeit mit ihrer Familie in Berlin. Zusammen mit Robby Dannenberg schrieb sie den Roman Gisela (1999) und Nimm mich mit (2002). Gisela wurde 2004 verfilmt, 2010 ihre Erzählung Glückliche Fügung (2004). Darüber hinaus veröffentlichte sie 2010 den Roman Horchen und zuletzt ihren Roman Bodentiefe Fenster (2015), der auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2015 kam und mit dem Melusine-Huss-Preis 2015 ausgezeichnet wurde.

***************************************************************************
Mittwoch, 7. Juni 2017, 20 Uhr:
Andreas Stichmann: Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk
Einst als alternatives Wohnprojekt von Hippies ins Leben gerufen, ist der ‚Sonnenhof’ mittlerweile ein heruntergekommenes Betreutes Wohnen. Der Alltagstrott auf dem Hof verändert sich schlagartig durch Bianca und den ‚Focusing Trainer’ David van Geelen. Sie muss Sozialstunden leisten, weil sie aus Langeweile eine Tankstelle mit einer Gaspistole überfallen hat, während er dem Familienunternehmen den Rücken kehrt, um den Welthunger auszumerzen. David versorgt die Bewohner mit Fairphones und –tablets und glaubt nicht mehr an Revolution, sondern an Management und Mantras.

In Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk lässt Andreas Stichmann widerstreitende politische und individuelle Wünsche aufeinanderprallen. Die Sprache, die Stichmann seinen Figuren in den Mund legt, offenbart deren Unzulänglichkeiten, gibt sie aber nie der Lächerlichkeit preis.
Moderation: Malte Kleinjung
Ort: Literaturforum im Mousonturm
Eintritt: 7,-/4,- (VVK)| 8,-/5,- (AK)

Andreas Stichmann, geboren 1983 in Bonn, ist Absolvent des Deutschen Literaturinstituts Leipzig. 2008 debütierte er mit dem Erzählband Jackie in Silber, für den er u.a. mit dem Clemens-Brentano-Preis 2009 und dem Hamburger Literaturförderpreis 2010 ausgezeichnet wurde. Darüber hinaus erhielt er 2009 den Kranichsteiner Literaturförderpreis, das Grenzgängerstipendium der Robert Bosch Stiftung, sowie das Stipendium des Literarischen Colloqiums Berlin. 2012 erschien sein erster Roman Das große Leuchten, der im selben Jahr für den Bachmann-Preis nominiert und 2013 mit dem Literaturförderpreis der Stadt Bremen ausgezeichnet wurde. Er lebt in Berlin.

***************************************************************************
Dienstag, 20. Juni 2017, 20 Uhr:
Paul Celan – Dichter im Hier und Jetzt.
Vortrag von Barbara Wiedemann
Paul Celan wurde 1920 im damals rumänischen Czernowitz (Bukowina) als Sohn deutschsprachiger Juden geboren. 1942 wurden seine Eltern in ein deutsches Lager in der Ukraine deportiert und ermordet, er selbst musste Zwangsarbeit in Rumänien leisten. Nach seiner Entlassung im Februar 1944 zog Celan nach Zwischenstationen in Bukarest und Wien 1948 schließlich nach Paris, wo er bis zu seinem Freitod 1970 lebte.

Die ab 1947 veröffentlichten Gedichte zeigen einen der Gegenwart Zugewandten, der aus dem »Neigungswinkel« seines Schicksals schreibt. Ausgangspunkt ist das Hier und Jetzt: Österreichische Vergangenheitsvergessenheit ebenso wie die Atombewaffnung der Bundeswehr, der Krieg in Israel und der Antisemitismus von rechts und links im Mai 68, Kritiken und Plagiatvorwürfe mit antisemitischen Nuancen, Psychiatrieaufenthalte, Ereignisse in der Familie und Gespräche mit Zeitgenossen, aber auch aktuelle Lektüren – Literatur und Tagespresse.

Adornos Verdikt, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben sei barbarisch, kann Celan nicht akzeptieren. Aber er mutet den deutschen Lesern eine verstörende Gedichtsprache zu, die den grundsätzlichen Bruch spürbar macht – Gedichte, die dessen »was war«, wie er sagt, in der Gegenwart eingedenk bleiben.
Ort: Literaturforum im Mousonturm
Eintritt: 7,-/4,- (VVK)| 8,-/5,- (AK)
Dr. phil. Barbara Wiedemann, Literaturwissenschaftlerin, Lehrtätigkeit an der Universität Tübingen, Herausgeberin von Werken und Briefen Paul Celans.
In Kooperation mit CROM (Communitatea Românilor din Rin-Main).

***************************************************************************
Mittwoch, 28. Juni 2017, 20 Uhr:
Jahrbuch der Lyrik 2017
Mit Judith Hennemann, Jan Kuhlbrodt und Ulrike Almut Sandig. Im Rahmen der Frankfurter Lyriktage.

Die deutschsprachige Lyrik auf einen Nenner zu bringen ist mehr denn je ein Ding der Unmöglichkeit. Zu vielschichtig, zu variantenreich sind ihre Ausformungen. Einen Eindruck von dieser Bandbreite vermittelt das seit 1979 alle zwei Jahre erscheinende Jahrbuch der Lyrik. Es versammelt Dichterinnen und Dichter verschiedener Generationen und Stilrichtungen. Für das Jahrbuch 2017 haben Christoph Buchwald und Ulrike Almut Sandig aus etwa 5000 eingereichten Gedichten eine Auswahl getroffen. An welchen Kriterien haben sie sich dabei orientiert? Inwiefern zeichnen sich Trends und Schwerpunkte ab? Und welche Erwartungen richten eigentlich die Autorinnen und Autoren an das Jahrbuch? Ulrike Almut Sandig, Jan Kuhlbrodt und Judith Hennemann werden nicht nur darüber Auskunft geben, sondern auch aus ihren Gedichten lesen.
Mit freundlicher Unterstützung des Kulturamts der Stadt Frankfurt.
Moderation: Malte Kleinjung
Ort: Literaturforum im Mousonturm
Eintritt: 7,-/4,- (VVK)| 8,-/5,- (AK)

Judith Hennemann ist Lyrikerin und lebt in Frankfurt am Main. 2016 veröffentlichte sie ihren Debütband Bauplan für etwas anderes (Axel Dielmann Verlag). Der Schriftsteller Jan Kuhlbrodt war Geschäftsführer der Literaturzeitschrift Edit. 2015 erschien sein Gedichtband Kaiseralbum. Choräle und Kantaten (Verlagshaus Berlin), im Jahr darauf sein Roman Das Modell (Edition Nautilus). Ulrike Almut Sandig schreibt Prosa und Lyrik. Zuletzt erschien 2016 der Gedichtband ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt (Schöffling).

Hessisches Literaturforum im Mousonturm e.V.
Waldschmidtstraße 4
60316 Frankfurt am Main

Das Literaturforum im Mousonturm Frankfurt im Mai 2017

Mittwoch, 3. Mai 2017, 20 Uhr:
Olga Grjasnowa
Gott ist nicht schüchtern

Amal und Hammoudi gehören der syrischen Oberschicht an. Amal ist Schauspielerin und hat eine Hauptrolle in einer bekannten Serie ergattert. Hammoudi ist plastischer Chirurg in Paris und nur wegen einer Passverlängerung in seiner Heimat. Doch dann beginnt der arabische Frühling – Hammoudi darf das Land nicht mehr verlassen und sieht sich gezwungen, im Untergrund Verletzten zu helfen, Amal gerät wegen ihrer Teilnahme an Demonstrationen ins Visier des Geheimdienstes. Als der Bürgerkrieg ausbricht und sie Zeuge schrecklicher Gräuel werden, begeben sich die beiden auf die Flucht nach Europa und landen schließlich in Berlin.

So überstrapaziert dieser Begriff in der Literaturkritik ist: Es ist Olga Grjasnowas Schonungslosigkeit, die ihren dritten Roman Gott ist nicht schüchtern auszeichnet. Sie erzählt von Hoffnungen und ihrem gewaltsamen Ende, von Folter und Erschießungen, von den Ertrunkenen im Mittelmeer und schließlich auch vom Fremdenhass direkt vor unserer Tür.

Moderation: Björn Jager

Ort: Literaturforum im Mousonturm
Eintritt: 7,-/4,- (VVK)| 8,-/5,- (AK)

Olga Grjasnowa, Jahrgang 1984, wuchs in Baku, Aserbaidschan auf. 1996, im Alter von 11 Jahren, emigrierte sie mit ihre Familie nach Deutschland. Sie ist Absolventin des Deutschen Literaturinstituts Leipzig, verbrachte Studienaufenthalte in Polen, Russland und Israel und erhielt, um nur zwei Beispiele zu nennen, das Grenzgängerstipendium der Robert Bosch Stiftung sowie das Hermann-Lenz-Stipendium. Ihre Texte wurden mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Anna Seghers-Preis und mit dem Chamisso-Förderpreis. Derzeit lebt sie in Berlin.

***************************************************************************

Sonntag, 7. Mai 2017, 11 Uhr:
Ausgeplündert – Lesung mit Dietmar Bär
Abschlussveranstaltung von ‚Frankfurt liest ein Buch‘

Er ist ein vielfach ausgezeichneter Schauspieler und einer der beliebtesten Tatort-Kommissare: Dietmar Bär liest zum Ausklang von ‚Frankfurt liest ein Buch‘ aus Benjamin und seine Väter. Unweit des Roman-Hauptschauplatzes, der Berger Straße, bringt er Heckmanns Worte mit seinem warmherzigen Humor auf einmalige Weise zum Sprechen. Dabei spricht Bär aus Erfahrung: Die Hörspiele, denen er seine Stimme geliehen hat, sind preisgekrönt. So bekommt man Heckmanns Geschichte von Schuld und Sühne jedenfalls nicht noch einmal präsentiert.

Vorhang auf zum letzten Akt!

Ort: Theatersaal im Mousonturm
Eintritt: 15,-/13,-

+++ Der Ticketverkauf erfolgt über den Mousonturm +++

Herbert Heckmann, geboren 1930 in Frankfurt, gestorben 1999 in Bad Vilbel, veröffentlichte u.a. Erzählungen, Kinderbücher und Romane. Neben seiner wissenschaftlichen Lehrtätigkeit war er Mitherausgeber der Neuen Rundschau und verfasste für den hr Kulturbeiträge für Fernsehen und Rundfunk. Darüber hinaus war er von 1984 bis 1996 der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Für seinen Roman Benjamin und seine Väter (1962) erhielt er den Bremer Literaturpreis.

***************************************************************************
Samstag & Sonntag, 13.-14. Mai 2017, 10-18 Uhr:
Der Text und seine Glaubwürdigkeit
Schreibseminar mit Olga Martynova

Es gibt eine schwer zu bestimmende Dimension eines Textes: wie überzeugend er ist. Wir lesen zum Beispiel, wie Dante in die Hölle hinabsteigt und zum Purgatorium und sogar in den Himmel hinaufsteigt – und glauben ihm. Hingegen lesen wir manchmal, wie jemand in einem Park mit seinem Hund spazieren geht, und glauben der beschriebenen Szene nicht. Im Seminar werden wir im gemeinsamen Gespräch über Texte – sowohl mitgebrachte Texte der Teilnehmer als auch kleine und spielerische Schreibaufgaben – herausfinden, wann und warum sie überzeugend oder weniger überzeugend sind. Als Motto zu diesem Versuch, beim Spiel mit den Texten mehr über die Wege des Schreibens zu begreifen, nehmen wir die kühne Behauptung des russischen Dichters Daniil Charms, dass die wichtigste Eigenschaft des Schriftstellers die Macht sei. Der Schriftsteller habe die Aufgabe, die Leser vor eine so unbestreitbare Offensichtlichkeit zu stellen, dass sie nicht einmal wagen, einen Ton dagegen zu sagen.

Teilnahmegebühren: 100,-/50,-

Anmeldungen mit 2-3 Seiten Textprobe bitte an: bjoern.jager@hlfm.de

Mit freundlicher Unterstützung der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen.

Olga Martynova, geboren 1962 bei Krasnojarsk in Sibirien, wuchs in Leningrad auf und studierte dort russische Sprache und Literatur. 1991 zog sie nach Deutschland und lebt seither in Frankfurt. Martynova schreibt Lyrik, Essays und Romane. Ihre Lyrik wurde mehrfach preisgekrönt und ihr erster Roman, Sogar Papageien überleben uns (2010), gelangte auf die Longlist des Deutschen Buchpreises und auf die Shortlist des aspekte-Literaturpreises. Nach dem Chamisso-Preis und dem Roswitha-Preis (2011) gewann sie 2012 den Ingeborg-Bachmann-Preis und 2015 den Berliner Literaturpreis.

 

***************************************************************************

Montag, 15. Mai 2017, 20 Uhr:
‚Frankfurter Premieren‘
Mit Oleg Jurjew: Unbekannte Briefe

Drei lange verschollene Briefe russischer und deutscher Autoren hat Oleg Jurjew ausfindig gemacht und übersetzt: Leonid Dobytschin schreibt an den Kritiker Kornei Tschukowski. Iwan Pryschow wendet sich an Dostojewski, der ihn in seinen Dämonenals Figur benutzt. Und J.M.R. Lenz bringt offenbar noch am Tag seines Todes eine Nachricht an seinen russischen Freund Karamsin auf den Weg. Doch Moment: War Dobytschin nicht schon längst tot, als er angeblich den Brief verfasste? Existierte Pryschow tatsächlich? War Lenz, dem Büchner ein Denkmal gesetzt hat, psychisch noch in der Lage, Briefe zu schreiben? Und überhaupt: Wie kommt Jurjew an die Dokumente? Die Umstände, die er jeweils schildert, gleichen jedenfalls sehr merkwürdigen Zufällen…
Die Wahrheit ist: Oleg Jurjew hat einen Roman geschrieben – und zwar zum ersten Mal auf Deutsch. Unbekannte Briefe ist ein Vexierspiel zwischen Dichtung und Wahrheit, eine Hommage an das Briefeschreiben, an den noch lange nicht toten Briefroman und nicht zuletzt an die russische Literatur.

Moderation: Björn Jager

In Kooperation mit dem Kulturamt der Stadt Frankfurt.

Eintritt: 7,-/4,- (VVK)| 8,-/5,- (AK)

Oleg Jurjew, geboren 1959 in Leningrad, zog 1991 nach Deutschland und lebt seither in Frankfurt. Sein umfangreiches Werk umfasst Lyrik, Theaterstücke, Essays und Romane, von denen er manche auf Russisch und andere auf Deutsch geschrieben hat. Neben zahlreichen Stipendien und Auszeichnungen kam Jurjew mehrfach auf die Shortlist des russischen Andrej-Bely-Preises. Ebenso wie der Prosaband Spaziergänge unter dem Hohlmond (1993) wurde auch sein Roman Halbinsel Judatin (1999) für den russischen Bookerpreis nominiert. 2010 erhielt er den Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil der Stadt Heidelberg.

***************************************************************************

Donnerstag, 18. Mai 2017, 20 Uhr:
Poetische Positionen
Mit Nancy Hünger und Sascha Kokot

Nichts weniger als „Texte, die irritieren, aus der Spur werfen“, verspricht die auf Lyrik spezialisierte edition AZUR. Wie dieser Anspruch erfüllt werden kann, demonstrieren zwei Frühjahrstitel auf je eigene Weise. Zum Soundtrack von Nancy Hüngers Ein wenig Musik zum Abschied wäre trotzdem nett gehören Geräusche wie „das Knacken eines Schädels“. Der Band bietet Bilder von morbider Schönheit – an Kneipenabenden, im Zuge von Jugenderinnerungen oder auf Urlaubsreisen. Wo auch immer aber das Ich der Gedichte sich befinden mag: Der Einsamkeit entkommt es nicht. Bei Sascha Kokots Ferner gibt der Titel das Programm vor. Die Verse greifen ins Räumliche aus. Sie durchmessen Zimmer, Städte und Landschaften. Kokots Sprache wirkt kühl und karg, die Gegenden, die er vor Augen stellt, erscheinen unwirtlich. Umso stärkere Effekte haben die dosiert eingesetzten Metaphern. Über allem liegt dabei der Schatten eines „Nicht mehr“, von Momenten, die unwiederbringlich sind. Für das Wecken von Frühlingsgefühlen sind andere zuständig.

Moderation: Malte Kleinjung

Eintritt: 7,-/4,- (VVK)| 8,-/5,- (AK)

Nancy Hünger, geboren 1981 in Weimar, studierte dort an der Bauhaus-Universität Freie Kunst. Heute lebt sie als freie Autorin in Erfurt. Sie erhielt zahlreiche Stipendien, darunter das Hermann-Lenz-Stipendium und das Stipendium des Thüringer Kultusministeriums 2008, 2012 das Förderstipendium Lyrik des Kunstfördervereins Düren. Darüber hinaus war sie 2011 Stadtschreiberin der Stadt Jena und 2013 Stipendiatin des Künstlerhauses Edenkoben. 2014 gewann sie den Publikumspreis des Menantes-Preises sowie den Förderpreis des Caroline-Schlegel-Preises der Stadt Jena. Zuletzt erhielt sie 2015 das Thüringer Literaturstipendium Harald Gerlach. Sie veröffentlichte mehrere Bände im Verlag edition Azur.

Sascha Kokot, Jahrgang 1982, wuchs in Osterburg in der Altmark auf. Nach einer Lehre zum Informatiker in Hamburg und einem längeren Aufenthalt in Australien studierte er am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er erhielt u.a. das Sonneck-Stipendium (2007), das Literaturstipendium der Albert Koechlin Stiftung (2009) und das Stipendium der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen (2010). Darüber hinaus nahm er mehrfach als Finalist am Leonce-und-Lena-Preis, am Münchner Lyrikpreis und am Literaturwettbewerb Wartholz teil und wurde mit dem Feldkircher Lyrikpreis (2012) und dem Georg-Kaiser-Förderpreis ausgezeichnet. Neben zahlreichen Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien erschien 2013 sein Debutband Rodung im Verlag edition Azur. Er lebt als freier Autor und Fotograf in Leipzig.

Das April-Programm im Literaturforum Mousonturm Frankfurt am Main

buchkultur-2Mittwoch, 5. April 2017, 20 Uhr: Feridun Zaimoglu: Evangelio. Ein Luther-Roman

4. Mai 1521 bis 1. März 1522: Martin Luther hält sich auf der Wartburg auf. Gänzlich unfreiwillig, denn er ist auf Geheiß des Kurfürsten von Sachsen in Gewahrsam genommen worden. Dort sieht er sich größten Anfechtungen ausgesetzt, vollbringt aber auch sein größtes Werk: In nur zehn Wochen übersetzt er das Neue Testament ins Deutsche.

Feridun Zaimoglu begibt sich in die Zeit, auf die Burg und in die Kämpfe, die der Verdolmetscher auszufechten hat. Dazu bedient er sich des erfundenen Ich-Erzählers Burkhard, eines ungeratenen Kaufmannssohns, der Martin Luther zum Schutze an die Seite gestellt ist. Burkhard selbst ist Katholik und sieht Luthers Wirken mit Sorge. Er will nicht abfallen und muss doch den, der dieses tut, schützen und bewahren. Ja, er muss Luther sogar begleiten, als dieser heimlich die Burg verlässt und sich bei Melanchthon in Wittenberg aufhält.

Mit klingender Sprache, erstaunlichem Kenntnisreichtum und dramatischer Zuspitzung erzählt Feridun Zaimoglu von einem großen Deutschen, einer Zeit im Umbruch und der Macht und Ohnmacht des Glaubens.

Feridun Zaimoglu wurde 1964 im anatolischen Bolu geboren. In Kiel studierte er Kunst und Humanmedizin. Seine künstlerisches Betätigungsfeld beschränkt sich nicht nur auf literarische Texte wie etwa seinen renommierten DebütromanKanak Sprak (1995). Es umfasst auch Theaterstücke, Drehbücher, journalistische Arbeiten und Malerei. Für sein Werk wurde Feridun Zaimoglu mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Berliner Literaturpreis 2016.

Moderation: Harry Oberländer
Ort: Literaturforum im Mousonturm
Eintritt: 7,-/4,- (Vorverkauf)| 8,-/5,- (Abendkasse)

***************************************************************************
Dienstag,
11. April 2017, 20 Uhr:
Nora Bossong: Rotlicht

Alles beginnt mit einer rot lackierten Tür – dem Eingang zu einem Beate-Uhse-Laden. Die Tür und das Bewusstsein dafür, was sich hinter ihr verbirgt, markieren für Nora Bossong das Ende der Kindheit und den Beginn der Pubertät. Und obwohl sie den Laden bereits als Teenager zum ersten Mal betritt, wird es weitere 20 Jahre dauern, bis sie sich dazu entschließt, einen viel tieferen Blick hinter die Kulissen der Sexindustrie zu werfen. Nora Bossong besucht Stripclubs und Sexmessen, Darkrooms, Laufhäuser und den Straßenstrich. Was, fragt sie während ihrer Recherchen, ist gekaufte Erotik wert? Was treibt Menschen an, einen Swingerclub zu besuchen? Warum verharrt gerade diese Branche so sehr in tradierten Geschlechterrollen, wo Frauen fast nur als Ware und so gut wie nie als Konsumentinnen gesehen werden? Innerhalb eines Jahres trägt Nora Bossong jedoch nicht nur journalistische Erkenntnisse zusammen. Rotlicht ist auch ein Blick ins eigene Innere, in die Fragilität, die das Begehren in uns erzeugt. Nicht wenige vermeintliche Gewissheiten wird Bossong am Ende des Buches in Frage stellen.

Nora Bossong, 1982 in Bremen geboren, studierte in Berlin, Leipzig und Rom Philosophie und Komparatistik. Von ihr sind neben mehreren Romanen auch Gedichte erschienen, zuletzt der Band Sommer vor den Mauern (2011). Sie war Writer-in-Residence an der New York University sowie an der Universität Nanjing. Ihr Werk ist mit dem Peter-Huchel-Preis, dem Kunstpreis Berlin und dem Roswitha-Preis ausgezeichnet worden.

Moderation: Björn Jager
Ort: Literaturforum im Mousonturm
Eintritt: 7,-/4,- (Vorverkauf)| 8,-/5,- (Abendkasse)

***************************************************************************
Donnerstag, 20. April 2017, 20 Uhr:
Roman Ehrlich: Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens

„Der Normalzustand unserer Gesellschaft in dieser Zeit ist der Horror“ – die Diagnose zieht künstlerische Konsequenzen nach sich. Denn solch einer Gesellschaft kann man nur mit dem entsprechenden Genre beikommen: dem Horror-Film. Die Diagnose und die Idee zum Dreh stammen von Christoph. Moritz, einer seiner alten Studienfreunde, lässt sich zusammen mit einigen anderen zur Teilnahme an dem Projekt überreden. Das Drehbuch muss allerdings erst noch geschrieben werden, ein Substrat aus den tiefsten Ängsten aller Beteiligten. Vor versammelter Mannschaft hat jeder Rechenschaft darüber abzulegen, was er am meisten fürchtet. Zur Not auch unter Schmerzen…

Roman Ehrlichs Debütroman Das kalte Jahr und sein Erzählungsband Urwaldgäste hatten einen surrealistischen Drive, der wohliges Unbehagen auslöste. Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens drehen die Schraube weiter, indem sie eine Serie individueller Alpdrücke in eine Gruppendynamik einbetten, die erschreckend realen Maßstäben gehorcht. Und dabei erzählen sie auch eine Geschichte davon, wie Kunst an ihren eigenen Ansprüchen scheitern kann.

Roman Ehrlich, geboren 1983 in Aichach, absolvierte ein Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und an der Freien Universität Berlin. Er war Stipendiat der Werkstatttage des Wiener Burgtheaters, nominiert für den open mike und Teilnehmer der Autorenwerkstatt Prosa am LCB. Für seinen Debütroman Das kalte Jahr erhielt er sowohl den Bremer Literaturpreis 2014 als auch den Robert Walser-Preis 2014. Am 14. März 2017 wird ihm die Alfred Döblin-Medaille verliehen.

Moderation: Malte Kleinjung
Ort: Literaturforum im Mousonturm
Eintritt: 7,-/4,- (Vorverkauf)| 8,-/5,- (Abendkasse)

***************************************************************************
Samstag & Sonntag, 22.-23. April 2017, 10-16 Uhr:
Wortumdrehung – U20 Poetry Slam Workshop
Mit Dirk Hülstrunk

Ihr habt Lust am Spiel mit der Sprache? Ihr wollt eigene Texte, Gedichte, Geschichten, Rap-Texte schreiben, reimen oder lieber freestylen? Ihr würdet gerne mal auf einer Bühne stehen, ein Mikrofon in der Hand? Dann seid ihr richtig beim Poetry Slam Workshop „Wortumdrehung“. Hier könnt ihr Ideen entwickeln, lernen, spannungsreiche und originelle Texte zu schreiben und ihre Umsetzung unter realen Bühnenbedingungen proben. Unsere Themen sind: Poetry Slam Hintergründe & Regeln, Texte für den Vortrag schreiben, Stimme & Performance, Mikrofonsprechen.

Der Workshop richtet sich sowohl an Anfänger wie an Fortgeschrittene, die ein kritisches Feedback zu ihren Texten brauchen oder ihren Vortragsstil verbessern möchten. Teilnehmen können Jugendliche vom 15-20. Ältere Interessenten können in Einzelfällen teilnehmen, wenn noch Platz ist.

Dirk Hülstrunk, geboren 1964 in Frankfurt a.M., ist freier Autor, Soundpoet, Audiokünstler und Kulturaktivist. Er ist Poetry Slam-Pionier und Veranstalter des ältesten Poetry Slam in Hessen an der FH Frankfurt seit 1998. Seine Erfahrungen und Arbeitsweisen vermittelt er seit 2001 regelmäßig in Workshops und Vorlesungen

Anmeldungen unter: u20slam@kulturnetz-frankfurt.de
Ort: Literaturforum im Mousonturm
Teilnahmegebühr: 25,-

***************************************************************************

Donnerstag, 27. April 2017, 20 Uhr: Acting Out! #4
Mit Dorothee Elmiger, Katharina Merten & Wolfram Lotz

Roman, Gedicht, Kurzgeschichte – das kennt man bei Lesungen. Geht da überhaupt noch mehr? Und ob! Gemeinsam mit sechs Autor*innen hat sich die Videokünstlerin Katharina Merten David Bowies LP Heroes gewidmet, jenem Jahrhundertwerk, das 1977 in Berlin entstand und wie kaum ein anderes Album die Auf- und Umbrüche der damaligen Zeit musikalisch fasste. In Zusammenarbeit mit der Schweizer Schriftstellerin Dorothee Elmiger ist so eine Reaktion auf den Song „Blackout“ entstanden, eine Prosa-Videoarbeit, die in Frankfurt erstmalig gezeigt wird.

Wolfram Lotz wiederum ist fest im Theaterbereich verankert und gehört dort zweifellos zu den wichtigsten Stimmen seiner Generation – u.a. war er 2015 Dramatiker des Jahres und Nestroy-Theaterpreisträger. Dass seine dramatischen Monologe aber nicht zwingend Schauspieler benötigen, sondern durchaus auch vom Autor selbst in einer Lesung vorgetragen werden können, wird er bei uns unter Beweis stellen.

Mit freundlicher Unterstützung der Dr. Marschner Stiftung, der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und Pro Helvetia.

Dorothee Elmiger, geboren 1985 in Wetzikon in der Schweiz, studierte Philosophie und Politikwissenschaft, anschließend am Schweizerischen und Deutschen Literaturinstitut in Biel und Leipzig. Ihre Romane Einladung an die Waghalsigen (2010) und Schlafgänger (2014) sind preisgekrönt.

Katharina Merten, Jahrgang 1987, arbeitet nach einem Studium der bildenden Kunst seit November 2015 als Videokünstlerin für das Schauspiel Leipzig. Über die Bereiche Installation, Audio, Video und Performance hinaus initiierte Katharina Merten verschiedene Projekte an der Schnittstelle von Literatur und bildender Kunst.

Wolfram Lotz, wurde 1981 in Hamburg geboren und studierte Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaft in Konstanz sowie Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er schreibt Theaterstücke, Hörspiele, Lyrik und Prosa und wurde bereits mehrfach ausgezeichnet.

Ort: Literaturforum im Mousonturm
Eintritt: 7,-/4,- (Vorverkauf)| 8,-/5,- (Abendkasse)

Hessisches Literaturforum im Mousonturm e.V.
Waldschmidtstraße 4
60316 Frankfurt am Main
E-Mail: info@hlfm.de
Fon: 069 – 24449940
Fax: 069 – 24449939

Das Literaturforum im Mousonturm Frankfurt im Januar 2017

Neues Jahr, neues Format: Am 17. Januar werden Ulrike Draesner und Johanna Maxl Acting Out! eröffnen, eine Reihe von Lesungsperfomancen, die in loser Folge im Hessischen Literatuforum aufgeführt werden. In diesem Fall kann man die Performance nicht nur hören und sehen, sondern auch schmecken.

Die zweite Veranstaltung setzt unsere Reihe über aktuelle politische Fragen fort. Mithu Sanyal hat ein Buch über Vergewaltigung geschrieben – ein Verbrechen, dessen gesellschaftliche Brisanz in den letzten Tagen wieder auf sehr bittere und traurige Weise deutlich geworden ist. Sanyals feministische Perspektive zeichnet dabei aus, dass sie Positionen, die in diesem Zusammenhang von einem starren Frontverlauf zwischen Männern und Frauen ausgehen, zu überwinden sucht. Man kann diesem klugen Buch nur möglichst viele Leser*innen wünschen.

Dienstag, 17. Januar 2017, 20.30 Uhr:
Acting Out! Mit Ulrike Draesner und Johanna Maxl
Ulrike Draesner und Johanna Maxl treffen sich im Auftakt der Reihe Acting Out! zur intermedialen Performance und zum Gespräch in einem Bühnenbild aus Projektionen, Glas und Licht – gestaltet von der Installationskünstlerin Alex Lebus. Die performative Präsentation ihrer Texte betten sie ein in den assoziativen Flow einer Unterhaltung über das selbstständige, das unermüdliche Arbeiten, Zeitoptimismus, Alter, Armut, Sinnlichkeit und Pragmatismus. Die Elemente, die sie einsetzen, fordern das ganze Sensorium: nicht nur sind sie in Wort und Bild erlebbar; die RezipientInnen bekommen sie auch zu schmecken – es wird tasty.

Denn beide Autorinnen bedienen sich insbesondere beim Verfassen von Texten für den Sprechakt mit Verve des Englischen. Im Rahmen von Acting Out! reflektieren sie darüber, wie sich von Sprache zu Sprache die Schreibfreiheiten, die Lust am Fluchen und die Pathosgrenzen verschieben.

Ort: Literaturforum im Mousonturm
Eintritt: 7,-/4,- (VVK)| 8,-/5,- (AK)
Mit freundlicher Unterstützung der Dr. Marschner Stiftung und der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen.

Ulrike Draesner, geboren 1962, ist eine der zentralen Autorinnen der deutschen Gegenwartsliteratur. Das Werk der promovierten Mediävistin wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt erhielt sie für ihren Roman „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“ den Nicolas-Born-Preis 2016. Neben Prosa zählen auch Gedichte und Essays sowie Übersetzungen zu ihrem Arbeitsfeld. Zurzeit lebt und lehrt sie in Oxford.

Johanna Maxl, Jahrgang 1987, absolvierte ein Masterstudium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Neben Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien, ist sie vor allem bekannt für ihre Leseperformances und als Regisseurin provokanter Kurzfilme, wie „Viva Violence“.

Donnerstag, 26. Januar 2017, 20 Uhr:
Mithu M. Sanyal: Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens

Eine Vergewaltigung ist immer ein Verbrechen. Daran gibt es nichts zu rütteln. Darüber hinaus tun jedoch Debatten not. Die Fragen, die Mithu Sanyal aufwirft, sind unbequem. Setzt das gesellschaftliche Umfeld die Opfer nicht insofern unter Druck, als es von ihnen ganz bestimmte Reaktionen erwartet? Wird man den Ausmaßen gerecht, wenn man Vergewaltigung nur als ein Verbrechen behandelt, das Männer an Frauen begehen? Und ist mit der dauerhaften sozialen Ächtung von Täter*innen irgendwem geholfen? Dass diese Fragen ihre Berechtigung haben, belegt Sanyal durch eine historische Analyse. Wir erklären uns Vergewaltigungen mit stereotypen Vorstellungen, die sich bis in die Antike zurückverfolgen lassen. Dementsprechend halten sich viele geschlechterbezogene Vorurteile. Gestützt auf aktuelle Forschungsergebnisse aus verschiedenen Disziplinen, will Sanyal Auswege aus eingeschliffenen Deutungsmustern weisen – zum Wohl von Frauen und Männern. Das ist feministische Politik auf der Höhe der Zeit.

Moderation: Dr. Sarah Speck
Ort: Literaturforum im Mousonturm
Eintritt: 7,-/4,- (VVK)| 8,-/5,- (AK)

Dr. Mithu Melanie Sanyal ist Kulturwissenschaftlerin, Autorin und Journalistin. Für ihre Arbeit als Feature- und Hörspielautorin für den Rundfunk wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet. Sie ist Referentin für Genderfragen und Dozentin an verschiedenen Universitäten, schreibt unter anderem für WDR, Deutschlandfunk, taz, SPEX, Missy Magazine, VICE.