Kategorie-Archiv: Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Amartya Sen mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2020 ausgezeichnet

Die Freiheit der Wahl gibt uns die Möglichkeit zu entscheiden, was wir tun sollten, aber damit zugleich auch die Verantwortung für das, was wir tun – soweit unsere Handlungen frei gewählt sind. (Amartya Sen, "Die Idee der Gerechtigkeit")  Der indische Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph Amartya Sen mit der Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Karin Schmidt-Friderichs. Sen wurde live zur Verleihung des Friedenspreises in der Frankfurter Paulskirche zugeschaltet. Foto: Tobias Bohm
Die Freiheit der Wahl gibt uns die Möglichkeit zu entscheiden, was wir tun sollten, aber damit zugleich auch die Verantwortung für das, was wir tun – soweit unsere Handlungen frei gewählt sind. (Amartya Sen, „Die Idee der Gerechtigkeit“)
Der indische Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph Amartya Sen mit der Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Karin Schmidt-Friderichs. Sen wurde live zur Verleihung des Friedenspreises in der Frankfurter Paulskirche zugeschaltet. Foto: Tobias Bohm

Der indische Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph Amartya Sen ist heute mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Die Verleihung in der Frankfurter Paulskirche fand pandemiebedingt ohne geladene Gäste statt. Amartya Sen wurde live aus den USA zugeschaltet. Die Laudatio von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der sich am Vortag der Verleihung in Quarantäne begeben musste, wurde durch Schauspieler Burghart Klaußner verlesen.

In seiner Dankesrede rückte Amartya Sen die Bedeutung der Meinungsfreiheit und der Debatte für Freiheit, Frieden und Fortschritt in den Mittelpunkt und warnte vor deren zunehmender Gefährdung durch autokratische Systeme. Bücher übernähmen eine wichtige Rolle beim Schaffen einer Gesprächs- und Streitkultur: „Bücher zu lesen – und über sie zu sprechen – kann uns unterhalten, amüsieren, aufregen und unser Interesse für alle möglichen Dinge wecken. Bücher helfen uns auch, miteinander zu streiten. Und nichts ist meiner Meinung nach so wichtig wie die Möglichkeit, über Dinge zu streiten, bei denen wir möglicherweise uneins sind.“

Den Streit als Möglichkeit, seine eigene Meinung kundzutun und die der anderen anzuhören, beschrieb Sen als fundamental für die Zuschreibung von Sinn – und zugleich als stark gefährdetes Gut: „Wenn die Redefreiheit beschnitten wird und Menschen dafür bestraft werden, dass sie ihre Meinung sagen, können wir in dem Leben, das wir führen können, schweren Schaden erleiden. Leider gehört die erhebliche Einschränkung der Meinungsfreiheit nicht der Vergangenheit an, und es gibt immer mehr Länder, in denen autoritäre Entwicklungen die Freiheit zu widersprechen schwieriger – oft viel schwieriger – machen als früher. Die repressiven Tendenzen in vielen Ländern der heutigen Welt – insbesondere in Asien, in Europa, in Lateinamerika und innerhalb der Vereinigten Staaten von Amerika – geben Anlass zur Sorge. Mein eigenes Land, Indien, gehört ebenfalls in diesen beklagenswerten Korb.“

Anhand von Beispielen aus Ländern wie Indien, den Philippinen, Ungarn oder Brasilien legte er dar, wie Regierungen auf unterschiedliche Weise Teile der Gesellschaft unterdrücken und in ihren Rechten beschneiden. In dieser gesellschaftlichen Spaltung sieht er großen Grund zur Sorge: „Der Autoritarismus verhängt direkte Strafen gegen Menschen; dazu gehören die Verletzung der persönlichen Freiheit und der politischen Freiheitsrechte. Darüber hinaus aber hängt der soziale Fortschritt in hohem Maße von menschlicher Kooperation ab, und eine Spaltung der Gesellschaft durch die Verfolgung missliebiger Gruppen kann die gemeinsame Arbeit für den Fortschritt um ein Vielfaches schwieriger machen. Ich will keineswegs behaupten, dass in einem autoritären System niemals je sozialer Fortschritt erreicht werden kann. Das ist manchmal durchaus möglich, aber tendenziell wird der Fortschritt ernsthaft behindert, wenn Streit und kritische Diskussionen verboten und die Interessen einiger Menschen beharrlich ignoriert werden.“

Er sagte: „Die Welt ist heute mit einer Pandemie des Autoritarismus konfrontiert, die das menschliche Leben auf je unterschiedliche, aber zusammenhängende Weise in Mitleidenschaft zieht. Angesichts unserer globalen Verbindungen und der Bedeutung unseres gemeinsamen Menschseins gibt es allen Grund, uns nicht nur um unser eigenes Land, sondern auch um andere ernsthaft Sorgen zu machen und uns für Probleme überall auf der Welt zu interessieren.“ Und so schloss er mit einem Appell: „Heute ist gesellschaftlich kaum etwas dringlicher geboten als globaler Widerstand gegen den zunehmenden Autoritarismus überall auf der Welt. Der notwendige Widerstand kann auf vielerlei Art erfolgen, aber mehr Lesen, mehr Reden, mehr Streiten sollten ohne Zweifel Teil dessen sein.“

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte Amartya Sen in seiner Laudatio als moralische Instanz, als Kämpfer für globale Gerechtigkeit und als Demokraten. Er betonte die zentrale Rolle, die Demokratie in Sens Vorstellungen von Gerechtigkeit und Freiheit einnimmt und verwies auf den immerwährenden Wettstreit politischer Systeme bei der Beantwortung der zentralen Fragen unserer Zeit: „Für Sen gibt es echte Gerechtigkeit auch nicht ohne politische Freiheit und politische Freiheit nicht ohne Demokratie. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Demokratie ist für ihn darum auch kein Luxusartikel für reiche Länder und auch nicht nur normatives Projekt des Westens. Sie ist weltweite Sehnsucht und ein universelles Versprechen. Auch daran erinnern uns die Demonstrantinnen und Demonstranten auf den Straßen von Caracas, Minsk und Hongkong! Der Universalismus der Demokratie und der grundlegenden Menschenrechte – das sind die Eckpunkte der Sen’schen Philosophie. Das ist der Kern einer fundamentalen Erkenntnis, die heute wieder unter Druck steht.“

Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins, bezeichnete Sens Schriften als ein geeignetes Fundament für den Aufbau einer besseren Welt nach Corona: „Sen ist ein Vordenker in Fragen der Verteilungsgerechtigkeit, als Feminist und als Weltenbürger, der der Weisheit des Ostens eine stärkere Stimme verleiht. Die Lektüre von Amartya Sen kann so etwas sein wie der Polarstern für eine weltoffene, gerechte Gesellschaft. Sie kann Orientierung geben und Ansporn sein. Sie kann helfen, keine faulen Kompromisse zu machen, sondern Wege zu finden, die mutig sind.“

Seit 1950 vergibt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Preisträger waren unter anderem Albert Schweitzer, Astrid Lindgren, Václav Havel, Jürgen Habermas, Susan Sontag, Liao Yiwu, Navid Kermani, Margaret Atwood, Aleida und Jan Assmann und im vergangenen Jahr Sebastião Salgado. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert.

Die Reden  von Amartya Sen, dem Bundespräsidenten sowie von Amartya Sen

Amartya Sen erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2020

Amartya Sen Foto: Fronteiras do_Pensamento, Sao Paulo
Amartya Sen Foto: Fronteiras do_Pensamento, Sao Paulo

Der Stiftungsrat des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels hat den indischen Wirtschaftswissenschaftler, Philosophen und Nobelpreisträger Amartya Sen zum diesjährigen Träger des Friedenspreises gewählt. Das gab heute Karin Schmidt-Friderichs bekannt, die als Vorsteherin des Börsenvereins zugleich Vorsitzende des Stiftungsrats ist.

In der Begründung des Stiftungsrats heißt es: „Wir ehren mit Amartya Sen einen Philosophen, der sich als Vordenker seit Jahrzehnten mit Fragen der globalen Gerechtigkeit auseinandersetzt und dessen Arbeiten zur Bekämpfung sozialer Ungleichheit in Bezug auf Bildung und Gesundheit heute so relevant sind wie nie zuvor. Gesellschaftlichen Wohlstand nicht allein am Wirtschaftswachstum zu messen, sondern immer auch an den Entwicklungsmöglichkeiten gerade für die Schwächsten, gehört dabei zu seinen wichtigsten Forderungen. Amartya Sen hebt Solidarität und Verhandlungsbereitschaft als essentielle demokratische Tugenden hervor und beweist, dass Kulturen keine Quelle des Streits um Identitäten sein müssen. In eindringlichen Darstellungen zeigt er, wie Armut, Hunger und Krankheit mit fehlenden freiheitlichen Strukturen zusammenhängen. Mit dem ,Human Development Index‘, dem ,Capabilities Approach‘ und den ,Missing Women‘ hat er früh Konzepte vorgelegt, die bis heute hohe Maßstäbe für die Ermöglichung, Gewährleistung und Bewertung gleicher Chancen und menschenwürdiger Lebensbedingungen setzen. Sein inspirierendes Werk ist Aufruf dazu, eine Kultur politischer Entscheidungen zu fördern, die von der Verantwortung für andere getragen ist und niemandem das Recht auf Mitsprache und Selbstbestimmung verwehrt.“

Amartya Kumar Sen wurde am 3. November 1933 in Shantiniketan in Indien geboren. Geprägt wurde sein Aufwachsen durch die Unabhängigkeitsbewegungen in Indien während der 1940er Jahre und die Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Moslems, die ebenfalls in dieser Zeit stattfanden, sowie von der großen Hungersnot in Bengalen 1943.

Nach einem Studium der Wirtschaftswissenschaften am Presidency College in Kalkutta, wurde er 1959 am Trinity College in Cambridge/England promoviert und widmete sich gleichzeitig dem Studium der Philosophie, was sich in einer Vielzahl seiner späteren Arbeiten niederschlägt: Problemstellungen der ökonomischen Theorie treffen auf Moralphilosophie und Ethik. Seit den 1960er Jahren lehrte Amartya Sen an zahlreichen Hochschulen, hierunter Delhi, Stanford, Berkeley, Oxford und Cambridge. Seit 2004 ist er als Professor an der Harvard Universität tätig.

Einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde Amartya Sen zunächst durch die Weiterentwicklung der Sozialwahltheorie und seine Analysen der Vereinbarkeit von grundlegenden gesellschaftlichen Entscheidungen und individuellen Rechten. Darüber hinaus setzt sich der Wirtschaftsphilosoph, zu dessen Forschungsthemen auch Public Health und Gender Studies gehören, unermüdlich für Demokratie, Freiheit und globale Gerechtigkeit ein. Er geht davon aus, dass sich die Qualität einer Wirtschaftsordnung weniger am Wachstum bemessen sollte, sondern diese vor allem von den Entwicklungsmöglichkeiten der Menschen abhängt sowie von ihrer Freiheit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Mit seinem vielfältigen wissenschaftlichen Werk leistet er bedeutende Beiträge unter anderem zur Wohlfahrtsökonomie, Sozialwahltheorie, Entscheidungstheorie, zur Analyse von Hunger und Armut sowie zur Entwicklungsökonomie.

Für sein einflussreiches Wirken und seine in über 30 Sprachen übersetzten Bücher erhielt der Wirtschaftsphilosoph zahlreiche Auszeichnungen, darunter 1998 den Nobelpreis für Wirtschaft, sowie über 100 Ehrendoktortitel. Er lebt in Cambridge (Massachusetts) und ist seit 1991 mit der britischen Wirtschaftshistorikerin Emma Georgina Rothschild-Sen verheiratet, die ebenfalls an der Harvard University lehrt. Er ist Vater von vier Kindern.

Dem Stiftungsrat gehören Klaus Brinkbäumer, Prof. Dr. Raphael Gross, Dr. Moritz Helmstaedter, Dr. Nadja Kneissler, Prof. Dr. Karl-Josef Kuschel, Felicitas von Lovenberg, Prof. Dr. Ethel Matala de Mazza, Bascha Mika sowie Karin Schmidt-Friderichs an.

Die Verleihung des Friedenspreises findet am Sonntag, 18. Oktober 2020, unter den zu diesem Zeitpunkt geltenden Gesundheitsbestimmungen in der Frankfurter Paulskirche statt und wird live im Fernsehen übertragen. Der Friedenspreis wird seit 1950 vergeben und ist mit 25.000 Euro dotiert.

Weitere Informationen sind abrufbar unter www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de.

„Kann Photographieren ein Akt des Friedens sein?“ Sebastião Salgado mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2019 in der Paulskirche ausgezeichnet

(v.li.) Heinrich Riethmüller vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Peter Feldmann, Sebastião Salgado, Ehefrau Lélia Wanick Salgado. Ohne Lélia gäbe es seine Projekte gar nicht. Lélia habe ihn, so  Salgado, aus seiner Depression als Folge jahrelanger Krisen- und Kriegs-Bildberichterstattung herausgeholt. Sie habe die neuen Projekte angestoßen, die Gründung seiner Fotoagentur und die Pflanzaktion. Sie habe mindestens genauso den Friedenspreis verdient. © Foto Stadt Frankfurt
(v.li.) Heinrich Riethmüller vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Peter Feldmann, Sebastião Salgado, Ehefrau Lélia Wanick Salgado. Ohne Lélia gäbe es seine Projekte gar nicht. Lélia habe ihn, so Salgado, aus seiner Depression als Folge jahrelanger Krisen- und Kriegs-Bildberichterstattung herausgeholt. Sie habe die neuen Projekte angestoßen, die Gründung seiner Fotoagentur und die Pflanzaktion. Sie habe mindestens genauso den Friedenspreis verdient. © Foto Stadt Frankfurt

Der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado ist am 20. Oktober 2019, traditionall zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse, während eines Festaktes in der Paulskirche mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Unter den 700 geladenen Gästen aus Kultur, Politik und Wirtschaft befanden  sich Bundesjustizministerin Christine Lambrecht, Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die hessische Kunstministerin Angela Dorn und der Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalens Armin Laschet. Die Laudatio hielt der deutsche Filmregisseur und Fotograf Wim Wenders.

„Wir dürfen den Blick nicht abwenden“ – Salgados Dankesrede 

In seiner Dankesrede sprach Sebastião Salgado von sich selbst als einem „Fotografen, der einen großen Teil seines Lebens dafür eingesetzt hat, Zeugnis abzulegen über die Not unseres Planeten und so vieler seiner Bewohner, die unter grausamen, unmenschlichen Bedingungen leben; einem Fotografen, der diese Menschen ins Zentrum eines großen fotografischen Essays stellt, den er vor fünfzig Jahren begonnen hat und bis heute weiterschreibt.“ Er sagte: „Meine Sprache ist das Licht. Denn es ist auch und vor allem die Mission, Licht auf Ungerechtigkeit zu werfen, die meine Arbeit als Sozialfotograf bestimmt.“

Salgado stellte in seiner Rede die Menschen in den Vordergrund, deren Schicksal er während seines über fünfzigjährigen Schaffens dokumentiert hat: „Diese Männer, Frauen und Kinder gehören zu den Ärmsten der Menschheit. Sie bilden eine riesige Armee von Migranten und Verbannten, von ausgebeuteten Arbeiterinnen und Arbeitern, von Opfern von Krieg und Genozid. Es sind die Betroffenen von Hungersnöten, Dürrezeiten, Klimawandel und Abholzung; es sind die, die durch die Gier mächtiger, habsüchtiger Männer von ihrem Land vertrieben wurden, die der Mechanisierung der Landwirtschaft weichen mussten, die durch die Konzentration von Grundbesitz, durch ungeplanten Städtewachstum und brutale Wirtschaftssysteme, die von den reichsten Ländern der Welt kontrolliert werden, ihrer Existenzgrundlage beraubt wurden. Mit ihnen möchte ich diesen Preis heute teilen. Ich nehme ihn nicht für mich an; ich nehme ihn für sie an; ich nehme ihn mit ihnen an.“

Der Blick auf Schrecken und Leid solle die Menschen aufrütteln, an einer besseren Zukunft zu arbeiten: „Meine einzige Hoffnung ist, dass wir, als Individuen und als Staaten, in der Lage sind, über den derzeitigen Stand der Menschheit zu reflektieren und zu verstehen, dass wir ein tieferes Gefühl für Verantwortung brauchen, eine neue Ordnung, ein gutes Gewissen. Irgendwie müssen wir neue Mittel und Wege des Zusammenlebens finden. (…) Wir dürfen nicht verleugnen, was wir einander anzutun fähig sind, weil der Mensch immer des Menschen Wolf ist. Aber die Zukunft der Menschheit liegt in unseren eigenen Händen. Um eine andere Zukunft zu errichten, müssen wir die Gegenwart verstehen. Meine Fotos zeigen diese Gegenwart, und so schmerzhaft der Anblick ist, wir dürfen den Blick nicht abwenden.“ (Die Rede von Sebastião Salgado)

Kann Photographieren ein Akt des Friedens sein?

Wim Wenders begann seine Laudatio für Sebastião Salgado mit der provokanten Frage: „Kann Photographieren ein Akt des Friedens sein? Kann die Photographie friedensfördernd sein?“, um zugleich Kritiker zu widerlegen. Suan Sonntag hatte beispielsweise Salgado 2014 vorgeworfen, dass er das aufgenommene Elend durch sein kunstvolles Schwarz-Weiß und seine Rahmensetzung stilisiere und so „konsumierbar“ mache. Regisseur Wenders, der mit Salgados Sohns 2014 in „Das Salz der Erde“ das Lebenswerk des zivilisationskritschen Fotografen Sebastião Salgado dokumentierte, unterstrich: „Sebastião Salgado schießt nicht, er stiehlt nicht, er stellt keine Fallen, im Gegenteil: seine Bilder entwaffnen, sie stiften Verbindung, Nähe und Empathie!“ (…)

„Schaut, was ihr noch erhalten könnt!“ lautet Salgados Bilderbotschaft
„Nur einer, der so mit anderen gelitten hat, der zu den Machtlosen, den Unterdrückten, Hungernden und Fliehenden gegangen ist, sie begleitet hat, ihnen Zeit geschenkt hat, ihnen zugehört und ihnen so eine Stimme gegeben hat, als ihr Botschafter, der sie auch mitunter überhöht hat, nicht damit ihr Leid „schöner aussieht“, wie manchmal der absurde und unsinnige Vorwurf lautet, sondern um ihnen gerade im Leid Achtung zu zollen, Würde und Einzigartigkeit zu verleihen … nur so einer kann uns auch die Augen aufmachen und sagen: „Schaut, was es noch alles gibt, was noch so ist wie am Anfang. Schaut, was Ihr noch erhalten könnt oder müßt, und was noch nicht für immer vergangen ist.“ So einem Blick kann man trauen, weil er was er gesehen hat, als Heilung geschenkt bekommen hat, Auge in Auge mit Menschen, die noch nie eine Kamera gesehen haben, Auge in Auge mit Tieren, Bäumen, Urwäldern, Wolken und Licht, Auge in Auge mit der Schöpfung.“, so Wenders.

Wenders würdigte Sebastião Salgado als Fotografen, der die Menschen habe „teilnehmend spüren lassen, was der große Feind des Friedens in unserer Zeit ist: der brutale Niedergang des Mitgefühls, der Mitverantwortung, des Gemeinsinns, des grundsätzlichen Willens zur Gleichheit des Menschengeschlechts.“ Bezugnehmend auf seine drei Werke „Arbeiter“, „Exodus“ und „Genesis“ sagte er: „Mit diesen drei monumentalen monolithischen Arbeiten allein hat uns dieser Mann die Bedingungen von Frieden vor Augen geführt: Es kann keinen Frieden ohne soziale Gerechtigkeit, ohne Arbeit, geben, es kann keinen Frieden ohne Anerkennung der Menschenwürde geben, und ohne die Beendigung der unnötigen Zustände von Armut und Hunger, und es kann keinen Frieden geben, ohne dass wir die Schönheit und Heiligkeit unserer Erde achten.“
(Die Laudatio von Wim Wenders)

Zum ersten Mal erhält ein Fotograf den Friedenspreis – von  Heinrich Riethmüller – 
Zum ersten Mal zeichne der Börsenverein einen Fotografen mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels aus – einen Fotografen, dessen subjektive Sichtweise eher mit der eines Literaten als eines Berichterstatters vergleichbar ist, griff Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins, die im Raum stehende Frage auf, weswegen kein/e Schriftsteller/in in diesem Jahr ausgezeichnet wurde. Sebastião Salgado habe ohne zu skandalisieren oder einen nur beiläufigen Blick auf die Welt zu werfen, seine Reportagen immer lang als Projekte angelegt. „Er war Zeuge entsetzlicher Verbrechen und Zerstörungen. Er dokumentierte den Völkermord in Ruanda ebenso wie das Abfackeln der Ölfelder in Kuwait, er zeigt Menschen auf der Flucht vor Hunger und Krieg, vor Ausbeutung und Naturkatastrophen. Seine Bildersammlungen erzählen von einer Menschheit, die in der Moderne angekommen ist, die die Folgen der Globalisierung mit voller Wucht zu spüren bekommt, und die kurz davorsteht, sich selbst die Lebensgrundlagen zu nehmen. Sebastião Salgados Bilder richteten einen drängenden Appell an die Gesellschaft: „Sebastião Salgado zeigt uns die ganze Welt, die von der Zivilisation beschädigte, aber auch die von ihr noch unberührte. Seine Fotografien müssen Auftrag sein, uns für den Erhalt der Schöpfung einzusetzen, aufzuwachen und unseren Lebensstil radikal zu ändern. Nur dann werden wir vielleicht eine Chance haben, der nächsten Generation einen lebenswerten Planeten zu hinterlassen.“
(Das Grußwort von Heinrich Riethmüller).

Kein besserer „Friedenspreis-Ort“ als die Paulskirche – Grußwort Peter Feldmann

Oberbürgermeister Feldmann würdigt Friedenspreisträger Salgado als Mittler zwischen den Völkern, und unterstrich, dass für es für die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels keinen würdigeren Ort als die Paulskirche, die Schmiede der deutschen Demokratie gäbe, in Frankfurt, in einer Stadt in der 180 Nationen mit 200 Sprachen friedlich zusammenleben, in einer Stadt, in den die Ideale wie Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit und Demokratie Selbstverständlichkeit seien. Die Paulskirch sei zudem der Ort, wo vor 70 Jahren die erste Buchmesse nach der Nazi-Zeit eröffnet wurde. Das gibt Hoffnung für jene, die sagen, angesichts von Krieg und Umweltzerstörung dürfe es keine Hoffnung mehr geben.
Wir Menschen brauchen solche Orte der Identifikation, der Geschichte, der Zusammenkunft. Nur an solchen besonderen Orten entstehen Dialoge und Debatten. Nur durch Debatten kann Streit beigelegt, kann gesellschaftlicher Fortschritt erzielt werden, so der Feldmann.

Seit 1950 vergibt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Preisträger waren unter anderem Albert Schweitzer, Astrid Lindgren, Václav Havel, Jürgen Habermas, Susan Sontag, Liao Yiwu, Navid Kermani, Margaret Atwood und im vergangenen Jahr Aleida und Jan Assmann. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert.

Wim Wenders hält die Laudatio auf Sebastião Salgado anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels – ZDF Liveübertragung

Der Fotograf und Journalist Sebastião Salgado erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2019. © Foto: Diether v Goddenthow
Der Fotograf und Journalist Sebastião Salgado erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2019. © Foto: Diether v Goddenthow

Morgen, am 20. Oktober 2019, zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse wird traditionell in der Paulskirche in Frankfurt am Main der mit 25 000 Euro dotierte Friedenspreis des Deutschen Buchhandels vergeben, in diesem Jahr an den Fotografen Sebastião Salgado. „Ich kann mir dieses Jahr keinen besseren Friedenspreisträger vorstellen als Sebastiao Salgado“, so Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und zugleich Stiftungsratsvorsitzender, beim Pressegespräch. Sebastião Salgado behandelte seit über 40 Jahren in seinen großangelegten Projekten  eigentlich alle Themen, die die Menschheit betrifft. Ob das der Klimawandel sei, die Naturkatastrophen, das große Thema Migration und Arbeitsbedingungen usw., so Riethmüller. Man könne sagen: „Er beschreibt die Menschheit, die in der Globalisierung angekommen ist, und die Folgen der Globalisierung!“. Dies sei aber nur das eine, was ihn für die Auszeichnung so prädestiniere.

genesis2Das andere sei, dass Sebastião Salgado mit seinem letzten Projekt Genesis auch Hoffnung in die Welt sende. Er zeige die Schönheiten unseres Planeten und der Welt und der Erde. Und sein Aufruf an uns alle laute, diese Erde, diese Schönheit der Schöpfung, zu bewahren und unseren Lebensstil radikal zu ändern, damit alles erhalten bleibe, was es noch an Schönheit und Intaktheit gäbe.
Das Dritte sei, so Riethmüller, dass Sebastião Salgado nicht nur die Schönheit und die Schrecken dieser Welt beschriebe, sondern auch etwas tue. Es habe vor 25 Jahren mit seiner Frau Lélia Deluiz ein großes Wiederaufforstungsprogramm „Instituto Terra“ in Brasilien gestartet, wodurch über 3 Millionen Bäume wieder gepflanzt werden konnten. In einer verkarsteten Landschaft entstand ein grüner Wald mit zurückgekehrter Natur.

Sebastiao Salgado berichtet, dass es der „glückliche“ Umstand war, dass er von seinem Vater eine ehemalige Rinderfarm im Vale do Rio Doce im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais übernehmen musste, was er eigentlich nur widerstrebend wollte. Er sei dort mit sieben Schwestern dort aufgewachsen, „inmitten einer tropischen Vegetation voller Vögel und wilder Tiere mit fischreichen Flüssen und umgeben von sanften Hügeln, von denen wir unsere Familie hinaus die Welt schweifen ließen.“, so Salgado. „Aber dieses Paradies war nun verschwunden. Bis zur Mitte der 1990er Jahre hatten Rodungen und Bodenerosion das Land, wie bei so vielen Farmen in der Region, in eine leblose Ödnis verwandelt,“ erläuterte der Fotograf seine Intention, an dieser Situation etwas zu verändern, nämlich mit der „kühnen Idee, einen Walt mit all den Arten wiedererstehen zu lassen, die einmal heimisch waren. Wir träumten von nicht weniger als von der Wiedergeburt jenes kleinen Ökosystems, das ich als Kind gekannt hatte. Wir pflanzten über 300 verschiedene Baumarten, und als die Setzlinge begannen, das Land wieder grün zu färben, sahen wir mit Erstaunen, wie Vögel, Schmetterlinge, Käfer und tropische Blumen zurückkehrten,“, so Salgado. Er sei aber nicht als Journalist oder Wissenschaftler oder Anthropologe an das Projekt „Genesis“ herangegangen, sondern mit dem romantischen Traum, „eine unberührte Welt zu finden, und zu zeigen, die unseren Blicken nur allzu oft entzogen und für uns unerreichbar ist.

Sebastião Salgados großen Bildbände erscheinen in Deutschland im Taschen-Verlag,. © Foto: Diether v Goddenthow
Sebastião Salgados großen Bildbände erscheinen in Deutschland im Taschen-Verlag,. © Foto: Diether v Goddenthow

Der Autor und Filmregisseur Wim Wenders hält die Laudatio auf Sebastião Salgado, der in diesem Jahr mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt wird. Die Verleihung findet während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 20. Oktober 2019, um 11 Uhr in der Frankfurter Paulskirche statt und wird live im ZDF übertragen.

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2019: Wim Wenders hält Laudatio auf Sebastião Salgado

Wim Wenders Foto: Anne Wilk
Wim Wenders Foto: Anne Wilk

Der Autor und Filmregisseur Wim Wenders hält die Laudatio auf Sebastião Salgado, der in diesem Jahr mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt wird. Die Verleihung findet während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 20. Oktober 2019, um 11 Uhr in der Frankfurter Paulskirche statt und wird live im ZDF übertragen.

Wim Wenders, geboren 1945 in Düsseldorf, studierte zunächst Medizin und anschließend Philosophie sowie Soziologie. Nach einem Aufenthalt in Paris wechselte er 1967 an die neu gegründete Hochschule für Film und Fernsehen in München. Noch während seiner Ausbildung schuf er erste Kurzfilme und war als Filmkritiker für die Zeitschriften „Filmkritik“, die „Süddeutsche Zeitung“, „Der Spiegel“ sowie das Magazin „Twen“ tätig. 1971 gehörte Wenders zu den Gründungsmitgliedern des Filmverlags der Autoren und machte mit der Verfilmung von „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ von Peter Handke zum ersten Mal auf sich aufmerksam. Mit dem Roadmovie „Alice in den Städten“ (1974) feierte er seinen künstlerischen Durchbruch.

2014 porträtierte er in dem für den Oscar nominierten Dokumentarfilm „Das Salz der Erde“ den diesjährigen Friedenspreisträger Sebastião Salgado. Weitere Oscar-Nominierungen erhielt er für „Buena Vista Social Club“ (1999) und „Pina“ (2011). „Der Stand der Dinge“ (1982) wurde in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet, mit „Paris, Texas“ (1984) erhielt Wenders die Goldenen Palme in Cannes, mit „Der Himmel über Berlin“ (1987) den Preis der Besten Regie. Seine Fotografien sind mittlerweile weltweit ausgestellt. Seit 1996 ist Wim Wenders Präsident der Europäischen Filmakademie und Mitglied des Ordens Pour le Mérite. Seine 2012 gegründete Stiftung führt seine künstlerische Arbeit zusammen und unterstützt junge Filmschaffende. Für sein Lebenswerk erhielt er 2014 auf der Berlinale den Goldenen Ehrenbären.

Weitere Informationen sind abrufbar unter www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de.

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels: Stiftungsrat mit drei neuen Mitgliedern

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels beruft Klaus Brinkbäumer, Nadja Kneissler und Felicitas von Lovenberg in den Stiftungsrat des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Der Journalist Klaus Brinkbäumer folgt auf Stephan Detjen, der nach sechs Jahren Mitgliedschaft turnusgemäß aus dem Stiftungsrat ausscheidet. Verlegerin und Vorsitzende des Verleger-Ausschusses Nadja Kneissler übernimmt den Sitz ihres Vorgängers Matthias Ulmer. Verlegerin und Vorstandsmitglied des Börsenvereins Felicitas von Lovenberg folgt auf Stefan Könemann, der zuvor den Börsenvereinsvorstand im Stiftungsrat des Friedenspreises vertreten hat.

Klaus Brinkbäumer, Journalist und Autor  © Der Spiegel
Klaus Brinkbäumer, Journalist und Autor © Der Spiegel

Klaus Brinkbäumer, geboren 1967 in Münster, ist vielfach ausgezeichneter Journalist und Buchautor. Von 2015 bis 2018 war er Chefredakteur, zuvor seit 2011 stellvertretender Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Der Spiegel. Bevor er 2007 als Auslandskorrespondent in New York zum Spiegel kam, arbeitete er u.a. für die Westfälischen Nachrichten. 2016 gründete er das europaweite Investigativ-Netzwerk European Investigative Collaborations. Für seine journalistische Arbeit erhielt Klaus Brinkbäumer den Egon-Erwin-Kisch-Preis, den Henri-Nannen-Preis und den Deutschen Reporterpreis. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher u.a. „Nachruf auf Amerika“, „Unter dem Sand“ oder „Die letzte Reise – Der Fall Christoph Columbus“.

Nadja Kneissler Verlagsleiterin des Hamburger Verlags Delius Klasing  © Sören Reineke
Nadja Kneissler Verlagsleiterin des Hamburger Verlags Delius Klasing © Sören Reineke

Nadja Kneissler, geboren 1959 in Stuttgart, ist seit 2008 Verlagsleiterin Buch des Hamburger Verlags Delius Klasing. Von 1991 bis 2007 war sie unter anderem als Programmleiterin sowie als Verlagsleiterin für den Buchbereich des Ulmer Verlags tätig. Seit 2009 ist sie ehrenamtlich im Börsenverein tätig. Im vergangenen Jahr wurde sie zur Vorsitzenden des Verleger-Ausschusses gewählt.

 

 

Felicitas von Lovenberg, verlegerische Geschäftsführerin des Piper Verlags © Daniel Biskup
Felicitas von Lovenberg, verlegerische Geschäftsführerin des Piper Verlags © Daniel Biskup

Felicitas von Lovenberg, geboren 1974 in Münster, ist seit 2016 verlegerische Geschäftsführerin des Piper Verlags. Sie arbeitete von 1998 bis 2008 zunächst als Redakteurin im Feuilleton und später als Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben bei der FAZ. Seit 2017 ist sie Mitglied im Vorstand des Börsenvereins. Für ihre Arbeit erhielt Felicitas von Lovenberg u.a. den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik, den Hildegard-von-Bingen-Preis für Publizistik und den Julius-Campe-Preis.

Der Stiftungsrat hat die Aufgabe, den Friedenspreisträger oder die Friedenspreisträgerin des jeweiligen Jahres zu benennen. Weitere Mitglieder des Stiftungsrates sind: Philipp Blom (Schriftsteller und Historiker, Wien), Karl-Josef Kuschel (Theologe, Tübingen), Ethel Matala de Mazza (Humboldt-Universität, Berlin), Bascha Mika (Chefredakteurin der Frankfurter Rundschau, Frankfurt), Janne Teller (Schriftstellerin, New York) und Heinrich Riethmüller (Tübingen), der als Vorsteher des Börsenvereins zugleich Vorsitzender des Stiftungsrates ist.

Im Frühjahr beginnt der Stiftungsrat mit seinen Beratungen zur Wahl des Friedenspreisträgers 2019. Die Öffentlichkeit ist in die Kandidatensuche eingebunden: Noch bis zum 1. März 2019 können Vorschläge für den diesjährigen Preisträger oder die diesjährige Preisträgerin eingereicht werden. Die Entscheidung des Stiftungsrats über die Vergabe des Friedenspreises wird am 18. Juni 2019 bekannt gegeben. Die Verleihung des Friedenspreises findet zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse am 20. Oktober 2019 in der Frankfurter Paulskirche statt.
Weitere Informationen zum Friedenspreis gibt es unter www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de.

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2018: Hans Ulrich Gumbrecht hält Laudatio auf Aleida und Jan Assmann

© Foto: Diether v. Goddenthow
© Foto: Diether v. Goddenthow

Der deutsch-amerikanische Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht hält die Laudatio auf Aleida und Jan Assmann, die in diesem Jahr mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt werden. Die Verleihung findet während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 14. Oktober 2018, um 10.45 Uhr in der Frankfurter Paulskirche statt und wird live in der ARD übertragen.

Hans Ulrich Gumbrecht, geboren 1948 in Würzburg, studierte, nach einem abschließenden Gymnasialjahr am Lycée Henri IV in Paris, Romanistik, Germanistik, Philosophie und Soziologie in Deutschland, Spanien und Italien. Anschließend lehrte er an den Universitäten Konstanz, Bochum und Siegen. 1989 folgte er einem Ruf an die Stanford University in Kalifornien, wo er von 1993 bis 2018 als Albert Guérard Professor in Literature lehrte. Schwerpunkte seiner Arbeit sind die westliche Philosophie seit dem 18. Jahrhundert, die romanischen Literaturen vor allem des Mittelalters und des frühen 20. Jahrhunderts, sowie die Ästhetik des Sports.

Einem breiteren deutschsprachigen Publikum wurde er durch Beiträge in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, der „Neuen Zürcher Zeitung“, der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ und in der Monatszeitschrift „Merkur“, aber auch mit seinen Buchveröffentlichungen bekannt. Die kulturhistorische Studie „1926: Ein Jahr am Rand der Zeit“ (Suhrkamp Verlag 2001), in der er ein dichtes Panorama des kulturellen Lebens in der Zwischenkriegszeit nachgezeichnet hat, ist auf ebenso große Beachtung gestoßen wie sie Buch „Nach 1945“ (Suhrkamp Verlag 2012), in dem er sich mit der latenten, unsichtbaren Gegenwart der Vergangenheit auseinandersetzt.

Gumbrecht erhielt zehn Ehrendoktorwürden, unter anderem von der Staatlichen Ilia-Universität in Tbilisi, sowie den Deans‘ Award for Distinguished Teaching at Stanford (1996), den Cuthbertson Award for Exceptional Contributions to Stanford University (2000) und den José Vasconcelos World Award of Education (2012). Im September erscheint sein Buch „Weltgeist im Silicon Valley. Leben und Denken im Zukunftsmodus“ (NZZ Libro).

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels: Bascha Mika ist neues Mitglied im Stiftungsrat

Bascha Mika, Buchmesse 2017, im lustvollen Talk  „Femme fatale: Erotisch, lässig, selbstbestimmt – Frauenbilder in Frankreich und Deutschland. Wo sind die fröhlichen Feministinnen?“ mit Maria Furtwängler, Cécile Calla, Rüdiger Suchsland und Barbara Vinken.  Foto: Diether v. Goddenthow
Bascha Mika, Buchmesse 2017, im lustvollen Talk „Femme fatale: Erotisch, lässig, selbstbestimmt – Frauenbilder in Frankreich und Deutschland. Wo sind die fröhlichen Feministinnen?“ mit Maria Furtwängler, Cécile Calla, Rüdiger Suchsland und Barbara Vinken. Foto: Diether v. Goddenthow

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels beruft die Journalistin und Publizistin Bascha Mika in den Stiftungsrat des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Sie folgt auf Felicitas von Lovenberg, Piper-Verlegerin und Vorstandsmitglied des Börsenvereins, die nach sechs Jahren turnusgemäß aus dem Stiftungsrat ausscheidet.

Bascha Mika, geboren 1954 im polnischen Komprachcice, ist seit 2014 Chefredakteurin bei der Frankfurter Rundschau. Zuvor war sie von 1998 bis 2009 Chefredakteurin der taz. Seit 2007 ist die studierte Philosophin, Germanistin und Ethnologin Honorarprofessorin an der Universität der Künste in Berlin und war dort von 2007 bis 2014 Co-Leiterin des Studiengangs Kulturjournalismus. Bascha Mika veröffentlichte mehrere Bücher, unter anderem „Alice Schwarzer – eine kritische Biographie“ (1998) und „Freiheit. Wo unsere Freiheit beginnt und wer sie bedroht“ (2016, mit Arnd Festerling). Für ihre publizistische und journalistische Tätigkeit erhielt sie den Emma-Journalistinnen-Preis (1994), den Luise Büchner-Preis für Publizistik (2012) sowie die Hedwig-Dohm-Urkunde (2017).

Zusammen mit den anderen Mitgliedern des Stiftungsrates benennt Bascha Mika den Friedenspreisträger oder die Friedenspreisträgerin des jeweiligen Jahres. Zu seinen Mitgliedern gehören außerdem: Philipp Blom (Schriftsteller und Historiker, Wien), Stephan Detjen (Deutschlandfunk, Berlin), Stefan Könemann (Vorstandsmitglied des Börsenvereins, Hagen), Prof. Dr. Karl-Josef Kuschel (Theologe, Tübingen), Prof. Dr. Ethel Matala de Mazza (Humboldt-Universität, Berlin), Janne Teller (Schriftstellerin, New York), Matthias Ulmer (Vorstandsmitglied des Börsenvereins, Stuttgart) und Heinrich Riethmüller (Tübingen), der als Vorsteher des Börsenvereins zugleich Vorsitzender des Stiftungsrates ist. Stiftungsratsmitglieder werden vom Vorstand des Börsenvereins für drei Jahre gewählt. Sie können danach wiedergewählt werden, im direkten Anschluss aber nur einmal.

Im Frühjahr beginnt der Stiftungsrat mit seinen Beratungen zur Wahl des Friedenspreisträgers 2018. Die Öffentlichkeit ist in die Kandidatensuche eingebunden: Noch bis zum 1. März 2018 können Vorschläge für den diesjährigen Preisträger eingereicht werden. Die Verleihung des Friedenspreises findet zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse am 14. Oktober 2018 in der Frankfurter Paulskirche statt.

Weitere Informationen zum Friedenspreis gibt es unter www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de.

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2018: Börsenverein sucht Kandidatinnen und Kandidaten

Wie der Börsenverein des Deutschen Buchhandels in Frankfurt mitteilt, können Bürgerinnen und Bürger bis 1. März 2018 Autoren für die Verleihung des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels am 14. Oktober 2018 in der Frankfurter Paulskirche vorschlagen!

© Foto: Diether v. Goddenthow
© Foto: Diether v. Goddenthow

Friedensstifter gesucht: Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels ruft dazu auf, Kandidatinnen und Kandidaten für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2018 vorzuschlagen. Mit dem Friedenspreis zeichnet der Börsenverein eine Persönlichkeit aus, „die in hervorragendem Maße vornehmlich durch ihre Tätigkeit auf den Gebieten der Literatur, Wissenschaft oder Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen hat“. Die Ausschreibung ist öffentlich, jeder kann Vorschläge einreichen. Einsendeschluss ist der 1. März 2018. Die Preisverleihung findet am 14. Oktober 2018 in der Frankfurter Paulskirche statt.

Der Stiftungsrat des Friedenspreises, eine unabhängige Jury, die sich in der Mehrzahl aus Personen des öffentlichen Lebens zusammensetzt, wählt aus den eingereichten Vorschlägen die Preisträgerin oder den Preisträger. Ihm gehören an: Philipp Blom (Schriftsteller und Historiker, Wien), Stephan Detjen (Deutschlandfunk, Berlin), Stefan Könemann (Vorstandsmitglied des Börsenvereins, Hagen), Prof. Dr. Karl-Josef Kuschel (Theologe, Tübingen), Prof. Dr. Ethel Matala de Mazza (Humboldt-Universität, Berlin), Janne Teller (Schriftstellerin, New York), Matthias Ulmer (Vorstandsmitglied des Börsenvereins, Stuttgart) und Heinrich Riethmüller (Tübingen), der als Vorsteher des Börsenvereins zugleich Vorsitzender des Stiftungsrates ist.

Die Vorschläge sollten schriftlich begründet sein, unter Angabe von Leistungen und Veröffentlichungen, die die Vorgeschlagenen als Kandidatin oder Kandidaten für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausweisen. Selbstvorschläge sind nicht zugelassen. Die Vorschläge sind zu richten an den Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Geschäftsstelle Friedenspreis, z. Hd. Martin Schult, Schiffbauerdamm 5, 10117 Berlin, E-Mail: m.schult@boev.de. Weitere Informationen und ein Online-Formular gibt es unter www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de.

Bekannt gegeben wird der Friedenspreisträger oder die Friedenspreisträgerin des Jahres 2018 am 12. Juni.

Seit 1950 verleiht der Börsenverein den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, der mit 25.000 Euro dotiert ist. Die letzten Friedenspreisträger waren die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood (2017), die deutsche Journalistin und Publizistin Carolin Emcke (2016) und der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani (2015).

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2017 an Margaret Atwood

Maragaret Atwood erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2017 Margaret Atwood mit Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (l.) und dem Vorsteher des Börsenvereins, Heinrich Riethmüller Foto: Werner Gabriel
Maragaret Atwood erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2017
Margaret Atwood mit Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (l.) und dem Vorsteher des Börsenvereins, Heinrich Riethmüller Foto: Werner Gabriel

Die kanadische Schriftstellerin, Essayistin und Dichterin Margaret Atwood ist heute mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Die Verleihung fand vor rund 1.000 geladenen Gästen in der Frankfurter Paulskirche statt. Die Laudatio hielt die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse.

In den Mittelpunkt ihrer Dankesrede stellte Margaret Atwood die Kraft des Geschichtenerzählens und die Aufgabe der Schriftstellerinnen und Schriftsteller in schwierigen Zeiten. „Geschichten haben es in sich. Sie können das Denken und Fühlen der Menschen verändern – zum Besseren oder zum Schlechteren“, sagte Atwood. Warum und mit welchem Zweck der Mensch Kunst, und damit auch das Erzählen von Geschichten betreibe, darauf gebe es keine eindeutige Antwort. „Was macht man damit? Lernen, lehren, uns ausdrücken, die Realität beschreiben, uns unterhalten, die Wahrheit darstellen, feiern oder gar anklagen und verfluchten?“, fragte Atwood. Klar sei: Der Mensch habe seit je her Kunst geschaffen.

Wir lebten aktuell, so Margaret Atwood in einem „seltsamen historischen Augenblick“, in „Zeiten von Bedrohung und Wut“. Sie veranschaulichte die Lage mit dem, was sie als Schriftstellerin am besten kann, mit einer Fabel: einer Geschichte vom Wolf, der für die vermeintlich perfekte Welt die Zivilgesellschaft abschafft und das friedliche Zusammenleben opfert, und von Kaninchen, die vor Verwirrung und Angst erstarren. Angesichts des gespannten gesellschaftlichen Klimas, sozialer Ungerechtigkeit und der zunehmenden Bedrohung von Umwelt und Natur müssten sich, so Atwood, die Bürger jedes Landes dieselbe Frage stellen: „In was für einer Welt wollen sie leben?“

Der Schriftstellerin oder dem Schriftsteller der heutigen Zeit komme eine wichtige Aufgabe zu: „Natürlich soll er oder sie vor den Mächtigen die Wahrheit aussprechen, die Geschichten erzählen, die verdrängt worden sind, den Stimmlosen eine Stimme geben. Und viele Schriftsteller haben das getan, oft haben sie sich Ärger eingehandelt und manchmal hat es sie das Leben gekostet.“ Eine Geschichte richte sich immer an denjenigen, der sie gerade höre oder lese – und dieser gestalte den Schöpfungsakt durch seine Art der Rezeption mit. „Ein Buch ist eine Stimme in deinem Ohr; die Botschaft ist – während du sie liest – für dich allein bestimmt“, sagte Atwood. (Vollständige Dankesrede der Friedenspreisträgerin)

Margaret Atwoods Werk, so die Laudatorin Eva Menasse, zeige besonders gut, „wie Literatur sein muss, um auch eine politische Wirkung zu entfalten. Es zeigt, wie politische und gesellschaftliche Analyse Eingang finden, ohne die Literatur zu verbiegen oder zu beschweren.“ Ihre Erzählungen seien „realistisch, wahrhaftig, und immer ein wenig beispielhaft. Vor allem zeigen sie die anderen Möglichkeiten auf. Möglichkeiten liegen ja überall und in allem. Indem wir leben, treffen wir ständig Entscheidungen, die Möglichkeiten vernichten, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Nur im Schreiben kann man sie wieder lebendig machen, die Varianten ans Licht holen, lachen und weinen darüber, was alles möglich gewesen wäre“, sagte Menasse. (Vollständige Laudatio)

Oberbürgermeister Peter Feldmann wies in seiner Rede darauf hin, dass der Friedenspreis eine der weltweit angesehensten Auszeichnungen ist: „Mit der Wahl des Preisträgers senden wir aus Frankfurt eine klare Botschaft in die Welt und erinnern an die politische Dimension der Kunst. Dieses Jahr geht der Preis an eine bei Kritikern und Lesern gleichermaßen beliebte kanadische Weltautorin. Sie lebt in einer Stadt, die wir als Frankfurter gut kennen, weil sie seit 1989 unsere Partnerstadt ist: Toronto. Eng verbunden mit unserer Region FrankfurtRheinmain ist auch ihr Hauptwerk, ‚Der Report der Magd‘. Denn verfilmt wurde es als ‚Die Geschichte der Dienerin‘ von einem Regisseur aus unserer Nachbarstadt Wiesbaden, Volker Schlöndorff.“

An die Autorin und Preisträgerin gerichtet, fasste Feldmann zusammen, was ihn persönlichen an Atwoods Büchern fasziniert: „Margaret Atwoods Schreiben ist enorm vielseitig und anspruchsvoll. Sie stellt den Menschen mit seinen Ambivalenzen und Widersprüchen ins Zentrum. Und Margaret Atwood hat ihren Ruhm immer genutzt, um sich für die Gleichberechtigung von Mann und Frau ebenso wie für den Kampf gegen die globale Erwärmung und für den Natur-, vor allem Tierschutz einzusetzen. Unser Sinn für Feminismus und die Akzeptanz dessen, was Science Fiction ist, wurde durch ihr Werk geschärft.“

Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins, bezeichnete Margaret Atwood als „Mahnerin für Frieden und Freiheit“: „Mit ihren Gedichten schärft Margaret Atwood unseren Blick für das Leben in all seinen Facetten, für seine Ungewissheiten, seine Widersprüche, seine Schönheiten. Sie öffnet uns mit ihren Romanen aber auch die Augen dafür, wie düster eine Welt aussehen kann, wenn wir unseren Verpflichtungen für ein friedliches Zusammenleben nicht nachkommen. Für dieses wache Bewusstsein, dem Kern ihrer Literatur und Poesie, wollen wir sie heute auszeichnen“, sagte Riethmüller. (Vollständiges Grußwort des Börsenvereinsvorstehers)

Seit 1950 vergibt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Preisträger waren neben Amos Oz und Albert Schweitzer unter anderem Astrid Lindgren, Václav Havel, Jürgen Habermas, Susan Sontag, David Grossman, Liao Yiwu, Navid Kermani und im vergangenen Jahr Carolin Emcke. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert.

Das Buch „Der Report der Magd“

report.der.magd,jpg

„Der Report der Magd“ von Margaret Atwood wurde in den späten 80er Jahren zum Kultbuch einer ganzen frauenbewegten Generation. Er handelt von einer provozierenden Vision eines totalitären patriarchalen Systems, in dem Frauen keine Rechte haben, und in dem die wenigen fruchtbaren Frauen den Herrschenden als Gebärmaschinen dienen müssen. Die Magd Desfred muss wie ihre Leidensgenossinnen ihren Körper unter einer blutroten Robe verstecken, das Gesicht unter einer weißen Flügelhaube verbergen. Sie sehen aus wie Nonnen, wenngleich sie in Wahrheit Sexsklavinnen sind, die in einem als religiösen Akt zelebrierten Begattungs-Ritual einmal monatlich vergewaltigt werden. Atwoods Buch, einst von der Generation Latzhose gefeiert, erlangte nach 32 Jahren seines Ersterscheinens in der gegenwärtigen Diskussion um religiös begründete (Voll-)Verschleierungspflichten von Frauen unerwartete Aktualität, und ist eine Kritik an jeglichen Totalitarismus, der Menschen entrechtet, unterdrückt und ausbeutet.
Margaret Atwood. Der Report der Magd.
Taschenbuch, Piper-Verlag, 416 Seiten, Euro 12,00