Kategorie-Archiv: Schirn Kunsthalle Frankfurt

WE NEVER SLEEP – Die Faszination für Spionage als Quelle künstlerischer Inspiration in der Gegenwartskunst – Große Ausstellung ab 24.09.2020 in der Schirn Kunsthalle Frankfurt

© Foto: Diether v. Goddenthow
© Foto: Diether v. Goddenthow

Die Schirn Kunsthalle Frankfurt widmet vom 24. September 2020 bis 10. Januar 2021 der Faszination für die Spionage eine internationale Gruppenausstellung und beleuchtet sie als aktuelle Quelle künstlerischer Inspiration. So glamourös Spioninnen und Spione in der Populärkultur bis heute oft präsentiert werden, so gesellschaftlich brisant sind ihre in verdeckten Aktionen gewonnenen Informationen. Beim Spionieren geht es um die unberechtigte Beschaffung geheimen Wissens oder vertraulicher Angaben. Wurden in der Vergangenheit Einzelpersonen oder Staaten durch Regierungen ausgespäht, machen in Zeiten der digitalen Kommunikation Bürger Staatsgeheimnisse öffentlich oder Whistleblower prangern das Ausspionieren der Bevölkerung durch die eigene Regierung an. Heute stehen der vermeintlichen Offenheit und Transparenz moderner Staaten neue Mechanismen der Überwachung, Manipulation und Spionage gegenüber. Digitale Netzwerke und Technologien sowie die bereitwillige Preisgabe persönlicher Daten öffnen ungeahnte Möglichkeiten, Informationen einzuholen und zu verbreiten. Vor diesem Hintergrund erwacht ein neues Interesse an den Strategien der Geheimhaltung.

Ausstellungs-Impression We-never-sleep. © Foto: Diether v. Goddenthow
Ausstellungs-Impression We-never-sleep. © Foto: Diether v. Goddenthow

Die Ausstellung präsentiert Werke von 40 Künstlerinnen und Künstlern, darunter Simon Denny, Thomas Demand, Stan Douglas, Dora García, Rodney Graham, Gabriel Lester, Jill Magid, Metahaven, Henrike Naumann, Trevor Paglen, Cornelia Schleime, Noam Toran, Suzanne Treister sowie Nomeda & Gediminas Urbonas. Rund 70 Gemälde, Fotografien, Videoarbeiten, Skulpturen und Installationen behandeln Aspekte der Spionage wie Überwachung, Paranoia, Verschwörungstheorie, Bedrohung und Tarnung, Kryptografie, Manipulation oder Propaganda aus einer zeitgenössischen Perspektive. Mit einer Vielzahl künstlerischer Strategien wird in der Schirn der Höhepunkt der Spionage während des Kalten Krieges genauso sichtbar wie die aktuelle Verhandlung der medialen Durchleuchtung. Neue und bereits existierende Arbeiten sowie erstaunliche Objekte finden auf unorthodoxe Weise Eingang in die Präsentation und beleuchten die Welt der Spionage zwischen Wirklichkeit und Fiktion.

Historische Apparaturen wie die Verschlüsselungsmaschine Enigma gewähren Einblicke in die Realität von Überwachung und Geheimhaltung.© Foto: Diether v. Goddenthow
Historische Apparaturen wie die Verschlüsselungsmaschine Enigma gewähren Einblicke in die Realität von Überwachung und Geheimhaltung.© Foto: Diether v. Goddenthow

Historische Apparaturen wie die Verschlüsselungsmaschine Enigma gewähren Einblicke in die Realität von Überwachung und Geheimhaltung. Parallel dazu zeichnet die Populärkultur ein glanzvolles Bild, das den Mythos des Spions zwischen Helden- und Schattengestalt prägt und das Publikum bis heute begeistert. Bereits im 19. Jahrhundert etablierten sich Agentenromane als eigene Erzählgattung und auch die Filmgeschichte hat viel zur Popularität des Themas beigetragen. Ausgewählte Buchcover, Kinoplakate und Filmauszüge zeigen in der Ausstellung, wie sich die Unterhaltungsbranche von der Spionagerealität anregen ließ. So verweist auch der Titel der Ausstellung „We Never Sleep“ auf das Bild des stets wachsamen Spions, der – immer in Bewegung – seine Identitäten wechseln und im Verdeckten agieren muss.

Die Ausstellung „We Never Sleep“ wird gefördert durch die Stadt Frankfurt am Main sowie den Verein der Freunde der Schirn Kunsthalle e. V. mit Unterstützung von Mitgliedern des Vorstands und des Kuratoriums der Freunde der Schirn Kunsthalle e. V. sowie von dem Mondriaan Fund und Pro Helvetia, der Schweizer Kulturstiftung.

Auftakt ist die eigens für die Ausstellung konzipierte Raum- und Soundinstallation The Third Degree (2020) von Gabriel Lester (*1972, Amsterdam, Niederlande) in Zusammenarbeit mit Monadnock Architects. In einem Labyrinth aus Wegen, Sackgassen, Eingängen und Ausgängen ist ein Chor eindringlicher Stimmen zu hören, der Fragen aufwirft und manipulative Verhörmethoden aufgreift. © Foto: Diether v. Goddenthow
Auftakt ist die eigens für die Ausstellung konzipierte Raum- und Soundinstallation The Third Degree (2020) von Gabriel Lester (*1972, Amsterdam, Niederlande) in Zusammenarbeit mit Monadnock Architects. In einem Labyrinth aus Wegen, Sackgassen, Eingängen und Ausgängen ist ein Chor eindringlicher Stimmen zu hören, der Fragen aufwirft und manipulative Verhörmethoden aufgreift. © Foto: Diether v. Goddenthow

Philipp Demandt, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt: „Die Schirn widmet der Spionage eine große zeitgenössische Ausstellung. Mit vielseitigen Perspektiven von internationalen Künstlerinnen und Künstlern bieten wir unseren Besucherinnen und Besuchern die Möglichkeit für eine differenzierte Auseinandersetzung mit diesem Thema, das angesichts globaler Krisen, digitaler Überwachung, Fake News und Verschwörungstheorien neue und drängende Fragen aufwirft.“

Cristina Ricupero, Kuratorin der Ausstellung, erläutert: „Ziel der Ausstellung ,We Never Sleep‘ ist es, einen experimentellen Raum zu schaffen, in dem Künstlerinnen und Künstler in herausfordernden Werken und mit einer Vielzahl kreativer Strategien Kunst und die Ästhetik der Spionage verknüpfen. Statt zu ,entlarven‘ oder zu ,erklären‘, geht es vor allem darum, Überraschungen zu schaffen. Die Ausstellungsarchitektur verbirgt und enthüllt dabei zugleich, sie changiert zwischen Realität und Fiktion. Wie in einem sich allmählich entfaltenden Spionageroman öffnen sich die Räume Schritt für Schritt, verwandeln die Besucherinnen und Besucher in Amateurspione und lassen sie einen mehrdeutig voyeuristischen Blick einnehmen. Am Ende soll, wie in der nebulösen Welt der Spionage, die Wahrheit ein Mysterium bleiben.“

Technische Hilfsmittel für Spionage und Attentate, unter anderem der berühmte Bulgarische Regenschirm, mit dem vermeintlich das Attentat auf den bulgarischen Dissidenten Georgi Markow an dessen Geburtstag  am 7. September 1978 in London verübt wurde. Außerdem: Gießkanne mit Kamera, Literatur, u.a. "Handbuch zur Sabotage". © Foto: Diether v. Goddenthow
Technische Hilfsmittel für Spionage und Attentate, unter anderem der berühmte Bulgarische Regenschirm, mit dem vermeintlich das Attentat auf den bulgarischen Dissidenten Georgi Markow an dessen Geburtstag am 7. September 1978 in London verübt wurde. Außerdem: Gießkanne mit Kamera, Literatur, u.a. „Handbuch zur Sabotage“. © Foto: Diether v. Goddenthow

AUSGEWÄHLTE WERKE DER AUSSTELLUNG

„We Never Sleep“ beleuchtet das Thema der Spionage durch das Prisma zeitgenössischer Kunst und Gestaltung. Die Kunstwerke und Objekte der Ausstellung werden in der Architektur von Adrien Rovero als immersives Environment inszeniert.
Auftakt ist die eigens für die Ausstellung konzipierte Raum- und Soundinstallation The Third Degree (2020) von Gabriel Lester (*1972, Amsterdam, Niederlande) in Zusammenarbeit mit Monadnock Architects. In einem Labyrinth aus Wegen, Sackgassen, Eingängen und Ausgängen ist ein Chor eindringlicher Stimmen zu hören, der Fragen aufwirft und manipulative Verhörmethoden aufgreift. Auch Lawrence Abu Hamdan (*1985, Amman, Jordanien) beschäftigt sich mit Sound und Überwachungstechnologien in Verbindung mit forensischen Sprachanalysen. Im Fokus seiner Installation The Whole Truth (2012) steht eine Audiodokumentation über eine Software, die die menschliche Stimme u. a. mittels eines Lügendetektors durchleuchtet.

Video der Brüder Park Chan-Kyong und Park Chan-Wook (*1965 und *1963, Seoul, Südkorea), die als Künstlerduo unter dem Namen PARKing CHANce auftreten. © Foto: Diether v. Goddenthow
Video der Brüder Park Chan-Kyong und Park Chan-Wook (*1965 und *1963, Seoul, Südkorea), die als Künstlerduo unter dem Namen PARKing CHANce auftreten. © Foto: Diether v. Goddenthow

Von Spionen, Doppelagenten und Überläufern, die im machtpolitischen Konflikt zwischen Nord- und Südkorea die Seite wechseln, erzählt die Videoarbeit Believe It or Not (2018) der Brüder Park Chan-Kyong und Park Chan-Wook (*1965 und *1963, Seoul, Südkorea), die als Künstlerduo unter dem Namen PARKing CHANce auftreten. Inspiriert von wahren Begebenheiten und den Geschichten realer Personen fragen die Künstler nach Identität und Integrität zwischen Angst und Paranoia.

Dora Longo Bahia (*1961, São Paulo, Brasil) widmet sich in ihrer eigens für die Ausstellung entwickelten Collagen-Serie Spy Woman (2020) berühmten Frauen der Spionagegeschichte wie Greta Garbo, Sonja Wigert, Coco Chanel oder Alice Marble. Sie traten in erster Linie als Personen des öffentlichen Lebens in Erscheinung, agierten zugleich aber in politischen Kontexten oder wurden als Agentinnen tätig. © Foto: Diether v. Goddenthow
Dora Longo Bahia (*1961, São Paulo, Brasil) widmet sich in ihrer eigens für die Ausstellung entwickelten Collagen-Serie Spy Woman (2020) berühmten Frauen der Spionagegeschichte wie Greta Garbo, Sonja Wigert, Coco Chanel oder Alice Marble. Sie traten in erster Linie als Personen des öffentlichen Lebens in Erscheinung, agierten zugleich aber in politischen Kontexten oder wurden als Agentinnen tätig. © Foto: Diether v. Goddenthow

Das Thema des Doppelagenten greift auch das litauische Künstlerduo Nomeda & Gediminas Urbanos (*1968, Kaunas, Litauen und *1966, Vilnius, Litauen) mit einer neuen Version der Installation TRANSmutation (2018) auf. Aus Fragmenten sowjetischer Kultfilme entwickeln sie ein assoziatives, visuelles Narrativ, das in Psyche und Denkweise eines Doppelagenten eindringt.
Dora Longo Bahia (*1961, São Paulo, Brasil) widmet sich in ihrer eigens für die Ausstellung entwickelten Collagen-Serie Spy Woman (2020) berühmten Frauen der Spionagegeschichte wie Greta Garbo, Sonja Wigert, Coco Chanel oder Alice Marble. Sie traten in erster Linie als Personen des öffentlichen Lebens in Erscheinung, agierten zugleich aber in politischen Kontexten oder wurden als Agentinnen tätig. Stan Douglas (*1960, Vancouver, Kanada) adaptiert für seine Fotografien, Filme und Installationen Filmgenres und Literaturklassiker, um historische Ereignisse neu zu befragen. In seiner Videoinstallation The Secret Agent (2015) spielt der Künstler mit den Eigenschaften des Spionage-Thrillers im Kalten Krieg und verlegt die Handlung des gleichnamigen Romans von Joseph Conrad von England nach Portugal im Jahr 1975, als kurz nach der Nelkenrevolution und dem Sturz der Diktatur des sogenannten Estado Novo politische Unruhen das Land beherrschten.

Wie Manipulation durch staatliche Systeme in die Gesellschaft und ihre Erinnerung eindringt, thematisiert das Künstlerduo Dias & Riedweg (*1964, Rio de Janeiro, Brasilien und *1955, Kriens, Schweiz). Die Videoinstallation Cold Stories (2010) zeichnet die Ikonografie politischer und kommerzieller Propaganda des Kalten Krieges nach und kombiniert Auszüge aus Werbung, TV-Serien, Musik und journalistischen Dokumenten der 1960er- und 1970er-Jahre, während Che Guevara, Mao Tse-tung, John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow als Marionetten Fragmente ihrer bedeutendsten Reden halten. Aus dieser Zeit stammt die Arbeit Glimpses of the USA (1959) von Charles und Ray Eames (1907–1978, St. Louis, Missouri, USA und 1912–1988, Sacramento, Kalifornien, USA). Im Auftrag der United States Information Agency legten sie mit mehr als 2200 Fotoaufnahmen und Bewegtbildern ein Porträt der US-amerikanischen Gesellschaft vor, das 1959 im Zuge des ersten Kulturaustauschs zwischen den USA und der Sowjetunion in der „American National Exhibition“ in Moskau, Sokolniki Park präsentiert wurde und dem sowjetischen Publikum zugleich wirtschaftlichen Wohlstand und Menschlichkeit vermitteln sollte.

Suzanne Treister (*1958, London, Großbritannien) zeigt eine große Anzahl von Arbeiten, die sich mit staatlichen und militärischen Forschungsprogrammen, Social Engineering und Ideen der Kontrollgesellschaft, Verschwörungstheorien, Kybernetik, wissenschaftlichen Zukunftsprojektionen und Gegenkultur beschäftigen.

Ausstellungsansicht, Henrike Naumann, Tag X. © Foto: Diether v. Goddenthow
Ausstellungsansicht, Henrike Naumann, Tag X. © Foto: Diether v. Goddenthow

Henrike Naumann (*1984, Zwickau, Deutschland) stellt eine Neubearbeitung ihrer Installation Tag X vor, die ursprünglich für den 30. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer konzipiert wurde. Hintergrund der Arbeit ist eine Reihe 2018 bekannt gewordener Netzwerke, die Verbindungen zu Polizei, Bundeswehr und Verfassungsschutz unterhielten und einen gewaltsamen, systematischen Wandel in Deutschland herbeiführen wollten. Dabei stehen die Spannungen zwischen Ost- und Westdeutschland und die Spionage im Mittelpunkt. Die Installation konfrontiert den Betrachter mit einem höchst dystopischen Szenario rechter Umsturzfantasien. Wohnaccessoires und Designklassiker werden zu Waffen, mit denen am „Tag X“ in Deutschland jeder mitkämpfen kann.
Die Performance The Romeos (2018) von Dora García (*1965, Valladolid, Spanien) reinszeniert eine während des Kalten Krieges vom Ministerium für Staatssicherheit der DDR eingesetzte Spionagetaktik. Agenten nahmen dabei gezielt persönliche und bisweilen intime Beziehungen zu Sekretärinnen westdeutscher Politiker auf, um an vertrauliche Informationen zu gelangen. García beauftragt in Anlehnung an diese Romeos Performer, zu angekündigten Zeiten die Ausstellung zu unterwandern, und kreiert vor Ort eine Atmosphäre von Verdacht und Ungewissheit.

Corne­lia Schleime. Neben ihren foto­gra­fi­schen Selbst­por­träts zeigt die Künst­le­rin eine Serie, in der sie die über sie geführte Akte des Minis­te­ri­ums für Staats­si­cher­heit mit Selbst­por­träts ironisch konter­ka­riert. © Foto: Diether v. Goddenthow
Corne­lia Schleime. Neben ihren foto­gra­fi­schen Selbst­por­träts zeigt die Künst­le­rin eine Serie, in der sie die über sie geführte Akte des Minis­te­ri­ums für Staats­si­cher­heit mit Selbst­por­träts ironisch konter­ka­riert. © Foto: Diether v. Goddenthow

Überwachung und Zensur während des Kalten Krieges sind zentral für die präsentierten Arbeiten von Cornelia Schleime (*1953, Ost-Berlin, DDR). Neben ihren fotografischen Selbstporträts aus der Körperaktion Ich halte doch nicht die Luft an (1982) zeigt die Künstlerin ihre Serie Auf weitere gute Zusammenarbeit (1993), in der sie die über sie geführte Akte des Ministeriums für Staatssicherheit mit Selbstporträts ironisch konterkariert. Thomas Demand (*1964, München, Deutschland) richtet seine künstlerische Strategie auf die mediale Konstruktion von Wirklichkeit. Seine Fotografien zeigen vom Künstler angefertigte detailgetreue Nachbildungen aus Papier und Pappe von politischen und gesellschaftlichen Schauplätzen, die sich durch ihre mediale Verbreitung in das kollektive Bildgedächtnis eingeschrieben haben. Badezimmer (1997) zitiert das bekannte Pressebild des 1987 tot aufgefundenen CDU-Politikers Uwe Barschel in der Badewanne eines Hotelzimmers. In der Gleichzeitigkeit von Tatort und Rekonstruktion findet in Demands Arbeit eine irritierende Überlagerung unterschiedlicher Realitätsansprüche statt.

Jonas Staal (*1981, Zwolle, Niederlande) behandelt in seiner künstlerischen Praxis das Verhältnis zwischen Kunst, Demokratie und politischer Propaganda. In seinem Projekt Steve Bannon: A Propaganda Retrospective (2018) beleuchtet er die langjährige Arbeit des ehemaligen Beraters von US-Präsident Donald Trump als Filmproduzent und macht in der Dekonstruktion zentraler Bildmotive und Verschwörungsnarrative den ideologischen Nährboden des Trumpismus sichtbar.

Ausstellungsansicht, Metahaven, The Sprawl: Propaganda about Propaganda, 2016. © Foto: Diether v. Goddenthow
Ausstellungsansicht, Metahaven, The Sprawl: Propaganda about Propaganda, 2016. © Foto: Diether v. Goddenthow

Das 2007 von Vinca Kruk und Daniel van der Velden gegründete Designkollektiv Metahaven setzt sich für Informationsfreiheit im postfaktischen Zeitalter ein. In ihrem Film The Sprawl (Propaganda about Propaganda) (2015) nehmen sie die massive Ausbreitung staatlich organisierter Propaganda- und Desinformationskampagnen in den sozialen Netzwerken als Gegenreaktion auf deren Nutzung durch Aktivisten des Arabischen Frühlings kritisch in den Blick.

Mit aktuellen Methoden der staatlichen Geheimhaltung beschäftigt sich die investigative Konzeptkünstlerin, Autorin und Filmemacherin Jill Magid (*1973, Bridgeport, Conneticut, USA). In der Schirn zeigt sie Teile von The Spy Project (2005–2010), u. a. die Neonlicht-Installation Miranda IV und die Texte 18 Spies. Die Arbeit wurde vom Niederländischen Geheimdienst (AIVD) beauftragt, später in Teilen zensiert und konfisziert und verwickelte die Künstlerin selbst in die Geheimhaltungsstrategien der Organisation. Die Gruppe Forensic Architecture untersucht weltweit verdeckte Fälle von Menschenrechtsverletzungen, staatlicher Gewalt und Desinformation. In ihrem interdisziplinären Verfahren der forensischen Architektur führt sie eine Vielzahl von Beweisquellen wie Video- und Bildmaterial, Zeugenaussagen und Materialanalysen zur Rekonstruktion eines Tathergangs zusammen. Die in der Schirn gezeigte Arbeit The Killing of Óscar Pérez (2018) behandelt die Ermordung des venezolanischen Rebellenführers und seiner Gefolgsleute im Januar 2018 durch staatliche Sicherheitskräfte.

 Simon Denny Modded Server-Rack Display with David Darchicourt Commissioned Map of Aotearoa New Zealand (2015) © Foto: Diether v. Goddenthow
Simon Denny Modded Server-Rack Display with David Darchicourt Commissioned Map of Aotearoa New Zealand (2015) © Foto: Diether v. Goddenthow

Zentraler Gegenstand der künstlerischen Arbeit von Simon Denny (*1982, Auckland, Neuseeland) sind die Schnittstellen von Design, Technologie und Sprache in der Kommunikation von Geheimdiensten. Seine Installation Modded Server-Rack Display with David Darchicourt Commissioned Map of Aotearoa New Zealand (2015) wurde erstmals bei der Venedig Biennale 2015 als Teil des Projekts Secret Powers vorgestellt. Sie basiert auf der Zusammenarbeit mit David Darchicourt, der als Grafikdesigner für die National Security Agency (NSA) und später für die Defense Intelligence Agency (DIA) tätig war. Zu sehen ist eine von Darchicourt entworfene Weltkarte mit Neuseeland im Zentrum und den von dort ausgehenden Datenströmen in die USA und nach Australien. Trevor Paglen (*1974, Camp Springs, Maryland, USA) widmet sich den Infrastrukturen globaler Überwachung und Datenerfassung. Der Künstler, Geograf und Autor ist dafür bekannt, das Unsichtbare durch das Sichtbare zu erforschen, und setzt hochentwickelte Technologie ein, um Fotos von geheimen Militärstützpunkten in abgelegenen oder gesperrten Gebieten aus mehreren Kilometern Entfernung zu machen. In der Schirn präsentiert er eine Reihe von fotografischen Arbeiten, u. a. aus seiner Serie Limit Telephotography, sowie die monumentale Installation Code Names (2009), die eine Liste mit Namen und Chiffren geheimer Militär- und Geheimdienstprogramme publiziert.

Während der Laufzeit der Ausstellung realisieren die Künstler Gabriel Lester und Jonas Lund mit The Fly on the Wall (2020) eine interaktive Intervention auf der Schirn Website. Diese adressiert die Informationsasymmetrie zwischen Tech-Giganten und Individuen und erforscht Mechanismen riesiger Datensätze, gezielter Werbemaßnahmen, der Modellierung demografischer Daten und benutzerdefinierter Zielgruppen. Ausgehend von einer kleinen Fliege auf der Website entwickeln die Künstler eine Spionage-Agentur: Sie rekrutieren Online-Besucher als Agenten, die wiederum andere Besucher auf Basis ihrer Interaktion mit der Website ausspionieren.

ALLE KÜNSTLERINNEN UND KÜNSTLER DER AUSSTELLUNG

Lawrence Abu Hamdan, Maja Bajevic, Jean-Luc Blanc, Nina Childress, Guy de Cointet, Thomas Demand, Simon Denny, Mauricio Dias & Walter Riedweg, Stan Douglas, Charles und Ray Eames, Forensic Architecture, Dora García, Mathis Gasser, Rodney Graham, Eva Grubinger, Humans since 1982, Alfredo Jaar, Kiluanji Kia Henda, Gabriel Lester, Jonas Lund, Lim Minouk, Dora Longo Bahia, Jill Magid, Fabian Marti, Josephine Meckseper, Mieko Meguro, Metahaven, Aleksandra Mir, Henrike Naumann, Trevor Paglen, Park Chan-Kyong und Park Chan-Wook, Cornelia Schleime, Jim Shaw, Taryn Simon, Jonas Staal, Noam Toran, Suzanne Treister, Nomeda & Gediminas Urbonas, Jane und Louise Wilson, Liam Young und Tamir Zadok

PUBLIKATION WE NEVER SLEEP, herausgegeben von Cristina Ricupero, Alexandra Midal und Katharina Dohm. Mit einem Vorwort von Philipp Demandt. Essays von Jörg Heiser, Jelena Martinovic, Marina Otero Verzier, Cristina Ricupero, Noam Toran und Wladimir Velminski sowie Faksimiles bereits erschienener Textbeiträge von Ulrike Knöfel, Metahaven, Joanna Moorhead und Jonas Staal. Engl./Dt. Ausgabe, 184 Seiten, ca. 100 Abb., 20 x 27 cm (Hochformat), Snoeck, ISBN 978-3-86442-318-5, 25 € (SCHIRN), 34 € (Buchhandel)

WIFI GUIDE Das speziell für die Nutzung des kostenlosen SCHIRN WIFI entwickelte Vermittlungsangebot ist in der Schirn über das eigene Smartphone oder Tablet auf Deutsch und Englisch unter www.schirn.de/wifi erreichbar. Der digitale Guide zur Ausstellung „We Never Sleep“ bietet während des Rundgangs Impulse, spielerisch Werke intensiver zu betrachten und kennenzulernen.
ORT SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, Römerberg, 60311 Frankfurt DAUER 24. September 2020 – 10. Januar 2021 INFORMATION www.schirn.de E-MAIL welcome@schirn.de TELEFON +49-69 29 98 82-0 FAX +49-69 29 98 82-240

EINTRITT 10 €, ermäßigt 8 €; freier Eintritt für Kinder unter 8 Jahren SCHUTZ- UND HYGIENEMASSNAHMEN Um den Ausstellungsbesuch auch während der Corona-Pandemie sicher zu gestalten, wurden in Abstimmung mit den zuständigen Behörden umfassende Schutz- und Hygienemaßnahmen entwickelt. Weitere Informationen unter www.schirn.de/besuch

EINFÜHRUNGEN IM SCHIRN SPACE Di 11 Uhr, Mi 17 Uhr, Do 20 Uhr, Fr 14.30 Uhr, Tickets im Onlineshop erhältlich KULTURPARTNER HR2 KURATORINNEN Cristina Ricupero in Zusammenarbeit mit Katharina Dohm, Schirn Kunsthalle Frankfurt GEFÖRDERT DURCH Stadt Frankfurt am Main und Verein der Freunde der Schirn Kunsthalle e. V. UNTERSTÜTZUNG VON Mitgliedern des Vorstands und des Kuratoriums der Freunde der Schirn Kunsthalle e. V. sowie von dem Mondriaan Fund und Pro Helvetia, der Schweizer Kulturstiftung

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Schirn Kunsthalle Frankfurt – FANTASTISCHE FRAUEN SURREALE WELTEN VON MERET OPPENHEIM BIS FRIDA KAHLO – bis 5. Juli verlängert

Noch bis zum 7. Juli 2020 präsentiert die Schirn Kunsthalle Frankfurt die große Überblicksausstellung „Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo“, die den Künstlerinnen des Surrealismus gewidmet ist. Bildausschnitt: Toyen "Boschaft des Waldes".  Foto: Diether v. Goddenthow
Noch bis zum 7. Juli 2020 präsentiert die Schirn Kunsthalle Frankfurt die große Überblicksausstellung „Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo“, die den Künstlerinnen des Surrealismus gewidmet ist. Bildausschnitt: Toyen „Boschaft des Waldes“. Foto: Diether v. Goddenthow

Göttin, Teufelin, Puppe, Fetisch, Kindfrau oder wunderbares Traumwesen – die Frau war das zentrale Thema surrealistischer Männerfantasien. 1924 in Paris gegründet, waren die meisten offiziellen Mitglieder der surrealistischen Bewegung männlich. Nach den katastrophalen Erfahrungen des Ersten Weltkriegs suchten sie nach grundlegender geistiger Erneuerung und alternativen Lebensformen, fußend auf den Theorien Sigmund Freuds zum Unbewussten und seiner Traumdeutung, praktizierten die écriture automatique (automatisches Schreiben), feierten den Zufall, die sexuelle Anarchie in der Tradition des Marquis de Sade (1740–1814) und künstlerische Experimenten auf allen Ebenen.
Ab etwa 1930 gelangten immer mehr Künstlerinnen, oft zunächst als Partnerin oder Modell, in den Kreis um den Gründer der Surrealisten-Gruppe, André Breton. Mit vielen internationalen Ausstellungen unter anderem in London, New York und sogar Tokyo verbreiteten sich die surrealistischen Ideen über mehrere Kontinente. Dabei war die Beteiligung von Künstlerinnen an der Bewegung, an Ausstellungen und Publikationen, wesentlich umfassender als allgemein bekannt ist und bislang dargestellt wurde.

Umkehr der Perspektive. Der weibliche Blick  auf einen Männerakt in Frauenposition. Leonor Fini Portrait de-Nico. © Foto: Diether v. Goddenthow
Umkehr der Perspektive. Der weibliche Blick auf einen Männerakt in Frauenposition. Leonor Fini Portrait de-Nico. © Foto: Diether v. Goddenthow

Was die Künstlerinnen von ihren männlichen Kollegen vor allem unterscheidet, ist die Umkehr der Perspektive: Durch Befragung des eigenen Spiegelbilds oder das Einnehmen verschiedener Rollen sind sie auf der Suche nach einem (neuen) weiblichen Identitätsmodell. Auch das politische Zeitgeschehen, die Literatur sowie außereuropäische Mythen sind Themen, mit denen sich die Surrealistinnen in ihren Werken auseinandersetzen.

Mit rund 260 Gemälden, Papierarbeiten, Skulpturen, Fotografien und Filmen von 34 Künstlerinnen aus Europa, den USA und Mexiko – hauptsächlich aus den 1930er bis 1960er Jahren – bildet die coronabedingt um drei Monate verschobene, ab 6. Mai eröffnete Ausstellung „Fantastische Frauen Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo“ ein vielfältiges stilistisches und inhaltliches Spektrum der Künstlerinnen ab. Die Ausstellung konzentriert sich dabei auf Künstlerinnen, die direkt mit der surrealistischen Bewegung verbunden waren, wenn auch oft nur für kurze Zeit: Sie waren mit André Breton persönlich bekannt, stellten mit der Gruppe aus oder verarbeiteten surrealistische Ideen in unterschiedlichster Weise. Präsentiert werden surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo“. Die Künstlerinnen gelangten zunächst als Partnerin oder Modell in den Kreis um den Gründer der Surrealisten-Gruppe, André Breton. Schnell brachen sie aus diesem Rollenverständnis aus und schufen selbstbewusst unabhängige Werke.

Ausstellungsimpression „Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo“, Schirn Kunsthalle Frankfurt.© Foto: Diether v. Goddenthow
Ausstellungsimpression „Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo“, Schirn Kunsthalle Frankfurt.© Foto: Diether v. Goddenthow

Neben bekannten Namen wie Louise Bourgeois, Claude Cahun, Leonora Carrington, Frida Kahlo, Meret Oppenheim oder Dorothea Tanning sind zahlreiche bislang weniger bekannte Persönlichkeiten wie Toyen, Alice Rahon oder Kay Sage aus mehr als drei Jahrzehnten surrealistischer Kunst zu entdecken. Sie werden in der Schirn jeweils mit einer repräsentativen Auswahl ihrer Arbeiten vorgestellt. Die Ausstellung spiegelt zudem Netzwerke und Freundschaften zwischen den Künstlerinnen in Europa, den USA und Mexiko. Für die Präsentation konnte die Schirn bedeutende Leihgaben aus zahlreichen deutschen und internationalen Museen, öffentlichen wie privaten Sammlungen gewinnen und in Frankfurt zusammenführen, u. a. aus dem Metropolitan Museum of Art, New York; der Tate, London; den National Galleries of Scotland, Edinburgh; dem Centre Pompidou, Paris; dem Musée d’art moderne de la ville de Paris; dem Musée national Picasso, Paris; dem Kunstmuseum Bern; dem Kunstmuseum Basel; dem Moderna Museet, Stockholm; dem mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig, Wien, und dem Museum de Arte Moderno, Mexiko-Stadt.
Die Ausstellung „Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo“ konnte dank der Unterstützung des Kulturfonds Frankfurt RheinMain und der Dr. Marschner Stiftung realisiert werden. Hinzu kommt die Förderung der Bank of America als Partner der Schirn 2020.

Kuratiert hat die Ausstellung Dr. Ingrid Pfeiffer, die mit „Fantastische Frauen“ ein wenig die Lücke schließen möchte, einige der bis heute oft in Publikationen und Überblicksausstellungen vielen fehlenden Namen und Werke von Vertreterinnen des weiblichen Surrealismus zu  präsentieren. „In der Zusammenschau werden das internationale Netzwerk, die unglaubliche Vielfalt und die beeindruckende Eigenständigkeit der bekannteren wie auch unbekannteren Künstlerinnen des Surrealismus deutlich. Denn der Surrealismus war eine Geisteshaltung, kein Stil“, so die Kuratorin.

THEMEN UND KÜNSTLERINNEN DER AUSSTELLUNG

Ausstellungsimpression „Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo“, Schirn Kunsthalle Frankfurt. Meret Oppenheim "Abendkleid mit Büstenhalter" © Foto: Diether v. Goddenthow
Ausstellungsimpression „Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo“, Schirn Kunsthalle Frankfurt. Meret Oppenheim „Abendkleid mit Büstenhalter“ © Foto: Diether v. Goddenthow

Die große Überblicksausstellung erstreckt sich über die gesamte Länge beider Galerien der Schirn und stellt die Künstlerinnen des Surrealismus mit einer repräsentativen Auswahl an Werken und auch in topografischen Räumen vor. Denn viele der Künstlerinnen bildeten in den unterschiedlichen Zentren des Surrealismus Netzwerke: in Frankreich, England, Belgien, der Tschechoslowakei, der Schweiz, Skandinavien, später in den USA und Mexiko.

Gleich zu Beginn der Ausstellung präsentiert die Schirn Meret Oppenheim (1913 Berlin – 1985 Basel), die als eine der ersten surrealistischen Künstlerinnen zu frühem Ruhm gelangte. Sie bewegte sich in jungen Jahren im unmittelbaren Umfeld der Surrealisten in Paris. Die Gruppe traf sich regelmäßig, diskutierte über politische Entwicklungen ebenso wie über die damals neue Psychoanalyse, deren Erkenntnisse sie als Impulse nutzte, um die Gesellschaft mit den Mitteln der Kunst zu verändern. Bereits 1936 nahm das New Yorker Museum of Modern Art Oppenheims ikonische „Pelztasse“ in seine Sammlung auf – sie gilt bis heute als das surrealistische Objekt schlechthin. Die Schirn zeigt Werke der Künstlerin aus den 1930er- bis 1970er-Jahren, darunter Skulpturen wie Urzeit-Venus (1933/62) und Gemälde, etwa Das Auge der Mona Lisa (1967). Die offiziellen Mitglieder der surrealistischen Gruppe um André Breton waren zunächst Männer, ab den 1930er-Jahren stießen zahlreiche Künstlerinnen dazu und beteiligten sich an den internationalen Surrealismus-Ausstellungen, etwa in New York (1936), Paris (1936 und 1938), Tokyo (1937), Amsterdam (1938) und Mexiko-Stadt (1940). Man kann von verschiedenen Generationen des Surrealismus sprechen: Die Künstlerinnen waren meist jünger, viele ihrer Hauptwerke entstanden daher in den 1940er- und 1950er-Jahren. Obwohl bis in die 1960er-Jahre weitere Ausstellungen der Gruppe stattfanden und sie sich erst 1969 auflöste, sahen zahlreiche Chronisten den Surrealismus mit dem Zweiten Weltkrieg als beendet an. Auch aufgrund dieser Erzählweise fanden die Werke der Künstlerinnen bislang zu wenig Berücksichtigung.

Ausstellungsimpression „Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo“, Schirn Kunsthalle Frankfurt. Hier Werke von Leonora Carrington © Foto: Diether v. Goddenthow
Ausstellungsimpression „Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo“, Schirn Kunsthalle Frankfurt. Hier Werke von Leonora Carrington © Foto: Diether v. Goddenthow

Le désir (das erotische Begehren) ist ein zentrales Thema des Surrealismus, der Körper der Frau ein wiederkehrendes Motiv in den Werken. Das Verhältnis der männlichen Surrealisten zu ihren Kolleginnen ist insgesamt als ambivalent zu bewerten. In vielerlei Hinsicht lehnte die Bewegung traditionell bürgerliche Vorstellungen von Familie, Sexualmoral und Eheleben ab. In den Werken der Künstler wird die Frau aber oft objektiviert, als passive Kindfrau, Fetisch oder Muse, fragmentiert oder geköpft dargestellt. Davon unterscheidet sich die Perspektive der Künstlerinnen: Zahlreiche Selbstporträts und Darstellungen der Frauen sind geprägt von einem spielerischen, selbstbewussten Umgang mit ihrem Körperbild und der weiblichen Sexualität. Die Ausstellung zeigt u. a. das Autoportrait, à l’auberge du Cheval d’Aube (1937/38) von Leonora Carrington (1917 Clayton Green – 2011 Mexiko-Stadt), in dem sie sich in der Kleidung eines jungen Mannes aus dem 18. Jahrhundert in Hosen dargestellt hat, flankiert von ihrem wiederkehrenden Alter Ego, einem Pferd, und einer Hyäne als Symbol ihres Freiheitsdrangs. Ithell Colquhoun (1906 Assam – 1988 Lamorna) malte mit Tree Anatomy (1942) eine humorvolle Umdeutung einer Vulva. Die Künstlerin Claude Cahun (1894 Nantes – 1954 Saint Helier) schuf bereits in den 1920er-Jahren ihr Hauptwerk, eine Serie von beeindruckenden und äußerst aktuellen fotografischen Selbstporträts und Fotomontagen, in der sie Androgynität und das Spiel mit Geschlechterrollen thematisierte, etwa um 1927 in Self-Portrait (I am in Training … Don’t Kiss Me). Das Werk von Leonor Fini (1907 Buenos Aires – 1996 Paris) enthält überproportional viele Männerakte, denen starke Frauenfiguren den Weg weisen wie in Dans la tour (Im Turm; 1952) oder Schutz gewähren wie in Divinité chtonienne guettant le sommeil d’un jeune homme (Erdgottheit, die den Schlaf eines Jünglings bewacht; 1946). Die Künstlerinnen rebellierten gegen geschlechtsspezifisches Rollenverhalten und präsentierten sich auch selbst mit einem betont androgynen Aussehen (Oppenheim, Cahun, Toyen) oder in unterschiedlichen Rollen und Maskeraden (Fini).

Ausstellungsimpression „Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo“, Schirn Kunsthalle Frankfurt.  Remedios Varo Schoepfung mit Hilfe der Gestirne. © Foto: Diether v. Goddenthow
Ausstellungsimpression „Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo“, Schirn Kunsthalle Frankfurt. Remedios Varo Schoepfung mit Hilfe der Gestirne. © Foto: Diether v. Goddenthow

Die Surrealisten nutzten Spiele und Techniken wie die écriture automatique (automatisches Schreiben), Traumprotokolle oder Collagen, um Zugang zum Unbewussten zu eröffnen und dem Zufall Raum zu geben. Jacqueline Lamba (1910 Saint-Mandé – 1993 La Rochecorbon), Emmy Bridgwater (1906 Birmingham – 1999 Solihull) oder Unica Zürn (1916 Berlin – 1970 Paris) arbeiteten in ihrem Werk ganz zentral mit diesen Methoden. Eine eigene Sektion der Ausstellung ist den cadavres exquis gewidmet. Diese Zeichnungen oder Collagen entstanden als Gruppenspiel: Auf einem gefalteten Papier führten die Teilnehmer nacheinander die Darstellung des Vorgängers fort, ohne zu sehen, was jener kreiert hatte. Solche kollektiven Kunstwerke sollten auch den Zusammenhalt der Gruppe stärken. An diesen Spielen nahmen Mitglieder der Gruppe wie André Breton, Paul Éluard, Valentine Hugo (1887 Boulogne-sur-Mer – 1968 Paris), Jacqueline Lamba oder Yves Tanguy ebenso teil wie Laien oder Autodidakten, etwa Nusch Éluard (1906 Mulhouse – 1946 Paris).

Im Kreis der Surrealisten spielte die Auseinandersetzung mit antiker Mythologie sowie vorchristlichen und außereuropäischen Mythen und Sagen eine wichtige Rolle. Die mythische Sagengestalt des Mittelalters Melusine (Frau und Meereswesen) und die rätselhafte ägyptische Sphinx (Frau und Löwe mit Flügeln) stehen oft als Symbole für die Metamorphose, das Veränderliche, aber auch für die dämonische Verführerin und Femme fatale. Auf der Suche nach Vorbildern für ein weibliches Identitätsmodell griffen die Künstlerinnen das Motiv des Mischwesens besonders häufig auf. Die Schirn zeigt u. a. La venadita (Der kleine Hirsch; 1946) von Frida Kahlo und die Skulptur La Grande Dame (1951) von Leonora Carrington und José Horna. Die tschechische Malerin Toyen (1902 Prag – 1980 Paris) entwickelte für sich ein geschlechtsneutrales Pseudonym, abgeleitet vom französischen citoyen (Bürger). Ihr ging es nicht um Gegensätze zwischen männlich und weiblich, animalisch und menschlich, sondern um Ähnlichkeiten. In Le Paravent (1966) setzt sie einen Mund an die Stelle des Geschlechts der weiblich anmutenden Figur und schafft eine Szene, die zwischen Begehren und Furcht changiert.

Ausstellungsimpression „Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo“, Schirn Kunsthalle Frankfurt. Rachel Baes "Die absolute Unendlichkeit" © Foto: Diether v. Goddenthow
Ausstellungsimpression „Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo“, Schirn Kunsthalle Frankfurt. Rachel Baes „Die absolute Unendlichkeit“ © Foto: Diether v. Goddenthow

Während des Zweiten Weltkriegs emigrierten viele der Surrealisten, u. a. in die USA oder nach Mexiko. Eine lebendige surrealistische Szene entwickelte sich in Mexiko um Frida Kahlo (1907 Coyoacán – 1954 Mexiko-Stadt). Die Malerin kombinierte in ihrer individuellen Ikonografie Motive der präkolonialen Kultur Mexikos mit christlichen Symbolen sowie ihrer persönlichen Biografie. Sie betonte matriarchale, feministische Traditionen und trug bewusst die Tracht der Gegend um Tehuana, die für ihre von Frauen dominierte Kultur bekannt war. Die Schirn zeigt u. a. ihre Hauptwerke Autorretrato con collar de espinas y colibrí (Selbstbildnis mit Dornenhalsband; 1940) und Autorretrato en la frontera entre México y los Estados Unidos (Selbstbildnis auf der Grenze zwischen Mexiko und den USA; 1932). Zu einer zentralen Persönlichkeit in Mexiko-Stadt wurde auch die Dichterin und Malerin Alice Rahon (1904 Chenecey-Buillon – 1987 Mexiko-Stadt), die erste Frau, deren Texte 1936 in den Éditions surréalistes verlegt wurden. Unter den weiteren surrealistischen Künstlerinnen, die sich in Mexiko niederließen und sich intensiv mit der präkolumbianischen Vergangenheit, der überbordenden Natur und den mexikanischen Mythen auseinandersetzten, waren die Malerin und Schriftstellerin Leonora Carrington, die Malerin Bridget Tichenor (1917 Paris – 1990 Mexiko-Stadt) sowie Remedios Varo (1908 Anglés – 1963 Mexiko-Stadt), deren Malstil die surrealistischen Techniken der Fumage, Frottage und Décalcomanie mit der Darstellung detailreicher altmeisterlicher Figuren vereint.

Ausstellungsimpression „Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo“, Schirn Kunsthalle Frankfurt.© Foto: Diether v. Goddenthow
Ausstellungsimpression „Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo“, Schirn Kunsthalle Frankfurt.© Foto: Diether v. Goddenthow

Die Fotografie bot den Surrealistinnen zahlreichen Möglichkeiten, die Abbildung der Realität durch Retuschen, nachträgliches Kolorieren, Montagen und extreme Belichtungen zu verfremden und infrage zu stellen. Jane Graverol (1905 Ixelles – 1984 Fontainebleau) oder Lola Álvarez Bravo (1903 Lagos de Moreno – 1993 Mexiko-Stadt) nutzten zudem die Technik der Collage, um Widersprüchliches zu verbinden. Gerade unter den Fotografinnen positionierten sich einige Künstlerinnen politisch. Das Werk von Dora Maar (1907 Paris – 1997 ebenda) weist neben surrealistischen Themen, die Schirn zeigt etwa 29, rue d’Astorg (1936), ein tiefgreifendes Interesse am Zeitgeschehen auf. Neben Breton unterzeichnete sie 1934 das Manifest Appel à la lutte (Aufruf zum Kampf) gegen die erstarkenden faschistischen Strömungen. Claude Cahun war in den Jahren um 1940 aktiv im Widerstand tätig und verstarb letztlich an den Folgen einer Inhaftierung. Eine besondere Rolle nimmt Lee Miller (1907 Poughkeepsie – 1977 Chiddingly) ein, die nach ihrer surrealistischen Phase ab 1944 als Kriegsfotografin tätig war.

Auch zum surrealistischen Film leisteten Künstlerinnen wesentliche Beiträge: Die Schirn zeigt La Coquille et le clergyman (Die Muschel und der Kleriker; 1927) von Germaine Dulac (1882 Amiens – 1942 Paris), der heute als erstes surrealistisches Werk der Filmgeschichte gilt. Maya Deren (1917 Kiew – 1961 New York) war eine Hauptakteurin der US-amerikanischen filmischen Avantgarde der Nachkriegszeit. Mit Filmproduktionen wie Meshes of the Afternoon (1943) hatte sie schon zuvor gegen die vorherrschenden Erzählstrukturen Hollywoods, in denen Weiblichkeit zumeist von einem männlichen Standpunkt aus beleuchtet wurde, gearbeitet.

Ausstellungs-Impression Fantastische Frauen.  © Foto: Diether v. Goddenthow
Ausstellungs-Impression Fantastische Frauen. © Foto: Diether v. Goddenthow

Einige der vorgestellten Künstlerinnen waren nur kurzzeitig mit dem Surrealismus verbunden. Die US-amerikanische Künstlerin Dorothea Tanning (1910 Galesburg – 2012 New York) wandte sich in der Zwischenkriegszeit dem Surrealismus zu, um eine alternative Erzählung für die Kunst, die Gesellschaft und sich selbst zu finden. Wie auch Oppenheim oder Carrington wollte sie später nicht (mehr) als Surrealistin bezeichnet werden oder ihre Werke in Ausstellungen nur mit Arbeiten von Frauen zeigen. Die Künstlerinnen des Surrealismus betrachteten sich als Individuen, die unabhängig von ihrem Geschlecht und einer stilistischen Festlegung wahrgenommen werden wollten. Dennoch gehörten sie historisch zur surrealistischen Bewegung und spielten in dem in der Schirn vorgestellten Netzwerk eine zentrale Rolle.

Den Schlusspunkt und gleichzeitig Ausblick der Ausstellung bildet das Werk von Louise Bourgeois (1911 Paris – 2010 New York), die sich in ihren Gemälden, etwa der Serie Femme maison (1945-47), und ihrer skulpturalen Objektkunst intensiv mit Sexualität und weiblicher Identität auseinandersetzte. Sie gehörte derselben Generation von Künstlerinnen an wie Meret Oppenheim; die Rezeption ihres Werkes begann aber erst viel später. Es wird heute eher der Gegenwartskunst zugeordnet.

0katalog-fantastische-frauenKATALOG FANTASTISCHE FRAUEN. SURREALE WELTEN VON MERET OPPENHEIM BIS FRIDA KAHLO, herausgegeben von Ingrid Pfeiffer. Mit einem Vorwort von Philipp Demandt, SCHIRN, und Poul Erik Tøjner, Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk. Mit Beiträgen von Patricia Allmer, Tere Arcq, Kirsten Degel, Heike Eipeldauer, Annabelle Görgen-Lammers, Rebecca Herlemann, Karoline Hille, Silvano Levy, Alyce Mahon, Christiane Meyer-Thoss, Laura Neve, Ingrid Pfeiffer, Gabriel Weisz Carrington sowie Biografien der einzelnen Künstlerinnen und farbigen Ansichten der Werke. Deutsche und englische Ausgabe, je 420 Seiten, 350 Abb., 24 x 29 cm, Hardcover, Hirmer Verlag, 39 € (SCHIRN), ca. 49,90 € (Buchhandel).

Ort:
0schirnSCHIRN KUNST­HALLE FRANK­FURT
Römer­berg
60311 Frank­furt
welcome@​SCHIRN.​de

Fragen zu Besuch /Ticket-Online-Kauf in Zeiten von Corona finden sie unter: https://www.schirn.de/besuch/

DIE SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, DAS STÄDEL MUSEUM UND DIE LIEBIEGHAUS SKULPTURENSAMMLUNG ÖFFNEN WIEDER

Die Schirn Kunsthalle Frankfurt ist ab dem 6. Mai 2020, das Städel Museum und die Liebieghaus Skulpturensammlung sind ab dem 9. Mai 2020 wieder geöffnet. Alle Sonderausstellungen der Häuser werden verlängert.

Die Schirn Kunsthalle Frankfurt präsentiert die Ausstellungen „Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo“ und „Richard Jackson. Unexpected Unexplained Unaccepted“, beide werden bis 5. Juli verlängert.

Neben der Sammlungspräsentation im Städel Museum ist die Sonderausstellung „EN PASSANT. Impressionismus in Skulptur“ mit der Öffnung des Museums erstmals für das Publikum zu sehen. Sie wird bis 25. Oktober verlängert. Die geplante Ausstellung der Graphischen Sammlung „Städels Erbe. Meisterzeichnungen aus der Sammlung des Stifters“ wird am 13. Mai eröffnet. Ab dem 19. Mai ist ebenfalls die neupräsentierte Dauerausstellung der Sammlung Gegenwartskunst „ZURÜCK IN DIE GEGENWART. NEUE PERSPEKTIVEN, NEUE WERKE – DIE SAMMLUNG VON 1945 BIS HEUTE“ für das Publikum zugänglich.

In der Liebieghaus Skulpturensammlung werden die Sammlungspräsentation mit „White Wedding. Die Elfenbein-Sammlung Reiner Winkler jetzt im Liebieghaus. Für immer“ und die Sonderausstellung „BUNTE GÖTTER – GOLDEN EDITION. Die Farben der Antike“ wieder geöffnet. Die Sonderausstellung wird bis 17. Januar 2021 verlängert.

Philipp Demandt, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt, des Städel Museums und der Liebieghaus Skulpturensammlung über die Wiedereröffnungen der Häuser: „Dass es in den letzten Wochen in vielen persönlichen Gesprächen gelungen ist, unsere Leihgeber in den wichtigsten internationalen Museen von einer substantiellen Verlängerung unserer Sonderausstellungen zu überzeugen, ist ein besonderes Zeichen der Solidarität und ein Beweis für den herausragenden Ruf unserer Häuser. Für die einmalige Gelegenheit, Meisterwerke von Frida Kahlo, Edgar Degas, Auguste Rodin und John Singer Sargent nun Monate länger als geplant unserem Publikum zeigen zu dürfen, danke ich meinen Kolleginnen und Kollegen weltweit von Herzen und wünsche unseren Besucherinnen und Besuchern viel Freude.“

Der Museums- und Ausstellungsbetrieb in den Häusern wird mit Umsetzung umfassender Hygieneund Schutzmaßnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus (Covid-19) aufgenommen.

HYGIENEPLAN UND VORSORGEMASSNAHMEN

Die Öffnung von Schirn, Städel und Liebieghaus erfolgt entsprechend eines Hygieneplans, der nach behördlichen Vorgaben entwickelt und umgesetzt wurde. Die Vorsorgemaßnahmen für den Infektionsschutz umfassen u. a. eine Besucherbegrenzung und bessere Regulierung der Besucher durch online erhältliche Zeitfenstertickets, eine optimierte Besucherführung in den Häusern sowie eine vermehrte Reinigung neuralgischer Punkte. Die Besucherinnen und Besucher werden vor Ort auf die Hygienevorschriften hingewiesen. Es gilt, in den Häusern die Abstandsregel von mindestens 1,5 Metern und die Nies- und Hust-Etikette einzuhalten sowie einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Dieser kann mitgebracht oder an den Kassen erworben werden.

ÖFFNUNGSZEITEN UND ZEITFENSTERTICKETS IM ONLINESHOP

Schirn Kunsthalle Frankfurt © Foto: Diether v Goddenthow
Schirn Kunsthalle Frankfurt © Foto: Diether v Goddenthow

Die Öffnungszeiten der Schirn werden um den Montag erweitert, beginnend am 11. Mai. Die MINISCHIRN bleibt vorerst geschlossen. Für das Städel und das Liebieghaus gelten die regulären Öffnungszeiten. Von der Öffnung ausgenommen sind die Bibliothek & Mediathek im Städel Museum sowie die Cafés der Museen. Das Schirn Café bietet Speisen und Getränke zum Mitnehmen.

Zeitfenstertickets für die Schirn, das Städel und Liebieghaus sind vor dem Besuch in den Onlineshops zu erwerben, beginnend am 5. Mai.
Schirn Kunsthalle Frankfurt: www.schirn.de/tickets
Städel Museum: shop.staedelmuseum.de
Liebieghaus Skulpturensammlung: liebieghaus.ticketfritz.de

Bis auf Weiteres finden in allen drei Häusern keine Veranstaltungen und Führungen statt.
Informationen zu allen ausstellungsbegleitenden digitalen Vermittlungsangeboten wie etwa Audioguide-Apps und Digitorials® finden sich auf den Websites und in den Social Media Kanälen von Schirn, Städel und Liebieghaus.

DIE SONDERAUSSTELLUNGEN UND PRÄSENTATIONEN IN DER ÜBERSICHT

SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT

STÄDEL MUSEUM

LIEBIEGHAUS SKULPTURENSAMMLUNG

Alle Informationen finden sich auch online unter www.schirn.de, www.staedelmuseum.de und
www.liebieghaus.de.

Schirn Kunsthalle Frankfurt: Ab 6. Mai wieder zu sehen „Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo“ u. „Richard Jackson. Unexpected Unexplained Unaccepted“

fantastische-frauen-logo1Entsprechend eines nach behördlichen Vorgaben entwickelten und umgesetzten Hygieneplans erfolgt am 6. Mai 2020 die Öffnung der Schirn Kunsthalle Frankfurt. Die Vorsorgemaßnahmen für den Infektionsschutz umfassen u. a. eine Besucherbegrenzung und Regulierung der Besucher durch online erhältliche Zeitfenstertickets, eine optimierte Besucherführung in den Häusern sowie eine vermehrte Reinigung neuralgischer Punkte.
Es gilt die Abstandsregel von mindestens 1,5 Metern und die Nies- und Hust-Etikette einzuhalten, sowie einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Dieser kann mitgebracht oder an den Kassen erworben werden.

Mit der großen Überblicksschau „Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo“ (bis 5. Juli 2020) beleuchtet die Schirn erstmals den weiblichen Beitrag zum Surrealismus und zeigt, dass die Beteiligung von Künstlerinnen an der internationalen Bewegung wesentlich umfassender war als allgemein bekannt und bislang dargestellt. Mit rund 260 Gemälden, Papierarbeiten, Skulpturen, Fotografien und Filmen von 34 Künstlerinnen aus 11 Ländern bildet die Schau ein vielfältiges stilistisches und inhaltliches Spektrum ab. Neben bekannten Namen wie Louise Bourgeois, Claude Cahun, Leonora Carrington, Frida Kahlo, Meret Oppenheim oder Dorothea Tanning sind zahlreiche weniger bekannte Persönlichkeiten wie Toyen, Alice Rahon oder Kay Sage aus mehr als drei Jahrzehnten surrealistischer Kunst zu entdecken. Die Ausstellung konnte mit der Unterstützung der Kulturfonds Frankfurt RheinMain gGmbH, der Dr. Marschner Stiftung und der Ernst von Siemens Kuntstiftung realisiert werden. Gleichfalls wird die Schau gefördert von der Bank of America als Partner der Schirn 2020.

Die Ausstellung „Richard Jackson. Unexpected Unexplained Unaccepted“ (bis 5. Juli 2020) versammelt fünf der charakteristischen Rooms des US-amerikanischen Künstlers. Richard Jackson kombiniert kritische Kommentare zur Malerei mit sozialen Kontexten, paart sie mit provokativem Witz und Doppeldeutigkeiten sowie Referenzen auf ikonische Werke von Künstlern wie Marcel Duchamp, Robert Rauschenberg oder Jasper Johns. In den Rauminstallationen werden comicartige Figuren, Tiere oder Gegenstände zu Akteuren eines einmaligen Prozesses: Luftkompressoren und Pumpen verteilen satte Farbe auf Boden, Wänden, Einrichtung und den Protagonisten selbst. Die thematischen Zimmer dokumentieren eine vom Künstler losgelöste Malerei, die ins Räumliche expandiert.
Die Ausstellung wird unterstützt von der Stadt Frankfurt am Main und gefördert durch die SCHIRN
ZEITGENOSSEN.

SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT Römerberg,
60311 Frankfurt am Main
Alle Informationen finden sich auch online unter www.schirn.de

FANTASTISCHE FRAUEN SURREALE WELTEN VON MERET OPPENHEIM BIS FRIDA KAHLO bis 24. Mai 2020

Ausstellungsimpression von FANTASTISCHE FRAUEN. SURREALE WELTEN VON MERET OPPENHEIM BIS FRIDA KAHLO,  vom 13. Februar bis 24. Mai 2020  © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2020, Foto: Norbert Miguletz
Ausstellungsimpression von FANTASTISCHE FRAUEN. SURREALE WELTEN VON MERET OPPENHEIM BIS FRIDA KAHLO, vom 13. Februar bis 24. Mai 2020 © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2020, Foto: Norbert Miguletz

Vom 13. Februar bis zum 24. Mai 2020 präsentiert die Schirn Kunsthalle Frankfurt die große Überblicksausstellung „Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo“, die den Künstlerinnen des Surrealismus gewidmet ist. Göttin, Teufelin, Puppe, Fetisch, Kindfrau oder wunderbares Traumwesen – die Frau war das zentrale Thema surrealistischer Männerfantasien. Künstlerinnen gelangten zunächst als Partnerin oder Modell in den Kreis um den Gründer der Surrealisten-Gruppe, André Breton. Schnell brachen sie aus diesem Rollenverständnis aus und schufen selbstbewusst unabhängige Werke. Die Ausstellung der Schirn beleuchtet erstmals den weiblichen Beitrag zum Surrealismus und zeigt, dass die Beteiligung der Künstlerinnen an der internationalen Bewegung wesentlich umfassender war als allgemein bekannt und bislang dargestellt. Unbewusstes, Traum und Zufall, Mythen und Metamorphosen, Literatur und das politische Zeitgeschehen sowie Materialexperimente und inszenierte Fotografie – viele bekannte Themen des Surrealismus kennzeichnen ebenso die Werke der Frauen. Was die Künstlerinnen von ihren männlichen Kollegen vor allem unterscheidet, ist die Umkehr der Perspektive: Durch die Befragung des eigenen Spiegelbilds oder das Einnehmen verschiedener Rollen sind sie auf der Suche nach einem (neuen) weiblichen und künstlerischen Identitätsmodell.

Die Ausstellung konzentriert sich auf Künstlerinnen, die direkt mit der Anfang der 1920er-Jahre in Paris gegründeten surrealistischen Bewegung verbunden waren, wenngleich bisweilen nur für kurze Zeit: Sie waren mit André Breton persönlich bekannt, stellten mit der Gruppe aus, beteiligten sich an Publikationen und setzten sich mit den surrealistischen Ideen theoretisch auseinander. Mit rund 260 Gemälden, Papierarbeiten, Skulpturen, Fotografien und Filmen von 34 Künstlerinnen aus 11 Ländern bildet die Schau ein vielfältiges stilistisches und inhaltliches Spektrum ab. Neben bekannten Namen wie Louise Bourgeois, Claude Cahun, Leonora Carrington, Frida Kahlo, Meret Oppenheim oder Dorothea Tanning sind zahlreiche bislang weniger bekannte Persönlichkeiten wie Toyen, Alice Rahon oder Kay Sage aus mehr als drei Jahrzehnten surrealistischer Kunst zu entdecken. Sie werden in der Schirn jeweils mit einer repräsentativen Auswahl ihrer Arbeiten vorgestellt. Die Ausstellung spiegelt zudem Netzwerke und Freundschaften zwischen den Künstlerinnen in Europa, den USA und Mexiko. Für die Präsentation konnte die Schirn bedeutende Leihgaben aus zahlreichen deutschen und internationalen Museen, öffentlichen wie privaten Sammlungen gewinnen und in Frankfurt zusammenführen, u. a. aus dem Metropolitan Museum of Art, New York; der Tate, London; den National Galleries of Scotland, Edinburgh; dem Centre Pompidou, Paris; dem Musée d’art moderne de la ville de Paris; dem Musée national Picasso, Paris; dem Kunstmuseum Bern; dem Kunstmuseum Basel; dem Moderna Museet, Stockholm; dem mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig, Wien, und dem Museum de Arte Moderno, Mexiko-Stadt.

Die Ausstellung „Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo“ konnte dank der Unterstützung des Kulturfonds Frankfurt RheinMain und der Dr. Marschner Stiftung realisiert werden. Hinzu kommt die Förderung der Bank of America als Partner der Schirn 2020.

„Mit der Ausstellung ‚Fantastische Frauen‘ präsentieren wir in der Schirn eine Premiere: Rund 260 Werke von 34 Künstlerinnen eröffnen unseren Besucherinnen und Besuchern eine gänzlich neue Perspektive auf die surrealistische Kunst. Es ist ein umfassender Überblick über die dezidiert weibliche Seite der Bewegung, wie er bislang noch nicht zu sehen war. Die der Ausstellung zugrundeliegende Forschung möchte dazu beitragen, dieses wesentliche Kapitel der Kunst zu vervollständigen“, erläutert Dr. Philipp Demandt, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt.
Dr. Ingrid Pfeiffer, Kuratorin der Ausstellung, betont: „In keiner künstlerischen Bewegung der Moderne spielten Frauen auch quantitativ eine solch zentrale Rolle wie im Surrealismus, und doch fehlen viele ihrer Namen und Werke bis heute oft in Publikationen und Überblicksausstellungen. Die in der Schirn präsentierten Künstlerinnen haben in unnachahmlicher Weise Ideen der Gruppe rezipiert und sie in ihren äußerst individuellen Werken weitergeführt. In der Zusammenschau werden das internationale Netzwerk, die unglaubliche Vielfalt und die beeindruckende Eigenständigkeit der bekannteren wie auch unbekannteren Künstlerinnen des Surrealismus deutlich. Denn der Surrealismus war eine Geisteshaltung, kein Stil.“

THEMEN UND KÜNSTLERINNEN DER AUSSTELLUNG

Ausstellungsimpression von FANTASTISCHE FRAUEN. SURREALE WELTEN VON MERET OPPENHEIM BIS FRIDA KAHLO,  vom 13. Februar bis 24. Mai 2020  © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2020, Foto: Norbert Miguletz
Ausstellungsimpression von FANTASTISCHE FRAUEN. SURREALE WELTEN VON MERET OPPENHEIM BIS FRIDA KAHLO, vom 13. Februar bis 24. Mai 2020 © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2020, Foto: Norbert Miguletz

Die große Überblicksausstellung erstreckt sich über die gesamte Länge beider Galerien der Schirn und stellt die Künstlerinnen des Surrealismus mit einer repräsentativen Auswahl an Werken und auch in topografischen Räumen vor. Denn viele der Künstlerinnen bildeten in den unterschiedlichen Zentren des Surrealismus Netzwerke: in Frankreich, England, Belgien, der Tschechoslowakei, der Schweiz, Skandinavien, später in den USA und Mexiko.

Gleich zu Beginn der Ausstellung präsentiert die Schirn Meret Oppenheim (1913 Berlin – 1985 Basel), die als eine der ersten surrealistischen Künstlerinnen zu frühem Ruhm gelangte. Sie bewegte sich in jungen Jahren im unmittelbaren Umfeld der Surrealisten in Paris. Die Gruppe traf sich regelmäßig, diskutierte über politische Entwicklungen ebenso wie über die damals neue Psychoanalyse, deren Erkenntnisse sie als Impulse nutzte, um die Gesellschaft mit den Mitteln der Kunst zu verändern. Bereits 1936 nahm das New Yorker Museum of Modern Art Oppenheims ikonische „Pelztasse“ in seine Sammlung auf – sie gilt bis heute als das surrealistische Objekt schlechthin. Die Schirn zeigt Werke der Künstlerin aus den 1930er- bis 1970er-Jahren, darunter Skulpturen wie Urzeit-Venus (1933/62) und Gemälde, etwa Das Auge der Mona Lisa (1967). Die offiziellen Mitglieder der surrealistischen Gruppe um André Breton waren zunächst Männer, ab den 1930er-Jahren stießen zahlreiche Künstlerinnen dazu und beteiligten sich an den internationalen Surrealismus-Ausstellungen, etwa in New York (1936), Paris (1936 und 1938), Tokyo (1937), Amsterdam (1938) und Mexiko-Stadt (1940). Man kann von verschiedenen Generationen des Surrealismus sprechen: Die Künstlerinnen waren meist jünger, viele ihrer Hauptwerke entstanden daher in den 1940er- und 1950er-Jahren. Obwohl bis in die 1960er-Jahre weitere Ausstellungen der Gruppe stattfanden und sie sich erst 1969 auflöste, sahen zahlreiche Chronisten den Surrealismus mit dem Zweiten Weltkrieg als beendet an. Auch aufgrund dieser Erzählweise fanden die Werke der Künstlerinnen bislang zu wenig Berücksichtigung.

Le désir (das erotische Begehren) ist ein zentrales Thema des Surrealismus, der Körper der Frau ein wiederkehrendes Motiv in den Werken. Das Verhältnis der männlichen Surrealisten zu ihren Kolleginnen ist insgesamt als ambivalent zu bewerten. In vielerlei Hinsicht lehnte die Bewegung traditionell bürgerliche Vorstellungen von Familie, Sexualmoral und Eheleben ab. In den Werken der Künstler wird die Frau aber oft objektiviert, als passive Kindfrau, Fetisch oder Muse, fragmentiert oder geköpft dargestellt. Davon unterscheidet sich die Perspektive der Künstlerinnen: Zahlreiche Selbstporträts und Darstellungen der Frauen sind geprägt von einem spielerischen, selbstbewussten Umgang mit ihrem Körperbild und der weiblichen Sexualität. Die Ausstellung zeigt u. a. das Autoportrait, à l’auberge du Cheval d’Aube (1937/38) von Leonora Carrington (1917 Clayton Green – 2011 Mexiko-Stadt), in dem sie sich in der Kleidung eines jungen Mannes aus dem 18. Jahrhundert in Hosen dargestellt hat, flankiert von ihrem wiederkehrenden Alter Ego, einem Pferd, und einer Hyäne als Symbol ihres Freiheitsdrangs. Ithell Colquhoun (1906 Assam – 1988 Lamorna) malte mit Tree Anatomy (1942) eine humorvolle Umdeutung einer Vulva. Die Künstlerin Claude Cahun (1894 Nantes – 1954 Saint Helier) schuf bereits in den 1920er-Jahren ihr Hauptwerk, eine Serie von beeindruckenden und äußerst aktuellen fotografischen Selbstporträts und Fotomontagen, in der sie Androgynität und das Spiel mit Geschlechterrollen thematisierte, etwa um 1927 in Self-Portrait (I am in Training … Don’t Kiss Me). Das Werk von Leonor Fini (1907 Buenos Aires – 1996 Paris) enthält überproportional viele Männerakte, denen starke Frauenfiguren den Weg weisen wie in Dans la tour (Im Turm; 1952) oder Schutz gewähren wie in Divinité chtonienne guettant le sommeil d’un jeune homme (Erdgottheit, die den Schlaf eines Jünglings bewacht; 1946). Die Künstlerinnen rebellierten gegen geschlechtsspezifisches Rollenverhalten und präsentierten sich auch selbst mit einem betont androgynen Aussehen (Oppenheim, Cahun, Toyen) oder in unterschiedlichen Rollen und Maskeraden (Fini).

Die Surrealisten nutzten Spiele und Techniken wie die écriture automatique (automatisches Schreiben), Traumprotokolle oder Collagen, um Zugang zum Unbewussten zu eröffnen und dem Zufall Raum zu geben. Jacqueline Lamba (1910 Saint-Mandé – 1993 La Rochecorbon), Emmy Bridgwater (1906 Birmingham – 1999 Solihull) oder Unica Zürn (1916 Berlin – 1970 Paris) arbeiteten in ihrem Werk ganz zentral mit diesen Methoden. Eine eigene Sektion der Ausstellung ist den cadavres exquis gewidmet. Diese Zeichnungen oder Collagen entstanden als Gruppenspiel: Auf einem gefalteten Papier führten die Teilnehmer nacheinander die Darstellung des Vorgängers fort, ohne zu sehen, was jener kreiert hatte. Solche kollektiven Kunstwerke sollten auch den Zusammenhalt der Gruppe stärken. An diesen Spielen nahmen Mitglieder der Gruppe wie André Breton, Paul Éluard, Valentine Hugo (1887 Boulogne-sur-Mer – 1968 Paris), Jacqueline Lamba oder Yves Tanguy ebenso teil wie Laien oder Autodidakten, etwa Nusch Éluard (1906 Mulhouse – 1946 Paris).

Im Kreis der Surrealisten spielte die Auseinandersetzung mit antiker Mythologie sowie vorchristlichen und außereuropäischen Mythen und Sagen eine wichtige Rolle. Die mythische Sagengestalt des Mittelalters Melusine (Frau und Meereswesen) und die rätselhafte ägyptische Sphinx (Frau und Löwe mit Flügeln) stehen oft als Symbole für die Metamorphose, das Veränderliche, aber auch für die dämonische Verführerin und Femme fatale. Auf der Suche nach Vorbildern für ein weibliches Identitätsmodell griffen die Künstlerinnen das Motiv des Mischwesens besonders häufig auf. Die Schirn zeigt u. a. La venadita (Der kleine Hirsch; 1946) von Frida Kahlo und die Skulptur La Grande Dame (1951) von Leonora Carrington und José Horna. Die tschechische Malerin Toyen (1902 Prag – 1980 Paris) entwickelte für sich ein geschlechtsneutrales Pseudonym, abgeleitet vom französischen citoyen (Bürger). Ihr ging es nicht um Gegensätze zwischen männlich und weiblich, animalisch und menschlich, sondern um Ähnlichkeiten. In Le Paravent (1966) setzt sie einen Mund an die Stelle des Geschlechts der weiblich anmutenden Figur und schafft eine Szene, die zwischen Begehren und Furcht changiert.

Während des Zweiten Weltkriegs emigrierten viele der Surrealisten, u. a. in die USA oder nach Mexiko. Eine lebendige surrealistische Szene entwickelte sich in Mexiko um Frida Kahlo (1907 Coyoacán – 1954 Mexiko-Stadt). Die Malerin kombinierte in ihrer individuellen Ikonografie Motive der präkolonialen Kultur Mexikos mit christlichen Symbolen sowie ihrer persönlichen Biografie. Sie betonte matriarchale, feministische Traditionen und trug bewusst die Tracht der Gegend um Tehuana, die für ihre von Frauen dominierte Kultur bekannt war. Die Schirn zeigt u. a. ihre Hauptwerke Autorretrato con collar de espinas y colibrí (Selbstbildnis mit Dornenhalsband; 1940) und Autorretrato en la frontera entre México y los Estados Unidos (Selbstbildnis auf der Grenze zwischen Mexiko und den USA; 1932). Zu einer zentralen Persönlichkeit in Mexiko-Stadt wurde auch die Dichterin und Malerin Alice Rahon (1904 Chenecey-Buillon – 1987 Mexiko-Stadt), die erste Frau, deren Texte 1936 in den Éditions surréalistes verlegt wurden. Unter den weiteren surrealistischen Künstlerinnen, die sich in Mexiko niederließen und sich intensiv mit der präkolumbianischen Vergangenheit, der überbordenden Natur und den mexikanischen Mythen auseinandersetzten, waren die Malerin und Schriftstellerin Leonora Carrington, die Malerin Bridget Tichenor (1917 Paris – 1990 Mexiko-Stadt) sowie Remedios Varo (1908 Anglés – 1963 Mexiko-Stadt), deren Malstil die surrealistischen Techniken der Fumage, Frottage und Décalcomanie mit der Darstellung detailreicher altmeisterlicher Figuren vereint.

Die Fotografie bot den Surrealistinnen zahlreichen Möglichkeiten, die Abbildung der Realität durch Retuschen, nachträgliches Kolorieren, Montagen und extreme Belichtungen zu verfremden und infrage zu stellen. Jane Graverol (1905 Ixelles – 1984 Fontainebleau) oder Lola Álvarez Bravo (1903 Lagos de Moreno – 1993 Mexiko-Stadt) nutzten zudem die Technik der Collage, um Widersprüchliches zu verbinden. Gerade unter den Fotografinnen positionierten sich einige Künstlerinnen politisch. Das Werk von Dora Maar (1907 Paris – 1997 ebenda) weist neben surrealistischen Themen, die Schirn zeigt etwa 29, rue d’Astorg (1936), ein tiefgreifendes Interesse am Zeitgeschehen auf. Neben Breton unterzeichnete sie 1934 das Manifest Appel à la lutte (Aufruf zum Kampf) gegen die erstarkenden faschistischen Strömungen. Claude Cahun war in den Jahren um 1940 aktiv im Widerstand tätig und verstarb letztlich an den Folgen einer Inhaftierung. Eine besondere Rolle nimmt Lee Miller (1907 Poughkeepsie – 1977 Chiddingly) ein, die nach ihrer surrealistischen Phase ab 1944 als Kriegsfotografin tätig war.

Auch zum surrealistischen Film leisteten Künstlerinnen wesentliche Beiträge: Die Schirn zeigt La Coquille et le clergyman (Die Muschel und der Kleriker; 1927) von Germaine Dulac (1882 Amiens – 1942 Paris), der heute als erstes surrealistisches Werk der Filmgeschichte gilt. Maya Deren (1917 Kiew – 1961 New York) war eine Hauptakteurin der US-amerikanischen filmischen Avantgarde der Nachkriegszeit. Mit Filmproduktionen wie Meshes of the Afternoon (1943) hatte sie schon zuvor gegen die vorherrschenden Erzählstrukturen Hollywoods, in denen Weiblichkeit zumeist von einem männlichen Standpunkt aus beleuchtet wurde, gearbeitet.

Einige der vorgestellten Künstlerinnen waren nur kurzzeitig mit dem Surrealismus verbunden. Die US-amerikanische Künstlerin Dorothea Tanning (1910 Galesburg – 2012 New York) wandte sich in der Zwischenkriegszeit dem Surrealismus zu, um eine alternative Erzählung für die Kunst, die Gesellschaft und sich selbst zu finden. Wie auch Oppenheim oder Carrington wollte sie später nicht (mehr) als Surrealistin bezeichnet werden oder ihre Werke in Ausstellungen nur mit Arbeiten von Frauen zeigen. Die Künstlerinnen des Surrealismus betrachteten sich als Individuen, die unabhängig von ihrem Geschlecht und einer stilistischen Festlegung wahrgenommen werden wollten. Dennoch gehörten sie historisch zur surrealistischen Bewegung und spielten in dem in der Schirn vorgestellten Netzwerk eine zentrale Rolle.

Den Schlusspunkt und gleichzeitig Ausblick der Ausstellung bildet das Werk von Louise Bourgeois (1911 Paris – 2010 New York), die sich in ihren Gemälden, etwa der Serie Femme maison (1945-47), und ihrer skulpturalen Objektkunst intensiv mit Sexualität und weiblicher Identität auseinandersetzte. Sie gehörte derselben Generation von Künstlerinnen an wie Meret Oppenheim; die Rezeption ihres Werkes begann aber erst viel später. Es wird heute eher der Gegenwartskunst zugeordnet.

Eine Ausstellung der Schirn Kunsthalle Frankfurt in Kooperation mit dem Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk.

DIE KÜNSTLERINNEN DER AUSSTELLUNG Eileen Agar, Lola Álvarez Bravo, Rachel Baes, Louise Bourgeois, Emmy Bridgwater, Claude Cahun, Leonora Carrington, Ithell Colquhoun, Maya Deren, Germaine Dulac, Nusch Éluard, Leonor Fini, Jane Graverol, Valentine Hugo, Frida Kahlo, Greta Knutson, Jacqueline Lamba, Sheila Legge, Dora Maar, Emila Medková, Lee Miller, Suzanne Muzard, Meret Oppenheim, Valentine Penrose, Alice Rahon, Edith Rimmington, Kay Sage, Sophie Taeuber-Arp, Jeannette Tanguy, Dorothea Tanning, Bridget Tichenor, Toyen, Remedios Varo, Unica Zürn.

katalog-fantastische-Frauen-Hirmer-verlag250KATALOG FANTASTISCHE FRAUEN. SURREALE WELTEN VON MERET OPPENHEIM BIS FRIDA KAHLO, herausgegeben von Ingrid Pfeiffer. Mit einem Vorwort von Philipp Demandt, SCHIRN, und Poul Erik Tøjner, Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk. Mit Beiträgen von Patricia Allmer, Tere Arcq, Kirsten Degel, Heike Eipeldauer, Annabelle Görgen-Lammers, Rebecca Herlemann, Karoline Hille, Silvano Levy, Alyce Mahon, Christiane Meyer-Thoss, Laura Neve, Ingrid Pfeiffer, Gabriel Weisz Carrington sowie Biografien der einzelnen Künstlerinnen und farbigen Ansichten der Werke. Deutsche und englische Ausgabe, je 420 Seiten, 350 Abb., 24 x 29 cm, Hardcover, Hirmer Verlag, 39 € (SCHIRN), ca. 49,90 € (Buchhandel).

SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT
Römer­berg
60311 Frank­furt

Schirn widmet der Königin des Abstrakten Expressionismus, Lee Krasner, erste deutsche Überblicksschau

Lee Krasner vom  11.10.2019 bis 12.01.2020 in der Schirn. ©  Foto: Diether  v Goddenthow  Kunsthalle Frankfurt
Lee Krasner vom 11.10.2019 bis 12.01.2020 in der Schirn. © Foto: Diether v Goddenthow
Kunsthalle Frankfurt

Nachgesagt wird ihr, sie habe keine Angst gekannt. Aber gemalt hat sie mit einem Tempo  wie jemand, der ewig auf der Flucht ist. Diese Rastlosigkeit war es, die sie triebt, Lee Krasner, die nachts lieber arbeitete als ihre Schlaflosigkeit ertragen zu müssen. Vielleicht hat das – psychologisch betrachtet – etwas mit der Herkunft ihrer Familie zu tun. Diese war aus der Nähe von Odessa, Russland (heute Ukraine), vor den brutalen Judenverfolgungen und dem Russisch-Japanischen Krieg nach Amerika geflohen und Lena Krasner war das erste Kind der Familie, das in Brooklyn, New York, geboren wird, am 27. Oktober 1908.  Vielleicht haben die Traumata ihrer Eltern auch in ihrer Kinderseele  Spuren hinterlassen, gar zu einer unstillbaren inneren Leere beigetragen, die sie unentwegt antrieb,  zunächst aus der Enge der tradierten Vorstellungen ihrer zutiefst gläubigen Familie und später zu ihrem  unentwegten Schaffen. Sie wollte frei sein, unabhängig sein, ihr Leben selbst bestimmt in die Hand nehmen.  Bereits im Alter von 14 Jahren  bewarb sie sich   an der Washington Irving High School in Manhattan, der einzigen öffentlichen Schule im Großraum New York, die einen Kunstkurs für Mädchen anbot. Damit begann  das turbulente kreative Leben der Künstlerin, die  später als Pionierin des abstrakten Expressionismus gefeiert wurde.

The Eye ist the First Circle, 1960. Der Kreis ist für Lee Krasner auch Symbol ewiger Wiederkehr, für die Kreisläufe in der Natur, für die es keinen Anfang und Ende gibt. ©  Foto: Diether  v Goddenthow
The Eye ist the First Circle, 1960. Der Kreis ist für Lee Krasner auch Symbol ewiger Wiederkehr, für die Kreisläufe in der Natur, für die es keinen Anfang und Ende gibt. © Foto: Diether v Goddenthow

Und endlich, nach nunmehr mehr gut  50 Jahren ist Krasners Werk erstmals wieder  in einer großen Retrospektive  in Europa zu sehen, nämlich vom 11.10. 2019 bis 12.01.2020 in der Schirn
Kunsthalle Frankfurt.

Präsentiert werden dabei die Hauptwerke der Künstlerin, darunter Gemälde, Collagen und Zeichnungen, sowie Fotografien und Filmaufnahmen dieser Zeit. Die Ausstellung erzählt die Geschichte einer der unbeirrbarsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts und zeigt Krasners Gesamtwerk, das ein halbes Jahrhundert umfasst: Selbstporträts aus den 1920er-Jahren, Aktdarstellungen in Kohle, Werkgruppen, wie etwa die geometrischen Little Images aus den 1940er-Jahren oder wegweisende Gemälde der Prophecy-Reihe aus den 1950er-Jahren, experimentelle, großformatige Werke der Umber- und Primary-Serie der 1960er-Jahre und späte Collagen der 1970er-Jahre.

Zielstrebig nahm Krasner bereits während des High-School-Besuchs Kunstunterricht,  studierte unter anderem  in New York an der Cooper Union, der National Academy of Design, und wechselte 1937 zu Hans Hofmann,  dem einzigen Experten für europäischen Kubismus, an dessen School of Fine Arts.  Hier fand sie zu ihrem, zunächst eigentlichen Stil.  Sie war aktives Mitglied der American Abstract Artists und pflegte Freundschaften zu Ray Eames, Ashile Gorky und Willem de Kooning. Im New York der 1940er-Jahre bewegte sie sich neben Künstlern wie Mark Rothko, Barnett Newman, Stuart Davis und Jackson Pollock im Zentrum der sich neu herausbildenden Kunstrichtung des abstrakten Expressionismus, auch New York Style genannt. Mit unterschiedlichen künstlerischen Ansätzen suchte diese junge Künstlergeneration nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue bildnerische Sprache durch eine spontane, abstrakte Arbeitsweise sowie die Abkehr von europäischen Bildtraditionen. Lee Krasners Kunst stand lange im Schatten ihres Ehemanns Jackson Pollock, der mit seinen Drip Paintings einer der Hauptvertreter des Action Painting ist. Beide lebten und arbeiteten ab 1945 in einem einfachen Holzhaus in Springs, Long Island. Nach Pollocks frühem Tod bei einem Autounfall 1956 entschied sich Krasner, sein Atelier in einer umgebauten Scheune zu nutzen, und leitete damit eine neue Phase ihrer künstlerischen Karriere ein. Erstmals konnte sie auf monumentalen, nicht aufgezogenen Leinwänden arbeiten. Es entstanden einige ihrer bedeutendsten Werke, die Schirn zeigt u. a. Polar Stampede (1960), Another Storm (1963) oder Portrait in Green (1969). Anders als andere Künstler dieser Zeit, die ebenfalls ungegenständlich malten, entwickelte Krasner nie einen „signature style“, sondern reflektierte ihre Praxis mit dem Anspruch, ihre Bildsprache stets neu zu erfinden.

©  Foto: Diether  v Goddenthow
© Foto: Diether v Goddenthow

Für die Ausstellung konnte die Schirn Leihgaben aus zahlreichen internationalen Museen, öffentlichen und privaten Sammlungen gewinnen und in Frankfurt zusammenführen, u. a. der Pollock-Krasner Foundation, dem Metropolitan Museum of Art, dem San Francisco Museum of Modern Art, der National Gallery of Washington, dem Whitney Museum of American Art, dem Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, dem Philadelphia Museum of Art und dem Jewish Museum, New York. Viele der Werke sind erstmals in Deutschland zu sehen, wie etwa das monumentale, über vier Meter lange Gemälde Combat (1965) aus der National Gallery of Victoria in Australien.

Die Ausstellung „Lee Krasner“ wird von der Art Mentor Foundation Lucerne ermöglicht. Zusätzliche Unterstützung erfährt die Ausstellung durch die Terra Foundation for American Art. Dr. Philipp Demandt, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt, sagt: „Lee Krasner ist eine der wichtigsten Malerinnen der US-amerikanischen Nachkriegsmoderne und dennoch hat ihr Werk lange nicht die verdiente Aufmerksamkeit erfahren. Es erstaunt, dass unsere Ausstellung ihre erste Retrospektive in Europa nach über 50 Jahren ist. Die noch immer oft vorrangig als männlich wahrgenommene Kunst des abstrakten Expressionismus erfährt mit dieser Würdigung Krasners eine lange überfällige Neubewertung. Und für unser Publikum ist die Schau in der Schirn eine einmalige Gelegenheit die Werke der Künstlerin im Original zu erleben, denn nur wenige ihrer großformatigen Werke befinden sich in europäischen Sammlungen.“

©  Foto: Diether  v Goddenthow
© Foto: Diether v Goddenthow

Eleanor Nairne, Barbican Art Gallery, London und Dr. Ilka Voermann, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Kuratorinnen der Ausstellung, erläutern: „In Zyklen arbeitend griff Lee Krasner immer wieder auf frühere Serien zurück und entwickelte daraus neue künstlerische Ausdrucksformen. Mit bemerkenswerter Energie und Freiheit blieb sie ihrem eigenen Geist treu. Unsere Ausstellung zelebriert Krasners künstlerische Wandlungsfähigkeit und stellt den Facettenreichtum ihrer Kunst sowie ihren bedeutenden Beitrag zum abstrakten Expressionismus vor.“

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KÖNIG DER TIERE WILHELM KUHNERT UND DAS BILD VON AFRIKA

Der in die Ferne blickende Löwe ist ein Hauptmotiv bei Kuhnert, dass er unzählige Male dargestellt und variiert hat. In diesem Gemälde wirkt der Löwe allein durch die Größe der Leinwand imposant. Vor perfekter Schönheit und Anmut, mit edlem, fast menschlichem Gesichtsausdruck blickt der "König der Tiere" über sein Reich. © Foto: Diether v. Goddenthow
Der in die Ferne blickende Löwe ist ein Hauptmotiv bei Kuhnert, dass er unzählige Male dargestellt und variiert hat. In diesem Gemälde wirkt der Löwe allein durch die Größe der Leinwand imposant. Vor perfekter Schönheit und Anmut, mit edlem, fast menschlichem Gesichtsausdruck blickt der „König der Tiere“ über sein Reich. © Foto: Diether v. Goddenthow

Mit „König der  Tiere“ des Malers Wilhelm Kuhnert  (1865–1926) ist der Schirn Kunsthalle Frankfurt eine wunderbare Ausstellung gelungen, die mit imposanten, faszinierenden, nostalgisch und zugleich modern  anmutenden meisterhaften Tier- und Naturmotiven die Seelen ihrer Betrachter tief berühren dürfte. Es sei ihm eine Herzensangelegenheit gewesen, so Direktor  Dr. Phil­ipp Demandt, der gemeinsam mit Dr. Ilka Voer­mann die Ausstellung geplant und kuratiert hat. Es ist die erste eigene seit er vor zwei Jahren die Leitung der drei Häuser „Schirn Kunsthalle“, „Städel Museum“ und „Liebieghaus Skulpturensammlung“  übernommen hat. Bereits  in Berlin, als er noch Leiter der Alten Nationalgalerie war,  sei es sein Traum gewesen, diesen vergessenen Malerfürsten  auszustellen. Und er musste erst in die Mainmetropole kommen, um diese hochkarätige Ausstellung mit Unterstützung des Kulturfonds Frankfurt RheinMain und anderen Sponsoren realisieren zu können.  Kein anderer Künstler, außer vielleicht Adolph von Menzel, sei zu dieser Zeit zeichnerisch und malerisch in Präzision und Ausdruck so herausragend gewesen wie Wilhelm Kuhnert .

Krieger auf dem Pfad vor dem Kibo mit seiner schneebedeckten Spitze. Die Maasai-Krieger im Vordergrund unterstreichen die Größe des Kilimandscharo-Massivs und dienen dem Maler primär als Staffagefigueren. © Foto: Diether v. Goddenthow
Krieger auf dem Pfad vor dem Kibo mit seiner schneebedeckten Spitze. Die Maasai-Krieger im Vordergrund unterstreichen die Größe des Kilimandscharo-Massivs und dienen dem Maler primär als Staffagefigueren. © Foto: Diether v. Goddenthow

Wilhelm Kuhnert vermittelt uns einzigartige Tier- und Natur-Perspektiven eines Afrikas, dass es so nicht mehr gibt. Wie kein anderer Maler seiner Zeit hat Kuhnert Anfang des 20. Jahrhunderts unsere (idealisierte) Vorstellung von Afrika als Naturraum in Europa wie auch in den USA geprägt. Er war  einer der ersten europäischen Künstler die  Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts mehrmals die zu dieser Zeit noch weitgehend unerforschte damalige Kolonie Deutsch-Ostafrika bereiste.  Die auf diesen Reisen entstandenen Zeichnungen und Ölskizzen der dortigen Tier- und Pflanzenwelt dienten ihm als Vorlagen für monumentale Gemälde, die er nach der Rückkehr in seinem Atelier in Berlin anfertigte. Kuhnert stellte international mit großem Erfolg aus und wurde so zum führenden Interpreten der afrikanischen Tierwelt. Die Schirn Kunsthalle Frankfurt präsentiert vom 25. Oktober 2018 bis 27. Januar 2019 mit rund 120 Werken die erste große Retrospektive zum Leben und Werk des Künstlers. Die Ausstellung vereint neben Studien und Gemälden aus europäischen und amerikanischen Museen, Privatsammlungen und dem Nachlass Kuhnerts auch zahlreiche Druck und Werbegrafiken sowie Publikationen des Künstlers.

Ausstellungs-Impression © Foto: Diether v. Goddenthow
Ausstellungs-Impression © Foto: Diether v. Goddenthow

Die Ausstellung beleuchtet Kuhnerts Werk sowohl vor dem Hintergrund der Kunst- und Naturwissenschaftsgeschichte als auch der deutschen Kolonialgeschichte. Der an der Königlich Akademischen Hochschule für Bildende Künste in Berlin ausgebildete Tier- und Landschaftsmaler interessierte sich bereits früh für afrikanische Wildtiere, deren Aussehen und Verhalten er zunächst nur im Berliner Zoo aus nächster Nähe studieren konnte. Zoologische Gärten waren bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden. Sie spiegelten Erkenntnisgewinn und wissenschaftlichen Fortschritt, Weltneugier und imperialistische Bestrebungen des bürgerlichen Zeitalters. Zeitgleich wuchs der Markt für Tiergemälde und -skulpturen, da die junge, aufstrebende Künstlergeneration des späten 19. Jahrhunderts mit diesem Thema ein Tätigkeitsfeld betreten konnte. Neben formalistischen Aspekten und dem Reiz des Neuen aber trafen diese Kunstwerke auch einen Nerv der Zeit: Besonders Darstellungen von Löwen, Tigern oder Elefanten galten als Sinnbilder für Stärke, Herrschaft und Überlegenheit und vermittelten das Lebensgefühl einer Gesellschaft, die nach ihrem machtpolitischen „Platz an der Sonne“ strebte. Die Vorstellung vom Tier wurde zum Vexierbild des Menschen: Einerseits war das Tier Vorbild natürlicher – und damit ebenso göttlicher wie gesellschaftlicher und politischer – Ordnung, andererseits Wunschbild unbewusster, wilder Freiheit, ein Gegenbild zur bürgerlichen Existenz. Die afrikanischen Wildtiere boten einen freien Assoziationsrahmen für Naturromantik und Exotik.

In Wilhelm Kuhnerts Werk klingen Aspekte der Moderne an: das Malen in der freien Natur, die experimentelle Bleistiftzeichnung, der Exotismus, der Wille zur Erkundung ferner Länder und die Reise als Erweiterung des Blick- und Erfahrungsraums, oft verbunden mit Eskapismus und Zivilisationskritik. Beim Malen folgte Kuhnert einem fast wissenschaftlichen Vorgehen und erfasste das Charakteristische der Tiere auf möglichst exakte Weise. Obwohl er kein Biologe oder Zoologe war, zeugen seine detaillierten künstlerischen und schriftlichen Studien von einem Interesse an der afrikanischen Tierwelt, das weit über malerische Fragen hinausging. Seine Tierdarstellungen wurden in zoologischen Büchern wie Brehms Tierleben und in Publikationen des Frankfurter Zoodirektors Wilhelm Haacke ebenso verbreitet wie auf Schulwandbildern. Selbst auf Schokoladenverpackungen der Firma Stollwerck fanden sich Abbildungen seiner Werke. Obwohl Wilhelm Kuhnert bis heute zu den meistgesammelten Malern gehört, ist sein Œuvre einer großen Öffentlichkeit weitgehend unbekannt.

„Wilhelm Kuhnert gehört zu den herausragenden Malern und Zeichnern seiner Zeit. Kuhnerts Bilder sind nicht nur Spiegel wie Mittel der Kunst- und Naturwissenschaftsgeschichte, sondern auch der Kolonialgeschichte. Wenn die Schirn Kunsthalle Frankfurt also nunmehr Wilhelm Kuhnert die erste Retrospektive überhaupt widmet, dann nicht trotz, sondern eben wegen jener ‚großen weißen Flecken‘, die Kuhnert in der Ferne suchte – und die heute noch in unserer kollektiven Erinnerung bestehen. Diese Geschichte, die wir erzählen wollen, lehrt uns so manches über die Mechanismen von Kunst und Wissenschaft, Gesellschaft und Politik, Gedenken und Vergessen – und in all dem über uns selbst“, so Dr. Philipp Demandt, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt und zugleich Kurator der Ausstellung.

Dr. Ilka Voermann, Kuratorin der Ausstellung erläutert: „Indem er sich in seinen Gemälden auf die Tier- und Pflanzenwelt beschränkt, stellt Wilhelm Kuhnert Afrika nicht als kulturellen, sondern als Naturraum dar. Es ist ein Naturraum, der vermeintlich keine eigene Geschichte hat und damit frei für Interpretationen und Sehnsüchte ist. Kuhnerts Werke sind nicht nur bloße Abbildungen afrikanischer Natur, sondern er eignet sich den Naturraum an und füllt ihn mit westlichen Vorstellungen und Werten. Diese koloniale Ästhetik und Darstellungsstruktur ist bis heute in zahlreichen Medien präsent. Von Tierreportagen, Spielfilmen, Filmplakaten über Buchcover bis hin zur Werbung im Tourismus wird sich eines auf die Natur- und Tierwelt beschränkten AfrikaBildes bedient, das die angebliche Ursprünglichkeit und Naturhaftigkeit des Kontinents betont. Kuhnert hat diese konstruierte Vorstellung von ‚Afrika‘ auf vielen Ebenen und in verschiedenen Medien mitgeprägt.“

Themen und Werke der Ausstellung

Ausstellungs-Impression © Foto: Diether v. Goddenthow
Ausstellungs-Impression © Foto: Diether v. Goddenthow

Den Auftakt der Ausstellung bilden monumentale Einzeldarstellungen afrikanischer Tiere, wie etwa Löwe am Ruaha, Tansania, Afrika (o. J.), Verhoffendes Zebra (o. J.), Kaffernbüffel in der Steppe (o. J.) oder Elefant am Tümpel (1907). Insgesamt reiste Kuhnert vier Mal nach Afrika, davon drei Mal in die damalige Kolonie Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Burundi, Ruanda und Mosambik): 1891/92, 1905/06 und 1911/12.

Als erster Freilichtmaler in Afrika zeichnete und malte Kuhnert die Tiere nicht bloß, sondern beobachtete sie und ihren Lebensraum eingehend, notierte Verhaltensweisen, mit dem Ziel, die natürliche Umgebung als elementaren Teil des Tierdaseins in das Bildwerk zu integrieren. Die Schirn zeigt zahlreiche Zeichnungen und Ölstudien sowie rasch hingeworfene Skizzen. Besonders Letztere zeigen eindrücklich, dass Kuhnert eine Situation schnell erfassen und mit wenigen Bleistiftstrichen wiedergeben konnte. Nicht nur die Tierwelt, sondern auch die Landschaft, die afrikanische Steppe, spielt in Kuhnerts Schaffen eine hervorgehobene Rolle – ausführlich beschrieben und geschildert in seinen Tagebüchern. Kuhnert fertigte auch Studien an, in denen es weniger um die exakte Wiedergabe der Tiere und Landschaft als auf die Atmosphäre ankam, wie etwa in Landschaft in der Abenddämmerung (o. J.), auf der er handschriftlich Details zur Farbe vermerkte. Kuhnerts Kunst zeigt Anklänge an den Impressionismus, etwa in Bezug auf die Freilichtmalerei. Allerdings blieben seine stilistischen Anleihen an den Impressionismus auf wenige Beispiele und vor allem auf Ölskizzen beschränkt. Der Künstler vollendete seine Gemälde meist im Atelier in Berlin und blieb der akademischen Malerei des Realismus verpflichtet. Eine der wenigen Ausnahmen ist das Werk Löwin mit Jungen (o. J.), in dem Kuhnert das Spiel von Licht und Schatten auf dem Blattwerk und dem Fell der Tiere in grob abgesetzten Farbflächen einfing.

Grundlage für die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Tier war für Kuhnert auf seinen Expeditionen die Jagd. Die Ausstellung beleuchtet darum den Aspekt des Jagens im Schaffen des Künstlers, u. a. mit dem Bild Die Strecke (Selbstporträt) (1915), zahlreichen vor Ort gefertigten Zeichnungen und historischen Fotografien – darunter eine Aufnahme seines Berliner Ateliers, das mit zahlreichen Jagdtrophäen ausgestattet war. Die Jagd diente vornehmlich zwei Zielen: der Nahrungsversorgung des Expeditionstrupps und dem künstlerischen Studium. Der Abschuss bot die einzige Möglichkeit, zum Malen nahe genug an das Tier heranzukommen. So zeugen Kuhnerts Reisetagebücher von seiner großen Bewunderung der Tier- und Pflanzenwelt Afrikas und zugleich von einer leidenschaftlichen Jagdtätigkeit. Nicht von ungefähr hat der Künstler auch zahlreiche, schriftliche Beschreibungen von Körperbau, Muskeln und Skeletten bestimmter Tierarten hinterlassen. Zugleich beklagte Kuhnert in seinen persönlichen Aufzeichnungen wie in seinen späteren Publikationen die unkontrollierte und systematische Großwildjagd – satirisch dargestellt in der Zeichnung Größenwahn (o. J.).

Ausstellungs-Impression aus dem Bereich "Kuhnert und Deutsch-Ostafrika" © Foto: Diether v. Goddenthow
Ausstellungs-Impression aus dem Bereich „Kuhnert und Deutsch-Ostafrika“ © Foto: Diether v. Goddenthow

Die Ausstellung in der Schirn ordnet den Künstler und sein Werk in die deutsche Kunst- wie Kolonialgeschichte ein. Weder die Logistik seiner Expeditionen noch der Markterfolg seiner Kunst sind ohne den Kolonialismus denkbar, dessen Profiteur und Akteur Kuhnert war. Dabei blieb sein Verhältnis zum Kolonialismus ambivalent. Während seiner ersten Expedition 1891 hatte er sich in eine bewaffnete Strafexpedition unter dem Kommando des Reichskommissars und deutschen Kolonialisten Carl Peters (1856–1918) hineinziehen lassen. Der als „Fall Peters“ bekannt gewordene Skandal wurde 1897 vor einem kaiserlichen Disziplinargericht in Berlin verhandelt, wo Kuhnert als Belastungszeuge gegen Peters aussagte. Während seiner zweiten Expedition geriet Kuhnert in den sogenannten Maji-Maji-Krieg (1905–1908) und nahm auch kurzzeitig an Kampfhandlungen bei Mahenge teil. Die Erlebnisse des Krieges hat der Künstler in Bleistiftskizzen und einigen Ölgemälden festgehalten. In der Ausstellung sind aus dieser Zeit u. a. das Gemälde Schlacht von Mahenge (o. J.) und seltene Porträts, wie Askari (1906) zu sehen. Als Mitglied im Verein Berliner Künstler und im Verband deutscher Illustratoren beschränkte sich Kuhnerts Ausstellungstätigkeit in Deutschland weitgehend auf die jährlich stattfindende Große Berliner Kunstausstellung. Weitaus aktiver war der Künstler auf dem Gebiet der Jagd- und Kolonialausstellungen, auf denen koloniale Realität mit landwirtschaftlichen Produkten, Tiertrophäen, lokalem Kunstgewerbe und sogenannten Kolonialwaren wie Kaffee und Schokolade für ein breites Publikum in Szene gesetzt wurde. Kuhnert war oft der einzige oder einer der wenigen präsentierten Künstler. In Großbritannien wurden seine Werke ab 1911 regelmäßig in der Fine Art Society in London präsentiert. Auf der Weltausstellung in St. Louis, USA, wurde der Künstler 1904 mit einer Goldenen Medaille ausgezeichnet.

Die Ausstellung verdeutlicht, wie Kuhnerts Werk die allgemeine Vorstellung von der Tierwelt und Landschaft Afrikas im 19. Jahrhundert nachhaltig und zum Teil bis heute geprägt hat. Der Maler Kuhnert verstand und verbildlichte Afrika in erster Linie nicht als Kulturraum, sondern als Naturraum, der von wilden Tieren und weniger von Menschen bevölkert ist – eine natürliche Welt ohne eigene Geschichte und damit frei für Interpretationen und Sehnsüchte. Aufgrund der weiten Verbreitung seiner Motive durch Illustrationen in Naturkundebüchern, Werbebilder, Druckgrafiken oder Schulwandbilder fand dieses konstruierte Bild Afrikas Eingang in die Vorstellungswelt der bürgerlichen Gesellschaft. Kuhnert ging zahlreiche Kooperationen mit Wissenschaftlern ein, die seine Illustrationen für ihre Publikationen nutzten. Durch den Direktor der Berliner Zoogesellschaft Ludwig Heck (1860–1951) lernte er etwa den Naturwissenschaftler, Teilhaber des Bibliographischen Instituts Leipzig und Herausgeber von Brehms Tierleben Hans Meyer (1858– 1929) kennen. Dank Meyers Auftrag zu Illustrationen für die dritte Auflage des Buches konnte Kuhnert vermutlich seine erste Expedition nach Deutsch-Ostafrika antreten. In der Ausstellung sind ausgewählte Beispiele der Fachliteratur wie auch aus der Populärkultur zu sehen: So werden neben Illustrationen in Brehms Tierleben (1890–1893) auch weitere für Das Thierleben der Erde (1901) – herausgegeben von Wilhelm Haacke, dem damaligen Direktor des Frankfurter Zoos – und eigene Publikationen, wie Im Land meiner Modelle (1918) oder Meine Tiere (1925) präsentiert. Im Jahr 1900 entwarf Kuhnert seine erste Serie mit afrikanischen Wildtieren für die Firma Stollwerck. Seine Tierdarstellungen wurden im Kleinformat auf die Rückseiten der Schokoladenverpackungen gedruckt und als Sammelbilder für Kinder und Erwachsene vertrieben. Die Schirn zeigt Kuhnerts Entwürfe sowie die Sammelalben Stollwerck’s Tierreich (1903/04) und Das Tier im Dienste des Menschen (1910).

Die Verbindung von Tier und natürlichem Lebensraum gehört zu Kuhnerts zentralen Errungenschaften in der Tiermalerei. Zugleich berühren einige seiner Gemälde die malerische Tradition der anthropomorphen Tierdarstellung, welche seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Tier zum Spiegel menschlicher Gefühle und zum Identifikationsobjekt der bürgerlichen Gesellschaft gemacht hatte. Der letzte Teil der Ausstellung widmet sich darum dem „inszenierten Tier“ und präsentiert u. a. das Gemälde Afrikanische Löwen (um 1911), das weniger realistisches Tierverhalten abbildet als vielmehr ein gleichsam bürgerliches Familienidyll, das nicht zuletzt Moralvorstellungen seiner Entstehungszeit reflektiert.

KATALOG König der Tiere. Wilhelm Kuhnert und das Bild von Afrika, King of the Animals. Wilhelm Kuhnert and the Image of Africa, herausgegeben von Philipp Demandt und Ilka Voermann. Mit einem Vorwort von Philipp Demandt und Beiträgen von Felicitas Becker, Kathleen Chapman, Philipp Demandt, Alexander Gall, Bernhard Gissibl, Miriam Oesterreich und Ilka Voermann; Hirmer Verlag, deutsche und englische Ausgabe, je 264 Seiten, 24 x 29 cm (Hochformat), 170 Abb., Hardcover, 35,00 € (Schirn), 39,90 € (Buchhandel), ISBN: 90978-3-7774- 3128-4 (dt.), 978-3-7774-3129-1 (eng.).

BEGLEITHEFT König der Tiere. Wilhelm Kuhnert und das Bild von Afrika. Eine Einführung in die Ausstellung, herausgegeben von der Schirn Kunsthalle Frankfurt. Auf 36 Seiten werden die wichtigsten Arbeiten der Ausstellung vorgestellt und die historischen und gesellschaftspolitischen Zusammenhänge dargelegt. Ab 12 Jahren, 7,50 € einzeln, im Klassensatz 1 € pro Heft (ab 15 Stück), ISBN: 978-3-89946-285-2.

PODIUMSDISKUSSION ZUR AUSSTELLUNG Unter dem Titel Ein Bild im Kopf: Wie präsent ist Kuhnerts Porträt von Afrika heute? veranstaltet die Schirn am 25. Oktober 2018, um 19 Uhr eine Podiumsdiskussion. Das mit Experten besetzte Panel diskutiert über die Aktualität des von Wilhelm Kuhnert maßgeblich geprägten Afrika-Bildes. Ins Gespräch kommen die Historikerin Felicitas Becker (Ghent University), der Kurator der Ausstellung und Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt, Philipp Demandt, die Redakteurin des Magazins africa positive Dagmar Mundhenke, die stellvertretende Direktorin des Iwalewahauses in Bayreuth, Nadine Siegert sowie die Anthropologin, Journalistin und Filmemacherin Vanessa Wijngaarden (University of Johannesburg). Moderation: Bianca Schwarz (hr2). Im Schirn Café. Einlass mit gültigem Ausstellungsticket, Anmeldung unter Tel. +49 69 29 98 82-112 oder E-Mail fuehrungen@schirn.de.

AUDIOTOUR Zur Ausstellung ist eine Audiotour für 4 € erhältlich. Gesprochen von Axel Milberg, bietet sie wesentliche Informationen zu den wichtigsten Kunstwerken.

Ort:

Schirn Kunsthalle Frankfurt © Foto: Diether v. Goddenthow
Schirn Kunsthalle Frankfurt
© Foto: Diether v. Goddenthow

SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, Römerberg, 60311 Frankfurt
Dauer: 25. Oktober 2018 – 27. Januar 2019
Information: www.schirn.de E-MAIL welcome@schirn.de TELEFON +49 69 29 98 820 FAX +49 69 29 98 82 240
Eintritt: 9 €, ermäßigt 7 €
Kombiticket mit der Ausstellung Wildnis 14 €, ermäßigt 10 €
Freier Eintritt für Kinder unter 8 Jahren VORVERKAUF Tickets sind online unter www.schirn.de/tickets erhältlich
Führungen: Di 15 Uhr, Mi 20 Uhr, Do 19 Uhr, Sa 15 Uhr, So 17 Uhr FÜHRUNGEN BUCHEN individuelle Führungen oder Gruppenführungen buchbar unter Tel. +49 69 29 98 82-0 und E-Mail fuehrungen@schirn.de

Veranstaltungsprorgamm der Schirn Kunsthalle Frankfurt im Februar

Schirn © atelier-goddenthow Foto: Diether v. Goddenthow
Schirn © atelier-goddenthow Foto: Diether v. Goddenthow

Das umfangreiche Veranstaltungs- und Vermittlungs-Programm der Schirn Kunsthalle Frankfurt können Sie hier öffnen.

Noch bis zum 25. Februar 2018 präsentiert die Schirn eine große Themenausstellung zur Kunst im Deutschland der Jahre 1918 bis 1933. Im Fokus von Glanz und Elend in der Weimarer Republik. Von Otto Dix bis Jeanne Mammen steht das Unbehagen einer Epoche, das sich in den Motiven und Inhalten wie auch in einem breiten stilistischen Spektrum zeigt. Die Ausstellung vereint rund 200 Gemälde, Grafiken und Skulpturen von 62 bekannten sowie von bislang wenig beachteten Künstlerinnen und Künstlern, darunter Max Beckmann, Kate Diehn-Bitt, Otto Dix, Dodo, George Grosz, Carl Grossberg, Karl Hubbuch, Lotte Laserstein, Alice Lex-Nerlinger, Elfriede Lohse-Wächtler, Jeanne Mammen, Oskar Nerlinger, Franz Radziwill, Christian Schad, Rudolf Schlichter und Georg Scholz.

Am Mittwoch, dem 7. Februar, ab 19 Uhr zeigen und diskutieren die Kuratorin Ingrid Pfeiffer und der Filmwissenschaftler Henning Engelke den Filmklassiker Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt? (1932) aus der Weimarer Republik.

Mit Basquiat. Boom for Real zeigt die Schirn ab dem 16. Februar 2018 eine Überblicksausstellung zum Werk des US-ameri­ka­ni­schen Künstlers Jean-Michel Basquiat (1960–1988), der heute zu den bedeu­tends­ten Malern des 20. Jahrhunderts zählt. Mehr als drei­ßig Jahre nach seiner letz­ten Präsen­ta­tion in einer öffent­li­chen Samm­lung in Deutsch­land wird in rund 100 Werken erst­mals Basqui­ats Bezie­hung zu Musik, Texten, Film und Fern­se­hen seiner Zeit in einem über­ge­ord­ne­ten kultu­rel­len Zusam­men­hang deut­lich. Die Schirn versam­melt heraus­ra­gende Gemälde, Zeich­nun­gen, Notiz­bü­cher und Objekte aus öffent­li­chen wie priva­ten Samm­lun­gen sowie seltene Filme, Foto­gra­fien, Musik und Archiv­ma­te­rial und lässt so die Viel­falt und Dyna­mik von Basqui­ats künst­le­ri­scher Produk­tion eindrück­lich sicht­bar werden.

Am 22. Februar, ab 19 Uhr laden die Schirn und DANDY DIARY zur Eröffnung des CROWN CLUB ein, eine Reminiszenz an den legendären New Yorker Mudd Club. Hier traf sich die Kreativszene Lower Manhattans der 1970er- und 1980er-Jahre, darunter Jean-Michel Basquiat, Madonna, Klaus Nomi oder die Talking Heads. In teils stilechter und neu interpretierter Clubatmosphäre finden im CROWN CLUB in der SCHIRN jeden Donnerstagabend während der Laufzeit der Basquiat-Ausstellung Talks, Partys, Filmvorführungen und Lesungen statt. Die Ausstellung “Basquiat. Boom for Real” ist bis 22 Uhr geöffnet. Einlass mit gültigem BASQUIAT-Ticket.

Die Laufzeit der Installation [dis]connect von Philipp Fürhofer wurde bis zum 25. Februar 2018 verlängert. Mit seiner eigens für Schirn-Rotunde entwickelten Arbeit verwandelt der Künstler den Rundbau in einen Raum der Illusion.

SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT
RÖMERBERG
60311 FRANKFURT
WWW.SCHIRN.DE
WWW.SCHIRN-MAGAZIN.DE

Schirn Kunsthalle Frankfurt gelingt künstlerischer deutsch-deutscher Gesamt-Blick auf „Glanz und Elend in der Weimarer Republik von Otto Dix bis Jeanne Mammen“

Jeanne Mammen Aschermittwoch, um 1926. Mammen arbeitete für zahlreiche Zeitschriften, darunter den Ulk, den Simplicissimus und die Jugend. Als ebenso aufmerksame wie distanzierte Flaneurin durchstreifte die Künstlerin Berlin und schilderte besonders Frauen in unterschiedlichen Situationen und Rollen. Foto: Diether v. Goddenthow
Jeanne Mammen Aschermittwoch, um 1926. Mammen arbeitete für zahlreiche Zeitschriften, darunter den Ulk, den Simplicissimus und die Jugend. Als ebenso aufmerksame wie distanzierte Flaneurin durchstreifte die Künstlerin Berlin und schilderte besonders Frauen in unterschiedlichen Situationen und Rollen. Foto: Diether v. Goddenthow

In der großen Themen-Ausstellung „Glanz und Elend in der Weimarer Republik von Otto Dix bis Jeanne Mammen“, vom 27. Oktober 2017 bis 28.Feburar 2018, gelingt es der Schirn Kunsthalle Frankfurt auf faszinierende Weise, einen facettenreichen gesamtdeutschen Blick auf die bildende Kunst in Deutschland von 1918 bis 1933 zu werfen.

Die vermeintlich so glamourösen goldenen Zwanziger waren natürlich nur ein Ausschnitt, eine ganz bestimmte Facette dieser Zeit, die vor allem durch soziale Spannungen, politische Kämpfe, gesellschaftliche Umbrüche, aber auch künstlerische Revolutionen und Neuerungen geprägt war, eine Zeit der Krisen, aber auch der Übergänge zwischen dem deutschen Kaiserreich und dem Regime des Nationalsozialismus, so Philipp Demandt, Direktor der Schirn
Kunsthalle Frankfurt beim heutigen Presse-Preview.

„Die Schirn setzt mit ‚Glanz und Elend in der Weimarer Republik‘ ein Gegengewicht zu den bereits vielfach gezeigten Ausstellungen über die ‚goldenen‘ 1920er-Jahre und wirft einen Blick auf das ungeschminkte Leben in der Weimarer Republik", so Dr. Philipp Demandt. v.li.n.r.: Dr. Helmut Müller, Geschäftsführer Kulturfonds Frankfurt RheinMain, Dr. Philipp Demandt, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt, Dr. Ingrid Pfeiffer, Kuratorin der Ausstellung. Foto: Diether v. Goddenthow
„Die Schirn setzt mit ‚Glanz und Elend in der Weimarer Republik‘ ein Gegengewicht zu den bereits vielfach gezeigten Ausstellungen über die ‚goldenen‘ 1920er-Jahre und wirft einen Blick auf das ungeschminkte Leben in der Weimarer Republik“, so Dr. Philipp Demandt. v.li.n.r.: Dr. Helmut Müller, Geschäftsführer Kulturfonds Frankfurt RheinMain, Dr. Philipp Demandt, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt, Dr. Ingrid Pfeiffer, Kuratorin der Ausstellung. Foto: Diether v. Goddenthow

All diese Facetten der Weimarer Zeit spiegeln sich in der Ausstellung, aber mehr noch: Mit Ingrid Pfeiffers genial kuratierter Ausstellung wird erstmals ein deutsch-deutsches Gesamtbild der „Weimarer Kunstepoche “wiederhergestellt, welches durch die weitere deutsche Geschichte, wie den zweiten Weltkrieg, den Holocaust und die deutsch-deutsche Teilung, zerrissen worden war. Die Schirn vereint 190 Gemälde, Grafiken und Skulpturen von 62 bekannten sowie bislang weniger beachteten Künstlerinnen und Künstlern, darunter Max Beckmann, Kate Diehn-Bitt, Otto Dix, Dodo, Conrad Felixmüller, George Grosz, Carl Grossberg, Hans und Lea Grundig, Karl Hubbuch, Lotte Laserstein, Alice Lex-Nerlinger, Elfriede Lohse-Wächtler, Jeanne Mammen, Oskar Nerlinger, Franz Radziwill, Christian Schad, Rudolf Schlichter, Georg Scholz und Richard Ziegler. Historische Filme, Zeitschriften, Plakate und Fotografien liefern darüber hinaus Hintergrundinformationen.

Die Zeitschriften und Plakate aus dieser Zeit sollen die Besucher bereits im Treppenhaus ein wenig einstimmen. Mit diesem ersten Eindruck über die viel 'gewaltorientierterer Kommunikation' dieser Zeit betritt er dann die Ausstellungsräume und betrachtet die Werke.  Foto: Diether v. Goddenthow
Die Zeitschriften und Plakate aus dieser Zeit sollen die Besucher bereits im Treppenhaus ein wenig einstimmen. Mit diesem ersten Eindruck über die viel ‚gewaltorientierterer Kommunikation‘ dieser Zeit betritt er dann die Ausstellungsräume und betrachtet die Werke. Foto: Diether v. Goddenthow

Im Fokus der Ausstellung steht das Unbehagen der Epoche, das sich in den Motiven und Inhalten wie auch in einem breiten stilistischen Spektrum zeigt. In thematischen Räumen führt sie Darstellungen und Szenen aus Berlin, Dresden, Leipzig, Rostock, Stuttgart, Karlsruhe, München und Hannover zusammen, die bislang eher getrennt voneinander betrachtet wurden und eher dem „veristischen“ Flügel der Neuen Sachlichkeit zuzuordnen sind.
Viele Künstler erwiesen sich als Seismografen ihrer Zeit und scheinen das Scheitern der Weimarer Republik vorausgeahnt zu haben, lange bevor die Katastrophe tatsächlich eintrat.

Direkte, ironische, wütende, anklagende und oftmals auch prophetische Werke verdeutlichen den Kampf um die Demokratie, zeichnen das Bild einer Gesellschaft in der Krise, mitunter in ihrer Orientierungslosigkeit und im Übergang, besonders beispielhaft und drastisch dargestellt in Karl Hubbachs Werken, hier: "Im Rausch des Irrens", um 1923. Foto: Diether v. Goddenthow
Direkte, ironische, wütende, anklagende und oftmals auch prophetische Werke verdeutlichen den Kampf um die Demokratie, zeichnen das Bild einer Gesellschaft in der Krise, mitunter in ihrer Orientierungslosigkeit und im Übergang, besonders beispielhaft und drastisch dargestellt in Karl Hubbachs Werken, hier: „Im Rausch des Irrens“, um 1923. Foto: Diether v. Goddenthow

„Die Schirn setzt mit ‚Glanz und Elend in der Weimarer Republik‘ ein Gegengewicht zu den bereits vielfach gezeigten Ausstellungen über die ‚goldenen‘ 1920er-Jahre und wirft einen Blick auf das ungeschminkte Leben in der Weimarer Republik. Die rund 200 Werke der 62 Künstlerinnen und Künstler halten der Gesellschaft jener Zeit schonungslos den Spiegel vor. So tritt uns eine Epoche am seidenen Faden der Demokratie vor Augen, eine Zeit, die uns vielleicht in mancher Hinsicht näher ist, als wir glauben wollen“, so Dr. Philipp Demandt, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt, über die Ausstellung.

Gerd Graetz. Johlende Nationalsozialisten, 1929. Bleistiftzeichnung auf Papier. Foto: Diether v. Goddenthow
Gerd Graetz. Johlende Nationalsozialisten, 1929. Bleistiftzeichnung auf Papier. Foto: Diether v. Goddenthow

Die Kuratorin der Ausstellung, Dr. Ingrid Pfeiffer, erläutert: „Wir lesen die Geschichte der Weimarer Republik oft vom Ende her – von ihrem Übergang in den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg. Trotz der negativen gesellschaftspolitischen Entwicklungen, die die Künstler in ihren Werken so pointiert schildern, entstand die bis heute prägende ,Moderne‘. Die Weimarer Republik war eine progressive Epoche, in der viele wegweisende Ideen entworfen wurden – nicht nur in der Kunst, der Architektur und dem Design. Es wurde auf allen Ebenen heftig über die Ausrichtung der Republik diskutiert, über die Rolle der Frau, die Wochenarbeitszeit oder über die Paragrafen zu Abtreibung und Homosexualität. Neben dem offenkundigen Elend markieren für mich all diese Tendenzen den Glanz der Weimarer Republik.“

Die Themen und Künstler der Ausstellung
Impression der Ausstellung: GLANZ UND ELEND IN DER WEIMARER REPUBLIK VON OTTO DIX BIS JEANNE MAMMEN 27. OKTOBER 2017 – 25. FEBRUAR 2018. Foto: Diether v. Goddenthow
Impression der Ausstellung: GLANZ UND ELEND IN DER WEIMARER REPUBLIK
VON OTTO DIX BIS JEANNE MAMMEN 27. OKTOBER 2017 – 25. FEBRUAR 2018. Foto: Diether v. Goddenthow

Eines der ersten Werke der Präsentation ist das Gemälde Weimarer Fasching (um 1928/29) von Horst Naumann (1908–1990) – ein Panorama der Gesellschaft, eine konzentrierte Zusammenschau jener Phänomene, die in der Weimarer Republik bestimmend waren: die Vergnügungsindustrie, das Geld, der Sport, die Kirche, das Militär, die Waffen, die rechtsnationale Symbolik oder auch der industrielle Fortschritt. Die Hypothek, die die Weimarer Republik belastete und die junge Demokratie massiv bedrohte, waren die wirtschaftlichen Folgen des Krieges und die moralischen Belastungen durch den Versailler Vertrag und seinen Kriegsschuldparagrafen. Insbesondere die Künstler Otto Dix (1891– 1969), George Grosz (1893–1959) und Georg Scholz (1890–1945) reagierten in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg in ihren Werken mit ätzender Kritik auf die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Republik. Kriegsversehrte, Tagelöhner und Arbeitslose prägten das öffentliche Leben und fanden als Motive Einzug in die Kunst. Die Schirn zeigt Werke wie Otto Dix‘ Kriegskrüppel (1920) oder George Grosz‘ Invalide (1921/22), die direkt und mit bissigem Humor die Zustände auf den Straßen abbilden. George Grosz und Georg Scholz engagierten sich mit ihrer politisch hochaktuellen Kunst auch gegen nationalsozialistische Tendenzen und erweisen sich rückblickend mit manchen Arbeiten geradezu als Propheten kommender Ereignisse. So malte etwa Georg Scholz bereits 1921 sogenannte Hakenkreuzritter im Café.

Georg Scholz. Kriegsverein, 1922.  Drei deutschnationale Vertreter des Kriegervereins mit Hakenkreuz am Revers stehen vor dem Lokal "Der eiserne Hindenburg", und sehnen sich zurück nach der Monarchie und bekämpfen die Weimarer Republik mit allen Mitteln. Foto: Diether v. Goddenthow
Georg Scholz. Kriegsverein, 1922. Drei deutschnationale Vertreter des Kriegervereins mit Hakenkreuz am Revers stehen vor dem Lokal „Der eiserne Hindenburg“, und sehnen sich zurück nach der Monarchie und bekämpfen die Weimarer Republik mit allen Mitteln. Foto: Diether v. Goddenthow

Seit ihrer Gründung bekämpften Gegner von rechts und links die Republik, da sie andere Vorstellungen von einer gesellschaftlichen und politischen Ordnung in Deutschland hatten. Kommunistische Aufstände und rechtsradikale Putschversuche waren reale und hypothetische Gefahren. Otto Griebel (1895–1972) gehörte zu den ersten Künstlern, die schon 1922 in ihren Werken alle politischen und sozialen Gegensätze schilderten, denen die junge Republik ausgesetzt war. Zusammen mit Lea Grundig (1906–1977) und Hans Grundig (1901–1958), Conrad Felixmüller (1897–1977), Alice Lex-Nerlinger (1893–1975), Curt Querner (1904–1976) und Otto Nagel (1894– 1967) war Otto Griebel auch Mitglied der Assoziation Revolutionärer Bildender Künstler Deutschlands (ASSO oder ARBKD), die sich zuerst in Berlin und dann 1930 in Dresden gründete und mit der die Künstler aktiv am politischen Geschehen teilnahmen.

Die wachsende soziale Ungerechtigkeit in der Weimarer Republik thematisiert u. a. Georg Scholz in seinem Bild Von kommenden Dingen (1922), in dem er einen fragwürdigen Deal zwischen den wichtigsten Drahtziehern der frühen Weimarer Republik, dem Industriellen Hugo Stinnes, dem Politiker Walther Rathenau und dem Vorsitzenden der Gewerkschaft Carl Legien, illustriert. Der Spießer, der Wohlgenährte und von der Inflation profitierende Industrielle und Neureiche taucht als Typus in vielen Darstellungen dieser Zeit auf, wie in Der Schieber (1921/22) von Heinrich Maria Davringhausen (1894–1970). Ihm stehen Porträts wie Arbeitslose (1929) oder Stoffhändler (1932) von Grethe Jürgens (1899–1981) gegenüber, in denen sich für die Künstlerin die harte und unmittelbare Gegenwart abbildete.

Paul Grunwaldt. "Varieté", 1925. Foto: Diether v. Goddenthow
Paul Grunwaldt. „Varieté“, 1925. Foto: Diether v. Goddenthow

In der Weimarer Republik waren Kulturveranstaltungen nicht mehr nur das Privileg einer Elite, sondern sie wurden zum Massenvergnügen: Varietés, Revuetheater, Nachtlokale, Cafés und Bars prägten das gesellschaftliche Leben in den Großstädten und boten Möglichkeiten, dem Alltag zu entfliehen. Die Schirn versammelt Darstellungen wie Tiller Girls (vor 1927) von Karl Hofer (1878–1955), Varieté (1925) von Paul Grunwaldt (1891–1962) oder Lissy im Café (um 1930/32) von Karl Hubbuch (1891– 1979). Auch die Illustrationen und Zeichnungen für die Satirezeitschriften Ulk, Simplicissimus und Jugend, wie Logenlogik (1929) von Dodo (1907–1998) oder Aschermittwoch (um 1926) von Jeanne Mammen (1890–1976), sind Zeugnisse eines ausschweifenden, gedankenverlorenen Treibens und zeigen die Abgründe und Schattenseiten der Vergnügungswelt. Die zunehmende Prostitution wurde nicht nur gesellschaftskritisch von Heinrich Ilgenfritz (1899–1969), beispielsweise mit Ernährerin (1928–1932), oder grotesk von George Grosz und Otto Dix in Dame mit Schleier und Nerz (1920), abgebildet, sondern auch subtiler und empathischer, z. B. in Margot (1924) von Rudolf Schlichter (1890–1955) oder in den Werken von Elfriede Lohse-Wächtler (1899–1940). Letztere lebte zeitweise auf Sankt Pauli in Hamburg: Ihre Darstellungen sind drastisch, wie in Über den Leib (1930), aber manchmal auch fast humorvoll und oft voller Sympathie.

Das Rollenbild der Frau veränderte sich in der Weimarer Republik grundlegend. So porträtierten sich etwa Künstlerinnen wie Lotte Laserstein (1898–1993) und Kate Diehn-Bitt (1898–1993) entsprechend einem Verständnis der „Neuen Frau“ urban, selbstbewusst, mit Bubikopf und bisweilen androgyn. In großer Zahl ergriffen Frauen nun neue Berufe wie Telefonistin, Verkäuferin, Ärztin oder Akademikerin. Nahezu ein Drittel der in der Schirn-Ausstellung präsentierten Kunstschaffenden sind weiblich – es sind Künstlerinnen, die in bisherigen Überblickswerken zur Neuen Sachlichkeit oft fehlten. Gerade auch ihre Werke bezeugen die gesellschaftlichen Entwicklungen hin zu mehr Liberalität und Pluralität.

Arthur Segal. Das Abtreibungsgesetz, 1931. Foto: Diether v. Goddenthow
Arthur Segal. Das Abtreibungsgesetz, 1931. Foto: Diether v. Goddenthow

Die „Frauenfrage“ prägte auch die politische Debatten über Abtreibung (Paragraf 218) und Empfängnisverhütung, Eherechte, Prostitution und Frauenlöhne bis hin zu kulturkritischen Erörterungen von Mode und sexueller Orientierung. Nicht nur in Berlin, mit Jeanne Mammen, Lotte Laserstein und Alice Lex-Nerlinger, sondern auch an vielen anderen Orten – Gerta Overbeck (1898– 1977) und Grethe Jürgens in Hannover, Lea Grundig und Hilde Rakebrand (1901–1991) in Dresden, Kate Diehn-Bitt in Rostock, Elfriede Lohse-Wächtler in Hamburg, Hanna Nagel (1907–1975) in Karlsruhe – erarbeiteten Künstlerinnen eigene Spielarten und Ausprägungen eines gesellschaftskritischen Realismus.

Die Ausstellung präsentiert wichtige Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens der Weimarer Republik, darunter Galeristen, Journalisten, Schriftsteller, Komponisten, aber auch Industrielle, Ärzte und Naturwissenschaftler. Die Bildnisse der Neuen Sachlichkeit von u. a. Erich Büttner (1889–1936), Kurt Lohse (1892–1958) oder Christian Schad (1894–1982) sind Charakterdarstellungen und eindringliche Kommentare zugleich. Neben diesen realen Persönlichkeiten, die auch stellvertretend für Berufe und Funktionen zu sehen sind, entstanden auch Typen-Porträts, wie Der Radionist (1927) von Kurt Günther (1893–1955). Das Radio als neues Massenmedium war Freizeitvergnügen und Informationsquelle zugleich.

Mit dem Sport greift die Ausstellung ein weiteres Thema der Zeit auf. Für Arbeiterschaft, Bürgertum und Intellektuelle gleichermaßen verkörperte der sportliche Wettkampf ein neues Lebensgefühl. Die Ausstellung zeigt u. a. die Rugbyspieler (1929) von Max Beckmann (1884–1950), Der Schaubudenboxer (1921) von Conrad Felixmüller, Skulpturen von Renée Sintenis (1888–1965), die Sportarten wie Laufen, Fußball oder Boxen abbilden, und Ausschnitte aus dem Dokumentarfilm Wege zu Kraft und Schönheit (1925).

Die Industrialisierung gehört mit Darstellungen von Maschinen, Fabriken, Bahnhöfen und Brücken zu den häufigsten künstlerischen Motiven der Zeit. Meist sind die Industrieanlagen nicht von hektischer Betriebsamkeit erfüllt, sondern eher kühl und menschenleer wiedergegeben. In diesen melancholischen, apokalyptisch anmutenden Landschaften oder etwa den großformatigen und bildfüllenden Maschinen von Carl Grossberg (1894–1940) zeigt sich die zunehmende Skepsis gegenüber Fortschrittsoptimismus und Technikbegeisterung. Die Weimarer Republik gilt als Übergangszeit vom Deutschen Kaiserreich zur Diktatur des Nationalsozialismus: In vielen Bildern der Zeit werden Anspannung, ein ungutes Gefühl, die Vorahnung einer nahenden Katastrophe sichtbar. Das Unbehagen der Epoche wird unterschwellig deutlich. So auch in dem Bild Todessturz Karl Buchstätters (1928) von Franz Radziwill (1895–1983). Seine Biografie wie auch jene von Rudolf Schlichter spiegeln das zeittypische Changieren zwischen politischen Überzeugungen und das zwiespältiges Verhältnis zum Nationalsozialismus wider.

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KATALOG Glanz und Elend in der Weimarer Republik / Splendor and Misery in the Weimar Republic, Herausgegeben von Ingrid Pfeiffer, mit einem Vorwort von Philipp Demandt und Essays von Andreas Braune, Karoline Hille, Annelie Lütgens, Stéphanie Moeller, Olaf Peters, Dorothy Price und Martina Weinland sowie Ingrid Pfeiffer; des weiteren Künstlerbiografien und eine Chronologie zur Weimarer Republik. Deutsche und englische Ausgabe, je ca. 300 Seiten, ca. 260 Abbildungen, 29 x 24 cm, Hardcover; Gestaltung Sabine Frohmader; Hirmer Verlag, München, ISBN 978-3-7774-2932-8 (deutsch), ISBN 978-3-7774-2933-5 (englisch), 35 € (Schirn), 49,90 € (Buchhandel).

DIGITORIAL Zur Ausstellung bietet die Schirn ein Digitorial an. Das kostenfreie digitale Vermittlungsangebot ist responsiv und in deutscher und englischer Sprache erhältlich. Das Digitorial wird durch die Aventis Foundation ermöglicht. Es ist ab dem 19. September 2017 abrufbar unter www.schirn.de/digitorial.

BEGLEITHEFT Glanz und Elend in der Weimarer Republik. Eine Einführung in die Ausstellung. Herausgeber Schirn Kunsthalle Frankfurt. Auf ca. 40 Seiten werden die wichtigsten Arbeiten der Ausstellung vorgestellt und die historischen und gesellschaftspolitischen Zusammenhänge dargelegt. Ab 12 Jahren, 7,50 € einzeln, im Klassensatz 1 € pro Heft (ab 15 Stück).

Foto: Diether v. Goddenthow
Foto: Diether v. Goddenthow

ORT SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, Römerberg, 60311 Frankfurt
DAUER 27. Oktober 2017 – 25. Februar 2018
INFORMATION www.schirn.de E-MAIL welcome@schirn.de
TELEFON +49.69.29 98 82-0 FAX +49.69.29 98 82-240
EINTRITT 12 €, 9 €; freier Eintritt für Kinder unter 8 Jahren VORVERKAUF Tickets sind online unter www.schirn.de/tickets erhältlich FÜHRUNGEN Mi 19 Uhr, Do 20 Uhr, Fr 11 Uhr, Sa 17 Uhr, So 11 und 16 Uhr FÜHRUNGEN BUCHEN individuelle Führungen oder Gruppenführungen buchbar unter Tel. +49 69 29 98 82-0 und E-Mail fuehrungen@schirn.de AUDIOTOUR

Zur Ausstellung ist eine Audiotour für 4 € erhältlich. Gesprochen von Volker Bruch, bietet sie wesentliche Informationen zu den Kunstwerken DIGITORIAL Das Digitorial wird durch die Aventis Foundation ermöglicht MEDIENPARTNER Acht Frankfurt, VGF KULTURPARTNER HR2 KURATORIN Dr. Ingrid Pfeiffer KURATORISCHE ASSISTENZ Maria Sitte

 

DIORAMA ERFINDUNG EINER ILLUSION – Ausstellung zur Idee des inszenierten Sehens in der Schirn ab 6.10.2017

Das Gold des Regenwaldes,  G.-M. Salgé um 1939.  Foto: Diether v. Goddenthow
Das Gold des Regenwaldes, G.-M. Salgé um 1939. Foto: Diether v. Goddenthow

Beinahe in Vergessenheit geraten, haben Dioramen auch im Zeitalter von Film-Animation,  digitaler Simulation , Virtual-Reality-Kino und 360°-Panorama-Events nicht an Faszination verloren. Im Gegenteil: Der unglaubliche exotische Charme der bis zu 200 Jahre alten Schaubühnen und Guckkästen, die jetzt in der Ausstellung „DIORAMA ERFINDUNG EINER ILLUSION“ bis zum 21.Januar 2018 in der Schirn Kunsthalle Frankfurt zu sehen sind, dürften jeden Besucher in einen magischen Bann ziehen. Schon für Charles Boudelaire war es  „die brutale und enorme Magie“, die er an Dioramen bewunderte.

Im 19. Jahrhundert von dem französischen Maler und Wegbereiter der Fotografie, Louis Daguerre, als eine mit Lichteffekten belebte Schaubühne konzipiert, wurde der hieraus weiterentwickelte Schaukasten aus Glas oder mit Glasfront für Naturkundemuseen die Präsentationsform schlechthin.

Restaurierte semitransparente, beidseitig bemalte Leinwand mit den Motiven "Sonnenuntergang im Golf von Neapel" und "Vulkanausbruch des Vesuv", die mit samt wechselnder Stimmungen zum Leben erweckt werden kann. Das Gold des Regenwaldes,  G.-M. Salgé um 1939.  Foto: Diether v. Goddenthow
Restaurierte semitransparente, beidseitig bemalte Leinwand mit den Motiven „Sonnenuntergang im Golf von Neapel“ und „Vulkanausbruch des Vesuv“, die mit samt wechselnder Stimmungen zum Leben erweckt werden kann. Das Gold des Regenwaldes, G.-M. Salgé um 1939. Foto: Diether v. Goddenthow

Im Zentrum der Ausstellung werden Dioramen gezeigt, die  Ereignisse, Geschichten, Forschung und Lebensräume mit unterschiedlichen gestalterischen Mitteln  scheinbar wirklichkeitsgetreu arrangieren und rekonstruieren. Die Schaukästen zeigen dabei  ausschnittsweise oder vollständige Motive wissenschaftlicher, religiöser, romantischer und ethnischer  Welten idealtypisch oder auf eine Botschaft zugespitzt,  nicht ohne dabei die Wahrnehmung des Betrachters zu beeinflussen und nachhaltig herauszufordern.

1. Die Ursprünge des Dioramas

Geburt Christi (1751 - 1775) eines unbekannten Künstlers. Foto: Diether v. Goddenthow
Geburt Christi (1751 – 1775) eines unbekannten Künstlers. Foto: Diether v. Goddenthow

Eine Inspirationsquelle  moderner Dioramen zu Daguerres Zeiten Anfang des 19. Jahrhunders waren deren Vorläufer: dreidimensionale Schaubilder, die Geschichten aus der Bibel oder das Leben von Heiligen nachbildeten und sich im 16. Jahrhundert größter Beliebtheit erfreuten. Nach dem Konzil von Trient (1545-1563) versuchte die Katholische Kirche, ihre Vorherrschaft gegenüber dem aufstrebenden protestantischen Glauben wieder zu stärken. Während dieser entscheidenden Phase der Gegenreformation entwickelte sich die Kunst zu einem bedeutenden Mittel bei der Festigung des Glaubens durch die Kraft der ästhetischen Emotion. Neben lebensgroßen dreidimensionalen Darstellungen in den Kirchen dienten kleinformatige Gemälde als private Devotionalien in der häuslichen Umgebung.Ganz gleich, ob solche Szenen als Miniaturen oder lebensgroße Darstellungen angefertigt wurden: Die Künstler legten stets größten Wert auf die Ausarbeitung des Gesichtsausdrucks ihrer Figuren, auf deren Hautton, ihre Kleidung und auf das Dekor.

2. Fenster zur Welt

Erich Böttcher: Alaska-Schneeschaft (1897), aus dem Überseemuseum Bremen. Foto: Diether v. Goddenthow
Erich Böttcher: Alaska-Schneeschaft (1897), aus dem Überseemuseum Bremen. Foto: Diether v. Goddenthow

Als die Kunst der Tierpräparation im Verlauf des 19. Jahrhunderts große Fortschritte machte, wollten sich Präparatoren nicht länger damit zufrieden geben, Tiere einfach „nur“   zum Zwecke der  wissenschaftlichen Konservierung auszustopfen. Vielmehr
wollten sie ihre Arbeit mit Leben erfüllen und die Dioramen so realistisch wie möglich inszenieren.
In dieser Zeit wurden einige der berühmtesten Werkstätten für Tierpräparation gegründet, wie etwa Maison Verreaux (1803 in Paris gegründet) oder die Firma Rowland Ward, die 1870 in London ihre Tore öffnete. Rowland Ward waren es auch, die die sogenannten „Habitatgruppen“ entwickelten – eine Form der Zurschaustellung verschiedener Tiere in ihrer natürlichen Umgebung, die sich vor allem unter reichen Safariteilnehmern aus Europa größter Beliebtheit erfreute.

Foto: Diether v. Goddenthow
Foto: Diether v. Goddenthow

Auch die naturhistorischen Museen erkannten schnell den pädagogischen Wert dieser Dioramen. Im Gegensatz zur wissenschaftlichen Taxonomie der Spezies in den Schaukästen der Museen präsentierten Dioramen die Tiere in ihrem natürlichen Umfeld und trugen so zur Entstehung eines ökologischen Bewusstseins bei.

Trotz ihrer spektakulären Dramatik wurden Dioramen mit einem aufrichtigen Anspruch auf wissenschaftliche Genauigkeit erstellt. Sie waren das Ergebnis von Expeditionen in entlegene Gebiete und benötigten für ihre Herstellung eine große Zahl von Beteiligten, wie etwa Maler, Zimmerleute, Tierpräparatoren, Modellierer, Bildhauer und Botaniker.
Einige dieser einmaligen 120 bis 200 Jahre alten  Meisterwerke zeigt die Ausstellung.

3. Geschichte der Menschheit – Als Diorama

Maquett de carbet (1839) versetzt die Betrachter in ein karibisches Indianerlager, mit unter Kinder, Hunde  und Vögel. In einem üppigen Wald sieht man Menschen, die vom Fischen zurückkehren, während andere in Hängematten  ruhen oder ein Gürteltier am Lagerfeuer schlachten.  Foto: Diether v. Goddenthow
Maquett de carbet (1839) versetzt die Betrachter in ein karibisches Indianerlager, mit unter Kinder, Hunde und Vögel. In einem üppigen Wald sieht man Menschen, die vom Fischen zurückkehren, während andere in Hängematten ruhen oder ein Gürteltier am Lagerfeuer schlachten. Foto: Diether v. Goddenthow

Die ersten völkerkundlichen Dioramen entstanden – auch ergänzend zu den in Mode kommenden Völkerschauen – in den 1870er-Jahren in Nordeuropa und in den folgenden Jahren überall auf dem europäischen Kontinent. Als Ausdruck der Macht und des Reichtums einer Nation waren sie ein sichtbares Zeichen für das Ausmaß ihrer kolonialen Errungenschaften. Mit Hilfe von Pappmaché und Wachsfiguren ermöglichten Dioramen einer Vielzahl von Besuchern, den Alltag und die Traditionen der jeweiligen Kolonien kennenzulernen. Als Werkzeuge staatlicher Propaganda verkörperten diese Schaustücke die Verblendung einer Gesellschaft, in der der weiße Mann als der Höhepunkt der Evolution galt.
Im Kontext europäischer Geschichte sahen völkerkundliche Museen  im Diorama ein Mittel, um örtliche Traditionen und Glaubensvorstellungen vor dem völligen Vergessen zu bewahren. Dioramen wurden als museumswissenschaftliche Revolution betrachtet, da sie den ausgestellten Objekten Leben einhauchten – dank der Inszenierung lebensgroßer Wachsfiguren in der traditionellen Kleidung ihrer jeweiligen Herkunftsländer. Bewahrer der Tradition hofften, mit Hilfe von Dioramen die Zeit zum Stillstand zu bringen und Erbgut vor dem Vergessen zu bewahren. Georges Henri Rivière, der Gründer und Direktor des Musée National des Arts et Traditions Populaires, das 1937 in Paris eröffnet wurde, transformierte dieses Phänomen in ein wahrhaft wissenschaftliches Programm: Er sandte seine Feldforscher in alle Regionen Frankreichs aus, um dort Werkzeuge, Kleidung, Bilder und Tonaufnahmen zu sammeln, im Versuch, das ländliche Leben einer Nation zu dokumentieren und für die Nachwelt zu erhalten.

4. Die grosse Halle der Diorahmen – (zeitgenössische Auseinandersetzung)

Mark Dion, Paris Streetscape, 2017, Ausstellungsansicht Dioramas, Palais de Tokyo (14.6.–10.9.2017), verschiedene Materialien, 180 x 250 x 150 cm, Courtesy Mark Dion / Galerie in Situ – Fabienne Leclerc, Paris. Foto: Diether v. Goddenthow
Mark Dion, Paris Streetscape, 2017, Ausstellungsansicht Dioramas, Palais de Tokyo (14.6.–10.9.2017), verschiedene Materialien, 180 x 250 x 150 cm, Courtesy Mark Dion / Galerie in Situ – Fabienne Leclerc, Paris. Foto: Diether v. Goddenthow

Bis heute ist das Diorama eine wesentliche Inspirationsquelle: Zahlreiche Künstlerinnen und Künstler des 20. und 21. Jahrhunderts setzen sich in ihren Arbeiten mit dem inszenierten Sehen auseinander, indem sie das Diorama und die Illusion einer Wirklichkeit hinterfragen und auflösen.
Gezeigt werden raumgreifende Installationen, zeitgenössische Dioramen, Plastiken, Fotografien und Filme von Richard Baquié, Marvin Gaye Chetwynd, Mark Dion, Isa Genzken, Robert Gober, Mathieu Mercier, Kent Monkman, Hiroshi Sugimoto, Jeff Wall und anderen.

Erste umfassende Untersuchung zum Diorama

Die Ausstellung ist die erste umfassende Untersuchung zum Diorama und thematisiert sowohl die unterschiedlichen Entstehungsgeschichten der Präsentationsform als auch Wechselwirkungen und parallelen zeitlichen Entwicklungen. In der Gesamtheit entsteht so eine chronologische Erzählung, die aus verschiedenen Perspektiven die Kulturgeschichte des Sehens wie auch des Ausstellens nachzeichnet.

Die Ausstellung wurde organisiert von der Schirn Kunsthalle Frankfurt in Zusammenarbeit mit dem Palais de Tokyo, Paris. Dort wurde sie konzipiert und zuerst gezeigt.

Im Rahmen der Ausstellung „Diorama. Erfindung einer Illusion“ wird der Maler und Bühnenbildner Philipp Fürhofer vom 9. November 2017 bis 21. Januar 2018 eine neue Arbeit in der Rotunde der Schirn präsentieren. Die Arbeit wird gefördert durch die SCHIRN ZEITGENOSSEN.

KATALOG Diorama. Erfindung einer Illusion Herausgegeben von Katharina Dohm, Claire Garnier, Laurent Le Bon, Florence Ostende.

Mit einem Vorwort von Philipp Demandt, einer Einführung der Herausgeber sowie Essays von u. a. Donna Haraway, Hiroshi Sugimoto, Anselm Kiefer, Petra Lange-Berndt und Kent Monkman. Deutsche Ausgabe, 350 Seiten, 320 Abbildungen, 26 x 21 cm (Querformat), Softcover; Gestaltung ABM Studio; Snoeck Verlag, Köln, ISBN 978-3-86442-226-3, 29 € (Schirn), 39,80 € (Buchhandel).

WIFI-ANGEBOT „DIORAMA UND DU“ Das speziell für die Nutzung des kostenlosen SCHIRN WIFI entwickelte Vermittlungsangebot ist über das eigene Smartphone oder Tablet unter www.schirn.de/wifi erreichbar.

SCHIRN-MAGAZIN Begleitend zur Ausstellung untersucht das Schirn-Magazin www.schirn-magazin.de mit einem redaktionellen Schwerpunkt das Thema „Immersion“ und die Faszination an der perfekten Illusion heute. Abseits der Naturwissenschaft hat sich nicht nur die vielzitierte Virtual Reality zum Ziel gesetzt, dem Betrachter das Eintauchen in andere Welten zu ermöglichen. Auch Fernsehserien arbeiten längst an der Erschaffung epischer Universen, Computerspiele entführen Spieler in eine Parallelwelt, Künstler erschaffen immersive Performances.

Foto: Diether v. Goddenthow
Foto: Diether v. Goddenthow

ORT
SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, Römerberg, 60311 Frankfurt DAUER 6. Oktober 2017 – 21. Januar 2018 INFORMATION www.schirn.de E-MAIL welcome@schirn.de TELEFON +49 69 29 98 82-0 FAX +49 69 29 98 82-240
EINTRITT 9 €, ermäßigt 7 €; freier Eintritt für Kinder unter 8 Jahren ÖFFENTLICHE FÜHRUNGEN Di 17 Uhr, Mi 19 Uhr, Do 20 Uhr, Sa 15 Uhr, So 17 Uhr
FÜHRUNGEN BUCHEN individuelle Führungen oder Gruppenführungen buchbar unter Tel. +49 69 29 98 82-0 und E-Mail fuehrungen@schirn.de
MEDIENPARTNER ARTE KURATOREN Katharina Dohm, Claire Garnier, Laurent Le Bon, Florence Ostende
PROJEKTLEITUNG SCHIRN Ilka Voermann

AUSZUG AUS DEM RAHMENPROGRAMM DER AUSSTELLUNG
Während der gesamten Laufzeit der Ausstellung „Diorama. Erfindung einer Illusion” findet ein vielseitiges Rahmenprogramm statt. Einige Höhepunkte des Programms bilden die folgenden Veranstaltungen. Alle Informationen finden Sie unter www.schirn.de.

DIENSTAG, 17. OKTOBER, 19 UHR
KURATORENFÜHRUNG MIT ILKA VOERMANN
Die Kuratorin verrät Konzept und Hintergründe der Ausstellung.
Gebühr: 9 €, ermäßigt 7 €, Abendkasse, kein Vorverkauf
Anmeldung: Tel 069.29 98 82-112, fuehrungen@schirn.de

DONNERSTAG, 23. NOVEMBER, 20 UHR
KINDHEIT IM DIORAMA
Der Dichter Durs Grünbein setzt sich in seinen Werken mit Philosophie und Naturwissenschaften auseinander. In seiner Lesung „Kindheit im Diorama“ greift er die Atmosphäre der Dioramen auf.
Im SCHIRN CAFÉ, Einlass mit gültigem DIORAMA-Ticket
Anmeldung: Tel 069.29 98 82-112, fuehrungen@schirn.de

MITTWOCH, 6. DEZEMBER, 17 UHR
EXPERTENFÜHRUNG MIT PETRA LANGE-BERNDT
Die Kunsthistorikerin und Autorin im Katalog führt mit Fokus auf die zeitgenössischen Kunstwerke der Präsentation und deren Bezug zu historischen Dioramen durch die Ausstellung.
Gebühr: 9 €, ermäßigt 7 €, Abendkasse, kein Vorverkauf
Anmeldung: Tel 069.29 98 82-112, fuehrungen@schirn.de

DIENSTAG, 9. JANUAR, 19 UHR
EXPERTENFÜHRUNG MIT ANNA FRENKEL
Die biologische Präparatorin erläutert konservatorische Herausforderungen von Dioramen anhand ausgewählter Exponate der Ausstellung.
Gebühr: 9 €, ermäßigt 7 €, Abendkasse, kein Vorverkauf
Anmeldung: Tel 069.29 98 82-112, fuehrungen@schirn.de

SAMSTAG, 20. JANUAR, GEÖFFNET BIS 24 UHR
SATURDAY BEFORE CLOSING
Am letzten Samstag der Ausstellung legt ab 21.30 Uhr „Public Possession“ auf. Das SCHIRN CAFÉ sorgt für Drinks. Um 23 Uhr führt Ilka Voermann ein letztes Mal durch die Ausstellung.
Einlass mit gültigem Ausstellungsticket „Diorama“, ohne Ausstellungsticket 5 €
Anmeldung: Tel 069.29 98 82-112, fuehrungen@schirn.de

DIENSTAG, 17., MITTWOCH, 18. OKTOBER UND DONNERSTAG, 19., FREITAG, 20. OKTOBER 2017, JEWEILS 10–12 UHR
DIENSTAG, 2., MITTWOCH, 3. JANUAR UND DONNERSTAG, 4., FREITAG, 5. JANUAR 2018, JEWEILS 10–12 UHR
FERIEN IN DER MINISCHIRN 5–7 Jahre
Das freie Formen und Modellieren mit unterschiedlichen Materialien steht im Mittelpunkt der zweitägigen Ferienworkshops der MINISCHIRN. Vögel, Fische und andere Tiere werden vollplastisch gestaltet und angemalt.
Gebühr: 16 € für 2 Tage
Dauer: 2 Stunden. Eine Betreuung der Kinder bis 13 Uhr ist möglich.
Anmeldung: Tel 069.29 98 82-112, Fax 069.29 98 82-241, mini@schirn.de

SAMSTAG, 2. DEZEMBER, 14–18.30 UHR
SCHIRN AKTIV – HALBPLASTISCHE DARSTELLUNG: RELIEF
Die Gesamtansichten von historischen, naturkundlichen oder ethnologischen Szenen der Ausstellung, wie z.B. Tiere vor einem gemalten Gebirgspanorama oder religiöse Darstellungen in Guckkästen, eignen sich zur Umsetzung im Relief. Aus Ton modelliert, können einzelne Figuren auf die Grundfläche (Hochrelief) aufgesetzt oder aus der Grundfläche herausgearbeitet werden (Flachrelief). Die Reliefs werden nicht gebrannt, sondern an der Luft getrocknet.
Gebühr: 45 € zzgl. Eintritt, Abendkasse, kein Vorverkauf
Anmeldung: Tel 069.29 98 82-112, fuehrungen@schirn.de

MITTWOCH, 13. DEZEMBER, 19–21 UHR
SCHIRN AKTIV – VOM OBJEKT ZUR ZEICHNUNG
Die Ausstellung zeigt Darstellungen von naturkundlichem Wissen in Illusionsräumen wie Schaukästen oder Dioramen und untersucht die Kulturgeschichte dieser Präsentationsformen bis zu ihrer Thematisierung in der zeitgenössischen Kunst. Nach dem Ausstellungsrundgang können die Teilnehmer vor Ort zeichnen und sich durch zielgenaues Beobachten ausgewählter Objekte intensiv mit ihnen auseinandersetzen.
Gebühr: 15 € zzgl. Eintritt, Abendkasse, kein Vorverkauf
Anmeldung: Tel 069.29 98 82-112, fuehrungen@schirn.de

SAMSTAG, 18. NOVEMBER, 16–21 UHR
KINDERKUNSTNACHT
Wieder lädt die SCHIRN Familien mit Kindern von 4–10 Jahren zu einer KINDERKUNSTNACHT ein. Die Ausstellung wird mit Geschichten, Spiel und Kunstpädagogik kommentiert und präsentiert. Ein buntes, durchgehendes Workshop-Programm für Kinder ab 4 Jahren im ganzen Haus und das Angebot der MINISCHIRN runden das große Kunstspektakel ab. In Kooperation mit dem Jungen Schauspiel Frankfurt. Die Kinderdisco sorgt ab 17 Uhr für Partystimmung im SCHIRN CAFÉ.
Gebühr: 5 € pro Person, Kinder unter 3 Jahren und KinderKunstKlub-Mitglieder frei
Vorverkauf: ab 28. Oktober 2017

SCHIRN STUDIO. DIE KUNSTWERKSTATT
Angelegt als fortlaufendes Workshop-Angebot bieten einzelne Kursblöcke die Möglichkeit zur intensiven Auseinandersetzung mit Konzepten, Methoden, Medien und Techniken der Bildenden Kunst. Die altersspezifischen Kurse fordern und fördern die Beschäftigung mit der Ausstellung der SCHIRN und dem ästhetisch-künstlerischem Lernen. Sie erweitern die eigenen kunstpraktischen Fertigkeiten und leisten einen wichtigen Beitrag zu einer umfassenden Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen. Die Themeneinheiten machen Lust und Mut auf Neues und regen unkonventionelle Denk- und Ausdrucksweisen an.

SCHIRN STUDIO. DIE KUNSTWERKSTATT wird ermöglicht durch die SCHIRN FREUNDE e.V., unterstützt von DWS Investments und Deutsche Vermögensberatung AG.
Kostenfrei. Beschränkte Teilnehmerzahl
Dauer: 3 x 90 Minuten/120 Minuten
Anmeldung: Tel 069.29 98 82-112, fuehrungen@schirn.de

SCHIRN STUDIO KURS 6–9 JAHRE
BASISWISSEN KUNST: DIORAMA I
DIENSTAGS, 7., 14., 21. NOVEMBER 16–17.30 UHR
In der Ausstellung werden Arbeiten betrachtet, die im Spiel von Licht und Schatten die Wahrnehmung der Betrachter auf spektakuläre Art und Weise herausfordern. In eigenen Arbeiten wird mit Gucklocheffekten und durchscheinenden Materialien experimentiert.

BASISWISSEN KUNST: DIORAMA II
DIENSTAGS, 5., 12., 19. DEZEMBER, 16–17.30 UHR

Gemeinsam werden die naturkundlichen Präsentationen der Lebensräume von Tieren und Menschen entdeckt. Die Vielzahl der Darstellungsweisen inspiriert zu eigenen Gestaltungen mit unterschiedlichen Materialien.

SCHIRN STUDIO KURSE 9–12 JAHRE
BASISWISSEN TECHNIK: DIORAMA I
MITTWOCHS, 8., 15., 22. NOVEMBER 22., 16–17.30 UHR
Was ist ein Diorama? Welche Rolle spielt das Licht bei einem Polyorama? Und warum ist der Schlüssellocheffekt so spannend? Es wird hinter die Kulissen der einzelnen Präsentationsformen geblickt und das neuerworbene Wissen in eigenen Arbeiten angewendet.

BASISWISSEN TECHNIK: DIORAMA II
MITTWOCHS, 6., 13., 20. DEZEMBER, 16–17.30 UHR
Im Mittelpunkt des Kurses steht die Inszenierung von Objekten im Raum. Es werden Vorder-, Mittel- und Hintergründe gestaltet und zwei oder dreidimensionale Objekte in den Fokus gerückt.

SCHIRN STUDIO KURS 12–15 JAHRE
KUNSTWISSEN DIORAMA
DONNERSTAG, 9., 16., 23., 30. NOVEMBER, 7., 14. DEZEMBER, 16–17.30 UHR
Das Sammeln, Ordnen und Präsentieren als zentrale Aufgabe von Museen wird in der Ausstellung in den unterschiedlichen Dioramen sichtbar. Angeregt von den vielfältigen Möglichkeiten werden eigene Präsentationsformen gefunden, die das Zweidimensionale der Malerei mit der Dreidimensionalität von Objekten verbinden.

SCHIRN STUDIO KURS 15–19 JAHRE
KUNSTTREFFPUNKT DIORAMA
FREITAG, 10., 17., 24. NOVEMBER, 1., 8., 15. DEZEMBER, 17–19 UHR
Die Arbeiten der Ausstellung geben Orientierung und Inspiration für die bildnerische Auseinandersetzung mit persönlich relevanten Themen. In der Gestaltung der individuellen Arbeiten kann das breite Spektrum an Materialien des Schirn Studios genutzt und in vielfältigen künstlerischen Techniken zum Einsatz kommen.