Kategorie-Archiv: Schirn Kunsthalle Frankfurt

Double Feature 2017: Programm für Juli, August, September in der Schirn Kunsthalle Frankfurt


Mit den monatlichen Veranstaltungen der Reihe „Double Feature“ bietet die Schirn Kunsthalle Frankfurt nationalen und internationalen Film- und Videokünstlern ein Forum. Am jeweils letzten Montag eines Monats zeigen sie dem Publikum eine Arbeit aus ihrem eigenen Werk und einen von ihnen ebenfalls persönlich ausgewählten Lieblingsfilm. Die Künstlerinnen und Künstler geben im Gespräch mit den Kuratoren der Schirn tieferen Einblick in ihre Arbeit und insbesondere in ihr filmisches Interesse.

Im für diesen Anlass temporär eingerichteten Kinosaal im Schirn Café, für den die Künstlerin und Städel-Professorin Judith Hopf eigens einen Vorhang entworfen hat, wird die Reihe am 31. Juli 2017 mit Bianca Baldi, am 28. August mit Ben Rivers und am 25. September mit Tris Vonna-Michell fortgesetzt.

DOUBLE FEATURE MIT BIANCA BALDI
MONTAG, 31. JULI 2017, EINLASS 19.00 UHR, BEGINN 19.30 UHR
SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, EINTRITT FREI, OHNE ANMELDUNG
DIE KÜNSTLERIN IST ANWESEND.

DOUBLE FEATURE, JULI 2017, Bianca Baldi, "Fun Capital", 2012, © the artist
DOUBLE FEATURE, JULI 2017, Bianca Baldi, „Fun Capital“, 2012,
© the artist

Mit Installationen und Videoarbeiten greift die südafrikanische Künstlerin Bianca Baldi Bilder von Räumen, Orten, Objekten und Biografien unterschiedlichster Kontexte auf. Sie inszeniert diese zu neuen Bildern und Geschichten, deren Wahrheitsgehalt unbestimmbar bleibt. So werfen Baldis Werke Fragen nach dem Umgang mit vermeintlichen Fakten, historischen Erzählweisen und deren Dokumentation auf. In der Schirn präsentiert Baldi zwei Videoarbeiten. Fun Capital (2012, 5:30 Min.) zeichnet ein ambivalentes Bild von einem der ersten südafrikanischen Touristenresorts. Spätestens mit einem Auftritt Frank Sinatras im Jahr 1981 erlangte „Sun City“ internationale Bekanntheit. Der Glanz der Casinos, Showgirls und künstlich angelegten Wälder, Flüsse und Strände ist lange verblasst, ebenso wie die von Apartheid geprägte Geschichte des Vergnügungsortes in Vergessenheit geraten ist.

Auch Baldis neueste Filmarbeit Eyes in the Back of Your Head (2017, 8:23 Min.) beschreibt einen schwer zu erfassenden Raum. Sie nimmt den Betrachter mit an einen Ort, der sowohl real als auch virtuell sein kann, der zwar zu durchschreiten und zu betrachten ist, aber der sich dennoch nicht ganz erschließen lässt.

Nach einem Gespräch mit Gastkuratorin Natalie Storelli zeigt Bianca Baldi ihren Lieblingsfilm The Hypothesis of the Stolen Painting (1978, 66 Min.) des chilenisch-französischen Filmemachers Raúl Ruiz. In dem experimentellen Film versucht ein Kunstsammler das Motiv eines verschwundenen Gemäldes aus einer 7-teiligen Serie zu rekonstruieren. Eine Gruppe von Schauspielern hilft ihm bei dieser Aufgabe, indem sie die dargestellten Posen in den übrigen Gemälden kopiert und somit eine Abfolge menschlicher Tableaus erstellt.

Bianca Baldi wurde 1985 in Johannesburg (Südafrika) geboren. Sie studierte an der Michaelis School of Fine Arts, University of Cape Town, der Università Iuav di Venezia und an der Städelschule in Frankfurt am Main. Ihre Arbeiten waren zuletzt in Einzelausstellungen im Kunstverein Harburger Bahnhof (2017) und dem Goethe Institut in Johannesburg (2014) zu sehen. Sie partizipierte unter anderem in Gruppenausstellungen im Kunstverein Braunschweig (2015), im Frankfurter Kunstverein (2015) und bei der 8. Berlin Biennale (2014).

DOUBLE FEATURE MIT BEN RIVERS MONTAG, 28. AUGUST 2017, EINLASS 19.00 UHR, BEGINN 19.30 UHR SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, EINTRITT FREI, OHNE ANMELDUNG

DOUBLE FEATURE, AUGUST 2017, Ben Rivers, "What Means Something", 2015, Courtesy des Künstlers und Kate MacGarry, London
DOUBLE FEATURE, AUGUST 2017, Ben Rivers, „What Means
Something“, 2015, Courtesy des Künstlers und Kate MacGarry,
London

Ben Rivers atmosphärisch aufgeladene Filme hinterfragen die Konventionen dokumentarischer Darstellungen und reichen von der Erforschung ungewöhnlicher Lebensräume bis hin zu rätselhaften Porträtaufnahmen. Häufig bedient er sich dabei Methoden der Ethnografie und der Reisedokumentation. In Anlehnung an seine früheren Erkundungen zeigt Rivers in What Means Something (2015, 66 Min.) ein intimes, filmisches Porträt der britischen Malerin Rose Wylie in ihrem Atelier. Assoziativ gleitet der Film zwischen sinnlichen Detailaufnahmen und räumlicher Desorientierung, sodass eine äußerst persönliche, indirekte Erzählperspektive entsteht, die das Kunstschaffen selbst und dessen Prozesshaftigkeit ins Zentrum rückt.

Nach einem Gespräch mit Gastkuratorin Maria Sitte präsentiert Ben Rivers den experimentellen Kurzfilm Fake Fruit Factory (1986, 22. Min.) der amerikanischen Filmemacherin Mildred „Chick“ Strand. Der Film schildert die Interaktion zwischen mexikanischen Arbeiterinnen bei der kollektiven Herstellung von Deko-Früchten aus Pappmaché. Ausgehend von dominierenden Nahaufnahmen und rhythmischen Schnitten bewegt sich der Film zwischen Abstraktion, Voyeurismus und Fiktionalität.

Ben Rivers wurde 1972 in Somerset (England) geboren. Von 1990 bis 1993 studierte er an der Falmouth School of Art und war 1996 Mitbegründer der Brighton Cinematheque. Seine Arbeiten wurden unter anderem im Institute of Contemporary Arts, London (2017) sowie im Hamburger Kunstverein (2016), im The Whitworth, Manchester (2016) und im Camden Arts Centre, London (2015) ausgestellt. Er lebt und arbeitet in London.

DOUBLE FEATURE MIT TRIS VONNA-MICHELL
MONTAG, 25. SEPTEMBER 2017, EINLASS 19.00 UHR, BEGINN 19.30 UHR SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, EINTRITT FREI, OHNE ANMELDUNG
DER KÜNSTLER IST ANWESEND.

DOUBLE FEATURE, SEPTEMBER 2017, Tris Vonna-Michell, "Registers", 2017, Film Still, Courtesy des Künstlers und Galeria Francisco Fino, Lissabon, Jan Mot, Brüssel, Metro Pictures, New York, Overduin & Co, Los Angeles und T293, Rom
DOUBLE FEATURE, SEPTEMBER 2017, Tris Vonna-Michell,
„Registers“, 2017, Film Still, Courtesy des Künstlers und Galeria
Francisco Fino, Lissabon, Jan Mot, Brüssel, Metro Pictures, New
York, Overduin & Co, Los Angeles und T293, Rom

Der Künstler Tris Vonna-Michell erzählt mit schnellen Spoken Word Performances, Tonaufnahmen und Fotografien eingehende Geschichten, in denen er reale und fiktive Momente sowie persönliche und kulturelle Referenzen verbindet. Es entstehen narrative Strukturen, die Umwege, Assoziationsströme und auch „Sackgassen“ aufweisen. Seine Arbeiten beschäftigen sich mit Zufall und Wiederholung, sie untersuchen den Bezug zwischen Bildern und Geschichten. In der Schirn präsentiert der Künstler seine neueste Videoarbeit Registers (2017, 15 Min.). Als Diashow konzipiert, zeigt der Film sowohl digitale als auch analoge Fotografien transitorischer und öffentlicher Orte, welche Vonna-Michell während einer Reise nach Japan im Jahr 2008 anfertigte. Die Dias sind teilweise vom Künstler animiert; er platziert sie auf Lichtboxen oder projiziert sie durch Wasser. Von einem hypnotisierenden Soundtrack begleitet, entsteht so eine Erzählung, die teils Traumwelt, teils Dokumentation ist.

Im Anschluss an das Kuratoren-Gespräch mit Matthias Ulrich zeigt Vonna-Michell einen von ihm ausgewählten Lieblingsfilm.

Tris Vonna-Michell, 1982 in Southend-on-Sea (England) geboren, studierte am Falmouth College of Art, an der Glasgow School of Art sowie an der Städelschule in Frankfurt am Main. Er lebt und arbeitet heute in Stockholm, Schweden. Seine Arbeiten wurden unter anderem präsentiert im Vox Centre for Photography, Montreal (2014), im BALTIC Centre for Contemporary Art, Gateshead (2012) sowie in der Kunsthalle Zürich (2009). 2014 wurde er für den Turner Prize nominiert.

ORT:
SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT Römerberg 60311 Frankfurt DATUM
31. Juli, 28. August und 25. September 2017, Einlass 19.00 Uhr, Beginn
19.30 Uhr EINTRITT frei, ohne Anmeldung
KURATOREN Katharina Dohm, Matthias Ulrich GASTKURATORINNEN Maria Sitte, Natalie Storelli INFORMATION www.schirn.de
E-MAIL welcome@schirn.de TELEFON (+49-69) 29 98 82-0 FAX (+49-69) 29 98 82-240 ONLINE-MAGAZIN www.schirn-magazin.de

Schirn Kunsthalle Frankfurt provoziert mit Friedens-Ausstellung „Peace“ – Keine „Flower-Power-Romantik“

Foto: Diether v. Goddenthow
Foto: Diether v. Goddenthow

Ob „PEACE“ die Seelen der Menschen erreichen wird, wird sich erst noch zeigen müssen: Denn mutig präsentiert die Schirn Kunsthalle Frankfurt vom 1. Juli bis 24. September 2017 ihre „diskurtive“ Gruppenausstellung PEACE bewusst ohne „Flower-Power-Romantik“ á la Blumenkränzchen um Gewehre, Taubensymbolik oder Regenbogenfarben, und ohne das legendäre PEACE-Zeichen, welches am Osterwochenende im April 1958  in London erstmals bei einem Anti- Atombomben-Marsch gezeigt, und  seit den Anti-Vietnamkriegs-Aktionen bis zum heutigen Tage weltweit zum Symbol aller Friedensbewegten schlechthin avancierte.

Schirn_PEACE Peace-Logo. Gewinner © Bekata Ozdikmen (Türkei) und Paul Müller (Deutschland
Schirn_PEACE Peace-Logo. Gewinner © Bekata Ozdikmen (Türkei) und Paul Müller (Deutschland

Die Ausstellungsmacher haben das alte PEACE-Zeichen nach einer Publikums-Ausschreibung im Frühjahr 2017 abgelöst durch einen ent-emotionalisierenden hellblauen Punkt, den blauen Planeten Erde symbolisierend, religionsneutral. Auch in den weiteren Positionen wird der eigenwillige neue Weg,  den die Ausstellung „PEACE“  geht,  um   „Frieden“  zu thematisieren, sichtbar.
Frieden zeigt sich, so die Ausstellungsmacher, nicht als Gegenstand, sondern als Prozess von Interaktion und Kommunikation – nicht nur zwischen Menschen, sondern auch zwischen allen Akteuren des Ökosystems. Diese Ansicht unterscheidet sich grundlegend vom humanistischen Weltbild, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Der Blick richtet sich nun auf die Umwelt: auf Wasser, Pflanzen, Tiere, auch auf die leblosen Dinge. Es findet eine Neubewertung der Hierarchien innerhalb des Ökosystems und der letztlich schädlichen Aneignungs- und Verwertungsstrategien des Menschen statt. Die in der Ausstellung versammelten Arbeiten widmen sich dieser Neubewertung und beleuchten über Umwege u. a. soziale Systeme wie die Sprache oder Rituale des Gebens, Schenkens und Nehmens, die das (Zusammen-)Leben der Menschen erst ermöglichen. Die Ausstellung PEACE versteht sich als Impuls, darüber nachzudenken, was Frieden sein kann.

Die Ausstellungsmacher wollten erst gar nicht den unmöglichen Versuch erliegen, darzustellen, wie Frieden aussehen und  was Frieden sein könnte.  Vielmehr geht es ihnen um den Prozess des Friedens, nämlich um die Frage: „Wie geht Frieden eigentlich?“ 
Zu Einstieg in diesen spannenden Diskurs  haben Dr. Philipp Demandt, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt, Matthias Ulrich, Kurator der Ausstellung, und das Schirnausstellungsteam – gefördert von der Dr. Marschner Stiftung und den Gemeinnützigen Kulturfonds Frankfurt RheinMain – zwölf international renommierte Künstlerinnen und Künstler versammelt, die in ihren unerwarteten spannenden Positionen das Thema PEACE aus zeitgenössischer Perspektive betrachten.

Golden Ghost (The Future Belongs To Ghosts), 2011 von Surasi Kusolwong konfrontiert die Besucher gleich zu Beginn der Ausstellung: In einem Berg von textilen Fadenresten versteckt Kusolwong eigens für die Frankfurter PEACE-Ausstellung gefertigte „Gold“ketttchen, die Besucher durch Wühlen im symbolischen Wohlstandsmüll vereinzelt finden können. Ob das Projekt auf den Wert des oftmals leichtfertig weggeworfenen Industriemülls aufmerksam machen und zum achtsameren Umgang mit der wertvollen Ressource auffordern soll, sagt uns der Künstler nicht. Inwieweit das gemeinsame spielerische Schürfen nach Goldkettchen monopolyähnliche Wettbewerbesgefühle bei Besuchern entfacht, sie gar in ehrgeizigen Unrast oder doch eher in friedlichen Flow versetzt, bleibt abzuwarten. Foto: Diether v. Goddenthow
Golden Ghost (The Future Belongs To Ghosts), 2011 von Surasi Kusolwong konfrontiert die Besucher gleich zu Beginn der Ausstellung: In einem Berg von textilen Fadenresten versteckt Kusolwong eigens für die Frankfurter PEACE-Ausstellung gefertigte „Gold“ketttchen, die Besucher durch Wühlen im symbolischen Wohlstandsmüll vereinzelt finden können. Ob das Projekt auf den Wert des oftmals leichtfertig weggeworfenen Industriemülls aufmerksam machen und zum achtsameren Umgang mit der wertvollen Ressource auffordern soll, sagt uns der Künstler nicht. Inwieweit das gemeinsame spielerische Schürfen nach Goldkettchen monopolyähnliche Wettbewerbesgefühle bei Besuchern entfacht, sie gar in ehrgeizigen Unrast oder doch eher in friedlichen Flow versetzt, bleibt abzuwarten und dürfte individuell – auch von Typ u. Tageskondition abhängig. – recht unterschiedlich sein. Ob es je „friedliche, uneigennützige Menschen geben kann?“ Foto: Diether v. Goddenthow

Dabei verstehen Jan de Cock, Minerva Cuevas, Ed Fornieles, Michel Houellebecq, Surasi Kusolwong, Isabel Lewis, Lee Mingwei, Katja Novitskova, Heather Phillipson, Agnieszka Polska, Timur Si-Qin und Ulay ihre Arbeiten nicht als „Antworten“, sondern als Impulse und anregende Einladungen an die Besucher, eigene Positionen zu beziehen.
Ausstellungsbegleitend finden zahlreiche Live-Events statt wie etwa Vorträge, Lesungen, Poetry-Performances sowie Tanz- und Musikveranstaltungen.

Zur Ausstellung entsteht die interaktive Website WWW.SCHIRN-PEACE.ORG, die u. a. Essays von Prof. Chus Martínez, Dr. Mary Zournazi, Prof. Michael Marder, Texte zu den Werkpositionen, Videointerviews mit den Künstlerinnen und Künstlern sowie weiteres Dokumentationsmaterial des PEACE-Projekts vereinen wird.

(v.li.) Matthias Ulrich, Kurator der Ausstellung, Rechtsanwalt Peter Gatzemeier, Vorstandsvorsitzender Dr. Marschner-Stiftung, Dr. Philipp Demandt, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt,  Dr. Helmut Müller, Geschäftsführer Kulturfonds Frankfurt RheinMain stellen während eines Pressegespräches in der Schirn die Ausstellung PEACE. Foto: Diether v. Goddenthow
(v.li.) Matthias Ulrich, Kurator der Ausstellung, Rechtsanwalt Peter Gatzemeier, Vorstandsvorsitzender Dr. Marschner-Stiftung, Dr. Philipp Demandt, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt, Dr. Helmut Müller, Geschäftsführer Kulturfonds Frankfurt RheinMain stellen während eines Pressegespräches in der Schirn die Ausstellung PEACE. Foto: Diether v. Goddenthow

Dr. Philipp Demandt, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt, über PEACE: „Was ist Frieden? Die Frage ist simpel, die Antwort diffizil. Im Zuge einer gedanklichen Annäherung haben wir uns entschlossen, die Perspektive zu wechseln und zu fragen: Wie geht Frieden eigentlich? Die PEACE-Ausstellung kommt damit zur richtigen Zeit – das beweisen nicht nur die mehr als 600 Einreichungen der Logo-Ausschreibung. PEACE ist ein aktuelles, für die Gesellschaft relevantes Thema, das Diskussionen herausfordert und aktive Teilhabe einfordert. Die in der Ausstellung präsentierten Werke zeigen, wie die Künstlerinnen und Künstler unserer Zeit sich dem Thema nähern – und bleiben beides: Antwort und Denkanstoß zugleich.“

„Die Geschichte des Friedens ist so alt wie die Menschheit selbst. Während Krieg oft als die Natur der Menschheit verstanden wird, handelt es sich beim Frieden vermeintlich um etwas weitaus Zerbrechlicheres und Flüchtigeres. Im Medienzeitalter sind Krieg und Gewalt profitable Events und werden von der Politik mit großer Aufmerksamkeit bedacht. Der Frieden wird als eine kapitalistische, ökonomische Größe nur dann zu einer breiten gesellschaftlichen Anerkennung kommen, wenn das wirtschaftliche Auseinander-Wachstum an Bedeutung verliert und stattdessen ein kollektives Zusammen Wachstum an Attraktivität gewinnt. Die Ausstellung PEACE konstruiert Verbindungen, mit deren Hilfe andere Zugänge zu einem Leben mit und in Frieden wahrnehmbar werden. Frieden ist Gegenwart, ist Mit-Sein – mit der Welt und mit anderen sein“, erläutert Matthias Ulrich, Kurator der Ausstellung.

Lee Mingwei, The Letter Writing Project, 1998/2014, Mixed media, interaktive Installation. Foto: Diether v. Goddenthow
Lee Mingwei, The Letter Writing Project, 1998/2014, Mixed media, interaktive Installation. Foto: Diether v. Goddenthow

Auftakt der Präsentation ist die partizipative Installation The Letter Writing Project (seit 1998) des in Taiwan geborenen Künstlers Lee Mingwei (*1964). Sie behandelt Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse, aber auch die Angst, sie zu artikulieren. Diese können die Besucher in Briefen formulieren und sie in der Installation entweder für andere zum Lesen anbieten oder sie von der Schirn an bestimmte Adressaten verschicken lassen.

Eine weitere Arbeit des Künstlers, die den Titel Sonic Blossom (seit 2013) trägt, wird gemeinsam mit vier Frankfurter Museen sowie der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main realisiert. Jeweils eine Woche lang werden dort Sängerinnen und Sänger ausgewählten Besuchern die Frage Darf ich Ihnen ein Lied schenken? stellen und anschließend eines von fünf Liedern des Komponisten Franz Schubert vortragen. Sonic Blossom ist im Städel Museum (4.–9. Juli), im Deutschen Architekturmuseum (11.–16. Juli), im MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main (15.–20. August), im Museum Angewandte Kunst (22.–27. August) und in der Schirn (19.–24. September) zu erleben.

Die Suche nach dem Goldkettchen im Müll. Surasi Kusolwong, Golden Ghost (The Future Belongs To Ghosts), 2011, Goldketttchen versteckt in industriellen Fadenresten.Foto: Diether v. Goddenthow
Die Suche nach dem Goldkettchen im Müll. Surasi Kusolwong, Golden Ghost (The Future Belongs To Ghosts), 2011, Goldketttchen versteckt in industriellen Fadenresten.Foto: Diether v. Goddenthow

Der thailändische Künstler Surasi Kusolwong (*1965) versteckt in seiner Installation Golden Ghost (2011/2017) Goldketten in Tonnen von Fadenresten der industriellen Textilproduktion, die die Besucher der Ausstellung suchen können. Deren goldene Anhänger wurden für die Ausstellung entwickelt und in kleiner Auflage gefertigt. Auf der Suche nach den Ketten in den Abfällen der Konsumindustrie wirft der Künstler die Frage nach Kunst, Ware und Wert auf.

Katja Novitskova, Pattern of Activation (planetary bonds), 2015 Foto: Diether v. Goddenthow
Katja Novitskova, Pattern of Activation (planetary bonds), 2015 Foto: Diether v. Goddenthow

Das Interesse der estnischen Künstlerin Katja Novitskova (*1984) liegt in der Verbindung von Bildern des Humanen und technischen Daten. In ihrer Installation Pattern of Activation (planetary bonds) (2015) erscheinen automatisierte Wiegen für Babys wie Raumfahrtobjekte, ein riesiges Proteinmolekül in derselben Größe wie der Mars und automatisierte Spielzeuginsekten, die in Glaskäfigen mühevoll strampeln.

Ed Fornieles, Sim Vol. 1: Existential Risk, 2017, copyright the artist
Ed Fornieles, Sim Vol. 1: Existential Risk, 2017, copyright the artist

Der britische Künstler Ed Fornieles (*1983) hat eigens für die Ausstellung Sim Vol. 1: Existential Risk (2017) entwickelt – ein RPG (Role Playing Game). Anknüpfend an die simulierte Welt von Rollenspielen werden mögliche Formen einer post-apokalyptischen Utopie in Szene gesetzt. Der spieltheoretische Hintergrund schließt Ideen von Chaos, von Zufallsgeneratoren und Sprachspielen ein. Jeder Besucher ist eingeladen, sich anhand von Interviews mit einzelnen Spielern in deren jeweilige Position hineinzuversetzen und Szenarien selbst weiterzudenken.

Timur Si-Quin, On the path to Mirrorscape (A Place Like This) - A, 2016, Installationsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt 2017 Foto: Diether v. Goddenthow
Timur Si-Quin, On the path to Mirrorscape (A Place Like This) – A, 2016, Installationsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt 2017 Foto: Diether v. Goddenthow

Der von der zeitgenössischen Kultur und Konsumwelt faszinierte, in Berlin lebende Künstler Timur Si-Qin (*1984) eignet sich für seine digitalen Bildproduktionen bewusst Markenstrategien an. Seine Marke New Peace verwischt die Grenzen zwischen Spiritualität und Konsum. In der Ausstellung ist Si-Qin mit mehreren Arbeiten vertreten: mit einem Leuchtzeichen seines New Peace Pro Sign (2016), der zweiteiligen Arbeit On the Path to Mirrorscape (2016) sowie Mirrorscape Effigy (2016). Es sind Bilder von Landschaften zwischen Realität und Fiktion, zwischen Natur und Technik.

Jan de Cock, Everything for you, Frankfurt, 2017, Installationsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt 2017 Foto: Diether v. Goddenthow
Jan de Cock, Everything for you, Frankfurt, 2017, Installationsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt 2017 Foto: Diether v. Goddenthow

Der belgische Künstler Jan de Cock (*1976) hat unter dem Titel Everything For You, Frankfurt (2017) Skulpturen entwickelt, die er – ganz im Sinne des von ihm bereits in Hongkong oder Havanna ausgerufenen „Skulpturenkommunismus“ – als ein Geschenk an die Stadt, ihre Einwohner und Architektur versteht. Er baute im Vorfeld der Ausstellung aus einzelnen Elementen immer wieder neu kombinierte Skulpturen im Frankfurter Stadtraum kurzzeitig auf und hielt diese fotografisch fest. Sein Projekt präsentiert er in der Schirn in Form eines selbstproduzierten Magazins, das die Fotografien der Skulpturen dokumentiert und das die Besucher mitnehmen können.

Agnieszka Polska, The Talking Mountain 2015. © the artist, courtesy ŻAK | BRANICKA
Agnieszka Polska, The Talking Mountain 2015.
© the artist, courtesy ŻAK | BRANICKA

Die polnische Künstlerin Agnieszka Polska (*1985) erkundet die Bedeutung und Wirkung von Sprache sowie deren Materialisierung. Sie ist mit der aus drei Videoarbeiten bestehenden Installation The Body of Words (2015) vertreten, in der sie die Entstehung des Menschen als sprechender Organismus und ich-bewusster Körper verhandelt und auf die Anfänge der Zivilisation verweist.

Michel Houellebecq, Salle Clément, 2016, Installationsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt 2017,Foto: Diether v. Goddenthow
Michel Houellebecq, Salle Clément, 2016, Installationsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt 2017,Foto: Diether v. Goddenthow

Mit der Installation Clément (2016) hat der französische Schriftsteller Michel Houellebecq (*1958) seinem gleichnamigen verstorbenen Hund ein intimes Denkmal geschaffen. In der Mitte des dunklen, holzvertäfelten Raumes mit Teppichboden und Bildern an den Wänden befindet sich eine große Vitrine mit u. a. Spielzeugen – Devotionalien und Erinnerungen an seinen Gefährten.

Heather Phillipson 100% OTHER FIBRES, installation view Cycle Music and Art Festival, Kópavogur, Iceland, 2016, courtesy Vigfus Birgisson and the Artist Foto: Diether v. Goddenthow
Heather Phillipson 100% OTHER FIBRES, installation view Cycle Music and Art Festival, Kópavogur, Iceland, 2016, courtesy Vigfus Birgisson and the Artist Foto: Diether v. Goddenthow

Die britische Videokünstlerin Heather Phillipson (*1978) versetzt sich in die Psychologie und Physiologie von Tieren hinein. In der Filminstallation 100 % OTHER FIBRES (2016) heißt der Protagonist Gavin – ein Pudel, der aufgrund traumatischer Erlebnisse und Stress nicht mehr leben will. Im Zentrum steht sein Körper, der auch ein menschlicher Körper sein könnte. In das Changieren zwischen hündischer und menschlicher Körperlichkeit werden Gefühle wie Verlangen und Begehren, Sex und Fortpflanzung einbezogen.

Minerva Cuevas, Égalité, 2004, Wandgemälde und Poster, Courtesy of the artist und Rocío & Boris Hirmas Collection Foto: Diether v. Goddenthow
Minerva Cuevas, Égalité, 2004, Wandgemälde und Poster, Courtesy of the artist und Rocío & Boris Hirmas Collection Foto: Diether v. Goddenthow

Drei Arbeiten beschäftigen sich im letzten Ausstellungsraum mit dem Thema Wasser. Eine ganze Wand der Ausstellung füllt die mexikanische Konzeptkünstlerin Minerva Cuevas (*1975) mit einem großen Bild. Vor dem roséfarbenen Hintergrund mit hellblauer Bergkette ist in satter roter Schrift zu lesen: égalité (2004). Sofort ist das zugrunde liegende Logo der Marke evian zu erkennen, das die Künstlerin durch das französische Wort für Gleichheit ersetzt hat. Das Motiv des Wandbilds liegt als Poster für die Besucher zum Mitnehmen aus. Nach außen getragen, steht es für freie Verfügbarkeit statt Exklusivität und Vermarktung.

Ulay, Whose Water is it?, 2012, Gebürstetes Aluminium, elektrische Heizplatte, Wasserbehälter, Wasserleitung, Tropfmechanismus, Durchmesser: 150 cm, Höhe: 25 cm, Öffnung in der Mitte: 20,5 cm, copyright: the Artist. Foto: Diether v. Goddenthow
Ulay, Whose Water is it?, 2012, Gebürstetes Aluminium, elektrische Heizplatte, Wasserbehälter, Wasserleitung, Tropfmechanismus, Durchmesser: 150 cm, Höhe: 25 cm, Öffnung in der Mitte: 20,5 cm, copyright: the Artist. Foto: Diether v. Goddenthow

In großen, leuchtenden Buchstaben bringt der Foto- und Performancekünstler Ulay (*1943) die Frage Whose water is it? (2012) an die Wand. Hinter den Buchstaben scheinen Währungszeichen wie €, $, £ auf. In den letzten Jahren behandelt Ulay in zahlreichen Werken das Thema Wasser als natürliche Ressource, aber auch als Stoff, aus dem der Mensch sich konstituiert. In einer zweiten Arbeit, die in der Ausstellung präsentiert wird, führt er auf einfache und fast poetische Weise die Komplexität des Materials vor: Ein Tropfen Wasser fällt auf eine heiße Oberfläche, verpufft und löst sich im Bruchteil einer Sekunde auf – ein Sinnbild des Tropfens auf dem heißen Stein.

Isabel Lewis inmitten ihrer mit Sitzgelegenheiten und Pflanzen gestalteten Installation, die gleichzeitig Veranstaltungsort und Bühne ist. Foto: Diether v. Goddenthow
Isabel Lewis inmitten ihrer mit Sitzgelegenheiten und Pflanzen gestalteten Installation, die gleichzeitig Veranstaltungsort und Bühne ist. Foto: Diether v. Goddenthow

Die PEACE-Ausstellung mündet in einer von Isabel Lewis (*1981) mit Sitzgelegenheiten und Pflanzen gestalteten Installation, die gleichzeitig Veranstaltungsort und Bühne ist. Als „Gastgeberin“ ihrer occasions (dt.: Anlässe) richtet die ausgebildete Tänzerin Lewis dort Multimediaperformances aus. Sie erzählt, komponiert dann zu hörende Musik, singt, tanzt, „verführt“ die Sinne durch gemeinsam mit der Duftforscherin Sissel Tolaas entwickelte Aromen und serviert spezielle Drinks oder Menüs. Auf dieser Bühne wird im Rahmen ihrer occasions und in weiteren Live-Events die zentrale Frage der Ausstellung diskutiert, wie Frieden eigentlich geht.

ORT
SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, Römerberg, 60311 Frankfurt
DAUER 1. Juli – 24. September 2017
INFORMATION www.schirn-peace.org E-MAIL welcome@schirn.de
TELEFON +49.69.29 98 82-0 FAX +49.69.29 98 82-240
EINTRITT 9 €, 7 €; freier Eintritt für Kinder unter 8 Jahren ÖFFENTLICHE FÜHRUNGEN Di 17 Uhr, Mi 19 Uhr, Do 20 Uhr, Sa 17 Uhr, So 15 Uhr
FÜHRUNGEN BUCHEN individuelle Führungen oder Gruppenführungen buchbar unter Tel. +49.69.29 98 82-0 und E-Mail fuehrungen@schirn.de KURATOR Matthias Ulrich

WEBSITE
Ausstellungbegleitend entsteht die interaktive Website WWW.SCHIRN-PEACE.ORG. Sie wird u. a. Essays von Prof. Chus Martínez, Dr. Mary Zournazi, Prof. Michael Marder, Texte zu den Werkpositionen, Videointerviews mit den Künstlerinnen und Künstlern sowie weiteres Dokumentationsmaterial des PEACE-Projekts vereinen. Nach dem Ende der Ausstellung wird sie als digitale Dokumentation des Projekts dienen.

Ausstellungseröffnung PEACE am 30. Juni zum Sommerfest 2017 in der Schirn Frankfurt

© SCHIRN KUNST­HALLE FRANK­FURT am Main GmbH
© SCHIRN KUNST­HALLE FRANK­FURT am Main GmbH

Mit der Eröffnung der Ausstellung PEACE feiert die Schirn Kunsthalle Frankfurt am Freitag, dem 30. Juni 2017, ab 19 Uhr ihr jährliches, öffentliches Sommerfest. Neben dem Besuch der neuen Ausstellung erwartet die Gäste eine Soundperformance und ein Kizomba Workshop der Künstlerin Isabel Lewis sowie ein DJ-Set mit Live Vocals von Isa GT und Edna Martinez.

Die Schirn stellt mit der diskursiven Gruppenausstellung PEACE die Frage: Wie geht Frieden eigentlich? und präsentiert vom 1. Juli bis 24. September 2017 Positionen von zwölf internationalen Künstlerinnen und Künstlern. Jan de Cock, Minerva Cuevas, Ed Fornieles, Michel Houellebecq, Surasi Kusolwong, Isabel Lewis, Lee Mingwei, Katja Novitskova, Heather Phillipson, Agnieszka Polska, Timur Si-Qin und Ulay betrachten das Thema aus zeitgenössischer Perspektive.

Das PEACE-Projekt versteht sich als Impuls, darüber nachzudenken, was Frieden sein kann. So findet am ersten Eröffnungswochenende, dem 1. und 2. Juli 2017 das PEACE WEEKEND mit ausgewählten Live-Events statt: eine Performance von Sue Tompkins, zwei occasions von Isabel Lewis, ein Vortrag des Philosophen Marcus Steinweg und ein Konzert von Luci Lippard.

Infos zum Sommerfest

SCHIRN KUNST­HALLE FRANK­FURT am Main GmbH
Römer­berg
60311 Frank­furt am Main

POP, FUNK UND ANTI-HELDEN – Überblicksausstellung der eigenwilligen Malerei von Peter Saul in der Schirn Kunsthalle Frankfurt

Peter Saul Saigon, 1967, Acryl, Öl, Emaille und Tinte auf Leinwand /  236,9 x 361,3 cm. Whitney Museum of American Art © Peter Saul Photo: Sheldon C. Collins
Peter Saul Saigon, 1967, Acryl, Öl, Emaille und Tinte auf Leinwand / 236,9 x 361,3 cm. Whitney Museum of American Art © Peter Saul Photo: Sheldon C. Collins

Die Schirn Kunsthalle Frankfurt präsentiert vom 2. Juni bis 3. September 2017 eine umfassende Überblicksausstellung zum Werk des US-amerikanischen Malers Peter Saul (*1934 in San Francisco). Lange bevor „Bad Painting“ ein zentrales Anliegen der zeitgenössischen Kunst wurde, verletzte Saul ganz bewusst den guten Geschmack. In seiner ganz eigenen Sprache hat er ab den späten 1950er-Jahren ein Crossover aus Pop Art, Surrealismus, Abstraktem Expressionismus, Chicago Imaginism, San Francisco Funk und Cartoon Culture entwickelt, in dem er es versteht hochkomplexe Themen der politischen und sozialen Wirklichkeit anzusprechen. Mit der Pop Art teilt Peter Saul das Interesse am Banalen, an der Konsumgesellschaft und den heiteren Bildwelten des Comics in leuchtenden, ansprechenden Farben. Nicht zuletzt ist sein Werk aber auch mit den ästhetischen Strategien der Gegenkultur in Kalifornien verbunden. Eine fast zornige Malerei zeigt sich, wenn Saul die Schattenseiten des American Dream darstellt. Hier offenbart sich die Gleichzeitigkeit von überbordendem Humor und spielerischer, aber doch harscher Systemkritik.

Witz, Slapstick, Sprachspiel, Comic, Persiflage, oft auch derber Humor sind die Mittel seiner karikaturhaften Angriffe auf die US-amerikanische Hochkultur. Abseits von großen künstlerischen Schulen hat Saul ein äußerst eigenwilliges Œuvre entwickelt. Nie wirklich zu einer Gruppe oder Bewegung gehörend, malt er seit mehr als 50 Jahren auf seine Weise gegen die wechselnden künstlerischen Moden an. Sauls Bilder erzählen Geschichten, neigen zur Übertreibung und wehren sich gegen eindeutige Lesarten. Die Schirn versammelt rund 60 Arbeiten dieses bislang viel zu wenig beachteten „artists’ artist“, darunter wegweisende Werkgruppen, wie seine Ice Box Paintings, seine Comic-Narrationen und seine Vietnam-Bilder aus den 1950er- und 1960er-Jahren, noch nie ausgestellte Zeichnungen sowie ausgewählte späte Arbeiten der 1980er- bis 2000er-Jahre.

Die Ausstellung „Peter Saul“ wird durch die Unterstützung der Terra Foundation for American Art ermöglicht.
„Kampfeslustig hat sich Peter Saul immer wieder mit der US-amerikanischen Wirklichkeit auseinandergesetzt – und ist bis heute nicht müde geworden. Seinen Malstil können wir durchaus als ‚Propaganda für das Gute‘ bezeichnen. Seine Bilderzählungen fordern uns heraus: grelle, bunte Farben, wüste Formen gepaart mit stilistischer Originalität und immer mit einem Hang zur
Übertreibung. Peter Saul verlangt unsere ganze Aufmerksamkeit“, sagt Dr. Philipp Demandt, Direktor der Schirn über die Malerei des Künstlers.

Dr. Martina Weinhart, Kuratorin der Ausstellung zum Œuvre Peter Sauls, erläutert: „Seit seinen Anfängen in den frühen 1960er-Jahren sind der Humor und die Überschreitung die Waffen, die Peter Saul in seinen Arbeiten respektlos anwendet. Jahre später wurde dies unter dem Label Bad Painting eine zentrale Strategie der Gegenwartskunst. Als Gegner der Political Correctness instrumentiert Saul sein Œuvre als kraftvollen Amoklauf gegen die Regeln, wie ein modernes Kunstwerk zu sein hat. Und als artists’ artist hat er eine jüngere Generation USamerikanischer Künstler damit maßgeblich beeinflusst.“

Die Malerei von Peter Saul entspringt einer der wohl spannendsten Phasen der US-amerikanischen Kunstgeschichte. Mitte der 1950er-Jahre brach eine junge Künstlergeneration mit den Regeln und Werten des Abstrakten Expressionismus. Es wurde eine neue Parallele von Kunst und Leben entdeckt, in der das traditionelle Kunstwerk ausgedient hatte. In der Beschäftigung mit dem Alltag ging es darum, eine bürgerliche Vorstellung von Originalität und Einzigartigkeit zurückzuweisen.

Pop etablierte sich als Leitkultur, wurde zu einem globalen Phänomen und fand mit Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Jasper Johns und Robert Rauschenberg seine bekanntesten Vertreter. Peter Sauls Bilder wurden häufig der Pop Art zugeordnet. Trotz der motivischen Verwandtschaft und dem gemeinsamen Interesse an der Alltagskultur, die seine Arbeiten mit der Pop Art verbinden, grenzen sie sich aber auch deutlich davon ab. Den Auftakt der Ausstellung in der Schirn bildet seine frühe Werkgruppe der sogenannten Ice Box Paintings aus den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren.

Die Ice Box, der Kühlschrank, ist Symbol für Wohlstand und wirtschaftliches Wachstum der Nachkriegsgesellschaft. Sauls Bilder stellen das Chaos einer überbordenden Dingwelt dar und berichten von den Verheißungen, die damit einhergehen. Gleichzeitig sind sie auch die Bühne für Erzählungen über die Massen- und Konsumkultur: In wüster Formensprache packt Saul ganze Leben in diese Ice Boxes. Mit ihrem komplex-chaotischen Bildaufbau zeigen sie auch eine gewisse Nähe zur dynamischen Gestik des Abstrakten Expressionismus eines Willem de Kooning. Saul vereint in seiner Malerei gegensätzliche Stilrichtungen wie Pop Art und Abstrakten Expressionismus und fügt seinen Bildern das Erzählen von Geschichten als neues, eigenes Moment hinzu.

Peter Saul San Quentin # 1 (Angela Davis at San Quentin), 1971 Öl auf Leinwand / 180,3 x 238,8 cm Collection of KAWS © Peter Saul
Peter Saul San Quentin # 1 (Angela Davis at San Quentin), 1971 Öl auf Leinwand / 180,3 x 238,8 cm Collection of KAWS © Peter Saul

Als Protagonisten für seine Narrationen wählte der Maler häufig populäre Helden der Comicstrips, wie etwa Mickey Mouse, Superman oder Donald Duck. Es sind Figuren, die jeder kennt und mit denen sich die Öffentlichkeit identifizierte. In seinen Arbeiten der 1960er-Jahre verhandelt er mit seinen Comic-Charakteren ernste, politische Inhalte. In dem Bild Mickey Mouse vs. The Japs (1962) lässt er die kleine Mickey Mouse, stellvertretend für den Durchschnittsamerikaner, gegen die Japaner kämpfen und bedient damit weniger die Vorstellung der USA als Melting Pot, sondern verweist vielmehr auf die Brüche und Konflikte zwischen den Kulturen. Neben Mickey Mouse tritt Superman – bis heute die bekannteste Figur im Kreise der Superhelden – häufig in seinen Arbeiten auf. Saul dekonstruiert jedoch die Rolle des tadellosen Helden: Er setzt ihn mit Banalitäten ins Bild und konzentriert sich auf seine dunklen Momente der Niederlage. Die Schirn präsentiert aus dieser Superman-Werkgruppe etwa Superman and Superdog in Jail (1963), in dem der Held mit zerrissenem Kostüm im Gefängnis sitzt, unter ihm eine Toilettenschüssel, aus der Superdog genüsslich sabbert. Oder etwa auch Superman’s Punishment (1963), in der eine monströse Maschine Superman plattdrückt: Das Bein wird abgeknickt, der Arm flachgewalzt, und das Gesicht ist aschgrau. In einer ganzen Reihe von weiteren Bildern rückt Saul auch die Gegenseite ins Zentrum seiner Erzählungen und illustriert Verbrechen und Gewalt. Er zeigt einen Killer (1964), einen Frauenmord – Woman Being Murdered (1964), einen Täter, der nach einem Sex Crime (1964) die Frauenleiche beseitigen will, oder eine Gruppe von Bankräubern, das Super Crime Team (1961/62). Wo das Verbrechen enden kann, illustriert Saul u. a. in dem Werk Crime Doesn’t Pay (1963) – benannt nach einer beliebten Comic-Serie in den USA – und in Man in Electric Chair (1964), in denen die Gangster und Schurken mit dem Gesetz konfrontiert werden.

Peter Saul Bush at Abu Ghraib, 2006. Acryl auf Leinwand /  198 x 228,5 cm. Hall Collection © Peter Saul, Courtesy Hall Art Foundation Photo: Jeffrey Nintzel
Peter Saul Bush at Abu Ghraib, 2006. Acryl auf Leinwand / 198 x 228,5 cm. Hall Collection © Peter Saul, Courtesy Hall Art Foundation Photo: Jeffrey Nintzel

In der Mitte der 1960er-Jahre beginnt Saul, seine Kunst vermehrt mit politischen Botschaften zu verknüpfen. Unverkennbar ist auch seine Nähe zur Funk Art, im Speziellen zur Junk Culture, einem spezifischen Genre, das an der West Coast und besonders in San Francisco stark ausgeprägt war.
Seine künstlerische Haltung mit einer Vorliebe für alles Bizarre, Sinnliche, wenig Förmliche und oft sogar Hässliche wird schließlich auch in seinen in der legendären Funk-Ausstellung 1967 am University Art Museum in Berkeley präsentierten Arbeiten sichtbar. Die Funk Art war Ausdruck einer erstarkenden Gegenkultur, die leidenschaftlich die Forderungen des Konsumwahns, die Bigotterie und die Verklemmtheit, die Vulgarität und die Ungerechtigkeit der Welt verachtete. Als einer der ersten Maler wendete sich Saul 1965 mit seinen Vietnam-Bildern einem der dunkelsten Kapitel der amerikanischen Geschichte zu. Die Schirn präsentiert Yankee Garbage (1966), Vietnam (1966) und das Hauptwerk dieser Werkgruppe, Saigon (1967), in denen Saul Partei ergreift und seinen Zorn über vom US-amerikanischen Militär in Vietnam begangene Gräueltaten wie Folter und sexualisierte Gewalt ausdrückt. Auch hier bedient sich der Künstler der Comicsprache: Alle Figuren sind in einem chaotischen Durcheinander verbunden, grell bunt und überzeichnet. In diesen Bildern zeigt sich die Gleichzeitigkeit von sehr finsterem, sarkastischem Humor und bissiger Kritik am politischen System.

Neben Themen wie dem Vietnamkrieg und der sexuellen Ausbeutung der Frau verhandelt Saul in seinen Bildern auch Rassenkonflikte und die gesellschaftliche Spaltung durch Armut und Reichtum.

Die Schirn stellt eine Auswahl seiner aussagekräftigsten Bilder in der Ausstellung vor, wie etwa The Government of California (1969), in dem Saul einen Showdown von Gut und Böse unter der Golden Gate Bridge inszeniert: der ultra-konservative Gouverneur Ronald Reagan gegen die Menschenrechtsikone Martin Luther King. Neben King hat der Maler mehrfach die Bürgerrechtlerin Angela Davis porträtiert. Das Bild San Quentin #1 (Angela Davis in San Quentin) (1971) zeigt sie nackt vor den Toren des Gefängnisses, gequält von drei Schweinchen namens „Justis“, „Munny“ und „Powur“. In diesem Werk wird auch Sauls Lust am Sprachspiel und das Ignorieren von Rechtschreibung und Semantik deutlich. Sprachliche Regelbrüche ziehen sich durch sein gesamtes Œuvre. Reagan kehrt im Jahr 1983 als Motiv zurück: Mit Ronald Reagan in Grenada bildet Saul den ehemaligen Westernhelden und damaligen Präsidenten der USA als wild um sich ballernden, finsteren Anti-Superman mit Dollarnoten in der Hand ab. Bis heute bewegt sich Peter Sauls Malerei entlang aktueller Themen des US-amerikanischen Zeitgeschehens, wie etwa das Bild Bush at Abu Ghraib aus dem Jahr 2006, zeigt. Eine Ausstellung der Schirn Kunsthalle Frankfurt in Kooperation mit den Deichtorhallen Hamburg / Sammlung Falckenberg.

katalog2KATALOG Peter Saul. Herausgegeben von Martina Weinhart. Vorwort von Philipp Demandt und Dirk Luckow. Essays von Martina Weinhart und Richard Shiff. Dt./engl. Ausgabe, 168 Seiten, ca. 96 Abbildungen, 30 x 24 cm (Hochformat), Softcover, Snoeck, Köln, 2017, ISBN 978-3-86442-207-2, Preis 29 € (Schirn), 39.80 € (Buchhandel)

Ort:
SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT Römerberg, 60311 Frankfurt DAUER : 2. Juni –3. September 2017
INFORMATION www.schirn.de E-MAIL welcome@schirn.de TELEFON +49.69.29 98 82-0 FAX +49.69.29 98 82-240 EINTRITT 9 €, 7 €; freier Eintritt für Kinder unter 8 Jahren
ÖFFENTLICHE FÜHRUNGEN Mi 20 Uhr, Do 19 Uhr, Sa 15 Uhr, So 17 Uhr
FÜHRUNGEN
BUCHEN individuelle Führungen oder Gruppenführungen buchbar unter Tel. +49 69 29 98 82-0 und E-Mail fuehrungen@schirn.de

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Veranstaltungsprogramm der Schirn Kunsthalle Frankfurt für den Monat Juni 2017

Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Noch bis zum 5. Juni 2017 präsentiert die Schirn René Magrittes meisterhafte Bilderrätsel. Magritte. Der Verrat der Bilder ist die erste große Einzelausstellung des belgischen Surrealisten seit 20 Jahren in Deutschland.

Die letzten öffentlichen Rundgänge mit Audiosystem finden am Donnerstag um 20 Uhr, Freitag um 11 Uhr, Samstag um 17 Uhr und Pfingstsonntag sowie Pfingstmontag um 11 Uhr und um 15 Uhr statt.

Vom 2. Juni bis zum 3. September 2017 zeigt die Schirn eine umfassende Überblicksausstellung zum Werk des US-amerikanischen Malers Peter Saul. Lange bevor „Bad Painting“ ein zentrales Anliegen der zeitgenössischen Kunst wurde, verletzte Saul ganz bewusst den guten Geschmack. In seiner ganz eigenen Sprache hat er ab den späten 1950er-Jahren ein Crossover aus Pop Art, Surrealismus, Abstraktem Expressionismus, Chicago Imaginism, San Francisco Funk und Cartoon Culture entwickelt, in dem er es versteht hochkomplexe Themen der politischen und sozialen Wirklichkeit anzusprechen.

Am 29. Juni um 18 Uhr findet eine Kuratorenführung mit Dr. Martina Weinhart durch die Ausstellung statt.

Öffentliche Führungen finden ab dem 2. Juni jeweils mittwochs um 20 Uhr, donnerstags um 19 Uhr, samstags um 15 Uhr und sonntags um 17 Uhr statt. Ohne Anmeldung, mit gültigem Ausstellungsticket.

Ein Höhepunkt ist das jährliche Sommerfest der Schirn am 30. Juni ab 19 Uhr anlässlich der Ausstellungseröffnung von PEACE.

SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT
RÖMERBERG
D-60311 FRANKFURT
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„Der Verrat der Bilder“ – René Magrittes surreale Bilderwelten 10. FEBRUAR – 5. JUNI 2017 in der Schirn Frankfurt

Das rote Modell, 1935. Öl auf Leinwand, auf Karton übertragen. Centre Pompidou, Musée national d'art modere, Paris. Foto: Diether v. Goddenthow
Das rote Modell, 1935. Öl auf Leinwand, auf Karton übertragen. Centre Pompidou, Musée national d’art modere, Paris. Foto: Diether v. Goddenthow

Der Maler René Magritte (1898–1967) ist ein Magier der verrätselten Bilder. Die Schirn Kunsthalle Frankfurt widmet dem großen belgischen Surrealisten vom 10. Februar bis 5. Juni 2017 eine konzentrierte Einzelausstellung, die sein Verhältnis zur Philosophie seiner Zeit abbildet.

Magritte sah sich nicht als Künstler, sondern vielmehr als denkender Mensch, der seine Gedanken durch die Malerei vermittelt. Ein Leben lang beschäftigte es ihn, der Malerei eine der Sprache gleichrangige Bedeutung zu verleihen. Seine Neugier und die Nähe zu großen zeitgenössischen Philosophen, etwa zu Michel Foucault, führten ihn zu einem bemerkenswerten Schaffen, zu einer Verfremdung der Welt, die auf einzigartige Weise akkurate, meisterhafte Malerei mit konzeptuellem Denken verbindet. Die Ausstellung beleuchtet in fünf Kapiteln Magrittes Auseinandersetzung mit der Philosophie.

Seine WortBilder reflektieren seine grundsätzlichen Überlegungen zum Verhältnis von Bild und Sprache, weitere zentrale Bildformeln befassen sich mit den Legenden und Mythen der Erfindung und der Definition der Malerei. Die quasi wissenschaftliche Methode, der er in seiner Malerei folgte, bezeugt seinen Argwohn gegenüber einfachen Antworten und einem simplen Realismus. Die Schirn präsentiert Magrittes meisterhafte Bilderrätsel der 1920er- bis 1960er-Jahre, wie etwa das emblematische Selbstbildnis La Lampe philosophique (Die philosophische Lampe) (1936), La Condition Humaine (So lebt der Mensch) (1948), Les Mémoires d’un Saint (Die Erinnerungen eines Heiligen) (1960), Le Beau Monde (Schöne Welt) (1962) oder L’Heureux Donateur (Der glückliche Stifter) (1966).

Ausstellungsansicht "MAGRITTE DER VERRAT DER BILDER" Schirn Kunsthalle Frankfurt. Rechts: "Die Vergewaltigung", Öl auf Leinwand. Centre Pompidou, Musée national d'art modere, Paris. Bild Foto: Diether v. Goddenthow
Ausstellungsansicht „MAGRITTE DER VERRAT DER BILDER“ Schirn Kunsthalle Frankfurt. Rechts: René Magritte „Die Vergewaltigung“, Öl auf Leinwand. Centre Pompidou, Musée national d’art modere, Paris. Foto: Diether v. Goddenthow

Die Ausstellung vereint rund 70 Arbeiten, darunter zahlreiche Meisterwerke aus bedeutenden internationalen Museen, öffentlichen und privaten Sammlungen, u. a. dem Musée Magritte in Brüssel, dem Kunstmuseum Bern, dem Dallas Museum of Art, der Menil Collection in Houston, der Tate in London, dem Metropolitan Museum of Art in New York, dem Museum of Modern Art in New York, der National Gallery of Victoria in Melbourne und der National Gallery of Art in Washington D.C. Es ist die erste große Einzelausstellung Magrittes in Deutschland seit 20 Jahren.

Die Ausstellung „Magritte. Der Verrat der Bilder“ in der Schirn Kunsthalle Frankfurt wird durch Bank of America Merrill Lynch gefördert.

Ausstellungsansicht "MAGRITTE DER VERRAT DER BILDER" Schirn Kunsthalle Frankfurt. Rechts: René Magritte Le Psychologue, 1948. Bleistift, Aquarell, Gouache, Goldgouache auf Papier. Beaux-Arts de Belgigue, Brüssel. Foto: Diether v. Goddenthow
Ausstellungsansicht „MAGRITTE DER VERRAT DER BILDER“ Schirn Kunsthalle Frankfurt. Rechts: René Magritte Le Psychologue, 1948. Bleistift, Aquarell, Gouache, Goldgouache auf Papier. Beaux-Arts de Belgigue, Brüssel. Foto: Diether v. Goddenthow

Dr. Philipp Demandt, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt über die Ausstellung: „Mit seiner unverwechselbaren Bildsprache ist René Magritte einer der populärsten wie auch einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Große Werkschauen des belgischen Surrealisten sind seltene Ereignisse, umso mehr freue ich mich, dass die Schirn Kunsthalle Frankfurt mit ‚Magritte. Der Verrat der Bilder‘ die erste große Einzelausstellung seit 20 Jahren in Deutschland präsentieren wird. Die Besucherinnen und Besucher erwartet eine Präsentation, die Magrittes vertraute Bildformeln vor dem Hintergrund der philosophischen Auseinandersetzungen seiner Zeit beleuchtet ein Erlebnis für Auge und Geist.“

Didier Ottinger, Kurator der Ausstellung: „Über Jahrhunderte galt eine durch die Philosophie hermetisch abgeriegelte Hierarchie, die die Musiker und Dichter über die Maler, die Worte meilenweit über die Bilder stellte. Von Platon bis Hegel setzten die Philosophen die Malerei mit einer Verwirrung der Sinne gleich und erklärten die Poesie zum vollkommenen Mittler des Geistes. René Magritte hat sich mit dem Ausdruck ‚dumm wie ein Maler‘, auf den sich auch die Pariser Surrealisten beriefen, nicht abgefunden. Vielmehr trat er mit dem Pinsel unermüdlich für die Anerkennung der geistigen Würde seiner Kunst ein – erst gegen die Dichter, dann gegen die Philosophen. Magritte entwickelte eine Malerei, die eine Beziehung der Gleichwertigkeit zwischen Sehen und Denken, zwischen Bild und Wort als Ausdruck des Denkens und des Wissens postulierte.“

René Magritte gehört zu den Schlüsselfiguren der Malerei des 20. Jahrhunderts. Im Gegensatz zu den von den Pariser Surrealisten um André Breton postulierten Methoden von Traum und Automatismus wurzelt Magrittes einzigartige Bildsprache in der spezifischen Ausprägung des belgischen Surrealismus, der eine dialektische Methode und wissenschaftliches Denken forderte. Der Ausdruck „dumm wie ein Maler“, der Ende des 19. Jahrhunderts zum gängigen Sprachgebrauch gehörte, verdeutlicht die philosophisch begründete Auffassung, dass die Poesie über der Malerei, die Worte über den Bildern stehen. Magritte wollte diese Hierarchie nicht akzeptieren.

Zeitlebens forderte er die Anerkennung des geistigen Wertes seiner Kunst und verfolgte das Ziel, seine Malerei zuerst auf die Stufe der Poesie und schließlich auf die der Philosophie zu erheben. Mit quasi wissenschaftlichem Anspruch verlieh der Künstler seiner Bildsprache die Objektivität eines Vokabulars. Seine Motive, wie etwa Pfeife, Apfel, Hut, Kerze, Vorhang, Flamme, Schatten oder Fragment treten in seinen Gemälden in unterschiedlichen Kombinationen und Sinnzusammenhängen wiederholt auf.

Magritte malte Bilder, deren Sinn sich dem Betrachter universell aufdrängen sollte. Er verstand seine Malerei als Gleichung, bei der er jedem Bild die Lösung eines „Problems“ zuschrieb und dabei einem dialektischen Prinzip folgte. In dem in der Ausstellung präsentierten Gemälde La Condition humaine (So lebt der Mensch) (1935) befasst er sich etwa mit dem Problem Fenster, indem er Innen und Außen, Gesehenes und Verborgenes, Natur und Kultur von Landschaft und Bild miteinander verbindet. Von Gemälde zu Gemälde zeichnet sich so seine Vorstellungswelt ab, die aus Gegensatzpaaren wie dem Natürlichen und Künstlichen, dem Innen und Außen, dem Trieb und der Vernunft besteht.

René Magritte, This is not a pipe, 1935, Öl auf Leinwand, 27 × 41 cm, Privatsammlung © VG Bild-Kunst, Bonn 2017
René Magritte, This is not a pipe, 1935, Öl auf Leinwand, 27 × 41 cm, Privatsammlung © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Als Magritte 1927 von Brüssel nach Frankreich zog, entstanden seine ersten Wort-Bilder. Die Schirn zeigt eine Version seines wohl berühmtesten Gemäldes aus dieser Werkgruppe, La Trahison des images (Ceci n’est pas une pipe) (Der Verrat der Bilder [Das ist keine Pfeife]) (1927). Dieses zeigt in seiner typisch akkuraten Malweise eine Pfeife, unter der geschrieben steht „Das ist keine Pfeife“. In dieser widersprüchlichen Konfrontation von Text und Bild formulierte Magritte seine Zweifel an der Abbildbarkeit der Realität und stellte somit die Wahrnehmung fundamental infrage. Zwei Jahre später erschien in der Zeitschrift La Révolution surréaliste seine theoretische Abhandlung Les Mots et les Images (Die Wörter und die Bilder) (1929), welche aus 18 Bild-Wort-Paaren besteht, in denen der Maler das komplexe Beziehungsgeflecht zwischen dem Objekt, seiner Bezeichnung und seiner Repräsentation scharfsinnig und humorvoll hinterfragt. Magrittes Wort-Gemälde sind seine Antwort auf die Diffamierung der Malerei, ein Ausdruck seines Strebens nach Gleichwertigkeit zwischen Bild und Wort als Ausdrucksmittel des Geistes.

René Magritte, La Lampe philosophique, 1936, Öl auf Leinwand, 46 x 55 cm, Privatsammlung © VG Bild-Kunst, Bonn 2017 Foto: Diether v. Goddenthow
René Magritte, La Lampe philosophique, 1936, Öl auf Leinwand, 46 x 55 cm, Privatsammlung © VG Bild-Kunst, Bonn 2017 Foto: Diether v. Goddenthow

Ab den 1950er-Jahren beschäftigte sich Magritte zunehmend mit philosophischen Theorien. Er las die Werke von Martin Heidegger oder Maurice Merleau-Ponty und suchte den persönlichen Kontakt zu Philosophen seiner Zeit. Seine bevorzugten Gesprächspartner waren der Heidegger-Spezialist Alphonse De Waelhens und der Rechtsphilosoph Chaïm Perelman. Durch den Austausch mit ihnen stellte Magritte seine Gedanken über die Malerei auf die Probe, ließ aber auch keine Gelegenheit aus, sie kritisch zu hinterfragen. Die Nähe zur Philosophie lieferte ihm Argumente für den komplexen Charakter seiner Bilder. Sie diente ihm dazu, seine Malerei wissenschaftlich zu legitimieren. Immer wieder setzte er sich in seinen Gemälden auch mit antiken Mythen über die Erfindung und das Wesen der Malerei auseinander, etwa mit Platons Höhlengleichnis oder dem malerischen Wettstreit von Zeuxis und Parrhasios, über den Plinius der Ältere berichtet.

René Magritte, Les Mémoires d’un saint, 1960, Öl auf Leinwand, 80 x 99,7 cm, The Menil Collection, Houston © VG Bild-Kunst, Bonn 2017 Bild  Foto: Diether v. Goddenthow
René Magritte, Les Mémoires d’un saint, 1960, Öl auf Leinwand, 80 x 99,7 cm, The Menil Collection, Houston © VG Bild-Kunst, Bonn 2017 Bild Foto: Diether v. Goddenthow

Der kunstfertig gemalte Vorhang, jenes Motiv, mit dem Parrhasios den Wettstreit in der Fabel gewinnt, gehört zu den am häufigsten wiederkehrenden Motiven in Magrittes Gemälden, so etwa in Les Mémoires d’un saint (Die Erinnerungen eines Heiligen) (1960) oder in Le Beau Monde (Schöne Welt) (1962). Die Werke zeugen von der Fähigkeit des Künstlers, Bilder zu schaffen, die realistisch sind bis zum Grad des Trompe-l’œil, und gleichzeitig von der Reflektiertheit, mit der er seine eigene illusionistische Virtuosität ironisiert.

René Magritte Die Blankovollmacht, 1968, Öl auf Leinwand, National Gallery of Art, Washington, Collection of Mr. and Mrs. Paul Mellon, Foto: Diether v. Goddenthow
René Magritte Die Blankovollmacht, 1968, Öl auf Leinwand, National Gallery of Art, Washington, Collection of Mr. and Mrs. Paul Mellon, Foto: Diether v. Goddenthow

Ebenfalls eine wiederkehrende Konstante sind Magrittes gemalte Collagen, insbesondere von fragmentierten Körpern wie etwa in Les Marches de l’été (Die Stufen des Sommers) (1938). Auch hier nutzt er seine Kenntnis der antiken Legenden für ein malerisches Nachdenken über Schönheit, Wirklichkeit und den kreativen Prozess. Zwar blieb die Beziehung Magrittes zu den Philosophen stets freundschaftlich, doch inhaltlich redeten sie aneinander vorbei. Der Maler erhielt weder von De Waelhens noch von Perelman die philosophische Adelung, die er einforderte – bis zu seiner Begegnung mit dem großen Poststrukturalisten Michel Foucault. Er war es, der Magritte im hohen Alter endlich die gebührende Anerkennung zuteilwerden ließ und ihm posthum die bekannte Schrift Cecin’est pas une pipe (1973) widmete.

„Magritte. Der Verrat der Bilder“. Eine Ausstellung organisiert von dem Centre Pompidou, Musée national d’art moderne, Paris, in Kooperation mit der Schirn Kunsthalle Frankfurt.
Die Ausstellung steht unter der gemeinsamen Hohen Schirmherrschaft von Bundespräsident Joachim Gauck und von Seiner Majestät dem König der Belgier.

DIGITORIAL Mit dem Digitorial bietet die Schirn ein kostenfreies digitales Vermittlungsangebot, das kunst- und kulturhistorische Hintergründe sowie wesentliche Themen der Ausstellung präsentiert. Das Digitorial ist responsiv und in deutscher und englischer Sprache erhältlich. Es ermöglicht dem Publikum, sich bereits vor dem Besuch mit den Inhalten der Ausstellung auseinanderzusetzen – ob zu Hause, im Café oder auf dem Weg zur Schirn. Es vernetzt multimediale Inhalte in Form von Bild, Animationen, Ton und Text, stellt sie innovativ dar und erzählt sie ansprechend. Das Digitorial wird durch die Aventis Foundation ermöglicht. Es ist online abrufbar ab Januar 2017 unter www.schirn.de/digitorial.

magritte.schirn.katalogKATALOG Magritte. Der Verrat der Bilder. Herausgegeben von Didier Ottinger. Vorwort von Philipp Demandt, Essays von Jan Blanc, Barbara Cassin, Michel Draguet, Jacqueline Lichtenstein, Didier Ottinger, Klaus Speidel und Victor I. Stoichita, 208 Seiten, 28,0 x 23,5 cm (Hochformat), 157 farbige Abbildungen, Prestel Verlag, München, London, New York, 2017, ISBN 978-3-7913-6723-1, SchirnAusgabe 35 €.

BEGLEITHEFT Magritte. Der Verrat der Bilder. Eine Einführung in die Ausstellung. Herausgeber Schirn Kunsthalle Frankfurt, Texte von Laura Heeg und Olga Shmakova, deutsche Ausgabe, ca. 36 Seiten, farbige Abbildungen, Broschur geheftet; Gestaltung formfellows, Frankfurt; Rasch Druckerei und Verlag, Bramsche 2017, 7,50 €, im Klassensatz 1 € pro Heft (ab 15 Stück).

ORT
Foto: Diether v. Goddenthow  © atelier-goddenthow
Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT,
Römerberg,
60311 Frankfurt

DAUER
10. Februar – 5. Juni 2017

INFORMATION
www.schirn.de E-MAIL welcome@schirn.de TELEFON
+49 69 29 98 82-0

EINTRITT
12 €, ermäßigt 9 €, freier Eintritt für Kinder unter 8 Jahren
VORVERKAUF Tickets sind online unter www.schirn.de/tickets erhältlich

FÜHRUNGEN
Di 17 Uhr, Mi 19 Uhr, Do 20 Uhr, Fr 11 Uhr, Sa 17 Uhr, So 11 Uhr und 15 Uhr

FÜHRUNGEN BUCHEN
individuelle Führungen oder Gruppenführungen sind buchbar unter Tel. +49.69.29 98 82-0, und E-Mail fuehrungen@schirn.de

AUDIOTOUR
Zur Ausstellung ist eine Audiotour für 3 € erhältlich. Gesprochen
von Alexander Fehling, bietet sie wesentliche Informationen zu den Kunstwerken

KINDERAUDIOTOUR
Zur Ausstellung ist eine kostenfreie Kinderaudiotour für Kinder ab 8 Jahren erhältlich WIFI-ANGEBOT „MAGRITTE UND DU“ Das speziell für die Nutzung des kostenlose SCHIRN WIFI entwickelte Vermittlungsangebot ist über das eigene Smartphone oder Tablet unter www.schirn.de/wifi erreichbar

KURATOREN
Die Ausstellung wird kuratiert von Didier Ottinger, Centre Pompidou, Musée national d’art moderne, Paris und Martina Weinhart, Schirn Kunsthalle Frankfurt
KURATORISCHE ASSISTENZ Maria Sitte

GEFÖRDERT DURCH Bank of America Merrill Lynch

DIGITORIAL
Das Digitorial wird durch die Aventis Foundation ermöglicht

MEDIENPARTNER
Frankfurter Allgemeine Zeitung, FFH, Media Frankfurt, Acht Frankfurt, ARTE, Possmann, VGF

KULTURPARTNER HR2

MOBILITÄTSPARTNER Deutsche Bahn SPARPREIS KULTUR DER
DEUTSCHEN BAHN Mit dem Sparpreis Kultur zur Ausstellung und zurück, ab 39 € (2. Kl.) und ab 49 €
(1. Kl.). Bis zu vier Mitfahrer sparen jeweils 10 Euro. Erhältlich unter www.bahn.de/kultur

Schirn Frankfurt: „GIACOMETTI und NAUMAN “ – Skulptur und Malerei ab 28.Okt. 2016

Bruce Nauman Ten Heads Circle/ In and Out, 1990 Kunstmuseum Wolfsburg,Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Bruce Nauman
Ten Heads Circle/ In and Out, 1990
Kunstmuseum Wolfsburg,Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

GIACOMETTI–NAUMAN
28. OKTOBER 2016 – 22. JANUAR 2017
Vom 28. Oktober 2016 bis zum 22. Januar 2017 stellt die Schirn Kunsthalle Frankfurt in einer großen Ausstellung Werke von Alberto Giacometti und Bruce Nauman gegenüber. Es begegnen sich zwei Künstler aus zwei Generationen mit einer denkbar unterschiedlichen Herkunft: Giacometti (1901–1966) zählt mit seinem OEuvre zu den bedeutendsten europäischen Bildhauern der klassischen Moderne. Nauman (*1941) steht mit seinem vielgestaltigen Werk für die radikalen Umwälzungen der Gegenwartskunst seit 1960 und für einen konzeptuell entgrenzten Begriff der Skulptur.

Kunsthalle Schirn Giacometti u. Nauman. Ausstellungsansicht, im Vordergrung: Alberto  Giacometti "La jambe" 1958. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Kunsthalle Schirn Giacometti u. Nauman. Ausstellungsansicht, im Vordergrung: Alberto Giacometti „La jambe“ 1958. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

„Obgleich die Skulptur für Giacometti und Naumann eine vorrangige Rolle spielt, sind sie weder hinsichtlich der von ihnen verwendeten Medien und Materialien noch im Sinne eines gemeinsamen ‚Stils‘ miteinander vergleichbar. Verwandt sind ihre Strategien im Einsatz künstlerischer Darstellungsmittel, ihr Hand zur Hang zur Reduktion bis an die Grenze des Verschwindens, eine ständige Annäherung an die Leere und das Nichts. Aber auch ihre Fragestellung etwa in der Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Figur und Raum, oder dem Körper und seinen Teilen“, so Esther Schlicht, Kuratorin der Ausstellung.
Dr. Philipp Demandt, Direktor der Schirn findet „auf den ersten Blick diese Gegenüberstellung durchaus gewagt – bedenkt man die unterschiedlichen Kontexte, aus denen Alberto Giacometti und Bruce Nauman kommen.“ Aber: „Ausgehend von den Werken selbst“, so Demandt,  „entfaltet diese Begegnung aber einen unerwarteten und spannungsvollen Dialog: Giacometti gewinnt seine ursprüngliche Radikalität zurück und Nauman kann als herausragender Bildhauer neu entdeckt werden. Die Ausstellung in der Schirn ist vor allem auch ein Gewinn für die Besucherinnen und Besucher, denn sie eröffnet eine gänzlich frische Perspektive auf das eigentlich schon gründlich erforschte und mannigfach ausgestellte Schaffen zweier herausragender Vertreter der modernen und zeitgenössischen Kunst.“

Ausstellung zeigt zahlreiche Hauptwerke der Künstler

Kunsthalle Schirn Ausstellung:  GiacomettiNauman. Giacometti Homme qui marche 1960 Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Kunsthalle Schirn Ausstellung: GiacomettiNauman.
Giacometti Homme qui marche 1960 Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Beide Künstler werden mit insgesamt etwa 70 Arbeiten, darunter zahlreiche Hauptwerke, erstmals in einer Ausstellung zusammengeführt. Skulpturen und Gemälde des Schweizer Bildhauers treten mit Skulpturen, Videos, Zeichnungen, Fotografien und raumgreifenden Installationen des US-amerikanischen Multimediakünstlers in einen spannungsvollen Dialog. Dabei ist Giacometti mit Plastiken aus nahezu allen wichtigen Werkphasen vertreten, Nauman vorrangig mit seinem Frühwerk der 1960er- und beginnenden 1970er-Jahre, das zeitlich unmittelbar an Giacomettis anschließt.

 

Auf der Suche nach dem Wesen und den Bedingungen des Menschseins 

Obwohl sich die Künstler weder begegneten noch aufeinander Bezug genommen haben, sind die Berührungspunkte zwischen ihnen mannigfaltig. Sowohl Giacometti als auch Nauman haben den Begriff und die Tradition der Plastik aus ihrer Zeit heraus revolutioniert, der eine in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis in die 1960er-Jahre, der andere seit den 1960er-Jahren bis heute. Beide gelten als Einzelgänger, die stets aus einer selbstgewählten Isolation und Einsamkeit heraus gearbeitet haben, die ihr kompromissloses Schaffen durch und durch prägt. Beide vertreten überaus radikale künstlerische Positionen und schaffen Werke von erschütternder Direktheit, die den Betrachter nachhaltig fordern. Giacometti wie Nauman dringen mit ihren Arbeiten in Grenzbereiche der Kunst und der Wahrnehmung vor. Ihre Suche nach der künstlerischen Wahrheit ist eine Suche, deren Ergebnis sich oft eher im Schaffensprozess als in vollendeten Werken manifestiert. Beide erheben das Scheitern, das Abwegige, Fragmentarische und Unheroische zu wesentlichen Elementen ihrer Kunst. Im Zentrum des Schaffens beider Künstler steht der Mensch. Giacometti hat sich in seinen Skulpturen und Gemälden fast ausschließlich und unablässig mit der Darstellung des Menschen beschäftigt und insbesondere nach 1945 mit seinem unverkennbaren Figurenstil ein eigenes, originäres Menschenbild entworfen. Bruce Naumans Arbeit kreiste in den 1960er- und frühen 1970er-Jahren vor allem um den (eigenen) Körper, den er zum Ausgangspunkt für grundlegende Fragen nach dem Wesen des Menschen und den Bedingungen des Menschseins machte.

Erweiterung der Perspektive  auf zwei Jahrhundert-Künstler

Ausstellungansicht "Giacometti & Nauman" in der Kunsthalle Schirn. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Ausstellungansicht „Giacometti & Nauman“ in der Kunsthalle Schirn.
Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Die Ausstellung erweitert den Blick auf das Werk zweier herausragender Vertreter der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. Giacometti wird als Wegbereiter zentraler Entwicklungen der Kunst nach 1960 erkennbar und gewinnt Aspekte seiner ursprünglichen künstlerischen Radikalität zurück, während Naumans herausragende Bedeutung als Bildhauer deutlich und auf andere Weise historisch verständlich wird. Die Ausstellung in der Schirn präsentiert Kunstwerke aus bedeutenden Museen und Sammlungen in den USA und Europa, u. a. dem Guggenheim Museum in New York, dem San Francisco Museum of Modern Art, dem Walker Art Center in Minneapolis, dem Hirshhorn Museum and Sculpture Garden in Washington D.C., der Tate in London, dem Centre Pompidou in Paris, der Fondation Alberto et Annette Giacometti in Paris, der Fondation Marguerite et Aimé Maeght in Saint-Paul de Vence, dem Louisiana Museum of Modern Art in Humlebæk, der Fondation Beyeler in Riehen, dem Lehmbruck Museum in Duisburg, der Neuen Nationalgalerie in Berlin und der Hamburger Kunsthalle.
Die Ausstellung GIACOMETTI-NAUMAN in der Schirn Kunsthalle Frankfurt wird durch die Art Mentor Foundation Lucerne und durch den Verein der Freunde der Schirn Kunsthalle e. V. gefördert.

Ein Ausstellungs-Rundgang 

Die Leere

Kunsthalle Schirn Ausstellung:  GiacomettiNauman. Giacometti L'Objet invisible 1934/35. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Kunsthalle Schirn Ausstellung: GiacomettiNauman. Giacometti L’Objet invisible 1934/35. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Den Auftakt des thematisch gegliederten Parcours in der Schirn bildet das Motiv der Leere. Giacomettis rätselhafte Bronzefigur L’objet invisible (Mains tenant le vide) (1934/35), die zwischen den Händen die Leere hält, markiert den Bruch des Künstlers mit dem Surrealismus und verweist auf den bevorstehenden künstlerischen Neubeginn, seine Rückkehr zum Naturstudium und die Hinwendung zu einer phänomenologischen Untersuchung der Wirklichkeit. Auch Naumans Installation Lighted Center Piece (1967/68) kann als eine „Allegorie der Leere“ gelesen werden: Vier Halogenlampen auf einem Aluminiumquadrat leuchten auf eine Leerstelle im Zentrum der Arbeit. Leere und Abwesenheit sowie die Frage nach der Beziehung zwischen dem Unsichtbaren und dem Sichtbaren sind Leitmotive, die Naumans OEuvre von seinen Anfängen bis heute durchziehen.

Figur und Raum

Mit dem Phänomen der Leere geht auch die Beschäftigung mit dem Verhältnis von Figur und Raum einher. Dieses Thema wird in der Ausstellung etwa anhand von Naumans Studio Films der 1960er-Jahre verdeutlicht, in denen er selbst alltägliche Bewegungen und Handlungen in seinem leeren Atelier zu performativen Akten verdichtet: Mit seinem Körper erkundet Nauman einen vermeintlich unbekannten Raum immer wieder und lotet die eigenen physischen Grenzen aus.

Schirn Pressefoto Giacometti Nauman. Nauman Wall Floor Positions 1968
Schirn Pressefoto Giacometti Nauman.
Nauman Wall Floor Positions 1968

Diese viel diskutierten Film- und Videoarbeiten erscheinen wie eine radikale Weiterführung Giacomettis plastischer Errungenschaften hinsichtlich Bewegung, räumlicher Orientierung und einer grundlegenden Befragung der Figur und ihrer Voraussetzungen, die dieser seit den 1940er-Jahren vollzog. Ein Beispiel dafür ist das neuartige Verständnis von Bewegung als ein forschendes Durchmessen des Raums wie es in den Plastiken Homme qui marche (1960) und Groupe de trois hommes I (1943/1949) sichtbar wird. Gegen Ende der 1960er-Jahre begann Nauman seine Beschäftigung mit Figur und Raum zunehmend auf den Betrachter oder vielmehr den Körper des Betrachters auszudehnen etwa bei seinen schmalen, hochaufragenden Corridors. Es sind meist bedrückend enge begehbare Raumstrukturen, in denen die gewohnte Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung des Betrachters auf bedrohliche Weise außer Kraft gesetzt wird. Den dünnen Frauen- und Männerfiguren Giacomettis scheinen diese Korridore wie auf den Leib geschrieben. Die Schirn präsentiert Naumans Corridor with Mirror and White Lights (1971), in dessen Betrachtung sich der Besucher selbst als fadendünne Giacometti Skulptur imaginieren kann – auch wenn der Zugang zum Korridor ihm verwehrt bleibt.

Theater des Absurden
In dem Themenbereich Theater des Absurden wird der Schriftsteller Samuel Beckett (1906–1989) vorgestellt, der den Missing Link zwischen Giacometti und Nauman bildet. Beckett war ein enger Freund und Wegbegleiter Giacomettis; für Nauman stellte Becketts Werk eine wichtige Inspirationsquelle dar. Die Dreierkonstellation Giacometti–Beckett–Nauman wird in der Ausstellung mit Becketts Filmen Quadrat I und Quadrat II (1981) exemplarisch beleuchtet. Auf einem wie eine Bühne beleuchteten quadratischen Feld sind vier vermummte Gestalten in einer präzisen Choreografie von sich stetig wiederholenden tänzerischen Schritten gefangen. Die Szenerie weckt Assoziationen zu Naumans Studio Films, aber auch zu seiner Arbeit Slow Angle Walk (Beckett Walk) (1968), mit der er explizit auf den irischen Autor verweist. Auch zu Giacomettis mehrfigurigen Skulpturen, die er seit Ende der 1940er-Jahre schuf, lassen sich ausgehend von Becketts Filmen Verbindungen ziehen. Das zielgerichtete Umherirren der Figuren, ihr vergeblicher Versuch, zum Zentrum zu gelangen, erhebt das Scheitern zum künstlerischen Prinzip – eine Haltung, aus der auch Nauman und Giacometti ihr künstlerisches Potenzial geschöpft haben.

Objekte der Begierde

Aus dem Raum "Objekte der Begierde"  in Richtung "Malerei und Prozess"  rechts noch zu erkennen Bruce Naumans Marching Figure, 1985 Courtesy of Sperone Westwater. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Aus dem Raum „Objekte der Begierde“ in Richtung „Malerei und Prozess“
rechts noch zu erkennen Bruce Naumans Marching Figure, 1985,
Courtesy of Sperone Westwater. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Im Bereich Objekte der Begierde präsentiert die Schirn Arbeiten aus der surrealistischen Werkphase Giacomettis der ersten Hälfte der 1930er-Jahre. Zwei dieser enigmatischen Objekte werden mit Naumans Objekt Device for a Left Armpit (1967) und der filmischen „Objektstudie“ Bouncing Balls (1969) konfrontiert – beides Werke, die dem surrealistischen Konzept des Fragments nahe stehen. Giacomettis surrealistisches Werk korrespondiert mit Nauman auch hinsichtlich der Verwendung von Sprache. Der Schweizer Bildhauer bediente sich insbesondere bei den Titeln seiner surrealistischen Arbeiten narrativer Verfahren, die später auch bei Nauman eine wichtige Rolle spielten. Letzterer hat seine ausgeprägte Vorliebe für Sprachspiele und anspielungsreiche, oft mehrdeutige Titel direkt auf diese frühe Avantgarde zurückgeführt.

Malerei und Prozess

Bruce Naumann Videoinstallation zum nicht enden wollenden, stets unabgeschlossenen Prozess künstlerischen Schaffens. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Bruce Naumann Videoinstallation zum nicht enden wollenden, stets unabgeschlossenen Prozess künstlerischen Schaffens. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Sowohl Giacomettis als auch Naumans OEuvre zeichnen sich durch das Unabgeschlossene, Prozesshafte aus. In der Ausstellung widmet sich der Bereich Malerei und Prozess diesem Thema. Giacomettis Arbeiten aus der Nachkriegszeit erscheinen wie plastische Momentaufnahmen eines fortlaufenden Prozesses, in denen die Spuren des schöpferischen Vorgangs sichtbar sind. Aber insbesondere in seinen Gemälden – Figuren im Atelier und Porträtdarstellungen – wird immer auch der Werdegang ihres Entstehens und der unerschöpfliche Prozess des malerischen Arbeitens und Überarbeitens deutlich, wie etwa das Bild Tête de Diego (1961) zeigt. Nauman bekannte sich mehrfach zum Unvollendeten in seiner Kunst. Seine Arbeiten der 1960er-Jahre zeigen häufig ihren eigenen Entstehungsprozess auf. In dem Video Flesh to White to Black to Flesh (1968) etwa trägt er nacheinander wechselnde Farbschichten auf Gesicht und Oberkörper auf und stellt sich als Maler, als Modell und als ein sich stetig überarbeitendes Bild dar.

Maß der Dinge
In ihren skulpturalen Arbeiten hinterfragen Giacometti und Nauman Gegensätze wie Fülle und Leere, Nähe und Ferne, Innen und Außen, kehren sie um und formulieren sie neu. Als Maß der Dinge gilt beiden Künstlern der Mensch. Giacomettis Miniaturplastiken der späten 1930er- und 1940er-Jahre verdeutlichen, wie kompromisslos er etablierte Konzepte der traditionellen Skulptur hinter sich lässt, sei es die Analogie zwischen Größe und Bedeutung, die Annahme eines vorgefundenen, vermeintlich „realen“ Raums oder die Dimension der Lebensgröße als verbindlicher Referenz. Auch Naumans Frühwerk zeigt eine Beschäftigung mit Fragen der Größe und Skalierung in Bezug auf die menschliche Figur. Auch er stellt, wenn auch auf ganz andere Weise die Konventionen figurativer Plastik in Frage, wie seine allererste Neonarbeit, die Selbstdarstellung Neon Templates of the Left Half of My Body Taken at Ten-Inch Intervals (1966) eindrücklich belegt. Kategorien wie Körper und Skulptur, Präsenz und Absenz, Fülle und Leere, Innen und Außen werden darin aufgehoben. Obgleich er sich auf die klassische Proportionslehre bezieht, fehlt seiner Selbstdarstellung jegliches Volumen, jede Festigkeit und Dinghaftigkeit. Naumans Interesse an der Vermessung des Körpers wie auch am Körper als Instrument der Vermessung des Raums macht deutlich, wie sehr das menschliche Maß Ausgangspunkt seiner Arbeit ist.

Körper und Fragment

Alberto Giacometti Le Nez, 1947, Solomon R. Guggenheim Museum, New York.  u. La Main, 1947 Esther Grether Familiensammlung. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Alberto Giacometti
Le Nez, 1947, Solomon R. Guggenheim Museum, New York. u. La Main, 1947
Esther Grether Familiensammlung. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Den letzten Bereich der Ausstellung bildet das Thema Körper und Fragment, in dem Werke von Nauman den berühmten Körperfragmenten und späten Büsten Giacomettis gegenübergestellt werden. Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem fragmentierten Körper ist für beide gleichsam eine Beschäftigung mit der Frage nach Leben und Tod. Die ab 1947 entstandenen Körperfragmente Giacomettis, ein im Tod erstarrter Kopf auf einem Stab, eine Nase, eine Hand und ein Bein knüpfen sichtbar an seine frühen surrealistischen Arbeiten an, in denen das Prinzip des Fragmentarischen genauso angelegt ist wie Aspekte von Aggression und Gewalt.

Bruce Nauman Ten Heads Circle/ In and Out, 1990 Kunstmuseum Wolfsburg, Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Bruce Nauman
Ten Heads Circle/ In and Out, 1990
Kunstmuseum Wolfsburg, Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

In Naumans Werk ist das Fragment als Motiv und als formales Stilmittel in Filmen, Fotografien, Zeichnungen, Skulpturen und Installationen allgegenwärtig. Auch er stellt den menschlichen Körper als Schauplatz von Gewalt und Schmerz dar, etwa mit seiner Videoarbeit Thighing (Blue) (1967), in der er den eigenen Oberschenkel in Nahaufnahme unter Stöhnen mit beiden Händen malträtiert, oder auch mit dem Film Poke in the Eye / Nose / Ear 3/8/94 Edit (1994). In Anlehnung an frühere Selbstversuche bohrt Nauman mit ausgestrecktem Zeigefinger unerbittlich in Auge, Nase, Ohr und suggeriert so eine gewaltsame Auslöschung der Sinne.
In den späten 1980er-Jahren begann Nauman, Wachsabgüsse vom Lebendmodell zu fertigen, und knüpfte damit an seine künstlerische Praxis des Anfertigens von Abgüssen und Abdrücken von Körperteilen aus den 1960er-Jahren an. Der an filigranen Drähten aufgehängte Männerkopf aus farbigem, oft grellbuntem Wachs entwickelte sich zu einem zentralen Motiv in zahlreichen Skulpturen und Installationen. Als einen Höhepunkt dieser Werkgruppe präsentiert die Schirn das Ensemble Ten Heads Circle / In and Out (1990), in dem zehn „abgeschlagene“ Köpfe paarweise im leeren Raum hängen, und konfrontiert dieses mit einigen der letzten, kurz vor seinem Tod entstandenen Büsten Giacomettis.

Biographisches über die Künstler

Alberto Giacometti (*1901 Borgonovo – 1966 Chur) gilt mit seinem singulären bildhauerischen Werk als einer der herausragenden Künstler des 20. Jahrhunderts. Der Schweizer studierte an der École des Beaux-Arts und an der École des Arts Industriels (Genf) sowie an der Académie de la Grande-Chaumière (Paris). Er lebte und arbeitete hauptsächlich in Paris. Anfang der 1930er-Jahre war er Mitglied der Künstlergruppe der Surrealisten. Freundschaftliche Verbindungen pflegte er zu den Literaten Samuel Beckett und Jean-Paul Sartre. Noch zu Lebzeiten wurden ihm zahlreiche Retrospektiven gewidmet, u. a. im Arts Council, London (1955), im Guggenheim Museum, New York (1955), im Museum of Modern Art, New York (1965), sowie im selben Jahr in der Tate Gallery, London, und im Louisiana Museum of Modern Art in Humlebæk. Giacometti wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, etwa mit dem Prize for Sculpture des Carnegie Institute, Pittsburgh (1961), dem Großen Preis für Skulptur der Biennale von Venedig (1962), dem Guggenheim International Award for Painting (1962) und dem Französischen Grand Prix National des Arts (1965). Ebenfalls 1965, ein Jahr vor seinem Tod, erhielt er die Ehrendoktorwürde der Universität Bern.

Bruce Nauman (*1941 Fort Wayne, USA) ist einer der einflussreichsten zeitgenössischen Künstler der USA. Nach seinem Studium an der University of Wisconsin, Madison, und der University of California, Davis, lehrte er am San Francisco Art Institute (1966–1968) und der University of California, Irvine (1970). Seine erste Retrospektive fand 1972 im Los Angeles County Museum of Art sowie im Whitney Museum of American Art, New York, statt und wanderte im Anschluss durch die USA und Europa. Es folgten zahlreiche weitere Einzelausstellungen, u. a. im Baltimore Museum of Art (1982), im Museum für Gegenwartskunst Basel (1990), im Walker Arts Center, Minneapolis (Wanderausstellung 1993–1995), im Kunstmuseum Wolfsburg (1997), in der Tate Modern, London (2004) und im Berkeley Art Museum (2007). Nauman erhielt die Ehrendoktorwürde des San Francisco Art Institute (1989) sowie des California Institute of the Arts (2000). Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, etwa dem Max-Beckmann-Preis der Stadt Frankfurt am Main (1990), dem Wolf Foundation Prize in Arts, Israel (1993), dem Wexner Prize der Ohio State University (1994). Er wurde 1997 zum Mitglied der Akademie der Künste, Berlin, gewählt und erhielt zweimal den Golden Löwen der Biennale Venedig, 1999 für sein Lebenswerk und 2009 für den besten Länderbeitrag. 2004 wurde ihm der Praemium Imperiale Prize for Visual Arts, Japan, und der Beaux-Arts-Magazine Art Award als Best International Artist verliehen sowie 2014 der Friedrich Kiesler-Preis.

Begleit-Lektüre

DIGITORIAL Mit dem Digitorial bietet die Schirn ein kostenfreies digitales Vermittlungsangebot, das kunst- und kulturhistorische Hintergründe sowie wesentliche Themen der Ausstellung präsentiert. Das Digitorial ist responsiv und in deutscher und englischer Sprache erhältlich. Es ermöglicht dem Publikum, sich bereits vor dem Besuch der Ausstellung mit den Künstlern und Inhalten der Ausstellung auseinanderzusetzen – ob zu Hause, im Café oder auf dem Weg zur Schirn. Es vernetzt multimediale Inhalte in Form von Bild, Animationen, Ton und Text, stellt sie innovativ dar und erzählt sie ansprechend. Das Digitorial wird durch die Aventis Foundation ermöglicht. Es ist online abrufbar unter www.schirn.de/digitorial

catalog-giacometti-naumanKATALOG Giacometti-Nauman. Herausgegeben von Esther Schlicht. Vorwort von Philipp Demandt, Essays von Esther Schlicht, Gaby Hartel, Thierry Dufrêne und Robert Storr. Dt./engl. Ausgabe, 184 Seiten, ca. 150 Abbildungen, 30 x 23 cm (Hochformat), Softcover, Snoeck, Köln, 2016, ISBN 978-3-86442-180-8, Preis: 35 € (Schirn), 39,90 € (Buchhandel).

BEGLEITHEFT GIACOMETTI–NAUMAN. Eine Einführung in die Ausstellung. Herausgeber Schirn Kunsthalle Frankfurt, Texte von Laura Heeg und Olga Shmakova, deutsche Ausgabe, ca. 36 Seiten, farbige Abbildungen, Broschur geheftet; Gestaltung formfellows, Frankfurt; Rasch Druckerei und Verlag, Bramsche 2016, 7,50 €, im Klassensatz 1 € pro Heft (ab 15 Stück).

Technisches zur Ausstellung Giacometti-Naumann
Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

ORT SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, Römerberg, 60311 Frankfurt DAUER 28. Oktober 2016 – 22. Januar 2017 INFORMATION www.schirn.de E-MAIL welcome@schirn.de TELEFON
+49.69.29 98 82-0 EINTRITT 12 €, ermäßigt 9 €, freier Eintritt für Kinder unter 8 Jahren
VORVERKAUF Tickets sind online unter www.schirn.de/tickets erhältlich FÜHRUNGEN BUCHEN individuelle Führungen oder Gruppenführungen buchbar unter Tel. +49.69.29 98 82-0, und E-Mail fuehrungen@schirn.de AUDIOGUIDE Zur Ausstellung ist ein Audioguide für 3 € erhältlich. Gesprochen von Eva Mattes, bietet er wesentliche Informationen zu den Kunstwerken KURATORIN Esther Schlicht KURATORISCHE ASSISTENZ Natalie Storelli DIGITORIAL Das Digitorial wird ermöglicht durch die Aventis Foundation GEFÖRDERT DURCH Art Mentor Foundation Lucerne; Verein der Freunde der Schirn Kunsthalle e. V. MEDIENPARTNER Interview Magazin KULTURPARTNER HR2 MOBILITÄTSPARTNER DEUTSCHE BAHN SPARPREIS KULTUR DER DEUTSCHEN BAHN mit dem Sparpreis Kultur zur Ausstellung und zurück, ab 39 € (2. Kl.) und ab 49 € (1. Kl.). Bis zu vier Mitfahrer sparen jeweils 10 Euro. Erhältlich unter www.bahn.de/kultur.

SOCIAL MEDIA Zur Ausstellung kommuniziert die Schirn im Social Web mit den HASHTAGS #GIACOMETTINAUMAN #Schirn ONLINE-MAGAZIN www.schirn-magazin.de FACEBOOK www.facebook.com/Schirn TWITTER www.twitter.com/Schirn YOUTUBE www.youtube.com/user/SCHIRNKUNSTHALLE INSTAGRAM @schirnkunsthalle PINTEREST www.pinterest.com/schirn SNAPCHAT schirnsnaps

 

Glücksgriff: Philipp Demandt ist neuer Direktor für Städel, Schirn und Liebieghaus Frankfurt

(vl) Prof. Dr. Nikolaus Schweickart, Vorsitzender der Administration des Städel Museums; Dr. Philipp Demandt, Direktor für Städel, Schirn u. Liebieghaus; Dr. Ina Hartwig, Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt am Main Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
(vl) Prof. Dr. Nikolaus Schweickart, Vorsitzender der Administration des Städel Museums; Dr. Philipp Demandt, Direktor für Städel, Schirn u. Liebieghaus; Dr. Ina Hartwig, Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt am Main Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

DAS STÄDEL MUSEUM, DIE SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT UND DIE LIEBIEGHAUS SKULPTURENSAMMLUNG HABEN EINEN NEUEN DIREKTOR.

Zum 1. Oktober 2016 beginnt Dr. Philipp Demandt seine Tätigkeit an der Spitze der drei Frankfurter Kulturinstitutionen. Der Kunsthistoriker wurde im Zuge einer intensiven nationalen wie internationalen Suche eines Nachfolgers für Max Hollein ausgewählt. Er war zuvor Leiter der Alten Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz. Auf der Antrittspressekonferenz wurde der 1971 geborene Demandt heute von Prof. Dr. Nikolaus Schweickart, Vorsitzender der Administration des Städel Museums, und Dr. Ina Hartwig, Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt am Main, vorgestellt.

Prof. Dr. Nikolaus Schweickart, Vorsitzender der Administration des Städel Museums, unter dessen Vorsitz die Suche durchgeführt wurde, betonte: „Mit Philipp Demandt haben wir unseren Wunschkandidaten bekommen. Seine umfassenden Erfahrungen im modernen Kulturmanagement und seine ausgewiesene Expertise als Kunsthistoriker und Ausstellungsmacher mit einem feinen Gespür für besondere Themen und Entdeckungen machen ihn zum richtigen Kandidaten für den Job. Wir freuen uns auf die gemeinsame Zusammenarbeit.“

„Ich freue mich sehr, dass wir den renommierten Kunsthistoriker Philipp Demandt als Direktor der drei Häuser gewinnen konnten. Die Schirn Kunsthalle Frankfurt ist eines der führenden Ausstellungshäuser – mit einem klaren und unverwechselbaren Profil, das über die Grenzen Frankfurts und Deutschlands geschätzt wird. Sie korrespondiert auf hervorragende Weise mit den Sammlungsschwerpunkten des traditionsreichen Städel Museums und der Liebieghaus Skulpturensammlung. Ein effektives Zusammenspiel der drei großen Kunstinstitutionen auch in Zukunft fortzuführen, ist für die kulturelle Entwicklung der Stadt und der Region sinnvoll und wichtig. Ich wünsche Philipp Demandt einen guten Start und viel Erfolg“, teilte die Frankfurter Kulturdezernentin Dr. Ina Hartwig mit.

Dr. Philipp Demandt, Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Dr. Philipp Demandt, Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Dr. Philipp Demandt selbst nutzte die Pressekonferenz, um sich den versammelten Medienvertretern als neuer Direktor der drei Frankfurter Kunstinstitutionen vorzustellen: „Das Städel, die Schirn und das Liebieghaus als Direktor zu führen und deren erfolgreiche Arbeit in all ihrer Vielfalt weiterzuentwickeln ist eine Herausforderung, die ich mit großer Freude annehme. Ich danke dem Magistrat der Stadt Frankfurt und der Administration des Städel Museums für das entgegengebrachte Vertrauen. Das Städel Museum, die Schirn und das Liebieghaus sind drei bedeutende Kunstinstitutionen, die mit ihren progressiven Ausstellungen und Projekten die Menschen begeistern und immer wieder zeigen, wie wir eine lebendige Beschäftigung mit Kunst in unserer heutigen Zeit denken können und müssen. Es steht außer Frage, dass die eigenständigen und starken Profile der drei Institutionen erhalten bleiben und dabei auch zukünftig Synergien genutzt werden. Die drei Häuser haben ein in allen Bereichen qualifiziertes Team, dessen hervorragende Arbeit Sie kennen und die Ihnen auch in den nächsten Wochen mit unseren großen Herbstausstellungen wieder begegnen wird. Ich freue mich sehr auf die gemeinsame Zusammenarbeit.“

Der 1971 in Konstanz geborene Philipp Demandt studierte Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Publizistik und promovierte 2001 am Institut für Geschichts- und Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin mit einer Arbeit zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der Königin-Luise-Porträts von Johann Gottfried Schadow und Christian Daniel Rauch sowie zur historischen Mythologie des preußischen Staates im Spiegel des „Luisenkults“. Nach einer Ausstellungsassistenz im Bröhan-Museum ab 2002 wurde Demandt 2004 Dezernent bei der Kulturstiftung der Länder. Zu seinen Aufgaben zählten die Beratung und Unterstützung deutscher Kultureinrichtungen beim Erwerb und der Finanzierung von Kunstwerken von der Vor- und Frühgeschichte bis zum 19. Jahrhundert sowie bei Ausstellungsvorhaben. Von 2007 bis 2010 war er zudem Mitkurator der Ausstellung „Luise. Leben und Mythos der Königin“ der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg. Darüber hinaus konzipierte und leitete er die von der Kulturstiftung der Länder herausgegebene Zeitschrift „Arsprototo“ sowie deren wissenschaftliche Publikationsreihe „Patrimonia“ und veröffentlichte zahlreiche Artikel zur Kunst- und Kulturgeschichte, unter anderem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Süddeutschen Zeitung und der Welt.

Im Januar 2012 wurde Demandt zum Leiter der Alten Nationalgalerie in Berlin ernannt. Hier machte er unter anderem mit einer umfassenden Neukonzeption der Schausammlung sowie mit ebenso innovativen wie erfolgreichen Ausstellungen auf sich aufmerksam. Zu den Höhepunkten unter seiner Leitung zählten die Ausstellungen „Rembrandt Bugatti“, „Impressionismus/Expressionismus. Kunstwende“ oder zuletzt „Der Mönch ist zurück“, eine Sonderpräsentation zur Restaurierung von Caspar David Friedrichs Meisterwerken Mönch am Meer und Abtei im Eichwald. Die Alte Nationalgalerie beherbergt Gemälde und Skulpturen vom späten 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert. Ihre Sammlung ist Teil der Nationalgalerie, zu der auch die Neue Nationalgalerie, der Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin, das Museum Berggruen und die Sammlung Scharf-Gerstenberg gehören.

Demandt tritt in Frankfurt die Nachfolge von Max Hollein an, der zum 1. Juni 2016 als neuer Direktor an die Fine Arts Museums of San Francisco (FAMSF) gewechselt ist.

Städel Museum "Das ist einfach ein Ort, wo man gern hinkommt!" Foto: Diether v. Goddenthow © massow-picture
Städel Museum „Das ist einfach ein Ort, wo man gern hinkommt!“ Foto: © atelier-goddenthow

STÄDEL MUSEUM
Schaumainkai 63
60596 Frankfurt am Main
info@staedelmuseum.de
+49(0)69-605098-200
+49(0)69-605098-0

Liebieghaus Skulpturen Sammlung Foto:  © atelier-goddenthow
Liebieghaus Skulpturensammlung Foto: © atelier-goddenthow

Liebieghaus Skulpturensammlung
Schaumainkai 71
60596 Frankfurt am Main
Telefon +49(0)69-605098-0
info@liebieghaus.de

Schirn Kunsthalle Frankfurt  Foto:  © atelier-goddenthow
Schirn Kunsthalle Frankfurt Foto: © atelier-goddenthow

SCHIRN KUNST­HALLE FRANK­FURT am Main GmbH
Römer­berg
D-60311 Frank­furt am Main
Tel +49 69 299882-0
Fax +49 69 299882-240
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Philipp Demandt, neuer Direktor von Städel Museum und Liebieghaus, soll auch die Schirn leiten

Philipp Demandt Foto: Oliver Mark
Philipp Demandt Foto: Oliver Mark

Oberbürgermeister Feldmann und Kulturdezernentin Hartwig: Wir schlagen Philipp Demandt als Schirn-Direktor vor

(pia) Zum 1. Oktober 2016 soll Philipp Demandt zusätzlich zur Direktion von Städel Museum und Liebieghaus Skulpturensammlung die Leitung der Schirn Kunsthalle Frankfurt übernehmen. Die Bestellung von Philipp Demandt werden Oberbürgermeister Peter Feldmann und Kulturdezernentin Ina Hartwig dem Aufsichtsrat vorschlagen, die Berufung erfolgt vorbehaltlich der Beschlussfassung durch die Gesellschafterversammlung, den Magistrat der Stadt Frankfurt am Main.

Frankfurts Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzender der Schirn betonte: „Ich freue mich, dass es nach dem Amtsantritt der neuen Kulturdezernentin Ina Hartwig schnell zu einer Entscheidung im Einvernehmen mit Herrn Demandt und dem Städel gekommen ist. Die bewährte Zusammenarbeit unserer kreativen und experimentellen Schirn mit dem traditionsreichen Frankfurter Städel bietet auch für die Zukunft gute Perspektiven. Ein Erfolg für unsere Kulturstadt Frankfurt.“

Kulturdezernentin Ina Hartwig sagt: „Ich bin sehr froh über diese Lösung, die eine bewährte Struktur fortsetzt. Philipp Demandt und ich haben uns bereits kennengelernt und sehen der Zusammenarbeit mit Freude entgegen. Die Schirn Kunsthalle mit ihren im Zeitgenössischen verankerten Ausstellungen hat in den vergangenen Jahren einen hochinteressanten, korrespondierenden Gegenpol zum Städel Museum dargestellt. Die Ausstellungshalle am Römer erfreut sich großen Zuspruches vor allem durch ein jüngeres Publikum. Mit Philipp Demandt als Direktor und dem Team der Schirn wird die Eigenständigkeit und das unverwechselbare Profil der Schirn Kunsthalle Frankfurt weiterhin gesichert sein.“

„Die Leitung der Schirn übernehmen zu können, ist für mich eine große Freude und eine Herausforderung zugleich. Ich sehe der Schirn mit ihrem engagierten Team umso freudiger entgegen, als auch meine bisherige Ausstellungstätigkeit oft von der Suche nach dem Außergewöhnlichen, Neuen, Unentdeckten geprägt gewesen ist − und das über die Grenzen der kunsthistorischen Kategorien hinaus“, so Philipp Demandt.

Stellvertretende Direktorin wird die bisherige interimistische Geschäftsführerin Inka Drögemüller, die seit 2001 an zentraler Stelle für die Schirn arbeitet. Sie war zuletzt zuständig für die Bereiche Marketing/Kommunikation und internationale Ausstellungskooperation.