Kategorie-Archiv: Frankfurter Buchmesse

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2024 geht an Anne Applebaum

Anne Applebaum erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2024 © Anne Applebaum
Anne Applebaum erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2024 © Anne Applebaum

Der Stiftungsrat des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels hat die polnisch-amerikanische Historikerin und Publizistin Anne Applebaum zur diesjährigen Trägerin des Friedenspreises gewählt.

In der Begründung des Stiftungsrats, dessen Vorsitzende Börsenvereins-Vorsteherin Karin Schmidt-Friderichs ist, heißt es:
„Anne Applebaum hat mit ihren so tiefgründigen wie horizontweitenden Analysen der kommunistischen und postkommunistischen Systeme der Sowjetunion und Russlands die Mechanismen autoritärer Machtergreifung und -sicherung offengelegt und sie anhand der Dokumentation zahlreicher Aussagen von Zeitzeug*innen verstehbar und miterlebbar gemacht. Mit ihren Forschungen zur Wechselwirkung von Ökonomie und Demokratie sowie zu den Auswirkungen von Desinformation und Propaganda auf demokratische Gesellschaften zeigt sie auf, wie fragil diese sind – besonders wenn Demokratien von innen, durch Wahlerfolge von Autokraten, ausgehöhlt werden. Historiographische Erkenntnisse mit wacher Gegenwartsbeobachtung zu verbinden, das gelingt Anne Applebaum in ihren Veröffentlichungen über autokratische Staatssysteme und deren international wirkende Netzwerke. In einer Zeit, in der die demokratischen Errungenschaften und Werte zunehmend karikiert und attackiert werden, wird ihr Werk zu einem eminent wichtigen Beitrag für die Bewahrung von Demokratie und Frieden.“

Anne Elizabeth Applebaum zählt zu den wichtigsten Analytiker*innen autokratischer Herrschaftssysteme. Sie gilt als große Expertin der osteuropäischen Geschichte und hat schon früh vor einer möglichen gewaltvollen Expansionspolitik Wladimir Putins gewarnt. Für ihre Bücher wie „Der Gulag“ (2003), „Der Eiserne Vorhang“ (2012), „Roter Hunger“ (2019) und die „Die Verlockung des Autoritären“ (2021), in denen sie den Mechanismen autoritärer Machtsicherung nachspürt, hat sie international große Aufmerksamkeit erhalten und wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Pulitzer-Preis 2004 und zuletzt mit dem Carl-von-Ossietzky-Preis 2024.

Geboren am 25. Juli 1964 in Washington D. C. als Kind jüdischer Eltern, studiert Anne Applebaum zunächst an der Yale University Russische Geschichte und Literatur, bevor sie in London und Oxford ihren Schwerpunkt auf Internationale Beziehungen setzt. 1988 beginnt sie ihre journalistische Karriere als Auslandskorrespondentin in Polen für die britische Zeitschrift „The Economist“, für die sie vor Ort auch über den Fall der Berliner Mauer berichten kann. Anschließend arbeitet sie für weitere britische Zeitungen wie den „Spectator“, „Evening Standard“, „Daily Telegraph“ und „Sunday Telegraph“. 2002 wird sie für vier Jahre Mitglied im Herausgebergremium der „Washington Post“, für die sie bis 2019 als Kolumnistin tätig ist. Seitdem schreibt sie vornehmlich für die US-amerikanische Zeitschrift „The Atlantic“.

2012 übernimmt Anne Applebaum für ein Jahr den Philippe-Roman-Lehrstuhl für Geschichte an der London School of Economics and Political Science (LSE) und wird zuvor, 2011, Direktorin des „Transitions Forum“ am Londoner Legatum Institute, einem internationalen Think Tank, für den sie unter anderem ein zweijähriges Programm leitet, das die Wechselwirkung von Demokratie und Wachstum in Brasilien, Indien und Südafrika untersucht. Gemeinsam mit dem Magazin „Foreign Policy“ entwickelt sie das „Democracy Lab“, das darstellt, wie Staaten demokratischer bzw. autokratischer werden. Mit dem „Beyond Propaganda“-Programm, das 2014 mit einer Serie von Sendungen über Propaganda und Desinformation startet, nimmt sie die heutigen Debatten über Fake News vorweg. Wegen der zunehmenden euroskeptischen Haltung des Legatum Institute wechselt sie 2017 als „Professor of practice“ zurück an die LSE. 2019 verlegt sie ihr dort konzipiertes Programm „Arena“ über Desinformation und Propaganda im 21. Jahrhundert an das Agora-Institut der Johns Hopkins University in Baltimore, Maryland.

Anne Applebaum, die mit Unterbrechungen seit 30 Jahren in Polen lebt, besitzt seit 2013 neben der US-amerikanischen auch die polnische Staatsbürgerschaft. Seit 1992 ist sie mit dem polnischen Politiker Radosław Sikorski verheiratet, der von 2007 bis 2014 Außenminister war und dieses Amt 2023 wieder übernommen hat. Das Paar hat zwei Söhne.

Dem Stiftungsrat gehören an: Klaus Brinkbäumer, Prof. Dr. Raphael Gross, Prof. Dr. Moritz Helmstaedter, Dr. Nadja Kneissler, Jagoda Marinić, Prof. Dr. Ethel Matala de Mazza, Dr. Mithu M. Sanyal, Christiane Schulz-Rother sowie Karin Schmidt-Friderichs.

Die Verleihung des Friedenspreises findet am Sonntag, 20. Oktober 2024, in der Frankfurter Paulskirche statt und wird live um 10:45 Uhr in der ARD übertragen. Der Friedenspreis wird seit 1950 vergeben und ist mit 25.000 Euro dotiert.

Aufruf zum Deutschen Cartoonpreis 2024 Der Lappan Verlag in der Carlsen Verlag GmbH und die Frankfurter Buchmesse rufen auf zum Deutschen Cartoonpreis

f4131173-e7bf-49b0-b82f-0b5bb4599e01 450Beste Bilder – die Cartoons des Jahres 2024
Der Lappan Verlag und die Frankfurter Buchmesse laden alle Cartoonistinnen und Cartoonisten dazu ein, ihre besten Cartoons, die seit November 2023 entstanden sind, einzureichen.
Einsendeschluss ist Montag, der 9. September 2024
Die Preise für die drei besten Cartoons sind dotiert mit:
1. Preis: 3.000€
2. Preis: 2.000€
3. Preis: 1.000€
Aus allen Einsendungen erfolgt die Auswahl für das Buch »BESTE BILDER 15 – DIE CARTOONS DES JAHRES 2024«. Aus dieser Auswahl ermittelt die Jury die Gewinnerinnen und Gewinner des Deutschen Cartoonpreises 2024, die auf der Preisverleihung bekannt gegeben werden.
Außerdem wird mit Unterstützung der Stadt Kassel der Publikumspreis der Caricatura Galerie verliehen. Er ist mit 1.000€ dotiert.

Einsendungen
Die Cartoons als Anhang bitte in einem gezippten Ordner per E-Mail senden an: 2024@deutschercartoonpreis.de
Die E-Mail sollte dabei bitte nicht größer als 10 MB sein.
Die Cartoons können auch über eine Cloud (z.B. WeTransfer, Dropbox, OneDrive) übermittelt werden.
Ordner und Einzeldateien sollten dabei bitte mit Nachnamen und Vornamen benannt sein: Nachname_Vorname_1 usw.
Die Anzahl der Cartoons ist nicht festgelegt, es sollten die besten und nicht mehr als 50 Cartoons sein.

Jury
Birgit Fricke, Senior Manager Vertrieb, Frankfurter Buchmesse
Antje Haubner, Programmleiterin Lappan Verlag
Dr. Alex Jakubowski, Journalist bei ARD-aktuell Frankfurt
Jana Legal, Lektorin Lappan Verlag
Dijana Nukic, Leiterin Havengalerie in Bremen
Dieter Schwalm, Herausgeber zahlreicher Cartoonbücher
Saskia Wagner, Leiterin Caricatura Galerie in Kassel

Ausstellung und Preisverleihung
Die Ausstellung »Beste Bilder – Die Cartoons des Jahres 2024« läuft vom 2. November 2024 bis Februar 2025 in der Caricatura Galerie in Kassel. Hier können die Besucherinnen und Besucher ihre Stimmen für den Publikumspreis abgeben. Die Preisverleihung ist eine öffentliche Abendveranstaltung im Kulturbahnhof Kassel und findet am 10. Januar 2025 statt. Sie wird ausgerichtet von der Caricatura Galerie und dem Lappan Verlag, mit freundlicher Unterstützung der cdw Stiftung.

Das Buch
Das Buch »BESTE BILDER 15 – DIE CARTOONS DES JAHRES 2024« enthält auf 176 Seiten die ca. 250 besten Cartoons des Jahres. Es erscheint am 23.10.2024 und wird vorab auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert. Alle Cartoonistinnen und Cartoonisten, deren Cartoons im Buch abgedruckt werden, erhalten einen Vertrag und ein angemessenes Honorar. Das Buch wird herausgegeben von Antje Haubner, Jana Legal und Dieter Schwalm.

Die Veranstalter freuen sich auf witzige, hintersinnige, politische und unpolitische Cartoons aus dem aktuellen Schaffen der Teilnehmenden.

Der Börsenverein des deutschen Buchhandels sucht Kandidaten für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2024

Erinnerung an die Friedenspreis-Verleihung 2023: Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins überreichte Salman Rushdie die Urkunde des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2023 überreicht. © Foto Tobias Bohm/Börsenverein des Deutschen Buchhandels
Erinnerung an die Friedenspreis-Verleihung 2023: Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins überreichte Salman Rushdie die Urkunde des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2023 überreicht. © Foto Tobias Bohm/Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Alle Bürger können bis 1. März 2024 noch Vorschläge für Kandidaten zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels einreichen. Nach einer Juryauswahl wird der Gewinner mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels am 20.Oktober 2024 in der Frankfurter Paulskirche geehrt werden.

Wie der Börsenverein des Deutschen Buchhandels mitteilt, habe die Ausschreibung ab sofort begonnen. Der Einreichungsschluss für die Vorschläge geeigneter Kandidaten ist der 1. März 2024.

Seit 1950 würdigt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels mit dem Preis alljährlich das Schaffen einer „Persönlichkeit, die in hervorragendem Maße vornehmlich durch ihre Tätigkeit auf den Gebieten der Literatur, Wissenschaft oder Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen hat“. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert.

2023 wurde der Schriftsteller Salman Rushdie mit dem Friedenspreis ausgezeichnet. Zu den weiteren Preisträgern und Preisträgerinnen zählen der in 2022 ausgezeichnete ukrainische Schriftsteller und Musiker Serhij Zhadan sowie Tsitsi Dangarembga, Jürgen Habermas, Orhan Pamuk, David Grossman, Swetlana Alexijewitsch, Carolin Emcke, Margaret Atwood, Sebastião Salgado sowie Aleida und Jan Assmann.

Die Vorschläge mit Angaben zu Leistungen und Veröffentlichungen der Persönlichkeit können online, per E-Mail oder per Post eingereicht werden. Selbstvorschläge sind nicht möglich. Die Empfehlungen nimmt entgegen: Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Geschäftsstelle Friedenspreis, z. Hd. Martin Schult, Schiffbauerdamm 5, 10117 Berlin, E-Mail: m.schult@boev.de.

Im Frühjahr 2024 wählt der Stiftungsrat des Friedenspreises aus den Vorschlägen die Person aus, die den Preis in diesem Jahr erhält. Bekanntgegeben wird die Entscheidung im Juni 2024. Die Preisverleihung findet am 20. Oktober 2024 zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse in der Paulskirche in Frankfurt statt und wird live in der ARD sowie in zahlreichen Radioprogrammen übertragen.

Weitere Informationen gibt es unter www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de.

Die 15. Auflage von Open Books lockt 13.000 Besucherinnen und Besucher zu Lesungen in Frankfurts Innenstadt

Tamara Štainer Debuet-Abend in der Römerhalle des Frankfurter Römers. © Alexander Paul Englert
Tamara Štainer Debuet-Abend in der Römerhalle des Frankfurter Römers. © Alexander Paul Englert

ffm. Das seit 2009 von der Stadt Frankfurt parallel zur Buchmesse veranstaltete Lesefest erfreut sich ungebrochener Beliebtheit. Das neue Format „Debüts im Römer“ am Freitagabend, 20. Oktober, mit 400 Zuschauerinnen und Zuschauer wird aufgrund des großen Erfolgs fortgesetzt. Der Dank der Stadt Frankfurt gilt den zahlreichen kooperierenden Verlagen sowie den gastgebenden Häusern.

113 Lesungen mit rund 170 Mitwirkenden und dies vor vollen Sälen, das war Open Books in diesem Jahr. Nach der glanzvollen Eröffnung in der Deutschen Nationalbibliothek mit dem Blauen Sofa fanden die Lesungen ab dem Buchmessen-Mittwoch, 18. Oktober, rund um den Römer statt. Das Angebot, sich bei kostenfreien Lesungen einen Überblick über die wichtigen Bücher des Herbstes zu verschaffen, wurde dankbar angenommen und zog die Buchmesse an den Abenden in die Stadt hinein. Die Büchertische des unabhängigen Buchhandels verzeichneten sehr gute Verkaufszahlen. Ebenfalls große Resonanz fanden die Gastveranstaltungen mit der Frankfurter Rundschau, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sowie der SWR-Bestenliste und dem Schweizer Buchpreis. Ein Abend zum Gastland Slowenien war ebenso im Programm wie eine Reihe mit Graphic Novels. Zum Abschluss fand wieder in der Deutschen Nationalbibliothek das Kinderprogramm Open Books Kids statt. Am Samstag, 21. Oktober, und am Sonntag, 22. Oktober, stellten zehn Autorinnen und Autoren gebannt lauschenden Kindern ihre neuen Bücher vor. Das Erwachsenenprogramm endete am Samstag, 21. Oktober, mit einem bunten Frankfurt-Abend in der Volksbühne am Großen Hirschgraben. Moderiert wurde er von der Leiterin von Open Books, Sonja Vandenrath, und dem Direktor der Volksbühne, Michael Quast.

Lange Schlange Literaturbegeisterter vor dem Haus am Dom. © Alexander Paul Englert
Lange Schlange Literaturbegeisterter vor dem Haus am Dom. © Alexander Paul Englert

Kultur- und Wissenschaftsdezernentin Ina Hartwig stellt für die Stadt Frankfurt fest: „Im 75. Jahr ihres Bestehens hat die Buchmesse die tiefe Verbundenheit mit der Stadt Frankfurt am Main bekräftigt. Wir sind stolz, Buchmessen-Stadt zu sein und sehen das als Verpflichtung, die Präsenz und Sichtbarkeit von Büchern auch im Stadtraum zu ermöglichen. Das städtische Lesefest Open Books, das in diesem Jahr zum 15. Mal stattfand, ist ein wichtiger Teil unseres Bekenntnisses zur Buchmesse. Ich bin glücklich über die große Resonanz und die vollen Säle mit einem buchbegeisterten Publikum aller Altersklassen. Open Books ist ein Erfolgsmodell, das die Lebendigkeit und Dynamik Frankfurts als Buch- und Literaturstadt eindrucksvoll unter Beweis stellt. Der gute Verlauf in schwierigen Zeiten ermutigt mich.“

Sonja Vandenrath, als Leiterin des Lesefestes, ergänzt: „Die Säle waren übervoll, die Stimmung bei den Lesungen sehr gut und ein aufgeschlossenes Publikum hörte den Autor:innen zu. Die Themen unserer Zeit, die in Literatur und Sachbuch verhandelt werden, wurden konzentriert und auf hohem Niveau diskutiert. Mein persönliches Highlight war unser neues Format ‚Debüts im Römer‘, bei dem in Anlehnung an die Kultveranstaltung ‚Literatur im Römer‘ acht junge Autor:innen ihre ersten Bücher vorstellten und dies im Frankfurter Rathaus vor 400 Leuten. Was für ein Beginn einer literarischen Karriere. Den Verlagen danke ich ganz herzlich für die wunderbare Zusammenarbeit.“

Aufgetreten sind Doris Knecht, Marion Poschmann, Deniz Utlu, Ilija Trojanow, Herfried Münkler, Brigitte Giraud, Rita Falk, Deborah Feldman, Gabriele von Arnim, Elke Heidenreich, Lizzie Doron, Monika Maron, Can Dündar, Terézia Mora, Hans Pleschinski, Sabine Gruber, Dana Vowinckel, Harald Welzer, Florian Illies, Vera Politkowskaja, Christopher Clark, Charlotte Gneuß, Kattie Salié, Aleš Šteger, Reinhold Beckmann, Steffen Mau, Bov Bjerg, Jeannette Walls und viele mehr.

75. Frankfurter Buchmesse endet mit 215.000 Besuchern – internationale Branchentreff beweist seine einzigartige Stellung und wird geprägt von engagiertem politischem Diskurs

Frankfurter  Buchmesse 2023 - Impression von der Agora © Foto Diether von Goddenthow
Frankfurter Buchmesse 2023 – Impression von der Agora © Foto Diether von Goddenthow

Die 75. Frankfurter Buchmesse (18.-22. Oktober 2023) hat ihre einzigartige Stellung als wichtigster internationaler Treffpunkt der Buch- und Medienbranche abermals gezeigt: Mit 105.000 Fachbesuchern (Vorjahr: 93.000) aus 130 Ländern und 110.000 Privatbesuchern (Vorjahr: 87.000) gelang der Frankfurter Buchmesse nach den beiden Coronajahren 2020 und 2021 erneut ein deutlicher Wachstumsschub. Die beiden Publikumstage Samstag und Sonntag lagen bei der Zahl der Besuche um mehr als ein Drittel über dem Jahr 2022. Mehr als 4.000 Ausstellende aus 95 Ländern präsentierten sich in den Hallen. Das früh ausgebuchte Literary Agents & Scouts Centre (LitAg) meldete mit 548 Tischen eine Rekordbelegung. Mit Rechtehändlern aus insgesamt 324 Agenturen und mit über 35.000 Eintritten war das LitAg so frequentiert wie nie zuvor. Mehr als 7.000 Medienvertretern berichteten über die gut 2.600 Veranstaltungen an den Fach- und Publikumstagen.

Bücherwürmer und Literaturfreunde stürmten an den Publikumstagen die Messestände. © Foto Diether von Goddenthow
Bücherwürmer und Literaturfreunde stürmten an den Publikumstagen die Messestände. © Foto Diether von Goddenthow

Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, sagt zur Bilanz der Jubiläumsmesse: „Unsere Erfolgsformel lautet Interesse folgt Relevanz. Die Menschen kommen aus aller Welt hierher, weil sie wissen, dass für ihr eigenes Geschäft die Präsenz in Frankfurt unverzichtbar ist. Hinzu kommt die wachsende politische Bedeutung der Frankfurter Buchmesse in Kriegs- und Krisenzeiten, in denen die Verteidigung der Freiheit des Wortes umso wichtiger wird. Salman Rushdie, unser diesjähriger Friedenspreisträger, hat es heute in der Paulskirche eindringlich gesagt: Die Meinungsfreiheit gerät weltweit von allen Seiten unter Druck. Deshalb braucht es nötiger denn je die Buchmesse als internationale Plattform für den freien Austausch von Gedanken. Und nicht zuletzt spielt die persönliche Begegnung zwischen dem Lesepublikum und den Autorinnen und Autoren für uns eine immer wichtigere Rolle. Für diese Begegnungen haben wir im Jubiläumsjahr zahlreiche Angebote geschaffen, die vom Publikum begeistert aufgenommen wurden. Am großen Erfolg der TikTok-Bühne erkennt man, dass die Geschichte der Buchmesse, wie es unser Jubiläumsslogan And the story goes on verspricht, tatsächlich auf neuen wie auf bewährten Wegen weitergeht.“

Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, unterstreicht aus der Perspektive der Buchbranche: „Größter Handelsplatz für Bücher, begeisterndes Lesefest und Plattform für Demokratie und Meinungsfreiheit – das alles war die Frankfurter Buchmesse zum 75. Mal. Die Buchbranche hat sich auf der Buchmesse als lebendig, zukunftsgewandt und relevant gezeigt. Offene, gesellschaftliche Debatten in herausfordernden Zeiten gehörten ebenso dazu wie der Austausch über die Branchenthemen von heute und morgen.“

Diskursiver Widerhall der Weltpolitik und gesellschaftlicher Fragestellungen
Ob Klimawandel, Krise der Demokratien oder Kriege: Die internationalen Konflikte fanden einen diskursiven Widerhall auf der Messe. Der Frankfurt Pavilion war als kulturpolitische Bühne mit Debatten zum Nahost-Konflikt, zum Krieg in der Ukraine oder zum Protest der Letzten Generation sehr gut besucht. Der Wesenskern der Buchmesse als Diskursplattform zeigte sich gleich zu Beginn in Rede und Widerrede während der Eröffnungsfeier am Dienstag: Zu starken Reaktionen im Publikum und den Medien führten die Ausführungen des slowenischen Philosophen Slavoj Žižek zum Nahost-Konflikt. Um die ukrainische Buchbranche trotz des russischen Angriffskriegs sichtbar zu halten und ihr internationale Solidarität zu bekunden, wurde ein 200qm Länderstand inklusive eines vielfältigen Bühnenprogramms organisiert.

Ehrengast Slowenien: positive Bilanz

Slowenischer Ehrengastpavilion auf der Frankfurter Buchmesse 2023  © Foto Diether von Goddenthow
Slowenischer Ehrengastpavilion auf der Frankfurter Buchmesse 2023 © Foto Diether von Goddenthow

Der slowenische Gastland-Pavillon auf der Messe erwies sich durch mehr als 70 Veranstaltungen mit Autoren, Dichtern und Denkern aus Slowenien und dem internationalen Literaturbetrieb als absoluter Anziehungspunkt für die Messebesucher. Mit zwei wabenförmigen Auditorien und seiner nachhaltigen Architektur brachte der Pavillon nicht nur das Ehrengastmotto „Waben der Worte“, sondern auch die slowenische Landschaft auf das Messegelände. In der Stadt Frankfurt fanden während der Messe zudem zahlreiche stark besuchte Lesungen, philosophische Debatten, Ausstellungen und ein exklusives Konzert der Band Laibach statt.

Seit Slowenien im Oktober 2022 die „GastRolle“ von Spanien übernahm, wurden bei zahlreichen Veranstaltungen im deutschsprachigen Raum slowenische Autoren, Poeten, Philosophen, Künstlern und Musikeren und ihre Werke vorgestellt. Insgesamt wurden seit Beginn des Ehrengastprojekts rund 100 neue Bücher in deutscher Sprache und zahlreiche Titel in anderen europäischen Sprachen veröffentlicht. Die Ausstellung „Books on Slovenia“ auf der Messe umfasste rund 400 Titel.

Spotlight on: Die Publikumshighlights
Das Messewochenende (20-22. Oktober) bot ein Publikumsprogramm, bei dem die Besuchern internationale Bestseller-Autoren, TV-Stars und Influencern erleben konnten. Bevor Salman Rushdie am Sonntag mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, trat er gemeinsam mit Christopher Clark, Lizzie Doron, Cornelia Funke, Thomas Hettche und Amir Gudarzi bei der großen Literaturgala von ARD, ZDF und 3sat auf der Buchmesse auf. Lexi Ryan, Benjamin Lacombe, Motsi Mabuse, Guido Maria Kretschmer, Verona Pooth, SASHA und viele andere begeisterten das Publikum an der Open Stage. Im neuen „Meet the Author“-Areal hatten die Fans die Möglichkeit, u.a. Lucy Score, Rafik Schami, Elke Heidenreich, Mona Kasten und Sarah Sprinz zu begegnen.

Bekannte Autoren wie Deborah Feldman, Boštjan Gombač, Gaby Hauptmann, Axel Scheffler, Dirk Steffens und viele andere haben das Programm des BOOKFEST city 2023 in den Buchhandlungen und Bibliotheken in Frankfurt und Umgebung bereichert. Beim Frankfurt Kids Festival auf dem Messegelände und in der ganzen Stadt konnten junge Buchfans ihre Lieblingsautoren persönlich treffen, spannende Lesungen besuchen und bei Workshops und tollen Mitmachaktionen selbst kreativ werden. Tijen Onaran und Cornelia Funke sowie die Sieger des Deutschen Jugendliteraturpreises 2023 gaben sich im Frankfurt Studio die Ehre. Im Rahmen des Audio-Schwerpunkts konnten die Besucher Harry Potter-Sprecher Rufus Beck, Känguru-Chroniken-Autor Marc-Uwe Kling, Podcasterin Sophie Passmann und Entertainer Helge Schneider live erleben.

Im Rahmen des ersten TikTok Book Awards wurden die Lieblingscreatoren, – autornen, -bücher und -verlage der #BookTok Community ausgezeichnet. Anwesend waren auch bekannte Gesichter wie Otto Waalkes und Sebastian Fitzek.

Jubiläumsaktionen zur 75. Frankfurter Buchmesse
Die 75. Frankfurter Buchmesse zeichnete sich durch viele bunte Jubiläumsaktivitäten auf dem Messegelände und im gesamten Frankfurter Stadtgebiet aus. Ein besonders auffälliger Hingucker war die Aktion „75 Stühle – 75 Geschichten“. 75 Stühle erzählten per QR-Code die Geschichten von Menschen und ihrer Verbindung zur Frankfurter Buchmesse. Mit dabei waren u.a. Michel Friedman, Lina Atfah, Nina George, Volker Türk und Meron Mendel. Im Jubiläumsareal konnten die Besucher ihre persönlichen Glückwünsche hinterlassen. Auch zahlreiche Aussteller hatten sich kreative Beiträge ausgedacht, um der Frankfurter Buchmesse zum Jubiläum zu gratulieren: mit Glückwunschbannern, besonders gestalteten Bücherwänden oder großen Illustrationen am Messestand.

Fachprogramm: Künstliche Intelligenz und internationale Buchmarkt-Trends
Das internationale Fachprogramm bot Weiterbildungs-, Diskussions- und Networking-Veranstaltungen. Großen Raum nahm dabei das Thema Künstliche Intelligenz ein. Vor allem der Ruf nach Transparenz und nach einem gesetzlichen Rahmen, der die Interessen der Urheber schützt, war während der Messetage vernehmbar. Aus der Praxis berichtete Anna Soler-Pont (Pontas Literary Agency, Spanien) im Publishing Perspectives Forum: „Wir haben in unsere Verträge Klauseln über KI aufgenommen, um unsere Kunden zu schützen. Wir möchten beispielsweise, dass menschliche Stimmen unsere Hörbücher aufnehmen.“ Im Executive Talk reflektierte Nihar Malaviya, CEO von Penguin Random House: „Es geht nicht um Mensch gegen Maschine. Es geht um Menschen UND Maschinen. Wie können wir diese Technologie nutzen, um uns zu helfen?“

Die neue Frankfurt International Stage hat sich als der Ort für Veranstaltungen zu Buchmärkten und Brancheninitiativen gleich im ersten Jahr bewährt, wobei sich Asien, der lateinamerikanische Raum sowie europäische Länder besonders aktiv ins Programm eingebracht haben. Die rund 30 größtenteils englischsprachigen Panels und Vorträge zu Themen wie Metadaten, Open Access, Bildung, Independent Publishing oder Nachhaltigkeit erhielten von den internationalen Publishing Professionals viel Aufmerksamkeit.

Am Buchmesse-Wochenende übernahmen Autoren wie Georgi Gospodinow (Bulgarien), Lola Shoneyin (Nigeria), Lynn Cullen (USA) und Diaty Diallo (Frankreich) die Bühne für rund 20 verschiedene Lesungen und Gespräche. Insgesamt besuchten etwa 1.800 Personen die Veranstaltungen der International Stage. Zahlen ähnlicher Größenordnung wurden zum Beispiel aus dem Internationalen Übersetzungszentrum (Halle 4.1) gemeldet, auch die Podien des Forum Bildung (Halle 3.1) waren sehr gut besucht. Der Book-to-Screen Day am Buchmessefreitag ermöglichte einer Vielzahl an Filmschaffenden aus der ganzen Welt den Austausch mit der internationalen Buchbranche.

Alle Videoaufzeichnungen von Veranstaltungen auf der #fbm23 sind in der Mediathek und auf dem YouTube-Kanal der Frankfurter Buchmesse abrufbar.

Salman Rushdie mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2023 ausgezeichnet

Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins überreichte Salman Rushdie die Urkunde des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2023 überreicht. © Foto Tobias Bohm/Börsenverein des Deutschen Buchhandels
Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins überreichte Salman Rushdie die Urkunde des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2023 überreicht. © Foto Tobias Bohm/Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Schriftsteller Salman Rushdie wurde heute vor rund 700 geladenen Gästen in der Frankfurter Paulskirche der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Unter den Gästen waren unter anderem auch Kulturstaatsministerin Claudia Roth, Wirtschaftsminister Robert Habeck, Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger und Landwirtschaftsminister Cem Özdemir. Die Laudatio hielt Daniel Kehlmann, deutsch-österreichischer Schriftsteller, Drehbuchautor, Essayist, Literaturkritiker und Dozent.

Dankesrede Salman Rushdies
In seiner Dankesrede beschreibt Rushdie die Suche und die Sehnsucht nach Frieden, der aber, so sagt er, schwer zu schaffen und schwer zu finden sei: „Und doch sehnen wir uns danach, nicht nur nach dem großen Frieden am Ende eines Krieges, sondern auch nach dem kleinen Frieden in unserem eigenen privaten Leben, ein Leben in Frieden mit uns selbst und unserer kleinen Welt.“

In seiner Rede fährt er fort: „Hier sind wir nun versammelt, um über Frieden zu sprechen, wo doch gar nicht weit fort ein Krieg tobt, ein der Tyrannei eines einzelnen Mannes und seiner Gier nach Macht und Eroberung geschuldeter Krieg, ein trauriges Narrativ, dem deutschen Publikum nicht unbekannt. Und in Israel und dem Gazastreifen ist noch ein bitterer Konflikt explodiert. Frieden will mir im Augenblick wie ein dem Rauch der Opiumpfeife entsprungenes Hirngespinst vorkommen.“

Rushdie appelliert in seiner Rede daran, nicht aufzuhören, sich für den Frieden einzusetzen und plädiert dafür, dass „der Friede, so mühselig er auch zu finden ist, so unmöglich es scheinen mag, ihn zu bewahren, dass er, dieses so schwer zu bestimmende Etwas, trotz alledem zu unseren großen Werten zählt, die es leidenschaftlich zu verfolgen gilt“.

Auch über die Freiheit spricht Salman Rushdie, die – so habe er lernen müssen – „eine gleich starke und widersetzliche Reaktion der Kräfte der Unfreiheit provozieren kann.“ Er sagt weiter: Wir leben in einer Zeit, von der ich nicht geglaubt habe, sie erleben zu müssen, eine Zeit, in der die Freiheit – insbesondere die Meinungsfreiheit, ohne die es die Welt der Bücher nicht gäbe – auf allen Seiten von reaktionären, autoritären, populistischen, demagogischen, halbgebildeten, narzisstischen und achtlosen Stimmen angegriffen wird, eine Zeit, in der sich Bildungseinrichtungen und Bibliotheken Zensur und Feindseligkeit ausgesetzt sehen; in der extremistische Religionen und bigotte Ideologien beginnen, in Lebensbereiche vorzudringen, in denen sie nichts zu suchen haben. Und es gibt sogar progressive Stimmen, die sich für eine neue Art von bien-pensant Zensur aussprechen, eine Zensur, die sich den Anschein des Tugendhaften gibt und die viele, vor allem junge Menschen, auch für eine Tugend halten. Von links wie rechts gerät die Freiheit also unter Druck, von den Jungen wie den Alten. Das hat es so bislang noch nicht gegeben und wird durch neue Kommunikationsformen wie das Internet noch komplizierter, da gut gemachte Webpages mitsamt ihren böswilligen Lügen gleich neben der Wahrheit stehen, weshalb es vielen Menschen schwerfällt, das eine vom anderen zu unterscheiden. Außerdem wird in unseren sozialen Medien Tag für Tag die Idee der Freiheit missbraucht, um dem Mob online das Feld zu überlassen, wovon die milliardenschweren Besitzer dieser Plattformen profitieren und was sie zunehmend in Kauf zu nehmen scheinen.“

„Was aber tun wir in Sachen Meinungsfreiheit, wenn sie auf derart vielfältige Weise missbraucht wird? Wir sollten weiterhin und mit frischem Elan machen, was wir schon immer tun mussten: schlechte Rede mit besserer Rede kontern, falschen Narrativen bessere entgegensetzen, auf Hass mit Liebe antworten und nicht die Hoffnung aufgeben, dass sich die Wahrheit selbst in einer Zeit der Lügen durchsetzen kann. Wir müssen sie erbittert verteidigen und sie so umfassend wie möglich definieren, was natürlich heißt, dass wir die freie Rede auch dann verteidigen, wenn sie uns beleidigt, da wir die Meinungsfreiheit sonst überhaupt nicht verteidigen würden. Verlegerinnen und Verleger gehören zu den wichtigsten Wächtern der Meinungsfreiheit.“

Laudatio von Daniel Kehlmann

Daniel Kehlmann beschreibt in seiner Laudatio Salman Rushdie als das „Gegenteil eines weltabgewandten Menschen (…): Was immer in der gärenden Substanz des Weltgeistes geschieht. Er nimmt es vor uns anderen wahr“ und transformiere es „manchmal in offensichtlicher, manchmal auf geheime und nur ihm selbst nachvollziehbare Weise, in Kunst.“ Der Künstler, Humorist und Sätzeschmied sei „unbestritten einer der großen Erzähler der Literaturgeschichte, der vielleicht wichtigste Verteidiger der Freiheit von Kunst und Rede in unserer Zeit – vor allem aber ein weiser, neugieriger, heiterer und gütiger Mensch und somit der würdigste Träger, den es für diese Auszeichnung, die ja als Friedenspreis ausdrücklich nicht nur künstlerische, sondern auch humanistische Größe auszeichnet, überhaupt hätte geben können.“

Rede von Karin Schmidt-Friderichs
Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins, sieht in Rushdie einen Menschen, „der trotz all dem, was ihm widerfahren ist, seine Stimme erhebt und für die Freiheit des Denkens und des Wortes eintritt. Einen Menschen, dem wir weise Worte und Denkanstöße verdanken. Einen Menschen, der mit seinen fiktionalen Geschichten der Realität den Spiegel vor Augen hält. Einen Menschen, von dem wir lernen können, was Mut ist.“

Grußwort von  Mike Josef

Der Frankfurter Oberbürgermeister Mike Josef nennt Rushdie ein Vorbild, das die Werte des Paulskirchenparlaments in die Welt getragen habe: „Der Friedenpreis hat hier seine Heimat gefunden, weil die Paulskirche den Werten der demokratischen Bestrebungen seit 1848 ein Zuhause gibt. Werten wie Menschenrechte, Meinungs- und Pressefreiheit, Frieden und Demokratie. Das Leben und Schaffen des heutigen Preisträgers steht symbolisch für diese Werte Frieden und Meinungsfreiheit.“

Seit 1950 vergibt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Preisträger*innen waren unter anderem Sebastião Salgado, Albert Schweitzer, Astrid Lindgren, Václav Havel, Jürgen Habermas, Susan Sontag, Liao Yiwu, Navid Kermani, Margaret Atwood, Aleida und Jan Assmann und im vergangenen Jahr Serhij Zhadan. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert.

Grußworte, Laudatio und Dankesrede über: Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Das Buch mit allen Reden der Preisverleihung ist ab dem 20. November 2023 im Buchhandel oder beim MVB-Kundenservice unter kundenservice@mvb-online.de erhältlich (ISBN: 978-3-7657-3442-7, 19,90 Euro).

Schriftstellerin und Moderatorin Thea Dorn erhält auf der Buchmesse den Julius-Campe-Preis 2023 des Hoffmann und Campe Verlags

Die preisgekrönte Schriftstellerin und Moderatorin Thea Dorn, seit 2020 alleinige Gastgeberin des Literarischen Quartetts im ZDF erhielt im Frankfurt Pavilion auf der Frankfurter Buchmesse des Julius Campe-Preise 2023 des Hoffmann und Campe Verlags. © Foto Diether von Goddenthow
Die preisgekrönte Schriftstellerin und Moderatorin Thea Dorn, seit 2020 alleinige Gastgeberin des Literarischen Quartetts im ZDF erhielt im Frankfurt Pavilion auf der Frankfurter Buchmesse des Julius Campe-Preise 2023 des Hoffmann und Campe Verlags. © Foto Diether von Goddenthow

Der Julius-Campe-Preis, den der HOFFMANN UND CAMPE Verlag verleiht, geht in diesem Jahr an die Schriftstellerin und Moderatorin Thea Dorn. Der Preis wurde am 20.10.2023 im Frankfurt Pavilion auf der Frankfurter Buchmesse verliehen von Tim Jung, Verlegerischer Geschäftsführer von Hoffmann und Campe in Beisein des Verlegers Thomas Ganske, Inhaber der Ganske Verlagsgruppe (Hoffmann u Campe, Gräfe und Unzer, Jahreszeiten usw.) Die Laudatio hielt der Publizist Deniz Yücel, Vorsitzender des Pen-Berlin. . Der Preis ist mit 99 Flaschen edlen Weins und des bei HOFFMANN UND CAMPE erschienenen Faksimiles des Manuskripts der »Französischen Zustände« Heinrich Heines dotiert.

Tim Jung, Geschäftsführer des Hoffmann und Campe Verlages überreicht Thea Dorn die Preisurkunde mit folgendem Text (Auszug): "Als heutige Gastgeberin des Literarischen Quartetts bietet Thea Dorn der Literatur eines der wichtigsten öffentlichen Foren und leistet damit einen entscheidenden Beitrag für das kulturelle Leben in Deutschland, für Meinungsvielfalt und für einen offenen Diskurs, der für den Erhalt der Demokratie unverzichtbar ist ...", © Foto Diether von Goddenthow
Tim Jung, Geschäftsführer des Hoffmann und Campe Verlages überreicht Thea Dorn die Preisurkunde mit folgendem Text (Auszug): „Als heutige Gastgeberin des Literarischen Quartetts bietet Thea Dorn der Literatur eines der wichtigsten öffentlichen Foren und leistet damit einen entscheidenden Beitrag für das kulturelle Leben in Deutschland, für Meinungsvielfalt und für einen offenen Diskurs, der für den Erhalt der Demokratie unverzichtbar ist …“, © Foto Diether von Goddenthow

Der Preis, so Jung, werde an Persönlichkeiten und Institutionen verliehen, die sich auf herausragende Weise literaturkritische und literaturvermittelnde Verdienste erworben haben. Als heutige Gastgeberin des Literarischen Quartetts böte Thea Dorn der Literatur eines der wichtigsten öffentlichen Foren und leiste damit einen entscheidenden Beitrag für das kulturelle Leben in Deutschland für Meinungsvielfalt und für einen offenen Diskurs, der für den Erhalt unserer Demokratie unverzichtbar sei, sagte Jung. In Zeiten schwindender Toleranz und einer zunehmend deformierten Debattenkultur stehe Thea Dorn für einen Austausch von Meinungen, Sichtweisen und Ideen, der den Idealen der Aufklärung folge: „Sie ermöglicht es einem großen Publikum, an einem Gespräch über Literatur teilzuhaben, dessen elementarer Wert für unsere Gesellschaft in Orientierung, Erkenntnis, gegenseitiger Akzeptanz und einem tieferen Verständnis unserer Welt besteht“, so der HoCa-Geschäftsführer. Im Rahmen Ihrer Sendung praktiziere Thea Dorn eine tolerante Streitbarkeit. Literatur sei ihr nicht nur Anlass zum Disput, sondern sie sorge, wie Hamburgs Kultursenator Dr. Carsten Brosda seinem Buch „Die Kunst der Demokratie“ einmal schrieb, „für fortwährende lebendige Aufbegehrung, bei der die Vernunft in der Vielheit ihrer Stimmen liegt“.

Jung kritisiert Schließung von Goethe-Instituten und Literatursendungen im ÖRR
Wir lebten in Zeiten, in denen Austausch und Verständigung, das Suchen und Finden von Brücken über Terror, Kriege, Staatsgrenzen und Denkhorizonte hinweg gleich notwendiger denn je seien. Ausgerechnet in solch einer Zeit, in der Brückenbauen über Denkhorizonte hinweg zu bauen, oft so schwer vorstellbar wäre, „müssen wir gemeinsam erleben, dass es das Auswärtige Amt für eine gute Idee hält, Goethe-Institute zu schließen, und wir erleben auch, wie innerhalb der ARD der Bayerische Rundfunk mit Verweis auf angebliche Rezeptionsgewohnheiten seiner jüngeren Zielgruppe etablierte Kultursendungen einstellen will“, kritisiert Jung die Politik und den ÖRR. Dies sei ein fatales Signal, auch an andere Sender und Anstalten des Öffentlich Rechtlichen Rundfunks. „Der öffentlich rechtliche Bildungsauftrag besteht nicht darin, Hörer nach ihrer Lieblingslektüre zu befragen, oder Redakteure Klappentexte vorlesen zu lassen, sondern darin, eine Jugend und eine Gesellschaft ernstzunehmen, die in höllisch komplizierten Zeiten lebt, und die ein Anspruch darauf hat, profund, klug und komplex informiert zu werden.“
Bei Thea Dorn sei Literatur ist kein Beiwerk als Einspieler oder Lückenfüller. Literatur brauche eigene Räume Formate, um wie etwa im Literarischen Quartett, ihre besondere Wirkung zu entfalten. Dort dürften wir Thea Dorn „als Garantin eines Diskurses erleben, der anschaulich vermittelt, dass unterschiedliche Meinungen keinesfalls ein Problem, sondern etwas Vergnügliches und Erhellendes sind.“ Wir erlebten die Preisträgerin Thea Dorn als scharfsinnige, unbestechliche und erkenntnisgeleitete Anwältin der Literatur, die in besonderer Weise für Meinungsvielfalt und Diskurs stünde, Widersprüche gelassen aushielte und profunde wie fundierte Urteile fälle. Vor allem sei sie mutig. Während das ZDF 1989 die „Satanischen Verse“ von Salman Rushdie nicht im Literarischen Quartett besprechen wollte, habe man es „Thea Dorn zu verdanken, dass das im vergangenen Jahr nachgeholt wurde, als sichtbares Zeichen dafür, dass wir die Meinungsfreiheit und die Kunstfreiheit, egal wie archaisch der Terror ist, dem wir begegnen, niemals preisgeben dürfen und auch niemals preisgeben werden.“, lobte Jung die Preisträgerin.

Deniz Yücel: „Dorn habe Beitrag zur Rettung der Literaturkritik geleistet“

Laudator Deniz Yücel, Präsident PEN-Berlin, studierte an der Freien Universität Berlin Politikwissenschaften. Er arbeitete als Redakteur bei der Wochenzeitung Jungle World und der tageszeitung (taz). 2015 ging er als Korrespondent der Welt in die Türkei. Für seine Arbeit wurde Yücel mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Theodor-Wolff-Preis. »Agentterrorist« ist sein drittes  Buch. © Foto Diether von Goddenthow
Laudator Deniz Yücel, Präsident PEN-Berlin, studierte an der Freien Universität Berlin Politikwissenschaften. Er arbeitete als Redakteur bei der Wochenzeitung
Jungle World und der tageszeitung (taz). 2015 ging er als Korrespondent der Welt in die Türkei. Für seine Arbeit wurde Yücel mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Theodor-Wolff-Preis. »Agentterrorist« ist sein drittes Buch. © Foto Diether von Goddenthow

In seiner Laudatio bekräftigte Publizist Deniz Yücel die Ausführungen seines Vorredners: Thea Dorn habe „nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Rettung der Literaturkritik geleistet. Sie hat der Literatur eine letzte massentaugliche Bühne geboten, und somit, sich um die Rettung der zeitgenössischen Literatur selbst verdient gemacht.“ Wo sonst sollten junge Menschen lernen, und sich ältere daran erinnern wie großartig, wie aufwühlend, aufregend, aufheiternd und vieles mehr das Lesen von Literatur sein kann, als bei Ihnen ‚Frau Dorn, sagte Yücel, der zudem ein wenig aus dem Nähkästchen seines von freundschaftlicher Distanz und respektvoller Nähe geprägtes Kollegenverhältnisses zur Preisträgerin erzählte, „die sich in große Fragen unserer Zeit einmischt, meistens in schreibender essayistischer Weise, zuweilen auch, da hätte ich beinahe auch aktivistisch gesagt, in einer praktischen Weise“. So erlebte er Kollegin Dorn bei der Gründung von PEN-Berlin. https://penberlin.de/

Thea Dorn: „Literatur nicht zum sensibilitätsgerechten Save-Space umbauen“
Der Dank der Preisträgerin galt vor allem auch ihren Mitstreitern im Literarischen Quartett: „Ohne Sie, ohne Euch wäre ich nichts in diesem Quartett.“ Aber seit einiger Zeit, „endgültig seit dem 7. Oktober, seit den Pogromen der Hamas gegen die israelische Bevölkerung, fällt es mir doch zunehmend schwer, Literarisches, Literaturkritisches oder meinetwegen auch Literaturvermittlung business as usual zu betreiben“. Zu stark sei der Eindruck, dass die Welt, wie wir sie kannten, keinen verlässlichen Grund mehr dafür gäbe, und immer häufiger habe sie beim Aufwachen Friedrich Hölderin Zeilen vom „wunderbaren Sehnen dem Abgrund zu“ präsent.

Tim Jung, Geschäftsführer des Hoffmann und Campe Verlages, Preisträgerin Thea Dorn, Laudator Deniz Yücel, Thomas Ganske, Verleger und Inhaber der Ganske Verlagsgruppe (Hoffmann u Campe, Gräfe und Unzer, Jahreszeiten usw.) bei der Preisverleihung des Julius-Campe-Preises 2023 im Frankfurt Pavilion auf der Frankfurter Buchmesse.  © Foto Diether von Goddenthow
Tim Jung, Geschäftsführer des Hoffmann und Campe Verlages, Preisträgerin Thea Dorn, Laudator Deniz Yücel, Thomas Ganske, Verleger und Inhaber der Ganske Verlagsgruppe (Hoffmann u Campe, Gräfe und Unzer, Jahreszeiten usw.) bei der Preisverleihung des Julius-Campe-Preises 2023 im Frankfurt Pavilion auf der Frankfurter Buchmesse. © Foto Diether von Goddenthow

Was solle „die Kunst der Worte, wenn die freiheitliche Welt von einem Fieber nach dem anderen geschüttelt“ werde, und „die Menschen in ihrer Verwirrung immer häufiger Scharlatanen“ zuliefen, die „außer Irrationalität, Autoritarismus, Ressentiments und Gewalt nichts, aber auch gar nichts in ihrem Besteckkasten haben“?, so Dorn. Was solle die Kunst der Worte, „wenn die äußeren Feinde der freiheitlichen Welt die Waffen aus den Arsenalen holen, und mit größter Brutalität einsetzen? Welche ihrer vielen Stimmen soll Literatur ergeben, wenn Waffen, nein nicht sprechen, sondern töten und zerstören. Und wenn die Hoffnung, Freiheit ließe sich allein mit Worten verteidigen ins Reich des Irrationalen der Träumerei gehört, und einzig der Schmerz bleibt.“, sagte die Preisträgerin sichtlich erschüttert von den derzeitigen Entwicklungen.
In solchen Zeiten möge selbst „der idealistischste versponnenste oder ironisch abgebrühteste Literat erkennen, dass es Zeit ist, ebenso klar wie leidenschaftlich für Menschenrechte und Demokratie für Vernunft und Zivilität Partei zu ergreifen, wie Thomas Mann es vor 100 Jahren getan hat. Dies bedeute aber nicht, so Dorn, „dass wir die Literatur selbst moralisch aufladen sollten. Der Kampf um Menschlichkeit und das Humane muss in der gesellschaftlichen Wirklichkeit ausgetragen werden. Irrationalität, Ressentiment und Hass“ ließen sich nicht mit moral sensitivity bekämpfen“. Denn nichts werde real besser, „wenn wir heute als beleidigend empfundene Wörter aus Werken der Vergangenheit tilgen oder in Romanen der Gegenwart Professoren vergangener Jahrhunderte vorsichtshalber von Studierenden reden lassen“. Bisweilen dränge sich der Campe-Preisträgerin der Verdacht auf, dass es „Ausdruck objektiver Verzagtheit“, ja ein „hilfloses Zum-Wohle-handeln“ sei, „wenn angesichts einer bedrohlicher gewordenen Welt mit Eifer daran gearbeitet“ werde, „wenigstens die Kunst, Literatur zum sensibilitätsgerechten Save-Space umzubauen“.

„Geben wir das ‚Faire des Politischen‘, was des Politischen ist, und lassen wir dem eigentümlichen Nebenreich der Literatur, was der Literatur ist: Streiten wir für eine bessere, friedlichere, zivilere Welt und bewahren wir uns die Literatur als einen Raum, in dem die Trauer, der Zorn oder auch das Gelächter über die Unrettbarkeit der Welt ihren Platz haben. Niemand sagt, dass dies einfach ist, aber wenigstens wir Literaturmenschen sollten in finsteren Zeiten den Verlockungen der Vereinfachungen widerstehen“, gab die Preisträgerin zu Bedenken.

(Diether von Goddenthow /Rhein-Main.Eurokunst)

Biografie Thea Dorn (ZDF)
Mit der März-Ausgabe 2020 ist Thea Dorn erstmalig alleinige Gastgeberin der Sendung „Das Literarische Quartett“: Flankiert von drei illustren Gästen. Ihr Ziel ist es, die „Glut der Leselust“ beim Zuschauer neu zu entfachen. Bereits seit März 2017 gehörte sie neben Volker Weidermann und Christine Westermann zum festen Stamm der sechsmal im Jahr ausgestrahlten Sendung. Sie moderierte die Sendung „Literatur im Foyer“ im SWR-Fernsehen. 1970 geboren, studierte sie Philosophie und Theaterwissenschaften in Frankfurt, Wien und Berlin und arbeitete als Dozentin und Dramaturgin. Sie schrieb eine Reihe preisgekrönter Romane und Bestseller , u.a. „Die Hirnkönigin“ (1999), Theaterstücke, Drehbücher und Essays,u.a. „Die neue F-Klasse – Wie die Zukunft von Frauen gemacht wird“ (2006), mit Richard Wagner den Sachbuch-Bestseller „Die deutsche Seele“ (2011). Sie kuratierte unter dem Motto „Hinaus ins Ungewisse!“ das „forum:autoren“ beim Literaturfest München 2012. Der Film „Männertreu“, zu dem sie das Drehbuch schrieb, wurde 2014 mit dem „Deutschen Fernsehpreis“ als bester Fernsehfilm des Jahres und 2015 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. 2016 erschien ihr Roman „Die Unglückseligen“, 2018 „deutsch, nicht dumpf: Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten“. 2021 ihr aktueller Roman „Trost: Briefe an Max“.

Infos: Das Literarische Quartett

Das Literarische Quartett Lesestoff zur Frankfurter Buchmesse

Die heute Abend startende 75. Frankfurter Buchmesse lenkt Fokus auf Menschlichkeit in Krisenzeiten

© Foto Diether von Goddenthow
© Foto Diether von Goddenthow

Menschlichkeit in Krisenzeiten: Die 75. Frankfurter Buchmesse wendet sich gegen Kriege und Gewalt, führt aktuelle Debatten, lädt ein zur Begegnung mit Autoren aus aller Welt und heißt Slowenien als Ehrengast willkommen.

Die 75. Frankfurter Buchmesse (18.-22. Oktober 2023) bietet in ihrem Jubiläumsjahr ein kulturell wie politisch hochkarätiges Programm – als Forum der Literatur und der gesellschaftlichen Debatten. Eröffnet wird das international größte Zusammentreffen in der Publishing-Branche am heutigen Dienstag, den 17. Oktober, von der slowenischen Staatspräsidentin Nataša Pirc Musar. Eine philosophische und eine literarische Festrede auf der Eröffnungsfeier halten der Autor und Philosoph Slavoj Žižek sowie die Lyrikerin und Publizistin Miljana Cunta. Auch der Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt, Mike Josef, die hessische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Angela Dorn und die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Karin Schmidt-Friderichs, sprechen während der Eröffnungsfeier.

Jürgen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse. © Foto Diether von Goddenthow
Jürgen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse. © Foto Diether von Goddenthow

Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, äußerte sich auf der heutigen Pressekonferenz zur Situation einer von gleichzeitigen Krisen verunsicherten Welt: „Die Welt ist aus den Fugen geraten. Wir haben die Krise des Klimawandels und die Krise der westlichen Demokratien. Wir erleben seit über anderthalb Jahren Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine. Und seit dem 7. Oktober einen neuen, schrecklichen Höhepunkt der Gewalteskalation durch den Terrorkrieg der Hamas gegen Israel. Wir sind entsetzt. Bei der Frankfurter Buchmesse geht es immer um Menschlichkeit, im Zentrum steht die menschliche Begegnung. Diese Menschlichkeit ist am 7. Oktober durch den Angriff der Hamas-Terroristen auf Israel abermals zerbrochen. Unser Mitgefühl gilt den Menschen, deren Angehörige Opfer dieses Gewaltexzesses wurden, und allen Menschen in Israel und Palästina, die unter dem Krieg leiden.”

In zahlreichen Veranstaltungen werden während der fünf Messetage die drängendsten Themen aus Politik und Gesellschaft in den Fokus gerückt. Als Gastrednerin der heutigen Eröffnungspressekonferenz erläuterte die britische Wissenschaftsjournalistin und Buchautorin Gaia Vince (Das nomadische Jahrhundert) den Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und einer bereits einsetzenden globalen Migrationsbewegung. Auf der kulturpolitischen Hauptbühne im ikonischen Frankfurt Pavilion diskutieren u.a. Claudia Roth, (Bundesbeauftragte für Kultur und Medien), Deniz Yücel (PEN Berlin), Irina Scherbakowa (Schriftstellerin, Mitgründerin der Menschenrechtsorganisation Memorial), Dmitri Glukhovsky (russischer Bestseller-Autor im Exil) und Meron Mendel (Bildungsstätte Anne Frank).

Frankfurt Pavilion auf der Agora der Frankfurter Buchmesse. © Foto Diether von Goddenthow
Frankfurt Pavilion auf der Agora der Frankfurter Buchmesse. © Foto Diether von Goddenthow

Auf der International Stage widmen sich Experten der Vereinten Nationen dem Klimawandel und regen unter dem Titel „The era of global boiling – what can we do?“ den Schritt von der Analyse zur Aktion an. Auch die Klima-Aktivistin und Mitgründerin der „Letzten Generation“, Lea Bonasera, ist in Frankfurt zu Gast. Sie ist neben anderen Aktivistinnen Teil des Programms „SHEROES – Streiterinnen für die Zukunft“ auf der Literaturbühne von ARD, ZDF und 3sat. Zu den geladenen Autorinnen gehören in diesem Jahr des weiteren die ehemalige Femen-Aktivistin Zana Ramadani und die KI-Expertin Mina Saidze.

Fans guter Geschichten und literarischer Live-Begegnungen können sich in diesem Jahr auf eine Menge Highlights freuen. Im Bereich Frankfurt Audio, in dem es ums Hörbuch und um Podcasts geht, sind so bekannte Stimmen zu hören wie die von Rufus Beck (Harry Potter) und Marc-Uwe Kling (Känguru-Chroniken). Zum ersten Mal kommt der reichweitenstarke Politik-Podcast Lage der Nation in den Saal Harmonie des Congress Centers (CMF). Philip Banse und Ulf Buermeyer nehmen dort bei „Lage Live“ vor rund 2.000 Zuschauern eine neue Folge ihres Erfolgsformats auf. Ebenfalls im CMF wird es eine von ARD, ZDF und 3sat kuratierte Literaturgala mit Christopher Clark, Lizzie Doron, Cornelia Funke, Amir Gudarzi und Thomas Hettche geben. Der diesjährige Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Salman Rushdie, hat ebenfalls seine Teilnahme an der Gala zugesagt. Täglich von 10.00 bis 18.00 Uhr werden auf der Literaturbühne von ARD, ZDF und 3sat literarische Neuheiten präsentiert. Moderatoren wie Bärbel Schäfer, Denis Scheck, Knut Cordsen, Mona Ameziane, Thea Dorn, Katty Salié, Jo Schück, Vivian Perkovic und Gert Scobel treffen auf illustre Autoren.

Klangvolle Namen der Kinder- und Jugendliteratur versammelt das Frankfurt Kids Festival von Freitag bis Sonntag auf verschiedenen Bühnen des Messegeländes. Zu den Stars, die sich angekündigt haben, gehören neben Margit Auer und Cornelia Funke auch Benjamin Lacombe und Ursula Poznanski. Der runde Geburtstag Otfried Preußlers (er wäre am 20. Oktober 2023 100 Jahre alt geworden) wird ebenfalls gebührend gefeiert. Bei so viel literarischer Prominenz darf die Möglichkeit zu Signierstunden nicht fehlen: Das Meet the Author Areal in Halle 4.1 ist die neue Eventlocation für die Begegnung zwischen Autoren und Fans auf Augenhöhe.

Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse (18.-22. Oktober 2023) ist Slowenien (Bild: Standmodell). Das Spektrum der bisherigen Gäste reicht von Neuseeland über Norwegen, Litauen, Brasilien, Flandern und den Niederlanden zu Indien und Indonesien. 2022 präsentierte sich Spanien als Ehrengast; Italien wird 2024 und die Philippinen 2025 in Frankfurt erwartet.
Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse (18.-22. Oktober 2023) ist Slowenien (Bild: Standmodell). Das Spektrum der bisherigen Gäste reicht von Neuseeland über Norwegen, Litauen, Brasilien, Flandern und den Niederlanden zu Indien und Indonesien. 2022 präsentierte sich Spanien als Ehrengast; Italien wird 2024 und die Philippinen 2025 in Frankfurt erwartet.

Großes Ehrengast-Kino verspricht das Organisationsteam des slowenischen Buchmesse-Auftritts. Rund 75 Autoren und Kreative aus dem erst seit 32 Jahren eigenständigen Nationalstaat gehören zur Delegation. Dazu kommen mehr als 30 ausstellende Verlage und Institutionen, eine Illustrator*innen-Ausstellung und ein umfangreiches Programm mit mehr als 70 Veranstaltungen im Ehrengast-Pavillon. Zu den Höhepunkten dort gehört ein Gespräch, das Messedirektor Juergen Boos mit UEFA-Präsident Aleksander Čeferin führen wird. Literarisch steht die Lyrik im Mittelpunkt des slowenischen Auftritts, unter dem Motto „Waben der Worte“. Einen zweiten Schwerpunkt im Ehrengast-Programm bilden Wissenschaft und Philosophie. Mit Spannung zu erwarten ist das von dem Buchwissenschaftler Miha Kovač kuratierte Fachprogramm, das sich interdisziplinär mit dem Thema „Higher Level Reading“ befasst. Kultureller Höhepunkt im Ehrengast-Programm wird das Konzert von Sloweniens berühmtester Band Laibach, die „Alamut – Historische Sinfonie” in der Jahrhunderthalle aufführt. Das interkulturelle Werk basiert auf einem 1938 erschienenen Roman Vladimir Bartols.

75 Stühle, 75 Geschichten, die per QR-Code auf an den Stühlen angehängten Kärtchen abgerufen werden können. © Foto Diether von Goddenthow
75 Stühle, 75 Geschichten, die per QR-Code auf an den Stühlen angehängten Kärtchen abgerufen werden können. © Foto Diether von Goddenthow

Aus Anlass ihres Jubiläums wird die 75. Frankfurter Buchmesse mit besonderen Aktionen auf sich aufmerksam machen und die Bürger der Stadt Frankfurt in die Feier „ihrer“ Buchmesse einbeziehen. Unter dem Claim „And the story goes on“ verbindet die Kampagne Erinnerungen an historische Meilensteine mit dem Ausblick auf die nächsten Kapitel. Im öffentlichen Raum werden verschiedene Motive seit Wochen in vielfältigen Werbeformaten ausgespielt. Werbeflächen an Bussen und Bahnhöfen sprechen potenzielle Besucher*innen und Passanten im gesamten Stadtgebiet an, während die Positionierung am Flughafen und Hauptbahnhof ankommende Passagiere und Fahrgäste willkommen heißt. 75 öffentliche Bücherschränke der Stadt tragen seit Ende September das diesjährige FBM-Branding.

Besondere Sicherheitsmaßnahmen – Für Taschenkontrollen Zeit einplanen

Das Thema Sicherheit hat bei der Frankfurter Buchmesse höchste Priorität. Um die Sicherheit auf der größten internationalen Buchmesse zu gewährleisten, stimmt sich das Team der Frankfurter Buchmesse eng mit verschiedenen Partnern ab: der Polizei Hessen, der Messe Frankfurt und einem von ihr beauftragten Sicherheitsunternehmen sowie der städtischen Feuerwehr und den Rettungsdiensten. Die Sicherheitsvorkehrungen werden stets an die jeweils aktuelle Lage angepasst, um das Miteinander auf dem Messegelände zu regeln.

Besucher sollten sich auf Taschenkontrollen an allen Eingängen zum Messegelände einstellen und dies in ihrer Zeitplanung mitberücksichtigen. Taschenmesser, Waffen, Nachbildungen von Waffen („Anschein-Waffen“) und auch Reizsprays sind auf dem Messegelände verboten. Auch wird dazu geraten, sperrige Gepäckstücke wie Rucksäcke oder Trolleys zuhause zu lassen, um den Umfang der Taschenkontrollen zu reduzieren.

Frankfurter Buchmesse

Tonio Schachinger erhält den Deutschen Buchpreis 2023 für „Echtzeitalter“

Tonio Schachinger erhält den Deutschen Buchpreis 2023 für „Echtzeitalter“ überreicht von Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. © Foto Diether von Goddenthow
Tonio Schachinger erhält den Deutschen Buchpreis 2023 für „Echtzeitalter“ überreicht von Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. © Foto Diether von Goddenthow

Der Preisträger des Deutschen Buchpreises ist Tonio Schachinger. Er erhält die Auszeichnung für seinen Roman „Echtzeitalter“ (Rowohlt Verlag).

Klappentext
„Ein elitäres Wiener Internat, untergebracht in der ehemaligen Sommerresidenz der Habsburger, der Klassenlehrer ein antiquierter und despotischer Mann. Was lässt sich hier fürs Leben lernen? Till Kokorda kann weder mit dem Kanon noch mit dem snobistischen Umfeld viel anfangen. Seine Leidenschaft ist das Gamen, konkret: das Echtzeit-Strategiespiel Age of Empires 2. Nach dem Tod seines Vaters wird für ihn aus dem Hobby eine Notwendigkeit. Ohne dass jemand aus seinem Umfeld davon wüsste, ist Till mit fünfzehn eine Online-Berühmtheit, der jüngste Top-10-Spieler der Welt. Nur: Wie real ist so ein Glück? Im Abschlussjahr 2020 kommt für Till, in der Schule und im Leben, alles noch einmal anders als gedacht.“

Die Begründung der Jury:

Tonio Schachinger, geboren 1992 in New Delhi, studierte Germanistik an der Universität Wien und Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst Wien. Nicht wie ihr, sein erster Roman, stand 2019 auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis, war für den Rauriser Literaturpreis nominiert und wurde mit dem Förderpreis des Bremer Literaturpreises ausgezeichnet. Tonio Schachinger lebt in Wien. (Text Rowohlt-Verlag). © Foto Diether von Goddenthow
Tonio Schachinger, geboren 1992 in New Delhi, studierte Germanistik an der Universität Wien und Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst Wien. Nicht wie ihr, sein erster Roman, stand 2019 auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis, war für den Rauriser Literaturpreis nominiert und wurde mit dem Förderpreis des Bremer Literaturpreises ausgezeichnet. Tonio Schachinger lebt in Wien. (Text Rowohlt-Verlag). © Foto Diether von Goddenthow

„Auf den ersten Blick ist Tonio Schachingers ,Echtzeitalter‘ ein Schulroman. Auf den zweiten viel mehr als das: ein Gesellschaftsroman, der das Aufwachsen seines Helden Till an einer Wiener Eliteeinrichtung beschreibt, an der die künftigen Leistungsträger*innen mit reaktionärem Drill und bildungsbürgerlichen Idealen aufs Leben vorbereitet werden. Aus dieser repressiven Umgebung, verkörpert durch den mephistophelischen Lehrer Dolinar, flüchtet sich Till in die Welt des Gaming. Mit feinsinniger Ironie spiegelt Schachinger die politischen und sozialen Verhältnisse der Gegenwart: Aus gebildeten Zöglingen spricht die rohe Gewalt. Die Welt der Computerspiele bietet einen Ort der Fantasie und Freiheit. Auf erzählerisch herausragende und zeitgemäße Weise verhandelt der Text die Frage nach dem gesellschaftlichen Ort der Literatur.“

Der Jury für den Deutschen Buchpreis 2023 gehören an: Shila Behjat (Journalistin und Publizistin), Heinz Drügh (Goethe-Universität Frankfurt am Main), Melanie Mühl (Frankfurter Allgemeine Zeitung), Lisa Schumacher (Steinmetz’sche Buchhandlung, Offenbach), Jurysprecherin Katharina Teutsch (Freie Kritikerin), Florian Valerius (Gegenlicht Buchhandlung, Trier), Matthias Weichelt (Zeitschrift Sinn und Form).

„Jedes Jahr ist der Deutsche Buchpreis ein Kaleidoskop aktueller Themen und Thesen. Er fördert die besonderen, außergewöhnlichen Werke zutage und gibt guten Geschichten den nötigen Raum zur Entfaltung. Für uns als Leser*innen macht er die Vielfalt und Lebendigkeit der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur erlebbar und beeindruckt uns im besten Fall so, dass wir mit unserer Begeisterung andere anstecken und das Gespräch über Literatur befeuern“, sagt Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

Für die Auszeichnung waren außerdem nominiert:
Terézia Mora: Muna oder Die Hälfte des Lebens (Luchterhand Literaturverlag, August 2023), Necati Öziri: Vatermal (claassen, Juli 2023), Anne Rabe: Die Möglichkeit von Glück (Klett-Cotta, März 2023), Sylvie Schenk: Maman (Carl Hanser Verlag, Februar 2023), Ulrike Sterblich: Drifter (Rowohlt Hundert Augen, Juli 2023).

Tonio Schachinger erhält ein Preisgeld von 25.000 Euro; die fünf Finalist*innen erhalten jeweils 2.500 Euro. Der Gewinnertitel wurde in mehreren Auswahlstufen ermittelt. Die sieben Jurymitglieder haben seit Ausschreibungsbeginn 196 Titel gesichtet, die zwischen Oktober 2022 und September 2023 erschienen sind. Aus diesen Romanen wurde eine 20 Titel umfassende Longlist zusammengestellt. Daraus hat die Jury sechs Titel für die Shortlist gewählt. Die Preisverleihung fand im Kaisersaal des Frankfurter Römers statt.

Mit dem Deutschen Buchpreis 2023 zeichnet die Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels den deutschsprachigen Roman des Jahres aus. Hauptförderer des Deutschen Buchpreises ist die Deutsche Bank Stiftung, weitere Partner sind die Frankfurter Buchmesse und die Stadt Frankfurt am Main. Die Deutsche Welle unterstützt den Deutschen Buchpreis bei der Medienarbeit im In- und Ausland.

Open Books: „Uns geht es um Frankfurt als Buch- und Literaturstadt“ Sonja Vandenrath, die Leiterin des städtischen Literaturreferates, im Interview

Literatur im Römer, etwa 1985, © Institut für Stadtgeschichte, Bestand S7FR Nr. 3602, Foto: Georg Kumpfmüller
Literatur im Römer, etwa 1985, © Institut für Stadtgeschichte, Bestand S7FR Nr. 3602, Foto: Georg Kumpfmüller

ffm. Sonja Vandenrath arbeitet seit 2006 im Frankfurter Kulturamt und leitet dort seit 2013 das Literaturreferat. In dieser Eigenschaft organisiert sie mit einem vierköpfigen Team „Open Books“, das Lesefest zur Frankfurter Buchmesse, die dieses Jahr ihren 75. Geburtstag begeht. Im Gespräch mit Ulf Baier schildert sie Hintergründe und Entwicklungsgeschichte dieses großen Festivals.

Frau Dr. Vandenrath, lassen Sie uns im Jubiläumsjahr der Buchmesse kurz zurückblicken. Wie ist es dazu gekommen, dass die Stadt einen eigenen Beitrag leistet?

SONJA VANDENRATH: Das begann Mitte der 70er Jahre. Die Idee war so einfach wie schlüssig: Die großartigen Autorinnen und Autoren, die aus der ganzen Welt nach Frankfurt zur Buchmesse kommen, abends in der Stadt lesen zu lassen. Schon damals ging es darum, die eher spröde Wasserglas-Lesung in ein mehrdimensionales Erlebnis zu verwandeln, das Event avant la lettre sozusagen. Bestes Beispiel ist unter der Ägide von Hilmar Hoffmann entstandene Idee eines „Literatur-Circus“, der in den Römerhallen stattfand. Aus diesem Format wurde dann „Literatur im Römer“, die Keimzelle von OPEN BOOKS.

Aber „Literatur im Römer“ gibt es doch weiterhin. Das müssen Sie uns kurz erklären.

VANDENRATH: Richtig. „Literatur im Römer“ ist die erste literarische Großveranstaltung Deutschlands. Kult beim Publikum und bei den Autorinnen und Autoren sowieso. Die Leute sitzen zwei Stunden bester Laune auf harten Apfelweinbänken, um an einem Abend acht neue Romane vorgestellt zu bekommen. Ich kann nur sagen: Chapeau! In diesem Jahr findet erstmalig „Debüts im Römer“ im gleichen Format statt, kurze Auftritte auf großer Bühne in der Römerhalle. Eines der acht Erstlingswerke, die wir an dem Abend vorstellen, nämlich „Vatermal“ von Necati Öziri, steht aktuell auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Wie kam es dann zu OPEN BOOKS?

Portraitfoto von Sonja Vandenrath, © Foto: Alexander Paul Englert
Portraitfoto von Sonja Vandenrath, © Foto: Alexander Paul Englert

VANDENRATH: OPEN BOOKS haben wir gestartet als der Suhrkamp Verlag erklärte, nach Berlin zu ziehen. Die hiesigen Verlage waren schon vor 2009 mit dem Wunsch an die Stadt herangetreten, so etwas wie „Leipzig liest“, das parallel zur Leipziger Buchmesse stattfindet, auch in Frankfurt zu veranstalten. Nach der Suhrkamp-Causa habe ich mich dann hingesetzt und mir ein Lesefest zur Buchmesse rund um den Römer ausgedacht. Eine DIN-A4-Seite, das war‘s. Es sollte viel Frankfurt drin sein, Bücher aller Sparten umfassen und hochprofessionell in Planung und Durchführung. Ein Lesefest der kurze Wege, in dem sich jede und jeder ganz nach Gusto sein eigenes Programm zusammenstellen kann. Unsere Aufgabe als Orga-Team ist bis heute, die Qualität jeder Veranstaltung zu garantieren. Daran hängt die Bereitschaft der Verlage, ihre Autorinnen und Autoren bei uns zu präsentieren.

Was ist das Besondere an OPEN BOOKS?

VANDENRATH: 115 Lesungen aus neuen Büchern an vier Tagen und das bei freiem Eintritt. Ein Programm, das einen Überblick über die neuen Titel des Herbstes bietet und zwar quer durch alle Sparten. Das reicht vom Roman des Jahres über das aktuelle Sachbuch bis zur Graphic Novel und dem Kinderbuch bei OPEN BOOKS Kids. Um etwas Struktur zu schaffen, haben wir die Sparten auf die Veranstaltungsorte aufgeteilt. So hat etwa das Sachbuch im Haus am Dom seinen festen Platz. Wir sind also ein Buchfest und kein Literaturfestival. Die Signiergelegenheit im Anschluss an die Lesung ermöglicht ein kurzes persönliches Gespräch mit den Autorinnen und Autoren, in diesem Jahr rund 150. Von den vielen Bücherverkäufen bei unseren Lesungen profitiert wiederum der unabhängige Buchhandel in Frankfurt, der die Büchertische stellt. Viel Win-win also.

Lassen Sie uns über das Frankfurt-Spezifische sprechen. Warum leistet die Stadt Frankfurt sich diesen Aufwand?

VANDENRATH: In Frankfurt, der Goethestadt, steckt viel Buch mit der internationalen Buchmesse als Markenkern, umrahmt vom Deutschen Buchpreis und dem Friedenspreis. Das weiß niemand besser als unsere Kultur- und Wissenschaftsdezernentin Dr. Ina Hartwig, die dafür einsteht. Aber auch an den 360 restlichen Tagen ist Frankfurt Buch- und Literaturstadt. Hier sind wichtige Verlage ansässig, leben großartige Autorinnen und Autoren und experimentiert eine tolle junge Literaturszene. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, als Schaltstelle des deutschen Buchmarktes, hat seinen Hauptsitz in der Braubachstraße, der Mediacampus bildet den buchhändlerischen Nachwuchs aus, die Deutsche Nationalbibliothek hütet und bewahrt unsere Bücher, es gibt die älteste Poetikdozentur und den ersten Stadtschreiberpreis und nicht zu vergessen, das großartige Romantikmuseum neben Goethes Geburtshaus. Ich finde den Begriff des Labors etwas abgehangen, aber irgendwie trifft er auf Frankfurt dann doch zu, weil diese Stadt wie ein verdichtetes literarisches Feld so viel Instanzen des Buchbetriebs auf engem Raum verbindet.

Das klingt zuerst einmal abstrakt. Könnten Sie das konkreter fassen?

VANDENRATH: Stimmt (lacht). Lassen Sie es mal so sagen: Wir glauben an die Zukunft des Buches und der Lesekultur, die im digitalen Zeitalter mehr denn je Orte und Räume für Begegnung und Austausch braucht. Die Frankfurter Buchmesse vereint dies alles in sich und das macht sie so zukunftsweisend. Was 1949 als bescheidene Bücherschau in der unter Hochdruck wiederaufgebauten Paulskirche begann, ist bis heute eine Erfolgsgeschichte ohne gleichen. Die Handels- und Bürgerstadt Frankfurt und die Buchmesse, das ist eine Wahlverwandtschaft. Die Kulturdezernentin bekennt sich in Reden und Statements klar zur Zukunft der Buchmesse und dies wieder sehr deutlich in diesem Jahr aus Anlass des 75-jährigen Jubiläums. Das Lesefest OPEN BOOKS als Bühne für das Buch ist Teil dieses Bekenntnisses.

Das klingt nach sehr viel Erfolg. Die Medienbranche ist im Umbruch und die Digitalisierung in aller Munde. Wie sehen Sie die Zukunft des von Ihnen entwickelten Veranstaltungsformates?

VANDENRATH: OPEN BOOKS bietet viel Zeitdiagnose. Die Bücher verhandeln Gegenwart, ob mit literarischen Mitteln oder als Sachbuch. Das Publikum kann bei Lesungen und Diskussionen die Themen und Stoffe entdecken, die den Buchherbst bestimmen. Was mich sehr freut, ist, dass wir vermehrt ein junges Publikum erreichen, das auch mal auf dem Boden sitzt, wenn die Räume zu voll sind.

Wie finden denn die Leute das, was sie interessiert und wer kommt so?

VANDENRATH: Wir haben ein Programmfaltblatt, das überall ausliegt, und natürlich unsere Website openbooks-frankfurt.de. Am Anfang von OPEN BOOKS haben die Leute häufig mal hier mal dort reingehört und sich überraschen lassen. Inzwischen zupfen sie sich gezielt die Titel aus dem Programm, die sie besonders interessieren. Immer mehr Leute kommen auch von außerhalb Frankfurts, natürlich aus der gesamten Rhein-Main-Region, aber auch von weiter her, um sich dann gleich einen schönen Frankfurt-Tag zu machen. Heute rief jemand sogar aus London an, was jetzt allerdings nicht so oft vorkommt (lacht). Wenn ich mir das große Publikumsinteresse an OPEN BOOKS anschaue, die vollen Säle, die Schlangen vor den Signiertischen, der Trubel zwischen den Lesungen und die vibrierende Atmosphäre insgesamt, dann ist mir um die Buchkultur nicht bange. Oder um Jochen Hörisch zu zitieren, „Die Gutenberg Galaxie hört nicht auf zu enden“.

Interview: Ulf Baier

Weitere Informationen zu allen Veranstaltungen von Open Books 2023 gibt es online unter openbooks-frankfurt.de