Kategorie-Archiv: Frankfurter Buchmesse

Torsten Casimir, Chefredakteur des Fachmagazins Börsenblatt, wird Sprecher der Frankfurter Buchmesse

Torsten Casimir ist neuer Sprecher der Frankfurter Buchmesse ©  Katrin Friedl
Torsten Casimir ist neuer Sprecher der Frankfurter Buchmesse © Katrin Friedl

Zum 15. Januar 2023 wird Dr. Torsten Casimir Sprecher der Frankfurter Buchmesse. Er leitet die Kommunikationsabteilung des Unternehmens. Zudem wird er mitverantwortlich für die Entwicklung neuer inhaltlicher Angebote und den Ausbau von Partnerschaften für die weltgrößte Plattform der Publishing-Branche und der Creative Industries sein. In dieser Funktion ist Casimir neben Gabi Rauch-Kneer, Leiterin Messemanagement, auch Stellvertreter des Messedirektors Juergen Boos.

Juergen Boos: „Ich bin froh, Torsten Casimir für diese Aufgaben gewonnen zu haben und ihn die kommenden Jahre als Gesprächspartner an meiner Seite zu wissen. Mit seinem Netzwerk und seiner Offenheit für neue Wege werden wir gemeinsam die Frankfurter Buchmesse stärken und zukunftsfest machen. Wir schärfen unser Profil als das Forum, auf dem die relevanten Debatten unserer Zeit zusammenlaufen und wo die klügsten, kreativsten Köpfe des Publishings einander begegnen.“

Torsten Casimir: „Für mich sind das zeit meines Berufslebens reizvolle Aufgaben: Debatten anstiften, interessante Menschen miteinander ins Gespräch bringen, auf Aktualitäten mit Vertiefung reagieren. Die Chance, all das noch einmal in einem für mich neuen, spannenden Kontext zu tun, empfinde ich als sehr inspirierend. Bei der Frankfurter Buchmesse arbeiten hoch kompetente Kolleginnen und Kollegen auf diese Ziele hin. Ich freue mich auf die gemeinsame Zeit in und mit diesem Team.“

Seit 2006 ist Casimir Chefredakteur des Fachmagazins Börsenblatt, das vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels herausgegeben wird und im Verlag des Technologie- und Informationsanbieters MVB erscheint. Ronald Schild, MVB-Geschäftsführer: „Torsten Casimir hat das Börsenblatt inhaltlich geprägt. Unter seiner Ägide hat das Börsenblatt seine Rolle als führendes Branchenmagazin ausgebaut und auch ins Digitale übertragen. Ich danke Torsten herzlich für sein hohes Engagement und die erfolgreiche Arbeit. Ich bedaure sehr, dass er uns verlässt, kann aber seine Entscheidung für eine neue Herausforderung verstehen.“

Die Chefredaktion des Börsenblatts wird interimsweise von Torsten Casimirs bisheriger Stellvertreterin Christina Schulte übernommen. Die Leitung des gesamten Geschäftsbereichs Medien von MVB, die sich Casimir in den letzten Jahren mit Dr. Jörg Gerschlauer geteilt hat, liegt bis auf weiteres allein bei Gerschlauer.

Zu den Plänen für das Börsenblatt erläutert Ronald Schild: „Wir wollen die personelle Zäsur dafür nutzen, unsere Teams in Redaktion und Marketing & Vertrieb sowie unsere Prozesse in den kommenden Monaten optimal für die weitere digitale Transformation des Fachmagazins auszurichten. An der inhaltlich hohen Qualität unserer Fachinformationen werden wir uns weiterhin messen lassen.“

Nach dem Studium der Kommunikationswissenschaft, Germanistik und Musikwissenschaft und anschließender Promotion an der Universität Münster absolvierte Torsten Casimir ein Tageszeitungsvolontariat bei den Westfälischen Nachrichten. Als Redakteur der Rheinischen Post fokussierte er sich später auf Kultur und Wissenschaft und wurde Chef des Feuilletons. Nebenberuflich engagiert er sich als Moderator sowie als Lehrbeauftragter an Hochschulen und Universitäten.

OPEN BOOKS 2022: Über 100 Lesungen rund um den Römer ein großer Publikumsmagnet mit langen Signierschlangen

Eine unendlich lange Schlange Wartender hatte sich bei OPEN BOOK quer über den Römerberg gebildet, um Einlass zur Lesung in den Frankfurter Römer zu erhalten.  © OPEN BOOK
Eine unendlich lange Schlange Wartender hatte sich bei OPEN BOOK quer über den Römerberg gebildet, um Einlass zur Lesung in den Frankfurter Römer zu erhalten. © OPEN BOOK

Am Sonntag, dem 23. Oktober, endete OPEN BOOKS, das Lesefest der Stadt zur Frankfurter Buchmesse. Ausgelassene Stimmung und intensive Gespräche, sehr gute Buchverkäufe und prominente Gäste machten das Festival mehr denn je zu einem großen Erfolg. Alle Räume waren bestens gefüllt, zum Teil mit mehreren hundert Gästen.

OPEN BOOKS setzte auch in diesem Jahr wieder auf Live-Events und stellte auf rund 100 Veranstaltungen über 150 Autor:innen mit ihren neuen Büchern bei freiem Eintritt vor.Das Programm setzte sich aus den besten Neuerscheinungen des Herbstes in den Sparten Belletristik, internationale Literatur, Sachbuch, Lyrik, Comic und Kinderbuch zusammen, die zahlreiche Verlage aus dem deutschsprachigen Raum zur Präsentation im Rahmen von OPEN BOOKS vorgeschlagen hatten. Lesungsorte waren erneut Räume rund um den Römerberg, die Volksbühne im Großen Hirschgraben und die Katharinenkirche sowie die Historische Villa Metzler. Die feierliche Eröffnung von OPEN BOOKS mit dem ersten Auftritt von Kim de l’Horizon nach der Auszeichnung mit dem Deutschen Buchpreis 2022 sowie OPEN BOOKS KIDS zum Wochenende fanden im großen Saal der Deutschen Nationalbibliothek statt. Das Erwachsenenprogramm endete mit einem bunten Frankfurt-Abend in der Volksbühne im Großen Hirschgraben, den dieLeiterin von OPEN BOOKS, Dr. Sonja Vandenrath, und der Intendant der Volksbühne, Michael Quast, gemeinsam moderierten.

Eröffnung von OPEN BOOK mit dem Träger des Deutschen Buchpreises Kim de l'Horizon in der Deutschen Nationalbibliothek. © OPEN BOOK
Eröffnung von OPEN BOOK mit dem Träger des Deutschen Buchpreises Kim de l’Horizon in der Deutschen Nationalbibliothek. © OPEN BOOK

Kulturdezernentin Dr. Ina Hartwig dankt allen Beteiligten: „Das erste OPEN BOOKSohne Beschränkungen nach zwei Corona-Jahren war ein riesiger Erfolg. Das sehr vielfältige und breite Programm des diesjährigen Lesefestes der Stadt Frankfurt zur Buchmesse war ein Magnet für ein breites und diverses Publikum. Die Eröffnungsveranstaltung mit dem Blauen Sofa in der Deutschen Nationalbibliothek und dem Auftritt von Kim de l‘Horizon, ausgezeichnet mit dem Buchpreis 2022, sowie mit Durs Grünbein, Manja Präkels und Jürgen Kaube, war ein furioser Auftakt. Ich danke im Namen der Stadt Frankfurt für das Vertrauen, das uns die Verlage entgegenbringen, indem sie ihre Autorinnen und Autoren bei OPEN BOOKS präsentieren.“

Die Leiterin von OPEN BOOKS, Dr. Sonja Vandenrath, ergänzt: „Großartige Autor:innen und begeisterte Zuschauer:innen haben uns durch die Tage getragen. Das Publikum von OPEN BOOKS 2022 war jünger und diverser denn je. Es gab viele Gänsehautmomente, etwa der minutenlange Applaus bei der Veranstaltung mit dem Friedenspreisträger 2022, Serhij Zhadan, in der Katharinenkirche oder die Lesung des großen europäischen Schriftsteller Péter Nádas in der Historischen Villa Metzler. Die tolle Resonanz zeigt, dass das Lesefest OPEN BOOKS einen zentralen Platz im deutschsprachigen Literaturbetrieb einnimmt.“

Ein Höhepunkt war der Auftritt von Serhij-Zhadan, Träger des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2022 in der Katharinenkirche. © OPEN BOOK
Ein Höhepunkt war der Auftritt von Serhij-Zhadan, Träger des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2022 in der Katharinenkirche. © OPEN BOOK

Höhepunkte von OPEN BOOKS 2022 bildeten der Auftritt von Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah sowie die Lesungen von ukrainischen Autor:innen in der Katharinenkirche, Judith Holofernes in der Evangelischen Akademie sowie Diane und Reinhold Messner im Haus am Dom. Bei „Literatur im Römer“ bildeten sich wieder lange Schlangen vor dem Eingang. Bei OPEN BOOKS KIDS am Wochenende war der Saal der deutschen Nationalbibliothek sehr gut besucht. Medienpartner von OPEN BOOKS 2022 waren das Journal Frankfurt und hr2-kultur.

Die politischste aber auch sicherste Frankfurter Buchmesse ist erfolgreich zu ende gegangen

Die 74. Frankfurter Buchmesse war ein großartiger Erfolg. © Foto: Diether von Goddenthow
Die 74. Frankfurter Buchmesse war ein großartiger Erfolg. © Foto: Diether von Goddenthow

Die Bilanz der 74. Frankfurter Buchmesse vom 19.-23. Oktober 2022 kann sich sehen lassen. Mit 93.000 Fachbesuchern gegenüber 36.000 im Corona-Jahr 2021 und 87.000 Privatbesuchern (37.500 Privatbesuchern) war sie wieder internationaler weltweit größter Treffpunkt der Buch- und Medienbranche. Über 4.000 Aussteller aus 95 Ländern präsentierten sich in den Hallen, im Literary Agents & Scouts Centre (LitAg) und an den neuen Workstations. Rund 6.400 Medienvertreter berichteten über die Veranstaltung. Das Literary Agents & Scouts Centre (LitAg), wo der Handel mit Rechten und Lizenzen stattfindet, war das Herz der Fachmesse. Mit mehr als 450 Arbeitsplätzen und rund 300 Agenturen war die LitAg überbucht.

Relaxen und Lesen im Forum der Halle 1. © Foto: Diether von Goddenthow
Relaxen und Lesen im Forum der Halle 1. © Foto: Diether von Goddenthow

Und es war eine der politischsten, aber auch sichersten Buchmessen trotz brisanter Themen. Selbst das eigens zum Aufspüren von Diskriminierungen sehr engagierte Awareness-Team konnte keinerlei konkrete Fälle von Diskriminierung benennen. Unbehelligt von irgendwelchen Störungen diskutierten im Frankfurt Pavilion Politiker, Kulturschaffende, Autoren und Übersetzer engagiert über die Protestbewegung im Iran, über die Situation der Menschen in der Ukraine, über Spaltungstendenzen in der Gesellschaft und über russische Opposition. Lesungen und Autorengespräche unter anderem mit Buchpreisträger*in Kim de l’Horizon, mit Ian Kershaw, Vanessa Mai, Judith Holofernes oder Karen Duve standen im Zentrum des Geschehen.

Klimaaktivistin Luisa Neubauer. © Foto: Diether von Goddenthow
Klimaaktivistin Luisa Neubauer. © Foto: Diether von Goddenthow

Klima-Aktivistin Luisa Neubauer präsentierte ihr neues Buch, das sie mit ihrer Großmutter geschrieben hat. Und der diesjährige Friedenspreisträger Serhij Zhadan absolvierte einen Termin nach dem anderen.
Mit dem Motto „Translate. Transfer. Transform.“ stellte die diesjährige Buchmesse die Arbeit von Übersetzern in den Mittelpunkt. Rund 1.500 Besucher kamen zum Bühnenprogramm des Internationalen Zentrums für Übersetzung, um dort an einer der fast 30 Veranstaltungen teilzunehmen.

Das umstrittene Buch "Die vierte Gewalt - Medien auf dem Prüfstand" von Richard David Precht und Harald Welzer steht seit Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste Sachbuch. Auf der ARD-Bühne auf der Frankfurter Buchmesse wurde am Freitag erneut darüber diskutiert, diesmal mit Medienjournalist Stefan Niggemeier. Es moderierte: Daniel Bouhs (r), Soziologe-Harald-Welzer, Philosoph Richard-David-Precht- und Medienjournalist  Stefan-Niggemeier. © Foto: Diether von Goddenthow
Das umstrittene Buch „Die vierte Gewalt – Medien auf dem Prüfstand“ von Richard David Precht und Harald Welzer steht seit Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste Sachbuch. Auf der ARD-Bühne auf der Frankfurter Buchmesse wurde am Freitag erneut darüber diskutiert, diesmal mit Medienjournalist Stefan Niggemeier. Es moderierte: Daniel Bouhs (r), Soziologe-Harald-Welzer, Philosoph Richard-David-Precht- und Medienjournalist Stefan-Niggemeier. © Foto: Diether von Goddenthow

Publikumsmagnete waren wieder die ARD-Bühne und das blaue sofa ZDF, die ab Freitag auch allen privaten Bücherfans offenstanden. Einer der zahlreichen Diskussionshighlights war der Streit zwischen dem Medienjournalist Stefan Niggemeier und  dem Philosoph Richard David Precht und dem Soziologen Harald Welzer über deren Thesen im umstrittenen Buch „Die vierte Gewalt – Medien auf dem Prüfstand“, welches seit Wochen die Spiegel-Bestsellerliste Sachbuch anführt. Welzer prangert  den sich in Zeiten von Krisen ausbreitenden „Cursor-Journalismus“ an, den „Curser des gefühlten Anstands“, wodurch bei gewissen Themen rasch  eine gewisse Übermoralisierung eintrete. Auch Precht hat erlebt und beobachtet, dass „wer deutlich von der Position abweicht“,  sie dann nicht mehr alle habe. Es gehe dann nur noch „um Schwarz und Weiß“. Aber gerade Precht spitze doch gerne Themen auf Schwarz Weiß zu, erwiderte Niggemaier, was die Sache so ironisch  mache. Er habe das Gefühl, „dass Sie die Mechanismen, die Sie beschreiben, selbst anwenden“,  so der Gründer des Onlinemagazins „Übermedien“.

Elke Heidenreich  © Foto: Diether von Goddenthow
Elke Heidenreich © Foto: Diether von Goddenthow

Originell mit schnoddriger Schnauze und bissig wie immer, zeigte sich Elke Heidenreich im Talk mit Bärbel Schäfer über ihr neues Buch „Ihr glücklichen Augen“, erschienen bei Hanser, worin die beliebte und nicht immer bequeme Autorin heitere und spannende Episoden ihrer Reisen schildert. „Man bewegt sich in Welten, Häusern, Gegenden, die anderen gehören. Man kann Gefahr, Willkür, Ablehnung begegnen. Und weil alles immerfort überall möglich ist, wird man gelassen. Ich bin auf Reisen nie aufgeregt oder ängstlich, ich bin wie in einer Art Meditation – ich nehme an, was auf mich zukommt, und das sind keine touristisch geplanten Sehenswürdigkeiten“, so Heidenreich.

 

Ahmad-Mansour Ahmad Mansour ist ein deutsch-israelischer Psychologe und Autor. Er lebt seit 2004 in Deutschland und hat seit 2017 die deutsche Staatsbürgerschaft. Er beschäftigt sich mit Projekten und Initiativen gegen Radikalisierung,  © Foto: Diether von Goddenthow
Ahmad-Mansour Ahmad Mansour ist ein deutsch-israelischer Psychologe und Autor. Er lebt seit 2004 in Deutschland und hat seit 2017 die deutsche Staatsbürgerschaft. Er beschäftigt sich mit Projekten und Initiativen gegen Radikalisierung, © Foto: Diether von Goddenthow

Am FAZ-Stand stellte Ahmad Mansour im Gespräch mit Thomas Thiel sein Buch „Operation Allah . Wie der politische Islam unsere Demokratie unterwandern will“, erschienen bei S. Fischer, vor.  Er ist einer der wenigen Kenner der Szene, der sich traut, brisante Fragen anzusprechen. Mansour warnt seit Jahren, ähnlich vergeblich wie Professorin Dr. Susanne Schröter, Direktorin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam (FFGI) ( „Allahs Karawane“, Beck 2021), vor dem politischen Islam, der weniger auf salafistische Strömungen, sondern eher auf die Moslembruderschaft und ihren nahestehenden Organisationen á la DIDIB zurückginge. Für den Autor des Bestsellers »Generation Allah« ist der Islam in Deutschland eine Konsequenz einer vielfältigen Gesellschaft, die weder zelebriert noch verteufelt werden sollte. „Doch wir müssen genau hinsehen: Es gibt Islamisten, die etwa politische wie wissenschaftliche Institutionen unterwandern und dabei vorgeben, sich für Integration einzusetzen. Doch sie wollen unsere Gesellschaft umformen. Es sind falsche Freunde.“ Der Islamismusexperte Ahmad Mansour, dessen »Einsatz für Integration in einer freien, demokratischen und sicheren Gesellschaft« 2022 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, zeigt die Versäumnisse der Politik auf und fordert von ihr, endlich zu handeln und entschieden für die Werte unserer freiheitlichen, demokratischen Gesellschaft einzutreten: mit konkreten Maßnahmen, die vom Wohnungsbau bis hin zur Schulpolitik reichen. »Operation Allah« ist ein engagiertes und mutiges Plädoyer für eine säkulare Zukunft. »Das Schlimmste für den radikalen Islam wäre“, so Mansour, „ein europäisch geprägter liberaler Islam mit demokratischen Werten. Deshalb brauchen wir genau den.«

Professorin Dr. Maja Göpel im Gespräch mit Moderator Christian Rabhansl  © Foto: Diether von Goddenthow
Professorin Dr. Maja Göpel im Gespräch mit Moderator Christian Rabhansl © Foto: Diether von Goddenthow

Auf dem Stand von Deutschlandradio sprach Professorin Dr. Maja Göpel, die seit 25 Jahren als Politökonomin und Nachhaltigkeitswissenschaftlerin an der Schnittstelle von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft arbeitet, über die Art, wie wir momentan noch leben und wie fundamental sich unser Leben in den nächsten Jahren verändern werde. Bisherige Selbstverständlichkeiten in Umwelt, Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Technologie zerbröselten. Doch es gibt auch Wege, wie wir die neuen insgesamt komplexen Entwicklungen besser verstehen und dieses Wissen für eine bessere Welt nutzen könnten. Denn in der Geschichte habe es immer wieder Große Transformationen gegeben. Sie wurden von uns Menschen ausgelöst, so Göpel, weswegen wir sie auch gestalten werden können. Unser Fenster zur Zukunft stehe offen wie nie. Mit dieser Haltung sei Strukturwandel keine Zumutung, sondern eine Chance. Es sei Zeit, dass wir – jeder Einzelne von uns, aber auch die Gesellschaft als Ganzes – uns erlauben, neu zu denken, zu träumen und eine radikale Frage stellen: Wer wollen wir sein?

Jürgen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse © Foto: Diether von Goddenthow
Jürgen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse © Foto: Diether von Goddenthow

Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, sagte: „Inmitten einer bedrückenden weltpolitischen Lage sendete diese Messe wichtige Signale: Das persönliche Gespräch ist in Zeiten aufgeheizter Debatten ein Gegenmittel zu Polarisierung. Es zeigt sich, wie wichtig die Frankfurter Buchmesse als Treffpunkt der internationalen Publishing-Community ist: Hier werden an wenigen Tagen wertvolle Beziehungen gepflegt und geknüpft. Wir ziehen eine positive Bilanz und freuen uns über fünf erfolgreiche Messetage.“

Ein großes Fest der Buchbegeisterung

Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels © Foto: Diether von Goddenthow
Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels © Foto: Diether von Goddenthow

Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, sagte: „Die Frankfurter Buchmesse war ein großes Fest der Buchbegeisterung und der Demokratie. In vollen Messegängen und bei lebendigen Debatten spürte man deutlich die Kraft von Büchern, die Freude des Wiedersehens und den Willen zur konstruktiven Auseinandersetzung mit den Themen der Zeit. Drängende Fragen der Gegenwart standen auf der Tagesordnung – von der Situation in der Ukraine und im Iran bis hin zu Themen wie Diversität und dem Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Die Frankfurter Buchmesse gab so wichtige Anstöße angesichts der aktuellen Herausforderungen in Branche, Gesellschaft und Weltpolitik. Damit konnte die Frankfurter Buchmesse ihre Bedeutung als wichtigster Handelsplatz für Bücher sowie als Ort der Vielfalt und des friedlichen Austauschs unterstreichen.“

Impression Ehrengast-Pavillon Spanien. © Foto: Diether von Goddenthow
Impression Ehrengast-Pavillon Spanien. © Foto: Diether von Goddenthow

Ehrengast Spanien mit vielfältigen literarischen Stimmen
Unter dem Motto „Sprühende Kreativität“ präsentierte sich der Ehrengast Spanien mit sprachlicher und kreativer Vielfalt. Insgesamt sind seit Projektbeginn im Jahr 2019 rund 400 neue Bücher in deutscher Sprache sowie zahlreiche Titel in anderen europäischen Sprachen erschienen. Spanien hat auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse mit zahlreichen Veranstaltungen auf der Messe und vielen weiteren über das Messegelände hinaus gezeigt, wie greifbar die Theorie der spanischen Schriftstellerin Carmen Martín Gaite ist: Geschichten sind wie Kirschen – wenn du an einer ziehst, bekommst du eine weitere dazu. Weltstars wie Rosa Montero, Arturo Pérez-Reverte und Fernando Aramburu waren in Frankfurt zu Gast. Auch der Ehrengast Spanien zieht eine positive Bilanz: „Wir haben die große spanische Literatur geehrt und neuen vielversprechenden Stimmen eine Bühne geboten. Wir hoffen, dass die in und um Frankfurt neu geknüpften und vertieften Verbindungen zu Lesenden, Verlagen und Buchfreunden aus aller Welt noch lange Bestand haben.“, so Maria José Gálvez.

Lebhafter Rechtehandel und umfassendes Fachprogramm

Friedenspreisträger Serhij Zhadan zu Gast auf der ARD-Bühne der Frankfurter Buchmesse. Sein Buch: "Himmel über Charkiw: Nachrichten vom Überleben im Krieg" (Suhrkamp), im Gespräch mit Moderatorin Cécile schortmann. © Foto: Diether von Goddenthow
Friedenspreisträger Serhij Zhadan zu Gast auf der ARD-Bühne der Frankfurter Buchmesse. Sein Buch: „Himmel über Charkiw: Nachrichten vom Überleben im Krieg“ (Suhrkamp), im Gespräch mit Moderatorin Cécile schortmann. © Foto: Diether von Goddenthow

Die im Literary Agents & Scouts Centre (LitAg) vertretene Agenturen waren mit ihren Geschäften sehr zufrieden: „Es war großartig, auf eine pulsierende Messe zurückzukommen. Das LitAg war voll, man spürte die positive Energie und es fanden zahlreiche Vertragsabschlüsse statt“, fasste Literaturagentin Maria Cardona Serra von Aevitas Creative Management (UK/USA) zusammen.
An drei Fachbesuchertagen bot die Frankfurter Buchmesse ein umfassendes Programm. Internationale Branchengrößen wie Peter Warwick, President and CEO, Scholastic; Charlie Redmayne, CEO HarperCollins UK; Markus Dohle, CEO Penguin Random House, Jesús Badenes del Río, CEO Planeta, Jonny Geller, CEO Curtis Brown, und Núria Cabutí, CEO, Penguin Random House Grupo Editorial sowie Vertreter*innen von Plattformen wie TikTok, Spotify und Wattpad Webtoon kamen zu Wort. 1.700 Teilnehmer*innen nahmen am zweitägigen Publishing Perspectives Forum teil.

Alle Videoaufzeichnungen von Veranstaltungen auf der #fbm22 sind in der Mediathek und auf dem YouTube-Kanal der Frankfurter Buchmesse abrufbar.

Serhij Zhadan mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2022 in der Frankfurter Paulskirche ausgezeichnet

Der Stiftungsrat hat den ukrainischen Schriftsteller und Musiker Serhij Zhadan zum Friedenspreisträger des Jahres 2022 gewählt. Heute  am Sonntag, 23. Oktober 2022 fand die Verleihung in der Frankfurter Paulskirche statt. © Foto: Diether von Goddenthow
Der Stiftungsrat hat den ukrainischen Schriftsteller und Musiker Serhij Zhadan zum Friedenspreisträger des Jahres 2022 gewählt. Heute am Sonntag, 23. Oktober 2022 fand die Verleihung in der Frankfurter Paulskirche statt. © Foto: Diether von Goddenthow

ffm. Der ukrainische Schriftsteller, Dichter, Übersetzer und Musiker Serhij Zhadan ist am Sonntag, 23. Oktober, mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Die Verleihung fand vor rund 600 geladenen Gästen in der Frankfurter Paulskirche statt, unter ihnen Kulturstaatsministerin Claudia Roth, Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt sowie die SPD-Vorsitzende Saskia Esken. Die Laudatio hielt  Autor*in, Theatermacher*in und Kurator*in Sasha Marianna Salzmann.

In seiner Dankesrede schildert Zhadan die schmerzhafte Erfahrung, wie der Druck des Krieges Sprache in ihrer gewohnten Form beschädigt. Was tun, fragt er, wenn Wörter das, was passiert, nicht mehr erklären können? Es sei unerträglich, die Sprache als vertrautes Mittel der Verständigung zu verlieren.

„Wie soll man über den Krieg sprechen? Wie soll man mit den Intonationen umgehen, in denen so viel Verzweiflung, Wut und Verletzung mitschwingt, zugleich aber auch Stärke und die Bereitschaft, zueinander zu stehen, nicht zurückzuweichen? Ich glaube, das Problem mit der Formulierung der zentralen Dinge liegt derzeit nicht nur bei uns – die Welt, die uns zuhört, tut sich manchmal schwer, eine einfache Sache zu verstehen – dass wir, wenn wir sprechen, ein hohes Maß an sprachlicher Emotionalität, sprachlicher Anspannung, sprachlicher Offenheit zeigen. Die Ukrainer müssen sich nicht für ihre Emotionen rechtfertigen, aber sicher wäre es gut, diese Emotionen zu erklären. Warum? Schon allein deshalb, damit sie den Zorn und den Schmerz nicht länger allein bewältigen müssen.“

Karin Schmidt-Friderichs, die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und Vorsitzende des Stiftungsrates, übergab Serhij Zhadan in der Frankfurter Paulskirche die Friedenspreis-Urkunde. © Tobias Bohm
Karin Schmidt-Friderichs, die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und Vorsitzende des Stiftungsrates, übergab Serhij Zhadan in der Frankfurter Paulskirche die Friedenspreis-Urkunde. © Tobias Bohm

Seine Rede ist der Versuch einer Erklärung gegenüber Menschen, die den Krieg aus der Ferne beobachten – auch indem er von den Lebensrealitäten seiner Landsleute vor Ort berichtet. Das Problem, das er schildert, ist kein rein sprachliches, sondern auch ein ethisches. Zhadan fragt, ob die Welt bereit sei, um „fragwürdiger materieller Vorteile und eines falschen Pazifismus Willen“ ein weiteres Mal „das totale, enthemmte Böse zu schlucken“.

„Frieden sollte doch die Sache sein, die uns zur Verständigung führt“, sagt er. „Warum werden die Ukrainer dann so oft hellhörig, wenn europäische Intellektuelle und Politiker den Frieden zu einer Notwendigkeit erklären? Nicht etwa, weil sie die Notwendigkeit des Friedens verneinen, sondern aus dem Wissen heraus, dass Frieden nicht eintritt, wenn das Opfer der Aggression die Waffen niederlegt. (…) Was sollten sie denn nach Meinung der Anhänger eines um jeden Preis schnell geschlossenen Friedens tun? Wo sollte für sie die Grenze zwischen einem Ja zum Frieden und einem Nein zum Widerstand verlaufen?“

Zhadan weiter: „Wenn wir jetzt, im Angesicht dieses blutigen, dramatischen und von Russland entfesselten Krieges über Frieden sprechen, wollen einige eine simple Tatsache nicht zur Kenntnis nehmen: Ohne Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden. Es gibt verschiedene Formen eines eingefrorenen Konflikts, es gibt zeitweilig besetzte Gebiete, es gibt Zeitbomben, getarnt als politische Kompromisse, aber Frieden, echten Frieden, einen Frieden, der Sicherheit und Perspektive bietet, gibt es leider nicht. (…) Wir unterstützen unsere Armee nicht deshalb, weil wir Krieg wollen, sondern weil wir unbedingt Frieden wollen.“

Blick auf die erste Reihe, v.l.n.r.: Doris Plöschberger, Suhrkamp Verlag, Laudator*in Sasha Marianna Salzmann, Preisträger Serhij Zhadan, Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Bertram Schmidt-Friderichs, Verleger, Kulturstaatsministerin Claudia Roth und Kulturdezernentin Ina Hartwig, Copyright: Stadt Frankfurt am Main, Foto: Holger Menzel
Blick auf die erste Reihe, v.l.n.r.: Doris Plöschberger, Suhrkamp Verlag, Laudator*in Sasha Marianna Salzmann, Preisträger Serhij Zhadan, Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Bertram Schmidt-Friderichs, Verleger, Kulturstaatsministerin Claudia Roth und Kulturdezernentin Ina Hartwig, Copyright: Stadt Frankfurt am Main, Foto: Holger Menzel

Sasha Marianna Salzmann betont in der Laudatio, dass Literatur zwar keinen Krieg beenden könne, wohl aber die Welt in sich zusammenhalte, indem sie uns die „Innenseite des Menschlichen“ erfahren lasse. Serhij Zhadan gelinge dies in seinem Werk insbesondere durch die Nähe zum Erleben der geschilderten Personen. „Zhadan, der uns in seinem Werk so viele unterschiedliche Biografien wie nur möglich vergegenwärtigt, wählt nie die Vogelperspektive. Wir werden in seinem Blick keine Distanz erkennen. (…) In einer Zeit, in der Worte, Positionen, Urteile uns wundreiben bis aufs Fleisch, schafft dieser Dichter Momente des Aufatmens durch radikale Menschlichkeit. (…) Jeder einzelne von Zhadans Texten wird bestimmt von der Haltung des Dialogs, der Auseinandersetzung mit seiner Außenwelt.“

Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins, betont, dass der Stiftungsrat mit seiner Entscheidung für den Friedenspreisträger in Zeiten des Krieges in Europa ein Zeichen setzen wollte. Zhadans Werk habe sprachlich, literarisch und musikalisch begeistert, zugleich sei sein Engagement für die Menschen in seiner Heimat zutiefst beeindruckend: „Danke, lieber Serhij Zhadan, dass Sie uns mit Ihrer Dichtung auf die wesentlichen Fragen zurückwerfen, uns herausfordern, verunsichern. Danke, dass Sie die lange Reise auf sich genommen haben, weg von Ihren Landsleuten, um die Sie sich sorgen und für die Sie unermüdlich da sind – unter Einsatz Ihres Lebens! Danke für Ihre Romane, Ihre Gedichte, Ihre Musik. Das Zeugnis, das Sie ablegen. Über den Krieg.“

Auch Kulturdezernentin Ina Hartwig betont die besondere Rolle, die Literatur bei der Vermittlung von Wahrheit einnimmt: „Die Wahrheit der Literatur ist etwas anderes als die der Medien. Poesie und Prosa sind vielschichtiger, widersprüchlicher, mitunter auch hermetischer. Sie sprechen zu uns auf andere Weise, berühren uns anders, tiefer.“

Seit 1950 vergibt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Preisträger waren unter anderem Sebastião Salgado, Albert Schweitzer, Astrid Lindgren, Václav Havel, Jürgen Habermas, Susan Sontag, Liao Yiwu, Navid Kermani, Margaret Atwood, Aleida und Jan Assmann und im vergangenen Jahr Tsitsi Dangarembga. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert.

Die Reden von Serhij Zhadan und Sasha Marianna Salzmann sind abrufbar unter friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de. Das Buch mit allen Reden der Preisverleihung ist ab dem 23. November zum Preis von 19,90 Euro im Buchhandel oder beim MVB-Kundenservice per E-Mail an kundenservice@mvb-online.de erhältlich.

Frankfurter Buchmessen-Feeling ist zurück – Großer Andrang bereits am 19.Oktober 2022

Nach zwei Corona-Jahren mit begrenztem Zugang hat die Frankfurter Buchmesse vom 19. bis zum 23. Oktober 2022  ihre Tore wieder geöffnet. © Foto: Diether von Goddenthow
Nach zwei Corona-Jahren mit begrenztem Zugang hat die Frankfurter Buchmesse vom 19. bis zum 23. Oktober 2022 ihre Tore wieder geöffnet. © Foto: Diether von Goddenthow

Nach der feierlichen Eröffnung mit dem spanischen Königspaar König Felipe VI und Königin Letizia und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Messevorabend, hatte am 19.10.2022 der weltweit größte Marktplatz für Bücher – umrahmt von einem gewaltigen Kultur- und Leseprogramm – seine Pforten für Fachbesucher und ab Freitag auch für die Allgemeinheit geöffnet.

Der große Run auf die Bücher schon am ersten Morgen. © Foto: Diether von Goddenthow
Der große Run auf die Bücher schon am ersten Morgen. © Foto: Diether von Goddenthow

Schon am frühen Morgen strömten die Gäste in großer Menge auf die weltweit größte Bücherschau. Bereits hier zeichnete sich ab, dass es nach den beiden Jahren mit Zugangsbeschränkungen endlich wieder eine relativ „ normale“ Frankfurter Buchmesse werden würde, fast so wie früher: noch etwas abgespeckt, aber mit spannenden Lesungen, Diskussionen, Gesprächen, Preisverleihungen und einer überall anzutreffenden Betriebsamkeit, ob in den Hallen, auf der Agora, an den Veranstaltungsbühnen von ARD, ZDF, Kulturradio Frankfurt oder der Verlage und im Ehrengast-Pavillon der Spanier.

Programmatisch tritt Spanien vor allem im Ehrengast-Pavillon (Forum Ebene 1) in Erscheinung, wo Besucher unter dem Motto „Creatividad Desbordante – Sprühende Kreativität“ auf Expedition gehen können.  Dem Gesamtkonzept liegt die „Theorie der Kirschen“ der Schriftstellerin Carmen Martín Gaite (1925-2000) zugrunde: „Geschichten sind wie Kirschen. Wer in eine Schale mit Kirschen hineingreift, wird niemals nur eine einzelne Frucht erwischen.“ © Foto: Diether von Goddenthow
Programmatisch tritt Spanien vor allem im Ehrengast-Pavillon (Forum Ebene 1) in Erscheinung, wo Besucher unter dem Motto „Creatividad Desbordante – Sprühende Kreativität“ auf Expedition gehen können. Dem Gesamtkonzept liegt die „Theorie der Kirschen“ der Schriftstellerin Carmen Martín Gaite (1925-2000) zugrunde: „Geschichten sind wie Kirschen. Wer in eine Schale mit Kirschen hineingreift, wird niemals nur eine einzelne Frucht erwischen.“ © Foto: Diether von Goddenthow

Der Herzstück des Ehrengast-Auftritts der Spanier, deren letzte Teilnahme als Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse einunddreißig Jahre zurückliegt, ist der farbenfrohe Ehrengast-Pavillon im Forum Halle 1. Hier erwarteten Besucher spannende Begegnungen mit Spaniens renommiertesten Autorinnen /Autoren und neuen literarischen Stimmen bei Lesungen und Diskussionsveranstaltungen sowie Musik- und Theaterperformances spanischer Künstlerinnen und Künstler.

Einer der ersten Gäste im Ehrengastpavillon war Mittwochmorgen der spanische König Felipe VI. mit Gattin Königin Letizia, die sich in Begleitung von Bundeskulturministerin Claudia Roth und Buchmessen-Direktor Jürgen Boos unter die Fachbesucher gemischt hatten, um sich zunächst in Halle 4 einen Eindruck von den Messeständen der internationalen und wissenschaftlichen Verlage zu verschaffen.

Der spanische König Felipe VI. mit Gattin Königin Letizia © Foto: Diether von Goddenthow
Der spanische König Felipe VI. mit Gattin Königin Letizia © Foto: Diether von Goddenthow

Anschließend besuchte das Königspaar den Ehrengast-Pavillon ihres Landes im Forum der Halle 1. Dabei Überquerte das Königspaar die Agora vorbei an der Open-Air-Sonderausstellung spanischer, flandrischer, italienischer und deutscher Renaissance-Malerei. Dieser Bilderschau soll Appetit auf mehr machen und eine Einladung in Prado Madrid und zu vielen anderen Kulturschätzen Spaniens sein. Schon am Vorabend der Buchmessen-Eröffnung hatte der spanische König Felipe VI für die Demokratie und das europäische Projekt geworben. In seiner Ansprache hatte der spanische König den Weg, den Spanien seit der Franco-Diktatur hin zu Freiheit und Demokratie genommen habe, gewürdigt. Deutschland und Spanien vereine Freundschaft für das Engagement für das Europäische Projekt.

Moderatorin Shahrzad Osterer, Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg  und Shila Rebecca Behjat, frühere ARD-Korrespondentin in Teheran © Foto: Diether von Goddenthow
Moderatorin Shahrzad Osterer, Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg und Shila Rebecca Behjat, frühere ARD-Korrespondentin in Teheran © Foto: Diether von Goddenthow

Während  der „royale Tross“ vorbeizog, diskutierten nur eine Zeltwand weit davon entfernt im Frankfurt Pavilion  Frankfurt Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg mit Shila Rebecca Behjat, frühere ARD-Korrespondentin in Teheran, und der Moderatorin Shahrzad Osterer über die „Revolution der Frauen im Iran: „Frau. Leben. Freiheit.“ Es ging um die Hintergründe des Todes der jungen Kurdin Mahsa Jhina Amini in Polizeigewahrsam, nachdem sie wegen falsch getragenem Schleier von der Religionspolizei verhaftet worden war. Das hatte weltweit eine Welle des Protests und der Solidarität mit den Iranerinnen ausgelöst. Hunderttausende Demonstranten gingen und gehen unter Folter- und Todesgefahr im Iran auf die Straßen, um gegen die staatliche Unterdrückung zu protestieren. Ihre Sache wird mittlerweile von Politikern, Journalisten und Intellektuellen auf der ganzen Welt unterstützt. „Das darf uns nicht kaltlassen. (..) Deutschland und Europa dürfen diese Frauen nicht alleine lassen, sie brauchen uns“, so Nargess Eskandari-Grünberg. Deswegen wäre es wichtig, wenn auch die gesamte deutsche Frauenbewegung der Revolution der Frauen im Iran Rückendeckung gäbe, etwa auch, indem sie das Kopftuch als das, was es ist, nämlich als Unterdrückungs-Instrument der Frauen benennt.

. Treibende Kraft seien die Frauen und die Generation Z. "Diese Generation ist unglaublich unerschrocken." So gebe es kein Angebot an das Regime mehr, sondern einzig die Forderung nach einem "Regime-Change". © Foto: Diether von Goddenthow
. Treibende Kraft seien die Frauen und die Generation Z. „Diese Generation ist unglaublich unerschrocken.“ So gebe es kein Angebot an das Regime mehr, sondern einzig die Forderung nach einem „Regime-Change“. © Foto: Diether von Goddenthow

In der sich hieran anschließenden Veranstaltung diskutierte PEN Berlin in Kooperation mit der Frankfurter Buchmesse mit Natalie Amiri, Cinur Ghaderi, Behzad Karim Khani, Omid Nouripour MdB, Deniz Yücel und der Moderation Doris Akrap über die Frage „Iran – wo lang? Der Aufstand gegen das Mullah-Regime, und was der Rest der Welt tun kann“. Messedirektor Juergen Boos hatte die Diskutanten und die Gäste und Spontan-Demonstrantinnen im Frankfurt Pavilion begrüßt.

06_Performance-254 © Foto: Diether von Goddenthow
06_Performance-254 © Foto: Diether von Goddenthow

Wie ein übergroßer Stolperstein, legte sich die ukrainische Künstlerin Maria Kulikovska zu einem stillen Protest auf auf die Agora mitten auf dem Messegelände, umhüllt mit der ukrainischen Flagge. Es war die Wiederaufführung ihrer in St. Petersburg nicht genehmigten Performance „254“, bei der sie sich wie verwundet auf die Stufen eines Museums gelegt hatte.

© Foto: Diether von Goddenthow
© Foto: Diether von Goddenthow

In Halle 3.1 hatte der Hauptverband des Österreichischen Buchhandels zu einem Auftaktempfang geladen, um das Augenmerk des internationalen Lesepublikums auf seine Buchszene mit bekannten Autoren und Autorinnen wie Eva und Robert Menasse, Heinrich Steinfest usw, und neuen literarischen Stimmen sowie hochkarätigen Verlagen zu lenken.  Das ungewöhnliche Motto als bewusster Gegenbegriff zum tief verwurzelten „mia san mia“ markiere dabei die Qualität in der Vielfalt, die Österreichs mehrsprachige, multikulturelle und multireligiöse literarische Landschaft mit 350 unabhängigen Verlagen auszeichne.

Literaturkritiker Denis Scheck im Gespräch mit dem Chronist einer surrealen Wirklichkeit Heinrich Steinfest über sein neues Werk "Der betrunkene Berg" © Foto: Diether von Goddenthow
Literaturkritiker Denis Scheck im Gespräch mit dem Chronist einer surrealen Wirklichkeit Heinrich Steinfest über sein neues Werk „Der betrunkene Berg“ © Foto: Diether von Goddenthow

Auf der ARD-Bühne im Forum, Ebene 0, präsentierte und kommentierte, Denis Scheck neueste Comics, Familien- und Reiseromane bis hin zu Nobelpreisliteratur. Zu Gast war unter anderem Heinrich Steinfest mit seinem neuen im Piper-Verlag erschienen Werk „Der betrunkene Berg“, indem er über menschliche Abgründe und Aufstiege spannend ermitteln lässt.

Dr. Sabine Baumann dankt für die Ehrung mit der Übersetzerbarke VdÜ   © Foto: Diether von Goddenthow
Dr. Sabine Baumann dankt für die Ehrung mit der Übersetzerbarke VdÜ © Foto: Diether von Goddenthow

In Halle 4  verlieh der Verband deutschsprachiger Übersetzer literarischer u. wissenschaftlicher Werke e.V. die Übersetzerbarke VdÜ   an die im Frankfurter Schöffling-Verlag tätige Verlagslektorin und literarische Übersetzerin Dr. Sabine Baumann durch Marieke Heimburger. Dr. Baumann betreut als Chefredakteurin das Fachblatt Übersetzen und gehörte im Juni 2022 zu den Gründungsmitgliedern des PEN Berlin.

vli.:Autorin Ananda Klaar und Autorin Livia Gerster mit Moderatorin Jasmin Schreiber © Foto: Diether von Goddenthow
vli.:Autorin Ananda Klaar und Autorin Livia Gerster mit Moderatorin Jasmin Schreiber © Foto: Diether von Goddenthow

Mit scharfer Zunge ging es wieder in der Gesprächsreihe „SHEROES: Wir – für Alt und Jung!“ zur Sache. Es  diskutierten die FAZ-Journalistin Livia Gerster über ihre Publikation „Die Neuen: Eine Generation will an die Macht“ (C.H.Beck) und die 18jährige Ananda Klaar über ihre Neuerscheinung „Nehmt uns endlich ernst! Ein Aufschrei gegen die Übermacht der Alten“ (Piper). Junge Menschen fühlten sich in der Politik oft nicht gehört, weswegen sie ihr Wut-Buch geschrieben habe. Der Vorschlag, die jungen Leute sollten doch vor Ort in den Parteien ihre Anliegen voranbringen, so wie es in demokratischen Prozessen üblich sei, wollte sie nicht gelten lassen, weil das zu lange dauere, da die Baby-Boomer (50 bis 70jährigen) dort dominierten. Dass zur Zeit noch nie so viele Jüngere im Bundes Wird sich das mit dem Generationswechsel im Bundestag ändern? Darüber diskutieren Klimaaktivistin Ananda Klaar und FAZ-Journalistin Livia Gerster bei

Dörte Hansen © Foto: Diether von Goddenthow
Dörte Hansen © Foto: Diether von Goddenthow

Am Stand des Zeit-Verlages treffen wir Dörte Hansen im Gespräch mit Volker Weidermann über ihren dritten Roman „Zur See“, der zurzeit Nr. 1 auf der Spiegelbestsellerlist rangiert. Hierin schildert die Autorin, zurzeit auch Stadtschreiberin der Stadt Mainz, die Geschichte einer alteingesessenen Insel-Familie. Die Familienmitglieder, allesamt eng mit der Insel verbunden, leben jedoch komplett nebeneinander her. Was manchen vielleicht als Mangel an gegenseitiger menschlicher Empathie und Nähe erscheinen mag. kann für manch anderen, eher introvertierten Typen und Eigenbrötler durchaus eine glücklichere Lebensweise sein.

Der hessische Ministerpräsident Boris Rhein wird herzlich begrüßt von Dietlind Grabe-Bolz, Vorsitzende des Hessischen Literaturrats u. Geschäftsführerin Madelin Rittner (Bild mitte) © Foto: Diether von Goddenthow
Der hessische Ministerpräsident Boris Rhein wird herzlich begrüßt von Dietlind Grabe-Bolz, Vorsitzende des Hessischen Literaturrats u. Geschäftsführerin Madelin Rittner (Bild mitte) © Foto: Diether von Goddenthow

Hessens  Ministerpräsident Boris Rhein startete  seinen Rundgang auf der Buchmesse am Hessischen  Gemeinschaftsstand „Literatur in Hessen“. Er war es, der einst in seiner Funktion als hessischer Kunst- und Kulturminister diesen Gemeinschaftsstand „Literatur in Hessen“ zur Frankfurter Buchmesse 2018 ins Leben gerufen hatte.  Boris Rhein hatte auch noch der im selben Jahr den Hessischen Verlagspreis  „Literatur in Hessen“ ins Leben gerufen. Der Hessische Gemeinschaftsstand versteht sich als Plattform, um hessische Verlage, Autoren und Autorinnen zu unterstützen, ihre Programme und Werke auch auf der weltweit größten Plattform für Bücher den Messebesuchern präsentieren zu können. Dietlind Grabe-Bolz, Vorsitzende des Hessischen Literaturrats, und  Geschäftsführerin Madelin Rittner sowie Andrea Wolf, Geschäftsführerin des Börsenvereins Hessen, Rheinland, Saarland, hießen den Ministerpräsidenten herzlich willkommen und fachsimpelten mit ihm über die gegenwärtig schwierige Entwicklung auf dem Buchmarkt, insbesondere über die sich dramatisch zuspitzende Situation des – ohnehin durch zwei Coronajahre –  gebeutelten stationären Buchhandel.

Gute Buchmessenstimmung wie vor der Pandemie, auf dem Hessischen Gemeinschaftsstand "Literatur in Hessen", hier bei einer Lesung der Autorin Felicitas Hoppe im Gespräch mit  Ernst Osterkamp, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Unter den Zuhörerinnen Ayse Asar  2012 © Foto: Diether von Goddenthow
Gute Buchmessenstimmung wie vor der Pandemie, auf dem Hessischen Gemeinschaftsstand „Literatur in Hessen“, hier bei einer Lesung der Autorin Felicitas Hoppe im Gespräch mit Ernst Osterkamp, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Unter den Zuhörerinnen Ayse Asar 2012 © Foto: Diether von Goddenthow

Etwas später gesellte sich Ayse Asar, die hessische Staatssekretärin im Ministerium für Wissenschaft und Kunst, hinzu. Gemeinsam hatte sie mit Lothar Wekel, Vorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels-Landesverband Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland e.V., und Dietlind Grabe-Bolz zum Empfang am Hessischen Gemeinschaftsstand gegen 16.00 Uhr eingeladen.

Staatssekretärin Ayse Asar, Autorin Felicitas Hoppe u.Ernst Osterkamp, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung © Foto: Diether von Goddenthow
Staatssekretärin Ayse Asar, Autorin Felicitas Hoppe u.Ernst Osterkamp, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung © Foto: Diether von Goddenthow

Asar kam aber extra früher um dem Gespräch und der Lesung der Autorin und Büchner-Preisträgerin 2012 Felicitas Hoppe mit Ernst Osterkamp, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, beiwohnen konnte.  Die Staatssekretärin betonte, dass es nach über zwei Jahren coronabedingten Beschränkungen mit vielen einschneidenden Konsequenzen für das Verlagswesen, für Autoren und Autorinnen und für Kulturveranstaltungen „uns im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst ein großes Anliegen“ sei, „Verlage in Hessen in ihrer Sichtbarkeit und kulturellen Bedeutung zu stärken“, „Es ist ein schönes Gefühl, am Hessischen Gemeinschaftsstand wieder Literatur live zu erleben. Denn trotz Krisenzeiten gilt weiterhin: Hessens literarisches Erbe ist immens. Wir haben eine starke Literaturförderung mit Veranstaltungsreihen, Schreibwettbewerben, Schreibworkshops, Leseförderprojekten, Literaturpreisen und Autorenstipendien. All das wollen wir den Menschen zeigen. Zudem gibt es in Hessen viele kleine Verlage, die eine große kulturelle Bandbreite und viele Themen abdecken. Vor allem ihnen wollen wir mit dem Gemeinschaftsstand die Möglichkeit geben, ihr Programm auf dem Gemeinschaftsstand zu präsentieren. Vielen wäre das aufgrund der Standmieten sonst nicht möglich.“, so die hessische Staatssekretärin.

Auf dem blauen sofa Dona Leon im Gespräch mit Michael Sahr © Foto: Diether von Goddenthow
Auf dem blauen sofa Dona Leon im Gespräch mit Michael Sahr © Foto: Diether von Goddenthow

Auf dem Blauen ZDF-Sofa in Halle 3  und am Donnerstagabend bei der Lesung  im Congresscenter stellte Bestseller-Autorin Donna Leon ihre Autobiografie „Ein Leben in Geschichten“, erschienen bei Diogenes, vor. Dieses Mal ging es nicht um einen Kriminalfall oder um die  in Venedig spielende deutsche Krimireihe Donna Leon mit Commissario-Brunetti (Uwe Kockisch) und Vice Questore Giuseppe (Michael Degen). Dieses Mal plauderte die Grand Dame des Krimi-Genres über ihr turbulentes Leben. Am Buchmessen-Mittwoch war sie 80 Jahre alt geworden, was man ihr wirklich nicht anmerkt.  „Es war ein Leben, das keinen Ehrgeiz hatte, kein Ziel, das sich einfach so entwickelt hat“, so Donna Leon, die es als ein Glück empfand, dass er Erfolg erst so spät in ihr Leben kam, da man mit 50 immun dagegen sei, den eigenen Erfolg allzu ernst zu nehmen. Sie trägt den Humor auf ihrer Zunge, und amüsierte ihr Publikum mit kleinen spitzen Pointen und viel Selbstironie. Die Welt brauchte mehr Menschen wie sie, Menschen, die sich nicht so wichtig nehmen.

Am Nachmittag verlieh im Frankfurt Pavilion der HOFFMANN UND CAMPE Verlag der Frankfurter Buchmesse den Julius-Campe-Preis 2022 für ihre Verdienste um die Literatur. Tim Jung, verlegerischer Geschäftsführer von HOFFMANN UND CAMPE, würdigte die Messe mit den Worten: »Die Frankfurter Buchmesse überführt Geschichten, Ideen, Argumente und Meinungen in eine gesellschaftliche Erfahrung. Damit ist sie von herausragender Bedeutung für die Vermittlung und für das Verständnis der Literaturen unserer Welt.«

Kulturministerin Claudia Roth (r) gratuliert dem Buchmesseteam zum Julius-Campe-Preis 2022 © Foto: Diether von Goddenthow
Kulturministerin Claudia Roth (r) gratuliert dem Buchmesseteam zum Julius-Campe-Preis 2022 © Foto: Diether von Goddenthow

Claudia Roth, MdB und Staatsministerin für Kultur und Medien, erklärte in ihrer Laudatio: »Die Frankfurter Buchmesse ist längst ein Synonym für gelingende Literaturvermittlung und das weltweit bedeutendste Forum für Literatur. Insbesondere in den vergangenen zwei Jahren hat sie in der Pandemie Herausragendes geleistet und mit der Entwicklung neuer Formate den unverzichtbaren Austausch in der Buchbranche aufrechterhalten.« Im Anschluss an die Laudatio überreichte Tim Jung dem Direktor der Frankfurter Buchmesse, Juergen Boos, die Preisurkunde.
Der Preis ist benannt nach Julius Campe (1792-1867), der zu den größten Verlegern der deutschen Geschichte zählt. Als Entdecker von Heinrich Heine und als mutiger Förderer der Autoren des »Jungen Deutschlands« wurde er zum Inbegriff des idealistischen Verlegers, der literarische Entdeckungsfreude mit gesellschaftlichem Engagement vereint. Die Julius-Campe-Preisträger der vergangenen Jahre: 2019: Mara Delius, 2018: Christian Petzold. 2017: Staatsministerin Prof. Monika Grütters, 2016: Das Netzwerk der Literaturhäuser, 2015: Denis Scheck, 2014: Buchhandlungskooperation 5 plus, 2013: Felicitas von Lovenberg, 2012: Petra Roth, 2011: Roger Willemsen, 2010: Elke Heidenreich, 2009: Elisabeth Niggemann, 2008: Wendelin Schmidt-Dengler (posthum), 2007: Klaus Reichert, 2006: Michael Naumann, 2005: Jan Philipp Reemtsma, 2004: Joachim Kaiser,2003: Heinrich Detering, 2002: Martin Walser.

vli. Barbara Vinken, Sandra Kegel, Gert Scobel  u. Katrin Schumacher © Foto: Diether von Goddenthow
vli. Barbara Vinken, Sandra Kegel, Gert Scobel u. Katrin Schumacher © Foto: Diether von Goddenthow

In Halle 3.1 diskutierte auf dem blauen sofa das „ZDF-Buchzeit-Team“,  die Literaturexpertinnen Barbara Vinken, Sandra Kegel und Katrin Schumacher mit Gert Scobel über die neuen Bücher von Monika Fagerholm (Wer hat Bambi getötet), Johan Harstad (Auf frischer Tat), Behzad Karim Khani (Hund, Wolf, Schakal) und Andrej Kurkow (Samson und Nadjeschada).

Impression von der 74. Frankfurter Buchmesse © Foto: Diether von Goddenthow
Impression von der 74. Frankfurter Buchmesse © Foto: Diether von Goddenthow

Zwei Gänge weiter hatte der Gemeinschaftsstand des Bundeslandes Thüringen eingeladen: Im Auftrag des Thüringer Wirtschaftsministeriums wird, ähnlich wie bei „Literatur in Hessen“, thürinigschen Verlagen, Medien- und Kreativunternehmen preiswert eine prominente Plattform angeboten, auf der sie sich mit ihren Neuerscheinungen und ihrem Angebot auf dem weltweit bedeutendsten Handelsplatz für Bücher, Medien, Rechte und Lizenzen präsentieren können.

(Diether von Goddenthow /Rhein-Main.Eurokunst)

Die Frankfurter Buchmesse ist zurück – Fünf Tage kulturelle Vielfalt und internationaler Austausch

© Foto: Diether von Goddenthow
© Foto: Diether von Goddenthow

4000 Aussteller aus 95 Ländern in Frankfurt / Das spanische Königspaar und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Eröffnung der 74. Frankfurter Buchmesse Ehrengast Spanien: Sprachliche Vielfalt und Kreativität / Schwerpunkt-Thema Übersetzung Fokus Ukraine: Veranstaltungen mit Präsident Wolodymyr Selenskyj und First Lady Olena Selenska (virtuell)

Mit 4000 Ausstellern aus 95 Ländern, auf zehn Hallenebenen, mit zahlreichen Bühnen auf dem Messegelände, mehr als 2000 Events und 4000 akkreditierten Journalisten ist die Frankfurter Buchmesse (19.-23.Oktober 2022) in voller Präsenz zurück. Am heutigen Dienstag, 18. Oktober um 17.00 Uhr, wurde die 74. Frankfurter Buchmesse in Anwesenheit des spanischen Königspaares, König Felipe VI und Königin Letizia, sowie von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Elke Büdenbender eröffnet. Ebenfalls zu den Eröffnungsrednern gehörten Boris Rhein, der Ministerpräsident des Landes Hessen, die Bürgermeisterin der Stadt Frankfurt am Main, Dr. Nargess Eskandari-Grünberg, die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Karin Schmidt-Friderichs, und die literarischen Festredner aus Spanien, Irene Vallejo und Antonio Muñoz Molina.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier © Streaming-Foto: Diether von Goddenthow
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier © Streaming-Foto: Diether von Goddenthow

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier unterstrich in seiner Rede, dass die  Frankfurter Buchmesse ein bedeutendes kulturelles, aber auch soziales und politisches Ereignis, „ohne das unser Land, unsere Kulturnation Deutschland im Grunde gar nicht zu denken wäre.“

Aber diese Buchmesse sei nicht nur ein Ereignis für unser eigenes Land. Sie strahle auch weit darüber hinaus und hane sich in den vielen Jahrzehnten einen großen internationalen Ruf erworben. „Hier finden nicht nur bedeutende Geschäfte statt, werden Lizenzen vereinbart und Verträge abgeschlossen. Hier treffen sich Autorinnen und Autoren, Verleger und Agentinnen, aber auch Leserinnen und Journalisten aus allen Sprachen und Kulturen. Hier werden internationale Beziehungen geknüpft, auf eine sehr persönliche, individuelle Art“, so der Bundespräsident.

Boris Rhein, Hessischer Ministerpräsident.© Streaming-Foto: Diether von Goddenthow
Boris Rhein, Hessischer Ministerpräsident.© Streaming-Foto: Diether von Goddenthow

Hessens Ministerpräsident Boris Rhein unterstrich in seinem Grußwort den Wert des freien Wortes: „Die Freiheit zu denken, zu lesen und zu sagen, was wir für richtig erachten, ist häufig so selbstverständlich, dass wir sie allzu oft als gegeben ansehen. Wie essentiell diese Freiheit jedoch ist, sieht man überall dort, wo regimekritische Autoren auf dem Index landen und das Internet blockiert wird. Jeden Tag gehen weltweit Menschen auf die Straße, riskieren Leib und Leben, weil sie genau diese Freiheit für sich beanspruchen“, sagte der Ministerpräsident.

„Die Frankfurter Buchmesse ruft uns alljährlich ins Gedächtnis, wie wichtig diese Freiheit ist. Wir in Hessen sind sehr stolz, dass die internationale Literaturszene in diesen Tagen auf unser Land blickt. Wir sind ausgesprochen gerne Gastgeber“, sagte der Regierungschef.

Juergen Boos, der Direktor der Frankfurter Buchmesse, sagte: „Ich freue mich sehr auf das Wiedersehen mit vielen Autor*innen, Verleger*innen und Partner*innen. Die persönliche Begegnung ist gerade jetzt so wichtig wie nie: Denn Präsenz hilft gegen Polarisierung. Man spricht anders miteinander, wenn man einander gegenübersteht. In den nächsten Tagen werden in Frankfurt aktuelle, kontroverse und leidenschaftliche Diskussionen ausgetragen werden. Und sie werden nicht ungehört verhallen. Denn gemäß unserem diesjährigen Motto „Translate. Transfer. Transform.“ sind wir überzeugt, dass die Buchbranche für die notwendige Verständigung sorgen kann. Sei es durch Übersetzung von Literatur von einer Sprache in die andere, durch weltweite Solidarität mit Büchermacher*innen im Exil, oder durch die internationale Vernetzung, die hier stattfindet.“

Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, und der britisch-pakistanische Schriftsteller Mohsin Hamid,  bei der Eröffnungspressekonferenz der 74. Frankfurter Buchmesse  © Foto: Diether von Goddenthow
Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, und der britisch-pakistanische Schriftsteller Mohsin Hamid, bei der Eröffnungspressekonferenz der 74. Frankfurter Buchmesse © Foto: Diether von Goddenthow

Weltweit größter Marktplatz für Bücher, der Start in den Leseherbst und ein bedeutendes Kulturereignis für die Völkerverständigung – das alles sei die Frankfurter Buchmesse, die morgen startet, so Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels bei der Pressekonferenz zur Messe-Eröffnung. „In einer Welt, in der zwischen politischen, kulturellen und ideologischen Haltungen immer tiefere Gräben entstehen, schafft die Buchmesse Raum für den friedlichen, demokratischen Austausch“, so Schmidt-Friderichs. Die Buchbranche nehme ihren gesellschaftlichen Auftrag sehr ernst: „Verlage und Buchhandlungen wollen gerade in diesen unsicheren Zeiten eine umfassende Versorgung mit Literatur, Sach- und Fachinformationen gewährleisten.“

Gleichzeitig betonte sie, wie steigende Energiekosten, Ressourcenengpässe und eine spürbare Kaufzurückhaltung Verlage, Buchhandlungen und die Branchenlogistik erheblich unter Druck setzten. Buchhandlungen rechneten mit einem Anstieg der Energiekosten von bis zu 300 Prozent. Verlage, die schon im laufenden Jahr rund 50 Prozent mehr für Druck und Produktion ihrer Bücher bezahlen müssten, gingen von weiteren Steigerungen um 20 bis 30 Prozent im kommenden Jahr aus. Der Branche stehe, so Schmidt-Friderichs, ein frostiger Herbst und Winter bevor und man hoffe, dass die Frankfurter Buchmesse auch neue Impulse insbesondere für den  stationären Handel bringe.

Politische Prominenz auf der Frankfurter Buchmesse

Zahlreiche Spitzenpolitiker und Politikerinnen werden der Frankfurter Buchmesse in den nächsten Tagen einen Besuch abstatten, oder das Wort per Videobotschaft an die anwesenden Verleger*innen richten: Am Messedonnerstag meldet sich der Präsident der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, bei einer Versammlung der Europäischen Verlegervereinigung (FEP) virtuell zu Wort. Und auch die First Lady der Ukraine, Olena Selenska, wird im BRIGITTE Talk (Messesamstag, 17.30 Uhr) digital zu Gast sein. In Frankfurt Präsenz zeigen werden die Bundesinnenministerin Nancy Faeser, die Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht, die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Lisa Paus, Kulturstaatsministerin Claudia Roth und zahlreiche weitere Spitzenpolitiker*innen aus dem In- und Ausland.

Appell zum Schutz der Buchbranche

Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, und der britisch-pakistanische Schriftsteller Mohsin Hamid, appellierten zuvor heute bei der Eröffnungspressekonferenz der 74. Frankfurter Buchmesse  zum Schutz der Buchbranche.  Im Rahmen ihrer publizistischen Möglichkeiten sei es ihre Pflicht, ein sichtbares Gegengewicht zu spalterischen, antidemokratischen und diskriminierenden Tendenzen zu schaffen und diese geschlossen zu verurteilen.

Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, forderte Unterstützung aus der Politik, um die Stellung der Buchbranche zu schützen: „Die Frankfurter Buchmesse ist der weltweit größte Marktplatz für Bücher und Geschichten. Gleichzeitig ist sie ein bedeutendes Kulturereignis für Völkerverständigung. In einer Welt, in der zwischen politischen, kulturellen und ideologischen Haltungen immer tiefere Gräben entstehen, schafft die Buchmesse Raum für den friedlichen, demokratischen Austausch. Verlage und Buchhandlungen wollen gerade in diesen unsicheren Zeiten eine umfassende Versorgung mit Literatur, Sach- und Fachinformationen gewährleisten. Während der Corona-Pandemie ist ihnen das erfolgreich gelungen – die Buchbranche hat sich in den letzten beiden Jahren als bemerkenswert widerstandsfähig erwiesen. Doch die instabile Welt- und Marktlage stellt sie vor neue große Herausforderungen. Die Branche braucht dringend ausgleichende Maßnahmen durch die Politik, damit sie ihrem gesellschaftlichen Auftrag weiterhin in gewohnter Weise nachkommen kann.“

Übersetzung im Fokus

Im Rampenlicht stehen Übersetzer und Übersetzerinnen von Literatur selten – und doch ist ihre Arbeit essenziell. Dass der Akt des Übersetzens auch im übertragenen Sinne allgegenwärtig ist, sobald Sprachräume, Kulturen, Erfahrungen oder Gewohnheiten aufeinandertreffen, führt zu der großen thematischen Klammer der 74. Frankfurter Buchmesse: „Translate. Tansfer. Transform.“

Der Schriftsteller Mohsin Hamid sagte in seiner Rede auf der Eröffnungspressekonferenz: „Mindestens die Hälfte der Bücher, die mir in meinem Leben am meisten bedeutet haben, wurden in Sprachen geschrieben, die ich selbst nicht lesen kann. Ohne Übersetzer wäre ich heute nicht der Leser, der ich bin. Auch meine eigenen Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt, die ich selbst nicht beherrsche. Ohne Übersetzer wäre ich nicht ansatzweise der Schriftsteller, der ich bin. Und nicht nur das. Gabriel García Márquez hat über den Übersetzer Gregory Rabassa gesagt: ‚Er hat meine Bücher besser geschrieben als ich.‘ Ich vermute, dass viele von uns Schriftstellern dasselbe sagen würden, beherrschten wir die Zielsprache gut genug, um das Werk unserer Übersetzer lesen zu können. Übersetzer sind unverzichtbar. In unserer heutigen Welt, einer Welt der zunehmenden Fremdenfeindlichkeit und des Nativismus, einer Welt, die sich auf den Bau von Mauern konzentriert, schaffen Übersetzer Fenster und Türen.“

Große internationale Beteiligung, starker Ehrengastauftritt Spaniens

Impression  des spanischen Ehrengast-Pavillons im Forum. Bücher stehen hier im Zentrum und bei der "Wurstlandschaft" handelt es sich um Sitzmöglichkeiten, um in Ruhe schmökern zu können. © Foto: Diether von Goddenthow
Impression des spanischen Ehrengast-Pavillons im Forum. Bücher stehen hier im Zentrum und bei der „Wurstlandschaft“ handelt es sich um Sitzmöglichkeiten, um in Ruhe schmökern zu können. © Foto: Diether von Goddenthow

Rund zwei Drittel der Aussteller kommen aus dem Ausland. Die asiatische Beteiligung ist erfreulich hoch; Nordamerika und Mittel- und Südeuropa sind im Länderspektrum besonders stark vertreten. Einen bedeutenden Anteil hat hierbei Spanien: Der Ehrengast 2022 ist mit über 320 Ausstellern und Agenturen und allen Sprachräumen des Landes präsent und ist im ausgebuchten Literary Agents & Scouts Center (LitAg) nach Großbritannien und den USA sogar die drittstärkste Fraktion.

Programmatisch tritt Spanien vor allem im Ehrengast-Pavillon (Forum Ebene 1) in Erscheinung, wo Besucher unter dem Motto „Creatividad Desbordante – Sprühende Kreativität“ auf Expedition gehen können. Durch das Zusammenspiel von Architektur, KI-gestützten Installationen und Live-Veranstaltungen wird hier jeder seine individuelle Reise antreten und dabei auf literarische Stimmen treffen wie Kiko Amat, Elena Medel, Cristina Morales, Elizabeth Duval, Rosa Montero, Sara Mesa und Fernando Aramburu. Dem Gesamtkonzept liegt die „Theorie der Kirschen“ der Schriftstellerin Carmen Martín Gaite (1925-2000) zugrunde: „Geschichten sind wie Kirschen. Wer in eine Schale mit Kirschen hineingreift, wird niemals nur eine einzelne Frucht erwischen.“ So soll es sich auch mit den Begegnungen und Eindrücken verhalten, die dem Publikum beim Besuch des Pavillons widerfahren. Insgesamt umfasst die spanische Delegation rund 200 Autoren und Kreative aus Spanien. Beteiligt sind sie unter anderem auch am Literaturfestival BOOKFEST, bei THE ARTS+ und am Buchmesse-Fachprogramm.

Die 74. Buchmesse wird gefördert durch Mittel aus dem Programm NEUSTART KULTUR der Bundesregierung.

Kim de l’Horizons spektakuläre Kopfrasur bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2022 als Solidaritäts-Zeichen für Iranerinnen und alle Unterdrückten

Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels nimmt die Ehrung vor und überreicht Kim de l’Horizon die Urkunde des Deutschen Buchpreises 2022. © Foto: Diether von Goddenthow
Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels nimmt die Ehrung vor und überreicht Kim de l’Horizon die Urkunde des Deutschen Buchpreises 2022. © Foto: Diether von Goddenthow

Kim de l’Horizon, der heute Abend im Kaisersaals des Frankfurter Römers von der Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels mit dem Roman „Blutbuch“ (DuMont) mit dem Deutschen Buchpreis 2022 ausgezeichnet wurde, hat aus seiner anfänglichen Not fehlender Worte einer Dankesrede eine spontane wie spektakuläre Solidaritäts-Performance für die um ihre Freiheit kämpfenden Frauen im Iran inszeniert.

Kim de l’Horizon greift zum Rasierer und rasiert sich die Haare vom Kopf um ein Zeichen gegen die Unterdrückung zu setzen.© Foto: Diether von Goddenthow
Kim de l’Horizon greift zum Rasierer und rasiert sich die Haare vom Kopf um ein Zeichen gegen die Unterdrückung zu setzen.© Foto: Diether von Goddenthow

Kurzerhand  ließ der frisch gekürte Gewinner des Deutschen Buchpreises seine Haarpracht fallen, nicht mit einer Schere oder einem Messer, sondern mit einem Elektrobatterie-Rasierer, welchen er aus seinem grünlichglitzernden, paillettenbesetzten Handtäschchen hervorzauberte. Wortlos begann er mit der Kopfrasur und lies dann, fast schon kahlköpfig, die Worte folgen: „Dieser Preis ist nicht nur für mich. Ich denke, ihr habt diesen Text auch ausgewählt, um ein Zeichen zu setzen gegen den Hass für die Liebe, für den Kampf aller Menschen, die wegen ihres Körpers unterdrückt werden. Dieser Preis ist offensichtlich auch für die Frauen im Iran“ [unterbrochen von minutenlangen Standing Ovations] „Was ich sagen wollte, wir schauen alle nach Iran, bewundern diesen Mut, diese Kraft. Das zeigt uns wiederum, wie unser Weltbild war, dass wir dachten, Weiblichkeit ist nur im Westen emanzipiert.“ Spontane Worte, die man nun nicht auf die Goldwaage legen sollte, die aber im Rahmen der Kopfrasur-Aktion in den Medien große Aufmerksamkeit hervorriefen.
Damit dürfte auch das Ziel des Börsenvereins, wenn auch so nicht geplant,  „mit dem Deutschen Buchpreis (…) die Aufmerksamkeit der Leser*innen auf die Vielschichtigkeit der deutschsprachigen Literatur zu lenken“ und „die Grenzen der eigenen Wahrnehmung zu erweitern“,  wie kaum je bei einer früheren Buchpreisverleihung  geglückt sein.

Standing Ovations für Kim de l'Horizon im Kaisersaal des Frankfurter Römers nach seiner Kopfrasur-Aktion als Solidaritäts-Zeichen für den Freiheitskampf der Iranerinnen. © Foto: Diether von Goddenthow
Standing Ovations für Kim de l’Horizon im Kaisersaal des Frankfurter Römers nach seiner Kopfrasur-Aktion als Solidaritäts-Zeichen für den Freiheitskampf der Iranerinnen. © Foto: Diether von Goddenthow

Wie auch Andreas Platthaus, FAZ-Redaktionsleiter Literatur, augenzwinkernd treffend anmerkte, war „allen Besuchern der Zeremonie im Römer spätestens um 18.58 Uhr klar, dass man etwas beigewohnt hatte, das sich nicht mehr vergessen lassen wird. Es war der stärkste Auftritt nichtbinär definierten Erzählens, der sich denken ließ. A star is born.“ (FAZ, 17.10.2022).

Auch  klingen nun im Lichte von Kims Kahlkopf-Aktion die ersten Sätze in der Jury-Begründung für die Zuerkennung des Deutschen Buchpreise beinahe schon prophetisch, wenn es heißt: „Mit einer enormen kreativen Energie sucht die non-binäre Erzählfigur in Kim de l’Horizons Roman ‚Blutbuch‘ nach einer eigenen Sprache.“ Das war der nonbinären Person Kim de l’Horizon heute Abend wieder einmal trefflich gelungen, so wie in seinem  Werk „Blutbuch“. Er  versucht,  Sprache mitunter neu zu erfinden, und mit seinen Sätzen  Menschen magisch in seine Gedankenwelt hineinzuziehen. Wer sich auf Kim’s identitäre Welt auf der Suche nach sich selbst, aus non-binärer Perspektive einlassen möchte, sei dieser Debüt-Roman wärmstens empfohlen. 10 Jahre Arbeit hat Kim de l’Horizon, der auch als Hexer*In unterwegs sei, in sein Werk gesteckt.

Sehr empfehlenswert sind auch sämtlich nominierten Werke der nicht zum Zuge gekommenen Autoren der Shortlist wie: Fatma Aydemir: Dschinns (Carl Hanser, Februar 2022), Kristine Bilkau: Nebenan (Luchterhand, März 2022), Daniela Dröscher: Lügen über meine Mutter (Kiepenheuer & Witsch, August 2022), Jan Faktor: Trottel (Kiepenheuer & Witsch, September 2022), Eckhart Nickel: Spitzweg (Piper, April 2022).

Die nominierten Autoren der Shortlist. © Foto: Diether von Goddenthow
Die nominierten Autoren der Shortlist, noch sind alle voller Hoffnung, dass auf sie eventuell die Wahl fällt. © Foto: Diether von Goddenthow

Informationen und Lesungstermine zu jedem einzelnen Werk findet man unter www.deutscher-buchpreis.de.

Kim de l‘Horizon erhält ein Preisgeld von 25.000 Euro; die fünf Finalisten erhalten jeweils 2.500 Euro. Der Gewinnertitel wurde in mehreren Auswahlstufen ermittelt. Die sieben Jurymitglieder haben seit Ausschreibungsbeginn 233 Titel gesichtet, die zwischen Oktober 2021 und September 2022 erschienen sind. Aus diesen Romanen wurde eine 20 Titel umfassende Longlist zusammengestellt. Daraus hat die Jury sechs Titel für die Shortlist gewählt. Die Preisverleihung fand im Kaisersaal des Frankfurter Römers statt.

Mit dem Deutschen Buchpreis 2022 zeichnet die Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels den deutschsprachigen Roman des Jahres aus. Hauptförderer des Deutschen Buchpreises ist die Deutsche Bank Stiftung, weitere Partner sind die Frankfurter Buchmesse und die Stadt Frankfurt am Main. Die Deutsche Welle unterstützt den Deutschen Buchpreis bei der Medienarbeit im In- und Ausland.

Unter dem Hashtag #buchpreisbloggen stellen 20 Literaturblogger die nominierten Titel 2022 vor. Die Rezensionen werden unter www.deutscher-buchpreis.de/news veröffentlicht und über die Social-Media-Kanäle des Deutschen Buchpreises geteilt. Auf der Webseite und den Social-Media-Kanälen des Deutschen Buchpreises vermitteln zudem Videoporträts einen Eindruck von den nominierten Werken und ihren Autoren.

(Diether von Goddenthow /Rhein-Main.Eurokunst)

Die Publikum-Highlights der Frankfurter Buchmesse 2022 im Überblick

Agora der Frankfurter Buchmesse © Foto: Diether von Goddenthow
Agora der Frankfurter Buchmesse © Foto: Diether von Goddenthow

Live is life: Besucherinnen und Besucher der Frankfurter Buchmesse 2022 erleben große Autorinnen und Autoren, spannende Talks und anregende Diskussionen live auf der großen Bühne im Congress Center, im Frankfurt Studio, im Frankfurt Pavilion sowie abends in der Stadt beim BOOKFEST city.

So wird die nicht-binäre Person Alok Vaid-Menon aus den USA im Rahmen ihrer Deutschland-Tour in Frankfurt ihr neues Buch „Mehr als binär“ vorstellen. Alok nutzt für die eigene Kunst Poesie, Comedy, Performances, Lesungen, Klangkunst, Modedesign, Selbstporträts und Social Media – mit über einer Million Followerinnen und Followern auf TikTok und Instagram (Sonntag, 23. Oktober 2022, 12.30-13.00 Uhr, Frankfurt Studio). Ebenfalls transmedial zeigen sich dieses Jahr „Die drei ???“ mit einer Lesung aus ihrer ersten Graphic Novel „Der Goldene Salamander“ mit den Autoren und Illustratoren Christopher Tauber und Calle Claus (Samstag, 22. Oktober 2022, 10.30-11 Uhr, Frankfurt Studio). Ein weiterer Star auf TikTok, Instagram und YouTube ist der Bestseller-Autor und Motivations-Trainer Biyon Kattilathu. In seiner Veranstaltung „Ein Spaziergang zu dir selbst“ führt Biyon Kattilathu durch wichtige Stationen seines Lebens – unterhaltsam, überraschend und mit tiefgreifenden Lerneffekten (Samstag, 22. Oktober 2022, 16.00-17.00 Uhr, Frankfurt Studio).

In diesem Jahr wieder aufgebaut: Frankfurt Pavilion  © Foto: Diether von Goddenthow
In diesem Jahr wieder aufgebaut: Frankfurt Pavilion © Foto: Diether von Goddenthow

Am gleichen Ort präsentiert die deutsch-amerikanische Schauspielerin Diane Kruger (Troja, Inglourious Basterds) ihr Kinderbuch Dein Name, das ihrer Tochter gewidmet ist und ihre Kindheit in Deutschland thematisiert (Samstag, 22. Oktober, 13.30-14:30 Uhr, Saal Harmonie, Congress Center).

Nach der erfolgreichen Premiere im vergangenen Jahr setzen STERN und die Verlagsgruppe Penguin Random House ihre Kooperation auf der Frankfurter Buchmesse fort. Auf einer eigenen Bühne bietet die Büchertalk-Reihe „Die 30-Minuten-WG“ wieder ein vielfältiges Programm: An den fünf Messetagen heißen die Moderatoren und Literaturexperten des STERN hochkarätige Talkgäste am Stand der Verlagsgruppe (Halle 3.0 D 21) willkommen, darunter Fußballweltmeister und Unternehmer Philipp Lahm sowie die Bestseller-Autorinnen Amelie Fried, Dörte Hansen, Charlotte Link, Stefanie Stahl und die Autoren Wladimir Kaminer sowie Richard David Precht. Alle Veranstaltungen werden live gestreamt. Zudem gibt es Backstage-Interviews, Reportagen und Video-Zusammenschnitte auf den jeweiligen Social-Media-Kanälen.

Für Kinder und Fans guter Kinder- und Jugendliteratur finden am Messewochenende noch viele weitere Lesungen in den Räumen des Congress Center und im Frankfurt Pavilion statt: Unter anderem mit den Autorinnen Alice Pantermüller und Daniela Kohl (Mein Lotta-Leben), Tatjana Kiel, Katja Brandis (Woodwalkers Staffel 2) und Silke Schellhammer (School of Talents) sowie den Autoren Paul Maar (Das Sams und die große Weihnachtssuche), Detlev Jöcker, Marcus Pfister (Der Regenbogenfisch) und digital dazugeschaltet Dr. Wladimir Klitschko (Wil, der Wolkenstürmer).

Impression aus den Messehallen, hier am Suhrkamp-Stand. © Foto: Diether von Goddenthow
Impression aus den Messehallen, hier am Suhrkamp-Stand. © Foto: Diether von Goddenthow

Auch für das beliebte Romance-Genre gibt es eine Bühne: Der KYSS Verlag bietet eine Signierstunde mit seinen Star-Autornen Anya Omah, Kira Mohn und Nikola Hotel an (Samstag, 22. Oktober 2022, 10.00-11.30 Uhr, Raum Illusion, Congress Center). An gleicher Stelle kommen dann Thriller-Fans auf ihre Kosten: Im „Crimethrill Event“ signieren u.a. die Star-Autorinnen und Autoren des Genres: Sebastian Fitzek, Ursula Poznanski, Arno Strobel und Andreas Winkelmann. Dort findet später auch eine Signierstunde mit weiteren Stars statt, unter anderem: Ildikó von Kürthy, Manuela Inusa und Klaus-Peter Wolf.

Derweil geben sich auf der Studiobühne des Podcast-Radios detektor.fm (THE ARTS+ Areal, Halle 4.0 G 59) weitere Stars während der Messetage das Mikro in die Hand: Über 50 Autorinnen und Autoren wie Teresa Bücker, Sebastian Fitzek, Jakob Hein, Judith Holofernes, Volker Kutscher, Sheila de Liz, Katja Lewina, Ahmad Mansour, Carlo Masala, Luisa Neubauer und Dirk Stermann werden dort zu Gast sein. detektor.fm wird live von der Frankfurter Buchmesse senden und alle Gespräche anschließend auch in seinem Podcast „N99“ zur Verfügung stellen.

THE ARTS+ Areal, Halle 4.0 G 59  © Foto: Diether von Goddenthow
THE ARTS+ Areal, Halle 4.0 G 59 © Foto: Diether von Goddenthow

ARTE diskutiert mit jungen Autoren und Autorinnen (u.a. mit Mithu Sanyal, Theresia Enzensberger, Ananda Klaar) über Macht und Sex und die heutige Streitkultur: „Und jetzt? Ein Nachmittag zur Zukunft der Gesellschaft von ARTE“ (Freitag, 21. Oktober, 15.00-18.00 Uhr, Frankfurt Pavilion, Agora). Zum Ausklang wird ein Konzert mit dem ukrainischen Schriftsteller und Musiker Serhij Zhadan geboten, dem Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2022.

Um Gesellschaftsentwürfe dreht sich auch Luisa Neubauers Buchvorstellung (Gegen die Ohnmacht. Meine Großmutter, die Politik und ich). Sie hat ihr neues Werk zusammen mit ihrer fast 90-jährigen Großmutter Dagmar Reemtsma geschrieben (Samstag, 22. Oktober, 10.30-11.30, Saal Harmonie, Congress Center).

ARD-Bühne im Forum. © Foto: Diether von Goddenthow
ARD-Bühne im Forum. © Foto: Diether von Goddenthow

Die ARD präsentiert auch 2022 wieder ihr erfolgreiches Format „SHEROES:Streiterinnen für die Zukunft“, moderiert von der reichweitenstarken Autorin, Kolumnistin und Podcasterin Jagoda Marinić. Mit dabei sind u.a. Jasmin Schreiber, Luisa Neubauer, Ulrike Herrmann, Shikiba Babori und Maja Göpel, (ARD-Bühne im Forum, Ebene 0).

Wer gute Stories gerne bunt oder in Form von Performances schätzt, kann am Messesonntag das Finale der Deutschen Cosplay Meisterschaft (Sonntag, 23. Oktober, 13.30 Uhr, Congress Center) sowie die TikTok Stage besuchen (Sonntag, 23. Oktober 2022, 10.00-17.00 Uhr, Agora, Details siehe Pressemitteilung „Buchstäblich #BookTok: TikTok und Frankfurter Buchmesse starten Kooperation“).

Cosplay-Meisterschaftstreffen am Sonntag, 23.10.2022. © Foto: Diether von Goddenthow
Cosplay-Meisterschaftstreffen am Sonntag, 23.10.2022. © Foto: Diether von Goddenthow

Mit dem BOOKFEST erwartet Literaturfans auch 2022 wieder ein Programm an über 20 verschiedenen Locations in Frankfurt mit u.a. Melanie Raabe, Richard David Precht und Donna Leon (Details siehe Pressemitteilung „BOOKFEST 2022“).

Viele Autoren werden auch in Signierzelten auf der Agora ihre Werke signieren. Vor Ort sind Alok Vaid-Menon, Elke Heidenreich, Charlotte Link, Ralph Ruthe, Kirsten Boie u.v.a.

Alle Veranstaltungen und Autorinnen und Autoren sind im Veranstaltungskalender unter www.buchmesse.de/kalender sowie hier zu finden.

Die Autoren der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2022 präsentieren im ausverkauften Schauspiel Frankfurt ihre Werke

Am 9. Oktober 2022 stellten sich im Schauspiel Frankfurt die sechs Nominierten der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2022 vor. v.li.: Daniela Dröscher „Lügen über meine Mutter“, Kim de l’Horizon „Blutbuch“, Fatma Aydemir „Dschinns“, Kristine Bilkau „Nebenan“, Eckhart Nickel „Spitzweg“, Jan Faktor „Trottel“- © Foto: Diether von Goddenthow
Am 9. Oktober 2022 stellten sich im Schauspiel Frankfurt die sechs Nominierten der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2022 vor. v.li.: Daniela Dröscher „Lügen über meine Mutter“, Kim de l’Horizon „Blutbuch“, Fatma Aydemir „Dschinns“, Kristine Bilkau „Nebenan“, Eckhart Nickel „Spitzweg“, Jan Faktor „Trottel“- © Foto: Diether von Goddenthow

Zum 15. Mal präsentierten am 9. Oktober 2022 das Kulturamt Frankfurt am Main und das Literaturhaus Frankfurt die Nominierten der Shortlist eine Woche vor der 18. Preisverleihung des Deutschen Buchpreises in Kooperation mit der Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, die den Preis vergibt.

Alle sechs Finalistinnen und Finalisten und eine Finalist*In, die in diesem Jahr in der Endauswahl für den deutschsprachigen Roman des Jahres stehen, wurden in Lesungen und Gesprächen von Sandra Kegel (F.A.Z.), Alf Mentzer (hr) und Christoph Schröder (freier Kritiker) vorgestellt. Die Veranstaltung fand im beinahe ausverkauften Schauspiel Frankfurt statt. Was ihre Freude „heute noch einmal steigere“, sei die Tatsache, „dass wir einander nach der Pandemie erstmals wieder in so großer Runde uns begegnen können“, freute sich Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

Dr. Sonja Vandenrath-© Foto: Diether von Goddenthow
Dr. Sonja Vandenrath-© Foto: Diether von Goddenthow

Ausgangsüberlegung war 2008, der Geburtsstunde des Deutschen Buchpreises, „mit dieser Gemeinschaftsveranstaltung Frankfurt als Buch- und Literaturstadt ein weiteres Highlight zu verschaffen, und gleich den großen Scheinwerfer auf die Autorinnen und Autoren der Shortlist zu richten und als Win-Win-Win-Situation dem Frankfurter Publikum die exklusive Chance geben, alle Nominierten kompakt an einer Veranstaltung zu erleben“ so Dr. Sonja Vandenrath, Literaturreferentin der Stadt Frankfurt am Main. Hauke Hückstädt, Leiter des Literaturhauses Frankfurt, unterstrich in seinem Grußwort, dass die sechs Nominierten der Shortlist, „denen heute unsere ganze Aufmerksamkeit und die Aufmerksamkeit der Buchwelt gelte, unter mehr als 200 geprüften Büchern von einer Fachjury ausgewählt worden seien“.

Fatma Aydemir „Dschinns“, Moderation: Alf Mentzer

Alf Mentzer im Talk mit Fatma Aydemir © Foto: Diether von Goddenthow
Alf Mentzer im Talk mit Fatma Aydemir © Foto: Diether von Goddenthow

Als erste im Reigen präsentiert Fatma Aydemir im Gespräch mit Moderator Alf Mentzer ihr im Carl Hanser Verlag erschienenes Werk „Dschinns“. Eher rein zufällig habe sie einen Familienroman geschrieben, denn Ziel sei es gewesen, wie sie sagt, mehr über die erste Generation der türkischen Arbeitsmigranten zu erfahren. Die Hauptfigur Hüseyin, angelehnt an ihren Vater, hat dreißig Jahre in Deutschland gearbeitet, Doppelschichten geschoben, vier Kinder ernährt und trotzdem immer etwas Geld beiseitegelegt, um sich im 59. Lebensjahr endlich seinen Traum von einer Eigentumswohnung in Istanbul erfüllen zu können. Er hat aber nicht lange davon, denn nicht mal 12 Tage später erleidet er, angekommen in seiner Sehnsuchtswohnung, einen tödlichen Herzinfarkt. Jetzt, im Moment der Trauer und des Verlustes, beginnt der eigentliche Roman: Zur Beerdigung reisen Ehefrau und ihre vier Kinder auf unterschiedlichen Wegen nach Istanbul. Aus deren Perspektiven, sich eigentlich recht fremd gebliebener Personen, entfaltet Fatma Aydemir nach und nach diese spannungsreiche Geschichte .

Fatma Aydemir © Foto: Diether von Goddenthow
Fatma Aydemir © Foto: Diether von Goddenthow

„Für mich hat dieser Zusammenhalt dieser Personen überhaupt nichts heimeliges, im Gegenteil, es ist eher unheimlich, es gibt so eine unheimliche Spannung bei dieser Familie. Woher kommt diese Spannung?“, fragt Alf Mentzer. „Ich glaube“, so Fatma Aydemir , „das kommt aus dem Konzept Familie, das ist universell“ Und je tiefer sie in diese Thematik einstieg, umso mehr verstärkte sich dieses Gefühl: „Ja eigentlich ist das ganz absurd, davon auszugehen, dass dieses Gruppe von Menschen, in die man hineingeboren wird, irgendwie per sé das Beste ist, was einem passiert ist, und dass man sich da wiederfinden muss“, so die Autorin, die auch für neue Formen des Zusammenlebens plädiert. Denn für viele Menschen sei Familie kein besserer Ort, kein Ort, an dem es heimelig sei, eher unheimlich, und im Buch sei es für jede Figur  ein bisschen anders. Sie habe versucht, die Familie im Prozess des Auseinanderbrechens zu zeigen.

Das „Unheimliche“ stecke ja auch schon im Titel des Romans „Dschinns“, so Mentzer. „Dschinns“ wären in der islamischen Vorstellung unsichtbare Geister, die die Welt bevölkerten, deren Namen man wahrscheinlich auch gar nicht laut aussprechen dürfte. „Auch meine Kindheit war von der Angst vor Dschinns geprägt“, so Aydemir. Dinge, die uns Angst machten, seien ja meistens genau deswegen so angsteinflößend, weil sie so vage und nicht greifbar seien, so wie bei Dschinns. Ihre Geschichte und die Idee von Familie passten dazu, „da ‚es‘ eben im Raume ist, wir davon wissen, ‚es‘ uns Angst macht, und dass wir ‚es‘ deswegen nicht mehr aussprechen.“ Familienzusammenkünfte wie Treffen auf Beerdigungen seien schon davon geprägt, „dass wir Menschen auf Grundlage eines Kompromisses zusammenkommen, nämlich, dass sie nicht alles auspacken, sehr zurückhaltend seien und nicht alles dem Gegenüber zumuten, weil es sonst einfach eskalieren und auseinanderbrechen würde“, erläutert Aydemir, die dem Schweigen in bestimmten Situationen  als sozialen Kitt auch eine positive Seite zubilligt.  Aber „in dieser Familie“, lässt Aydemir ihren Bruder Harkan im Roman sagen, „kämpft man mit dem Schweigen als Waffe“, wirft Mentzer ein. Einen Grund hierfür, so Aydemir, sei auch in der kurdischen Herkunft der Familie begründet, in der zum Schutz der Kinder mehr als üblich geschwiegen wurde,  und man ihnen nicht mal mehr die kurdische Sprache beigebracht wurde. Es sei ein Schweigen innerhalb dieser Familie, und ein Schweigen, was in der türkischen Geschichtsschreibung und Gesellschaft existiere.

Kommentar der Jury:
„Dschinns“ vereint Fragen nach Identität, Geschlecht und Herkunft ebenso wie die Themen Rassismus und Diskriminierung, während gleichzeitig ein Teil jüngerer deutscher Geschichte behandelt wird, der bisher kaum in der Literatur zu finden ist.

Biographie:

Fatma Aydemir © Foto: Diether von Goddenthow
Fatma Aydemir © Foto: Diether von Goddenthow

Fatma Aydemir wurde 1986 in Karlsruhe geboren. Sie lebt in Berlin und ist Kolumnistin und Redakteurin bei der taz. Bei Hanser erschien 2017 ihr Debütroman Ellbogen, für den sie den Klaus-Michael-Kühne-Preis und den Franz-Hessel-Preis erhielt. 2019 war sie gemeinsam mit Hengameh Yaghoobifarah Herausgeberin der Anthologie Eure Heimat ist unser Albtraum. Ihr zweiter Roman Dschinns (Hanser, 2022) wurde mit dem Robert-Gernhardt-Preis ausgezeichnet.

 

Jan Faktor „Trottel“, Moderation: Sandra Kegel

Sandra Kegel-im Talk mit Jan Faktor  © Foto: Diether von Goddenthow
Sandra Kegel-im Talk mit Jan Faktor © Foto: Diether von Goddenthow

„Die stille Frage meiner Jugend lautete, ob ein Trottel im Leben glücklich werden kann. Und im Grunde war es keine Frage“, beginnt Jan Faktor sein  bei Kiepenheuer & Witsch erschienenes Buch „Trottel“. Diese Frage, so  Faktor,  habe ihn schon ein Leben lang beschäftigt. Als er diese Frage, notiert auf einem Zettel, den er Jahrelang in der Hosentasche hatte, vor zwei Jahren hervorholte, habe sich daraus intuitiv ein Buch mit  über 400 Seiten entwickelt. Der Roman besteht aus vielen Geschichten, die   „an einem Stück“ hintereinander aus ihm wie aus einer „Magma-Blase“  herausgeplatzt wären, gleich ganz zu Beginn die, vom  Selbstmord seines Sohnes vor 10 Jahren, der auch so ein Trottel gewesen sei wie er selbst, über den er eigentlich gar nicht schreiben wollte, was aber auf einmal unvermeidbar war.

Jan Faktor  © Foto: Diether von Goddenthow
Jan Faktor © Foto: Diether von Goddenthow

Ob es denn einen Unterschied zwischen „Schelm“ und „Trottel“ gäbe, will Moderatorin Sandra Kegel wissen: „Einen gewaltigen“, so Faktor: Der Trottel sei nicht schlau, sondern dumm, er gäbe Dinge von sich preis, ohne zu spüren, dass er sich damit lächerlich mache, ganz anders wie ein Schelm, der sei schlau und berechnend. Der Trottel sei ehrlich, aber seiner Welt ausgeliefert. Auch er sei ein Trottel, deswegen der Titel.

Ihren Anfang nimmt die Geschichte des Trottels, eine Erinnerung an ein Leben, in dem immer alles anders kam, als gedacht, dabei in Prag, nach dem sowjetischen Einmarsch. Auf den Rat einer Tante hin studiert der Jungtrottel Informatik, hält aber nicht lange durch. Dafür macht er erste groteske Erfahrungen mit der Liebe, langweilt sich in einem Büro für Lügenstatistiken und fährt schließlich Armeebrötchen aus. Nach einer denkwürdigen Begegnung mit der »Teutonenhorde«, zu der auch seine spätere Frau gehört, »emigriert« er nach Ostberlin, taucht ein in die schräge, politische Undergroundszene vom Prenzlauer Berg, gründet eine Familie, stattet seine besetzte Wohnung gegen alle Regeln der Kunst mit einer Badewanne aus, wundert sich über die »ideologisch morphinisierte« DDR, die Wende und entdeckt schließlich seine Leidenschaft für Rammstein.

Kommentar der Jury:
Jan Faktors Roman „Trottel“ verbindet Zeitgeschichte und Lebensgeschichte auf sehr besondere Weise: Er beschreibt den Weg eines Außenseiters von Prag nach Berlin, vom Arbeitnehmer im realexistierenden Sozialismus zu einem Schriftsteller, der literarische Trauerarbeit leistet. Im Kern des Romans steht der Verlust eines Sohnes. Faktor gelingt das große Kunststück, mit einer Geschichte über Trauer Witz zu erzeugen. Er zielt auf die DDR ebenso wie auf die bundesdeutsche Gegenwart, auf den Literaturbetrieb und nicht zuletzt auf das eingestandene „Trotteltum“ seines Erzählers. Dabei entsteht ein provokanter, bisweilen verstörender Schelmenroman über die Frage, „ob ein Trottel im Leben glücklich werden kann“. Es ist ein Buch, das auch gnadenlose, aber sehr hilfreiche Kritik an unserer Gesellschaft übt.

Biografie:

Jan Faktor  © Foto: Diether von Goddenthow
Jan Faktor © Foto: Diether von Goddenthow

Jan Faktor, 1951 in Prag geboren, übersiedelte 1978 nach Ostberlin. Arbeit als Kindergärtner und Schlosser. Entdeckt in den 1980er-Jahren das „Rückläufige Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache“ für die experimentelle Dichtung. Bis 1989 fast ausschließlich in der inoffiziellen Literaturszene engagiert. 1989/90 Mitbegründer der Zeitung des Neuen Forums.

 

Kim de l’Horizon „Blutbuch“, Moderation: Christoph Schröder

Christoph Schroeder im Talk mit Kim de l’Horizon- © Foto: Diether von Goddenthow
Christoph Schroeder im Talk mit Kim de l’Horizon- © Foto: Diether von Goddenthow

Die Erzählperson in „Blutbuch“, erschienen bei DuMont Buchverlag, indentifiziert sich als nonbinär, also weder als Mann noch als Frau, so wie die Autor*In Kim de l’Horizon selbst. Mehr noch: Sie sei, erzählt Kim de l’Horizon, auch als „Hexer*In“ unterwegs und mache auch Rituale und habe hier einen Kristall mitgebracht, „um mir ein bisschen Kraft zu geben.“ Im Zusammenhang mit dieser Publikation „seien wahnsinnig viele Dinge auf mich zugekommen, Energien und Geschichten werden an mich herangetragen, liebevolle, aber auch hasserfüllte, und dieser Kristall hilft mir zu klären, was gehört zu mir, und was gehört zu anderen Menschen.“

Kim de l’Horizon- © Foto: Diether von Goddenthow
Kim de l’Horizon- © Foto: Diether von Goddenthow

Blutbuch ist in der grundsätzlichen Form eigentlich ein langer Brief, den die Ich-Erzählperson an ihre/seine die Familie dominierende Großmutter schreibt, als diese an Demenz erkrankt und Erzähler-Ich beginnt, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Wieso vermag sich die Großmutter kaum von ihrer früh verstorbenen Schwester abzugrenzen? Und was geschah mit der Großtante, die als junge Frau verschwand? Die Erzählfigur stemmt sich gegen die Schweigekultur der Mütter und forscht nach der nicht tradierten weiblichen Blutslinie. „Gleichzeitig ist es für mich auch eben nichts Lineares, sondern ich habe versucht, mit diesem Roman einen Hexenkessel zu bauen, in dem alles Platz hat, was irgendwie so an einen herangetragen wird, wenn man irgendwie ein Körper ist auf dieser Welt. Und deshalb ist es nicht binär. Es hat Zirkelbewegungen für mich drin, und es fängt auch nicht an einem Anfang an, sondern wie für mich, so mitten im Satz, und das war das Ziel eigentlich, dass, wenn Menschen das lesen, sie so gerade reingezogen werden in diese Hexensuppe“, so die Autor*In.

Kommentar der Jury:
Die Blutbuche im Garten ist Ursprung und Fluchtpunkt im Leben von Kim, der non-binären Hauptfigur dieses Romans. Gepflanzt wurde sie zur Geburt der Großmutter – der Großmeer, wie sie im Berndeutschen genannt wird. Im Meer dieser Überfigur droht das Kind Kim zu versinken, gleichzeitig ist sie aber von einer magischen Faszination. Als die Großmeer ihr Wissen und ihre Dominanz an die Demenz verliert, beginnt Kim eine eigene Sprache zu bilden: für Identität und Körperlichkeit, für Herkunft und Prägung. Da es in diesem Gemenge keinen geraden Weg gibt, kann die Form des Romans nicht linear sein. Sie ist experimentell und gewagt, in einem Moment jäh derb und obszön, im nächsten wieder zart und intensiv. Sie nutzt überraschende Ebenen und Sichtweisen. Ein Roman, der berührt und bewegt.

Biografie:

Kim de l’Horizon- © Foto: Diether von Goddenthow
Kim de l’Horizon- © Foto: Diether von Goddenthow

Kim de l’Horizon, 1992 bei Bern geboren, studierte Germanistik, Film- und Theaterwissenschaften in Zürich sowie Literarisches Schreiben in Biel. Zurzeit Masterstudiengang Transdisziplinarität an der ZHdK. They ist Mitglied des Kollektivs e0b0ff und der Redaktion des Literaturmagazins delirium, außerdem Gewinner*in des Treibhaus- und OpenNet-Wettbewerbs der Solothurner Literaturtage für Prosa, des Textstreich-Wettbewerbs für Lyrik, des Dramatiker*innenförderpreises Dramenprozessor 2020 und eines Kurzfilmwettbewerbs der HAZ. Publikationen in verschiedenen Literaturmagazinen.

 

Daniela Dröscher „Lügen über meine Mutter“, Moderation: Sandra Kegel

Sandra Kegel- im Talk mit Daniela Droescher © Foto: Diether von Goddenthow
Sandra Kegel- im Talk mit Daniela Droescher © Foto: Diether von Goddenthow

Als vierte der Nominierten betritt Daniela Dröscher mit ihrem bei Kiepenheuer & Witsch erschienenen Roman „Lügen über meine Mutter“, die Bühne. Auch das sei ein Roman, der, so Moderatorin Sandra Kegel, aus einer autobiographischen Wunde heraus geschrieben sei. Die Autorin wuchs wie ihr Alter Ego, die kindliche Protagonistin Ela, in der örtlichen Welt des Hunsrücks auf. Vordergründig geht es um  das übermäßige Körpergewicht ihrer Mutter. Ist diese schöne, eigenwillige, unberechenbare Frau zu dick? Muss sie dringend abnehmen? Ja, das muss sie, entscheidet ihr Ehemann. Und die Mutter ist dem ausgesetzt, Tag für Tag, wobei sie sich selbst nicht als zu dick empfindet, ihre größte Lebenslüge, gleich zu Romanbeginn.
Eigentlich hatte die Mutter, Tochter schlesischer Flüchtlinge, mehr vom Leben gewollt, doch der karrierebewusste Ehemann, dessen Vorankommen sie aber ständig  selbst befeuert, kontrolliert mittlerweile alles: die Haushaltsfinanzen, den tagtäglichen Streit, ihr Übergewicht, für das sich selbst das eigene Kind schon schämt. Die Fassade der kleinbürgerlichen Aufsteigerfamilie zerbröckelt endgültig, als die Mutter in einem skurrilen Akt der Notwehr ihr unverhofftes größeres Erbe, von dem sie jedoch völlig überfordert ist und es auch nicht nutzt, um sich vom Mann zu befreien, verschleudert.

Hintergründig geht es in Dröschers Roman um die destruktiven Auswirkungen eines unbedingten Aufstiegswillen einer kleinbürgerlichen Familie. Es geht um ewiges Vergleichen mit anderen, um Konkurrenz und um das Patriarchat in den 80er Jahren einer westdeutschen Landschaft. Als Daniela Dröscher 1977 geboren wurde, wurde erst in Deutschland Frauen das Recht zugestanden, ohne Zustimmung des Ehemannes erwerbstätig sein zu können.

 Daniela Droescher © Foto: Diether von Goddenthow
Daniela Droescher © Foto: Diether von Goddenthow

Vor diesem Hintergrund erzählt die Autorin auf zwei Ebenen: aus kindlicher Perspektive einer Zehnjährigen und, strukturierend, aus der einer Erwachsenen. Erzählt wird  vom Aufwachsen in dieser dysfunktionalen Familie im Hunsrück der 1980er Jahre, die immer stärker beherrscht wird von der fixen Idee des Vaters, das Übergewicht seiner Frau wäre verantwortlich für alles, was ihm versagt bleibt: die Beförderung, der soziale Aufstieg, die Anerkennung in der Dorfgemeinschaft. Es ist diese zum  Tunnelblick verkommene fixe Idee von Prestige- und  Wohlstandsmehrung, der die Seelen abgestumpft hat: Da lässt niemand dem anderen  auch nur irgendwie einen Zentimeter. Es gibt nur Konkurrenz. Erbarmungslos sind alle gefangen in dieser unheilvollen Struktur des Aufstiegs. „Es geht darum: ‚Was hat der Nachbar?‘, ‚Wer hat überhaupt?‘, ‚Wessen Wohlstand ist eigentlich legitim?‘, und ‚Weswegen sind die, die zugezogen sind, wohlhabender, als wir?‘. Es gibt den gesellschaftlichen Druck, unter dem auch der Vater steht, oder er steckt in diesem Aufstiegsmärchen fest und ich meine, dieses System, das Wirtschaftssystem ist ja kein Geheimnis, das produziert halt Ellbogen und Konkurrenz. Davon zehrt es ja. Es ist das Lebenselixier“, so die Autorin.

Kommentar der Jury:
Daniela Dröscher erzählt ihre von essayistischen Einschüben unterbrochene literarische Mikrosoziologie aus der Kinderperspektive. Beendet ist die Geschichte vom nicht mehr wunschlosen Unglück der Mutter erst, wenn ein neues Spiel beginnt – das der eigenen Familie.

Biografie:

 Daniela Droescher © Foto: Diether von Goddenthow
Daniela Droescher © Foto: Diether von Goddenthow

Daniela Dröscher, 1977 geboren, aufgewachsen in Rheinland-Pfalz, lebt in Berlin. Sie schreibt Prosa, Essays und Theatertexte. Studium der Germanistik, Philosophie und Anglistik in Trier und London, Promotion im Fach Medienwissenschaft an der Universität Potsdam. Ihr Romandebüt „Die Lichter des George Psalmanazar“ erschien 2009 im Berlin Verlag, es folgten der Erzählband „Gloria“ und der Roman „Pola“ sowie das Memoir „Zeige deine Klasse“ bei Hoffmann & Campe. Sie wurde unter anderem mit dem Anna-Seghers-Preis ausgezeichnet.

 

Kristine Bilkau „Nebenan“, Moderation: Alf Mentzer

Alf Mentzer im Talk mit Kristine Bilkau © Foto: Diether von Goddenthow
Alf Mentzer im Talk mit Kristine Bilkau © Foto: Diether von Goddenthow

Als Vorletzte der Shortlist-Matinee präsentiert Kristine Bilkau im Talk mit Alf Mentzer ihr bei Luchterhand erschienenes Werk „Nebenan“. Die Geschichte spielt in einem kleinen Ort am Nord- Ostsee-Kanal, zwischen Natur, Kreisstadt (Rendsburg) und Industrie, kurz nach dem Jahreswechsel. Mitten aus dem Alltag heraus verschwindet eine Familie spurlos. Das verlassene Haus wird zum gedanklichen Zentrum der Nachbarn: Julia, Ende dreißig, die sich vergeblich ein Kind wünscht, die mit ihrem Freund erst vor Kurzem aus der Großstadt hergezogen ist und einen kleinen Keramikladen mit Online-Shop betreibt. Astrid, Anfang sechzig, die seit Jahrzehnten eine Praxis in der nahen Kreisstadt führt und sich um die alt gewordene Tante sorgt.

Kristine Bilkau © Foto: Diether von Goddenthow
Kristine Bilkau © Foto: Diether von Goddenthow

Und dann ist da das mysteriöse Kind, das im Garten der verschwundenen Familie auftaucht. Sie alle kreisen wie Fremde umeinander, scheinbar unbemerkt von den Nächsten, sie wollen Verbundenheit und ziehen sich doch ins Private zurück. Und sie alle haben Geheimnisse, Sehnsüchte und Ängste. Ihre Wege kreuzen sich, ihre Geschichten verbinden sich miteinander, denn sie suchen, wonach wir alle uns sehnen: Geborgenheit, Zugehörigkeit und Vertrautheit. „Wir haben alle Sehnsüchte, ich finde es hochinteressant“, so die Autorin, „sich mit Sehnsüchten zu beschäftigen, weil sie auch eben so brisant sein können:“ Sehnsüchte können kommerziell ausgebeutet werden, wie zum Beispiel in der Werbung, aber auch politisch, „und da kann es richtig problematisch werden, finde ich, wenn Sehnsucht nach häuslichem Glück, nach einen einfachen Leben, einer vermeintlich besseren Vergangenheit, die es mal gegeben hat“, Menschen so beherrschten, dass sie von ihrem eigentlichen Leben abkommen.

Kommentar der Jury:
Die Keramikkünstlerin Julia führt eine liebevolle Partnerschaft, leidet aber unter ihrem unerfüllten Kinderwunsch. Astrid, Mutter von drei erwachsenen Söhnen, will sich langsam aus dem Berufsleben als Ärztin zurückziehen. Meisterhaft zeigt Kristine Bilkau anhand der Schicksale zweier Frauen in der norddeutschen Provinz, welche Abgründe in einem scheinbar alltäglichen Leben lauern. Die Stärke dieses subtil erzählten Romans liegt in den Details und den kleinen Kippmomenten – zwischen Fruchtbarkeitskliniken und verschwundenen Müttern, traumvergessenen Landschaften und illegalen Müllkippen. Nicht nur den Figuren, auch den Lesenden wird immer wieder der scheinbar sichere Grund unter den Füßen weggezogen. Doch dass Leben ohne Vertrauen nicht gelingen kann, auch davon erzählt „Nebenan“.

Biografie:

Kristine Bilkau © Foto: Diether von Goddenthow
Kristine Bilkau © Foto: Diether von Goddenthow

Kristine Bilkau, 1974 geboren, studierte Geschichte und Amerikanistik in Hamburg und New Orleans. Ihr erster Roman „Die Glücklichen“ wurde mit dem Franz-Tumler-Preis, dem Klaus-Michael-Kühne- Preis und dem Hamburger Förderpreis für Literatur ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt. Vor „Nebenan“ erschien „Eine Liebe, in Gedanken“ im Luchterhand Literaturverlag. Kristine Bilkau lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

 

Eckhart Nickel „Spitzweg“, Moderation: Christoph Schröder

Christoph Schroeder im Talk mit Eckhart Nickel. © Foto: Diether von Goddenthow
Christoph Schroeder im Talk mit Eckhart Nickel. © Foto: Diether von Goddenthow

Als letzter in der Runde stellt Moderator Christoph Schröder den   Autor Eckhart Nickel mit seinem im Piper Verlag erschienen Roman „Spitzweg“ vor. Man könne sich fragen, so Schröder, ob das ein Roman sei, der die Kunst feiere, in dem junge Menschen in der Kunst aufgingen oder erst sie selbst würden, indem sie sich eine Kunstwelt schüfen. Es geht um drei junge Menschen kurz vor dem Abitur, um ein Selbstporträt, das von einer Lehrerin geschmäht wird, um Bilder, wie man sie anschaut, und immer wieder um den Gegensatz von Künstlichkeit und Natur. Das sei etwas, was Eckhard Nickel schon in seinen vorangegangenen Roman „Hysteria“ rumgetrieben habe. „Man kann sich in diesem Buch wunderbar verlieren“, schwärmt der Moderator. Bereits den Einband ziere ein Bild von Karl Spitzweg: „Der Hagestolz“. Auf diesen werde im Roman ein Loblied gesungen:  „Was hat der Hagestolz mit diesem Roman zu tun? Wer singt dieses Loblied? Wie kommt der Hagestolz in das Buch?“, fragt Schröder.

Eckhart Nickel  © Foto: Diether von Goddenthow
Eckhart Nickel © Foto: Diether von Goddenthow

Der Bildausschnitt wäre bewusst so ausgewählt, „weil darauf eigentlich nur noch drei Figuren zu sehen sind, und damit auch schon sozusagen die Vielbezüglichkeit dieses Gemäldes eigentlich ganz gut repräsentiert wird“, erklärt Eckhart Nickel. Denn beim Hagestolz ginge es eigentlich um eine Familientragödie als Figur. „Der Solitär des Hagestolz, das ist der zweitgeborene Sohn, der dann leider nicht den Hof erbt, sondern für den zwar noch genügend übrig bleibt, dass er sich ganz ordentlich anziehen kann, wie man auf dem Bild sieht, der sich auch ein Zeitungs-Abonnement leisten kann. Aber für alles andere reicht es nicht mehr, und wie jedes Gemälde in diesem Roman, ist auch dieses nicht nur ein Bild, sondern auch ein Bilderrätsel, ein Imaginationsraum, in den sich Figuren hineinversetzen“, so der Autor, der sich einstmals eigentlich nie viel aus Kunst gemacht hatte, bis ihn  Carl, ein bewunderter Freund mit seiner Spitzweg-Begeisterung angesteckt habe. In der Mitte des Geschehens: eine Dreiecksbeziehung, ein hochbegabtes Mädchen und der verräterische Diebstahl eines Gemäldes. Durch raffinierte Rachepläne wird die Schülerfreundschaft auf ihre schwerste Probe gestellt.

Kommentar der Jury:
Eckhart Nickel gelingt mit seinem Roman „Spitzweg“ Großes: was als Schülergeschichte beginnt, wandelt sich zu einer meisterhaften Reflexion über die Beziehung von Kunst und Leben. Sehr bewusst setzt er sich mit ästhetischen Fragen auseinander, und indem er die Leser*innen zu Schüler*innen macht, werden auch komplexe Diskurse verständlich. Sprachlich souverän und voller Ironie spielt „Spitzweg“ mit einer übertriebenen Gelehrsamkeit, mit verschachtelten Satzkonstruktionen und einem antiquiert anmutenden Vokabular. Dabei ist der Roman aller philosophischen Tiefe zum Trotz äußerst temporeich, in manchen Passagen gar komödiantisch. Ein großes intelligentes Lesevergnügen, das uns veranschaulicht, wie auch über Kultur diskutiert werden kann.

Biografie:

Eckhart Nickel  © Foto: Diether von Goddenthow
Eckhart Nickel © Foto: Diether von Goddenthow

Eckhart Nickel, geboren 1966 in Frankfurt am Main, studierte Kunstgeschichte und Literatur in Heidelberg und New York. Er gehörte zum popliterarischen Quintett „Tristesse Royale“ (1999) und debütierte 2000 mit dem Erzählband „Was ich davon halte“. Nickel leitete mit Christian Kracht die Literaturzeitschrift „Der Freund“ in Kathmandu. Heute schreibt er vorwiegend für die FAS, die FAZ und ihr Magazin. 2019 erhielt er den Friedrich-Hölderlin-Förderpreis der Stadt Bad Homburg.

(Diether von Goddenthow /Rhein-Main.Eurokunst)

Weitere Informationen zum Deutschen Buchpreis.

Deutscher Buchpreis 2022: Die Preisverleihung live erleben

Literaturbegeisterte können online dabei sein, wenn der Roman des Jahres gekürt wird: Die Verleihung des Deutschen Buchpreises wird am 17. Oktober 2022 um 18 Uhr auf www.deutscher-buchpreis.de live aus dem Frankfurter Römer übertragen.
Gleichzeitig senden Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kultur die Veranstaltung live über den Sonderkanal „Dokumente und Debatten“ im Digitalradio und als Stream auf https://www.deutschlandradio.de/dokumente-und-debatten-102.html.

Der Stream der Preisverleihung ist auch über die Webseite der Frankfurter Buchmesse www.buchmesse.de erreichbar.

Der Deutsche Buchpreis begleitet die Veranstaltung außerdem auf Twitter: www.twitter.com/buchpreis, Hashtag: #dbp22.

Mit dem Deutschen Buchpreis zeichnet die Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels den deutschsprachigen Roman des Jahres aus. Hauptförderer des Deutschen Buchpreises ist die Deutsche Bank Stiftung, weitere Partner sind die Frankfurter Buchmesse und die Stadt Frankfurt am Main.

OPEN BOOKS, Literatur im Römer und OPEN BOOKS Kids – Das Lesefest der Stadt Frankfurt zur Buchmesse bei freiem Eintritt vom 19. bis 20.10.2022

logo-open-booksOPEN BOOKS: 18. bis 22. Oktober 2022, rund um den Römer
Literatur im Römer: 19. und 20. Oktober 2022, in der Römerhalle
OPEN BOOKS Kids: 22. und 23. Oktober 2022, in der Deutschen Nationalbibliothek

Rund 100 Veranstaltungen, über 150 Autor:innen, 9
Veranstaltungsorte

  • Eröffnung OPEN BOOKS mit dem Blauen Sofa in der Deutschen Nationalbibliothek
    Dienstag, 18. Oktober, 20 Uhr
  • OPEN BOOKS rund um den Römer
    Mittwoch bis Freitag, jeweils 16 bis 21 Uhr, Samstag, 16 bis 21 Uhr
  • OPEN BOOKS KIDS in der Deutschen Nationalbibliothek
    Samstag, 22. Oktober, 11.30 bis 18 Uhr, und Sonntag, 23. Oktober, 10 bis 18 Uhr
  • Literatur im Römer in der Römerhalle
    Mittwoch, 19. Oktober und Donnerstag, 20. Oktober, 20 bis 22 Uhr

OPEN BOOKS, das große Lesefest der Stadt Frankfurt zur Buchmesse, findet 2022 vom 18. bis 22. Oktober wie immer bei freiem Eintritt statt: 100 Veranstaltungen mit rund 150 Autor:innen aus Deutschland und der Welt sind geplant. Präsentiert werden Neuerscheinungen aus der deutschsprachigen und internationalen Belletristik, dem Sachbuch, dem Comic, der Lyrik und dem Kinderbuch. Lesen werden u.a. der Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels Serhij Zhadan, Lukas Bärfuss, Karen Duve, Lutz Rathenow, Andrea Wulf, Péter Nádas, Andrej Kurkow, Tanja Maljartschuk, Feridun Zaimoglu, Susanne Schröter, Harald Meller, Kai Michel, Meron Mendel, Ulrike Herrmann, Edgar Reitz, Joshua Groß, Alain Claude Sulzer, Helene Bukowski, Zaza Burchuladze, Jan Faktor, Jennifer Nansubuga Makumbi, Hanns-Josef Ortheil, Daniela Dröscher, Mohamed Amjahid, Theresia Enzensberger, John Burnside, Vera Tschechowa, Stefan Schulz, Omri Boehm, Carolin Amlinger, Oliver Nachtwey, Marlene Engelhorn, Reinhold Messner, Judith Holofernes, Nils Minkmar, Manja Präkels, Jürgen Kaube, Angela Steidele, Durs Grünbein sowie der/die frisch gekürte Buchpreisträger/in.

Dr. Ina Hartwig, Kultur- und Wissenschaftsdezernentin, stellt fest: „Ich bin froh und glücklich, dass das beim Publikum so beliebte Lesefest zur Buchmesse in diesem Jahr wieder ganz offen und ohne Beschränkungen durchgeführt werden kann. Der freie Eintritt und spontane Besuche gehören zum Markenkern von OPEN BOOKS genauso wie die Konzentration der Lesungen rund um den Römer. Die Stadt Frankfurt unterstützt so die Frankfurter Buchmesse und arrondiert deren breitgefächertes Angebot an Veranstaltungen auf dem Messegelände und in der Stadt.

Dr. Sonja Vandenrath, die das städtische Lesefest OPEN BOOKS verantwortet, ergänzt: „OPEN BOOKS 2022 bietet ein vielfältiges Programm, mit dem wir ganz gezielt ein breites Publikum ansprechen. Wie in einer gut sortierten Buchhandlung wollen wir das Interesse an den Neuerscheinungen des Herbstes wecken.“

Neben einem Schwerpunkt zum diesjährigen Gastland der Frankfurter Buchmesse – Spanien – liegt ein Fokus im internationalen Programm auf Autor:innen aus der Ukraine, u.a. mit Oksana Sabuschko, Juri Andruchowytsch und Tanja Maljartschuk. Zudem ist der Schweizer Buchpreis mit den nominierten Autor:innen der Shortlist vertreten.

Bis auf die Eröffnungsveranstaltung, die gemeinsam mit dem Blauen Sofa in der Deutschen Nationalbibliothek durchgeführt wird, und dem Lyrikabend „Teil der Bewegung“ (Abendkasse) gilt bei allen Lesungen freier Einlass.

OPEN BOOKS Kids findet statt am Buchmesse-Wochenende (22./23.10.2022) in der DNB. Es lesen Margit Auer, Anna Benning, Tom Gauld mit Jörg Mühle, Ilona Koglin und Marek Rohde, Hans und Ole Könnecke, Ute Krause, Anke Kuhl, Volker Mehnert, Kirsten Reinhardt und Stephanie Schneider.

Literatur im Römer findet am Buchmessen-Mittwoch und -Donnerstag in den Römerhallen statt. Jeweils acht Autorinnen und Autoren stellen ihre neuen Romane vor: Daniela Dröscher, Theresia Enzensberger, Amelie Fried, Norbert Gstrein, Martin Kordić, Shelly Kupferberg, Andrej Kurkow, Robert Menasse, Martin Mosebach, Christoph Peters, Melanie Raabe, Sascha Reh, Bettina Scheiflinger, Norbert Scheuer, Alexandra Stahl und Julia Wolf.

OPEN BOOKS ist eine Kooperation des Kulturamts Frankfurt am Main mit deutschsprachigen Verlagen und den Veranstaltungsorten. Medienpartner sind hr2-kultur und Journal Frankfurt.

Detailliertes Programm Open Books