Kategorie-Archiv: Stadtschreiber Mainz

Die neue Mainzer „Stadtschreiber-Hofnärrin“ ins Amt eingeführt – Wider digitaler Herrscherlein und moralischen Maulkörben von rechts bis links

Eva Menasse ist am Donnerstag, 7. März 2019, als neue Mainzer Stadtschreiberin feierlich in ihr Amt eingeführt worden. V.l. Oberbürgermeister Michael Ebling, Schriftstellerin Eva Menasse und Kulturdezernentin und Jurorin Marianne Grosse, die  die Festgäste der Feierstunde begrüßte.© Foto: Diether v. Goddenthow
Eva Menasse ist am Donnerstag, 7. März 2019, als neue Mainzer Stadtschreiberin feierlich in ihr Amt eingeführt worden. V.l. Oberbürgermeister Michael Ebling, Schriftstellerin Eva Menasse und Kulturdezernentin und Jurorin Marianne Grosse, die die Festgäste der Feierstunde begrüßte.© Foto: Diether v. Goddenthow

Am Tag nach Aschermittwoch, 7. März 2019, wurde Eva Menasse als neue Mainzer Stadtschreiberin feierlich in ihr Amt eingeführt. Die österreichische Schriftstellerin, 1970 in Wien geboren und wohnhaft in Berlin, ist die 35. Trägerin des von ZDF, 3sat und der Stadt Mainz vergebenen Literaturpreises.

Eva Menasse, die große Menschenerzählerin, die mit feiner Empathie und scharfsinnigem Humor über fragile Beziehungen schreibe, sei ein Glücksfall für das Amt der Mainzer Stadtschreiberin 2019, urteilte die Jury (siehe unten). Denn sie mische sich zugleich öffentlich ein, streite wirkungsvoll für Grundrechte im digitalen Zeitalter und wende sich engagiert gegen Diskriminierung und rechte Hetze. Mit ihrem ersten Roman, dem österreichisch-jüdischen Familienepos „Vienna“ (2005), gelang Eva Menasse ein fulminantes Debüt. Der jüngste Erzählband „Tiere für Fortgeschrittene“ (2017) handelt von Lebenslügen und Lebensillusionen des aufgeklärten Bürgertums.

Einführung I von Oberbürgermeister Michael Ebling

Oberbürgermeister Michael Ebling. © Foto: Diether v. Goddenthow
Oberbürgermeister Michael Ebling. © Foto: Diether v. Goddenthow

Michael Ebling, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Mainz, noch den abklingenden „Rosenmontagszug-Rhythmus“ im Blut, war sich sicher, dass Eva Menasse, wenngleich sie das närrische Treiben knapp verpasst habe, rasch feststellen werde, das Mainz „eine Stadt der guten Laune“ sei, eine Stadt, in welche die Meisterin des Aufspürens von Lebenslügen und Luftschlössern, gut hineinpasse, der „wir mit Sicherheit nichts vormachen können“. Die Mainzer könnten gespannt sein, wie Sie, die einmal ‚Verhaltensforscherin der Spezies Mensch‘ genannt wurde, ihr Amt als neue Mainzer Stadtschreiberin ausfüllen werde, so der Oberbürgermeister.

Humor und Hintersinn, Wiener Schmäh und jüdische Chuzpe und nicht zuletzt dieser wunderbar lässige, immer leicht ironische Erzählton quasi als „Milchschaumhäubchen“ oben drauf – das seien die Zutaten für Eva Menasses Schreiben: eine „Wiener Melange“, die es verstünde, das Süße zu betonen, ohne das Bittere zu verschweigen, so Ebling. „Uns Lesern und Leserinnen beschert das viele köstliche Momente bester Leseunterhaltung. Es beschert uns aber auch den ungeschönten, ja bisweilen harten Blick auf die Selbsttäuschungen der Protagonisten und in die Abgründe des menschlichen Seins“, lobte er Menasses Werk.

„Das Leben bei Eva Menasse ist – ich zitiere hier aus Ihrem 2013 erschienenen Roman ‚Quasikristalle‘ – gleichzeitig festgefahren und fragil, ein Fahrzeug, das in einer steilen Kurve hängen geblieben ist. Nun frage ich Sie, verehrtes Publikum: Wem von uns ist es nicht selbst schon so ergangen? Wer kennt dieses Gefühl des ‚Festgefahrenseins‘ im eigenen Leben nicht? Da ist es ein Trost, dass Eva Menasses sezierender Blick die Helden ihrer Geschichten zwar schonungs-, aber doch nie empathielos trifft. Ihr Schreiben ist immer ein ehrliches, ein lebenskluges Schreiben.“, unterstrich der Oberbürgermeister.

Mit Eva Menasse konnten die Landeshauptstadt Mainz, das ZDF und 3sat – eine Stadtschreiberin gewinnen, die, so Ebbling, „zu den herausragenden Schriftstellerinnen in Deutschland und Österreich gehört und bereits mit hochrangigen Preisen ausgezeichnet wurde: darunter 2017 mit dem Österreichischen Buchpreis für ‚Tiere für Fortgeschrittene‘ und gerade erst mit dem Ludwig-Börne-Preis für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Reportage, des Essays und der Kritik. Wir konnten eine Stadtschreiberin gewinnen, die ‚mit Witz und Intelligenz zeitgenössische Charaktere von großer Lebendigkeit erschafft. Ihre Figuren haben alle einen schwachen Punkt, an dem unsere Empathie andocken kann. Nie verfällt sie in die Versuchung, ihnen endgültige Zeugnisse auszustellen. Es ist eine Freude, am Leben zu sein, aber alle Gewissheiten sind im besten Fall anrührende Selbsttäuschungen.‘“, freute sich der Oberbürgermeister.

Einführung  II von ZDF-Programmdirektor Dr. Norbert Himmler,

ZDF-Programmdirektor Dr. Norbert Himmler. © Foto: Diether v. Goddenthow
ZDF-Programmdirektor Dr. Norbert Himmler. © Foto: Diether v. Goddenthow

Der ZDF-Programmdirektor Dr. Norbert Himmler hob zur Verleihung des Mainzer Stadtschreiber-Literaturpreises 2019 an Eva Menasse hervor, dass diese, statt den Niedergang des Lesens zu beklagen oder die Bedeutung der Literatur zu beschwören, eine leidenschaftliche Rede gegen „digitale Gespenster“, gegen die negativen Phänomene des Digitalen Zeitalters hielt. Eva Menasse führe, wie in Berlin 2018 auf Literaturfestival geschehen, so Himmler, dem Zuhörer „ungeschönt die destruktiven Aspekte der digitalen Revolution, die Auswüchse der sozialen Netzwerke vor Augen: die Radikalisierung extremer Meinungen, die Festigung eindimensionalen Denkens, schlicht den Verlust der Freiheit: Die Mitte, das Abgewogene sei wie Eva Menasse sagte, für den Diskurs verloren“.

In den defragmentierten und zugleich maximal radikalisierten Zeiten, in denen wir lebten, benötige die Gesellschaft Autorinnen und Autoren, „die sich öffentlich einmischen: für Bürgerrechte, für Selbstbestimmung auch und gerade im Digitalen. So wie Eva Menasse und ihre Kolleginnen und Kollegen. Die sich beispielsweise für eine Charta der Digitalen Grundrechte in der Europäischen Union engagierten. Die sagen, ich zitiere: „Ein Mensch unter Beobachtung ist niemals frei; und eine Gesellschaft unter ständiger Beobachtung ist keine Demokratie mehr‘“, so der ZDF-Programmdirektor, der mit großer Sorge auf die totalitär-digitalen Entwicklungen in China schaut, „wie ein Staat es schafft, Autoritär und auch mit einer zentralen Parteiführung als Stütze ausgestattet, Daten von Bürgern zu sammeln, um sie dann auch gegen die eigenen Bürger zu nutzen. Vermeintliches Wohlverhalten wird belohnt, vermeintliches Fehlverhalten wird auch bestraft in Reisefreiheit, Freizügigkeit.“ Er habe gerade die Zahl gelesen, dass 15 Millionen Reiseaktivitäten, Flugreisen wie Bahnreisen von der Chinesischen Zentralregierung untersagt wurden, weil Fehlverhalten von Menschen, was zentral festgehalten wurde, damit auch sanktioniert wurde. „Da braucht man keine Mauern mehr, wenn man Digitalisierung entsprechend so versteht“, warnt Himmler.
Es gäbe sie auch heute noch „die großen moralischen Stimmen, die Mahnenden. So wie Eva Menasse, wie Juli Zeh oder unsere ehemaligen Stadtschreiber Ilija Trojanow und Josef Haslinger, die jetzt in unserer Stadtschreiberjury sitzen. Denn – hier zitiere ich abermals Eva Menasse – ‚Was man für richtig hält, was man in Ruhe begründen kann, muss man sagen, egal, wer applaudiert, wer protestiert, egal, ob es einen Shitstorm gibt‘“, so Himmler, der mit den klassischen sieben Todsünden „Trägheit, Gefräßigkeit, Wollust, Zorn, Hochmut, Neid und Habgier“, auch trefflich die niedrigsten Eigenschaften im Internet beschrieben sähe.

Die sieben Todsünden haben „seit jeher Autorinnen und Autoren zu großer Literatur inspiriert, auch Eva Menasse hat sie in ihrem Band ‚Lässliche Todsünden‘ zum Thema gemacht.“ Es sei ein Titel. der paradox klinge, in dem Menschen zumeist Paare, vielfach Familien mit unguten Konstellationen, Fremdgänger, Verliebte und Betrogene, kleine oder größere Sünder seien, ohne dass Eva Menasse dies moralisch werte, so Himmler. Eine Zeit-Rezension von Michael Neumann anführend, liege vielleicht ein literarisches Erfolgsgeheimnis im „Glück der Lektüre über das Unglück anderer Leute.“ Zum Glück des Lesens gehöre, „dass Eva Menasse jedoch nie billige Schadenfreude aufkommen lässt. Sie erhebt sich nicht über ihre angeschlagenen Heldinnen und Helden. Daher kommen uns die Figuren wie Rument, Cajou, Fiona, Martine und der träge Fritz erstaunlich nahe, ganz getreu ihrer ersten Maxime: ‚Liebe jede einzelne deiner Figuren‘“. Mit Eleganz, Humor und Ironie nehme sie die Welt des Wiener Kulturmilieus bis in die kleinste Gefühlsregung auseinander und setze sie kunstvoll wieder zusammen, so der ZDF-Programmchef, der berichtete, dass Eva Menasse einmal auf die Frage, „wie sie schreibe“ geantwortet habe: „Mein größtes Problem ist, dass ich nicht aufhören kann. […] Wenn es gut läuft, ist es fast schlimmer, wie in dem Märchen mit dem süßen Brei. Man kann schon nicht mehr, will der quellenden Masse aber Herr werden, den Reichtum an sich raffen, bis zuletzt.“

Laudatio von FAZ Mitherausgeber Jürgen Kaube

FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube. © Foto: Diether v. Goddenthow
FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube. © Foto: Diether v. Goddenthow

Jürgen Kaube hatte bereits Eva Menasse hochgelobt, bevor sie vielfach, inklusive dem Börne-Preis Ende Mai, mit 10 großen Literatur-Preisen geehrt und bundesweit hierdurch bekannt und erfolgreich wurde. Kaube analysierte Eva Menasses erzählerisches Werk mit einem Hang „für krisenhafte Situationen, menschliche Schwächen, für das Vermischte“, praktische für alles:: parallelisierte Tiere, Gerichtsprozesse, Krankheiten, Urlaube, Kinder, Verbrechen, Piefkes und Österreicher, und beide im Unterschied zu Wienern.“ Eva Menasse Worte seien nicht nur „sprachlich ergonomische ‘Stich‘-‘Proben‘“. Die Autorin schwimme auch, so sein Eindruck, „gegen den Storm der Zeit. Sie will der Vergangenheit nah bleiben.“. Ihre Figuren feierten Feste in blauen Salons, historischen Gebäuden und ähnlichem. Aber, wie sie bereits in ihrem deutschen Debüt-Erfolg der Großfamilien-Chronik „Vienna“ dem Versuch der touristischen Verklärung des Zeitlichen und Räumlichen widerstanden habe, schmelze sie gerade nicht die Vergangenheit um, auch nicht, in dem sie Figuren aus der Vergangenheit (er-)schaffe. Vielmehr führe sie häufig Menschen an ihren Figuren vor, die „die Realität verwechseln, Klugheit mit Bildung, Bequemlichkeit mit Güte, Normalität mit Moral.“, so Kaube. „Oft haben sie gar kein Verhältnis zu der Tatsache, dass die Zeit vergeht, und der Tod kommt.“ Und lebten so dahin, hätten kein Verhältnis zu unwiederbringlichen Verlusten, oder, vorsichtiger ausgedrückt, seien ohne „Unterstützung dabei, ein solches Verhältnis zu entwickeln“.

v.l.n.r.: Jury-Vorsitzender Werner von Bergen, ZDF-Hauptredaktion.  Geschichte und Wissenschaft, ZDF-Programmdirektor Dr. Norbert Himmler, Preisträgerin und Schriftstellerin Eva Menasse; Oberbürgermeister Michael Ebling, Gutenberg Wolfgang Neumann. © Foto: Diether v. Goddenthow
v.l.n.r.: Jury-Vorsitzender Werner von Bergen, ZDF-Hauptredaktion. Geschichte und Wissenschaft, ZDF-Programmdirektor Dr. Norbert Himmler, Preisträgerin und Schriftstellerin Eva Menasse; Oberbürgermeister Michael Ebling, Gutenberg Wolfgang Neumann. © Foto: Diether v. Goddenthow

Danksagung der  Mainzer Stadtschreiberin 2019 Eva Menasse

In ihrer „eulenspiegelhaften“ Dankesrede, in der Eva Menasse in einem anfänglichen Exkurs auf den Wert und die Bedeutung eines „heutigen Stadtschreibers“ einging, drängte sich ihr synonym „ein anderes Wort“ auf, „nämlich: Hofnarr“. Daniel Kehlmann habe in seinem Roman Tyll gezeigt, was einen guten Hofnarren ausmache, dass er „ nämlich kein Spaßmacher oder Unterhalter ist, sondern ein Wahrsager im Wortsinn, Quälgeist und Provokateur, einer der seinem König alle Illusionsblasen so vor der Nase zersticht, dass ihm die Fetzen ins Gesicht fliegen. Ein Hofnarr ist für seinen Herrscher die fleischgewordene Herausforderung.“ Zwar sei nicht jeder Künstler ein geborener Störer oder Dissident, „aber durch unsere unabhängige und fragile Stellung in der Gesellschaft“ sei die sprichwörtliche Narrenfreiheit auch ein starker Auftrag und Antrieb. Diese Freiheit sei nicht jeden Tag gleich: „Sie kann so schnell verschwinden, wenn sich der jeweilige Fürst quer über die Kehle streicht“, was kein neues, sondern ein alltäglich begleitendes Phänomen geworden sei, nämlich in Form von vielen „kleinen Herrscherlein“, die „heute stattdessen mit der Mouse klicken“.
Zurzeit sei es wieder besonders spürbar: „Die Künstler sollen sich gefälligst benehmen. Für sie gelten dieselben Regeln wie für alle anderen auch. Das ist so ein Satz, der immer gut klingt, obwohl er aus der Kleinkindererziehung stammt. Da die Kunst ihrer Natur gemäß auf öffentlichem Terrain spielt, lässt sich die Gereiztheit einer Gesellschaft sehr gut an ihrer Neigung zum Kulturkampf ablesen.

Preisträgerin und Schriftstellerin Eva Menasse. © Foto: Diether v. Goddenthow
Preisträgerin und Schriftstellerin Eva Menasse. © Foto: Diether v. Goddenthow

Der Unterschied heute zu früher sei, dass „die Attacken heute von ganz rechts bis ganz links kommen, wobei es mir inzwischen widerstrebt, die Produzenten von Maulkörben überhaupt noch nach Lagern oder Richtungen zu unterscheiden.“ Aktivisten störten brachial Theateraufführungen und Podiumsdiskussionen, auf der Buchmesse werde sich geprügelt, wobei es für die schützenswerte Sache, nämlich die Kunst und Meinungsfreiheit aber keinen Unterschied mache, ob Rechte das Gorki Theater stürmten oder ob besorgte Bürger, die Angst vor einem Rechtsruck haben, Lesungen von Thilo Sarrazin oder Martin Walser zu verhindern suchten. „Alles schon mal vorgekommen“, so Eva Menasse.
Auch jenseits von Handgreiflichkeiten greife ein neuer Rigorismus um sich, „der verbal aggressiv und von hochwirksamen Diskreditierungen ist“. Sehr Vieles werde plötzlich als untragbar empfunden, wobei man über manches lachen könne, handele es sich um Einzelfälle. „Aber die Einzelfälle, die absurden Einzelfälle verdichten sich zum Zeitgeist.“, mahnt die neue Mainzer Stadtschreiberin vor einer bis zum maximal Absurden getriebenen Political correctness, in dessen Geist beispielsweise Tugendwächterinnen im US-Schlager „Baby, it´s cold outside“ den „Beginn einer Vergewaltigung“ witterten.
Kunst müsse frei sein und bleiben. Denn Künstler zu sein bedeute, ohne garantierten Auftraggeber oder Abnehmer und ohne viele Kompromisse „ein Leben lang nur die eigene Sturheit und Unvollkommenheit als Gegenüber zu haben“, an der man sich eben abarbeite. Für diese Freiheit verzichteten Künstler auf Vieles: „Auf Planbarkeit, Sicherheit, auf stabile Einkünfte. Wir verzichten gern darauf. Theoretisch verzichten wir überhaupt auf alles, auf Rang, Ehre und Machtinsignien, also auf alles, womit man in der Gesellschaft aufsteigen kann.“ Künstler verzichteten auf alles, „um im Gegenzug alles zu dürfen mit unserer Kunst. Denn nur diese entsetzliche, schwindelerregende und beglückende Freiheit macht möglich, dass ab und zu Sätze geschrieben, ab und zu Kunstwerke geschaffen werden, die bleiben.“, so Eva Menasse.

Und in diesem Sinne, möchte Eva Menasse den Mainzern „als ihre neue Stadtschreiber-Hofnärrin die Wahrheit sagen: Denn diese Wahrheit scheint mir gerade nötig. Sie verdienen gewiss unsere Dankbarkeit, aber weil es für Sie leichter ist, zu verdienen, dient das, was Sie uns geben, uns nur dazu, nicht käuflich zu werden. In diesem Sinne dürfen Sie von uns keine Dankbarkeit erwarten Wir werden Ihre Wünsche nicht erfüllen. Wir werden nicht tun, was Sie für richtig und für passend und für künstlerisch wertvoll halten. Wir werden Sie im Gegenteil oft ärgern, verstören, befremden. Wir machen das nicht absichtlich, das geschieht, wie von selbst. Mit Ihrem großzügigen Preis werde ich ein verrücktes, möglicherweise größenwahnsinniges Projekt weiterverfolgen, das ich mir vor einiger Zeit in den Kopf gesetzt habe, nichts anderes. Ich hätte das auch ohne ihren Preis getan, aber nun wird es leichter sein.“, dankte die neue Stadtschreiberin ein wenig schelmisch in der Hoffnung, dass dabei Geschichten entstehen, die „Ihnen irgendwann später einmal Freude machen, Sie unterhalten, Sie vielleicht sogar auf neue Gedanken bringen. „.

Diether v. Goddenthow/ Rhein-Main.Eurokunst

Eva Menasse, die am Freitagabend im Rathaus Mainz bei einer Lesung ihr Werk vorstellte, signierte bereits nach ihrer Amtseinführung. © Foto: Diether v. Goddenthow
Eva Menasse, die am Freitagabend im Rathaus Mainz bei einer Lesung ihr Werk vorstellte, signierte bereits nach ihrer Amtseinführung. © Foto: Diether v. Goddenthow

Die Mainzer Stadtschreiberin 2019: Eva Menasse
Biografie und Bibliografie

Eva Menasse wurde 1970 in Wien geboren. Nach dem Schulabschluss 1988 studierte Menasse Germanistik und Geschichte an der Universität Wien. Noch während ihres Studiums begann sie ihre journalistische Karriere, die sie vom Wiener Wochenmagazin Profil bis zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung führte. Mit ihrem ersten Roman, dem österreichisch-jüdischen Familienepos „Vienna“ (2005) gelang Eva Menasse ein fulminantes Debüt. Mit ihrem zweiten Roman „Lässliche Todsünden“ (2009), der sich aus locker miteinander verbundenen Erzählungen über das lasterhafte Leben der Wiener Intellektuellenszene zusammensetzt, konnte sie ihren Erfolg bei Publikum und Kritik fortsetzen. Preisgekrönt ist ihr Roman „Quasikristalle“ (2013), in dem Menasse das Lebensmosaik einer Frau aus verschiedensten Perspektiven schildert. Der jüngste Erzählband „Tiere für Fortgeschrittene“ (2017) handelt von Lebenslügen und Lebensillusionen des aufgeklärten Bürgertums.
Eva Menasse engagiert sich vielfach öffentlich, u.a. für die SPD oder gemeinsam mit Autorinnen und Autoren wie Juli Zeh und Ilija Trojanow für einen europäischen Datenschutz gegen die digitale Massenüberwachung unserer Gesellschaft.
Menasse, die seit 2003 in Berlin lebt, wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, unter anderem mit dem Corine-Preis (2005), dem Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln (2013), dem Stipendium der Villa Massimo in Rom (2015), dem Friedrich-Hölderlin-Preis (2017), dem Österreichischen Buchpreis (2017) und dem Ludwig Börne-Preis (2019).
Bibliografie-Auswahl

  • Vienna. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005
  • Lässliche Todsünden. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009
  • Quasikristalle. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013
  • Lieber aufgeklärt als abgeklärt. Essays. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015
  • Tiere für Fortgeschrittene. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017

Die Jury

Der Jury des Mainzer Stadtschreiber-Literaturpreises 2019 gehörten an:
Die Schriftstellerinnen und Schriftsteller:
Prof. Dr. Josef Haslinger
Katja Lange-Müller
Dr. Tilman Spengler
Ilija Trojanow
und als amtierende Stadtschreiberin Anna Katharina Hahn

Für die Landeshauptstadt Mainz:
Kulturdezernentin Marianne Grosse

Für das ZDF:
Programmdirektor Dr. Norbert Himmler
Leiterin der Hauptredaktion Kultur, Anne Reidt
Jury-Vorsitzender Werner von Bergen, Hauptredaktion Geschichte und Wissenschaft
Koordinatorin 3sat, Natalie Müller-Elmau
Literaturredakteur 3sat, Dr. Michael Schmitt

Die Mainzer Stadtschreiber und ihre TV-Dokumentationen

1985 Gabriele Wohmann (verstorben am 22. Juni 2015)
„Unterwegs“
(Sendung: 17. November 1985)
1986 H. C. Artmann (verstorben am 4. Dezember 2000)
„Den Horizont überschreiten“
(Sendung: 7. Dezember 1986)
1987 Ludwig Harig (verstorgen am 5. Mai 2018)
„Zu ergründen die eigene Heimkehr“
(Sendung: 6. Dezember 1987)
1988 Sarah Kirsch (verstorben am 5. Mai 2013)
„Briefe an eine Freundin“
(Sendung: 4. Dezember 1988)
1989 Horst Bienek (verstorben am 7. Dezember 1990)
„Die verrinnende Zeit“
(Sendung: 31. Dezember 1989)
1990 Günter Kunert
„Artus – ein König wird gesucht“
(Sendung: 9. Dezember 1990)
1991 Helga Schütz
„Hinterm Vorhang sieht man einen Schatten“
(Sendung: 26. April 1992)
1992 Katja Behrens
„Jerusalem – Berlin. Eine Begegnung“
Mit Asher Reich und Hans Joachim Schädlich
(Sendung: 7. März 1993)
1993 Dieter Kühn (verstorben am 25. Juli 2015)
„Eine Reise nach Surinam“
(Sendung: 19. Dezember 1993)
1994 Libuse Monîková (verstorben am 12. Januar 1998)
„Grönland-Tagebuch: Wer nicht liest, kennt die Welt nicht“
(Sendung: 13. Dezember 1994)
1995 Peter Härtling (verstorben am 10. Juli 2017)
„Schumann in Finnland“
(Sendung: 21. Dezember 1995)
1996 Peter Bichsel
„Wir hätten in Spiez umsteigen sollen“
(Sendung: 12. Dezember 1996)
1997 F.C. Delius
„Wie weit ist es von einem Mann zu einer Frau?
24 Stunden mit Tucholsky in Gripsholm“
(Sendung: 23. November 1997)
1998 Erich Loest (verstorben am 12. September 2013)
„Karl May reist zu den lieben Haddedihn“
(Sendung: 6. September 1998)
1999 Tilman Spengler
„Bitterer Balkan. Der Krieg ist eine Zerrüttung der Seelen“
(Sendung: 5. Dezember 1999)
2000 Hanns-Josef Ortheil
„Schauplätze meiner Fantasien – Rom, Venedig und Prag“
(Sendung: 22. Oktober 2000)
2001 Es wurde keine Dokumentation produziert.
2002 Katja Lange-Müller
„Mein erster Amerikaner. Der Maler Kedron Barrett“
(Sendung: 17. November 2002)
2003 Urs Widmer (verstorben am 2. April 2014)
„Die Forschungsreise“
(Sendung: 14. Dezember 2003)
2004 Raoul Schrott
„Deutschland – Himmel und Hölle“
(Sendung: 3. August 2005)
2005 Sten Nadolny
Es wurde keine Dokumentation produziert
2006 Patrick Roth
„In My Life – 12 Places I Remember.“
(Sendung: 26. November 2006)
2007 Ilija Trojanow
„Vorwärts und nie vergessen! Ballade über bulgarische Helden“
(Sendung: 16. Dezember 2007)
2008 Michael Kleeberg
„Europas Heimkehr. Eine Reise in den Libanon“
(Sendung: 4. Januar 2009)
2009 Monika Maron
„Rückkehr nach Bitterfeld“
(Sendung: 30. Oktober 2009)
2010 Josef Haslinger
„Nachtasyl – Die Heimat der Heimatlosen“
(Sendung: 16. Dezember 2010)
2011 Ingo Schulze
„Rettung aus dem Regenwald? Die Wiederentdeckung der Terra Preta“
(Sendung: 11. November 2011)
2012 Kathrin Röggla
„Die bewegliche Zukunft – Eine Reise ins Risikomanage¬ment“
(Sendung: 18. November 2012)
2013 Peter Stamm
„Fordlandia – Das verlorene Paradies?“
(Sendung: 1. Juni 2014)
2014 Judith Schalansky
Es wurde keine Dokumentation produziert.
2015 Feridun Zaimoglu
„Istanbul von vorne. Eine Recherche“
(Sendung: 25. Oktober 2015)
2016 Clemens Meyer
„Nicht jedes Los gewinnt – Erzählungen vom Rummelplatz“
(Sendung: 9. Dezember 2016)
2017 Abbas Khider
Es wurde keine Dokumentation produziert.
2018 Anna Katharina Hahn
Tauben in Städten
(Sendung: 21. Oktober 2018)

 

Antrittslesung der neuen Mainzer Stadtschreiberin Eva Menasse am 8.3.2019

(rap) Die neue Mainzer Stadtschreiberin Eva Menasse hält am Freitag, 8. März 2019, um 19.30 Uhr im Ratssaal des Mainzer Rathauses ihre Antrittslesung. Werner von Bergen – ZDF-Redakteur und Juryvorsitzender des Mainzer Stadtschreiber-Literaturpreises – moderiert den Abend.

Eva Menasse ist die Mainzer Stadtschreiberin des Jahres 2019 und die 35. Träger des mit 12.500 Euro dotierten Literaturpreises, den die Landeshauptstadt Mainz, ZDF und 3sat gemeinsam vergeben.

Eva Menasse studierte von 1988 an Germanistik und Geschichte an der Universität Wien. Mit ihrem ersten Roman, dem österreichisch-jüdischen Familienepos „Vienna“ (2005) gelang Eva Menasse ein fulminantes Debüt. Mit „Lässliche Todsünden“ (2009), einen Roman der sich aus locker miteinander verbundenen
Erzählungen über das lasterhafte Leben der Wiener Intellektuellenszene zusammensetzt, konnte sie ihren Erfolg bei Publikum und Kritik fortsetzen.

Preisgekrönt ist ihr Werk „Quasikristalle“ (2013), in dem Menasse das Lebens-Mosaik einer Frau aus verschiedensten Perspektiven schildert. Der jüngste Erzählband „Tiere für Fortgeschrittene“ (2017) handelt von Lebenslügen und Lebensillusionen des aufgeklärten Bürgertums. Für ihre Werke erhielt Eva Menasse zahlreiche Auszeichnungen, darunter der Heinrich-Böll-Preis, das Villa-Massimo-Stipendium der Deutschen Akademie in Rom und der Österreichische Buchpreis.

Antrittslesung der neuen Stadtschreiberin Eva Menasse
Termin: Freitag, 8. März 2019
Beginn: 19.30 Uhr, Einlass 19.00 Uhr
Ort: Mainzer Rathaus, Ratssaal, Jockel-Fuchs-Platz 1
Eintritt frei.

„Nur die Imagination kennt keine Grenzen“ – Mainzer Stadtschreiber-Preis an Anna Katharina Hahn verliehen

(v.l.) Oberbürgermeister Michael  Ebling, Mainzer Statdtschreiberin und Preisträgerin Anna Katharina Hahn, Johannes Gutenberg, Kulturdezernentin Marianne Grosse und ZDF-Programmdirektor Dr. Norbert Himmler bei der Verleihung des Mainzer-Stadtschreiberpreises 2018 im Ratssaal des Mainzer Rathauses. Foto: Diether v. Goddenthow
(v.l.) Oberbürgermeister Michael Ebling, Mainzer Statdtschreiberin und Preisträgerin Anna Katharina Hahn, Johannes Gutenberg, Kulturdezernentin Marianne Grosse und ZDF-Programmdirektor Dr. Norbert Himmler bei der Verleihung des Mainzer-Stadtschreiberpreises 2018 im Ratssaal des Mainzer Rathauses. Foto: Diether v. Goddenthow

Am 13.03.2018 wurde im großen Ratssaal des Mainzer Rathauses die Stuttgarter Schriftstellerin und neue Mainzer Stadtschreiberin Anna Katharina Hahn mit dem Stadtschreiber-Literaturpreis von ZDF, 3sat und der Stadt Mainz ausgezeichnet. Den mit 12.500 Euro dotierten Preis überreichten ZDF-Programmdirektor Dr. Norbert Himmler, der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling und die Mainzer Kulturdezernentin Marianne Grosse in Beisein von Johannes Gutenberg. Die Laudatio hielt Patrick Bahners, Kulturkorrespondent und Literaturkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die 1970 im schwäbischen Ruit auf den Fildern, Kreis Esslingen, geborene Anna Katharina Hahn folgt als Stadtschreiberin auf den deutsch-irakischen Schriftsteller Abbas Khider. Sie wird wie ihre Vorgänger gemeinsam mit dem ZDF eine Dokumentation nach freier Themenwahl produzieren und die Stadtschreiberwohnung im Renaissance-Gebäude zum Römischen Kaiser des Mainzer Gutenberg-Museums beziehen.

Kulturdezernentin Marianne Grosse. Foto: Diether v. Goddenthow
Kulturdezernentin Marianne Grosse. Foto: Diether v. Goddenthow

Kulturdezernentin Marianne Grosse hieß die Gäste, unter ihnen drei Mainzer Ehrenbürger, und Preisträgerin herzlich willkommen. Sie war sich nach einem ersten Gespräch im vergangenen Jahr bei der neu gewählten Mainzer Stadtschreiberin von Anfang sicher gewesen, „dass wir gut zusammen passen“. Grosse habe sich in einige Werke Anna Katharina Hahns, etwa in „Das Kleid meiner Mutter“ von 2016 und in „Kürzere Tage“ von 2009, beide im Suhrkamp Verlag erschienen, hineingelesen, und sei ganz begeistert davon, wie die Autorin, statt wieder so eine Betroffenheitsgeschichte zwischen Tochter und Mutter aufzurollen, völlig neue und spannende Perspektiven aufzeige.

Oberbürgermeister Michael Ebling. Foto: Diether v. Goddenthow
Oberbürgermeister Michael Ebling. Foto: Diether v. Goddenthow

Oberbürgermeister Michael Ebling beschrieb in seinem Grußwort die Vorgehensweise von Anna Katharina Hahn als jemand, der seine Protagonisten in viel subtilerer Weise als bloß äußerlich beobachte und belausche, und „das auch nicht nur in den eigenen vier Wänden, sondern sogar in ihren innersten Gedanken, Gefühlen, Hoffnungen und Ängsten.“ Sie folge ihnen auf Schritt und Tritt, blicke ihnen über die Schulter, nehme jede ihrer Bewegungen wahr und krieche förmlich in sie hinein. Was die Autorin dabei zu Tage befördere, sei auf den ersten Blick das ganz normale Leben deutscher Mittelstandsbürger. Auf den zweiten sei es das nackte Grauen“, so Ebling.

ZDF-Programmdirektor Dr. Norbert Himmler Foto: Diether v. Goddenthow
ZDF-Programmdirektor Dr. Norbert Himmler Foto: Diether v. Goddenthow

ZDF-Programmdirektor Dr. Norbert Himmler hob besonders hervor, dass es heute eben nicht etwa Facebook und Twitter, sondern das scheinbar so altmodische gedruckte Buch sei, das die feinen und auch die gröberen Risse in unserer Gesellschaft so früh und sensibel aufspüre und in Worte fasse, die Fühler ausstrecke und dorthin gehe, wo die sozialen Veränderungen weh täten. „Und dafür, liebe Anna Katharina Hahn, sind wir Ihnen dankbar“, so der Programmdirektor.

Anna Katharina Hahn, die große Erzählerin des Bürgertums ihrer schwäbischen Heimat mit allen seinen Irrungen und Abgründen, sei eine durch und durch heutige Autorin, urteilt die Jury. Mit dem Roman „Kürzere Tage“, der im gehobenen grün-linken Stuttgarter Milieu spielt, gelang ihr 2009 der Durchbruch bei der Kritik und den Lesern. Thematisch und stilistisch greife sie, so die Jury, von Buch zu Buch weiter aus: über den Stadtrand von Stuttgart bis nach Spanien, vom knappen Realismus über beziehungsreiche Anspielungen auf die Romantik, bis hin zum fast schon surrealen Entwurf der Verschmelzung einer Tochter mit ihrer Mutter und mit deren bewegtem Leben. Für diesen, ihren jüngsten Roman, „Das Kleid meiner Mutter“ (2016), erhielt sie viel Resonanz.

„Der SPIEGEL hat einmal konstatiert“, so Himmler, „dass Sie Geschichten vom Nicht-Klarkommen in dieser Welt schreiben. Sie stellen, liebe Frau Hahn, die große Frage, die Frage, die schon immer große Literatur befeuert hat, nämlich: Wie soll man eigentlich leben? Der psychische und soziale Innendruck Ihrer Figuren ist gewaltig. Wir Leser warten geradezu darauf, dass es hinter den wohlanständigen Kulissen irgendwann explodiert. Wie Sie das schildern, in Ihrer knappen und so präzisen Sprache, in der übrigens auch viel Platz für Humor ist, das bewundern wir an Ihnen.“, so der ZDF-Programmdirektor.
Laudatio von Patrick Bahners auf die Mainzer Stadtschreiberin 2018, Anna Katharina Hahn

Patrick Bahners, Kulturkorrespondent und Literaturkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Foto: Diether v. Goddenthow
Patrick Bahners, Kulturkorrespondent und Literaturkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Foto: Diether v. Goddenthow

Laudator Patrick Bahners, dessen Aufgabe es als Laudator sei, zu demonstrieren, dass die Wahl Hahns richtig war, ging der Frage nach, was ein Stadtschreiber eigentlich zu tun habe, und stieß schon in Hahns ersten Roman „Kürzere Tage“, veröffentlich 2009, „auf eine Stadtschreiberfigur, einen Mann, der gerade dabei ist, ein Buch über seine Stadt zu schreiben, über Stuttgart, die Stadt, wo die Romanhandlung spielt. Arbeitstitel: ‚Die Stadt ohne Gesicht‘“., so der Laudator. Bahners entführte seine Zuhörer im voll besetzten Mainzer Ratssaal in Anna Katharinas moderne Stadtwelten der Gegensätze, Abgründe, Konflikte und bisweilen skurrilen Geschichten, so wie sie sich überall, auch in Mainz, abspielen könnten.
Bahners endet seinen vortrefflichen Streifzug durch Hahns Werke mit einem Georg Simmel-Zitat, wonach in der Stadt sich „eine so überwältigende Fülle kristallisierten, unpersönlich gewordenen Geistes“ bildete, „dass die Persönlichkeit sich sozusagen dagegen nicht halten kann“. „Auch Anna Katharina Hahn kann ihre Personen, die allesamt an der Stadt zu zerbrechen drohen, nicht halten oder aufhalten. Nur festhalten, mit der Kunst der Physiognomikerin. Selten dürfte eine Stadtschreiberin so gut präpariert nach Mainz gekommen sein wie Anna Katharina Hahn.“, so der Laudator.

„Nur die Imagination kennt keine Grenzen“: Anna Katharina Hahns Dankesrede  über  ihres Schreibens möglichen Kern.

Schriftstellerin Anna Katharina Hahn. Foto: Diether v. Goddenthow
Schriftstellerin Anna Katharina Hahn. Foto: Diether v. Goddenthow

Anna Katharina Hahn, dankte allen, die sie unterstützt haben, und ist sich sicher, das „Mainz mich inspirieren wird, dass ich hier auf Leute und auf Geschichten stoßen werde, die mich und meine Arbeit weiterbringen“. Eigentlich wollte sie ja wie ihr Vater den Arztberuf ergreifen, doch während Hausbesuchen ihres Vaters merkte sie bei Anus-Präter-Versorgung, offenen Beinen oder Demenzpflege durch überforderte Eheleute sehr rasch, „dass ich diesen Beruf besser doch nicht ergreife wollte“. In dieser Zeit als Alter und Gebrechen für sie auf einmal Gesichter bekamen, hätte sie so viele fremde Wohnungen wie noch nie betreten. Dabei fiel ihr ein billiger Kunstdruck in Goldrahmen auf, der bei fast allen Patienten über dem Bett hing, darauf ein am Abgrund kniend Blumen pflückendes Kind, während dicht neben ihm sein behütender Schutzengel schwebte. Ein echtes Trostbild!

Doch wessen Augen ruhten auf ihr, wer stand „an meiner Seite“, hatte sie sich gefragt, und bald darauf ihre ständige Begleiterin erkannte an der Art, wie ihr Körper auf deren vertraute Gegenwart reagierte: „mit rasendem Herzschlag, nassen Handflächen, vor Schweiß triefenden Achselhöhlen und solch einem trockenen Mund, dass es ohne Kaugummi, Pfefferminz und Wasserflasche, eigentlich gar nicht ging.“ „Meine ständige Begleiterin war die Angst“, so die Autorin, die nicht wusste, woher diese Angst kam, die „sich gierig auf mich stürzte, und sich an mir festbiss. Sie hockte auf meinen Schultern, klammerte ihre knochigen Beine um meinen Hals und trieb mich unbarmherzig an, so wie der Buckelgeist, der in der Erzählung aus 1001 Nacht Sindbad den Seefahrer überfällt.“ Die Angst habe alle Lebensbereiche in Besitz genommen, veränderte sie, machte aus einem offenen lebensfrohen Menschen eine eher permanent aggressive Person voller Wut, „immer auf der Hut vor dem nächsten Angriff, und bereit zuvor zurückzuschlagen, nur um selbst der Tortur zu entgehen“, so die Autorin, die nur deswegen erinnernd „von diesem Folterknecht“ sprach, um darüber zu sprechen, „was möglicherweise der Kern meines Schreibens sein könnte“.

Trotzdem sei die Angst als treibende Kraft ihres Schreibens immer nur der Zündfunke, und wenn man es versäume, „sich selbst immer wieder in den Hintern zu treten“, könne dieser auch erlöschen. Fast noch wichtiger erscheinen der Autorin zwei weitere Eigenschaften: „Zum einen die Empathie, die Fähigkeit, sich die Seelenzustände anderer anzueignen, sie nachzufühlen. Zum anderen die Qualifikation, die Vorstellungskraft.“ Sie halte gar nichts von den großen Glücksversprechen und der Zauberformel der westlichen Welt aller US-Traum: „Du kannst alles sein, was du willst!“. In Wirklichkeit sei dies schwer einlösbar, „und klingt für viele Menschen eher wie eine Verspottung ihrer widrigen Lebensumstände. Der Wunsch nach Selbstverwirklichung stößt überall an Grenzen, an genetische, finanzielle, gesellschaftliche, moralische, seelische!“, so Hahn.

„Nur die Imagination kennt keine Grenzen! Und in der Literatur kommt die Imagination wohl am freiesten von allen Künsten zum Tragen“, so Hahn. Denn die Literatur sei ja an kein Material, an kein Instrument gebunden, sie bestünde aus nichts als Worten, was ihre Schwäche, aber mehr noch ihre Größe und ein enormer Vorteil sei: „Ich kann mir alles vorstellen: Ein Mann sein, ein Tier, ein Stein. Tausend Jahre alt, oder nur einen halben Tag. Zu den Sternen fliegen oder mich durch die Erde beamen. Schreibend bin ich zu allem fähig. Und ich glaube sicher, dass ich ohne meine Erfahrungen mit der Angst nicht die gleichen Möglichkeiten zur Einfühlung und zur Imagination hätte. Unter ihrer Fuchtel habe ich mich weggedacht, suchte mir andere Existenzen, mir so oft gewünscht, eine andere, ein anderer, etwas anders zu sein. Sie hat meine Vorstellungskraft geschärft, und vertieft. In der unfassbaren Erleichterung nach dem Ende einer Panikattacke erscheint jedes Detail kostbar. Der Umriss einer Baumkrone, scherenschnittschwarz im Abendlicht, kochend heißer Kaffee, der durch die Wand des Pappbechers in die Fingerfugen pulst, der schimmernde Grünton in den Schwanzfedern einer Elster, die futtersuchend in der Dachrinne herumhüpft.“, beschreibt Anna Katharina Hahn, wie ihre Angst sie nicht nur immer wieder in neue gedankliche Welten imaginierte, sondern vor allem auch ihre Sensibilität und Beobachtungsgabe enorm erweiterte: „Die Angst hat meine Empathie geschult, denn die bizarren Zustände, durch die sie mich geführt hat, die absurden Situationen, in die sie mich brachte, haben meinen Blickwinkel auf das, wozu ein Mensch fähig ist, im Guten wie im Schlechten, stärker erweitert als jede Weltreise. So bin ich nun, ob ich will oder nicht, außer einer Schriftstellerin auch eine Expertin der Ängste geworden.“ bekennt die Autorin, die längst mit ihrer Angstbegabung virtuell zu spielen weiß, wovon auch ihre Bücher eindrucksvoll zeugen. Und wenn einmal ihre Angst gar zu ungelegen kommt, verweist sie sie einfach an ihren Platz und sagt zu ihr: „Du bist da, ich sehe dich, ich nehme Dich auch ernst, aber ich habe jetzt gerade etwas anderes zu tun: Ich lebe!“

Biografie und Bibliografie

Anna Katharina Hahn studierte nach dem Abitur ab 1990 Germanistik, Anglistik und europäische Ethnologie in Hamburg. Seit den 1990er Jahren veröffentlichte sie zunächst kürzere literarische Arbeiten in Zeitschriften und Anthologien. Es folgten zwei Bände mit Erzählungen, „Sommerloch“ (2000) und „Kavaliersdelikt“ (2004), ehe ihr mit dem Roman „Kürzere Tage“, der von überforderten Müttern und Vätern im gehobenen Stuttgarter Bürgertum erzählt, im Jahr 2009 der Durchbruch bei der Kritik und bei den Lesern gelang. Auch ihr Roman „Am schwarzen Berg“ (2012), der den akademischen Mittelstand in Zeiten des Protestes gegen Stuttgart 21 zeigt, war ein großer Erfolg bei Publikum und Kritik. Für ihren jüngsten Roman „Das Kleid meiner Mutter“ (2016), der die junge Generation Spaniens in prekären Verhältnissen schildert, erhielt sie viel Resonanz.

Anna Katharina Hahn, die auch für das Theater gearbeitet hat, ist vielfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem Clemens-Brentano-Preis (2005), dem Roswitha-Preis (2010), dem Heimito von Doderer-Preis (2010) und dem Wolfgang-Koeppen-Literaturpreis (2012).

Bibliografie-Auswahl
Sommerloch. Erzählungen. Achilla Presse, Hamburg 2000
Kavaliersdelikt. Erzählungen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2004
Kürzere Tage. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2009
Am schwarzen Berg. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012
Das Kleid meiner Mutter. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016

Verleihung des Mainzer Stadtschreiberpreises 2017 an Abbas Khider – Feierliche Amtseinführung am 7. März

(vl.) Mainzer Oberbürgermeister, Michael Ebling, Abbas Khider, Mainzer Stadtschreiber 2017, Rainer Huth in seiner Rolle als Johannes Gutenberg, Bau- und Kulturdezernentin Marianne Grosse, ZDF-Kulturchef Prof. Peter Arens. Foto: Diether v. Goddenthow
Verleihung des Mainzer Stadtschreiber-Preises 2017 an Abbas Khider im Ratsaal des Mainzer Rathauses am 7. März 2017. (vl.) Mainzer Oberbürgermeister, Michael Ebling, Abbas Khider, Mainzer Stadtschreiber 2017, Rainer Huth in seiner Rolle als Johannes Gutenberg, Bau- und Kulturdezernentin Marianne Grosse, ZDF-Kulturchef Prof. Peter Arens. Foto: Diether v. Goddenthow

Abbas Khider ist am Dienstag, 7. März 2017, als neuer Mainzer Stadtschreiber feierlich in sein Amt eingeführt worden. ZDF-Kulturchef Prof. Peter Arens, der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling und die Mainzer Kulturdezernentin Marianne Grosse begrüßten Khider im Mainzer Rathaus.
ohrfeigeDie Laudatio hielt der Schriftsteller und Mainzer Stadtschreiber 2007, Ilija Trojanow. Der 1973 in Bagdad geborene Abbas Khider wird wie sein Vorgänger Clemens Meyer gemeinsam mit dem ZDF eine Dokumentation nach freier Themenwahl produzieren und die Stadtschreiberwohnung im Mainzer Gutenberg-Museum beziehen. Der mit 12 500 Euro dotierte Literaturpreis wird 2017 zum 33. Mal von ZDF, 3sat und der Stadt Mainz vergeben.

ZDF-Kulturchef Peter Arens: "Mit Literatur die Welt besser begreifen" Foto: Diether v. Goddenthow
ZDF-Kulturchef Peter Arens: „Mit Literatur die Welt besser begreifen“ Foto: Diether v. Goddenthow

ZDF-Kulturchef Prof. Peter Arens in seiner Rede: „Sie mussten sich nach langer Flucht diese unsere ja nicht ganz unkomplizierte Sprache draufschaffen. Die Tatsache, dass Sie Deutsch von Anfang an, seit Sie in Deutschland durch die Asylaufnahmemühle gehen mussten, als Ihre Schriftstellersprache ausgewählt haben, finde ich bewundernswert. Noch beeindruckender jedoch ist, was Sie aus der Sprache herausgeholt haben. Wie kunstvoll Sie aus dem eigentlich ja mal fremden Deutsch diese berührenden, bittersüßen und raffiniert konstruierten Romane schreiben.“ Arens zitierte Khiders, der mit dem Erlernen und Gebrauch der neuen  deutschen Sprache, sich eine neue existentielle Basis in der Fremde geschaffen habe: „In der Süddeutschen Zeitung haben Sie mal gesagt: ‚Mit der Zeit wurde die deutsche Sprache mein Exil. Sie erlaubt mir, zu sein, wie ich bin, zu schreiben, was ich will. Ich kann auch unverschämt sein und genieße es! Ich habe mir in der deutschen Sprache eine Heimat erfunden und lebe darin.'“  Der ZDF-Kulturchef Arens lobte den neuen Mainzer Stadtschreiber Abbas Khiders für die überwältigend schlüssige und klare Sprache, die den Leser packen soll und sagte:“Ihr Storytelling ist einer konkreten Absicht, einer Haltung verpflichtet. Im festen Glauben, mit Literatur die Welt besser zu begreifen. Im festen Glauben, dass ein ästhetisches Verhältnis zur Welt ein erkennendes Verhältnis ist“.

Oberbürgermeister Michael Ebling "Vertreibung, Flucht, Exil, Fremde – das sind die Themen von Abbas Khider. Und das sind zugleich die Themen, die unsere Gegenwart (und gerade in Deutschland auch unsere Vergangenheit) prägen" Foto: Diether v. Goddenthow
Oberbürgermeister Michael Ebling „Vertreibung, Flucht, Exil, Fremde – das sind die Themen von Abbas Khider. Und das sind zugleich die Themen, die unsere Gegenwart (und gerade in Deutschland auch unsere Vergangenheit) prägen“ Foto: Diether v. Goddenthow

Oberbürgermeister Michael Ebling  bescheinigte in seinem Grußwort Abbas Khider einen tiefgründigen Humor: „Im Deutschen unterscheiden wir ja bekanntlich gerne zwischen ernsthafter und Unterhaltungsliteratur.“ Ernst und Spaß stünden sich bei uns oft gegenüber wie feindliche Staaten! Da brauche es jemanden von außen, der die Gräben scheinbar spielerisch überwindet. Der mit geradezu kindlichem Vergnügen von humoristischen Szenen zu poetischen Passagen, zu knallhartem Realismus wechselt. Jemanden wie Abbas Khider, sagte der Oberbürgermeister.

Abbas Khider versprühe trotz der Schwere seiner Themen und der Traumata seiner Protagonisten einen geradezu mitreißenden Optimismus und eine Leichtigkeit, die ansteckend sei, so Ebling. Vielleicht weil er aus seiner eigenen Biographie wisse, dass sich das Schwere mit Humor einfach leichter tragen ließe, ja, dass es sich vielleicht überhaupt nur so ertragen ließe? „Oder um es mit einem sehr ernsthaften deutschen Philosophen, mit Immanuel Kant, zu sagen: ‚Nur wer das Leben ernst, bitter ernst nimmt, hat auch wirklich Humor.'“ sagte der Oberbürgermeister.

Genau das aber ist es, was viele Leserinnen und Leser an Abbas Khiders Romanen so bewegt und berührt: Die Ernsthaftigkeit und Empathie, mit der er auf die Not und das Leid von Flüchtlingen, auf ihre Flucht- und Gewalterfahrungen, aufmerksam macht. Auf Menschen also, wie sie zu Tausenden unter uns leben. Abbas Khider gibt diesen verzweifelten, entwurzelten, suchenden Menschen eine Stimme. Und er weiß genau, wovon er spricht, denn seine eigene Biographie ist die Biographie eines Verfolgten und Geflüchteten.

"Alle Ihre Werke, Herr Khider, sind schmerzlich und treffen uns oft ins Mark", Bau- und Kulturdezernentin der Stadt Mainz, Marianne Grosse. Foto: Diether v. Goddenthow
„Alle Ihre Werke, Herr Khider, sind schmerzlich und treffen uns oft ins Mark“, Bau- und Kulturdezernentin der Stadt Mainz, Marianne Grosse. Foto: Diether v. Goddenthow

Kulturdezernentin Marianne Grosse zur Wahl Khiders: „Abbas Khider liefert gerade mit seinem viel diskutierten Buch ‚Ohrfeige‘ ein gänzlich anderes Statement zu den vielfältigen Schilderungen der Flüchtlingsbewegungen, welche Europa und gerade auch Deutschland seit langem bewegen. Im diesem Falle aber aus dem Blickwinkel der Betroffenen, denen es oftmals nicht vergönnt zu sein scheint, nach unfassbaren Wegen und Mühen endlich anzukommen… Khider gibt dem Leser einen tiefen Blick in das Labyrinth der deutschen Asylbehörden und schildert die dortigen Fallstricke und Hürden mit Witz und einem gewollt rauhen Tonfall. Der Autor liefert damit einen wichtigen, literarisch sehr aufreibenden Beitrag zur aktuellen Situation aus einer gänzlich anderen Warte und erweitert das vorherrschende Blickfeld. Wir haben einen sehr spannenden Autoren für das Stadtschreiberamt in Mainz gewinnen können!“

Ja, manchmal muss man auf diese Scheißwelt spucken und manchmal muss man in die Hände klatschen, wenn ihr die Wortstirn so meisterhaft und nachdrücklich geboten wird, wie Abbas Khider es tut. Laudatio von Ilija Trojanow.  Foto: Diether v. Goddenthow
Ja, manchmal muss man auf diese Scheißwelt spucken und manchmal muss man in die Hände klatschen, wenn ihr die Wortstirn so meisterhaft und nachdrücklich geboten wird, wie Abbas Khider es tut. Laudatio von Ilija Trojanow. Foto: Diether v. Goddenthow

Ilija Trojanow, Schriftsteller und Mainzer Stadtschreiber 2007, unterstrich in seiner  Laudatio unter anderem  den Wert von Geschichten als Zufluchtsorte gegen  permanente Existenzangst von Flüchtlingen:  Wenn eine ganze Gesellschaft sich eines Themas annimmt, verselbstständigen sich die diskursiven Wahrheiten. Es dominieren Weltanschauungsfakten und gefühlige Argumente. Wer dem entkommen will, könnte Zuflucht finden in den Gegenwelten von Romanen. Karim Mensys schildert seine gelebte, erfahrene Wahrheit als Häftling des Stillstands, als ein den Stürmen der Unsicherheit ausgesetzter Schiffbrüchiger. Er ist weder dort, wo er herkommt, noch hier, wo er angekommen ist, willkommen. Er lebt in ständiger existentieller Angst. „, sagte (…) Ilija Trojanow und lobte, mit welcher Genauigkeit Khiders die Situationen und Absurditäten darlege: „Als Leser mit eigener Fluchtgeschichte (inklusive sechs Monaten in Zirndorf), als Kollege mit eigenen ausgiebigen Recherchen über Gewalt und Unterdrückung, bestaune und bewundere ich die exemplarische Präzision von Abbas Khiders Wahrnehmung. Als etwa die US-Streitkräfte während des Ersten Golfkriegs in den Irak eindringen, beginnen die Gefängniswärter sich bei den Gefangenen zu entschuldigen, um sich vor der drohenden Rache zu schützen. ‚Wir sind nur kleine Beamte‘, sagen sie, ‚kleine Ameisen.‘ Selbst in einer Diktatur sind Machtverhältnisse brüchiger als man meint, ruht Herrschaft auf wackligem Fundament. Denkt daran, beschworen Wärter in den Kerkern des Ostblocks nach der Ungarischen Revolution 1956 die bis vor kurzem gefolterten Häftlinge, wir haben euch meist gut behandelt, und wenn nicht, dann haben wir nur Befehle ausgeführt.“

Ilija Trojanow bescheinigt Abbas Khider,  schlanke Bücher vorzulegen. „Sie sind entschlackt. Reduziert auf das Wesentliche. Kein Nippes, kein Schnickschnack, so wie das Gepäck eines Menschen, der auf der Flucht ist. Beim Lesen dieser Romane erfahre ich eine verstörende Mischung aus Amnesie und Déjà-vu. Ich habe all dies, denke ich, schon einmal vergessen. Zu Unrecht“,  reflektiert Trojanow, einst selbst Migrant. Sein Bestseller der „Der Weltensammler“, 2006, wurde mit dem Preis der Leipziger Buchmesse und mit einer Nominierung für den Deutschen Buchpreis geehrt.

Abbas Khider kennt sich aus mit Repression, mit Flucht und Vertreibung, mit Heimatlosigkeit und Hoffnung auf ein neues Leben. Der deutsch-irakische Schriftsteller, der von Anfang an auf Deutsch schrieb, erzählt in einer musikalischen und schlanken Sprache, so die Jury, tragikomische, erschütternde und anrührende Geschichten von Menschen, die unter Verfolgung und Vertreibung leiden müssen. Er verleiht mit Sensibilität, Humor und Sympathie den Heimatlosen eine authentische, unüberhörbare Stimme. In seinem Romandebüt „Der falsche Inder“ (2008) verarbeitete er seine eigene Flucht aus dem Irak.

Der Flüchtling an sich, diese Chiffre der ultimativen Bedrohung, wirkt inzwischen aufgrund der Zuschreibung anderer wie jene merkwürdigen Gestalten, die am ganzen Körper Tätowierungen haben, die sie sich nicht selbst ausgesucht haben.“ Abbas Khider. Foto: Diether v. Goddenthow
Der Flüchtling an sich, diese Chiffre der ultimativen Bedrohung, wirkt inzwischen aufgrund der Zuschreibung anderer wie jene merkwürdigen Gestalten, die am ganzen Körper Tätowierungen haben, die sie sich nicht selbst ausgesucht haben.“ Abbas Khider. Foto: Diether v. Goddenthow

Abbas Khider wuchs in Bagdads Viertel Saddam-City als Sohn eines Dattelhändlers auf. Als Abiturient wurde er wegen politischer Aktivitäten gegen das Regime Saddam Husseins verhaftet und von 1993 bis 1995 inhaftiert und gefoltert. Nach seiner Flucht aus dem Irak ersuchte er im Jahr 2000 um Asyl in Deutschland. Von 2005 bis 2010 studierte er in München und Potsdam Literatur und Philosophie. Seit 2007 ist Khider deutscher Staatsbürger.

In seinem Romandebüt „Der falsche Inder“ (2008) verarbeitete er seine jahrelange Odyssee als Flüchtling. 2011 folgte der Roman „Die Orangen des Präsidenten“, in dem Khider ein erschütterndes Bild des Irak zwischen Gefängnishölle und behüteter Kindheitsidylle zeichnet. Mit „Brief in die Auberginenrepublik“ (2013) entwarf Khider ein vielstimmiges Panorama arabischer Fluchten, Zustände und Stimmen, von Libyen bis Irak. 2014 leitete Khider eine Schreibwerkstatt in Kairo, nachdem er schon 2011 in der ägyptischen Hauptstadt recherchiert hatte und sich an den Protesten gegen das Mubarak-Regime beteiligte. 2016 erschien sein aktueller Roman „Ohrfeige“, der abermals auf große Aufmerksamkeit bei Kritik und Lesern stieß. Khider schildert mit Sinn für Melancholie und Groteske, wie eine Gruppe von Asylbewerbern Anfang der 2000er Jahre in das Räderwerk einer absurden deutschen Bürokratie gerät.

ohrfeigeAusgezeichnet wurde Abbas Khider  unter anderem mit dem Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis (2010), dem Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil (2013), dem Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund (2013), dem Spycher Literaturpreis Leuk 2016, der Heinrich-Heine-Gastdozentur 2016 und dem Adelbert-von Chamisso-Preis 2017.

Neuer Mainzer Stadtschreiber gewählt: Abbas Khider ist der 33. Träger des Literaturpreises von ZDF, 3sat und der Stadt Mainz

Abbas Khider. Foto: Diether v. Goddenthow
Abbas Khider. Foto: Diether v. Goddenthow

Abbas Khider wird der Mainzer Stadtschreiber des Jahres 2017. Khider, 1973 in Bagdad geboren und wohnhaft in Berlin, ist der 33. Träger des von ZDF, 3sat und der Stadt Mainz vergebenen renommierten Literaturpreises. Zum ersten Mal wurde der Mainzer Stadtschreiber-Preis 1985 an die Schriftstellerin Gabriele Wohmann verliehen. Abbas Khider wird, wie seine Vorgänger Feridun Zaimoglu und Clemens Meyer, gemeinsam mit dem ZDF eine Dokumentation nach freier Themenwahl produzieren und die Stadtschreiberwohnung im Mainzer Gutenberg-Museum beziehen. Die Verleihung des mit 12 500 Euro dotierten Preises ist für März 2017 geplant.

Abbas Khider kennt sich aus mit Repression, mit Flucht und Vertreibung, mit Heimatlosigkeit und Hoffnungen auf ein neues Leben. Der deutsch-irakische Schriftsteller, der von Anfang an auf Deutsch schrieb, erzählt in einer musikalischen und schlanken Sprache, so die Jury des Mainzer Stadtschreiber-Preises, tragikomische, erschütternde und anrührende Geschichten von Menschen, die unter Verfolgung und Vertreibung leiden müssen. Er verleiht mit Sensibilität, Humor und Sympathie den Heimatlosen eine authentische, unüberhörbare Stimme.

Khider wuchs in Bagdads Viertel Saddam-City als Sohn eines Dattelhändlers auf. Als Abiturient wurde er wegen politischer Aktivitäten gegen das Regime Saddam Husseins verhaftet und von 1993 bis 1995 inhaftiert und gefoltert. Nach seiner Flucht aus dem Irak ersuchte er im Jahr 2000 Asyl in Deutschland. Von 2005 bis 2010 studierte er in München und Potsdam Literatur und Philosophie. Seit 2007 ist Khider deutscher Staatsbürger. In seinem Romandebüt „Der falsche Inder“ (2008) verarbeitete er seine jahrelange Odyssee als Flüchtling. 2011 folgte der Roman „Die Orangen des Präsidenten“, in dem Khider ein erschütterndes Bild des Irak zwischen Gefängnishölle und behüteter Kindheitsidylle zeichnete. Mit „Brief in die Auberginenrepublik“ (2013) entwarf Khider ein vielstimmiges Panorama arabischer Zustände und Stimmen. 2014 leitete Khider eine Schreibwerkstatt in Kairo, nachdem er schon 2011 in der ägyptischen Kapitale recherchiert hatte und sich an den Protesten gegen das Mubarak-Regime beteiligte. 2016 erschien sein aktueller Roman „Ohrfeige“, der abermals sofort auf große Aufmerksamkeit bei Kritik und Lesern stieß. Khider schildert mit Sinn für Melancholie und Groteske, wie eine Gruppe von Asylbewerbern Anfang der 2000er Jahre in das Räderwerk einer absurden deutschen Bürokratie gerät.

Ausgezeichnet wurde Abbas Khider bereits unter anderem mit dem Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis (2010), dem Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil (2013), dem Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund (2013) und dem Spycher Literaturpreis Leuk 2016.

Der neue Mainzer Stadtschreiber Clemens Meyer in sein Amt eingeführt

vl. Norbert Himmler, ZDF-Programmdirektor, Michael Ebling, Oberbürgermeister von Mainz, Marianne Grosse, Kulturdezernentin, und Gutenberg, Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow.de
vl. Norbert Himmler, ZDF-Programmdirektor, Michael Ebling, Oberbürgermeister von Mainz, Marianne Grosse, Kulturdezernentin, und Gutenberg, Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow.de

Nachdem Clemens Meyer  im Gutenberg-Museum seine Antritts-(Vor-)lesung gehalten hatte,  ist er am folgenden Donnerstag, 25. Februar 2016, feierlich sein Amt eingeführt worden.  ZDF-Programmdirektor Dr. Norbert Himmler, der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling und die Mainzer Kulturdezernentin Marianne Grosse begrüßten Meyer in der Mainzer Staatskanzlei, die Laudatio hielt der Leipziger Literaturkritiker Michael Hametner. Der 1977 in Halle an der Saale geborene Schriftsteller wird wie sein Vorgänger Feridun Zaimoglu gemeinsam mit dem ZDF eine Dokumentation nach freier Themenwahl produzieren und die Stadtschreiberwohnung im Mainzer Gutenberg-Museum beziehen. Der mit 12.500 Euro dotierte Literaturpreis wird 2016 zum 32. Mal von ZDF, 3sat und der Stadt Mainz vergeben.

ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler in seiner Rede: „Sie schauen genau dorthin, wo es nicht so gemütlich, nicht so bequem zugeht. Wir lauschen den Gedanken von Menschen, denen wir vermutlich sonst nie begegnet wären. Wir erkennen, wie Gesellschaften im Umbruch funktionieren oder auseinanderfließen … So ganz bekömmlich und erbaulich sind Ihre Geschichten nicht, aber wie Sie sie erzählen und komponieren, das ist herausragend, aufregend, meisterhaft.“

Clemens Meyer, so urteilte die Jury, kennt sich aus in den Abseiten unserer Gesellschaft. Als „Meister des Ungeschönten“ bezeichnete ihn die Neue Zürcher Zeitung. Präzise und einfühlsam erzählt Meyer von prekären Existenzen, Freundschaften am Abgrund, von Bier, Gewalt und Boxen, zart und traurig, kämpferisch und berührend, so die Jury. Zugleich ist Meyer ein luzider Kenner der Literatur, ein souveräner Stilist. Mit seinem Debütroman „Als wir träumten“ gelang ihm 2006 ein Überraschungserfolg, der auch als Theaterstück und als Verfilmung Eindruck machte.

Meyer wollte schon als Kind Schriftsteller werden. Die Zeit der Wende um 1989 erlebte er als „Tanz auf den Trümmern“. Meyer studierte von 1998 bis 2003 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, unterbrochen von einem Gefängnisaufenthalt. Sein Studium finanzierte er mit Stipendien und mit der Arbeit als Möbelpacker, Gabelstapelfahrer und Wachmann. 2006 erschien sein erster Roman, mit autobiographischen Bezügen. In „Als wir träumten“ beschreibt er ein wildes Leben zwischen Techno-Partys, Drogen, Bier und Tätowierungen. 2015 wurde der Debütroman von Regisseur Andreas Dresen verfilmt. 2008 erschien der Kurzgeschichtenband“Die Nacht, die Lichter“, für den er den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt. Neben seiner Arbeit als Schriftsteller war Meyer als Gastdozent am Leipziger Literaturinstitut tätig. Sein drittes Buch „Gewalten. Ein Tagebuch“ (2010) versammelt Erzählungen, die in chronologischer Reihenfolge das Jahr 2009 abbilden. Zocker, Loser, Barbesucher, Amokläufer und Menschen in der Psychiatrie lässt Meyer hier zu Wort kommen. 2013 kam sein Roman „In Stein“ heraus, der sich mit Sexarbeit, Zwangsprostitution und den wirtschaftlichen Verwicklungen und Skandalen der Leipziger Realität der 1990er Jahre beschäftigt. 2015 hatte Meyer die vielbeachtete Poetikdozentur an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main inne, die den Titel „Der Untergang der Äktschn GmbH“ trug.

Clemens Meyer, der sich ebenso mit Theater wie mit der Bildenden Kunst beschäftigt, ist stolz auf seinen tätowierten Körper, liebt den Galoppsport ebenso wie Fußball. Es ist mit zahlreichen Preisen geehrt worden, unter anderem mit dem MDR-Literaturpreis (2001), dem Rheingau Literaturpreis (2006), dem Bremer Literaturpreis (2014) sowie, zusammen mit Thomas Stuber, mit dem Deutschen Drehbuchpreis (2015).

 

Antrittslesung des neuen Mainzer Stadtschreibers Clemens Meyer am 24.März 2016

AF_Meyer_Clemens220(rap) – Der neue Stadtschreiber Clemens Meyer kommt am Mittwoch, 24. Februar 2016 um 19.30 Uhr in den Vortragssaal des Gutenberg-Museums zu seiner Antrittslesung nach Mainz. Werner von Bergen – ZDF-Literaturredakteur und Juryvorsitzender des Stadtschreiberpreises – moderiert den Abend.

Am Tag darauf avanciert Meyer im feierlichen Rahmen zum neuen Mainzer Stadtschreiber 2016 und folgt damit Feridun Zaimoglu.

Clemens Meyer ist der 32. Träger des mit 12.500 Euro dotierten Literaturpreises der Landeshauptstadt Mainz, ZDF und 3sat. Der Schriftsteller wurde 1977 in Halle (Saale) geboren und wuchs im Arbeiterviertel Leipzig-Ost auf. Er studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. 2006 veröffentlichte er seinen Debütroman „Als wir träumten“, in dem sich die Jugend des Autors während der Nachwendezeit 1990/1991 wiederfindet. 2015 verfilmte der Regisseur Andreas Dresen den Roman für das Kino.

Clemens Meyers zweites Buch „Die Nacht, die Lichter. Stories“ unterscheidet sich von seinem Debüt, da es ebenso wie das 2010 erschienene „Gewalten. Ein Tagebuch“ diverse Kurzgeschichten enthält. Sein neuestes Werk „Im Stein“ von 2013 stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Für sein Werk und sein literarisches Schaffen erhielt er bereits zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Clemens Meyer lehrt als Dozent in Leipzig und Frankfurt und schreibt für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sowie „Die Welt“.

Antrittslesung des neuen Stadtschreibers Clemens Meyer

24. Februar, 19.30 Uhr
Gutenberg-Museum, Vortragssaal
Eintritt frei.
Sitzplätze sind begrenzt.
Einlasskarten an der Abendkasse.

Clemens Meyer wird 2016 Mainzer Stadtschreiber

Neuer Mainzer Stadtschreiber gewählt: Clemens Meyer
wird 32. Träger des Literaturpreises von ZDF, 3sat und
der Stadt Mainz

Clemens Meyer Foto: Gaby Gerster
Clemens Meyer Foto: Gaby Gerster

Meyer folgt Feridun Zaimoglu / Amtseinführung im Februar 2016 Clemens Meyer wird der Mainzer Stadtschreiber des Jahres 2016. Meyer, 1977 in Halle an der Saale geboren und wohnhaft in Leipzig, ist der 32. Träger des renommierten Literaturpreises. Zum ersten Mal wurde der Mainzer Stadtschreiber-Preis 1985 an die Schriftstellerin Gabriele Wohmann verliehen. Clemens Meyer wird, wie sein Vorgänger Feridun Zaimoglu, gemeinsam mit dem ZDF eine Dokumentation nach freier Themenwahl produzieren und die Stadtschreiberwohnung im Mainzer Gutenberg-Museum beziehen. Die Verleihung des mit 12 500 Euro dotierten Preises ist für Februar 2016 geplant. Oberbürgermeister Michael Ebling zur Wahl der Jury: „Clemens Meyer verkörpert den im Osten zur Wendezeit aufgewachsenen Autoren, der sich oftmals weit abseits der herkömmlichen Genese eines Schriftstellers bewegte – er atmet den talentierten Autor, der abseits piefiger Konventionen sehr eigene Wege beschritten hat – und diese ausdrucksstark, wortgewaltig und gegen viele Widrigkeiten mit großem Erfolg in die deutsche Gegenwartsliteratur hineingepflanzt hat. Meyer wandelt als Typ wie als Literat nicht selten auf unbekannteren Pfaden – gerade dies macht ihn umso interessanter, zumal ihm im Leben wenig auf dem polierten Silbertablett angereicht wurde: ein Schriftsteller abseits gängiger Konventionen mit ganz eigenen Neigungen und Blickwinkeln. Dies passt in unsere junge, umtriebige Stadt – Clemens Meyer wird in Mainz zahlreiche Andockpunkte finden, welche Aufenthalte für ihn lohnend und inspirierend machen. Wir freuen uns, dass er zum Stadtschreiber 2016 avanciert!“

Clemens Meyer kennt sich aus in den abseitige Gefilden unserer Gesellschaft. Als „Meister des Ungeschönten“ bezeichnete ihn die „Neue Zürcher Zeitung“. Präzise und einfühlsam erzählt Meyer von prekären Existenzen, Freundschaften am Abgrund, von Bier, Gewalt und Boxen, zart und traurig, kämpferisch und berührend, so die Jury. Zugleich ist Meyer ein luzider Kenner der Literatur, ein souveräner Stilist. Mit seinem Debütroman „Als wir träumten“ gelang ihm 2006 ein sensationeller Überraschungserfolg, der auch als Theaterstück und als Verfilmung Eindruck machte. Meyer, 1977 in Halle an der Saale geboren und im Arbeiterviertel Leipzig-Ost aufgewachsen, wollte schon als Kind Schriftsteller werden. Die Zeit der Wende um 1989 erlebte er als „Tanz auf den Trümmern“. Meyer studierte von 1998 bis 2003 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig – unterbrochen von einem Gefängnisaufenthalt. Sein Studium finanzierte er mit Stipendien und mit der Arbeit als Möbelpacker, Gabelstaplerfahrer und Wachmann. 2006 erschien sein erster Roman, mit autobiografischen Bezügen: „Als wir träumten“.

Die nacht-die lichterHier beschreibt er ein wildes Leben zwischen Techno-Partys, Drogen, Bier und Tätowierungen. 2015 wurde der Debütroman von Regisseur Andreas Dresen verfilmt. 2008 erschien der Kurzgeschichtenband „Die Nacht, die Lichter“, für den er den Preis Pressemitteilungen Stadt Mainz Seite 3 24.09.2015 der Leipziger Buchmesse erhielt. Neben seiner Arbeit als Schriftsteller war Meyer als Gastdozent am Leipziger Literaturinstitut tätig.

GewaltenSein drittes Buch „Gewalten. Ein Tagebuch“ (2010) versammelt Erzählungen, die in chronologischer Reihenfolge das Jahr 2009 abbilden. Zocker, Loser, Barbesucher, Amokläufer und Menschen in der Psychiatrie lässt Meyer hier zu Wort kommen. 2013 kam sein Roman „In Stein“ heraus, der sich mit Sexarbeit, Zwangsprostitution und den wirtschaftlichen Verwicklungen und Skandalen der Leipziger Realität der 1990er Jahre beschäftigt. 2015 hatte Meyer die vielbeachtete Poetik-Dozentur an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main inne, die den Titel „Der Untergang der Äktschn GmbH“ trug.

Clemens Meyer, der in Leipzig lebt, sich ebenso mit Theater wie mit der Bildenden Kunst beschäftigt, ist stolz auf seinen tätowierten Körper, liebt den Galoppsport ebenso wie Fußball. Er ist mit zahlreichen Preisen geehrt worden.

Meyer wird – wie seine Vorgänger Feridun Zaimoglu, Judith Schalansky und Peter Stamm – gemeinsam mit dem ZDF eine Dokumentation nach freier Themenwahl produzieren und die komplett sanierte – Stadtschreiberwohnung im Mainzer GutenbergMuseum beziehen. Die Verleihung des mit 12.500 Euro dotierten Preises findet voraussichtlich im Februar 2016 statt.

Bisherige Auszeichnungen für Clemens Meyer (u.a.)
2001 MDR-Literaturpreis
2002 Literaturstipendium Sächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst
2006 Rheingau Literatur Preis
2007 Förderpreis zum Lessing-Preis des Freistaates Sachsen, Clemens-Brentano-Preis Märkisches Stipendium für Literatur
2008 Preis der Leipziger Buchmesse
2013 Finalist „Shortlist“ Deutscher Buchpreis mit Im Stein
2014 Bremer Literaturpreis
2015 Deutscher Drehbuchpreis für In den Gängen, zusammen mit Thomas Stuber