Kategorie-Archiv: go east 2021

goEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films vom 20- bis 26. April 2021

goeast21_cover60 Jahre bemannte Raumfahrt – Hommage an Yuri Gagarin // Pop-up Kultur im Paneuropäischen Picknick // Anti-Oscarabend mit Radu Jude und Dan Perjovschi

Wiesbaden/Frankfurt. Als der russische Kosmonaut Yuri Gagarin am 12. April 1961 vom kasachischen Weltraum-bahnhof Tyuratam aus den ersten bemannten Weltraumflug der Menschheitsgeschichte unternimmt, solle er beim Start schlicht “Los geht’s!” (“Поехали”) gerufen haben. Heute dient der Ausruf als beliebter Trinkspruch. goEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films nimmt den 60. Jahrestag der Erdumrundung Gagarins zum Anlass, im April mit einem eigenen Weltraum-Programm abzuheben. Die Besucher:innen des von DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum veranstalteten Festivals können sich dabei auf Filme aus allen Himmelsrichtungen Mittel- und Osteuropas freuen.

Yuri Gagarin: Modellbürger, Pilot, Sohn des sowjetischen Volkes und Familienvater. Im Propagandafilm UNSER GAGARIN (Nash Gagarin, UdSSR 1971) wurde der 10. Jahrestag der ersten Erdumrundung gefeiert. goEast zeigt den Film in einem Doppelprogramm mit Artavazd Pelechyans UNSER JAHRHUNDERT (Nash Vek, UdSSR 1983), ein Found-Footage Filmgedicht über technologischen Fortschritt und menschliche Hybris im 20. Jahrhundert. Auch wegweisende osteuropäische Science-Fiction-Klassiker finden ihren Weg ins Programm, so etwa IKARIE XB 1 (Tschechoslowakei 1963) von Jindřich Polák, in dem der Zusammenhalt einer Raumschiffcrew auf dem Weg zu einem erdähnlichen Planeten auf die Probe gestellt wird. goEast präsentiert dabei die restaurierte Fassung von 2016, die erstmals das für den Genreklassiker ursprünglich vorgesehene Ende zeigt. Die Grenzen der Wirklichkeit und überdies menschlicher Zusammenarbeit überschreitet der DEFA-Film DER SCHWEIGENDE STERN (DDR/Polen 1959) von Kurt Maetzig nach einer Romanvorlage von Stanisław Lem. Im Film entdecken Wissenschaftler:innen eine kosmische Nachricht von der Venus, die in einer radioaktiven Drohung für den Erdplaneten gipfelt. Einen frühen Einblick in den Science-Fiction-Film liefert AELITA – DER FLUG ZUM MARS (Aelita/UdSSR 1924) von Yakov Protazanov, der die marxistische Ideologie bis zum roten Planeten katapultiert. In diesem Stummfilm, der auf einem gleichnamigen Roman von Aleksey Tolstoy basiert, entbrennt ein intergalaktischer Klassenkampf zwischen einer aristokratischen Marsbevölkerung und der sowjetischen Arbeiterschicht auf der Erde. Statt den Spuren Gagarins folgt SPACE DOGS (Österreich/Deutschland 2019) von Elsa Kremser und Levin Peter der Erinnerung an den ersten Vierbeiner im Weltall. Die russische Hündin Laika hat ihre Reise 1957 zwar nicht überlebt, ihr wird allerdings nachgesagt, dass ihr Geist heute noch in den Straßenhunden Moskaus weiterlebt. Zahlreiche Kurzfilme und ein Gesprächspanel runden das Programm ab.

Pop-up Kultur im Paneuropäischen Picknick

Zum dritten Mal wird goEast mit Unterstützung vom Kulturfonds Frankfurt RheinMain mit dem Paneuropäischen Picknick zum Brückenbauer zwischen Menschen, Kulturen und Regionen. Die Programmreihe steht ganz im Zeichen einer Kunstaktion aus dem Jahr 1989, als ein Picknick an der österreichisch-ungarischen Grenze dazu führte, dass selbst die starrsten aller Ländergrenzen für ein paar Stunden geöffnet wurden. Um die Begegnungen der Kulturen auch unter Pandemiebedingungen zu gewährleisten, bietet das Paneuropäische Picknick genug Raum für ein Kennenlernen trotz Distanz. So wird osteuropäische Kioskkultur gefeiert. Ein waschechter Pop-up-Kulturkiosk, Modell K67, wird in der Wiesbadener Innenstadt ein Sammelsurium mittel- und osteuropäischer Kulturgegenstände bieten.

Mit dem Kurzfilmspaziergang kehrt außerdem erneut ein Filmprogramm unter freiem Himmel auf die Häuserwände im Rhein-Main-Gebiet zurück. In Zusammenarbeit mit der Hamburger Künstlergruppe „A Wall is a Screen“ erkundet das Programm aus osteuropäischen Kurzfilmen in diesem Jahr das abendliche Offenbach am Main.

Der Rhein-Main Kurzfilmpreis mit acht ausgewählten Beiträgen aus Mittel- und Osteuropa begibt sich auf eine Reise durch die Programmkinos im Rhein-Main-Gebiet. Dem geht die Auszeichnung eines Kurzfilms durch eine Jury, bestehend aus Leiter:innen der regionalen Lichtspielhäuser, mit einem Preisgeld von 2.500 Euro voraus.

Zusätzlich bietet das Paneuropäische Picknick im besten Fall ein Autokino in Wiesbaden, eine Ausstellung mit Videokunst aus Zentralasien, eine Auseinandersetzung mit audiovisuellen Protestformen in Belarus sowie erneut eine Masterclass und Sprachkurse zur einfachen Verständigung in mittel- und osteuropäischen Kulturkreisen.

Anti-Oscarabend mit Radu Jude und Dan Perjovschi

Ein besonderes Highlight des Rahmenprogramms ereignet sich an einem eigens für goEast kuratierten Anti-Oscarabend am 25. April 2021. Während in Los Angeles noch letzte Hand am roten Teppich angelegt wird, gestaltet der rumänische Regisseur und goEast Porträtgast aus dem Vorjahr, Radu Jude, im Museum Wiesbaden einen anspruchsvollen Filmabend ohne Glamour, aber dafür mit Substanz und Wodka. Umrahmt wird das Programm durch eine Action-Kunst-Ausstellung des rumänischen Künstlers Dan Perjovschi, der an fünf Festivaltagen seine berühmten Wandmalereien an verschiedenen Orten im Museum Wiesbaden umsetzt und seine Sicht auf die Academy Awards schildert.

Weitere Infos: goEast

21. goEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films will zurück ins Kino

21. goEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films (20. bis 26. April 2021) // goEast Symposium 2021: „Zentralasien enthüllen“ // Nachwuchs ohne Grenzen – Jetzt anmelden zum East-West Talent Lab

Wiesbaden/Frankfurt. Die künstlerische Vielfalt des Filmschaffens in Mittel- und Osteuropa präsentiert das vom DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum veranstaltete goEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films vom 20. bis 26. April 2021, und zwar nicht nur online, sondern nach Möglichkeit wieder dort, wo sie hingehört – vor Ort und in den Kinos im Rhein-Main Gebiet. Im vergangenen Jahr hat goEast erstmals mit einem hybriden und entzerrten Festivalprogramm auf die pandemiebedingt schwierige Situation für die Kulturbranche reagiert. Für die 21. Ausgabe von goEast streben die Festivalmacher:innen unter Einhaltung von Hygienemaßnahmen eine Rückkehr ins Kino an. Zusätzlich bieten Online-Veranstaltungsangebote möglichst vielen Freunden des zu oft noch unentdeckten Kinos aus Mittel- und Osteuropa ein (Film-)Kulturerlebnis der besonderen Art.

„Zentralasien enthüllen“ – goEast Symposium

Fünf Republiken Zentralasiens feiern in diesem Jahr 30 Jahre Unabhängigkeit und stehen gleichzeitig vor großen Herausforderungen. goEast widmet sich im Symposium “Zentralasien enthüllen” der Filmkultur in Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan, Tadschikistan und Turkmenistan. Mit Vorlesungen, Diskussionen und einem Filmprogramm kuratiert von Expert:innen wie Prof. Dr. Birgit Beumers vom Lehrstuhl für Slavische Literaturen und Kulturen der Universität Passau und Joël Chapron, Beauftragter für Zentralasien und Russland der Filmfestspiele Cannes, eröffnet das Festival ein Fenster in eine Filmlandschaft, die bisher zwar bei goEast vertreten war, doch nie im Mittelpunkt stand.

Vor allem der Einfluss der Sowjetunion auf die filmhistorische Entwicklung der Region seit 1922 steht im Fokus dieses Symposiums. Mit dem Kino sollten die wilden Gebiete Zentralasiens gebändigt und analphabetische Völker von den Errungenschaften des sowjetischen Regimes überzeugt werden. Exemplarisch für das Gebaren der UdSSR als Kolonialmacht stehen dabei frühe Kulturfilme wie Vladimir Erofeevs PAMIR. DACH DER WELT (Krysha mira, UdSSR, 1927) oder Viktor Turins TURKSIB (UdSSR, 1929).

In den ersten Dekaden nach dem Zweiten Weltkrieg galten die Staaten Zentralasiens als Sprungbrett für junge Filmschaffende aus Moskau und Kiew. In dieser Zeit gab es aber auch erste Konflikte im Spannungsfeld zwischen sowjetischer Zugehörigkeit und nationaler Identität. Das Publikum wendete sich zusehends einheimischen Genreproduktionen zu, wie Shukhrat Abbassovs usbekisch-sprachige Komödie DARÜBER SPRICHT DIE GANZE NACHBARSCHAFT (Mahallada duv-duv gap, UsSSR, 1960) oder auch Ali Hamroyevs OHNE ANGST (Bez strakha, UsSSR, 1972). Letzterer behandelt als „roter Western“ den Hujum, also die gewaltsame Entschleierung der Frauen, und dokumentiert die Zerrissenheit der Frau in Zentralasien zwischen Fortschritt und Tradition.

Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks wandten sich die Länder Zentralasiens vom sowjetischen Wertesystem ab und versuchten, zu ihren Wurzeln zurückzukehren, ohne dabei auf nationale Werte zu achten. Das hatte zur Folge, dass ethnische und religiöse Gruppen, nomadische und sesshafte, Anhänger von Tengrismus und Islam zusammengewürfelt wurden, um eine „Nation“ zu bilden. Die entstehenden Konflikte spiegeln sich heute in kuriosen, ernsten und auch parodistischen Filmen wider.

Ein besonderes Augenmerk des Symposiums richtet goEast auch auf die Kasachische Neue Welle und ihren Einfluss in der Region in den Wendejahren und frühen 2000ern. Neben der Aufarbeitung der Sowjetzeit in Yusup Razykovs ORATOR (Voiz, Usbekistan, 1999) widmen sich Filme in dieser Zeit modernen Formen der Brautentführung wie in Ernest Abdyzhaparovs KLARE KÜHLE (Boz salkyn, Kirgisistan, 2007), der Erinnerungskultur wie Saodat Ismailovas 40 TAGE SCHWEIGEN (Chilla, Usbekistan, 2014) oder dem Bruch mit traditionellen Genderrollen wie Abai Kulbais STRIZH (Kasachstan, 2007). Trotz Weiterentwicklung, Wiederaufbau und Unabhängigkeit der Filmindustrien in Zentralasien, gibt es heute große Unterschiede zwischen den nationalen Kinematographien. So beleuchtet das Symposium auch die Tatsache, dass etwa Kasachstan eine der am weitest entwickelten Filmindustrien in der Region bietet, während jene in Turkmenistan praktisch stillsteht.

Nachwuchs ohne Grenzen

Noch bis 1. März haben junge Filmschaffende die Möglichkeit, sich für das East-West Talent Lab anzumelden. Das Nachwuchsprogramm von goEast richtet sich an Filmschaffende aus Mittel- und Osteuropa sowie aus Deutschland, die ihre aktuellen Projekte weiterentwickeln und sich untereinander vernetzen wollen. Aufgerufen sind sowohl Regisseur:innen mit ersten Projekten als auch Produzent:innen ohne eigene Projekte. Das Programm unterstützt insgesamt 30 Nachwuchstalente, die sich nach einem intensiven Programm aus Workshops zu Filmfinanzierung, Verleihstrategien oder Stoffentwicklung im Rahmen eines öffentlichen Pitches einer dreiköpfigen Expertenjury stellen. Das innovativste Projekt erhält den mit 3.500 Euro dotierten goEast Development Award. An ein Dokumentarfilmprojekt mit Schwerpunkt auf Menschenrechtsthemen wird überdies ein ebenfalls mit 3.500 Euro dotiertes Recherchestipendium verliehen. „Das East-West Talent Lab hat im vergangenen Jahr gezeigt, dass Nachwuchsförderung selbst unter Pandemiebedingungen funktioniert. Mit virtuellen Workshops und zahlreichen Videokonferenzen hat das Team von goEast wertvolle Erfahrungen gesammelt, auf die in Zukunft zurückgegriffen werden kann. Trotzdem gehört es zur Förderung der jungen Talente aus Mittel- und Osteuropa natürlich mit dazu, sich auch von Angesicht zu Angesicht zum persönlichen Austausch zu treffen. Ich bin vorsichtig optimistisch, dass das in diesem Jahr wieder möglich wird“, sagt Andrea Wink, Koordinatorin des Nachwuchsprogramms bei goEast.

Weitere Infos: goEast