Kategorie-Archiv: Baukultur – Ausstellungen

14. November 2019 | Wettbewerb Bau- und Gartenkultur | UNESCO Welterbe Oberes Mittelrheintal

Vom "Loreleyblick Maria Ruh" auf die Loreley (r.). © Foto: Diether v Goddenthow
Vom „Loreleyblick Maria Ruh“ auf die Loreley (r.). © Foto: Diether v Goddenthow

Das Zentrum Baukultur präsentiert die Projekte des Wettbewerbs Bau- und Gartenkultur: Bestaunt werden können vorbildlich gestaltete Bauten sowie Frei- und Gartenanlagen im Welterbe Oberes Mittelrheintal.

Die Länder Rheinland-Pfalz und Hessen fördern die Baukultur auf vielfältige Weise. Für das UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal, das die Landesgrenzen überschreitet, gilt die besondere Verpflichtung, die fortbestehende Kulturlandschaft auch in baulicher Hinsicht in qualitativer Weise fortzuentwickeln, um diesem Erbe – ebenso wie den Erwartungen seiner Bewohner und Besucher – gerecht zu werden. Der von beiden Bundesländern gemeinsam getragene Wettbewerb zur Auszeichnung vorbildlicher baukultureller Projekte leistet dazu einen Beitrag. Er zollt Bauherren, Architekten, Stadtplanern, Landschaftsarchitekten und Handwerkern Respekt, die Projekte im Sinne des Welterbes umgesetzt haben. Zugleich bietet der Wettbewerb die Chance, regional und überregional Interesse für die ausgezeichneten Projekte zu wecken und damit deren Vorbildcharakter herauszustellen. Das Zentrum Baukultur lädt herzlich ein zur Ausstellungseröffnung | Wettbewerb Bau-und Gartenkultur | UNESCO Welterbe Oberes Mittelrheintal | Donnerstag, 14. November 2019, 18.30 Uhr.

Begrüßung
Edda Kurz, Vizepräsidentin der Architektenkammer
Rheinland-Pfalz

Einführung
in das Wettbewerbsverfahren
Nicole Morsblech, Vizepräsidentin der Struktur- und
Genehmigungsdirektion Nord (SGD Nord)

Präsentation

  • Kurfürstliche Burg, Boppard
    Dr. Walter Bersch, Bürgermeister der Stadt Boppard
  • Ostein’scher Niederwald Am Niederwalddenkmal Rüdesheim
    Petra Bittkau, Landschaftsarchitektin, Bittkau-Bartfelder + Ing GbR, Wiesbaden
  • Revitalisierung eines historischen Firmengebäudes, Bacharach
    Almut Lager, VIA GmbH Bacharach
Modell der sanierten Kurfürstlichen Burg, Boppard. Sie beheimatet das städtische Museum mit einer Sammlung zur Stadtgeschichte Boppards, zur Burg und bietet als Highlight  eine Dauerausstellung zu dem bekannten Sohn der Stadt Michael Thonet mit seinen Bugholzmöbeln. Zudem werden die Räumlichkeiten für wechselnde Kunstausstellungen und andere kulturelle Veranstaltungen genutzt. © Foto: Diether v Goddenthow
Modell der sanierten Kurfürstlichen Burg, Boppard. Sie beheimatet das städtische Museum mit einer Sammlung zur Stadtgeschichte Boppards, zur Burg und bietet als Highlight eine Dauerausstellung zu dem bekannten Sohn der Stadt Michael Thonet mit seinen Bugholzmöbeln. Zudem werden die Räumlichkeiten für wechselnde Kunstausstellungen und andere kulturelle Veranstaltungen genutzt. © Foto: Diether v Goddenthow

Gespräch
Baukultur und Welterbe: Instrumente der Baukulturvermittlung

  • Torsten Becker, Landeswettbewerbs- und Vergabeausschuss Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen (AKH)
  • Dr. Walter Bersch, Bürgermeister der Stadt Boppard
  • Edda Kurz, Architektenkammer Rheinland-Pfalz AKRP
  • Herbert Sommer, stellvertr. Abteilungsleiter Bauen und
    Wohnen, Ministerium der Finanzen
  • Frank Sprenger, Leiter Beratungsstelle für Denkmalpflege
    der Arbeitsgemeinschaft der Handwerkskammern Rheinland-Pfalz

Ausstellung 13.–29. November 2019
Die Veranstaltung wird von der AKRP mit zwei Unterrichtsstunden für alle Fachbereiche als Fortbildung anerkannt.
Zur besseren Planung bittet das ZBK  um unverbindliche
Anmeldung bis zum 7. November 2019 (per E-Mail:
info@zentrumbaukultur.de oder per Fax: 06131 32742-29).

Deutsches Architekturmuseum: DAM Preis 2020 für Architektur in Deutschland

© DAM
© DAM

Nach einer Meldung des Deutsche Architekturmuseums (DAM), haben sich nun aus der Shortlist von 12 Architekturprojekten fünf Finalisten zum DAM Preis 2020 qualifiziert, der Ende Januar 2020 im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt verliehen wird.

Seit 2007 werden mit dem DAM Preis für Architektur in Deutschland jährlich herausragende Bauten in
Deutschland ausgezeichnet. 2020 wird der Preis vom Deutschen Architekturmuseum (DAM) bereits zum vierten Mal in enger Zusammenarbeit mit JUNG als Kooperationspartner in einem gestaffelten Juryverfahren vergeben.

Eine Expertenjury unter Vorsitz von Stephan Schütz (gmp Architekten von Gerkan Marg und Partner, Gewinner des DAM Preis 2019) hatte nun aus dem Feld der Shortlist die fünf Projekte für die engere Wahl der Finalisten zum DAM Preis 2020 bestimmt. Informationen zu Shortlist und Finalisten sowie einen profunden Überblick zum Baugeschehen in und aus Deutschland bietet die Internetpräsenz zum DAM Preis dam-preis.de.

Die Finalisten:

James-Simon-Galerie, Berlin, Deutschland David Chipperfield Architects

James-Simon-Galerie. © Foto: Diether v Goddenthow
James-Simon-Galerie. © Foto: Diether v Goddenthow

Zwischen Kupfergraben und Neuem Museum gelegen, übernimmt die James-Simon-Galerie als neues Eingangsgebäude der Berliner Museumsinsel zentrale Servicefunktionen und leitet die Museumsbesucher über die Archäologische Promenade in die einzelnen Häuser. Die Architektursprache bedient sich vorgefundener Elemente wie gebauter Topografie, Kolonnade und Freitreppe. Durch die Staffelung der Gebäudemasse bleibt der Blick von der Schlossbrücke in die Tiefe der Museumsinsel und auf die Westfassade des Neuen Museums erhalten. Die Uferkante zum Kupfergraben wird durch einen steinernen Sockel ausgebildet, über dem sich die Hochkolonnade mit schlanken Stützen erhebt. Eine breite Freitreppe empfängt die Besucher. Auf der oberen Ebene gelangen sie in das großzügige Foyer mit direktem Anschluss an das Pergamonmuseum. Das Foyer, in dem auch das Café gelegen ist, öffnet sich zu einer Terrasse, die sich über die gesamte Länge des Gebäudes erstreckt und auch außerhalb der Öffnungszeiten frei zugänglich ist. Im Mezzaningeschoss unter dem Haupteingangsfoyer befinden sich der Museumsshop, eine große Garderobe und Schließfächer, im Sockelgeschoss liegen Ausstellungsbereiche und das Auditorium.

taz Neubau, Redaktions- und Verlagsgebäude, Berlin, Deutschland E2A

Der Neubau der taz vermittelt in seiner besonderen Ecklage an der Friedrichstrasse zwischen dem traditionellen Berliner Block und den Solitärbauten aus der Zeit der IBA von 1984. Aus der Kombination von Ecke und Block wurde eine einfache Lösung vorgeschlagen: Entlang der Friedrichstrasse werden die Berliner Traufhöhen übernommen und der Block weitergeführt. Ein Rücksprung in der Fassade entlang der Friedrichstrasse bildet ein klar akzentuierter Eingang. Das strukturelle System des neuen Hauses ist als Netz ausgebildet. Mit möglichst wenigen Elementen wird eine grösstmögliche Belastbarkeit erreicht. Es ist eine Struktur, in der alle Teile gleichviel leisten müssen und nur zusammen Stabilität erreichen. Es ist ein System ohne Hierarchie. Die architektonische Anmutung des neuen Hauses für die taz wird so Struktur und Sinnbild der Organisation zugleich. Die Hauptstruktur besteht aus diagonalen Verstrebungen entlang der Gebäudehülle und erfordert keine zusätzliche Unterstützung auf der Innenseite. Die dreizehn Meter tiefen Büroflächen schaffen eine Werkstattatmosphäre und ermöglichen eine Vielzahl unterschiedlicher Arbeitsformen. Die Treppenskulptur im Zentrum des Neubaus bildet aufgrund ihrer Dimension und Plastizität eine vertikale Fussgängerzone über die ganze Höhe des neuen Hauses. Sie ist ein Ort der Begegnung und des informellen Austauschs. Hier atmet das Gebäude und fördert die spontane Kommunikation.

Eingangsgebäude Freilichtmuseum Glentleiten, Deutschland Florian Nagler Architekten GmbH

Die Architekten begeistert an den Bauernhäusern des Oberlandes, dass einer einfachen äußeren Geometrie ein vielschichtiges Inneres, sowohl im Hinblick auf die Funktion als auch die Konstruktion, gegenübersteht. Dieses Prinzip hat sie auch beim neuen Eingangsgebäude des Freilichtmuseums Glentleiten inspiriert. Die Idee war, ein großes, einfaches Dach zu bauen und darunter eine robuste Struktur, die die gewünschten Funktionen aufnehmen kann und dabei auch flexibel und damit nachhaltig ist. Das Dachvolumen orientiert sich Maßstab der umliegenden Gebäude und fügt sich dabei erstaunlich gut in den Kontext ein. Die Gestaltung der Fassaden nimmt mit zwei großen Zugangstoren zum Museum und zur Gastwirtschaft Bezug auf die Tore des benachbarten Starkerer Stadels, ist dabei jedoch fast abstrakt gehalten. Die traditionelle Dachform und die einfachen Holzfassaden erinnern auf den ersten Blick an landwirtschaftliche Funktionsbauten, deren Anblick im bayerischen Voralpenland vertraut ist. Die Ausführung im Detail weicht dann jedoch von den vertrauten Bildern etwas ab. Auf der unteren Zugangsebene liegen der Eingang zum Museum, die Sonderausstellung und alle dazu gehörigen Räume. Im Geschoss darüber ist das Wirtshaus untergebracht, das durch die geschickte Ausnutzung der Topografie einen barrierefreien externen Zugang und Austritt in den Biergarten erhält. Flächen, die kein Tageslicht benötigen, sind in den sanften Hang eingegraben, das Gebäudevolumen wird dadurch optisch reduziert.

Stylepark Neubau am Peterskirchhof, Frankfurt am Main, Deutschland NKBAK

In Frankfurts Innenstadt sollte ein Wohn- und Geschäftshaus in einen Hinterhof erweitert werden. Das Besondere an dieser Bauaufgabe war– entgegen üblicher Hinterhofsituationen – die Sichtbarkeit der neuen Bebauung vom angrenzenden Peterskirchhof aus. Diese parkähnliche Anlage mit seiner umgrenzenden Friedhofsmauer ist denkmalgeschützt. Im Konzeptgedanken steht nicht eine Abgrenzung, sondern das Weiterbauen und die Akzentuierung der Zeitschichten im Vordergrund. Der Neubau wurde daher mit einer Klinkerfassade auf die Friedhofsmauer aufgebaut. Das Sichtmauerwerk ist mit verschiedenen Steinformaten horizontal geschichtet, sodass sich das (Zeit-)Schichten auch in der Materialität manifestiert. Die Bebaubarkeit war auf Grund der Abstandsregelungen begrenzt. Die Kubatur ist im Hinblick auf die Baumasse und die Belichtungssituationen präzise abgestimmt. Im Erdgeschoss wurde eine bereits vorhandene Gewerbeeinheit erweitert. In den Obergeschossen entstanden zwei Wohneinheiten. Sie sind ein Beitrag zur Verdichtung der Frankfurter Innenstadt mit der Schaffung von Wohnraum.

„einfach gebaut“, Berlin, Deutschland orange architekten

Die Architekten kauften das als unbebaubar geltende Grundstück selber und entwickelten und realisierten das Wohnensemble komplett in Eigenregie. Durch die Aufständerung der Baukörper blieben die Fußwege als auch die Durchlüftung des Quartiers gewahrt. Ebenso konnten die meisten Bäume erhalten werden, da das gesamte Gebäude zwischen den Wurzelbereichen positioniert wurde. Das Gebäude besteht aus zwei voneinander unabhängigen Teilen. Im fünfgeschossigen, schmalen „Langhaus “ befinden sich großzügige Lofts. Die Wohnungen sind zur Südseite hin komplett verglast. Von den durchgehenden Balkons schauen die Bewohner direkt in die Baumwipfel. Auf der Nordseite befinden sich Laubengänge. Das „Atelierhaus“ besteht aus drei übereinander gestapelten Apartments von 40 Quadratmetern. Beide Gebäudeteile werden durch ein straßenseitiges, außen liegendes Treppenhaus erschlossen. Als Alternative zum WDVS entwickelten die Architekten eine Netzfassade mit gesteckter Wärmedämmung, ohne jede Verbundmaterialien, die vollständig und sortenrein demontabel und rezyklierbar ist. Am Boden wurde statt mit Estrich und Klebeparkett mit einer lose liegenden, massiven Brettschichtholzplatte in einem einzigen Bauelement die Funktionen Estrich und Fußboden vereint. Es gibt in allen Wohnungen Sichtbetondecken. Schiebeelemente ersetzen Wände aus Gipskarton und ermöglichen eine flexible Nutzung der Flächen. Zugunsten einer Deckenhöhen von drei Metern wurde auf ein mögliches weiteres Geschoss verzichtet.

PREISVERLEIHUNG UND ERÖFFNUNG: Fr, 31. Januar 2020, 19 Uhr \ DAM Auditorium

© Foto: Diether v Goddenthow
© Foto: Diether v Goddenthow

Deutsches Architekturmuseum (DAM)
Schaumainkai 43
60596 Frankfurt am Main

Historisches Museum Frankfurt: „Wie wohnen die Leute?“ – Mit dem Stadtlabor durch die Ernst-May-Siedlungen

Die Besucher können  Wohnungen der Ernst-May-Häuser in ihren nachgebauten Originalgrundrissen erkunden und erhalten in jedem "Ausstellungshaus" komprimierte Informationen zum Wohnen, Leben, politischen Entwicklungen, Nachbarschaft usw., um sich die Zeit von der Entstehung bis heute individuell zu erschließen.  Hier: EFATE (Einfamilienhaus mit Dachterrasse ), von wo aus ein Rundgang durch die Ausstellung gestartet werden kann. © Foto: Diether v. Goddenthow
Die Besucher können Wohnungen der Ernst-May-Häuser in ihren nachgebauten Originalgrundrissen erkunden und erhalten in jedem „Ausstellungshaus“ komprimierte Informationen zum Wohnen, Leben, politischen Entwicklungen, Nachbarschaft usw., um sich die Zeit von der Entstehung bis heute individuell zu erschließen.
Hier: EFATE (Einfamilienhaus mit Dachterrasse ), von wo aus ein Rundgang durch die Ausstellung gestartet werden kann. © Foto: Diether v. Goddenthow

Neue Ausstellung im Historischen Museum Frankfurt
16. Mai bis 13. Oktober 2019
Frankfurt Jetzt!
Neues Ausstellungshaus, Ebene 3

„Wie wohnen die Leute?“ wurde am gestrigen Abend im Historischen Museum Frankfurt als letzte der drei großen Bauhaus-Ausstellungen 2019 eröffnet, die sich anlässlich 100 Jahre Bauhaus mit dem Frankfurter Stadtplaner Ernst May und seiner Zeit des Aufbruchs in die neue Moderne beschäftigen. Nach „Moderne am Main“ (19. Januar bis 14. April) im Museum Angewandte Kunst und „Neuer Mensch, neue Wohnung“ (23. März bis 18. August)  im  Deutsche Architekturmuseum zeigt das Historische Museum in seiner durch das hauseigene Stadtlabor partizipartiv entwickelten Ausstellung die Ergebnisse der „Umfrage“ wie die Leute heute in den in die Jahre gekommenen, zum Teil privatisierten, energetisch aufgerüsteten, teilweise sanierten oder entsprechend ihrer gewandelten Lebensbedürfnisse umgebauten (angepassten) Wohnungen leben.

Wie es in einer Pressemeldung des Hauses heißt, entstanden in Frankfurt zwischen 1925 und 1930  um die 15.000 neue Wohnungen. Dieses große Stadtplanungsprogramm war Teil des Neuen Frankfurt. Akteur*innen aus Kunst, Kultur, Politik, Architektur und Städtebau arbeiteten interdisziplinär zusammen, um eine moderne Großstadt zu gestalten.

Das Stadtlabor, die partizipative Ausstellungsreihe des Historischen Museums Frankfurt, konzentriert sich auf dieses städtebauliche Programm und fragt, wie das Leben heute in den Siedlungen des Neuen Frankfurt aussieht. Die Bewohner*innen kommen zu Wort und geben Einblicke in ihren Alltag. Die Ausstellung ist das Ergebnis eines partizipativen Prozesses, der im Frühling 2018 begann. In fünf Workshops wurden die Ausstellungsbeiträge und das Rahmenprogramm gemeinsam entwickelt. Dazu war das Stadtlabor-Team im Sommer 2018 in 19 Siedlungen und Wohnhausgruppen des Neuen Frankfurt zu Gast.

Die Ausstellungsarchitektur orientiert sich an den typisierten Wohnungsgrundrissen des Neuen Frankfurt. Sie vermitteln den Besucher*innen einen räumlichen Eindruck der standardisierten Wohnungen. Ausgestattet mit den Beiträgen der Stadtlaborant*innen und ergänzt mit Objekten aus der Sammlung des HMF, bieten sie die Präsentationsfläche für vier Themen. In jedem dieser vier Themenbereiche werden die grundlegenden Ideen der damaligen Akteure des Neuen Frankfurt für den Wohnungsbau vorgestellt. Die Beiträge der Stadtlaborant*innen zeigen auf, wie diese Ideen heute noch weiterleben. Die in diesem Spannungsfeld zwischen Gestern und Heute entstehenden Fragen regen die Ausstellungsbesucher*innen zu einem Gedankenspiel an: Was sollte bei der zukünftigen Stadtentwicklung bedacht werden? Wie wollen wir wohnen?

Tour durch die Ausstellung
1. Wohnen in der Siedlung
EFATE (Einfamilienhaus mit Dachterrasse )

Licht, Luft und Sonne versprach der moderne Städtebau den Bewohner*innen der Siedlungen. Historische Luftbilder und die Aquarelle von Hermann Treuner illustrieren diese drei Versprechen. Treuners Aquarelle vermitteln ebenfalls die von den Akteuren des Neuen Frankfurt gestaltete Farbgebung der Häuser. Ansichtskarten zeugen von einem regen Interesse an den Siedlungen, sie waren sowohl im Bau als auch nach ihrer Fertigstellung beliebte Fotomotive. Die Architektur des Neuen Frankfurt wird gerne als „zeitlos“ bezeichnet, doch die Zeit ging nicht spurlos an den Siedlungen vorüber. Bewohner*innen prägen das Erscheinungsbild der Siedlungen, indem sie diese immer wieder ihren Bedürfnissen und Vorstellungen anpassen. Dabei werden die Spannungsfelder zwischen Stadt und Natur, zwischen Denkmalschutz und Eigenbau, zwischen Miete und Eigentum sowie zwischen der Bedeutung des öffentlichen Nahverkehrs und der Auseinandersetzung mit dem eigenen Wohnumfeld sichtbar. Am Umbau der Frankfurter Küchen wird zudem deutlich, wie sich die Bewohner*innen die serielle Architektur angeeignet und sie für ihren Gebrauch verändert haben. 1947 kam es in der Siedlung Westhausen zudem zur Umbenennung von Straßen. Die Auseinandersetzungen mit dem Gebrauch der Siedlungen werfen Fragen auf: Wer entscheidet über den Bau und die Gestaltung von Neubaugebieten? Wie sollten sie in Zukunft aussehen? Eine partizipative Station ermöglicht es den Besucher*innen, ihre Forderungen einzubringen.

2. Nachbarschaft
MEFA (Mehrfamilienhaus) und KLEINGARTENLAUBE
Die Siedlungen sollten als Lebensräume für die Bewohner*innen dienen und waren mit allen für das alltägliche Leben notwendigen Einrichtungen ausgestattet. Neben Kindergärten und Einzelhandel entstanden auch Gärten und Spielplätze, ebenso Dachterrassen und Grünanlagen. Letztere waren als erweiterter Lebensraum für Einzelne sowie für die Gemeinschaft geplant und sollten die Verbindung zwischen privaten und öffentlichen Räumen herstellen. Die Gärten dienten als Erholungsfläche und zur Versorgung.
Bewohner*innen berichten vom gesellschaftlichen Wandel in den Siedlungen: Auf einem ehemaligen Kleingartengelände entstand ein Wildgarten als selbstorganisierter und betreuter Spielplatz. Ein weiterer Beitrag setzt sich mit dem Wohnen im Alter auseinander. Bewohner*innen der Henry und Emma Budge-Stiftung geben Einblicke in das Leben in der Seniorenanlage. Eine Kleingartenlaube gewährt Einblicke in die Nutzung der Gärten: Vom Selbstversorgungs- zum Wellnessgarten in Praunheim bis hin zu einem Handsähgerät, das ein stummer Zeuge des wirtschaftlichen Wandels in der Gärtnersiedlung Teller ist. Der Familienbetrieb, aus dem es stammt, befindet sich in Auflösung. Auch der ursprüngliche Zweck der Gärtnersiedlungen, eine stadtnahe Versorgung mit frischem Obst und Gemüse zu ermöglichen, scheint zunehmend verloren zu gehen. Wofür wollen wir Grünflächen und Gärten künftig nutzen? Als Anbaufläche zur Selbstversorgung? Als Treffpunkte für die Gemeinschaft, als Orte der Erholung? Oder dienen sie dem Ausgleich von CO2 Emissionen?

3. Bezahlbares Wohnen
MEFAGANG (Mehrfamilienhaus, Außengangtyp)
Wohnung für das Existenzminimum
Ernst May plante die Siedlungen in einer Zeit großer Wohnungslosigkeit. In möglichst kurzer Zeit musste neuer, bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden. Die Wohnungspolitik orientierte sich an der Gemeinnützigkeit. Wohnungsunternehmen sollten nicht primär profitorientiert handeln, die Miete sollte nicht mehr als ein Viertel des monatlichen Haushaltseinkommens betragen. Fragen zu bezahlbarem Wohnraum in Frankfurt am Main sind heute wieder von zentraler Bedeutung. Politik, Wissenschaft und Bürgerschaft suchen nach passenden Lösungen Ein Abstimmungskasten für den Mietentscheid und ein goldenes Haus aus Pappe – ein Negativpreis, mit dem Aktivitst*innen 2015 Mieterhöhungen kritisierten – zeigen die Forderungen nach mehr gemeinnützigem und bezahlbarem Wohnungsbau. Die Installation „Wir sind nie modern gewesen“ von Eleonora Herder und andpartnersincrime zeigt beginnende Verdrängungsprozesse auf. Dieser dritte Themenraum zeigt exemplarisch das Konzept des Wohnens auf kleinstem Raum und geht der Frage nach, wie viel Platz der Mensch zum Wohnen braucht.

4. Das neue (Um-)Bauen
ZWOFADOLEI (Zweifamilienhaus mit Doppelleitung)
Das Neue Frankfurt war ein großes Bauvorhaben, das nur mit einer äußerst rationalen und effizienten Planung umgesetzt werden konnte. Die Bautechnik wurde von handwerklicher Arbeit auf industrielle Massenproduktion umgestellt. Typisierte und standardisierte Bauelemente kamen zum Einsatz. Die Wohnungsgrundrisse wurden unter Berücksichtigung verschiedenster Ansprüche entworfen, die sich von beruflicher Schichtung, Kinderanzahl und anderen Kriterien ableiteten. Einige Siedlungen stehen heute unter Denkmalschutz, Bewohner*innen wünschten sich jedoch eine individuellere Gestaltung ihrer Wohnräume. In diesem vierten Raum ist das Spannungsfeld zwischen seriellem Wohnungsbau und dem Wunsch nach individueller Gestaltung zentral. Fotografien, Grafiken, Videos und Modelle zeigen die Nutzung und Aneignung durch ihre Bewohner*innen innerhalb der Häuser und an den Fassaden.
Eine Schlafzimmertür aus der Siedlung Römerstadt steht beispielhaft für die Aneignung der standardisierten Einrichtung. Das Originalbauteil wurde in den 1980er Jahren von den Kindern der Bewohner*innen mit Symbolen der Friedens- und Umweltbewegung beklebt. In der Ausstellung ist die Tür erst ab 18. Juni zu sehen – derzeit wird sie in einer anderen Ausstellung gezeigt.

Stadtlabor unterwegs & Stadtlaborant*innen
Das Stadtlabor unterwegs ist die partizipative Ausstellungsreihe des Historischen Museums Frankfurt seit 2010. Zentrales Anliegen dieses Formats ist die multiperspektivische Erkundung der Stadt und ihrer Lebenswelten. In enger Zusammenarbeit mit verschiedenen Gruppen der Stadtgesellschaft entstehen Ausstellungen, die der Information, Reflexion und Diskussion von Themen dienen, die Frankfurter*innen bewegen. Die wichtigste Prämisse der Ausstellungsreihe ist die aktive Teilhabe der Stadtbevölkerung an ihrem Museum und die Integration unterschiedlicher, auch sehr individueller Perspektiven und Sichtweisen auf die Stadt, ihre Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Das Stadtlabor-Team arbeitet direkt und intensiv mit den Partizipierenden, um auch jene einzubeziehen, für die ein Museum nicht der erste Ansprechpartner oder Referenzort ist, wenn es um die Reflexion der eigenen Lebenswirklichkeit geht.

Stadtlaborant*innen der Ausstellung „Wie wohnen die Leute?“
Roswitha Väth, Sybille Fuchs (Klimawerkstatt Ginnheim), Initiative Historischer Stadtspaziergang, Jan Jacob Hofmann, Gabriele Klieber, Ulrich Zimmermann, Jens Gerber, Dieter Church, Gertraude Friedeborn, Eleonora Herder (andpartnersincrime), Daniel Ladnar, Lars Moritz, Esther Pilkington und Jörg Thums (irreality.tv), Lilly Lulay, Cäcilia Gernand, Laura J Gerlach, Mobile Albania, Hildegard Kammer, Studierende der Buch- und Medienpraxis (Maren Fritz, Lisa Veitenhansl, Miriam Schumm, Louisa Gröger, Silvia Claus, Alexandra Dehe, Paula Hauch, Katja Schaffer, Anna Speitel, Julia Breitmoser, Laura Genenz, Nele Mascher, Sonja Stöhr, Sandra Zaitsev, Juliane Zipper, Ronja Vogel, Max Seidel, Manuela Splittdorf, Stefan Katzenbach, Kevin-Lukas Velte, Ruth Manstetten, Sophie Ritscher, Isabel Schramm, Katharina Koch und Max Aigner), University of Applied Sciences Frankfurt (Julia Ackermann, Khaled Al Sharif, Matthias Büdinger, Hazal Demirtas, Miral Diab, Philip Dzewas, Julian Glunde, Laura Herzog, Ali Kazemi, Sebastian Kiel, Samantha Martinek, Nicklas Nordquist, Carolin Riffel, Donghwi Shin, Banu Yilmaz und Maren Harnack), Melanie Herber, Wildgarten – Abenteuerspielplatz, Steffen Kleebach, Bewohner*innen Henry und Emma Budge-Stiftung (Myke Findeklee, Ernst-Dietrich Haberland, Heide Lauterbach, Sofia Mann, Renate Rauch, Ute Karen Voigt), Anna Pekala, Kulturkreis Westhausen, BDA Frankfurt (Bund Deutscher Architekten), Harald Etzemüller, Karla Dillmann, Katrin Dillmann, Judith Rosenthal und Sophia Edschmid.

Zur Partizipation im Historischen Museum Frankfurt
Partizipation ist ein Leitgedanke des Historischen Museums Frankfurt. Das HMF entwickelte sich vom Fachmuseum für Geschichte zu einem Museum für die Stadtgesellschaft des 21. Jahrhunderts. Frankfurt ist eine hochgradig von Diversität geprägte Stadt. Wie können Menschen unterschiedlicher kultureller Prägung und Bildung angesprochen werden? Wie kann das Museum für alle Frankfurter*innen da sein, auch für die, deren Geschichte sich nicht nur hier, sondern in vielen Teilen der Welt abspielt? In „Frankfurt Jetzt!“ werden aktive Mitgestaltung und Teilhabe durch partizipative Angebote ermöglicht. Wie lässt sich eine Stadt erfassen? Was macht Frankfurt aus? Und wer ist ein*e Stadt-Expert*in? In „Frankfurt Jetzt!“ arbeitet das Museum auf der Grundlage einer geteilten Expertise und lädt alle 750.000 Frankfurt-Expert*innen ein, die Stadt der Gegenwart zu erfassen und zu beschreiben. In den partizipativen Prozess bringt das Museumsteam die kuratorische und organisatorische Expertise ein. Das Stadtlabor-Team strukturiert und moderiert den Prozess und berät die jeweiligen Co-Kurator*innen dabei, ihre Ideen professionell und ansprechend umzusetzen. Sie wiederum sind die Expert*innen für die Stadt und bringen ihr Wissen über die Stadt bzw. ihre Lebenswelt ein.
Die „Stadtlabor unterwegs-Ausstellungen“ sind das prominenteste partizipative Format des Museums. Seit 2011 sind insgesamt zwölf Ausstellungen entstanden. Die Ausstellung „Wie wohnen die Leute? – Mit dem Stadtlabor durch die Ernst-May-Siedlungen“ ist die 13. Stadtlabor-Ausstellung. Der Ausstellungsraum „Frankfurt Jetzt!“ auf Ebene 3 im neuen Ausstellungshaus bietet eine wandelbare Präsentationsfläche für die Ergebnisse und Erkenntnisse dieser partizipativen Prozesse.

Führungen durch die Ausstellung
Mi, 5.6., um 19 Uhr
Mit Pascal Heß
Mi, 19.6., um 19 Uhr
Mit Aleksandra Sajnikova
Mi, 3.7., um 19 Uhr
Mit Pascal Heß
Sa, 13.7., um 15 Uhr
Mit Roman Schumilow
Mi, 31.7., um 19 Uhr
Mit Pascal Heß
Sa, 10.8., um 15 Uhr
Mit Simone Arians
Mi, 14.8., um 19 Uhr
Mit Pascal Heß
Do, 29.8., um 14.30 Uhr

Stadtgespräch 65plus
Mit Pascal Heß
Treffpunkt: Kassenfoyer
Eintritt: 8€ / 4€ + 3€ Führungsgebühr
Dauer: 60 bis 90 Minuten
Für die Führung ist eine Anmeldung beim Besucherservice des HMF erforderlich:
Information und Anmeldung
Susanne Angetter
Mo – Fr 10.00 – 16.00 Uhr
Tel. +49 (0)69-212-35154
E-Mail: besucherservice@historisches-museum-frankfurt.de

Kuratorinnenführungen
Sa, 15.6., um 15 Uhr
Mit Katharina Böttger und Stadtlaborant*innen
Mi, 17.7., um 19 Uhr
Mit Katharina Böttger und Stadtlaborant*innen

Treffpunkt: Kassenfoyer
Eintritt: 8€ / 4€ + 6€ Führungsgebühr
Dauer: 60 bis 90 Minuten
Für die Führung ist eine Anmeldung beim Besucherservice des HMF erforderlich:
Information und Anmeldung
Susanne Angetter
Mo – Fr 10.00 – 16.00 Uhr
Tel. +49 (0)69-212-35154
E-Mail: besucherservice@historisches-museum-frankfurt.de

Finissage
So, 13. Oktober, 16:00 Uhr
Wie wohnen die Leute?
Mit dem Stadtlabor durch die Ernst-May-Siedlungen
Neue Ausstellung im Historischen Museum Frankfurt
16. Mai bis 13. Oktober 2019
Frankfurt Jetzt!
Ausstellungshaus, Ebene 3

Führungen und Rahmenprogramm
historisches-museum-frankfurt.de/stadtlabor/wie-wohnen-die-leute Besucherservice und Führungsanfragen
Mo – Fr 10 – 16 Uhr
Tel.: 069 212 35154, besucherservice@historisches-museum-frankfurt.de

Weitere Informationen
Historisches Museum Frankfurt
Saalhof 1, 60311 Frankfurt am Main
www.historisches-museum-frankfurt.de

Sonder-Ausstellung NEUER MENSCH, NEUE WOHNUNG DIE BAUTEN DES NEUEN FRANKFURT 1925 – 1933 im Deutschen Architekturmuseum zu 100 Jahren Bauhaus

Hermann Treuner, Die Römerstadt, 1929. Öl auf Leinwand. Deutsches Architekturmuseum, Ffm. © Foto: Diether v. Goddenthow
Hermann Treuner, Die Römerstadt, 1929. Öl auf Leinwand. Deutsches Architekturmuseum, Ffm. © Foto: Diether v. Goddenthow

2019 feiert das Bauhaus seinen 100. Geburtstag. Bis zu seiner Schließung im Jahr 1933 war es 14 Jahre lang eine herausragende Schule der Avantgarde, von der Kunst, Design und Architektur zentrale Impulse empfingen. Die internationale Nachwirkung vor allem der Dessauer Periode ist bis heute zu spüren.

„Ein Leitbild im Neuen Frankfurt war der Neue Mensch der Moderne, ‚der – so Ernst May – ‚entschlossen ist, das Alte, Erstarrte hinter sich zu lassen‘. Diesen Neuen Menschen und die für ihn entworfenen Bauten haben wir als Titel unserer Ausstellung genommen“, sagte Wolfgang Voigt, Kurator und stellvertretender Vorsitzender der Ernst-May-Gesellschaft, gestern Abend bei seiner Eröffnungsrede. Die Idee des Neuen Menschen sei ein direktes Substrat aus Friedrich Nietzsches Schriften gewesen, und Ludwig Landmann ein glühender Verehrer, habe sich „gleich auf Seite eins der ersten Nummer der Zeitschrift Frankfurt“ (1926) auf den Philosophen berufen.

Der Neue Mensch war bis zum Ersten Weltkrieg eine elitäre Fiktion; er entsprach noch nicht dem Typus, den Landmann und May beim Start des Neuen Frankfurt im Visier hatten. Erst im Neuen Frankfurt wurde die Idee demokratisiert. Die neuen Wohnungen, Schulen, Kindergärten und Schwimmbäder boten die von Licht, Luft und Sonne bestimmte Umwelt, die den Stadtbewohner zum neuen Menschentyp werden lässt – so die Hoffnung der Architekten.. © Foto: Diether v. Goddenthow
Der Neue Mensch war bis zum Ersten Weltkrieg eine elitäre Fiktion; er entsprach noch nicht dem Typus, den Landmann und May beim Start des Neuen Frankfurt im Visier hatten. Erst im Neuen Frankfurt wurde die Idee demokratisiert. Die neuen Wohnungen, Schulen, Kindergärten und Schwimmbäder boten die von Licht, Luft und Sonne bestimmte Umwelt, die den Stadtbewohner zum neuen Menschentyp werden lässt – so die Hoffnung der Architekten.. © Foto: Diether v. Goddenthow

Beim gebildeten Publikum im Deutschen Reich nach 1900 besaßen die Schriften des Philosophen Friedrich Nietzsche (1844–1900) Kultstatus. Aus ihnen ließ sich die Vorstellung eines Menschentyps destillieren, der sich aufmachen werde, „etwas Neues zu sein, etwas Neues zu bedeuten, neue Werte darzustellen“ (Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, 1886). Seine Aufgabe war: eine neue soziale Ordnung vorbereiten, „gegründet auf ästhetische Kriterien und bevölkert von gesunden Körpern“.

In Frankfurt wurde die Idee demokratisiert: Nicht mehr nur eine Elite, sondern jeder sollte nun die Chance haben, sich dem Neuen Menschentyp anzuschließen, in einer von Licht, Luft und Sonne bestimmten Umwelt. So verkündeten es die oft emphatischen Äußerungen von Landmann, May, Wichert und anderen Stichwortgebern des Neuen Frankfurt. Besonders die Architekten verstanden sich als legitime Erzieher zum richtigen Leben in der Moderne.

© Foto: Diether v. Goddenthow
© Foto: Diether v. Goddenthow

Die Ausstellung Neuer Mensch, neue Wohnung gilt dem parallelen Geschehen in Frankfurt am Main, das zwischen 1925 und 1933 ein nicht minder bedeutendes Zentrum des Aufbruchs darstellte. Frankfurt war kein Planet des Bauhauses, sondern ein eigener Stern mit eigener Energie.

Unter der Regie des Oberbürgermeisters Ludwig Landmann und des Architekten Ernst May konstituierte sich hier das Neue Frankfurt, das unter diesem Namen in die Architektur- und Kulturgeschichte einging. Die Stadt erhielt einen beispiellosen Schub in die kulturelle Moderne. Für eine kurze Zeitspanne wurde sie zur Hochburg der Avantgarde in der Architektur.

In Frankfurt plante man die Umgestaltung zur exemplarischen Großstadt der Moderne, sozial, baulich und kulturell. Das Entscheidende war: Theorie wurde schnell zur Praxis, man fing sofort mit der Umsetzung an. Den wichtigsten Impuls gab das im Oktober 1925 publizierte Programm für 10.000 neu zu errichtenden Wohnungen.
Ein Leitbild der Architekten des Neuen Frankfurt war der Neue Mensch der Moderne,„der entschlossen ist, das Alte, Erstarrte hinter sich zu lassen“ (Ernst May), um im Alltag der naturnahen neuen Siedlungen eine befreite Existenz zu führen. Der neuen Wohnung war in diesem Prozess eine beherrschende Rolle zugedacht. Die Architekten verstanden sich als legitime Erzieher zum richtigen Leben in der Moderne.

Über die Ausstellung

Wolfgang Voigt, Kurator (4. v.r.), und Andrea Jürges (3.v.r.), stellvertretende Direktorin, erläutern anhand des Holzmodells Idee, Konzept und Umsetzung der Siedlung Römerstadt im Neuen Frankfurt. © Foto: Diether v. Goddenthow
Wolfgang Voigt, Kurator (4. v.r.), und Andrea Jürges (3.v.r.), stellvertretende Direktorin, erläutern anhand des Holzmodells Idee, Konzept und Umsetzung der Siedlung Römerstadt im Neuen Frankfurt. © Foto: Diether v. Goddenthow

Die Siedlungen des Neuen Frankfurts
Im Mittelpunkt der Ausstellung steht eine Auswahl aus zehn Siedlungen des Neuen Frankfurt, in denen das Wohnen in „Licht, Luft und Sonne“ Gestalt annahm, unter anderem die Siedlung Niederrad (Zickzackhausen), 1926/27 mit 643 Wohnungen; die Siedlung Hellerhof, 1929–1932, mit 1194 Wohnungen in drei- bis viergeschossiger Zeilenbauweise und dazuwischen liegenden Grünflächen; die Siedlung Praunheim, 1927–1929 mit 1441 Wohnungen; die Siedlung Westhausen, 1929–1931 mit 1522 Wohnungen und die Siedlung Römerstadt, 1927/28 mit 1.182 Wohnungen.

Die Siedlung Römerstadt sei, so die Kuratoren Dorothea Deschermeier, Wolfgang Voigt und Assistenzkurator Jonas Malzahn, städtebaulich wohl die bemerkenswerteste Planung des Neuen Frankfurt. Auf einem Höhenrücken an der Nidda gelegen, passt sie sich in ihrer Anlage den topographischen Gegebenheiten an. Den südlichen Abschluss markiert eine festungsartige Stützmauer aus Beton, die eine Stadtmauer wie in vergangenen Zeiten erinnert. Die Geländekante wurde von den Architekten zu einer besonderen Raumfigur genutzt: „Bastionen“ genannte Plateaus, die wenige Meter über der Niederung liegen und attraktive Platzräume bilden. Die Bebauung besteht großteils aus flachgedeckten, zweigeschossigen Einfamilienreihenhäusern. Im Ostteil der Siedlung verlaufen die Straßen bogenförmig, im Westen dominieren gerade Linien. Diese sind jedoch regelmäßig unterbrochen und versetzt, so dass dort, wo über eine Länge von 700 Metern mehr als hundert Mal derselbe Haustyp aufgereiht ist, keine endlos lange Straße entsteht. Zwischen den Wohnbauten finden sich breite Grünstreifen, die in Hausgärten zur Selbstversorgung untergliedert sind. Für die Bewohner der Mehrfamilienhäuser wurde unterhalb der Mauer ein breiter Streifen mit Kleingärten angelegt.

Modelle und Wandbilder der Heimatsiedlung des Neuen Frankfurts. © Foto: Diether v. Goddenthow
Modelle und Wandbilder der Heimatsiedlung des Neuen Frankfurts. © Foto: Diether v. Goddenthow

Die chronologische Abfolge, in der Siedlungen in der Ausstellung gezeigt werden, markiert nicht nur die Entwicklung der auf unterschiedliche Familienkonstellationen zugeschnittenen Haustypen, sondern auch die Variationen in der städtebaulichen Anlage und die Herausbildung der funktionellen Planungsdoktrin um 1930. Zudem verdeutlicht sie die zunehmenden Schwierigkeiten der Finanzierung, die zuletzt stark verkleinerte Wohnungsgrundrisse erzwangen und nach 1930 dem gesamten Projekt ein Ende setzten.

Bauten großstädtischer Infrastruktur

Das IG-Farbenhaus war neben der Großmarkthalle das größte und markanteste  Gebäude seiner Zeit. © Foto: Diether v. Goddenthow
Das IG-Farbenhaus war neben der Großmarkthalle das größte und markanteste Gebäude seiner Zeit. © Foto: Diether v. Goddenthow

Neben den Siedlungen werden einige wichtige für das „Neue Bauen“ im Neuen Frankfurt charakteristische Bauten der großstädtischen Infrastruktur präsentiert – Bildungsstätten, Kirchen, Krankenhäuser, ein Altenheim, die Großmarkthalle und das Gesellschaftshaus am Palmengarten. Dazu kommen die als Vorbilder konzipierten Wohnhäuser der leitenden Architekten Ernst May und Martin Elsaesser.

Das Wohnungsbauprogramm
Gleich nach Amtsanritt legte May ein ehrgeiziges Bauprogramm für 10.000 Wohnungen vor, das innerhalb von zehn Jahren Wohnraum vor allem für die Bevölkerung mit geringerem Einkommen schaffen sollte.
Angesichts der überfüllten Altstadt mit oft mangelhaften hygienischen Zuständen wollte man helle, gut durchlüftete Wohnungen schaffen. Reihenhauszeilen mit Garten ersetzten die Mietskasernen. Die Wohnungen wurden mit damals hohen Standards wie fließend Warmwasser, Zentralheizung sowie der Frankfurter Küche ausgestattet. Gemeinschaftsbauten wie Waschhäuser mit elektrischen Waschmaschinen sollten das Alltagsleben erleichtern.
Um die Baukosten niedrig zu halten, experimentierte May mit einer industrialisierten Bauweise, in der vorgefertigte und normierte Bauteile zum Einsatz kamen. „Das Ziel“, so May, „muss die fabrikmäßig erzeugte, fertig lieferbare, in wenigen Tagen montierbare Wohnung sein“. Bis 1933 entstanden im städtischen Wohnungsprogramm 12.000 Einheiten. Trotz aller Bemühungen stiegen die Herstellungskosten in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre kontinuierlich an. Bald war der Wohnungsnot nicht mehr mit bautechnischen Mitteln beizukommen, das eigentliche Problem war ein wirtschaftliches. Die Mieten blieben deshalb gerade für Arbeiter oft zu hoch.

Die Frankfurter Plattenbauten

Wolfgang Voigt, Kurator und stv. Vorsitzender der Ernst-May-Gesellschaft erläutert an einem von Studenten der Hochschule erstellten Modell den Ernst Mays Frankfurter Plattenbau. © Foto: Diether v. Goddenthow
Wolfgang Voigt, Kurator und stv. Vorsitzender der Ernst-May-Gesellschaft erläutert an einem von Studenten der Hochschule erstellten Modell den Ernst Mays Frankfurter Plattenbau. © Foto: Diether v. Goddenthow

Ein wesentlicher Programmpunkt des Neuen Frankfurt war die Mechanisierung des „Massenbedarfsartikels Wohnung“ (Ernst May), die hier erstmals im 20. Jahrhundert im großen Stil und in nennenswertem Umfang Anwendung fand. Das Frankfurter Experiment ersetzte den gebräuchlichen Mauerziegel durch einen Baukasten aus großformatigen Betonplatten aus industrieller Produktion, die bis zu drei Meter lang und im Prinzip für alle Reihenhaustypen anwendbar sein sollten. An der Baustelle hob ein Kran die Teile direkt vom Lastwagen an die vorgesehene Position im Rohbau des Hauses. Die Bauweise hatte auch einen sozialpolitischen Aspekt, denn zur Herstellung der Platten wurde eine eigene Fabrik eingerichtet, in der zuvor arbeitslose Männer Beschäftigung fanden. 1923 waren die Memoiren von Henry Ford auf Deutsch erschienen. Ernst May hatte eine begeisterte Rezension verfasst. Wie die am Fließband hergestellten Autos von Ford sollte auch das Wohnen billiger werden. Genau das stellte sich nicht ein, weshalb man das Experiment auslaufen ließ. Am Ende wurde nur rund ein Zehntel der am Ende 12.000 Wohnungen in Plattenbauweise gebaut.

Neuer Mensch durch neue Lebens- und Wohnart

„Ein Grundriß mag noch so organisch aufgebaut sein, die Abmessungen mögen noch so zweckmäßig berechnet werden, die ästhetischen Verhältnisse der Räume mögen noch so glücklich sein, im Augenblick, wo der übliche minderwertige Hausrat seinen Einzug hält, schwindet die Harmonie (…)." So abfällig äußerte sich May über traditionelle Möbel, allerdings auch aus der Erkenntnis heraus, dass in die Kleinwohnungen auch nur schmucklose Kleinmöbel hineinpassten. Die Architekten der Bauhaus-Ära wollten zum neuen Menschen erziehen  auch durch den passenden, seriell minimalistisch produzierten Hausrat. Im sogenannten Frankfurter Register wurden sämtliche Funktions-Möbel bis hin zu den Lampen aufgelistet, die helfen sollten den Menschen zu "veredeln", © Foto: Diether v. Goddenthow
„Ein Grundriß mag noch so organisch aufgebaut sein, die Abmessungen mögen noch so zweckmäßig berechnet werden, die ästhetischen Verhältnisse der Räume mögen noch so glücklich sein, im Augenblick, wo der übliche minderwertige Hausrat seinen Einzug hält, schwindet die Harmonie (…).“ So abfällig äußerte sich May über traditionelle Möbel, allerdings auch aus der Erkenntnis heraus, dass in die Kleinwohnungen auch nur schmucklose Kleinmöbel hineinpassten. Die Architekten der Bauhaus-Ära wollten zum neuen Menschen erziehen auch durch den passenden, seriell minimalistisch produzierten Hausrat. Im sogenannten Frankfurter Register wurden sämtliche Funktions-Möbel bis hin zu den Lampen aufgelistet, die helfen sollten den Menschen zu „veredeln“, © Foto: Diether v. Goddenthow

Der sozio-kulturelle Hintergrund des Neuen Frankfurt wird an mehreren Beispielen thematisiert: Das Phantasma des „Neuen Menschen“, die Elektrifizierung der Siedlungen, der Versuch einer flächendeckenden Einführung des Radios in den Neubausiedlungen sowie die für das Neue Frankfurt typische Einrichtung von Zentralwäschereien werden dargestellt.

Kuratorin Dorothea Deschermeier erläutert das neue Phänomen der wachsenden Anzahl berufstätiger alleinstehender Frauen in den 1920er Jahren. Diese wohnten unselbständig zumeist zur Untermiete bei Verwandten oder Zimmerwirtinnen. So entwarf Bernhard Hermkes im Auftrag des Frauenwohnvereins in Frankfurt ein Ledigenheim mit 60 kleinen Wohnstudios von je 22 qm und Minbalkon mit  Einbauschränke und Schrankbett zum Hochklappen. © Foto: Diether v. Goddenthow
Kuratorin Dorothea Deschermeier erläutert das neue Phänomen der wachsenden Anzahl berufstätiger alleinstehender Frauen in den 1920er Jahren. Diese wohnten unselbständig zumeist zur Untermiete bei Verwandten oder Zimmerwirtinnen. So entwarf Bernhard Hermkes im Auftrag des Frauenwohnvereins in Frankfurt ein Ledigenheim mit 60 kleinen Wohnstudios von je 22 qm und Minbalkon mit Einbauschränke und Schrankbett zum Hochklappen. © Foto: Diether v. Goddenthow

Die Industrialisierung des Bauens und die Frankfurter Küche werden in eigenen Stationen behandelt. Die Station „Das neue Neue Frankfurt“ schlägt schlussendlich den Bogen zur prekären Situation des Wohnungsmarktes heute.

Die Siedlungen, Bauten und relevanten Themen werden anhand von zahlreichen Plänen, Modellen, Fotos und einigen historische Filmsequenzen präsentiert. Für die Frankfurter Küche wurde ein besonders anschauliches, neues Modell im Maßstab 1:5 gefertigt, gleich einer Puppenstube.

Die Gestaltung der Ausstellungswände ist von den Frontseiten der Zeitschrift Das Neue Frankfurt inspiriert: ein dunkles Feld, in dem Fotos collagenhaft angeordnet sind, darüber ein breiter weißer Streifen mit farbiger Schrift.

Die Ausstellung ist Teil einer gemeinsamen Initiative von drei Frankfurter Museen – dem Museum Angewandte Kunst, dem Deutschen Architekturmuseum und dem Historischen Museum Frankfurt – und dem Forum Neues Frankfurt anlässlich des Bauhaus-Jubiläums 2019.

Ort:
DEUTSCHES ARCHITEKTURMUSEUM
Schaumainkai 43,
60596 Frankfurt am Main
www.dam-online.de

Vorschau:

13. April – 23. Juni 2019
WOHNEN FÜR ALLE
Das Neue Frankfurt 2019

4. Mai – 1. September 2019
EUROPÄISCHER ARCHITEKTURFOTOGRAFIE-PREIS ARCHITEKTURBILD 2019
Joyful Architecture

BEGLEITPROGRAMM
Die Ausstellung wird begleitet von einem umfangreichen Vortrags- und Veranstaltungsprogramm:
Details  auf: dam-online.de/veranstaltungen.

PUBLIKATION

neuer-mensch-katalog

Neuer Mensch, neue Wohnung
Die Bauten des Neuen Frankfurt 1925–1933
Herausgegeben von Wolfgang Voigt / Dorothea Deschermeier /
Peter Cachola Schmal
DOM publishers, Berlin
210 × 230 mm, 228 Seiten
ISBN 978-3-86922-720-7 (deutsch)
ISBN 978-3-86922-721-4 (englisch)
Im Museumsshop erhältlich für 22,– EUR,
im Buchhandel erhältlich für 28,– EUR.

„Wohnen für alle“-Finalisten gestern im Deutschen Architektur Museum Frankfurt präsentiert

logo-wohnen-f.alleDas Dezernat für Planen und Wohnen der Stadt Frankfurt am Main und das Deutsche Architekturmuseum hatten gemeinsam mit der ABG FRANKFURT HOLDING GmbH – Wohnungsbaugesellschaft der Stadt Frankfurt am Main den Preis »Wohnen für Alle: Neues Frankfurt 2018« für aktuell realisierte, bezahlbare und gute Wohnbauprojekte in Europa ausgelobt.

Partner des Preises sind die Bundesstiftung Baukultur, der Deutsche Städtetag sowie die Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen. Unterstützt wird der Preis von der BPD Immobilienentwicklung GmbH.

In PHASE 1 CALL FOR PROJECTS konnten Architekturbüros aus ganz Europa konnten bis zum 16. Februar 2018 ihre realisierten Beispiele des bezahlbaren Wohnungsbaus aus den letzten vier Jahren einreichen. Vorbildliche Lösungen sollten hervorgehoben werden. Alle Projekte werden jetzt in einer Ausstellung und einem Katalog dokumentiert. 107 Architekturbüros aus ganz Europa folgten dem Call for Projects und reichten insgesamt 131 Projekte ein. Eine internationale Jury prämierte aus den Einreichungen dieser Phase 1 nun bis zu 10 Preisträger. Die Preisträger wurden mit einem Preis der Stadt Frankfurt am Main ausgezeichnet und qualifizieren sich automatisch zur Teilnahme an »Phase 2«.

Die 10 Preistrager der Phase 1, haben sich in für PHASE 2 BAUEN 1:1 für ein Konzeptverfahren qualifiziert, in dem sie für ein Projektareal im Frankfurter Hilgenfeld ein bauliches Konzept für bezahlbaren Wohnungsbau entwarfen. Aus diesen Beiträgen wählte die Jury bis zu 3 herausragende Arbeiten aus, die anschließend auf dem Grundstück ab Ende 2019 /Anfang 2020 1:1 realisiert werden.

HILGENFELD

Gemeinsam mit Mike Josef, Dezernent für Planen und Wohnen der Stadt Frankfurt erläutern Dr. Marcu Gwechenberger (links) und Peter Cachola Schmal, Direktor des Deutschen Architekturmuseums, die Bauperspektiven auf dem Projektareal im Frankfurter Hilgenfeld. © Foto: Diether v. Goddenthow
Gemeinsam mit Mike Josef, Dezernent für Planen und Wohnen der Stadt Frankfurt erläutern Dr. Marcu Gwechenberger (links) und Peter Cachola Schmal, Direktor des Deutschen Architekturmuseums, die Bauperspektiven auf dem Projektareal im Frankfurter Hilgenfeld. © Foto: Diether v. Goddenthow

Das Hilgenfeld liegt im Frankfurter Norden mit Blick in das Niddatal – angrenzend an den Stadtteil Frankfurter Berg. Im Osten wird das Baufeld durch die Homburger Landstraße, im Süden durch die Trasse der Main-Weser-Bahn begrenzt. Über die S-Bahn-Station Frankfurter Berg besteht eine sehr gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. Der Bebauungsplanentwurf für das gesamte Areal wird auf Grundlage eines städtebaulichen Ideenwettbewerbs aus dem Jahr 2016 entwickelt. Den 1. Preis für die städtebauliche Gestaltung erhielt das Büro Thomas Schüler Architekten Stadtplaner, Düsseldorf zusammen mit Faktorgrün Landschaftsarchitekten, Freiburg. Auf dem 17,2 Hektar großen Areal werden zukünftig in mehr als 850 Wohnungen mehr als 2.000 Menschen ein neues Zuhause finden. Eine Mischung unterschiedlicher zeitgenössischer Wohnkonzepte soll dabei die Grundlage für ein lebendiges Miteinander schaffen. Der vom Deutschen Architekturmuseum zusammen mit der Stadt Frankfurt und der AGB Frankfurt Holding ausgelobte Preis WOHNEN FÜR ALLE will dazu einen ersten innovativen Beitrag liefern.

Ausstellung – WOHNEN FÜR ALLE – DAS NEUE FRANKFURT
vom 18. Mai bis 9. September 2018

Über 100 Architekten aus dem In- und Ausland sind der Einladung gefolgt und haben insgesamt 131 realisierte Projekte dazu eingereicht. Sie zeigen die Vielfältigkeit, Kreativität und Qualität des aktuellen Wohnungsbaus für Alle – in Deutschland wie in den Niederlanden, Frankreich und Großbritannien; in Österreich, der Schweiz, Slowenien, Italien, Spanien und der Türkei wie in Norwegen, Finnland und Polen. Ihre Entwürfe sind jetzt zu sehen im Deutschen Architektur Museum Frankfurt  © Foto: Diether v. Goddenthow
Über 100 Architekten aus dem In- und Ausland sind der Einladung gefolgt und haben insgesamt 131 realisierte Projekte dazu eingereicht. Sie zeigen die Vielfältigkeit, Kreativität und Qualität des aktuellen Wohnungsbaus für Alle – in Deutschland wie in den Niederlanden, Frankreich und Großbritannien; in Österreich, der Schweiz, Slowenien, Italien, Spanien und der Türkei wie in Norwegen, Finnland und Polen. Ihre Entwürfe sind jetzt zu sehen im Deutschen Architektur Museum Frankfurt © Foto: Diether v. Goddenthow

Die Planungs-Entwürfe der 10 Preisträger sowie alle weiteren rund 120 Projekt-Entwürfe der – zum Teil international tätigen –  Architektur-Büros können ab heute im Rahmen der Ausstellung WOHNEN FÜR ALLE DAS NEUE FRANKFURT 2018 PRÄSENTATION DES WETTBEWERBS FÜR BEZAHLBARES UND GUTES WOHNEN im Deutschen Architekturmuseum (DAM), Frankfurt a. M. bis zum 9. September besichtigt werden.

Flyer Wohnen für Alle

FAHR RAD! Die Rückeroberung der Stadt – ab 21.April im Deutschen Architektur Museum Frankfurt

logo-fahr-radGut gestaltete öffentliche Räume sind eine wichtige Aufgabe für Stadtplanung und Landschaftsarchitektur. Als dritter Akteur auf dieser begrenzten Fläche kommt die Verkehrsplanung hinzu. Der Radverkehr spielt in all diesen Bereichen eine zentrale, verbindende Rolle, er kann der Schlüssel zum Erfolg werden. Um die Lebensqualität zu erhalten und weiter zu verbessern, braucht es in einer zunehmend dicht bebauten und intensiv genutzten Stadt mehr Raum auf Straßen und Plätzen, mehr Grün- und Freiflächen. FAHR RAD! zeigt, wie eine Stadtentwicklung aussehen kann, die in Zukunft noch mehr Menschen auf das Rad lockt – und wirbt mit Projekten aus aller Welt für diese sanfte Rückeroberung der Stadt. In den Fokus gerückt werden Städte wie Kopenhagen, New York, Karlsruhe und Oslo. Sie zeigen auf, wie der Weg zu einer nachhaltigen und sozialen Stadt auch über die Planungen für eine fahrradgerechte Stadt führen kann.

© Foto: Diether v. Goddenthow
© Foto: Diether v. Goddenthow

Begleitend zur Ausstellung wurden Ideenskizzen für die Schweizer Straße in Frankfurt am Main von Architekten, Stadtplanern und Landschaftsarchitekten gezeigt. Diese Straße verbindet die beiden Standorte des DAM: das Museum mit seinem Archiv und der Bibliothek (21. April – 13. Mai 2018, Galerie im Erdgeschoss).

Zur Ausstellung erscheint der Katalog „Fahr Rad! Die Rückeroberung der Stadt“.

Das Projekt wird gefördert durch das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) aus Mitteln zur Umsetzung des Nationalen Radverkehrsplans 2020.

Kuratoren der Ausstellung sind Annette Becker, Stefanie Lampe und Lessano Negussie.

FAHR RAD! Die Rückeroberung der Stadt
AUSSTELLUNG: 21. April – 2. September 2018, EG
AUSSTELLUNGSERÖFFNUNG: Fr, 20. April 2018, 19 Uhr

 

© Foto: Diether v. Goddenthow
© Foto: Diether v. Goddenthow

DEUTSCHES ARCHITEKTURMUSEUM (DAM)
Schaumainkai 43
60596 Frankfurt am Main
www.dam-online.de

„SOS-Brutalismus“ – Die hohe Ästhetik des Hässlichen – weltweit erste Überblicksschau zur „Sichtbetonbauweise“ – Deutsches Architekturmuseum Frankfurt

Foto: Diether v. Goddenthow
Foto: Diether v. Goddenthow

Im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt bietet sich zum ersten Mal die Gelegenheit, die „Brutalistische Architektur der 1950er bis 1970er Jahre“ in einem weltweiten Überblick zu betrachten. Der Begriff Brutalismus bezieht sich nicht auf das Wort »brutal«, sondern auf béton brut, den französischen Ausdruck für Sichtbeton.
Zu sehen sind im gesamten Foyer-Bereich des Architekturmuseums Bild- und Texttafeln sowie zahlreiche – mitunter ungewöhnlich große – Modell-Bauten aus Japan, Brasilien, dem ehemaligen Jugoslawien, Israel und Grossbritannien, wo der New Brutalism von Alison und Peter Smithson erfunden wurde. Die Ausstellung richtet sich nicht nur an Studenten und Fachleute, sondern zeigt dem interessierten Laien und Kunstinteressenten das breite Spektrum dieses fast in Vergessenheit geratenen, auch bisweilen heftig umstrittenen und abgelehnten Baustils. Brutalistische Architektur zelebriert das Rohe, die nackte Konstruktion – und ist enorm fotogen, wird mittlerweile sogar wieder bejubelt auf Facebook und Instagram. Aber viele sehen darin nur brutale Betonmonster. Doch selbst wer dieser „Nackbetonbauweise“ ablehnend gegenübersteht, wird überrascht sein über die hohe Ästhetik des Hässlichen. Diese expressiven Bauten entstanden in einer Zeit gesellschaftlichen Aufbruchs und der Experimente. Heute droht etlichen – dieser, häufig sicherlich weniger  unter künstlerischen als vielmehr unter ökonomischen und bauindustriellen Profit-Aspekten errichteten – Gebäuden der Abriss. Die Rettungskampagne #SOSBrutalism mit einer Datenbank zu über 1000 Bauten erweitert die Ausstellung ins Internet, Kooperationspartner sind das BauNetz und das Magazin uncube.

Was ist Brutalismus?

Gipsmodelle expressiver "Nackt-"Betonbauten aus aller Welt.  Foto: Diether v. Goddenthow
Gipsmodelle expressiver Sicht-Betonbauten aus aller Welt. Foto: Diether v. Goddenthow

Der Begriff Brutalismus hat – wie oben erwähnt – ursprünglich nichts mit dem Wort »brutal« zu tun, sondern stammt vom französischen Wort brut für »direkt, roh, herb«. Die britischen Architekten Alison Smithson und Peter Smithson haben das Wort Brutalismus im Jahr 1953 als erste in einem Zeitungsartikel erwähnt. Ihre Schule in Hunstanton, eingeweiht 1954, gilt als das erste brutalistische Gebäude. Es ist nicht »brutal«, sondern eher brut im ursprünglichen Sinne: Alle Bauelemente, bis hin zu den Waschbecken, werden ungeschönt zum Einsatz gebracht. In dieser Haltung erkannte der britische Kritiker Reyner Banham eine neue »Ethik« in der Architektur.
Der frühe Brutalismus der Schule in Hunstanton wurde schon bald von einer neuen Bedeutung des Wortes Brutalismus überlagert. Vorreiter war der Architekt Le Corbusier. Er experimentierte mit sehr groben, sichtbaren Betonoberflächen, dem béton brut. Angespornt davon entwickelten Architekten in aller Welt Gebäude aus Sichtbeton. Aus der »neuen Ethik« wurde eine Ästhetik, ein Stil, eine Modewelle. Natürlich wirkten viele dieser Bauten durchaus auch brutal.
Wer lebt heute schon gern in einem solchen – seelenkälte verströmenden – Trabantenstadtbau, wenn er nicht unbedingt muss?

Allein in Frankfurt traf es seit 2010 drei stadtbildprägende Bauwerke: Historisches Museum, Technisches Rathaus und AfE-Turm. Wie man allein an der jahrelangen hitzigen Diskussion um den Abriss des Technischen Rathauses zur Teilrekonstruktion der Frankfurter Altstadt sieht, hat die Auseinandersetzung mitunter fast glaubensähnliche Züge.
Um den Brutalismus neu bewerten zu können, wurde mit der Ausstellung „SOS-Brutalismus“ eine weltweite Bestandsaufnahme gestartet.

Vier besondere Aspekte des Brutalismus

Beton – Eine kleine Werkstoffkunde
„Es kommt drauf an, was man draus macht.“
(Werbespruch des deutschen Betonmarketings seit den 1970er Jahren, um vom Negativ-Image des Baustoffs wegzukommen.)

Zur Betonherstellung werden im Wesentlichen drei Zutaten benötigt: Wasser, Zement sowie ein Gemisch aus Steinen und Sand. Nach dem Anmischen wird der Beton in eine Schalung gegossen. Er umfließt den Bewehrungsstahl, mit dem er nach dem Aushärten eine Einheit bildet. Daher spricht man auch von Stahlbeton. Wird der Beton »vor Ort«, also auf der Baustelle gegossen, ist von Ortbeton die Rede. Im Gegensatz dazu stehen Betonfertigteile, die in einer Fabrik hergestellt und auf die Baustelle geliefert werden. Nicht jeder Beton ist grau und rau, denn je nach Rezeptur ergeben sich unterschiedliche Färbungen. Die Oberflächenstruktur des Betons wird entweder von der Schalung oder durch die nachträgliche Bearbeitung bestimmt. Zwei Arten von Oberflächen finden sich besonders häufig bei brutalistischen Bauten:
– Brettergeschalter Beton, bei dem die Schalung aus Holzbrettern ihre Anordnung und Maserung als
Abdruck hinterlässt
– Gestockter Beton, der nach dem Entfernen der Schalung per Hand bearbeitet wird

Beton-Kirchen
Im Gegensatz zu den negativen Reaktionen, die viele andere brutalistische Bauten zum Zeitpunkt ihrer Entstehung ausgelöst haben, stießen die Kirchenbauten jener Jahre häufig auf positive
Resonanz. Ihre Kargheit ist oft als Kommentar zu den Konsumwellen der Wiederaufbaujahre zu verstehen. Bisweilen stehen sie auch in Kontrast zu den wenig anspruchsvollen Siedlungsbauten ihrer Nachbarschaft.

Frau Brutalist
Der Anteil von Architektinnen in der Ausstellung entspricht der Situation im Architekturberuf jener Jahre: Nur drei von einhundertzwanzig Bauten im Katalog SOS Brutalismus wurden von selbstständig tätigen Architektinnen geplant, die aus Island, Pakistan und Polen stammen. In Büropartnerschaften arbeiteten Frauen in führenden Positionen überproportional stark in Osteuropa und in Israel. Die Ausstellung »Frau Architekt« im 1. OG des DAM vertieft das Thema anhand von 22 Biographien.

Kampagnen
Seit einigen Jahren formieren sich weltweit immer häufiger Kampagnen, die sich für den Erhalt brutalistischer Bauten einsetzen. Viele Kampagnen nutzen Twitter, Facebook oder Instagram. Daher hat das DAM den Hashtag #SOSBrutalism eingeführt. Er dient als Erkennungszeichen, das aufgegriffen und weiterverbreitet werden kann, wann immer es darum geht, für den Erhalt brutalistischer Architektur zu kämpfen.
Während der Ausstellung läuft eine weitere Social-Media-Aktion: Die Besucher sind eingeladen Fotos von brutalistischen Funden in Frankfurt mit den Hashtags #Betonperle und #FFM zu markieren: Die besten Funde werden in der Ausstellung gezeigt. Den Anfang machen Fotos von Gregor Schwind, der auf Instagram als Gregor Zoyzoyla aktiv ist.

INTERNATIONALE BESTANDSAUFNAHME: 12 REGIONEN

Ausstellungs-Impression: SOS-Brutalismus. Foto: Diether v. Goddenthow
Ausstellungs-Impression: SOS-Brutalismus. Foto: Diether v. Goddenthow

Nordamerika
Die Architekten der 1950er Jahre würden »zu viele Goldfischgläser und zu wenige Höhlen« bauen, beklagte sich der Architekt Paul Rudolph im Jahr 1954. Seine Architekturfakultät in Yale ist das betonhöhlenhafte Gegenmodell zur gläsernen Welt der anonymen Bürobauten. Der USamerikanische Brutalismus war vielen suspekt: Zu monumental, befand Reyner Banham. Die Studentenproteste der 1960er Jahre richteten sich nicht zuletzt gegen die in Beton gegossenen Strukturen der Hochschulen und der Gesellschaft insgesamt.

Lateinamerika
Das rasante Wachstum der Wirtschaft, der Städte und der Bevölkerung löste in Lateinamerika in den 1950er und 1960er Jahren einen Bauboom aus. Mit groben Betonoberflächen die Spuren der ungelernten Arbeiter zu zeigen wurde oft als politische Aussage verstanden. Rau gearbeitete Betonschalungen aus Holz standen bei vielen Bauten in auffälligem Kontrast zu gewagten, statisch anspruchsvollen Tragkonstruktionen.

Afrika
In den meisten Ländern Afrikas endete die Kolonialherrschaft in den 1950er und 1960er Jahren.
Vielerorts entstand eine symbolträchtige »Architektur der Unabhängigkeit« für wichtige staatliche Bauten. Je nach politischem System waren das Universitäten, Parlamente, Markthallen oder auch Luxushotels. Die Architekten kamen oft noch aus den ehemaligen Kolonialmächten, nur selten stammten sie aus den jeweiligen Ländern. Eine wichtige Rolle spielten aber auch Israel, die nordeuropäischen Länder ohne Kolonialvergangenheit und die neuen, kommunistischen Bündnispartner.

Südasien und Südostasien
Indien wurde im Jahr 1947 unabhängig. Le Corbusier erhielt den Auftrag, die Stadt Chandigarh zu planen. »[E]s ist ein Schlag auf den Kopf, es bringt einen zum Denken«, so verteidigte der erste Premierminister Jawaharlal Nehru die experimentellen Betonbauten. Die junge Generation von Le Corbusiers indischen Mitarbeitern entwickelte eigene, selbstbewusste Bauten, unter anderem für ein revolutionäres Milchprogramm mit zahlreichen neuen Molkereien. Die Neue Khmer-Architektur in Kambodscha war ein weiteres Zentrum für Experimente.

Ostasien
China ist eines der wenigen Länder, in denen der Brutalismus nie angekommen ist. Versuche einer skulpturalen Betonarchitektur hatten während der anti-individualistischen Kulturrevolution keine Chance. In Japan hingegen wurde nach dem Zweiten Weltkrieg die Betonarchitektur mit traditionellen Handwerkstechniken verschmolzen. Holzbalken wurden dabei zu Betonträgern. In Südkorea und Taiwan fand dies kaum Verbreitung, weil aufgrund der Kriegserfahrungen starke antijapanische Tendenzen die Architektur beherrschten.

Russland, Zentralasien und Kaukasus
Der Tod Josef Stalins im Jahr 1953 brachte für die Architektur einen Kurswechsel: Unter seinem Nachfolger Nikita Chruschtschow entstanden einerseits die industriellen Plattenbau-Programme, aber in den vom Moskauer Einfluss weit entfernten Sowjetrepubliken zugleich immer mehr Freiräume für Experimente. Futuristische Formen wurden mit traditionellen Elementen verbunden.
Doch auch in Moskau wurden individuelle, gewagte Konstruktionen möglich.

Osteuropa
Ganz gleich, mit wie viel Nachdruck Ost und West ihre politischen Unterschiede kultivierten: In der Architektur gab es bemerkenswerte Ähnlichkeiten. Auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs entstanden skulpturale, monumentale Großbauten. Das blockfreie Jugoslawien bot besonders viele Experimente, um die regionalen Identitäten des Vielvölkerstaats zu stärken.

Le Corbusier: Unitré d`Habitation. Marsaille, Frankreich, 1947 - 1952.
Le Corbusier: Unitré d`Habitation. Marsaille, Frankreich, 1947 – 1952.

Westeuropa
Die Unité in Marseille und das Kloster La Tourette, beides Werke von Le Corbusier, wurden bereits, als sie noch im Bau waren, als Wendepunkte der Architektur erkannt: So grob wurde der Beton nie zuvor zelebriert, was kurz darauf sogar die Innenraumgestaltung beeinflusste. Auf den CIAMKongressen trat eine junge Architektengeneration auf und versuchte mit neuen Gemeinschaftsentwürfen den allzu technischen Funktionalismus zu überwinden.

Naher und Mittlerer Osten
Ölreichtum, strategische Lage (Herrschaft über den Suezkanal) und die Konflikte nach der Gründung Israels sorgen ab 1945 für viele Krisen in der Region. Die Architektur spielte für viele Staaten in dieser Zeit eine stabilisierende Rolle. Scheinbar unzerstörbare Betonbauten, errichtet von einheimischen Architekten, standen für neues Selbstbewusstsein. In Israel verwendeten junge Architekten den Brutalismus zur Abgrenzung von der weißen Bauhaus-Moderne der Einwanderergeneration.

Großbritannien
War der New Brutalism der Protest gegen den zu harmlosen Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg, also ein »Zurück« zur radikalen Moderne? Oder sollte die Gängelung der Architekten durch Vorschriften, Vorfertigung und kostengünstige Standardlösungen abgewehrt werden? Nahmen die Brutalisten also eine Künstlerpose ein? Viele Bauten Großbritanniens sind höchst individuelle Monster, stets auf einem handwerklich hohen Niveau der Ausführung.

Australien und Ozeanien
In den ehemaligen Kolonien Neuseeland und Australien war wenigstens ein Semester in Großbritannien für alle Architekturstudenten unverzichtbar. Auf diesem Weg gelangten der Brutalismus und die Organisationsform großer, staatlicher Architekturbüros in die Region. Mit steilen Dächern und Betonlamellen wurden die Bauten an die extremen Klimabedingungen angepasst. Eine Besonderheit in der Region war die enge Zusammenarbeit mit Landschaftsarchitekten.

Deutschland
Der Begriff Brutalismus wurde zwar in Großbritannien geprägt, aber das Buch Brutalismus in der Architektur (1966) des Theoretikers Reyner Banham entstand auf Initiative des Stuttgarter Architekturprofessors Jürgen Joedicke im renommierten Karl Krämer-Verlag. Darin findet sich zwar nur ein Projekt aus Deutschland: das Privathaus von Oswald Mathias Ungers, dem Architekten des DAM. Aber auch in Deutschland entstanden unzählige brutalistische Bauten, in den 1970er Jahren sogar als Pop-Brutalismus, etwa beim Postamt Marburg.

Webseite / Hashtag
www.sosbrutalism.org / #SOSBrutalism
#SOSBrutalism wird unterstützt von uncube und BauNetz

Begleitkatalog:

SOS Brutalismus
Eine internationale Bestandsaufnahme
Hrsg.: Oliver Elser, Philip Kurz, Peter Cachola Schmal
Park Books, Zürich
Text: Deutsch
Gebunden mit broschiertem Beiheft, insgesamt 716 Seiten,
686 farbige und 411 sw Abbildungen, 22 x 27 cm
ISBN 978-3-03860-074-9
Im Museumsshop erhältlich für 59 EUR,
im Buchhandel erhältlich für 68 EUR.
Eine separate englischsprachige Ausgabe erscheint
zeitgleich unter dem Titel SOS Brutalism: A Global
Survey (ISBN 978-3-03860-075-6).

Ort:
DEUTSCHES ARCHITEKTURMUSEUM
Schaumainkai 43
60596 Frankfurt am Main
Tel 069-212 38844
Fax 069-212 37721
E-Mail info.dam@stadt-frankfurt.de
www.dam-online.de

OTTO BARTNING (1883-1959) ARCHITEKT EINER SOZIALEN MODERNE – Museum Künstlerkolonie Darmstadt

Otto Bartning: Frauenklinik in Darmstadt, Außenansicht, 1952-1954, Foto: Günter Senfft
Otto Bartning: Frauenklinik in Darmstadt, Außenansicht, 1952-1954, Foto: Günter Senfft

Architekt, Ideengeber und Organisator – Otto Bartning war eine außergewöhnlich vielschichtige Persönlichkeit. Als Protagonist der Moderne und maßgeblicher Impulsgeber des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg, auch als Berater der Stadt Berlin, vertrat er stets eine an menschlichen Bedürfnissen orientierte soziale Moderne. Seine Wohnungs- und Kirchenbauten im Kaiserreich zeigen beispielhaft die radikale Abkehr vom noch gängigen Historismus, ab 1918 ist er neben Walter Gropius und Bruno Taut im revolutionären „Arbeitsrat für Kunst“ einer der Protagonisten des Expressionismus in der Architektur. Mit seinem Entwurf der Sternkirche (1922) und der Stahlkirche (1928), einer innovativen Montagekirche aus Stahl, schuf er Leitbauten des modernen evangelischen Kirchenbaus. Neue Formen und Materialien zeichnen diese Kirchen aus, aber auch Bartnings Ziel, durch Sicht- und Raumbeziehungen einen sakralen Raum für die evangelische Gemeinschaft zu schaffen.

Einzigartig ist auch das Notkirchenprogramm, in dem ab 1946 seriell vorgefertigte Typenkirchen in 43 deutschen Städten entstanden. Als Gründungsmitglied der Akademie der Künste, 1954, und Mitbegründer des Deutschen Werkbunds nach 1945 bestimmte er programmatische Leitlinien der Architekturentwicklung mit. Durch seine Bauten, Reden und Schriften prägt er maßgeblich die Baukultur der jungen Bundesrepublik. Die Internationale Bauausstellung „Interbau 1957“ in Berlin bildet einen weiteren Höhepunkt seines Lebenswerks.

Jetzt zeigt das Museum Künstlerkolonie in Darmstadt vom 19. November 2017 bis 18. März 2018 das vielschichtige Oeuvre Bartnings und seine vielseitigen Aktivitäten  in einer umfassenden Retrospektive anhand von originalen Zeichnungen, Fotografien und Architekturmodellen sowie von 3D-Simulationen. Die Ausstellung zeigt, dass Bartnings Werk sowie seine programmatischen Argumente an Aktualität nichts verloren haben. Die Ausstellung ist ein Kooperationsprojekt der Akademie der Künste, Berlin und der Wüstenrot Stiftung in Zusammenarbeit mit der Städtischen Galerie Karlsruhe, dem Institut Mathildenhöhe Darmstadt und der Technischen Universität Darmstadt. Kuratorin ist Dr. Sandra Wagner-Conzelmann, es erscheint eine ausstellungsbegleitende Publikation.

Ort:
Museum Künstlerkolonie
Westflügel und Bildhauerateliers
Olbrichweg 13 A
64287 Darmstadt
Weitere Infos;www.mathildenhoehe.eu/bartning

Zur Ausstellung im Einzelnen:

Otto Bartning, Flächentragwerk des Deutschen Reichspavillons für die Mailänder Messe, Berlin 1926, Foto: Otto-Bartning-Archiv TU Darmstadt, Fotograf unbekannt
Otto Bartning, Flächentragwerk des Deutschen Reichspavillons für die Mailänder Messe, Berlin 1926, Foto: Otto-Bartning-Archiv TU Darmstadt, Fotograf unbekannt

Die Ausstellung veranschaulicht anhand von Modellen, originalen Zeichnungen und Fotografien, wie der Architekt sich seit 1918 dem noch gängigen Historismus entsagte und sich einer innovativen, expressionistischen Architektur zuwandte. Die Ausstellung ist chronologisch aufgebaut und im Westflügel sowie in den Bildhauerateliers des Museum Künstlerkolonie zu sehen. Neben dem Frühwerk Bartnings präsentiert die Ausstellung im Westflügel des Museums fünf Modelle von sakralen Bauprojekten, die heute als Leitbauten der modernen Kirchenarchitektur verstanden werden. Dazu zählen sowohl der berühmte Entwurf der Sternkirche von 1922, die Stahlkirche in Köln (1928), die Rundkirche in Essen (1930) als auch die Fächerkirche in Berlin (1934). Die Entwürfe machen lebhaft sichtbar, wie Bartning mit neuen Formen und Materialien experimentierte und die Betonung von Sicht- und Raumbeziehungen in seinen Fokus rückte. Schon seit 1918 entwarf er als Mitglied im Arbeitsrat für Kunst Konzepte einer radikalen Studienreform von Architekten und Künstlern, auf die sich Walter Gropius später bei der Gründung des Bauhauses in Weimar stützte. 1919 veröffentlichte Bartning seine Programmschrift „Vom neuen Kirchbau“, die den evangelischen Kirchenbau maßgeblich beeinflusste und zur Grundlage für seine experimentellen Entwürfe für Sakralbauten wurde. Ein weiterer Fokus der Ausstellung liegt auf dem von Otto Bartning entwickelten Notkirchenprogramm für das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen. Durch die Verwüstungen des Krieges verfügten unzählige Gemeinden weder über Kirchen noch Gemeinderäume. Bartning entwickelte ein Konzept, bei welchem die Kirchenbauten sowohl kostengünstig als auch auf die jeweilige Situation flexibel anpassbar waren. Er entwarf vier Typen von Montagebauten aus seriell herstellbaren Holzkonstruktionen, mit denen die Gemeinden das überall verfügbare Trümmermaterial verbauen konnten. Pläne, Zeichnungen und Fotografien sowie eine eigens entwickelte App veranschaulichen im Museum Künstlerkolonie das Entstehen dieser Notkirchen, insbesondere den Bau der nahezu unverändert erhaltenen Matthäuskirche in Darmstadt.

Auch in seinen Sozial- und Siedlungsbauten standen für ihn stets die Funktionalität der Gebäude und eine menschenfreundliche Gestaltung im Sinne einer sozialen Moderne im Fokus. In der Weimarer Republik widmete er sich als Mitbegründer der Architektenvereinigung „Der Ring“ mit Hans Scharoun, Walter Gropius und Bruno Taut der Entwicklung von neuen Bautechniken und Grundrissen auch im Siedlungsbau. Nach 1945 trat Bartning für einen einfachen und am menschlichen Maß orientierten Wiederaufbau in Deutschland ein.

Auf Einladung der Stadt Darmstadt organisierte der Architekt 1951 das zweite Darmstädter Gespräch, auf dem interdisziplinär über das Thema „Mensch und Raum“ diskutiert wurde. Das Symposium gilt bis heute als erste gemeinsame Selbstverständigung von Architekten über die Zukunft ihres Metiers in der Nachkriegszeit. Hierfür fertigten die Architekten – unter den Teilnehmern Max Taut und Hans Scharoun – vorbildhafte Entwürfe von Sozialbauten an: die sogenannten Meisterbauten. Bartning selbst entwarf in diesem Kontext die bis ins Detail des Betriebsablaufs durchdachte und mit höchstem Komfort ausgestattete Frauenklinik in Darmstadt, deren Modell ebenfalls im Museum Künstlerkolonie ausgestellt ist.

Im selben Jahr des zweiten Darmstädter Gesprächs bezog Bartning eine Wohnung im von Joseph Maria Olbrich entworfenen Ernst Ludwig-Haus (1901) auf der Mathildenhöhe in Darmstadt, das er bis zu seinem Lebensende 1959 bewohnte. Bartnings Zeit in Darmstadt widmet das Institut Mathildenhöhe mit dem unteren Bildhaueratelier des Museums einen eigenen Raum.

In den 1950er Jahren wurde Otto Bartning, als Präsident des Bundes Deutscher Architekten und zweitem Vorsitzenden des Deutschen Werkbundes, zu einer Schlüsselfigur des Wiederaufbaus der jungen Bundesrepublik. Bei der Internationalen Bauausstellung Interbau 1957 in West-Berlin nahm er als Moderator und Organisator eine zentrale Rolle ein. Auf der Weltausstellung in Brüssel nur ein Jahr später, entwarf er mit dem Berliner Bildhauer Karl Hartung für die Abteilung „Heilen und Helfen“ im deutschen Pavillon einen Quellenraum mit Brunnen. Im Anschluss an die Expo wurde dieser in den Südhang vor dem Museum Künstlerkolonie Darmstadt eingelassen und ist dort bis heute zu sehen. In der Ausstellung wird erstmals das von Karl Hartung nahezu in Originalgröße ausgearbeitete Modell der Reliefwand der Brunnenanlage präsentiert.

Hauptleihgeber der Ausstellung ist das Otto-Bartning-Archiv der TU Darmstadt, das für die Ausstellung den gesamten privaten Nachlass des Architekten zur Verfügung stellte.

Ort:
Museum Künstlerkolonie
Westflügel und Bildhauerateliers
Olbrichweg 13 A
64287 Darmstadt
Weitere Infos;www.mathildenhoehe.eu/bartning

RAHMENPROGRAMM ZUR AUSSTELLUNG

KURATORENFÜHRUNG
CURATOR’S TOUR
Otto Bartning – Bauen für die Gemeinschaft / Building for the Community
mit / with Dr. Sandra Wagner-Conzelmann
30. Nov. 2017 / Nov. 30, 2017
25. Jan. 2018 / Jan. 25, 2018
8. Mrz. 2018 / Mar. 8, 2018
16 Uhr / 4 pm

FÜHRUNG DURCH OTTO BARTNINGS NOTKIRCHENBAU
GUIDED TOUR OF OTTO BARTNING’S MAKESHIFT CHURCH
Die Matthäuskirche in Darmstadt / St. Matthew Church in Darmstadt
Heimstättenweg 75, 64295 Darmstadt
8. Feb. 2018, 16 Uhr
Feb. 8, 2018, 4 pm

VERLEIHUNG DES OTTO-BARTNING-FÖRDERPREISES
CEREMONY OF THE OTTO BARTNING AWARD
Designhaus
Eugen-Bracht-Weg 6, 64287 Darmstadt
1. Dez. 2017 / Dec. 1, 2017
13 Uhr / 1 pm

ÖFFENTLICHE FÜHRUNG
PUBLIC TOUR
Jeden Sonntag um 15 Uhr / Every Sunday at 3 pm
GESAMTPROGRAMM DER AUSSTELLUNG
COMPLETE PROGRAM OF EVENTS
www.mathildenhoehe.eu/bartning

Ort:
Museum Künstlerkolonie
Westflügel und Bildhauerateliers
Olbrichweg 13 A
64287 Darmstadt
Weitere Infos;www.mathildenhoehe.eu/bartning

„Mein Frankfurt-Modell“: frech, bunt, einzigartig! – Ein Muss für jeden Frankfurter! Ab Oktober im Historischen Museum Frankfurt!

Bahnhof, Kaiserstrasse, oberhalb der aus Banknoten gewickelte Messeturm, und die Messe auf einem Monopoli-Brett. Foto: Diether v. Goddenthow
Bahnhof, Kaiserstrasse, oberhalb der aus Banknoten gewickelte Messeturm, und die Messe auf einem Monopoli-Brett. Foto: Diether v. Goddenthow

Wenn Anfang Oktober 2017 das neue Ausstellungshaus des Historischen Stadtmuseums Frankfurt auf dem Römerberg seine Pforten öffnet, erwartet die Besucher im 1000 Quadratmeter großen Giebelgeschoss ein neues Museums-Highlight mit symbolischer Strahlkraft: „Mein Frankfurt Modell“. Geschaffen hat es der Rotterdamer Künstler Herrmann Helle! Auf zirka 80 Quadratmetern haben er und weitere Künstler und Modellbauer die Mainmetropole und ihre 46  Stadtteile en miniatur nach Vorgaben Frankfurter Bürger abgebildet.

Künstler und Modell-Bauer legen letzte Hand an das Museum, bevor es bis Oktober 2017 verpackt werden wird. Foto: Diether v. Goddenthow
Künstler und Modell-Bauer legen letzte Hand an das Museum, bevor es bis Oktober 2017 verpackt werden wird. Foto: Diether v. Goddenthow

Das Besondere daran:  Herrmann Helle verwendet zum Bau Gebrauchsgegenstände des Alltags und recycelte Materialien: Da steht ein halbierter Souvenir-Teller mit Rathausmotiv für den Römer. Gebrochene Glasblättchen im Wechsel mit buntpapierenen Zwischenlagen türmen sich zu Wolkenkratzern. Ein Telefonhörer, ohne den kein Banker auskommt,  gibt einen anderen Bankenturm. Ein Hartgummi-Dachs zeigt, wo die Börse sitzt. Der Messeturm ist aus alten Banknoten in die Höhe gewickelt.

Die visualisierte Geldentwertung durch die EZB-Zinspolitik dargestellt  durch geschredderte Banknoten. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Die visualisierte Geldentwertung durch die EZB-Zinspolitik dargestellt durch geschredderte Banknoten. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

An anderer Stelle reckt sich ein eckiges Plexiglasgebilde empor, gefüllt mit Schnipseln. Bei näherer Betrachtung entpuppen sich diese als geschredderte Banknoten und das Vieleck-Gebäude als Europäische Zentralbank. Ein Schelm, wer hierbei Böses denkt.
Fünf antik anmutende, mit dem Buchrücken zum Betrachter gestellte Goethebände bilden die Universität im I.G.-Farben-Haus ab. Und Plastikgestrüpp, aus dem Giraffen die Hälse recken, deuten auf den Zoo-Ort. Ausgusssiebe wirken wie ein Klärwerk  und geklöppelte Spießer-Deckchen von oben wie fantastische Parkanlagen.

Die Hufeisen gegeneinandergestellt symbolisieren die Schwierigkeiten und den Konflikt bei der Räumung der alten Galopprennbahn als Baugrundstück. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Die Hufeisen gegeneinandergestellt symbolisieren die Schwierigkeiten und den Konflikt bei der Räumung der alten Galopprennbahn als Baugrundstück. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Zwei entgegenstehende Hufeisen markieren die Galopp-Rennbahn, und eine Mausefalle in Preungesheim weist auf die dortige Justizvollzuganstalt. Den Frankfurter Grüngürtel zeigen gefärbte bunte Klobürsten und Besenborsten. Selbst der Flughafen lebt, und rote Halteseile durchziehen als Autobahnen mit kunstvoll gelegten Autobahnkreuzen die erstaunlich realistisch wirkende Anlage.

"Karls" Hirschkuh! Foto: Diether v. Goddenthow
„Karls“ Hirschkuh! Foto: Diether v. Goddenthow

Man kann stundenlang schauen, und wird immer wieder aufs Neue fündig, bis hin zur kleinen weißen Hirschkuh am Waldesrand, „die“ Karl dem Großen die Furt wies.

 

Eingeflossen ins Frankfurt-Model sind die  Antworten und Geschichten von 1166 befragten Frankfurtern aller Stadtteile.  Sound-Loops, Lichtinstallation und Minifilmstationen hauchen der bunten Anlage zusätzlich Leben ein. Diese dürfte zum Besuchermagnet und Ausgangspunkt für so manche heiße Diskussion und Frankfurt-Exkursion werden.

Erst im Oktober öffnet das neue Ausstellungshaus mit dem Modell Frankfurt

Die Wolfgang von Goethe-Universität im I.G. Farbenhaus. Foto: Diether v. Goddenthow
Die Wolfgang von Goethe-Universität im I.G. Farbenhaus. Foto: Diether v. Goddenthow

Aber noch müssen sich Interessenten gedulden. Denn bis zur Eröffnung im Oktober wird   „Mein Frankfurt Modell“ nach seiner Fertigstellung  in diesen Tagen zum Schutz beim weiteren Innenausbau staub- und blickdicht verpackt werden.

Geplant ist, dass Besucher über die Treppe ins Giebelgeschoss direkt auf „Mein Frankfurt-Modell“ stoßen. Die Idee dabei sei, so  Susanne Gesse, Projektleiterin und Kuratorin, dass das zweigeteilte Modell über einen begehbaren überdimensional breiten „Main“ erkundet werden könne. So sei zur Besichtigung auch genügend Raum für Rollstuhlfahrer und ganze Familien. Da die Main-Brücken nicht im Wege stehen, schweben diese einfach über den Köpfen der Besucher. „Unter sieben Brücken musst du gehn! …“

Intention und Konzept des Modell-Projektes

Römer mit Altstadt. Foto: Diether v. Goddenthow
Römer mit Altstadt. Foto: Diether v. Goddenthow

Das „Modell“ sei ein fester Bestandteil von „Frankfurt Jetzt“. „Wir haben 1000 Quadratmeter Platz für das Heute und das Morgen von Frankfurt. Die Idee ist ja, dass hier Frankfurter zusammenkommen, um miteinander über Frankfurt zu diskutieren. Eines der beiden feststehenden Exponate sei eben dieses Frankfurt-Modell, erläutert Susanne Gesse bei der  Pressebesichtigung. Das Frankfurt heute, das Frankfurt-Modell, zeige, wie Frankfurt gegenwärtig sei. In Kürze würde das Modell wahrscheinlich schon ein bisschen veraltet sein, da Frankfurt ständig baue und umbaue, und neue Häuser dazu kämen. Es sei daher geplant, am Modell weiterzubauen, es von Zeit zu Zeit zu aktualisieren, etwa auch, wenn die vier neuen projektierten Hochhäuser hinzu kämen. Das gegenwärtige Modell zeige eigentlich eher das „gefühlte Frankfurt“, so die Projektleiterin.

Da der Rotterdamer Künstler Hermann Helle Frankfurt nicht kannte, und das Projektteam „Frankfurt Jetzt“  nicht einfach nur Pläne und Karten schicken wollten, wurde beschlossen, die Frankfurter zuvor selbst darüber zu befragen, was sie aus  ihrem Stadtteil auf dem Modell wiederfinden möchten. Denn „Frankfurt jetzt“ sei, so Susanne Gesse, „das partizipativste Format von unserem Stadtmuseum“

vl. Franziska Mucha, Kuratorin für Digitale Museumspraxis, Susanne Gesse, Dr. Corinna Engel, Leiterin der MuseumskommunikationProjektleiterin und Kuratorin erörtern bei einem Pressegespräch Intention, Konzeption und Umsetzung des Frankfurt-Modells. Foto: Diether v. Goddenthow
vl. Franziska Mucha, Kuratorin für Digitale Museumspraxis, Susanne Gesse, Dr. Corinna Engel, Leiterin der MuseumskommunikationProjektleiterin und Kuratorin erörtern bei einem Pressegespräch Intention, Konzeption und Umsetzung des Frankfurt-Modells. Foto: Diether v. Goddenthow

Das Projektteam „Frankfurt jetzt“ habe, so Franziska Mucha, Kuratorin für Digitale Museumspraxis, 2015 eine Tour mit dem „mobilen Stadtlabor“ durch Frankfurt gemacht. Man sei mit einem dieser langen niederländischen Fahrräder, einem Lastrad, welches zu einem  mobilen Aktionstand umgebaut worden war, in allen Stadtteilen unterwegs gewesen. Das Team war ausgerüstet mit Karten und Fragebögen, und habe insgesamt 1166 Frankfurterinnen und Frankfurter befragt, auch online, um etwas über deren Lieblingsorte in Frankfurt, über Stadtteiltypisches und Alltagsleben zu erfahren, berichtet Franziska Mucha über die Vorbereitungsphase. „Uns war es wichtig, zu der gebauten Stadt diese Ebene des alltäglichen Erlebens und die Alltagsexperten auch sprechen zu lassen“, so Kuratorin Mucha. Nach Auswertung aller Fragebögen seien Stadtteil-Porträts entstanden, die jeweils auf einer Doppelseite in die Dokumentation „Sommertour 2015″ eingeflossen seien. Diese sei das „Briefing-Material“ für den Rotterdamer Künstler gewesen. Hermann Helle erhielt diese Infos mit dem Hinweis, dass das die Infos seien, die „uns die Frankfurter ans Herz gelegt haben, was die Stadt für sie bedeutet, positive und negative Aspekte“, sagt Kuratorin Mucha. Auf der Grundlage dieser Dokumentation und verschiedener Besuche in Frankfurt mit viel eigener Recherche habe Helle mit weiteren involvierten Künstlern und Modellbauern begonnen, „Mein Frankfurt-Modell“ zu bauen. Es sei also ein kollektiver Prozess gewesen, der die Bedeutung Frankfurts gesammelt hat und sichtbar macht, fügt Franziska Mucha hinzu.

Klärwerk Hoechst aus Ausguss-Sieben, im Hintergrund der Frankfurter Stadtteil.Foto: Diether v. Goddenthow
Klärwerk Hoechst aus Ausguss-Sieben, im Hintergrund der Frankfurter Stadtteil.Foto: Diether v. Goddenthow

Das Besondere an dem Modell sei, vertieft  Susanne Gesse,  dass es aus Fundstücken bestehe, aus Materialen die wir alle kennen. Wenn man das Modell anschaue, sehe man: „Ah, da ist ein Spitzer, da sind Dominosteine, Besenborsten, Pinsel, Rasierpinsel, Klobürsten“, so die Projektleiterin begeistert. Das Modell habe mehrere Ebenen, erklärt Susanne Gesse. Auf der einen Seite erkenne man tatsächlich relativ gut die Gebäude, die gebaut sind. Auf der anderen Seite könne man natürlich auch sehen, aus welchen Materialien es bestünde. Und das Dritte seien die vielen kleinen Geschichtchen, die hier drin steckten, führt die Projektleiterin aus.

Für die  Frankfurter, die sich wirklich auskennten, stecke hier eine ganze Menge drin. Es sei jedoch für Jeden etwas dabei. Mein Frankfurt-Modell sei eine Anlage, die man sich wahrscheinlich sehr, sehr lange angucken und dabei immer wieder etwas Neues entdecken könne, weswegen man immer wiederkäme. „Wir denken, dass wird eines der Highlights des Museums sein.“, so Susanne Gesse.

Das Modell sei ein „lebender Organismus“. Denn es werde einen Sound-Loop geben, eine endlose Tonschleife, die auch mit Lautsprechern im Modell ausgestrahlt würde. Die Besucher hörten dann in der Stadt bestimmte typische Geräusche, die an dem jeweiligen Ort wichtig seien, so Franziska Mucha. Außerdem sei eine Licht-Inszenierung vorgesehen, von außen über eine Beleuchtung. Aber auch im Modell drin wird es verschiedene Ecken geben, die beleuchtet seien, beispielsweise: das Stadion im Stadtwald, der Flughafen und andere Orte.

Integriert in das Modell wird es außerdem kleine Filmstationen geben, wodurch die Besucher auch etwas über die Unterwelt, über das „Untendrunter von Frankfurt“, erfahren können. Ob das jetzt in historischer Sicht sei, also in die Geschichte reingehe,  oder eben tatsächlich das Untendrunter sei, wäre unterschiedlich, so Franziska Mucha.

Nicht maßstabgetreu, aber exakt innerhalb der Stadtgrenzen

Letzte Arbeiten am Frankfurter Flughafen, der ebenfalls nicht maßstabgerecht ist, sondern nur angedeutet wird.  Foto: Diether v. Goddenthow
Letzte Arbeiten am Frankfurter Flughafen, der ebenfalls nicht maßstabgerecht ist, sondern nur angedeutet wird. Foto: Diether v. Goddenthow

Das Modell sei nicht wie eine Miniatur-Modellanlage oder das Altstadtmodell der Gebrüder Treuner im Historischen Museum in korrektem Maßstab. Es sei kein stadtplanerisch detailgenaues Modell, sondern ein künstlerisches mit Raum für Fantasie und Geschichten. Einige besondere Punkte wurden bewusst herausgehoben, nämlich jene, die den befragten Bewohnern der Stadtteile besonders wichtig erschienen, etwa das Grünesoße-Denkmal. Aber typographisch sei das Modell korrekt und orientiere sich exakt an den Stadtgrenzen.

Das Grüne-Soße-Denkmal. Foto: Diether v. Goddenthow
Das Grüne-Soße-Denkmal. Foto: Diether v. Goddenthow

„Wir wollten kein Modell, welches nur die Innenstadt mit den touristischen Attraktionen zeigt. Wir wollen eben das Frankfurt der Bewohnerinnen und Bewohner zeigen, in seiner ganzen Diversität, und dann kommt vielleicht nicht jedes Haus vor, aber man schafft es, die verschiedenen Zusammensetzungen der Stadtteile auch ganz gut zu erkennen“,  erläutert Franziska Mucha einen wichtigen Aspekt des Modell-Konzeptes.

 

In einem  ersten Schritt werden im Mai das neue Museums-Foyer und -Café eröffnet

Das neue Ausstellungshaus des Historischen Stadtmuseums Frankfurt auf dem Römerberg. Das Frankfurt-Modell ist großen Giebelgeschoss untergebracht.  Foto: Diether v. Goddenthow
Das neue Ausstellungshaus des Historischen Stadtmuseums Frankfurt auf dem Römerberg. Das Frankfurt-Modell ist großen Giebelgeschoss untergebracht. Foto: Diether v. Goddenthow

Zur Zeit bereiteten Vitrinen-Bauer und Restauratoren alles vor, damit ab April 2017 die über 8000 Objekte in das neue Ausstellungshaus transportiert und dann dort sicher in den Vitrinen platziert und bis zur Eröffnung verwahrt werden können, erläutert Dr. Corinna Engel, Leiterin der Museumskommunikation, den Stand des Innenausbaus bei der Pressebesichtigung.

Ende Mai 2017 wird bereits das neue Eingangsfoyer des Historischen Museums mit Café seine Türen öffnen. Dieser großzügige Empfangsbereich könne gleichzeitig viel mehr Besucher fassen, als es im Moment über das derzeitige Nadelöhr unten im Zollgebäude möglich ist, so Dr. Engel. Um ins neue Ausstellungshaus zu gelangen, gehen die Besucher später vom Eingangsbau ins Tiefgeschoss und unter dem Museumsplatz hindurch.

Zu diesem Zeitpunkt können Besucher  am weiteren Fertigstellungsprozess des Staufergartens teilnehmen und die archäologische Fundstelle besichtigen. Der Hafen wird gleichzeitig mit Eröffnung des Ausstellungshauses Anfang Oktober 2017 inklusive musealer Technik und Videoinstallation fix und fertig sein.

 

(Diether v. Goddenthow /Rhein-Main.Eurokunst)

Als Mainz nach dem Krieg dem Schicksal entkam, „Idealstadt der Zukunft“ zu werden – Trabantenstadt-Pläne jetzt im Landesmuseum Mainz

Professor Werner Durth (4.v.li.) erläutert und überreicht die französischen Wiederaufbaupläne für den Wiederaufbau von Mainz.
Professor Werner Durth (4.v.li.) erläutert und überreicht die französischen Pläne von 1945 /48 für den Wiederaufbau von Mainz.

Im Oktober dieses Jahres hielt Prof. Dr. Werner Durth von der TU Darmstadt im Landesmuseum Mainz der Generaldirektion Kulturelles Erbe (GDKE) einen beeindruckenden Vortrag über den „Wiederaufbau der Nachkriegszeit in Mainz“ und stellte in diesem Rahmen auch die städtebauliche Konzeption des Architekten und Städteplaners Marcel Lods vor, ein Kollege des einflussreichen Le Corbusier. Als Mainz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zur französischen Besatzungszone erklärt wurde, beauftragte die Militärverwaltung den jungen Architekten, ein Konzept für den Wiederaufbau der Stadt zu erstellen. Unter der Forderung nach Entflechtung der städtischen Funktionsbereiche entwarf er Pläne, die unter anderem vorsahen, die Mainzer Neustadt niederzulegen und dort Scheibenhochhäuser als Wohnbauten zu errichten. Grundlage dieser Planungen waren detaillierte, in Schaubildern und Skizzen visualisierte Analysen.

Prof. Durth beschäftigt sich bereits seit Anfang der 1980er-Jahre mit dem Wiederaufbau in der deutschen Nachkriegszeit. Foto: Diether v. Goddenthow
Prof. Durth beschäftigt sich bereits seit Anfang der 1980er-Jahre mit dem Wiederaufbau in der deutschen Nachkriegszeit. Foto: Diether v. Goddenthow

Ein vollständig erhaltener Satz dieser historischen Dokumente war bislang im Besitz von Prof. Durth – ein Experte auf dem Gebiet des Wiederaufbaus. Nun hat er sich entschieden, die Pläne-Sammlung – bestehend aus rund 50 Skizzen, Studien und Darstellungen – dem Landesmuseum zu überlassen. Eine Auswahl der Pläne wird bis zum 8. Januar 2017 in der Ausstellung „Mainz – Ein Blick viele Ansichten“ präsentiert – ein Gemeinschaftsprojekt der Direktionen Landesdenkmalpflege und Landesmuseum Mainz.

Sehr gut zu erkennen: Mainz als sterile Trabantenstadt der Scheibenhochhäuser. Foto: Diether v. Goddenthow, © Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz.
Sehr gut zu erkennen: Mainz als sterile Trabantenstadt der Scheibenhochhäuser. Foto: Diether v. Goddenthow, © Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz.

„Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es darum, die Zerstörung der Stadt als städtebauliche Chance zu nutzen und eine moderne ´Stadt der Zukunft´ zu entwerfen. Mainz sollte die Hauptstadt dieser Besatzungszone werden“, so Werner Durth bei der Übergabe der Pläne am 13. Dezember im Landesmuseum.

Thomas Metz, Generaldirektor der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, zeigte sich hocherfreut darüber, dass die Pläne nun museal aufgearbeitet werden können. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier goddenthow
Thomas Metz, Generaldirektor der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, zeigte sich hocherfreut darüber, dass die Pläne nun museal aufgearbeitet werden können. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier goddenthow

Thomas Metz, Generaldirektor der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, zeigte sich hocherfreut darüber, dass die Pläne nun museal aufgearbeitet werden können: „Ich bin Prof. Durth überaus dankbar dafür, dass er der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz diese historisch wertvollen Zeugnisse überlassen hat. Bislang lagen uns zu dem Thema Wiederaufbau in der französischen Besatzungszeit nur wenige Materialien vor. Nun wird es endlich möglich, diesem wichtigen Aspekt in der Geschichte der Stadt Mainz eine sichtbare Plattform geben zu können“.

Blatt aus dem  pädagogischen Baulehrbuch von einst zum Neuaufbau von Mainz als Idealstadt der Zukunft. Links zu sehen in hell: die tolle Zukunft der neu erbauten Trabantenstadt. Rechts in dunkel: die rückschrittliche Enge der stinkenden, engen, Gründerzeitquartiere mit Pferdewagen usw.  Foto: Diether v. Goddenthow
Blatt aus dem pädagogischen Baulehrbuch von einst zum Neuaufbau von Mainz als Idealstadt der Zukunft. Links zu sehen in hell: die tolle Zukunft der neu erbauten Trabantenstadt. Rechts in dunkel: die rückschrittliche Enge der stinkenden, engen, Gründerzeitquartiere mit Pferdewagen usw. Foto: Diether v. Goddenthow

Die Stadt-Planung selbst war sozusagen als ein Akt volkspädagogischer Erziehung geplant,  so Professor Durth, „der die Deutschen wieder rückführen sollte an die westliche Zivilisation, an die Zivilisation der Weimarer Republik“. Durch den Neuaufbau sollte Mainz eine Idealstadt der Zukunft im Geiste der Charta von Athen 1933 /41 u. 43 werden, beispielsweise hinsichtlich der Erkenntnisse der Stadthygiene, der Trennung der Funktionen in die unterschiedlichen Bereiche: Arbeiten, Wohnen, Bildung, Verwaltung usw. In einer Art pädagogischem Bilder-Lehrbuch „Der Neuaufbau von Mainz als Idealstadt der Zukunft“ wurde in zeichnerischen Schwarz-Weiß-Gegenüberstellungen einerseits die Planungsmaximen der einzelnen Bereiche dargestellt und andererseits diese „Baustandards“ exemplarisch an der Stadt Mainz durchexerziert bis hin eben zu den Lichtungsstudien, Optimierung der Grundrisse, nach Belichtung und Belüftung. „In der Fachpresse“, so Durth, „findet man tatsächlich in diesen Jahren 1947 bis 1949 – man kann sagen  – flammende Berichte über die große Chance, die sich hier für Mainz auftut.“

Dieser Plan zeigt sehr anschaulich das Ausmaß des Neuaufbau von Mainz als Idealstadt der Zukunft. Mainz wäre eine schrecklich sterile Trabantenstadt ohne eigentliches Zentrum im traditionellen Sinne geworden. Foto: Diether v. Goddenthow,
Dieser Plan zeigt sehr anschaulich das Ausmaß des geplanten Neuaufbaus von Mainz als Idealstadt der Zukunft. Mainz wäre eine schrecklich sterile Trabantenstadt ohne eigentliches Zentrum im traditionellen Sinne geworden. Lediglich der Dombereich (li.) der sogenannte heilige Bezirk, wäre als Museums-„Insel“ erhalten geblieben.  Foto: Diether v. Goddenthow,

Eine Realisierung der französischen Pläne durch den damals  weltberühmten  Architekten Marcel Lods, einem Wegbegleiter Le Corbusiers, hätte den vollständigen Abriss der Neustadt und ihren Ersatz durch Scheibenhochhäuser bis zum Hartenberg bedeutet. Auch das Mainzer Bleichenviertel wäre komplett niedergelegt und der Verwaltung vorbehalten gewesen. Von der Altstadt wäre lediglich der Dombereich als „Museumsinsel“ geblieben, und selbst dieser historische Restbestand wäre durch neue Straßen durchschnitten worden. Die Industrie sollte in Gustavsburg angesiedelt werden. Einen architektonischen Eindruck entsprechender idealtypischer Wohnbebauung, wie sie ähnlich für Mainz geplant war,  vermitteln noch heute die  Grindelhochhäuser in Hamburg. Sie wurden vor 70 Jahren von den englischen Besatzern nach Abriss eines dortigen Gründerzeit-Viertels in fortschrittlicher standardisierter Stahl-Skelettbauweise und optimierten Wohnungsgrundrissen errichtet.

So kippten die Mainzer die ungeliebten französischen Wiederaufbaupläne 

Um überhaupt diese Pläne vorbereiten zu können, hatten die französischen Besatzer, so Durth, eine ganz strikte Regel,  nämlich, dass die Ausgebombten, die Evakuierten wie sie hießen, nicht zurückziehen durften. Die Besatzer wollten nicht, dass sie anfingen zu reparieren, sich einzurichten, Provisorien zu schaffen; denn dann wäre die Grundlage der Verfügung über die Häuser und Parzellen verloren gewesen und damit auch die „Idealstadt der Zukunft“. „Deswegen kam es in der Bevölkerung zu einer erheblichen, zu einer ganz starken Aversion gegen die französische Besatzungspolitik, ganz im Unterschied gegenüber der zu den Amerikanern im benachbarten Hessen, die eher die „Lassy-fair-Politik“ machten und die gerade den improvisierten Wiederaufbau vor Ort unterstützten. Die reglementierten nicht.
Es waren sehr unterschiedliche Politiken und Besatzungspolitiker unterschiedlichen Zuschnitts, so Durth. Und so kam es zu einem Aufstand der Bürger gegen diese Pläne, als sie ihnen schließlich ganz frei präsentiert wurden.  Der damalige Oberbürgermeister versuchte dann in der Form zu vermitteln, dass er einen Deutschen prominenten Planer einstellte, der sozusagen einen Gegenentwurf zu den französischen machte. Und damit war klar, welche Richtung eingeschlagen würde. Bei der Wiederherstellung der ursprünglichen Eigentumsverhältnisse war dann die französische Planung gestorben, da die Franzosen ja über den Grund und Boden hätten verfügen können müssen. Das heißt: Die flächenmäßige Enteignung war eine Voraussetzung für Mainz als Stadt der Zukunft gewesen.

Prof. Durth beschäftigt sich bereits seit Anfang der 1980er-Jahre mit dem Wiederaufbau in der deutschen Nachkriegszeit. Im Rahmen seiner Forschungen hat er mit vielen Stadtplanern und Architekten aus dieser Zeit gesprochen. So lernte er Professor Adolf Bayer kennen, der lange an der Hochschule Karlsruhe lehrte und einstmals als Mitarbeiter der Mainzer Stadtverwaltung  unter der Regie von Marcel Lods an den Wiederaufbauplänen mitgewirkt hatte. Er war noch im Besitz einiger Exemplare. Professor Bayer überließ Prof. Durth seinerzeit die Pläne, die dieser nun wiederum dem Landesmuseum überreichte.

Fachleuten und interessierten Laien sei Werner Durths Serie „Verdrängte Alternativen, (1) Mainz: Blockierte Moderne“  in ARCH+67, 1.03.1983, Seite(n) 46-49,  empfohlen. Diesen Beitrag gibt es gegen eine geringe Gebühr als Download im Verlag: http://www.archplus.net/home/archiv/ausgabe/46,67,1,0.html

 

Auswahlpräsentation der Pläne im Landesmuseum

Bis zum 8. Januar 2017 wird  eine Auswahl der Pläne in der Ausstellung „Mainz – Ein Blick viele Ansichten“ präsentiert. Diese entstand als Gemeinschaftsleistung der Direktionen Landesdenkmalpflege und Landesmuseum Mainz.

Ort:
Landesmuseum Mainz
Große Bleiche 49-51
55116 Mainz