Kategorie-Archiv: Politisches Sachbuch

Eröffnung des Zentrums für Frankreich- und Frankophoniestudien an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Der Angriff auf Reims im September 1914 führte zu einem radikalen Bruch in den deutsch-französischen Beziehungen, so dass selbst ein wissenschaftlicher Austausch nicht mehr möglich war. Vor diesem Hintergrund des seitherigen totalen Bruchs erhält der nach dem zweiten Weltkrieg zwischen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle geschlossene Friedensvertrag eine noch viel größere Bedeutung. Erst hierdurch wurden kulturelle und wissenschaftliche Kooperationen zwischen beiden Ländern überhaupt erst wieder möglich. Postkarte vom Brand der Kathedrale von Reims, aus dem Fest-Vortrag von Prof. Dr. Thomas W. Gaehtgens, Gründungsdirektor des Deutschen Forums für Kunstgeschichte in Paris.  © Foto: Diether v. Goddenthow
Der Angriff auf Reims im September 1914 führte zu einem radikalen Bruch in den deutsch-französischen Beziehungen, so dass selbst ein wissenschaftlicher Austausch nicht mehr möglich war. Vor diesem Hintergrund des seitherigen totalen Bruchs erhält der nach dem zweiten Weltkrieg zwischen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle geschlossene Friedensvertrag eine noch viel größere Bedeutung. Erst hierdurch wurden kulturelle und wissenschaftliche Kooperationen zwischen beiden Ländern überhaupt erst wieder möglich. Postkarte vom Brand der Kathedrale von Reims, aus dem Fest-Vortrag von Prof. Dr. Thomas W. Gaehtgens, Gründungsdirektor des Deutschen Forums für Kunstgeschichte in Paris. © Foto: Diether v. Goddenthow

Am 4. Juli 2019 wurde feierlich das  Zentrums für Frankreich- und Frankophoniestudien (ZFF) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz  im Atrium maximum in der Alten Mensa auf dem Gutenberg-Campus eröffnet.
Grußworte sprachen Prof. Dr. Georg Krausch, Präsident der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Anne-Marie Descôtes, Botschafterin der Republik Frankreich, Dr. Denis Alt, Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz, Prof. Dr. Alain Bonin, Präsident der Université de Bourgogne, Günter Beck, Bürgermeister der Stadt Mainz, Dr. Jürgen Hartmann, Staatssekretär a.D., Präsident der Deutsch-Französischen Kulturstiftung sowie Prof. Dr. Gregor Wedekind, Zentrum für Frankreich- und Frankophoniestudien.

„Die Wiedereröffnung unserer Universität im Mai 1946 erfolgte auf Initiative der damaligen französischen Besatzungsbehörde. Seither spielen die deutsch-französische Zusammenarbeit und die Frankreichforschung eine wichtige Rolle im universitären Leben der JGU“, betont Prof. Dr. Georg Krausch, Präsident der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. „So besteht beispielsweise seit mehr als 40 Jahren eine enge Hochschulpartnerschaft zwischen der JGU und der Université de Bourgogne in Dijon, ergänzt durch zahlreiche Partnerschaften mit weiteren französischen Hochschulen etwa in Paris, Nantes und Straßburg. Wir können unseren Studierenden heute bi- und teils sogar trinationale Studiengänge vom Bachelor- über Lehramts- und Masterstudiengänge bis hin zum Deutsch-Französischen Doktorandenkolleg anbieten – ein Ausdruck lebendigen kulturellen Austauschs und gelebter Kooperation.“

Im Hinblick auf vergleichbare Einrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland besteht eine Besonderheit des neuen Zentrums für Frankreich- und Frankophoniestudien darin, dass es sich in seinen Fragestellungen nicht auf Frankreich beschränkt, sondern die geografische und kulturelle Öffnung auf die Frankophonie fördert. Hierzu unterstützt, pflegt und erweitert das ZFF die zahlreichen bestehenden institutionellen und persönlichen Kontakte mit Frankreich und französischen bzw. frankophonen Hochschulen insbesondere in Kanada und Nordafrika. Zum anderen ist die Arbeit des ZFF dezidiert fächerübergreifend und nachdrücklich nicht auf die Geistes- und Sozialwissenschaften beschränkt. Ein bundesweites Alleinstellungsmerkmal des ZFF ist die an der Universitätsbibliothek der JGU angesiedelte, mit Unterstützung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) aufgebaute herausragende Bibliothek des Forums Interkulturelle Frankreichforschung (FIFF), die eine wertvolle Ressource für Lehre, Forschung und Wissensvermittlung bietet.

„Die Johannes Gutenberg-Universität Mainz und die Deutsch-Französische Kulturstiftung setzen mit den neuen Zentrum für Frankreich- und Frankophoniestudien hier in Mainz ein klares Zeichen für europäisches und internationales Miteinander“, hebt Anne-Marie Descôtes, Botschafterin der Republik Frankreich, im Rahmen ihres Besuchs auf dem Gutenberg-Campus hervor. „Gerade im aktuellen politischen Kontext ist eine internationale Zusammenarbeit auf allen Ebenen von großer Bedeutung. Die französische Botschaft begrüßt und unterstützt daher diese wichtige Initiative zur Vertiefung der deutsch-französischen Beziehungen – allem voran in den Bereichen der sprachlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Kompetenzen sowie im Einbeziehen der Vielfältigkeit der frankophonen Regionen in der Welt. Allen beteiligten Akteuren danken wir für ihr Engagement und ermutigen sie, auch weiterhin gemeinsam Europa neue derartige Impulse zu geben.“

Das ZFF wird den Austausch und die Kooperation mit anderen universitären Frankreichzentren etwa in Berlin, Bonn, Freiburg, Leipzig und Saarbrücken suchen ebenso wie mit deutsch-französischen Forschungsinstituten wie dem Centre Marc Bloch in Berlin, dem Deutsch-Französischen Institut für Geschichts- und Sozialwissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und dem Deutsch-Französischen Institut in Ludwigsburg. Darüber hinaus kooperiert das ZFF mit den in Mainz ansässigen außeruniversitären deutsch-französischen Einrichtungen – dem Institut français, dem Haus Burgund-Franche-Comté und der Deutsch-Französischen Gesellschaft – und nutzt seine Kapazitäten für den Bereich der Wissensvermittlung sowie für die Kooperation mit deutsch-französischen Akteuren auf politischer Ebene.

Eröffnung des Zentrums für Frankreich- und Frankophoniestudien an der JGU: (v.l.) Prof. Dr. Georg Krausch, Präsident der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Anne-Marie Descôtes, Botschafterin der Republik Frankreich, Prof. Dr. Alain Bonin, Präsident der Université de Bourgogne, Prof. Dr. Gregor Wedekind, Zentrum für Frankreich- und Frankophoniestudien, Dr. Jürgen Hartmann, Staatssekretär a.D., Präsident der Deutsch-Französischen Kulturstiftung, Dr. Denis Alt, Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz, und Günter Beck, Bürgermeister der Stadt Mainz. Foto/©: Stefan F. Sämmer, JGU
Eröffnung des Zentrums für Frankreich- und Frankophoniestudien an der JGU: (v.l.) Prof. Dr. Georg Krausch, Präsident der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Anne-Marie Descôtes, Botschafterin der Republik Frankreich, Prof. Dr. Alain Bonin, Präsident der Université de Bourgogne, Prof. Dr. Gregor Wedekind, Zentrum für Frankreich- und Frankophoniestudien, Dr. Jürgen Hartmann, Staatssekretär a.D., Präsident der Deutsch-Französischen Kulturstiftung, Dr. Denis Alt, Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz, und Günter Beck, Bürgermeister der Stadt Mainz. Foto/©: Stefan F. Sämmer, JGU

 

Reims in Flammen. Drama und Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich

In seinem Festvortrag widmete sich Prof. Dr. Thomas W. Gaehtgens, Gründungsdirektor des Deutschen Forums für Kunstgeschichte in Paris und langjähriger Direktor des Getty Research Institute in Los Angeles, dem Thema „Reims in Flammen. Drama und Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich“. Der deutsche Angriff am 19. September 1914 auf die Kathedrale von Reims, der Krönungskirche, die als Ursprungsort der französischen Monarchie gilt, rief einst einen Schrei der Empörung, der Wut, ja des Hasses in Frankreich aus und verfestigte das Deutschland-Bild von den kulturlosen deutschen Barbaren, das sich seit 1871 in französischen Köpfen festgesetzt hatte. Wenngleich gar nicht wirklich gesichert war, ob das Gotteshaus gezielt oder kollateral aufgrund des heftigen Beschusses des Ortes Reims getroffen wurde und in Brand geriet, wurde „Reims“ so zum Symbol deutsch-französischer Zwietracht – und umso wunderbarer erscheine es, so Gaehtgens, dass ausgerechnet hier einige Jahrzehnte später die deutsch-französische Versöhnung zwischen Charles De Gaulle und Konrad Adenauer besiegelt und die tiefe Kluft im Kulturstreit überwunden werden konnte. Aus einem «lieu de discorde», einem Ort der Zwietracht, konnte ein Erinnerungsort der deutsch-französischen Versöhnung, ja Freundschaft, werden.

Nach allen Auseinandersetzungen zwischen Franzosen und Deutschen ist längst „die“ Kooperation Grundlage der deutsch-französischen Beziehungen geworden, so wie es auch das Frankreich-Zentrum der Universität Mainz in der Zukunft verkörpern wird, unterstrich der Festredner.

die-brennende-kathedrale2Buchtipp: Thomas W. Gaehtgens: Die brennende Kathedrale. Eine Geschichte aus dem Ersten Weltkrieg. Verlag C.H. Beck, München 2018. 351 S. m. 88 Abb., 29,95 €.
Zur Geschichte der JGU-Frankreichforschung 

Seit der Wiedereröffnung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) im Mai 1946 durch die damalige französische Besatzungsbehörde spielen die deutsch-französische Zusammenarbeit und die Frankreichforschung eine wichtige Rolle im universitären Leben auf dem Gutenberg-Campus. So besteht seit mehr als 40 Jahren eine enge Hochschulpartnerschaft zwischen der JGU und der Université de Bourgogne in Dijon, die durch eine Reihe integrierter Studiengänge sowie eine rege universitätsweite Erasmus-Partnerschaft Semester für Semester gelebt wird. Darüber hinaus bestehen mittlerweile auch diverse integrierte Studienprogramme mit weiteren französischen Hochschulen, etwa in Paris, Nantes und Straßburg. Im Jahr 1991 gründete die Universitätsbibliothek Mainz den von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Sammelschwerpunkt Frankreichforschung, aus dem 2013 das Forum Interkulturelle Frankreichforschung (FIFF) hervorgegangen ist.

Die musikalische Einlage erfolgte durch die Jazzabteilung der Hochschule für Musik.  © Foto: Diether v. Goddenthow
Die musikalische Einlage erfolgte durch die Jazzabteilung der Hochschule für Musik. © Foto: Diether v. Goddenthow

Das neue Zentrum für Frankreich- und Frankophoniestudien (ZFF) an der JGU, das maßgeblich durch die Deutsch-Französische Kulturstiftung finanziert wird, verfolgt das Ziel, die verschiedenen auf Frankreich und frankophone Regionen, Institutionen, Gesellschaften und Kulturen bezogenen Aktivitäten der Universität zu betreiben, zu bündeln, zu vernetzen, aus ihrem Zusammenwirken gemeinsamen Nutzen zu generieren, in ihrer wissenschaftlichen Exzellenz zu steigern sowie kooperative Drittmittel einzuwerben. Mit Blick auf vergleichbare Einrichtungen in ganz Deutschland besteht die Besonderheit des ZFF darin, dass das Zentrum sich nicht auf Frankreich beschränkt, sondern die geographische und kulturelle Öffnung auf die Frankophonie zum Programm hat, und das die Arbeit des ZFF dezidiert multi- und transdisziplinär über die Geistes- und Kulturwissenschaften hinaus ausgerichtet ist.
Forum Interkulturelle  Frankreichforschung
Deutsch-Französische Studiengänge in den Geistes- und Kulturwissenschaften Mainz-Dijon

Prof. Dr. Gregor Wedekind
Zentrum für Frankreich- und Frankophoniestudien
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
55099 Mainz

Ede und Unku – ein zeitgeschichtliches Dokument über die grausame Verfolgung der Sinti im Dritten Reich

Der durch die Gruppe „Sinti Swing“ bekannte Berliner Jazz-Musiker Janko Lautenberger hat gemeinsam mit der Journalistin Juliane von Wedemeyer mit „Ede und Unku – die wahre Geschichte“, 240 Seiten, Gütersloh 2018,  das erschütternde Schicksal seiner Sinti-Familie von der Weimarer Republik bis heute nachgezeichnet. Das Autorenduo hat mit ihrer Neuversion von „Ede und Unku“ ein über einen Roman weit hinausgehendes zeitgeschichtlich wertvolles Dokument gegen Rassismus, Diskriminierung  und Verfolgung von Minderheiten als Plädoyer für eine offene Gesellschaft geschaffen.

Ede_und_UnkuDie wahre Geschichte von Ede und Unku ist eine von den beiden Autoren in mühevoller Recherche-Arbeit zusammengetragene, sozialgeschichtlich absicherte „Fortsetzung“ des ursprünglichen Romans „Ede und Unku“, der mit über 5 Mio Exemplaren eines der meistverkauften Bücher in Deutschland ist. Die Erstausgabe erschien 1931, das Buch war viele Jahre Schullektüre und erzählt von der ungewöhnlichen Freundschaft zwischen dem Arbeiterjungen Ede und dem Sintimädchen Unku während der Weimarer Republik. Doch was kaum jemand weiß: Schon kurz nach der Machtergreifung Hitlers wurde das Buch verboten und das »Zigeunermädchen« Unku in einem Konzentrationslager umgebracht. Eben von diesem grausamen Schicksal seiner Ur-Groß-Cousine Unku erzählt der Musiker Janko Lauenberger und dokumentiert, wie sich die Nachfahren, seine Sinti-Familie und er,  in der ehemaligen DDR und später im wiedervereinigten Deutschland arrangiert und etabliert haben.

Gerade in diesen Tagen, da wir den 90. Geburtstag der mit 15 Jahren im KZ ermordeten Jüdin Anne Frank und ihren in 70 Sprachen übersetzten Tagebüchern gedenken, sei dieses Werk sehr empfohlen, weil es am Schicksal des  20jährigen Sinti-Mädchens Unku insgesamt das oftmals übersehene Unrecht  aufgreift, das  den Sinti- und Roma im dritten Reich grausamst widerfahren ist.

( Diether v. Goddenthow /Rhein-Main.Eurokunst )

Leseprobe

„Richtig denken heißt, mit Richtigkeit und mit Gerechtigkeit denken“ – Alfred Grosser und sein Werk Le Mensch

Prof. Dr. Alfred Grosser , Publizist und Politologe (li.) im Gespräch mit Dr. Günther Nonnenmacher (Mitherausgeber der FAZ von 1992 bis 2014) bei der Buchpräsentation "Le Mensch" in den Kurhaus-Kolonnaden Wiesbaden, veranstaltet von der Hessischen Zentrale für Politische Bildung Wiesbaden. Foto: Diether v. Goddenthow
Prof. Dr. Alfred Grosser , Publizist und Politologe (li.) im Gespräch mit Dr. Günther Nonnenmacher (Mitherausgeber der FAZ von 1992 bis 2014) bei der Buchpräsentation „Le Mensch“ in den Kurhaus-Kolonnaden Wiesbaden, veranstaltet von der Hessischen Zentrale für Politische Bildung Wiesbaden. Foto: Diether v. Goddenthow

„Ich mag nicht das Wort ‚DIE‘: ‚DIE Muslime, DIE Frauen, DIE Juden, DIE Deutschen, DIE Flüchtlinge‘“, beginnt Alfred Grosser im Interview mit Dr. Günther Nonnenmacher (Mitherausgeber der FAZ von 1992 bis 2014) über Inhalte seines neuen Buches „Le Mensch“ den Dialog vor rund 300 gespannten Zuhörern im Saal der Kurhaus-Kolonnaden Wiesbaden am 7. September 2017.  Denn hätte man nach dem Kriege von „den“ Deutschen gesprochen, wäre es wohl nie zu einem Friedensvertrag, zur Rückführung des deutschen Volkes in die Völkerfamilie gekommen, so Grosser. Es gibt nicht DIE Deutschen oder DIE Franzosen, sondern einzelne Menschen, Individuen, wehrt sich Grosser gegen ein altes Grundübel, das aktueller ist denn je, nämlich den verallgemeinernden, vorurteilsbehafteten Finger auf andere zu zeigen. Verallgemeinerung war und ist nicht sein Ding, weswegen Grosser, der sich selbst als jüdischen Atheisten bezeichnet und seit über 40 Jahren mit einer katholisch-gläubigen Frau verheiratet ist, sich zeitlebens  mit der komplexen Fragestellung nach menschlicher Identität auseinandergesetzt hat. Wer bestimme denn, was ein Mensch sei, als Individuum oder Amtsinhaber, als Angehöriger einer Gruppe, Religion oder Ethnie? Facettenreich und mit vielen persönlichen Rückblicken sprach der bekannte Publizist und große Europäer Grosser über die Entstehung und Moral sozialer Identität und Auswirkungen auf den Einzelnen.

„Ich bin ein Mann und keine Frau. Das gibt mir heute noch in der französischen wie deutschen Gesellschaft unverdiente Vorteile. Ich bin alt, aber meine seit langem erwachsenen Söhne arbeiten für mein Ruhestandsgehalt. Ich war beamteter Professor, gehörte also zu jenem privilegierten Teil der Gesellschaft, der nicht arbeitslos werden kann.“, erläutert Grosser ein wenig augenzwinkernd, was er mit menschlicher Identität meint. Denn Menschen haben nicht nur eine, sondern multiple Identitäten, beispielsweise zugleich als Europäer, Deutscher, Hesse, Wiesbadener, Berufstätiger, Frau/Mann, Mutter /Vater usw.
Er sei Franzose durch und durch, sagt Grosser, so wie andere Migranten, die in Frankreich zu Franzosen wurden, und niemand würde da von einem Migrationshintergrund sprechen, so der Publizist, der auch ein Beispiel für die Inkongruenz von Identitäten parat hat: „Als Radfahrer fürchte ich mich vor Autos. Als Autofahrer fürchte ich die Radfahrer: Ein gutes Beispiel einer gespaltenen Identität.“

Veranstaltungs-Impression der Buchpräsentation "Le Mensch" in den Kurhaus-Kolonnaden Wiesbaden, veranstaltet von der Hessischen Zentrale für Politische Bildung Wiesbaden. Foto: Diether v. Goddenthow
Veranstaltungs-Impression der Buchpräsentation „Le Mensch“ in den Kurhaus-Kolonnaden Wiesbaden, veranstaltet von der Hessischen Zentrale für Politische Bildung Wiesbaden. Foto: Diether v. Goddenthow

Die Identität des Individuums komme zum Teil von außen, hänge damit zusammen, in welches kulturelle Umfeld jemand geboren worden sei, in welchem Land usw., aber sie bestehe nicht darin, sich von außen eine Identität überstülpen zu lassen. Identität sei auch und vor allem ein innerseelischer Prozess, und alles, wohin sich der Mensch in seinem Leben entwickele und wofür er sich entscheide, ohne Zuschreibung durch andere.

Seine Erfahrungen und Erkenntnisse fasst Grosser in seinem Spiegel-Bestseller-Buch „LE MENSCH in zahlreichen Artikeln zusammen. Dabei ist er klar in der in der Sprache und konkret in der Sache. Alfred Grosser nimmt das Menschsein auf allen Feldern des gesellschaftlichen Lebens unter die Lupe: Kultur, Politik und Erziehung, Geschlecht, Geschichte und Religion, Geld und nationale Mythen – und natürlich unsere Identität in einem Europa mit Flüchtlingen oder ohne. Er warnt eindringlich vor Politikverachtung und zieht Bilanz über das »Menschwerden inmitten der Verzweiflung am Weltgeschehen«. Sein Credo: »Penser juste, donc à la fois avec justesse et avec justice – Richtig denken heißt, mit Richtigkeit und mit Gerechtigkeit denken. Das klingt zwar im Deutschen nicht so gut, sagt aber doch das Wesentliche.«

Der Amerikanische Patient – Trumps Weltordnung und ihre Folgen für Europa

Der amerikanische Patient  – Gatredner Dr. Josef Braml

Festredner Dr. Josef Braml, USA-Experte Foto:. D. v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Festredner Dr. Josef Braml, USA-Experte Foto:. D. v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Als Festredner zur Verleihung des Carol-Nachman-Preises der Landeshauptstadt Wiesbaden für Rheumatologie 2017 konnte in diesem Jahr Dr. Josef Braml, USA-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik und Autor des Buches „Trumps Amerika – Auf Kosten der Freiheit“, gewonnen werden. Er sprach zu dem Thema „Der Amerikanische Patient – Trumps Weltordnung und ihre Folgen für Europa“, was wegen der wachsenden Forschungsfeindlichkeit in den USA  indirekt auch ein zusehends wichtiges Thema der Medizin wird (siehe hierzu auch March of Science am 22. April 2017 in Frankfurt).
Seiner „Spassbremsenfunktion“ durchaus bewusst, warnte Braml die Zuhörer, bevor er seiner Erschütterung über den „Amerikanischen Patienten – Trumps Weltordung und ihre Folgen für Europa“  freien Lauf ließ. Er habe es selbst nicht für möglich gehalten, dass es  so schlimm kommen werde. Aber mittlerweile sei er sicher: es werde noch viel schlimmer. Bramle habe Trump anfangs nicht so ernst genommen, und wie viele gedacht: der lerne noch dazu, er würde sich schon ins System einpassen und es werde sich alles wieder einrenken.  Mittlerweile sei er fast sicher,: Es wird schief gehen wird“.

Wir hier in Europa dürften uns nicht länger mehr selbst in die Tasche lügen, und glauben, dass dieser Mann irgendwann begreifen, dazulernen und einlenken werde. Nein, das wolle Trump gar nicht, im Gegenteil. Trump habe sich  die seit Jahren in den USA abzeichnende desolate Situation wachsenden Selbstbedienungs-Reichtums Weniger einerseits und   sozialer Absturz breiter Mittelschichten andererseits schamlos  für seine eigenen Zwecke ausgenutzt. Er habe den „Verlierern“  versprochen, den  Establishment-Sumpf auszutrocknen. Er sei dabei psychologisch sogar äußerst geschickt vorgegangen. Denn es gehöre schon etwas dazu, den zumeist  ungebildeten  Massen glauben zu machen, er, der Milliardär, würde ernsthaft etwas für sie „da unten“ tun. Das funktionierte nur, da Trump selbst als „Ungebildeter“, der lediglich zu Vierwortsätzen fähig werde niedergemacht wurde. Denn je mehr Trump vom Establishment  als Trottel, Idiot, Analphabet und Ungebildeter hingestellt wurde, um so stärker konnten sich genau die Leute, die Trump erreichen wollte, mit ihm identifizieren.

Eigentlich sei nicht mal Trump das zentrale Problem. Trump sei vielmehr ein Indikator für die krankende USA. Diese könne nicht mehr die liberale Ordnung, die sie einst selbst geschaffen hat, aufrecht erhalten. Die Folgen für Europa und die  Welt seien dramatisch: Eine in sich geschwächte USA  könne der westlichen Welt  nicht mehr ausreichend Sicherheit, freien Handel und  eine stabile Weltwährung  garantieren. Schon längst ginge es  hinter den Kulissen um einen Systemwettbewerb zwischen USA und China. Amerika, bislang der Garant der Werte westlicher Lebensart von Freiheit, Pluralismus und individuelle Selbstentfaltung, sagt Bramle, wäre dies nicht mehr. Unsere freiheitliche Demokratie sei nicht selbstverständlich, wir müssten selbst um ihren Erhalt kämpfen. Braml glaube, dass sich die Lage in den USA noch verschlimmere,  hoffe, dass sich die Verhältnisse wider ausbalancierten.

Zutrauen – Ideen statt Ideologien – Martin Rupps u. Volker Resing Interview-Buch mit Julia Klöckner

Manuel Herder im Gespräch mit Julia Klöckner während ihrer Buchpräsentation auf dem Stand des Herder-Verlages auf der 67. Frankfurter Buchmesse © massow-picture
Manuel Herder im Gespräch mit Julia Klöckner während ihrer Buchpräsentation auf dem Stand des Herder-Verlages auf der 67. Frankfurter Buchmesse © massow-picture

Ideen statt Ideologien
Julia Klöckner: Was mir in der Politik wichtig ist

In turbulenten Zeiten wie diesen sind Persönlichkeiten vom Format Julia Klöckners  gefragt.  Nicht nur in der Flüchtlingsfrage hat Julia Klöckner schon früh den Blick für soziale Realitäten bewiesen. Sie lässt sich auch nicht vom politisch-korrekten Zeitgeist in die rechte Ecke drängen, wenn sie – wie Alice Schwarzer – dafür plädiert,  frauendiskriminierende Vollverschleierung (Burka oder Nigab mit Augenschlitz)  zu verbieten und ein Integrationsbekenntnis von Neuankömmlingen zu fordern. „Eine Gegenleistung müssen wir aber erwarten: dass sich die Neuankömmlinge an unsere Gesetze halten und unseren Lebensstil respektieren. Sie sollen ihre eigene kulturelle Identität durchaus bewahren, aber nur insoweit, als sie nicht mit unseren Auffassungen von Recht und Gesetz, von Demokratie, von Meinungs- und Religionsfreiheit und der Gleichberechtigung von Mann und Frau widerspricht. Hier können und dürfen wir keine Abstriche machen, weil das die Grundpfeiler unserer freiheitlichen Demokratie sind. Deshalb müssen alle Flüchtlinge wissen: Wer bei uns Schutz und Hilfe sucht, muss bereit sein, sich in unsere Gesellschaft zu integrieren. Und er muss sich auch dazu verpflichten.“, so Julia Klöckner.

Sie  hat   kein Verständnis dafür, wenn   Gender-Ideologinnen einerseits Haare darüber spalten, ob, wie einst, Rainer Brüderles  Dekolleté-Bemerkung harmloser Flirt oder Frauendiskriminierung gewesen sei, aber bei offensichtlich gravierenden Frauendiskriminierungen anderer Kulturkreise in unserem Lande wegschauen oder dies paradoxerweise eher noch verteidigen:   „Wenn Nichtgleichberechtigung als kulturelle Vielfalt abgetan wird, halte ich das für schwierig“, so Julia Klöckner bei einem Interview mit Manuel Herder zur Vorstellung ihres Buches ‚Zutrauen   – Ideen statt Ideologien – Was mir in der Politik wichtig ist‘ auf der diesjährigen Buchmesse. „Sie spielen ja wohl auch auf einen Vorfall an, dass in einer Flüchtlingseinrichtung mir ein Imam die Hand nicht geben wollte, weil ich Frau bin, nicht weil ich erkältet bin, nein, weil ich Frau bin. Darüber ist eine heiße Debatte  entbrannt“, so Klöckner: „Was ist der Beweggrund, dass er mir die Hand nicht gegeben hat? Ich finde, dass das Geschlecht kein Grund sein darf. Da gibt es zwar  unterschiedliche Interpretationen: Weil man so viel Respekt vor Frauen hat oder weil man sie nicht als gleichwertig anschaut. Mir persönlich ist es relativ gleich. Wichtig ist, wie es ankommt, und wichtig ist auch das Denken, das hinten dran steht. Ganz viele Männer, die so stark im islamischen Glauben geprägt sind, haben nun mal starke Vorbilder wie diesen Imam. Diese Männer haben oft auch Probleme, Lehrerinnen zu akzeptieren, haben Probleme, Chefinnen zu akzeptieren. Das gilt nie für alle. Pauschalitäten sind immer fehl am Platz. Aber ich habe so viele Rückmeldungen bekommen wie selten zuvor, von wirklich betroffenen Frauen, von einer Maklerin, von Geschäftsfrauen, die sagen: ‚wir wollen gleich behandelt werden!‘. Und das sollten wir eben nicht als kulturelle Vielfalt abtun, wenn Menschen anderer Kulturkreise nicht gewohnt sind, mit Frauen gleichberechtigt umzugehen.
Und wenn man auf der anderen Seite gerne die Offenheiten unseres Landes annimmt: Religionsfreiheit, ein Rechtssystem, das verlässlich ist, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, soziale Absicherung usw., dann gehört zur anderen Seite der Medaille eben auch die Gleichberechtigung „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“. Und übrigens: Auch homosexuelle Partnerschaften sind legal in Deutschland, und auch das sind Punkte, die wir  den Neuankömmlingen abverlangen müssen.  Zusammenhalt unserer Gesellschaft kann nur gewährleistet werden, wenn die Integration derjenigen gelingt, die dauerhaft hier bleiben werden.“, so Julia Klöckner. Wie   für den Philosophen Rüdiger Safranski die Grundsätze und Werte der Gleichberechtigung unantasbar sind und das Grundgesetz über  Koran und Scharia stehen muss, fordert  Julia Klöckner, dass „es wohl nicht zuviel verlangt ist, von Asylbewerbern und Einwanderern ein Bekenntnis zur freiheitlich demokratischen Grundordnung als oberste Instanz unseres Staates zu verlangen, wenn sie hier Schutz, Arbeit, Bildung und Versorgung suchen.“

zutrauen-julia-kloecknerJetzt hat die  Seiteneinsteigerin in die politische Parteiarbeit und heutige Hoffnungsträgerin der CDU und  Spitzenkandidatin bei den Landtagswahlen 2016  in Rheinland-Pfalz das Buch „Zutrauen – Ideen statt Ideologien – Was mir in der Politik wichtig ist“ vorgelegt. Hierin verrät die Politikerin, was ihr wichtig ist, und gibt im Gespräch mit den Journalisten Volker Resing und Martin Rupps Auskunft über ihr Verständnis von Politik und gesellschaftlichem Engagement.
Neben Themen wie Glaube, Werte und Heimat, Gleichberechtigung und Religionsfreiheit, Familienpolitik und alternative Lebensentwürfe, Flüchtlingspolitik und Integration spricht sie auch über persönliche Weggefährten und Vorbilder. Im Kern komme es ihr darauf an, Probleme unideologisch und pragmatisch zu lösen, Konzepte für die Zukunft zu haben, das Land voran zu bringen, sagt sie und weiter: „Wir brauchen ein politisches Verständnis, das nicht Legislaturperioden, sondern Generationen im Blick hat.“ Anstatt zu bevormunden, möchte sie den Menschen zutrauen, selbst zu erkennen, was gut ist, welche Veränderungen und auch welche Politiker notwendig sind.

Wer Julia Klöckners  – mitunter unkonventionellen  – Ansichten und politisch pragmatische Herangehensweisen  besser verstehen möchte, dem sei ihr Buch  „Zutrauen – Ideen statt Ideologien – Was mir in der Politik wichtig ist“ wärmstens empfohlen. Erschienen ist es im Herder-Verlag Freiburg 2015, 192 Seiten, 19,99 Euro (als E-Book 15,99 Euro).

Diether v. Goddenthow (Rhein-Main.Eurokunst.com)