Kategorie-Archiv: Goethe-Universität Frankfurt

Im Auge des Betrachters Psychologen der Goethe-Universität relativieren Rückschlüsse von Physiognomie auf Verhalten

© Goethe Universität Frankfurt am Main
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Zeige mir Dein Gesicht, und ich sage Dir, wer Du bist! Was in der Kriminalanthropologie begann, hat im Zeitalter massenhafter digitaler Gesichtserkennung Konjunktur: Studien, die von Gesichtsmerkmalen auf Verhaltensdispositionen schließen. Ein Team um die Psychologin Prof. Dr. Sabine Windmann an der Goethe-Universität hat nun untersucht, warum breite Gesichter aggressiver wirken. Ein Ergebnis: Wie breit ein Gesicht erscheint, hängt vor allem von der geäußerten Emotion ab.

FRANKFURT. Die Gesichtsmerkmale eines Mannes lassen auf seine kriminelle Veranlagung schließen. Diese These vertrat der italienische Arzt Cesare Lombroso, der im 19. Jahrhundert die kriminalanthropologisch ausgerichtete Kriminologie begründete. Von ihr führt eine direkte Linie zu den Nationalsozialisten: Diesen dienten Lombrosos Thesen und seine Methoden der Vermessung von Gesichtern als Vorlage für rassenbiologische Theorien und medizinisch-eugenische Programme.

Spekulative Annahmen zur Physiognomie gerieten in der Nachkriegszeit zu Recht in Misskredit. Im letzten Jahrzehnt jedoch haben neuere wissenschaftliche Erkenntnisse der Verhaltensendokrinologie, eine Disziplin, die den Zusammenhang zwischen Hormonen und Verhalten untersucht, neue Impulse gesetzt. Einzelne Befunde erweckten den Verdacht, dass Testosteron in der Pubertät sowohl die Entwicklung neuronaler Schaltkreise im Gehirn prägt als auch das Breitenwachstum der Gesichtsknochen. Die Wissenschaftler vermuteten: Wenn ein hoher Testosteronspiegel in der Jugend die Entwicklung sowohl aggressiv-dominanter Persönlichkeitszüge begünstigt als auch der Gesichtsbreite, dann müsste sich das eine an dem anderen „ablesen“ lassen. Sie parametrisierten sodann die Gesichtsbreite als horizontale Distanz zwischen linkem und rechtem Wangenknochen relativ zur Gesichtshöhe (gemessen als vertikaler Abstand von Nasenwurzel zum oberem Lippenrand), womit ein Maß definiert wurde, das von der reinen Größe des Gesichts unabhängig ist.

Und tatsächlich wurden in der Folgezeit zahlreiche Studien publiziert, die rein korrelativ zeigten, dass Männer mit relativ hohem Gesichtsbreitenwert von sich selbst und anderen als aggressiver und dominanter eingeschätzt werden, häufiger lügen und betrügen, im Sport aufgrund von Fouls vermehrt Strafen erhalten, in gewaltsamen Auseinandersetzungen weniger häufig unterliegen und (im Staat Florida) sogar häufiger zum Tode verurteilt werden.

Prof. Dr. Sabine Windmann, Psychologin an der Goethe-Universität, hat nun die Korrelation von Gesichtsbreite und Aggressivität gemeinsam mit einem Team von fünfzehn Studierenden genauer untersucht. In einer Reihe von Experimenten wurde die Perspektive auf das Phänomen gewechselt, indem nicht mehr die mehr oder minder breiten Gesichter von mehr oder minder aggressiven Persönlichkeiten vermessen wurden, sondern umgekehrt Beobachter gebeten wurden, Gesichtsformen gemäß einer Persönlichkeitsbeschreibung zu generieren. Die Forschungsfrage lautete: Nutzen Beobachter Gesichtsbreite als Signal für soziale Bedrohung und Dominanz? Kennen sie die Verbindung; existiert diese in ihrer mentalen Vorstellung?

Im psychologischen Labor wurden Proband*innen gebeten, das Bild eines aggressiv-dominanten Mannes im Vergleich zu einem friedfertig-unterwürfigen Mann entweder frei zu zeichnen, aus einer Auswahl von vorgegebenen Gesichtsmerkmalen verschiedener Größe und Form zusammenzusetzen oder durch Veränderung einer neutralen Vorlage am PC zu „fotoshoppen“.

Die Resultate schienen zunächst das bekannte Muster zu bestätigen: Die gezeichneten und die foto-editierten Gesichter wiesen für aggressive Männer im Mittel eine breitere Wangenpartie auf für friedliebende Männer; nur in den Puzzles fand sich kein Zusammenhang. Auffällig war allerdings, dass die „breiteren“ Gesichter häufig einen ärgerlichen, wütenden Gesichtsausdruck zeigten. Vor allem waren die Augenbrauen in der Mitte nach unten gezogen, wodurch sich das Höhenmaß änderte und damit der genutzte Parameter. In einer weiteren Studie forderten die Psychologen die Probanden deshalb auf, die Gesichter als „Pokerface“, also völlig emotionslos, darzustellen. Prompt reduzierte sich das Verhältnis von Gesichtsbreite zu –höhe. Weitere Untersuchungen und statistische Modellierungen bestätigten, dass die Verbindung zwischen Gesichtsform und Persönlichkeit so gut wie vollständig von der dargestellten Zustandsemotion abhing. Dabei war nicht die Breite, sondern die Höhe des Gesichts entscheidend. „Wir können davon ausgehen, dass die knochenbasierte Gesichtsbreite in der Vorstellungswelt keine nennenswerte Bedeutung für den Schluss auf die Persönlichkeit hat“, schließt Windmann. „Überzeugender scheint, dass eine geringe Gesichtshöhe mit Zustandsemotionen wie Ärger und Wut verwechselt und dann mit Aggressivität und Dominanz gleichgesetzt wird.“ Das könne in der Vorstellung ebenso geschehen wie in der Wirklichkeit.

Ironischerweise kann die konsistente Unterstellung von aggressiven Charakterzügen durch Beobachter im Endeffekt dieselbe Wirkung haben wie der ursprünglich vermutete testosteronvermittelte Zusammenhang. „Stellen Sie sich vor, dass alle Menschen, die Sie nicht gut kennen, Ihnen mit Argwohn und Misstrauen begegnen würden, weil sie Ihnen aufgrund Ihrer tiefstehenden Augenbrauen ein hohes Aggressivitätspotential unterstellen – wieder und wieder, ein Leben lang“, erklärt die Professorin. „Wie denken Sie, würde sich das auf Ihre Persönlichkeitsentwicklung auswirken?“ Wissenschaftlich sei es essentiell, den vermittelnden Mechanismus zu verstehen, gerade wenn Diskriminierung und Stereotypisierung drohen. Darüber hinaus seien ausreichend große Fallzahlen und Replikationen erforderlich, um zufällige Scheinbefunde zu entlarven. Hätte Lombroso diese Prinzipien beherzigt, hätte er die Abwegigkeit seiner Thesen vielleicht selbst erkannt.

Publikation: Sabine Windmann, Lisa Steinbrück, Patrick Stier: Overgeneralizing Emotions: Facial Width-To-Height Revisited, Preprint in Emotion Study (September 2021); https://psyarxiv.com/r84hb/

Wirtschaftswissenschaftler der Goethe-Universität und Universität Mannheim entwickeln Luftfilterkalkulator für Schulen

Wirtschaftswissenschaftler der Goethe-Universität und Universität Mannheim entwickeln Luftfilterkalkulator – Online-Rechner hilft beim Modellvergleich „Wie Schulen den passenden Luftfilter finden!“

Die Inzidenzzahlen sinken, doch der Schutz vor COVID-19 soll bleiben. Mehr Luftfilter für die Schulen lautet deshalb eine Forderung mit Blick auf den Präsenzunterricht der Schulen im Herbst, der sich kürzlich auch das Bundesbildungsministerium angeschlossen hat. Ein an der Goethe-Universität und der Universität Mannheim entwickelter Online-Kalkulator könnte Schulen nun dabei helfen, für ihre Räumlichkeiten passende und kosteneffiziente Luftfiltergeräte zu ermitteln (www.airfiltercalculator.com).

FRANKFURT. In Parlamenten und Gerichtssälen sind sie längst Standard, in Klassenräumen sind sie nur vereinzelt zu finden: mobile Luftfilter, die erheblich dazu beitragen, die Konzentration von Aerosolen und damit wesentlichen Trägern des Coronavirus SARS-CoV-2 in der Luft zu verringern. Nun sollen auch Schulen die mobilen Luftfilter in den Sommerferien installieren, um im kommenden Schuljahr bei vollen Klassenzimmern möglichen Infektionen vorzubeugen – insbesondere vor dem Hintergrund, dass bis dahin keine flächendeckende Impfung aller Schülerinnen und Schüler zu erwarten ist. Zu teuer, zu laut, zu kompliziert in der Wartung, wenden Kritiker ein. Stimmt das?

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Prof. Dr. Anna Rohlfing-Bastian an der Goethe-Universität und der Ökonom Dr. Gunter Glenk an der Universität Mannheim haben nun ein Kalkulationstool entwickelt, das die Suche unter den zahlreichen Anbietern von mobilen Luftfiltern nach einem passenden und kostengünstigen Gerät erleichtert. Ein Resultat der Studie: „Für etwa 50 Euro pro Person und Jahr“, sagt Rohlfing-Bastian, „sollte es beispielsweise einer Grundschule möglich sein, Luftfiltergeräte anzuschaffen, sodass regulärer Unterricht stattfinden kann.“ Tragen alle Personen im Raum Masken, reduziere dies die Kosten um die Hälfte. „Die Sommerferien können nun genutzt werden, um flächendeckend mobile Luftfilter anzuschaffen“, so ihr Kollege Glenk. „Solche Filter helfen nicht nur in einer Pandemielage, sondern auch generell gegen Viren wie Grippeviren und gegen Luftverschmutzung.“

In ihrem Online-Kalkulator optimieren Rohlfing-Bastian und Glenk die Lebenszykluskosten der Ausstattung mit mobilen Luftfiltern. Dabei berücksichtigen sie alle Ausgaben, die bei Anschaffung und Betrieb über die Nutzungsdauer der Geräte anfallen. Gleichzeitig wird eine effektive Filterleistung pro Kubikmeter Luft pro Stunde im Klassenraum sichergestellt, damit ein zuvor festgelegtes Infektionsrisiko nicht überschritten wird.

Nutzer des anwenderfreundlichen Kalkulationstools www.airfiltercalculator.com können verschiedene Parameter wie beispielsweise Raumgröße, Belegung, Aufenthaltsdauer und Aktivitäten der Personen im Raum festlegen (Schweigen, Sprechen und Singen verursachen verschiedene Aerosolemissionen). Auch die Eingabe eines Maximalwertes für die Dezibelbelastung ist möglich. Unter Berücksichtigung des maximal tolerablen Infektionsrisikos berechnet das Tool die kosteneffiziente Ausstattung eines Raumes mit mobilen Luftfiltern und die dazugehörigen Kosten pro Person und Jahr.

Die Berechnungen, so Rohlfing-Bastian und Glenk, gingen von gewissen Vereinfachungen aus, wie etwa einer gleichmäßigen Verteilung der Aerosole im Raum. Erste Simulationsstudien zeigten jedoch, dass sich Schwebeteilchen erst allmählich im Raum gleichmäßig verteilen. Rohlfing-Bastian und Glenk weisen außerdem daraufhin, dass die Daten für ihre Berechnung durch eine Umfrage unter Herstellern von mobilen Luftfiltern erhoben wurden; 23 Hersteller haben bisher insgesamt 39 Geräte in die Datenbank eingetragen.

Wissenschaftliche Studien, unter anderem des Atmosphärenforschers Joachim Curtius an der Goethe-Universität, haben nachgewiesen, dass mobile Luftfilter die Aerosolkonzentration in geschlossenen Räumen erheblich reduzieren (https://www.puk.uni-frankfurt.de/92900358/Infektionsrisiko__Luftreiniger_beseitigen_90_Prozent_der_Aerosole_in_Schulklassen). Eine Ansteckungsgefahr wird damit deutlich vermindert. Die Wirksamkeit von Filtergeräten war aber zuletzt in die öffentliche Diskussion geraten; unter anderem wurde befürchtet, dass mobile Luftfilter die Nutzer in falscher Sicherheit wiegen könnten und dadurch aktives Lüften vernachlässigt werden könnte. Filtergeräte ersetzten nicht das Lüften, betonen auch Aerosolforscher, da die mobilen Filtergeräte die Virenlast zwar stark senkten, nicht aber Kohlendioxid und Wasserdampf aus der Atemluft entfernten. Ideal sei daher eine Kombination aus verschiedenen Maßnahmen zur Reduktion des Ansteckungsrisikos.

Das Forschungsprojekt wurde von der Friedrich Flick Förderungsstiftung unterstützt.

Publikation: https://www.tinygu.de/luftfilter

(Text: Goethe-Uni Frankfurt)

Prof. Dr. Anna Rohlfing-Bastian
Fachbereich Wirtschaftswissenschaften
Professur für Rechnungswesen, insb. Management Accounting
Goethe-Universität Frankfurt
Homepage: https://www.accounting.uni-frankfurt.de/professoren/professur-rohlfing-bastian/startseite.html

Dr. Gunther Glenk
Mannheim Institute for Sustainable Energy Studies
Fakultät für Betriebswirtschaftslehre
Universität Mannheim
Web: Mannheim Institute for Sustainable Energy Studies 

 

Siehe auch:
Intelligentes Lüftungsmanagement

STUDIE BEWEIST: SOLUVA-GERÄTE VON HERAEUS NOBLELIGHT MACHEN SARS-COV-2 UNSCHÄDLICH

3500 Jahre alter Honigtopf: Ältester direkter Nachweis für Honig-Nutzung in Afrika

In solchen 3500 Jahre alten Tongefäßen der Nok-Kultur konnten Spuren von Bienenwachs nachgewiesen werden (Foto: Peter Breunig, Goethe-Universität Frankfurt)
In solchen 3500 Jahre alten Tongefäßen der Nok-Kultur konnten Spuren von Bienenwachs nachgewiesen werden (Foto: Peter Breunig, Goethe-Universität Frankfurt)

Wissenschaftler von Goethe-Universität und Universität Bristol (Großbritannien) finden Bienenwachsreste in prähistorischer Keramik der westafrikanischen Nok-Kultur

Bevor das Zuckerrohr und die Zuckerrübe die Welt eroberten, war Honig weltweit das wichtigste Naturprodukt zum Süßen. Den ältesten direkten Nachweis für die Nutzung von Honig in Afrika haben nun Archäologen der Goethe-Universität in Kooperation mit Chemikern der Universität Bristol erbracht. Sie nutzten dafür die chemischen Nahrungsmittelrückstände in Keramikscherben, die sie in Nigeria gefunden hatten. (Nature Communications, DOI 10.1038/s41467-021-22425-4)

FRANKFURT. Honig ist das älteste Süßungsmittel der Menschheit – und war tausende von Jahren wohl auch das einzige. Indirekte Hinweise für die Bedeutung der Bienen und der von ihnen erzeugte Produkte liefern zum Beispiel prähistorische Felsbilder von verschiedenen Kontinenten, die vor 8000 bis 40.000 Jahren entstanden sind. Altägyptischen Reliefs geben Hinweise auf die Bienenzucht bereits 2600 Jahre vor Christus. Doch für das subsaharische Afrika fehlte bisher ein direkter archäologischer Nachweis. Mit der Untersuchung von chemischen Nahrungsmittelrückständen in Keramikscherben hat sich das Bild grundlegend geändert. Archäologen der Goethe-Universität konnten jetzt in Kooperation mit Chemikern der Universität Bristol Bienenwachsreste in 3500 Jahre alten Keramikscherben der Nok-Kultur identifizieren.

Die Nok-Kultur in Zentral-Nigeria datiert zwischen 1500 vor Christus und der Zeitenwende und ist vor allem durch ihre bis zu lebensgroßen Terrakotta-Skulpturen bekannt. Sie stellen die älteste figurative Kunst Afrikas dar. Bis vor wenigen Jahren war vollständig unbekannt, in welchem gesellschaftlichen Kontext diese Skulpturen entstanden sind. In einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt haben Wissenschaftler der Goethe-Universität über zwölf Jahre lang die Nok-Kultur in all ihren archäologischen Facetten untersucht. Neben Siedlungsweise, Chronologie und Bedeutung der Terrakotten waren Wirtschaft und Ernährung ein Schwerpunkt der Forschung.

Dr. Gabriele Franke, Archäologin der Goethe-Universität, bei der Dokumentation ausgegrabener Tongefäßen in der Nok-Forschungsstation in Janjala, Nigeria, im August 2016. In solchen Tongefäßen konnten Spuren von Bienenwachs nachgewiesen werden (Foto Peter Breunig, Goethe-Universität Frankfurt
Dr. Gabriele Franke, Archäologin der Goethe-Universität, bei der Dokumentation ausgegrabener Tongefäßen in der Nok-Forschungsstation in Janjala, Nigeria, im August 2016. In solchen Tongefäßen konnten Spuren von Bienenwachs nachgewiesen werden (Foto Peter Breunig, Goethe-Universität Frankfurt

Hatten die Menschen der Nok-Kultur Haustiere oder waren sie Jäger? Üblicherweise benutzten Archäologen zur Klärung dieser Frage Tierknochen aus den Ausgrabungen. Was aber, wenn der Boden so sauer ist, dass Knochen sich nicht erhalten, so wie es im Nok-Gebiet der Fall ist?

Hier eröffnet die Untersuchung von molekularen Nahrungsmittel-Rückständen in Keramik neue Möglichkeiten. Denn bei der Verarbeitung von Pflanzen- und Tierprodukten in Tontöpfen werden stabile chemische Verbindungen freigesetzt, vor allem Fettsäuren (Lipide). Diese können in den Poren der Gefäßwand über Tausende von Jahren erhalten bleiben und sind mit Hilfe der Gaschromatographie nachweisbar.

Zur großen Überraschung der Forscher fanden sich außer den Resten von Wildtieren zahlreiche andere Bestandteile, die das bisher bekannte Spektrum der genutzten Tiere und Pflanzen erheblich erweitern. Vor allem an ein Tier hatte sie nicht gedacht: die Honigbiene. Ein Drittel der untersuchten Scherben enthielt hochmolekulare Lipide, die typisch für Bienenwachs sind.

Bekannt ist die Nok-Kultur im heutigen Nigeria für ihre Terrakottafiguren (Foto: Peter Breunig, Goethe-Universität Frankfurt)
Bekannt ist die Nok-Kultur im heutigen Nigeria für ihre Terrakottafiguren (Foto: Peter Breunig, Goethe-Universität Frankfurt)

Welche Bienenprodukte die Menschen der Nok-Kultur nutzten, lässt sich aus den Lipiden nicht rekonstruieren. Am wahrscheinlichsten ist es, dass sie den Honig in den Töpfen durch Erhitzen von den wachshaltigen Waben trennten. Aber auch die Verarbeitung von Honig zusammen mit anderen tierischen oder pflanzlichen Rohstoffen oder die Herstellung von Met sind denkbar. Das Wachs selber könnte für technische oder medizinische Zwecke gedient haben. Eine weitere Möglichkeit ist die Verwendung von Tontöpfen als Bienenstöcke, so wie es in heutigen traditionellen Gesellschaften Afrikas noch praktiziert wird.

„Wir haben diese Studie mit den Kollegen aus Bristol begonnen, weil wir wissen wollten, ob die Nok-Leute Haustiere hatten,“ erläutert Professor Peter Breunig von der Goethe-Universität, der das archäologische Nok-Projekt leitet. „Dass Honig auf ihrem täglichen Speisezettel stand, war für uns völlig unerwartet und ist in der Vorgeschichte Afrikas bisher einzigartig.“

 Dr. Julie Dunne von der University of Bristol, Erstautorin der Studie, sagt: „Dies ist ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie biomolekulare Information aus prähistorischen Tonscherben in Kombination mit ethnographischen Daten Einsichten gewährt in die Nutzung von Honig vor 3500 Jahren.“

Professor Richard Evershed, Leiter des Instituts für Organische Chemie an der Universität Bristol und Co-Autor der Studie, weist darauf hin, dass die besondere Beziehung zwischen Mensch und Honigbiene schon in der Antike bekannt war. „Aber die Entdeckung von Bienenwachsresten in der Nok-Keramik ermöglicht einen ganz besonderen Einblick in diese Beziehung, weil dort alle andere Quellen fehlen.“

 Professor Katharina Neumann, an der Goethe-Universität zuständig für die Archäobotanik im Nok-Projekt, sagt: „Pflanzen- und Tierreste aus archäologischen Ausgrabungen spiegeln nur einen kleinen Ausschnitt von dem wieder, was die Menschen in der Vorgeschichte gegessen haben. Die chemischen Rückstände machen bisher unsichtbare Komponenten der prähistorischen Ernährung sichtbar.“ Der erste direkte Nachweis von Bienenwachs eröffne faszinierende Perspektiven für die Archäologie Afrikas. Neumann: „Wir nehmen an, dass die Nutzung von Honig in Afrika eine sehr lange Tradition hat. Die älteste Keramik des Kontinents ist etwa 11.000 Jahre alt. Enthält sie vielleicht auch Bienenwachsreste? In Archiven weltweit liegen tausende von Keramikscherben aus archäologischen Grabungen, die nur darauf warten, ihre chemischen Geheimnisse durch die Gaschromatographie zu enthüllen und dadurch ein konkreteres Bild vom täglichen Leben und der Ernährung der prähistorischen Menschen zu zeichnen.“

Auch heute noch beliebt: Grabungsmitarbeiter essen frisch gesammelten wilden Honig (Foto: Peter Breunig, Goethe-Universität Frankfurt)
Auch heute noch beliebt: Grabungsmitarbeiter essen frisch gesammelten wilden Honig (Foto: Peter Breunig, Goethe-Universität Frankfurt)

 Publikation: Julie Dunne, Alexa Höhn, Gabriele Franke, Katharina Neumann, Peter Breunig, Toby Gillard, Caitlin Walton-Doyle1, Richard P. Evershed Honey-collecting in prehistoric West Africa from 3500 years ago. Nature Communications https://doi.org/10.1038/s41467-021-22425-4

(weitere Informationen: https://aktuelles.uni-frankfurt.de/)

Corona-Pandemie: Zentrum für Psychotherapie an der Goethe-Universität hilft per Krisentelefon bei psychischen Belastungen

Fotolia 42002584 XS copyright
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FRANKFURT. Die Corona-Pandemie und die notwendigen Maßnahmen zur Bekämpfung der weiteren Ausbreitung stellen weiterhin eine große Belastung für viele Menschen dar. Kontaktbeschränkungen können zu Einsamkeit, Sorgen um die Zukunft und auch Depressionen führen. Auch Familien konfrontiert der Lockdown mit besonderen Herausforderungen: Eltern müssen sich stärker um die schulische Bildung und Betreuung ihrer Kinder in der Freizeit kümmern. Viele Selbständige stehen vor einer Krise und wissen nicht, wie sie ihre wirtschaftliche Zukunft planen können. Dies kann zu erheblichen psychischen Belastungen führen. Am Zentrum für Psychotherapie des Instituts für Psychologie an der Goethe-Universität wird seit einem Jahr eine Krisenberatung für Personen aller Altersgruppen angeboten, die unter den psychischen Folgen der Corona-Pandemie leiden.

Prof. Dr. Ulrich Stangier, Abteilungsleiter der Klinischen Psychologie und Psychotherapie an der Goethe-Universität, betont: „Die wieder steigenden Inzidenzzahlen und die notwendigen Maßnahmen zur Beschränkung sozialer Kontakte stellen für viele Menschen eine sehr große psychische Belastung dar. Das Krisentelefon kann da Abhilfe schaffen: Mit unserer anonymen, kostenlosen und professionellen Beratung helfen wir all jenen Personen in der Rhein-Main-Region, die Rat suchen, um mit der Situation besser umgehen zu können, und Betroffenen, die unter den seelischen Folgen der Erkrankung leiden.“

Anmeldung unter Tel.: 069-798 23849 (Mo, Di, Do, Fr von 10.00 – 13.00 Uhr). https://www.psychologie.uni-frankfurt.de/86817645/Corona_Krisentelefon

Das Corona-Krisentelefon wird finanziell unterstützt von der Vereinigung von Freunden und Förderern der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Nachwuchspreis 2021 – Michael R. Silverman und Bonnie L. Bassler werden für Entdeckungen zur bakteriellen Kommunikation geehrt – Elvira Mass erhält Nachwuchspreis für Erkenntnisse zur Organentwicklung bei der Maus

Preisträger des Paul Ehrlich-Preises 2021 (vli.) Michael R. Silverman und Bonnie L. Bassler erhalten den Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis. Elvira Mass wird mit dem Nachwuchspreis 2021 geehrt. Foto: Paul Ehrlich-Stiftung
Preisträger des Paul Ehrlich-Preises 2021 (vli.) Michael R. Silverman und Bonnie L. Bassler erhalten den Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis. Elvira Mass wird mit dem Nachwuchspreis 2021 geehrt. Foto: Paul Ehrlich-Stiftung

Michael R. Silverman und Bonnie L. Bassler werden für Entdeckungen zur bakteriellen Kommunikation mit dem Paul-Ehrlich-Preis 2021 geehrt

Bakterien sind keine Einzelkämpfer. Die Bildung eines Biofilms zum Schutz vor der Immunattacke des Wirtsorganismus oder die Synthese eines Giftstoffs zum Angriff auf den Wirt gelingen nur im Team, nicht als Einzelleistung eines individuellen Bakteriums. Die Einzeller kommunizieren daher miteinander und handeln erst dann gemeinsam, wenn sie eine Zellzahl erreicht haben, die Aussicht auf Erfolg verspricht. Die nötige Information dazu tauschen Bakterien über die von den Preisträgern entdeckten Sprachmoleküle und deren Übermittlungswege aus. Wer also gegen unerwünschte Bakterien vorgehen will, kann deren Absprachen erlauschen und gezielt durchkreuzen.

FRANKFURT am MAIN. Der mit 120.000 Euro dotierte Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis 2021 geht in diesem Jahr an die Amerikanerin Bonnie L. Bassler von der Princeton University und dem Howard Hughes Medical Institute und den Amerikaner Michael R. Silverman, Emeritus des Agouron Institute in La Jolla. Die beiden werden für ihre bahnbrechenden Entdeckungen zum „Quorum Sensing“ ausgezeichnet. Dieser Begriff bezeichnet die Strategie der bakteriellen Kommunikation. Die Preisverleihung in der Paulskirche, die traditionell am 14. März, dem Geburtstag von Paul Ehrlich, mit einem Festakt gefeiert wird, fällt in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie aus. Die Ehrung wird im kommenden Jahr zusammen mit den Preisträgern 2022 nachgeholt.

„Silverman und Bassler haben gezeigt, dass kollektives Verhalten nicht nur die Regel unter vielzelligen Organismen ist, sondern auch unter Bakterien“, schreibt der Stiftungsrat der Paul Ehrlich-Stiftung in seiner Begründung. „Auch Bakterien verständigen sich untereinander, belauschen sich gegenseitig, treffen Absprachen und koordinieren damit ihr Verhalten. Die allgegenwärtige Kommunikation unter Bakterien stellt eine erst durch die Preisträger erkannte Achillesferse dar, die neue Ansätze liefert, Mikroben zu bekämpfen. Statt Bakterien mit Antibiotika zu töten, können nun Substanzen entwickelt werden, die die bakterielle Kommunikation unterbinden. Die Forschung der Preisträger hat damit eine erhebliche Relevanz für die Medizin“, so der Stiftungsrat weiter.

Bakterien sind äußerst kommunikativ. Sie senden und empfangen Signale, um herauszufinden, ob sie allein oder mit vielen Artgenossen vor Ort sind. Gleichzeitig interessieren sie sich auch dafür, ob noch andere Arten anwesend sind und wer das Sagen hat: sie oder die anderen. Für diese Kommunikation wurde der Begriff Quorum Sensing geprägt. Um die Zahl an Bakterien in einer bestimmten Umgebung zu messen, sezernieren Bakterien bestimmte Sprachmoleküle, deren Konzentration mit der Anzahl der Bakterien zunimmt. Überschreitet die Konzentration einen bestimmten Schwellenwert, setzt ein gruppenspezifisches Verhalten ein, das einer Bakteriengemeinschaft neue Eigenschaften verleiht. Durch die Arbeit der Preisträger wissen wir heute, dass dieses Phänomen in der gesamten Welt der Bakterien verbreitet ist.

Silverman hat in den 1980er-Jahren das erste Quorum-Sensing-System bei dem marinen Bakterium Vibrio fischeri entdeckt. Es gelang ihm, die Information für Bildung des Sprachmoleküls Autoinducer-1 und dessen Rezeptor auf andere Bakterien zu übertragen und damit genetisch zu definieren. Vibrio fischeri sorgt mit diesem Sprachmolekül dafür, dass ein Zwergtintenfisch nachts blau-grün leuchtet und dadurch im Mondlicht keinen verräterischen Schlagschatten im flachen Meerwasser wirft. Allerdings erzeugt Vibrio fischeri dieses Licht erst bei hoher Zellzahl. Gemessen wird sie über die Freisetzung von Autoinducer-1, dessen Konzentration direkt mit der Zahl der anwesenden Bakterien in dem Leuchtorgan des Zwergtintenfischs korreliert. Wird ein bestimmter Schwellenwert erreicht – und damit ein gewisses Quorum –, machen die Moleküle kehrt, wandern zurück in die Bakterienzelle und sorgen dafür, dass das Licht angeschaltet wird und der Tintenfisch leuchtet.

Als Bonnie Bassler Anfang der 1990er-Jahre die Existenz des Quorum Sensings bei dem Bakterium Vibrio harveyi nachweisen wollte, stieß sie auf ein völlig neues Sprachmolekül, dass sie Autoinducer-2 nannte. Sie konnte zeigen, dass dieses Molekül einen anderen Nachrichtenwert hat. Es informiert nicht über das eigene Quorum, sondern über das Quorum der Konkurrenz, denn Bakterien leben selten in Reinkultur wie im Leuchtorgan des Zwergtintenfischs, sondern in Gemeinschaften wie im Darm oder auf der Haut. Der Autoinducer-2 unterrichtet die Bakterien darüber, ob andere Arten vor Ort sind und wer in der Überzahl ist. Letzteres ergibt sich aus dem Verhältnis der Autoinducer-Moleküle zueinander. Damit war gezeigt worden, dass Bakterien viele Sprachen beherrschen und sogar zwischen Freund und Feind unterscheiden können – Leistungen, die wir vom Nerven- und Immunsystem her kennen.

Heute weiß man, dass es Hunderte von Sprachmolekülen und Quorum-Sensing-Systemen gibt. Bonnie Bassler hat in den vergangenen Jahren zudem gezeigt, dass sich auch Viren und die Zellen der Wirtsorganismen in dieses allgegenwärtige bakterielle Palaver einklinken und das Quorum Sensing der Bakterien für ihre Zwecke nutzen. Sie entdeckte zum Beispiel, dass der Schleim des menschlichen Darms von den Bakterien des Mikrobioms dazu benutzt wird, ein Sprachmolekül zu bilden, das krankmachende Bakterien auf Distanz hält. Damit verbündet sich der menschliche Darm über den abgegebenen Schleim mit seinen nützlichen Bakterien im Kampf gegen schädliche oder unerwünschte Keime. Es gibt also auch eine Kommunikation über die verschiedenen Domänen des Lebens hinweg.

„Die Bedeutung der Entdeckungen der beiden Laureaten für die Mikrobiologie und Medizin ist erst kürzlich in ihrer ganzen Tragweite erkannt worden“, sagt Professor Thomas Boehm, Direktor am Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik in Freiburg und Vorsitzender des Stiftungsrates. „Erst nach Jahrzehnten zäher Forschungsarbeit und nach vielen herausragenden Publikationen waren die Kritiker davon überzeugt, dass nicht nur Vibrio fischeri und Vibro harveyi die Kunst der bakteriellen Kommunikation beherrschen, sondern wohl alle Bakterien“, so Boehm weiter. „Das hat nicht nur zu einem fundamentalen Perspektivenwechsel in der Bakteriologie geführt, sondern ebenso zu gänzlich neuen Ansätzen in der Antibiotika-Forschung“.

Kurzbiographie Professor Dr. Bonnie L. Bassler Ph.D. (58)
Bonnie Bassler ist Mikrobiologin. Sie studierte an der University of California in Davis Biochemie und promovierte an der Johns Hopkins University in Baltimore. Dem Labor von Michael Silverman am Agouron Institute in La Jolla schloss sie sich 1990 als Postdoc an. Seit 1994 ist sie an der Princeton University. Bonnie Bassler ist Mitglied der National Academy of Sciences, der National Academy of Medicine und der Royal Society. Sie ist Forscherin am Howard Hughes Medical Institute sowie Inhaberin der Squibb-Professur und Leiterin des Instituts für Molekularbiologie an der Universität Princeton. Präsident Obama berief sie für sechs Jahre ins National Science Board der Vereinigten Staaten. Sie hat über zwanzig nationale und internationale Auszeichnungen erhalten.

Kurzbiographie Professor Michael R. Silverman, Ph.D. (77)
Michael Silverman ist ebenfalls Mikrobiologe. Er studierte Chemie und Bakteriologie an der University of Nebraska in Lincoln und promovierte 1972 an der University of California in San Diego. Zwischen 1972 und 1982 machte er entscheidende Entdeckungen zur Mobilität von Bakterien und zur Chemotaxis. Ab 1982 arbeitete er bis zu seinem Ruhestand am Agouron Institute in La Jolla, dessen Mitbegründer er ist.

 

Elvira Mass erhält für ihre Erkenntnisse zur Organentwicklung bei der Maus den Ludwig Darmstaedter-Nachwuchspreis 2021

 Die Weichen für die Gesundheit der Organe werden offensichtlich schon im frühen Embryo gestellt. Die diesjährige Nachwuchspreisträgerin hat gezeigt, dass spezialisierte Immunzellen aus dem Dottersack die Entwicklung der Organe begleiten und zeitlebens zur Gesunderhaltung beitragen. Damit bestimmen diese Zellen mit über das Funktionieren der Organe. Für Elvira Mass liegt in der eingeschränkten Funktion dieser Zellen eine mögliche Ursache für viele Erkrankungen.

FRANKFURT am MAIN. Der mit 60.000 Euro dotierte Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Nachwuchspreis 2021 geht an die Entwicklungsbiologin Professorin Elvira Mass vom Life and Medical Sciences Institut (LIMES) der Universität Bonn. Die Preisverleihung in der Paulskirche, die traditionell am 14. März, dem Geburtstag von Paul Ehrlich, mit einem Festakt gefeiert wird, fällt in diesem Jahr wegen der Coronavirus-Pandemie aus. Die Ehrung der Nachwuchspreisträgerin wird im kommenden Jahr zusammen mit den Preisträgern 2022 nachgeholt werden.

Damit die Organe gesund und leistungsfähig bleiben, muss das Gewebe ständig nach Auffälligkeiten durchforstet werden. Bis vor wenigen Jahren galt die Auffassung, dass diese Aufgabe von Immunzellen aus dem Knochenmark übernommen wird. Mass hat in einer Reihe eleganter Experimente gezeigt, dass diese Zellen auf Vorläuferzellen im Dottersack zurückgehen, der den Embryo bis zur Ausbildung der Placenta ernährt und dann abgebaut wird. Die Vorläuferzellen wandern aus dem Dottersack in die entstehenden Organe, begleiten deren Entwicklung und bleiben auch nach der Geburt ein Leben lang präsent. Woher sie diese Langlebigkeit nehmen, ist bislang ein Rätsel.

Bei den Immunzellen handelt es sich um sogenannte Gewebe-Makrophagen, also um Fresszellen des angeborenen Immunsystems. Ihre primäre Aufgabe besteht darin, aufzuräumen und alles zu beseitigen, was nicht zu einem gesunden Organ gehört. Allerdings produzieren sie auch Botenstoffe und schaffen Nährstoffe herbei, sodass sie auch dafür sorgen, dass Neues entsteht.

„Die besondere Leistung von Elvira Mass besteht in einem wichtigen Perspektivenwechsel beim Blick auf die Funktion von Organen“, schreibt der Stiftungsrat unter Vorsitz von Professor Thomas Boehm, Direktor am Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik in Freiburg, in seiner Begründung. „Wer sich für die Frage interessiert, wie sich Organe entwickeln und was sie gesund erhält, schaut jetzt nicht mehr nur auf das Knochenmark, sondern ebenso auf den Dottersack und damit auf eine ganz andere Population von Makrophagen. Das hat auch Konsequenzen für die Medizin, denn Organerkrankungen könnten auch auf eine Fehlfunktion der Makrophagen-Vorläuferzellen aus dem Dottersack zurückgehen“, so der Stiftungsrat weiter.

Dass dies tatsächlich der Fall ist, hat Mass für einige Organe der Maus gezeigt, zum Beispiel für das Gehirn, wo die ansässigen Makrophagen Mikroglia heißen. Der Hinweis auf eine relevante Fehlfunktion kam aus der Medizin. Es gibt eine Form von Krebs, bei dem sich die Gewebe-Makrophagen unkontrolliert vermehren und bei der die Kranken mit der Zeit Anzeichen für eine Neurodegeneration oder eine Bewegungsstörung entwickeln. Diesen als Histiozytosen bezeichneten Tumoren liegt meistens eine spezielle Mutation zugrunde. Mass hat diese Mutation bei Mäusen in die Vorläuferzellen im Dottersack geschleust und verfolgt, wie sich die Tiere entwickelten. Dabei zeigte sich, dass die mutierten Mikroglia-Zellen nicht mehr ihren angestammten Aufgaben nachgehen, sondern die Nervenzellen in ihrer Nachbarschaft attackieren und beseitigen. Das führte bei den Mäusen früher oder später zu Lähmungen und passt damit zum klinischen Bild einer Histiozytose.

Mit der ihr kürzlich zugesprochenen, begehrten Förderung des Europäischen Forschungsrates wird die Nachwuchspreisträgerin in Zukunft untersuchen, welche Umweltfaktoren die epigenetische Prägung in den Vorläuferzellen des Dottersacks derart verändern, dass sich daraus Konsequenzen für die Gesundheit der Organe ergeben. Dafür wird sie unter anderem den Einfluss von Nanoplastik-Partikeln auf die Makrophagen untersuchen. Teilchen, die kleiner als 500 Nanometer sind, gelangen über die Plazenta ins Blut des Embryos und könnten damit auch der Fürsorge-Funktion der Gewebe-Makrophagen schaden.

Kurzbiographie Professorin Dr. Elvira Mass
Elvira Mass (34) studierte Biologie an der Universität Bonn und promovierte am dortigen Life and Medical Sciences Institut (LIMES). 2014 wechselte sie in das Labor von Frederic Geissmann ans King’s College in London und folgte ihm wenige Monate später an das Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York. Von dort kehrte sie 2017 als Gruppenleiterin an das LIMES-Institut der Universität Bonn zurück. 2019 wurde sie W2 Professorin für „Integrated Immunology“ an der Universität Erlangen-Nürnberg. 2020 wechselte sie auf eine W2/W3-Professur ans LIMES-Institut. Mass ist mehrfach ausgezeichnet worden. 2020 erhielt sie den Heinz Maier Leibnitz-Preis. Dies ist der bedeutendste Preis zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses in Deutschland.

Der Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Nachwuchspreis
Der 2006 erstmals vergebene Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Nachwuchspreis wird von der Paul Ehrlich-Stiftung einmal jährlich an einen in Deutschland tätigen Nachwuchswissenschaftler oder eine in Deutschland tätige Nachwuchswissenschaftlerin verliehen, und zwar für herausragende Leistungen in der biomedizinischen Forschung. Das Preisgeld von 60.000 Euro muss forschungsbezogen verwendet werden. Vorschlagsberechtigt sind Hochschullehrer und Hochschullehrerinnen sowie leitende Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen an deutschen Forschungseinrichtungen. Die Auswahl der Preisträger erfolgt durch den Stiftungsrat auf Vorschlag einer achtköpfigen Auswahlkommission.

Die Paul Ehrlich-Stiftung
Die Paul Ehrlich-Stiftung ist eine rechtlich unselbstständige Stiftung, die treuhänderisch von der Vereinigung von Freunden und Förderern der Goethe-Universität verwaltet wird. Ehrenpräsidentin der 1929 von Hedwig Ehrlich eingerichteten Stiftung ist Professorin Dr. Katja Becker, Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die auch die gewählten Mitglieder des Stiftungsrates und des Kuratoriums beruft. Vorsitzender des Stiftungsrates der Paul Ehrlich-Stiftung ist Professor Dr. Thomas Boehm, Direktor am Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik in Freiburg, Vorsitzender des Kuratoriums ist Professor Dr. Jochen Maas, Geschäftsführer Forschung & Entwicklung, Sanofi-Aventis Deutschland GmbH. Prof. Dr. Wilhelm Bender ist in seiner Funktion als Vorsitzender der Vereinigung von Freunden und Förderern der Goethe-Universität zugleich Mitglied des Stiftungsrates der Paul Ehrlich-Stiftung. Der Präsident der Goethe-Universität ist in dieser Funktion zugleich Mitglied des Kuratoriums.

Weitere Infos rund um den Paul-Ehrlich-Preis und ihre Preisträger /innen.

Neue Professur soll islamische Kultur vergangener Jahrhunderte erforschen

Badende,Wandmalerei im Qusair `Amra, Jordanien (8. Jh. n. Chr.), Foto: Jutta Eichholz
Badende,Wandmalerei im Qusair `Amra, Jordanien (8. Jh. n. Chr.), Foto: Jutta Eichholz

VolkswagenStiftung fördert Islamische Archäologie und Kunstgeschichte an der Goethe-Universität

Die archäologischen Wissenschaften an der Goethe-Universität erhalten Verstärkung: Mit Mitteln der VolkswagenStiftung wird eine neue Professur für Islamische Archäologie und Kunstgeschichte eingerichtet, zusätzliche Mittel fließen für Gastwissenschaftler, Forschungsprojekte und Infrastruktur.

FRANKFURT. „Die Professur für Islamische Archäologie und Kunstgeschichte an der Goethe-Universität wird eine große Besonderheit sein. Sie ist erst die dritte Professur dieser Art in ganz Deutschland“, freut sich Prof. Dr. Dirk Wicke, der in Frankfurt die Archäologie Vorderasiens lehrt, über die Bewilligung. Wicke hat den zusätzlichen Forschungszweig im Rahmen des Programms „Weltwissen ‒ Strukturelle Stärkung ‚kleiner Fächer‘“ der VolkswagenStiftung beantragt, mit dem diese seit 2017 fachunabhängig strukturell unterrepräsentierte Wissensgebiete mit hohem Innovationspotenzial fördert. Der Antrag, der nun bewilligt wurde, umfasst neben der Einrichtung einer Professur für zunächst sechs Jahre ein Programm für Gastwissenschaftler, die Anschubfinanzierung für Forschungsprojekte und auch eine umfangreiche Unterstützung der Infrastruktur am Institut. Für die ersten sechs Jahre stellt die Stiftung knapp eine Million Euro bereit. Der Fortbestand der W2-Professur ist bereits durch Unipräsidium und Fachbereich gesichert.

Frühislamische Badeanlage von Kharab Sayyar, Syrien (9. Jh. n. Chr.), Foto: Ausgrabungsprojekt Kharab Sayyar
Frühislamische Badeanlage von Kharab Sayyar, Syrien (9. Jh. n. Chr.), Foto: Ausgrabungsprojekt Kharab Sayyar

„Das ist eine sehr gute Nachricht“, freut sich auch Universitätspräsidentin Prof. Dr. Birgitta Wolff. „Die Kleinen Fächer gehören sehr prägend zum Profil der Goethe-Universität, manche von ihnen sind besonders forschungsstark und sehr erfolgreich im Einwerben von Drittmitteln. Gerade die Archäologie hat einen ausgezeichneten Ruf und ist bereits in mehreren auch für Laien faszinierenden Themenfelder sehr gut unterwegs. Dass sie sich im Bereich der islamischen Kunst zusätzlich positioniert, unterstützen wir auch Seitens des Präsidiums gerne“, so Wolff weiter. „Die neue Professur fügt sich nahtlos in den bereits seit Jahren bestehenden Fächerkanon und das Bachelor-Master-Studienprogramm des Institutes ein. Zudem wird es viele Anknüpfungspunkte an andere Disziplinen im Fachbereich und weit über die Goethe-Universität hinaus geben“, ist Wicke überzeugt. Er erwarte einen innovativen Forschungsschub, außerdem würden neue Impulse für eine stärkere Internationalisierung gesetzt. Nach Ansicht des Frankfurter Archäologen gibt es in Deutschland Nachholbedarf auf diesem Gebiet: In anderen Ländern sei der islamischen Archäologie und Kunstgeschichte in den vergangenen Jahren wachsende Aufmerksamkeit zuteilgeworden. Deutschland hinke bislang noch hinterher. An der Goethe-Universität ist die islamische Kunst und Kultur im Rahmen der vorderasiatischen Archäologie schon seit langem erforscht worden, die Arbeiten kamen jedoch durch den Bürgerkrieg in Syrien letztlich zum Erliegen. Das Institut verfügt mittlerweile jedoch über eine kleine altorientalische Studiensammlung.

Das Fach Islamische Archäologie und Kunstgeschichte beschäftigt sich mit den materiellen Zeugnissen der islamischen Welt von etwa dem 7. Jahrhundert nach Christus bis in die heutige Zeit in dem weiten geographischen Rahmen von Marokko bis Indonesien und von Zentralasien bis zur Sahara. Es verfolgt im Wesentlichen kulturhistorische Fragestellungen anhand der materiellen Kultur des Islam und arbeitet eng mit historischen und philologischen Disziplinen wie der Orientalistik oder den Islamischen Studien zusammen. Gerade angesichts der politischen Unruhen im Nahen Osten zählen auch der Erhalt des islamischen kulturellen Erbes und dessen Vermittlung in Gegenwart und Zukunft zu den Aufgaben dieser Wissenschaft.

Professur für Vorderasiatische Archäologie
Institut für Archäologische Wissenschaften, Abteilung I,1
Goethe-Universität
wicke@em.uni-frankfurt.de

Eine Antwort auf den politischen Islam ist nötig FAZ 3. Jan. 2021

 

Stabwechsel an der Goethe-Universität

Ernennung des neuen Präsidenten und symbolische Amtsübergabe von Professorin Birgitta Wolff an Professor Enrico Schleiff
(ffm) Die symbolische Übergabe der Präsidentschaft der Goethe-Universität von Professorin Dr. Birgitta Wolff an Professor Dr. Enrico Schleiff erfolgte am Donnerstag, 17. Dezember, bei einer medienöffentlichen Online-Veranstaltung der Universität. Schleiff war am 8. Juli 2020 zum neuen Präsidenten gewählt worden. Am 1. Januar 2021 tritt der gewählte Präsident sein Amt offiziell an. Die Amtszeit beträgt sechs Jahre. Universitätspräsidentin Wolff hat das Amt seit Anfang 2015 inne und wechselt zum Jahresbeginn 2021 auf eine Professur für Betriebswirtschaft. Aufgrund der verschärften Corona-Lage konnte die Veranstaltung nur im kleinsten Kreis stattfinden und wurde per Livestream übertragen.

Der Vorsitzende des Hochschulrates, Prof. Dr. Matthias Kleiner, der die Ernennung vollzog, erklärte: „Birgitta Wolff hat in den sechs Jahren ihrer Präsidentinnenschaft Hervorragendes geleistet. Ihre Amtszeit hat in all ihren Facetten der Goethe-Universität sehr gut getan und ich freue mich und bin von Herzen dankbar, dass ich dabei die Präsidentin und ihr Präsidium als Hochschulratsvorsitzender begleiten durfte. Mit Enrico Schleif ist in einem nicht ganz einfachen, aber erfolgreichen Wahlverfahren, ein ausgezeichneter Nachfolger bestimmt worden, dem ich für seine Amtszeit sehr herzlich alles Gute wünsche: viele Ideen und Argumente, viel Mut und Energie, viel Bewegung und Spielraum, viel Glück und Erfolg! Der Hochschulrat wird Enrico Schleiff ein guter Partner sein.“

Die Wissenschaftsministerin des Landes Hessen, Angela Dorn, sagte anlässlich der Amtsübergabe: „Die Goethe-Universität hat unter der Präsidentschaft von Frau Professorin Wolff in den vergangenen beiden Semestern eine große Kraftanstrengung unternommen, um in der Coronapandemie ein weitgehend digitales Studium zu ermöglichen. Dieses herausragende Engagement beschließt eine Präsidentschaft, in der sie sich mit all ihrer Kraft und ihrem Wissen für die Goethe-Universität eingesetzt hat: Mit dem Begriff ,Third Mission‘ wird mittlerweile bundesweit ihr Name verbunden, denn von Beginn an setze sie auf Transfer und war Gründungsmitglied der Agentur für Sprunginnovation. Nach dem enttäuschenden Abschneiden bei der Exzellenzstrategie hat sie schnell die Ärmel wieder hochgekrempelt, die Goethe Universität einem selbstkritischen Analyseprozess unterzogen und einen Reform- und Professionalisierungskurs vorangebracht. Prof. Dr. Wolff hinterlässt eine Universität mit zukunftsfesten Strukturen und starken Entwicklungsperspektiven. Für diesen Einsatz danke ich ihr von Herzen. Ich bin mir sicher, dass Prof. Dr. Schleiff mit seiner vielschichtigen Erfahrung auf diesem Fundament gut aufbauen kann. Ich wünsche ihm viel Erfolg bei seiner neuen Aufgabe und Prof. Dr. Wolff auf ihrem weiteren Werdegang alles Gute.“

Oberbürgermeister Peter Feldmann betonte: „Im Juli 2014, sind Sie, liebe Frau Professor Wolff, als erste Frau zur Präsidentin dieser Universität gewählt worden. Der große Hilmar Hoffmann sprach von einem Signal der Erneuerungskraft – zu Recht, wie wir heute wissen. Sie haben die Goethe-Universität in die Stadt getragen, zu den Bürgerinnen und Bürgern. Sie haben Sie geöffnet, zu einem Ort der Debatte gemacht. Ausdruck und Ergebnis Ihres Engagements ist die für unsere Bevölkerung erfolgreiche Veranstaltungsreihe ‚Bürger-Uni‘. Das passt zu Frankfurt als Geburtsort der deutschen Demokratie. Ich bitte Sie: Bleiben Sie uns, bleiben Sie Frankfurt erhalten. Auch Ihre Wahl, lieber Professor Schleiff, ist eine Weichenstellung. Sie wollen das Profil der Uni schärfen, durch Gründung einer Forschungsallianz und durch eine stärkere Internationalisierung. Vielfalt macht stark – dafür ist unsere internationale Stadt der Beweis. Als Hochschule dieser Stadt noch internationaler, noch vielfältiger werden zu wollen, ist aus meiner Sicht genau der richtige Ansatz. Ich freue mich darauf, mehr zu erfahren und mit Ihnen über Ihre Pläne zu diskutieren.“

Die Präsidentin der Goethe-Universität, Prof. Dr. Birgitta Wolff, sagte: „Sechs Jahre durfte ich als Präsidentin der Goethe-Universität dienen und sie mitgestalten. Umgekehrt haben mir die Goethe-Universität und die vielen großartigen Menschen, mit denen ich zusammenarbeiten durfte und was ich hier in dieser Zeit lernen durfte, unendlich viel gegeben. Viele dieser inspirierenden Kontakte werden – da bin ich mir sicher – auch über meine Amtszeit hinaus weiterbestehen. Ich übergebe Enrico Schleiff eine Goethe-Universität, die auf wichtigen Feldern ihrer internen Governance und Kooperationskultur große Fortschritte gemacht hat. Die Goethe-Universität ist heute mehr denn je eine Hochschule, die gelernt hat, dass sie ihre Stärken in kooperativen Netzwerken – sei es auf regionaler, sei es auf nationaler, sei es auf internationaler Ebene – viel besser entfalten kann, als ohne diese. An der Neuausrichtung der Strukturen haben wir die letzten drei Jahre hart gearbeitet. Ich wünsche Enrico Schleiff eine glückliche Hand bei der Weiterentwicklung unserer wundervollen Goethe-Universität.

Der gewählte Präsident der Goethe-Universität, Prof. Dr. Enrico Schleiff, erklärte: „Ich freue mich sehr auf die Aufgabe, als Präsident gemeinsam mit den Kolleg*innen unsere Goethe-Universität weiter zu entwickeln. Die Wahl war ein großer Vertrauensbeweis und Vertrauensvorschuss der Goethe-Community. Gleichzeitig habe ich das Votum des Erweiterten Senats als besonderen Auftrag an mich verstanden, den Zusammenhalt innerhalb der Goethe-Universität zu stärken. Die ersten Wochen und Monate im Amt werde ich daher auch dafür nutzen, um auf verschiedene Personen und Gruppierungen innerhalb und außerhalb der Goethe-Universität persönlich zuzugehen. Ich bin überzeugt, dass uns als Mitglieder der Goethe-Community alle der Anspruch eint, mit der Goethe-Universität in einer sich drastisch verändernden Welt durch richtungsweisende Forschung und Lehre einen Beitrag zur Entwicklung und Gestaltung der Gesellschaft zu leisten – jede und jeder an ihrer und seiner Stelle. Ich werde mich persönlich dafür einsetzen, dass wir die dafür nötigen Freiräume in Forschung, Lehre und Third Mission weiter entfalten. Ich danke Gitta Wolff für ihren enormen Einsatz und die wegweisenden Impulse, die sie in der Weiterentwicklung der Goethe-Uni gesetzt hat.“

 

Latein lernen mit Tricktrack – vor 500 Jahren – Universitätsbibliothek erwirbt das allererste in Frankfurt am Main gedruckte Buch

 „Ludus studentum Friburgensium“ des Franziskanermönchs Thomas Murner von 1511, jetzt im Eigentum der Frankfurter Universitätsbibliothek
„Ludus studentum Friburgensium“ des Franziskanermönchs Thomas Murner von 1511, jetzt im Eigentum der Frankfurter Universitätsbibliothek

FRANKFURT. Die Frankfurter Universitätsbibliothek konnte jetzt das allererste in Frankfurt am Main gedruckte Buch erwerben: Der „Ludus studentum Friburgensium“ des Franziskanermönchs Thomas Murner von 1511 galt bislang als empfindliche Lücke in der hiesigen Sammlung Frankfurter Drucke. Die Unterstützung der „Freunde der Universitätsbibliothek“ machte den antiquarischen Kauf möglich.

Johannes Gutenberg erfand in Mainz um 1450 den Buchdruck mit beweglichen Lettern. Erst über 50 Jahre später entstand in Frankfurt am Main die erste Druckerei – reichlich spät, sollte man denken. Der Grund dafür könnte in der unmittelbaren Nachbarschaft zu Mainz liegen, das seit Gutenbergs Erfindung der „Schwarzen Kunst“ eine führende Rolle im Buchdruck einnahm. Somit gab es für Druckereien und Verlage in Frankfurt im 15. und frühen 16. Jahrhundert wohl noch keinen Bedarf.

Die Situation änderte sich erst, als 1511 der aus dem Elsass stammende Franziskaner Thomas Murner (1475 ‒ 1537) nach Frankfurt kam und für rund zwei Jahre im dortigen Franziskanerkloster lebte. Das Kloster befand sich da, wo heute die Paulskirche steht. Murner war Doktor der Theologie und Rechtswissenschaft, Humanist, Satiriker und ein leidenschaftlicher Gegner Martin Luthers. Mit ihm kam sein jüngerer Bruder, der Buchdrucker Beatus Murner nach Frankfurt. In dessen Druckerei entstanden in den Jahren 1511 und 1512 die ersten neun nachweislich in Frankfurt gedruckten Bücher. Verfasser ist jeweils, mit einer Ausnahme, Thomas Murner. Dabei handelt es sich allerdings nicht um umfangreiche Werke, sondern eher um kleine Broschüren.

Das allererste dieser neun Bücher ist der 1511 erschienene „Ludus studentum Friburgensium“, ein Lehrbuch für lateinische Prosodie und Metrik. Thomas Murner erhoffte sich, aufbauend auf Erfahrungen an der Freiburger Universität, dass die Studenten mit Hilfe von Spielen Elemente der lateinischen Silben- und Verslehre auswendig lernen. Bei diesen Spielen handelt es sich u.a. um ein Radspiel, Schach und Tricktrack, den Vorgänger von Backgammon. Enthalten sind acht Holzschnitte, darunter zwei, die sich aufklappen lassen, und einer mit einem drehbaren Rad, einer sogenannten Volvelle.

Im Altbestand der Frankfurter Stadtbibliothek, der sich heute als städtische Dauerleihgabe in der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg befindet, waren bislang lediglich sechs der neun Frankfurter Murner-Drucke vorhanden. Glücklicherweise konnte die Bibliothek jetzt den „Ludus studentum Friburgensium“ mit Unterstützung der Freunde der UB erwerben. Er stellt eine sehr wertvolle Ergänzung und Bereicherung des Bestands dar.

Das höchst seltene Büchlein wurde komplett digitalisiert:
http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/inc/content/titleinfo/11109108

Information: Dr. Bernhard Tönnies, Abteilung Handschriften und Inkunabeln, Universitätsbibliothek J. C. Senckenberg, Bockenheimer Landstraße 134-138, 60325 Frankfurt am Main, Tel: +49 (69) 798 39236, E-Mail: b.toennies@ub.uni-frankfurt.de

Verlorene Zeit der Corona-Jugend? – „JuCo2“: Zweite bundesweite Befragung zum Befinden von Jugendlichen in der Pandemie veröffentlicht

FRANKFURT. Die Erfahrungen der Corona-Pandemie machen jungen Menschen Angst vor der Zukunft. Vor allem junge Erwachsene, die die Schule abgeschlossen haben und nun an der Schwelle zur Berufsausbildung oder zum Studium stehen, sorgen sich um die langfristigen, auch ökonomischen Folgen der Pandemie.

Nahezu die Hälfte aller Jugendlichen äußert dies im Rahmen der am 10. Dezember veröffentlichten, zweiten bundesweiten Online-Befragung „JuCo2“: Mehr als 7.000 Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 15 bis 30 Jahren gaben Auskunft darüber, welche Konsequenzen die Pandemie für ihren Alltag hat und mit welchen Sorgen sie auf ihr persönliches Leben und die gesellschaftliche Entwicklung blicken. Durchgeführt wurde die Umfrage von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Forschungsverbunds „Kindheit – Jugend – Familie in der Corona-Zeit“ der Goethe-Universität Frankfurt und Stiftung Universität Hildesheim.

Anders als bei der ersten Online-Befragung im Frühjahr 2020 beteiligten sich an der Befragung mehr junge Menschen in einer biographischen Übergangssituation: Etwa zwei Drittel der Befragten besuchten zum Zeitpunkt der Befra­gung nicht die Schule, befanden sich in Ausbildung oder im Studium. Rund 10 Prozent der Befragten waren in Freiwilli­gendiensten aktiv. Ein Drittel der jungen Menschen gab an, sich in der Pandemie einsam und belastet zu fühlen; rund 80 Prozent betonen, wie sehr ihnen der Ausgleich zum Lernen durch soziale Kontakte und Freizeitaktivitäten fehle. Auch sprechen sie ihre Ängste vor einer Zukunft ohne Nebenjobs und finanzielle Unterstützung im Studium an.

In 1.400 Kommentaren nehmen die Jugendlichen die Gelegenheit wahr, sich mitzuteilen: Manche empfinden das Jahr 2020 als Zeitverschwendung, als ein Jahr im Wartezustand; andere schreiben vom Lernen allein zu Hause, das ihnen „unglaublich schwergefallen“ sei; von belastenden psychischen Problemen in der Familie; wie „emotional ermüdend“ es sei, sich in der Schule ohne ausreichend Abstand unter Vielen bewegen und dabei konzentriert für die nächste Klassenarbeit lernen zu müssen; wie einsam sie ohne ihre Freunde seien und „ohne alles, was Spaß macht“. „Unter diesen Bedingungen den Schulabschluss zu machen, war echt unfassbar hart für mich.“

Die Studie macht deutlich: Die geäußerten Ängste führen aber keineswegs dazu, dass die Jugendlichen die Maßnahmen zum Infektionsschutz mehrheitlich ablehnen und nicht bereit sind, sich daran zu halten. Im Gegenteil: Nur zehn Prozent der jungen Menschen äußern Zweifel an den Einschränkungen, mehr als zwei Drittel hält sie für sinnvoll und folgt ihnen. Allerdings wünschen sich die jungen Erwachsenen, dass von ihnen nicht nur erwartet wird, sich zu qualifizieren. Sie fordern auch, dass ihre Bedürfnisse bei politischen Maßnahmen gesehen werden und sie bei der Gestaltung miteinbezogen werden. Fast 65 Prozent der Jugendlichen haben eher nicht oder gar nicht den Eindruck, dass die Sorgen junger Menschen in der Politik gehört werden.

Die Jugendlichen haben nämlich – auch das zeigt die Befragung – nicht nur ihre eigene Lebenssituation im Blick: Sie machen sich ebenso Gedanken über die globalen Folgen der Pandemie für die Gesellschaft. Einige berichten aber auch davon, mehr sozialen Zusammenhalt zu erleben und sich bewusst zu werden, wie wichtig Zuwendung für ihre soziale und emotionale Entwicklung sowie ihr Wohlbefinden sei.

„Für manche Jugendliche ist das Verwiesen-Sein auf die Familie und den häuslichen Raum ein Geschenk“, sagt Prof. Dr. Sabine Andresen, Familienforscherin an der Goethe-Universität. „Für andere kann die Situation aber sehr belastend sein, vor allem wenn auch für die Eltern das soziale Umfeld wegfällt und Unterstützungsnetzwerke nicht mehr wie bisher funktionieren“.

Die Rede von der „Coro­na-Jugend“, für die die Pandemie zu einer „prägenden Erfahrung für die ganze junge Generation“ werden könnte, lehnen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Studie jedoch vehement ab. „Wir halten diese Einschätzung für verfrüht, wenn nicht für politisch fatal. Denn noch haben wir es jugendpolitisch in der Hand, ob junge Menschen die Zeit der Corona-Pandemie als verlorene Zeit ansehen werden und ob sie sich als verlorene Jugendzeit in ihre generationale Erfahrung einschreiben wird.“

Dem Team des Forschungsverbunds „Kindheit – Jugend – Familie in der Corona-Zeit“ gehören Prof. Dr. Sabine Andresen und Johanna Wilmes vom Institut für Sozialpädagogik und Familienforschung an der Goethe-Universität an sowie Prof. Dr. Wolfgang Schröer, Dr. Tanja Rusack, Dr. Severine Thomas, Anna Lips und Lea Heyer vom Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim.

Der Fragebogen wurde diesmal auch in einfacher Sprache angeboten – diese Variante wurde in der „JuCo 2“-Studie von knapp zehn Prozent der Befragten genutzt.

War Kant ein Rassist? Kooperationsveranstaltung der Goethe-Universität mit der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und anderen

Buchtipp: Kant, Immanuel: Werke in sechs Bänden von Wilhelm Weischedel.Dazu gehören die drei großen Kritiken – Kritik der reinen Vernunft, Kritik der praktischen Vernunft, Kritik der Urteilskraft –, aber auch zahlreiche andere bekannte und einflussreiche Texte wie die ›Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht‹, die ›Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung‹ oder der Entwurf ›Zum ewigen Frieden‹. Hervorragende Übersetzungen von Monika Bock und Norbert Hinske ergänzen die lateinischen Schriften Kants in synoptischer Gegenüberstellung. Die WBG macht diese klassische Ausgabe, die Generationen von Kant-Lesern begleitet hat und gerade auch Studierenden einen sehr guten Zugang zu Kants Texten bietet, jetzt wieder zugänglich. Wissenschaftliche Buchgemeinschaft, Darmstadt.
Buchtipp: Kant, Immanuel: Werke in sechs Bänden von Wilhelm Weischedel.Dazu gehören die drei großen Kritiken – Kritik der reinen Vernunft, Kritik der praktischen Vernunft, Kritik der Urteilskraft –, aber auch zahlreiche andere bekannte und einflussreiche Texte wie die ›Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht‹, die ›Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung‹ oder der Entwurf ›Zum ewigen Frieden‹. Hervorragende Übersetzungen von Monika Bock und Norbert Hinske ergänzen die lateinischen Schriften Kants in synoptischer Gegenüberstellung. Die WBG macht diese klassische Ausgabe, die Generationen von Kant-Lesern begleitet hat und gerade auch Studierenden einen sehr guten Zugang zu Kants Texten bietet, jetzt wieder zugänglich. Wissenschaftliche Buchgemeinschaft, Darmstadt.

Diskussionsreihe widmet sich der Frage, inwiefern Rassedenken und Rassismus bei Immanuel Kant zu finden ist. Die virtuellen Sitzungen beginnen ab dem 20. November und sind online verfügbar.

FRANKFURT. Die online stattfindende Diskussionsreihe „Kant – ein Rassist?“ widmet sich aus interdisziplinärer Perspektive der Frage, ob und inwiefern Immanuel Kant Rassist war. Dazu werden die Schriften Kants, aber auch der soziokulturelle und historische Hintergrund, ausführlich diskutiert. Jede Sitzung wird von einem impulsgebenden Vortrag eingeleitet. Zwei darauf bezogene Repliken eröffnen die Diskussionsrunde. Vortragende und Teilnehmende verschiedener Fachdisziplinen reflektieren in der gemeinsamen Debatte die philosophische und historische Tragweite der rassistischen Äußerungen Kants, auch mit Blick auf die Gegenwart.

Die virtuellen Sitzungen werden aufgezeichnet und sind in den Mediatheken der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaft (BBAW) sowie der Digitalen Bibliothek Thüringen jeweils ab dem genannten Termin zugänglich. Alle Informationen sowie die Verlinkung zu den Mediatheken beziehungsweise den Videos findet man unter http://kant.bbaw.de/arbeitsstelle/veranstaltungen

Prof. Marcus Willaschek, Philosoph an der Goethe-Universität und Mitorganisator der Diskussionsreihe, betont im Hinblick auf die im Feuilleton, aber auch in der Wissenschaft breit geführte Debatte über die Frage, ob Kant Rassist war: „Aus einer rein historischen Perspektive kann man seine Äußerungen über die angebliche Überlegenheit der Weißen, Faulheit der Afrikaner etc. in den Kontext seiner Zeit einordnen und so ein stückweit verständlich machen, ohne Kant moralisch zu verurteilen. Als Philosoph muss ich mich jedoch auch fragen, welche Thesen und Theorien Kants heute noch überzeugend und ein Anknüpfungspunkt für unser heutiges Denken sein können. Kant kann uns noch immer wichtige Denkanstöße geben, aber manche seiner Auffassungen haben sich auch als Irrtümer erwiesen. Genauso verhält es sich mit seiner Theorie der Menschenrassen: aus heutiger Sicht ist sie falsch, und das gilt erst recht für die von Kant vertretene Rassenhierarchie mit den Weißen an der Spitze. Da muss man klar sagen: Hier irrte Kant!“

Die Vorlesungsreihe „Kant – ein Rassist?“ ist eine Kooperationsveranstaltung der Goethe-Universität (Prof. Marcus Willaschek) mit der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (Dr. Michael Hackl), der Friedrich-Schiller-Universität Jena (Prof. Andrea Esser), der Universität Siegen (Prof. Dieter Schönecker) sowie der Université du Luxembourg (Prof. Dietmar Heidemann).

Von diesen Terminen an sind die jeweiligen Veranstaltungen online zugänglich:

Freitag, 20.11.2020:
„Rasse“ und „Rassismus“. Moderation: Marcus Willaschek (Frankfurt/M.), Impuls: Christian Geulen (Koblenz); Replik 1: Christina Brandt (Jena) Replik 2: Cengiz Barskanmaz (Halle/Saale).

Freitag, 4.12.2020:
Kants Theorie der „Menschenrassen“. Moderation: Andrea Esser (Jena), Impuls: Pauline Kleingeld (Groningen); Replik 1: Bernd Dörflinger (Trier), Replik 2: Dieter Schönecker (Siegen).

Freitag, 18.12.2020:
Rassismus ohne Rassen bei Kant? Moderation: Dieter Schönecker, Impuls: Marina Martinez Mateo (Frankfurt/M.); Replik 1: Micha Brumlik (Frankfurt/M.), Replik 2: Marcus Willaschek.

Freitag, 22.1.2021:
Rassedenken und Rassismus im 18. Jahrhundert. Moderation: Andrea Esser, Impuls: Uffa Jensen (Berlin); Replik 1: Andrew Wells (Göttingen), Replik 2: Jacob Mabe (Berlin).

Freitag, 5.2.2021:
Universalismus und Rassismus. Moderation: Marcus Willaschek, Impuls: Nikita Dhawan (Gießen); Replik 1: Rainer Forst (Frankfurt/M.), Replik 2: Michael Hackl (Berlin).

Freitag, 19.2.2021:
Wie umgehen mit Kants Schriften in Forschung und Lehre? Moderation: Michael Hackl, Impuls: Franziska Dübgen (Münster); Replik 1: Volker Gerhardt (Berlin), Replik 2: Andrea Esser.

Weitere Informationen: Prof. Marcus Willaschek, Institut für Philosophie, Goethe-Universität Frankfurt. Tel. (069) 798-32678; Willaschek@em.uni-frankfurt.de

Über die Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg: Die Universitätsbibliothek Frankfurt am Main zählt mit ihren umfangreichen Beständen und Sammlungen zu den bedeutendsten wissenschaftlichen Bibliotheken Deutschlands. Sie vereinigt in sich die Funktionen einer Universitätsbibliothek mit zahlreichen Landesaufgaben, einer wissenschaftlichen Bibliothek für die Stadt Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet und einer Schwerpunktbibliothek innerhalb der überregionalen Literatur- und Informationsversorgung.

http://www.ub.uni-frankfurt.de/