Kategorie-Archiv: Freiheit für das Wort

Rowohlt-Autorin Narges Mohammadi erhält den Friedensnobelpreis 2023

Die iranische Menschenrechtsaktivistin Narges Mohammadi wird mit dem Friedensnobelpreis 2023 ausgezeichnet. Ihr Buch «Frauen! Leben! Freiheit! Frauen in iranischen Gefängnissen erzählen» ist im Rowohlt Verlag erschienen. Darin versammelt sie dreizehn Interviews mit im Iran inhaftierten Frauen, die sich für die Freiheit in ihrem Land einsetzen. Ihre Haftstrafe hat sich unter anderem aufgrund dieser Interviews erneut verlängert.
Narges Mohammadi schreibt in ihrem Buch: «Ich werde nicht aufhören zu kämpfen, bis in meinem Heimatland die Menschenrechte geachtet werden und Gerechtigkeit herrscht.»

(Rowohlt Verlag)

https://www.tagesschau.de/ausland/asien/friedensnobelpreis-mohammadi-100.html

„Als würden sie uns das Existenzrecht absprechen“ – Theresa Breuer für Kabul-Luftbrücke mit dem Ludwig-Beck-Preis für Zivilcourage in Wiesbaden geehrt

"Es ist mir eine große Ehre hier ausgezeichnet zu werden von meiner Heimatstadt (...) Was für ein Privileg in diesem freien Land zu leben  und wertgeschätzt zu werden", freut sich, die Preisträgerin Theresa Breuer, am 20. Juli 2023 von  Stadtverordnetenvorsteher Dr. Gerhard Obermayr und Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende bei einer Feierstunde im Wiesbadener Rathauses mit dem Ludwig-Beck-Preis für Zivilcourage ausgezeichnet wurde. © Foto Diether von Goddenthow
„Es ist mir eine große Ehre hier ausgezeichnet zu werden von meiner Heimatstadt (…) Was für ein Privileg in diesem freien Land zu leben und wertgeschätzt zu werden“, freut sich, die Preisträgerin Theresa Breuer, am 20. Juli 2023 von Stadtverordnetenvorsteher Dr. Gerhard Obermayr und Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende bei einer Feierstunde im Wiesbadener Rathauses mit dem Ludwig-Beck-Preis für Zivilcourage ausgezeichnet wurde. © Foto Diether von Goddenthow

Am  Donnerstag, 20. Juli, verliehen Oberbürgermeister Gerd-Uwe Mende und Stadtverordnetenvorsteher Dr. Gerhard Obermayr im Festsaal des Wiesbadener Rathauses der Journalistin und Filmemacherin Therese Breuer den den Ludwig-Beck-Preis für Zivilcourage für die Gründung der Kabul-Luftbrücke
In der Verleihungs-Urkunde heißt es: “Mit diesem Preis würdigen wir Ihr herausragendes Engagement für Frauen in Afghanistan vor der Machtübernahme der Taliban im Jahr 2021 und für vor den Taliban fliehenden Menschen nach deren Machtübernahme im Jahr 2021 durch Gründung der ‚Kabul-Luftbrücke‘. Sie haben ohne Rücksicht auf sich selbst unter Inkaufnahme erheblicher eigener Gefahren Menschen gerettet und Zivilcourage in besonders herausragender Art und Weise gezeigt“. Die Laudatio hielt Antje Pieper, stellvertretende ZDF-Politikchefin und Moderatorin des „auslandsjournal“. Kulturell umrahmt wurde die Veranstaltung von Tänzerinnen der afghanischen Frauentanzgruppe „Atan“ in traditionellen Kostümen, die seit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan nicht mehr öffentlich getragen werden dürfen.

Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende © Foto Diether von Goddenthow
Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende © Foto Diether von Goddenthow

Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende betonte, dass „Theresa Breuer in herausragender Art und Weise Zivilcourage im Sinne von Ludwig Beck bewiesen habe, und es ihm eine besondere Freude sei, ihr als ehemalige Wiesbadenerin diesen Preis zu verleihen.“ Die Würdigung der Preisträgerin soll aber auch auf das Schicksal von Frauen in Afghanistan aufmerksam machen. Denn, so der Oberbürgermeister, geriete seit dem Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan zunehmend aus dem Blick, „dass Frauen vom Regime systematisch und massiv unterdrückt werden und ihnen vor allem der Zugang zu Bildung verwehrt wird. Auch in vielen anderen Ländern, etwa im Iran, schreitet die Unterdrückung von Frauen voran. Dagegen gilt es Zeichen zu setzen: für das Recht auf Bildung, Arbeit, Selbstbestimmung, Teilhabe an politischen Entscheidungen und am gesellschaftlichen Leben.“, so Mende.

Theresa Breuer hat im Jahr 2021 als freie Journalistin gemeinsam mit einer amerikanischen Kollegin einen Dokumentarfilm über afghanische Bergsteigerinnen gedreht. Diese Frauen versuchten, den höchsten Berg des Landes (Noshaq, 7.500 Meter) zu besteigen. Beide begleiteten die Afghaninnen bei ihrem Rekordversuch, der zugleich eine politische

Demonstration darstellte. Sie wollten beweisen, dass Frauen auch in einer patriarchalischen Gesellschaft ihren eigenen Weg gehen und Widerstände überwinden können. Es sind mutige Frauen, deren Mut nicht nur darin besteht, einen hohen Berg zu besteigen, obwohl keine der Frauen das je zuvor gemacht hatte. Siestellen sich damit gegen eine Gesellschaft, die Frauen bei vermeintlichem Fehlverhalten misshandelt, vergewaltigt und verstümmelt.

Oberbürgermeister Gerd Uwe Mende, Preisträgerin Theresa Breuer und Stadtverordnetenvorsteher Dr. Gerhard Obermayr. © Foto Diether von Goddenthow
Oberbürgermeister Gerd Uwe Mende, Preisträgerin Theresa Breuer und Stadtverordnetenvorsteher Dr. Gerhard Obermayr. © Foto Diether von Goddenthow

Nachdem am 16. April 2021 die damalige Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer infolge des Abzugs der Amerikaner auch den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan verkündete, kehrten die deutschen Truppen am 30. Juni 2021 nach Deutschland zurück.

Theresa Breuer gründete kurz darauf die Kabul-Luftbrücke, um Menschen auf der Flucht vor den Taliban in Afghanistan außer Landes zu bringen. Durch ihre Dreharbeiten über afghanische Bergsteigerinnen erkannte sie die Gefahr für die Protagonistinnen ihres Films und andere Menschen, die nicht auf den Evakuierungslisten standen. Bislang konnten weit über 3000  Menschen in Sicherheit gebracht werden. Breuer hat unter Inkaufnahme erheblicher eigener Gefahren Menschenleben gerettet.

„Aus eigner Idee, nicht, weil sie von außen angetrieben wurde“

Dr. Gerhard Obermayr. Stadtverordnetenvorsteher. © Foto Diether von Goddenthow
Dr. Gerhard Obermayr. Stadtverordnetenvorsteher. © Foto Diether von Goddenthow

Stadtverordnetenvorsteher Dr. Gerhard Obermayr hob in seinem Grußwort besonders Theresa Breuers Eigeninitiative bei ihren lebensgefährlichen Unternehmungen hervor. Die Preisträgerin habe aus „eigener Idee heraus“ die Kabul-Luftbrücke initiiert „und nicht, weil sie dazu angetrieben wurde“, so Obermayr. Er zog Parallelen zu US-General Lucius D. Clay, der vor 75 Jahren auch aus eigenen Stücken heraus und gegen manche Widerstände, etwa der Briten, die Berliner Luftbrücke initiierte, weil er Menschen in höchster Not erlebte und sie nur durch die Initiierung der Luftbrücke zur Umgehung der sowjetischen Berlin-Blockade vor Hunger- und Kältetod retten konnte. Auch Theresa Breuer sei einfach nur ihrem Herzen gefolgt und habe aus sich selbst heraus die Initiative ergriffen, so Obermayr.

Der 11.September 2001 war „ihr journalistisches Erweckungserlebnis“ – Laudatio

Antje Pieper, stellvertretende ZDF-Politikchefin und Moderatorin des „auslandsjournal“. © Foto Diether von Goddenthow
Antje Pieper, stellvertretende ZDF-Politikchefin und Moderatorin des „auslandsjournal“. © Foto Diether von Goddenthow

Antje Pieper, die sich auf Anhieb mit der Preisträgerin ob ihrer Offenheit geduzt hat, kannte diese bislang nicht persönlich, aber „ich kenne viele Leute, die mit Dir zusammengearbeitet haben“, darunter die bekannte ZDF-Auslandskorrespondentin Katrin Eigendorf, die mit der Preisträgerin in Israel, im Libanon sowie in Afghanistan für das ZDF-Auslandsjournal zusammengearbeitet habe. Eigendorf beschriebe Theresa Breuer, so die Laudatorin, als einen stets lebenslustigen, umtriebigen Familienmenschen, der es liebe in der Welt unterwegs zu sein. Und wenn Theresa etwas mache, dann richtig. „Sie schenkt sich nichts, da übertrifft sie mich über ein Vielfaches, und du weißt, was das heißt.“, zitiert Antje Pieper Katrin Eigendorf, und fügt hinzu: „Wer Katrin Eigendorf kennt, der weiß, was das heißt.“ Theresa Breuer betone in Gesprächen immer wieder ihre „etwas manische Neugierde“,“ihre Abenteuerlust“, aber auch den Drang, „Dingen auf den Grund zu gehen“, „dran zu bleiben“, was die Grundvoraussetzungen für jedes Reporterleben seien, so Pieper. Ihr „journalistisches Erweckungserlebnis“, wie Theresa Breuer es selbst nenne, sei am 11. September 2001 gewesen, da war sie 14 Jahre, habe intuitiv gespürte, dass an einem einzigen Tag die Welt eine andere war, und sie wollte wissen warum. Damit war in gewisser Weise ihr beruflicher Weg ein wenig vorgezeichnet.

Mit eisernem Willen und Disziplin zur Extrembergsteigerin für einen Filmdreh
Eigentlich müsse man sich ja nur anschauen, so Pieper, was Theresa Breuer vor der Luftbrücke gemacht habe. Das eindrucksvollste Beispiel ihrer Arbeitsweise sei etwa ihre Vorbereitung ihres Filmprojektes. Dass afghanische Frauen das taten, „was noch nie Frauen davor gemacht haben“, sei das eine. Das andere war, dass auch Theresa Breuer zur Extrembergsteigerin werden musste, um auf den 7500 Meter hohen Berg zu kommen, so Pieper. Die Laudatorin erinnerte an ein eigenes Film-Projekt vor Jahren, als ihr Kamerateam wegen zu schweren Equipments bereits beim nicht mal 1000 Meter hohen Vulkan Stromboli, nördlich vor Sizilien gelegen, schlapp machte. Theresa Breuer habe sich auf die Dreharbeiten in einer Höhe bis 7.500 Metern „auf einem Laufband in einem Fitness-Studio in Kabul“ vorbereitet. „Sie hat die Steigung eingestellt, und 20 Kilo Gepäck auf den Rücken gepackt“ und unermüdlich trainiert. Das stehe für Pieper „symbolisch für ganz Vieles: Untrainiert erreicht keiner Gipfel. Eiserner Wille, Durchhaltefähigkeit. Wenn sie etwas erreichen will, dann kennt sie kein Nein und keine Grenzen. Sie schont sich selbst nicht“, ist Pieper voller Bewunderung für Theresas eisernen Willen und Durchhaltekraft.

Ihre Power halfen, Menschen aus der „Hölle von Kabul“ zu retten
Das seien natürlich Eigenschaften, die ihr zugutekamen, als sie Frauen und deren Familien half, dem Taliban-Regime aus Afghanistan zu entkommen. Theresa Breuer sei zwar Journalistin, habe aber „in dem Moment als sie die Luftbrücke gegründet hat, natürlich diese Rolle des ‚Nur Zusehens und Berichtens temporär verlassen“. Man könne wirklich nur erahnen, welchem Risiko sich die Preisträgerin ausgesetzt habe und was es hieße, im Chaos der Machtübernahme der Taliban, Menschen aus der „Hölle von Kabul“ zu retten. „Wir haben als ZDF auch versucht“, so Pieper, „unseren Producer mit Familie und seinen drei kleinen Kindern herauszufliegen. Er war eine Ortskraft vor Ort“. Ihre Kollegin Katrin Helwich habe damals, gefühlt Tag und Nacht, von Mainz aus telefoniert, ununterbrochen mit In- und Außenministerium. Sie habe mit allen möglichen Stellen gesprochen, um herauszufinden, wie die Familie durch das Chaos von Kabul in das Flughafengelände kommen kann.“ Das veranschauliche, was erst Theresa Breuer mit der Gründung der Kabul-Luftbrücke geleistet habe, so die Laudatorin. Mittlerweile konnten 3.750 Menschen mit Hilfe der Kabul-Luftbrücke vor den Taliban fliehen.

Was für ein Privileg in diesem freien Land zu leben und wertgeschätzt zu werden – Dankesworte der Preisträgerin

Preisträgerin Theresa Breuer. © Foto Diether von Goddenthow
Preisträgerin Theresa Breuer. © Foto Diether von Goddenthow

„Es ist mir wirklich eine riesige Ehre hier ausgezeichnet zu werden von meiner Heimatstadt“. Und läge auch eine gewisse Ironie darin, dass ihre Heimatstadt sie für ihren Kampf für Frauen in Afghanistan auszeichne, „deren Heimat ihnen das Existenzrecht fast schon abspricht“, dankte Therese Breuer, die sich angesichts ihrer häufigen Wohnortwechsel und ihres Nomadenleben weltweit schon immer mit dem Begriff Heimat schwergetan habe. Aber „kein Land auf der Welt hat mir auch so viel über mich selbst erzählt, wie Afghanistan“. Das wäre ihr sehr schmerzlich und in ganz vielen Situationen bewusst geworden, dass sie daheim mit ihrer Mutter im Kurpark beim Konzert mal laut gegrölt habe, als ein Mädchen aus Afghanistan zu ihr sagte, dass man ihre Stimme besser nicht hören solle. Oder beim Hockyspielen, wo in Afghanistan Mädchen mit Steinen beschmissen worden sind, oder als sie mit ihren Eltern Abitur gefeiert habe, und dann selbstverständlich zum Studieren nach Berlin und München ging, während eine afghanische Freundin klagte, dass „ihr Vater sie nicht studieren lassen will, weil das Risiko so groß sei, dass sie bei einem Selbstmordanschlag sterben“ könne, und es dann „ja eine Schande ist, wenn Fremde ihre Leichenteile aufsammeln würden.“ Oder dass sie früher auch Theater gespielt und natürlich ihre Eltern sie auch bei Theateraufführungen gesehen habe, während in Afghanistan der „Bruder einer Bergsteigerin beim Filmprojekt zu ihr sagte: „Wenn ich seine Schwester weiterhin filmen würde, würde er sie umbringen!“ Das war noch bevor die Taliban das Regime übernommen hatten. Und trotzdem haben Frauen in Afghanistan für ihre Emanzipation gekämpft. Es waren ganz ganz viele, „und ich hab die Frauen bewundert, ihren Mut bewundert, und war gleichzeitig so wahnsinnig froh, diesen Mut nicht haben zu müssen, weil ich in einer Gesellschaft aufgewachsen bin, wo so viel selbstverständlich ist, wo ich weiß, dass ich etwas wert bin. Das hat mir meine Familie gezeigt, und das hat mir auch meine Stadt gezeigt, und das zeigt sie mir bis heute, und das weiß ich wahnsinnig zu schätzen.“, dankt die Preisträgerin ihrem Schicksal, ihrer privilegierten Situation qua Geburt in Deutschland, was ihr aber erst richtig aus der Distanz in Afghanistan bewusst wurde.

Kulturell umrahmt wurde die Veranstaltung von  Tänzerinnen der afghanischen Frauentanzgruppe "Atan" in traditionellen Kostümen, die seit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan nicht mehr öffentlich getragen werden dürfen. Hier nur von hinten u. mit unkenntlichem Gesicht. © Foto Diether von Goddenthow
Kulturell umrahmt wurde die Veranstaltung von Tänzerinnen der afghanischen Frauentanzgruppe „Atan“ in traditionellen Kostümen, die seit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan nicht mehr öffentlich getragen werden dürfen. Hier nur von hinten u. mit unkenntlichem Gesicht. © Foto Diether von Goddenthow

„Als würden sie uns das Existenzrecht absprechen“
Kaum eine andere wie Theresa Breuer kennt so gut die derzeitige Situation afghanischer Frauen: „Frauen in Afghanistan können nicht mehr für sich selbst kämpfen“. „Sie können nicht mehr studieren. Sie dürfen nicht mehr reisen. Sie dürfen nicht mehr öffentlich singen, tanzen oder Theater spielen. Sie dürfen keine bunten Kleider mehr tragen. Sie können keinen Reisepass mehr beantragen, ohne dass männliche Verwandte ihre Zustimmung geben. Sie können das Haus nicht mehr verlassen ohne die Zustimmung eines männlichen Verwandten“.
Was für ein Unterschied wäre es doch hier in einem freiheitlichen Land wie Deutschland, wenn man hier die Mädchen, die gerade getanzt haben, in ihren bunten traditionellen afghanischen Kostümen erlebe, und spüre, wie viel Lebensfreude von ihnen ausginge. „All diese schönen Kleider, die wir eben beim Auftritt gesehen haben, werden inzwischen in Kabul aus den Läden genommen“, klagt die Preisträgerin. Und die Gesichter der Schaufensterpuppen würden gar schwarz angemalt. „Es ist einfach grauenhaft zu sehen. Es sei, so eine afghanische Freundin von ihr, „als würden sie uns das Recht absprechen, überhaupt zu existieren“. Theresa Breuer will daher weiterhin auf die Unterdrückung von Frauen in Afghanistan aufmerksam machen.

Zum Ludwig-Beck-Preis

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Mit dem Ludwig-Beck-Preis ehrt die Landeshauptstadt Wiesbaden Menschen, Institutionen oder Vereinigungen aus aller Welt, die sich mit besonderer Zivilcourage für das Gemeinwohl, das friedliche Zusammenleben der Menschen, die soziale Gerechtigkeit und die Grundprinzipien von Demokratie und Rechtsstaat eingesetzt haben. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert. Die Stadtverordnetenversammlung hat im Dezember 2003 beschlossen, zu Ehren von Ludwig Beck den Ludwig-Beck-Preis einzurichten. Der in Biebrich geborene Widerstandskämpfer Generaloberst Ludwig Beck, der sich in der Zeit des Nationalsozialismus gegen Adolf Hitler und seinen rassistischen Machtwahnstellte, bleibt auch in der heutigen Zeit ein Beispiel für besondere Zivilcourage. Er hätte nach dem Gelingen des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 deutsches Staatsoberhaupt werden sollen.

Dem Auswahlgremium zur Verleihung des Ludwig-Beck-Preises gehören der Oberbürgermeister, der Stadtverordnetenvorsteher sowie 17 weitere Vertreterinnen und Vertreter von Stadt, Kirchen, Organisationen, Vereinen und Medien an.

(Dokumentation Diether von Goddenthow /Rhein-Main.Eurokunst)

„Kollegen reiht euch ein, wir wollen freie Menschen sein“ – Politiker und Medien gedenken an die blutige Niederschlagung des Volksaufstands in der DDR von 1953

Am 17. Juni 1953 protestiert das Volk gegen Arbeitsnormen und das Regime der DDR. © Foto Haus der deutschen Geschichte, Bonn.
Am 17. Juni 1953 protestiert das Volk gegen Arbeitsnormen und das Regime der DDR. © Foto Haus der deutschen Geschichte, Bonn.

Man stelle sich einmal vor, welches Elend Millionen Menschen im DDR-Unrechtsstaat erspart geblieben wäre, hätten die russischen Besatzer den antistalinistischen Volksaufstand am 17. Juni 1953 nicht mit Panzern blutig niedergewalzt!
Hätte der Freiheitswille der Arbeiter und des daraus erfolgten breiten Volksaufstandes   1953 in der DDR  gesiegt, wäre es erst gar nicht gekommen zur jahrelangen SED-Herrschaft mit Stasi-Überwachungssystem, Folterknast für Andersdenkende / politische Gefangene,  zu Berufsverboten, (Bauern-)Enteignung, Einheits-Presse, Mauerbau, zu Grenzschließungen, Schießbefehl, Kinderumerziehung,  Mangelwirtschaft und  Verfall von Infrastruktur und ganzer Städte (Leipzig, Görlitz, Halberstadt usw.).  Vor allem aber: Es hätte keine SED-Opfer gegeben, die, wie es aus dem Bericht der SED-Opfer-Beauftragten Evelyn Zupke hervorgeht, zum Teil bis heute noch vergeblich auf  Rehabilisierung, Anerkennung als SED-Opfer und  Entschädigung warten. Zudem ist eine Gedenkstätte an die SED-Opfer des 17. Junis 1953 längst überfällig, angesichts der Tatsache, dass viele  Millionen Menschen unter dem DDR-Faschismus litten, die meisten eher unauffällig, von der Stasi bespitzelt, eben in einem totalitär angelegten Überwachungsstaat.   

Frank Walter Steinmaier sagte heute bei einer Gedenkveranstaltung in Berlin unter Bezug auf das einzige noch als Original-Zeugnis des DDR-Volksaufstandes von 1953 erhaltene Tondokument der Belegschaft des Elmowerks Wernigerode, dass die protestierenden Arbeiter nichts anderes als  „Freie und geheime Wahlen in ganz Deutschland“ wollten.
Ihre Parole lautete „Kollegen, reiht euch ein, wir wollen freie Menschen sein“ (ZDF Momente der Zeitgeschichte). Seit seiner Gründung 1949 baute der ostdeutsche Staat den Sozialismus auf. Die Bürger sollten der kommunistischen Ideologie folgen. Auch wirtschaftlich wollte das System Überlegenheit demonstrieren – doch die Ziele waren zu hoch gesteckt. Denn während die kommunistische DDR mit ihrer Planwirtschaft und Enteignung von Betrieben und Landwirten immer tiefer in die Krise rutschte, begann der freie Westen unter Ludwig Erhards System der freien sozialen Marktwirtschaft zusehends zu einem  Wirtschaftswunderland aufzublühen.

Aufgestanden für Freiheit und Selbstbestimmung gegen Planwirtschaft und Diktatur

Bundespräsident Frank Walter Steinmeier Archivbild Paulskirchenfest. © Foto Diether von Goddenthow
Bundespräsident Frank Walter Steinmeier Archivbild Paulskirchenfest. © Foto Diether von Goddenthow

Das Tondokument aus dem Elmowerk, so Steinmeier, sei ein einzigartiges Zeugnis des Volksaufstandes in der DDR. „Es zieht uns mitten hinein in die Ereignisse jener Tage, Wir hören und spüren, was die Menschen überall in der DDR in den Streik und auf die Straße trieb: der Zorn über Unrecht, Unterdrückung und Gewalt. Die Sehnsucht nach Freiheit und Einheit. Die Hoffnung auf eine bessere, eine selbstbestimmte Zukunft.
Hunderttausende hatten im Juni 1953 den Mut, der SED-Diktatur die Stirn zu bieten. Sie riskierten ihr Leben. Die Mitarbeiter des Elmowerks erfuhren noch während ihrer Versammlung, dass der sowjetische Militärkommandant den Ausnahmezustand über Wernigerode verhängt hatte. Und als sie den Saal verließen, war ihr Werk von bewaffneten Soldaten umstellt.
Die Mitglieder der Streikleitung wurden festgenommen, abtransportiert, ins Zuchthaus nach Magdeburg gebracht: Karl Wernicke, Heinz Jäschke, Martin Buth, Ursula Sophie Herynk, Heinz Bormann, Heinz Lüdecke, Karl Brämer, Kurt Köhler und Georg Herrmann. Manche von ihnen wurden allein in dunklen Kellern eingekerkert, mussten in ihrer Zelle im Wasser stehen, litten unter Demütigungen, Ungewissheit und Todesangst. Alle neun wurden erst Wochen später wieder freigelassen, manche gezeichnet von der Haft. Fünf von ihnen flohen noch im Sommer 1953 in die Bundesrepublik.“

Hier in Berlin, auf den Baustellen am Krankenhaus Friedrichshain und in der damaligen Stalinallee, nahm der Aufstand 1953 seinen Anfang. Am 17. Juni breitete er sich über die gesamte DDR. An mehr als 700 Orten kam es zu Streiks, Demonstrationen oder Protesten – in Hennigsdorf, Ludwigsfelde und Lauchhammer; in Magdeburg, Halle und Bitterfeld; in Dresden, Leipzig und Niesky; in Jena, Gera und Hildburghausen; in Rostock, Wismar und Stralsund; in Städten, Industriebezirken und auf dem Land.

Männer und Frauen aus allen Teilen der Gesellschaft brachten ihren Unmut über die real existierende Diktatur zum Ausdruck: Bauarbeiter, Fabrikarbeiterinnen, Landwirte, Angestellte, Selbstständige, Lehrerinnen, Pfarrer, Auszubildende, Studentinnen und Schüler – sie alle protestierten gegen ein Regime, das ihnen immer mehr die Luft zum Atmen nahm. Was damals geschah, war eine Massenerhebung gegen die Diktatur und ein Volksbegehren für die Demokratie.

Der Aufstand des 17. Juni richtete sich eben nicht nur gegen die Erhöhung der Arbeitsnormen, gegen niedrige Löhne, hohe Preise, leere Regale. Er richtete sich gegen die Normierung einer ganzen Gesellschaft – gegen Planwirtschaft und Zwangskollektivierung; gegen staatliche Überwachung, Propaganda und Zensur; gegen die Unterdrückung von Christen, Oppositionellen und Unangepassten; gegen die Diktatur einer „Einheitspartei“, die für sich beanspruchte, immer im Recht zu sein.

Allein in der ersten Hälfte des Jahres 1953 – stellen wir uns das vor! – flüchteten knapp 200.000 Menschen aus der DDR in die Bundesrepublik. Und Mitte Juni waren es rund eine Million Männer und Frauen, die den Aufstand wagten! Überall im Land forderten Menschen freie und geheime Wahlen, die Freilassung der politischen Gefangenen und die deutsche Einheit. Ein Arbeiter hier in Berlin brachte es auf den Punkt, als er vor dem damaligen „Haus der Ministerien“ auf einen Tisch kletterte und der SED-Regierung zurief: „Wir wollen frei sein!“

Diese Kraft der Freiheit, sie traf die Diktatur unvorbereitet und mit voller Wucht. Erst als sowjetische Panzer in die Städte rollten, Soldaten mit Maschinengewehren aufmarschierten und den Aufstand blutig niederschlugen, erst dann gewann das SED-Regime wieder die Oberhand. Mehr als fünfzig Menschen wurden damals erschossen, hingerichtet, erlagen ihren Verletzungen oder starben in Haft.

Wir gedenken heute der Männer und Frauen des 17. Juni, die ihren Kampf für die Freiheit mit dem Leben bezahlten. Wir gedenken all jener, die damals verletzt, verhaftet, eingesperrt und zur Zwangsarbeit verurteilt wurden. Und wir gedenken der vielen, die nicht mehr an ihren Arbeitsplatz zurückkehren durften, die zeitlebens überwacht, schikaniert, ihrer Zukunftschancen beraubt wurden, nur weil sie es gewagt hatten, ihre Menschenrechte einzufordern.

All diese Menschen kämpften vor siebzig Jahren für ein Leben in Würde in einem geeinten Deutschland. Sie waren Vorkämpfer unserer heutigen Demokratie! Und bis heute sind sie Vorbilder für den Kampf gegen Unrecht und Unterdrückung. Suchen wir ihre Namen, erzählen wir ihre Geschichten! Alle, die im Juni 1953 für Freiheit und Selbstbestimmung aufgestanden sind, verdienen unseren Dank und vor allem auch die Erinnerung.“, so der Bundespräsident.

Ministerpräsident Boris Rhein: 17. Juni 1953 war dennoch nicht umsonst

Ministerpräsident Boris Rhein, Archivbild. © Foto Diether von Goddenthow
Ministerpräsident Boris Rhein, Archivbild. © Foto Diether von Goddenthow

Der Hessische Ministerpräsident Boris Rhein hob unter anderem hervor, dass der Aufstand des 17. Juni 1953 trotz Fehlschlag nicht umsonst gewesen wäre: Denn, obwohl der Volksaufstand von den damaligen Machthabern mit Gewalt niedergeschlagen wurde, blieb er nicht erfolglos, so Rhein. So habe er zur Stärkung des Widerstandsgeists in der Bevölkerung beigetragen, der gegen alle Repressalien der Staatsführung über Jahrzehnte aktiv blieb und letztlich zum Fall der Mauer und zur Wiedervereinigung Deutschlands beitrug. „Der Aufstand am 17. Juni legte den Grundstein für eine freie, demokratische Gesellschaft. Er mahnt uns, dass die Freiheit nicht selbstverständlich ist und jeden Tag aufs Neue verteidigt werden muss“, sagte Rhein.

Mit einer Vielzahl unterschiedlicher Formate halte die Landesregierung die Erinnerung an diese prägende Phase deutscher Geschichte wach, sagte der Ministerpräsident. So organisiere die Hessische Landesvertretung in Berlin seit vielen Jahren regelmäßig Veranstaltungen, mit denen die SED-Diktatur aufgearbeitet werde. Mit der Etablierung eines Lern- und Erinnerungsorts für Schulen am ehemaligen Notaufnahmelager in Gießen leiste die Landesregierung außerdem über Hessen hinaus einen wichtigen Beitrag, um die Erinnerung an zentrale Ereignisse der deutsch-deutschen Geschichte wach zu halten.

Bild der Gedenkausstellung "30 Jahre Mauerfalls. Freiheit leben"  © Foto Diether von Goddenthow
Bild der Gedenkausstellung „30 Jahre Mauerfalls. Freiheit leben“ © Foto Diether von Goddenthow

Am Sonntag nimmt Ministerpräsident Rhein gemeinsam mit dem stellvertretenden thüringischen Ministerpräsidenten Bernhard Stengele an einer Gedenkveranstaltung im Grenzmuseum Schifflersgrund teil. Das Museum liegt auf der früheren innerdeutschen Grenze zwischen dem hessischen Bad Sooden-Allendorf und dem thüringischen Sickenberg. Es wurde 1991 eröffnet und war seinerzeit das erste Grenzmuseum im wiedervereinigten Deutschland. „Gedenkorte wie das Grenzmuseum Schifflersgrund sind ein wichtiger Bestandteil deutscher Erinnerungskultur“ sagte der Regierungschef und fügte hinzu: „Sie vergegenwärtigen uns, dass sich vor kaum mehr als drei Jahrzehnten Soldaten desselben Volkes – durch eine Mauer und Grenzanlagen getrennt – feindlich gegenüberstanden und misstrauisch beäugten. Auch Hessen trennte jahrzehntelang ein Todesstreifen vom Nachbarland Thüringen. Das friedliche Ende dieses Konflikts war und ist ein großes Geschenk.“

Siehe auch: „30 Jahre Mauerfall“ und Lemo (Lebendiges Online-Museum) sowie Wikipedia Aufstand vom 17. Juni 1953

53. Römerberg-Gespräche „Keine Diskussion! Öffentlichkeit als Verbotszone“ am 17.06.2023 im Schauspiel Frankfurt

roemerberggespraeche-cover250Der Verein Römerberggespräche und die Stadt Frankfurt laden ein zu den 53. Römerberggesprächen „Keine Diskussion! Öffentlichkeit als Verbotszone“, die in Zusammenarbeit der Römerberggespräche e.V. mit dem Forschungszentrum „Normative Ordnungen“ der Goethe-Universität und weiteren Partnern am Samstag, dem 17. Juni 2023, ab 10 Uhr im Chagallsaal des Schauspiel Frankfurt stattfinden werden.

Die Gesprächsgäste und Vortragenden sind Adrian Daub (Stanford University), Simone Dede Ayivi (Theaterregisseurin und Autorin), Sigrid Köhler (Universität Tübingen), Meron Mendel (Frankfurt University of Applied Sciences, Bildungsstätte Anne Frank), Julian Nida-Rümelin (Universität München), Sophie Schönberger (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf), Wolfgang Ullrich (Autor) und Uwe Volkmann (Goethe-Universität Frankfurt, Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt). Moderiert wird die Veranstaltung von Hadija Haruna-Oelker (Journalistin) und Alf Mentzer (Leiter des Ressorts hr2-Tagesprogramm im Hessischen Rundfunk).

Die Fähigkeit zur empathischen Auseinandersetzung mit den jeweils anderen scheint nicht mehr hoch im Kurs zu stehen. Stattdessen herrscht vielerorts die Arroganz der eigenen Unfehlbarkeit. Und wo öffentlicher Streit eigentlich ausgetragen werden sollte, wird er abgesagt.

Anlass genug, für die Römerberggespräche, danach zu fragen, wie sich Vernunft im öffentlichen Diskurs noch herstellen lassen kann, wenn die Leitplanken immer enger werden. Welche Gründe gibt es, bestimmte Meinungen und Gedanken für nicht mehr diskussionswürdig zu halten, und wann kippt die gute Absicht in ihr selbstgerechtes Gegenteil, in Borniertheit oder gar Ignoranz? Wo bleibt zwischen Wokeness und Cancel-Culture der Raum für ein konstruktives argumentatives Ringen um die besten Lösungen für die drängenden Probleme der Gegenwart für alle?

53. Römerberggespräche. Keine Diskussion! Öffentlichkeit als Verbotszone
Samstag, 17. Juni 2023, ab 10 Uhr,

Schauspiel Frankfurt, Chagallsaal
Neue Mainzer Str. 17
60311 Frankfurt am Main

Die Veranstaltung ist öffentlich. Der Eintritt ist frei

Weitere Informationen zu den 53. Römerberggesprächen

Woche der Meinungsfreiheit: 11 starke Stimmen für Freiheit, Demokratie und Debatte

wdm_logo_23_datum_RGB_schwarzAnlässlich der dritten Woche der Meinungsfreiheit, die vom 3. – 10. Mai 2023 stattfindet, enthüllten Irina Sherbakova, Germanistin und Kulturwissenschaftlerin, Dr. Ina Hartwig, Kultur- und Wissenschaftsdezernentin der Stadt Frankfurt am Main, Steffen Decker, Regionalleiter der Ströer Deutsche Städte Medien GmbH und Peter Kraus vom Cleff, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, ein mobiles 18/1 Plakat mit Irina Sherbakovas Konterfei und ihrer ganz persönlichen Botschaft zur Woche der Meinungsfreiheit. Ort der Enthüllung war der Frankfurter Paulsplatz mit der Paulskirche, der Wiege und dem Symbol der Demokratie in Deutschland, deren 175-jähriges Jubiläum dieses Jahr in Frankfurt gefeiert wird.

Irina Sherbakova ist Gründungsmitglied der Menschenrechtsorganisation Memorial, die 2022 für ihren Kampf gegen Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverstöße in Russland mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Sie steht mit ihrer Meinung und ihrem Plakat stellvertretend für 11 Persönlichkeiten aus Gesellschaft, Medien und Literatur, die mit ihren Gesichtern und ihren starken, eigenständigen Meinungen für eine lebendige Debattenkultur eintreten. Weitere Testimonials kommen u.a. von der Autorin Tupoka Ogette, dem Autor Sebastian Fitzek, der Friedensnobelpreisträgerin Maria Ressa und dem Friedenspreisträger Liao Yiwu. Die Plakate sind Teil einer Kampagne, die durch die großzügige Unterstützung von Ströer während der Woche der Meinungsfreiheit bundesweit auf über 3750 digitalen Screens von Ströer zu sehen sein wird.

v.l.n.r.: Dr. Ina Hartwig, Peter Kraus vom Cleff, Irina Sherbakova, Steffen Decker
v.l.n.r.: Dr. Ina Hartwig, Peter Kraus vom Cleff, Irina Sherbakova, Steffen Decker

In ihrem Statement zur Eröffnung blickte Frankfurts Kultur- und Wissenschaftsdezernentin Dr. Ina Hartwig auf ein paar Meilensteine der Geschichte der Meinungsfreiheit zurück: „1849 entschied das Paulskirchenparlament, die Meinungsfreiheit in Deutschland zum verbrieften Grundrecht zu machen: Artikel IV der Paulskirchenverfassung schrieb sie fest. Auch, wenn die Verfassung niemals Rechtskraft erlangte, war dies ein Meilenstein der Demokratiegeschichte. Knapp 175 Jahre später gilt es, nicht wieder dahinter zurückzufallen: Unsere Demokratie ist heute mehr denn je gefordert, die Meinungsfreiheit gegen vielseitige Bedrohungen zu verteidigen. Die Woche der Meinungsfreiheit bietet eine ideale Gelegenheit, sich dies zu vergegenwärtigen.“

Und jetzt, wo wir seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und Verabschiedung des Grundgesetztes endlich eine rechtlich verbriefte  Meinungsfreiheit haben, muss diese Meinungsfreiheit aktiv verteidigt werden, weil sie nicht selbstverständlich ist. Wörtlich sagte Kraus vom Cleff, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels:
„Dass Menschen ihre Meinung öffentlich und frei aussprechen können, ist keine Selbstverständlichkeit: Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine, die aktuelle Lage im Iran sowie Unterdrückung und Krieg in vielen weiteren Regionen der Welt führen uns das leider täglich vor Augen. Deswegen müssen wir uns auch weiterhin stark machen für Frieden, Demokratie und die freie Meinungsäußerung. Ich freue mich, dass wir so viele großartige Stimmen für die Kampagne gewinnen konnten, die mit ihren persönlichen Botschaften die Meinungsvielfalt in unserer Gesellschaft abbilden und für sie einstehen. Ein großer Dank geht an unserenPartner Ströer für die Unterstützung bei diesem wichtigen Thema.“

Inzwischen sind bereits rund 60 Organisationen und Unternehmen dem Bündnis für Meinungsfreiheit beigetreten!

Die „Woche der Meinungsfreiheit“ stellt vom 3. bis 10. Mai 2023 die Bedeutung der Meinungsfreiheit und lebendiger Debatten für eine freie, demokratische Gesellschaft in den öffentlichen Fokus. Vom Internationalen Tag der Pressefreiheit am 3. Mai bis zum Tag der Bücherverbrennung in Deutschland am 10. Mai organsiert ein breites gesellschaftliches Bündnis unter dem Claim #MehrAlsMeineMeinung bundesweit über 60 Veranstaltungen, Aktionen und Kampagnen. Das Bündnis wurde vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels initiiert und besteht aus rund 60 Organisationen und Unternehmen: von Amnesty International über das PEN-Zentrum Deutschland und Reporter ohne Grenzen bis hin zu Eintracht Frankfurt. Viele Buchhandlungen, Verlage, Presseverkaufsstellen und Medien beteiligen sich bundesweit an der Aktionswoche. Inhaltliche Basis ist die „Charta der Meinungsfreiheit“, die Bürger*innen unterzeichnen können. Unterstützt wird das Bündnis durch die „Frankfurter Agenturallianz“, – 14 Kreative, die sich größtenteils pro bono für die Woche der Meinungsfreiheit engagieren.

Weitere Informationen: Woche der Meinungsfreiheit

Unsere Demokratie und das freie Wort – Diskussion in der Paulskirche zum Auftakt der Woche der Meinungsfreiheit am 3.Mai 2023

Archivfoto © Foto Diether von Goddenthow
Archivfoto © Foto Diether von Goddenthow

Bürgermeisterin Eskandari-Grünberg, Börsenverein und Buchmesse laden zum Diskussionsabend in die Paulskirche ein

2023 jährt sich die Deutsche Revolution von 1848 und die konstituierende Sitzung der deutschen Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche zum 175. Mal. Freiheitliche Werte sind die Grundlage jeder lebendigen und vielfältigen Demokratie. Wie aber kann gesellschaftlicher Zusammenhalt heute gelingen? Und wie hält unsere Gesellschaft den Spannungen stand, die Freiheit mit sich bringt?

Anlässlich des Internationalen Tags der Pressefreiheit am 3. Mai und zum Auftakt der Woche der Meinungsfreiheit vom 3. bis 10. Mai 2023 geht es an diesem Abend um die zentrale Bedeutung des freien Wortes für Gesellschaft, Politik und Medien. Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg, der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und die Frankfurter Buchmesse laden zum Diskussionsabend am 3. Mai 2023 um 20 Uhr in die Frankfurter Paulskirche ein.

Die Veranstaltung gestalten mit:
• Igor Levit, Pianist und Aktivist
• Ministerin Nancy Faeser, Bundesministerin des Innern und für Heimat
• Michel Friedman, Philosoph und Publizist
• Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg
• Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels
Moderation: Shila Behjat, Journalistin und Publizistin

Der Hessische Rundfunk ist Medienpartner der Veranstaltung und sendet einen Mitschnitt im Programm.
Für die Veranstaltung gibt es ein begrenztes Kontingent an Karten für Bürger und Bürgerinnen. Interessierte können sich bis 28. April 2023, 12 Uhr, per E-Mail an protokoll@stadt-frankfurt.de wenden. In der Anfrage sind Name, Vorname, Postanschrift und Mailadresse anzugeben. Nur Einzelpersonen können eine Karte anfragen (keine Begleitpersonen).

Die „Woche der Meinungsfreiheit“ wurde 2021 vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels initiiert. Ziel ist es, mit einem breiten Bündnis eine Woche lang auf die Bedeutung des freien Wortes für unsere Gesellschaft aufmerksam zu machen. Zentrale Akteure der Initiative sind Buchhandlungen und Verlage. Darüber hinaus haben sich über 60 zivilgesellschaftliche Organisationen und Unternehmen der Woche der Meinungsfreiheit angeschlossen. Mehr unter: www.woche-der-meinungsfreiheit.de.

Woche der Meinungsfreiheit vom 3.-10. Mai 2023: Vielfältiges Programm für Frieden, Demokratie und Debatte

Breites Bündnis aus über 60 Partnern / Mehr als 60 Veranstaltungen, Diskussionen, Aktionen: www.woche-der-meinungsfreiheit.de/programm Verlage, Buchhandlungen, Bibliotheken und Pressehandel unterstützen bundesweit

Die „Woche der Meinungsfreiheit“ hat sich als fester Bestandteil der gesellschaftspolitischen Debatte in Deutschland etabliert. Zur dritten Ausgabe vom Internationalen Tag der Pressefreiheit am 3. Mai bis zum neunzigsten Gedenktag der Bücherverbrennung am 10. Mai rückt ein breites Bündnis von 60 Partnern die Bedeutung der Meinungsfreiheit und lebendiger Debatten für eine freie, demokratische Gesellschaft in den öffentlichen Fokus. Bereits jetzt stehen über 60 Veranstaltungen im gesamten Bundesgebiet fest. Initiator der Aktionswoche ist der Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Als Förderer unterstützen erstmals die Crespo Foundation und die Stiftung Polytechnische Gesellschaft die Woche der Meinungsfreiheit.

„Die russische Aggression in der Ukraine, die Unterdrückung von Menschenrechten in Iran und vielen anderen Ländern, aber auch die Polarisierung in den Debatten hierzulande machen klar: Frieden, Demokratie und Verständigung sind nicht selbstverständlich. Mit einem starken Bündnis und einem vielfältigen Programm möchten wir während der Woche der Meinungsfreiheit ein Bewusstsein für die Bedeutung demokratischer Freiheiten schaffen, Denkanstöße geben und Debatten fördern“, erklärt Peter Kraus vom Cleff, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins.

Mit drei zentralen Veranstaltungen setzt der Börsenverein die Eckpunkte der Aktionswoche:

• Auftakt-Diskussion: „Die Deutschen, der Krieg und die Medien“

27. April 2023, 12.30 Uhr, Leipziger Buchmesse, Forum Offene Gesellschaft, Halle 4, Stand E101

Der Historiker Gerd Koenen und der Soziologe Harald Welzer debattieren über Sprache im Krieg, das deutsch-russische Verhältnis und das ideologische Konstrukt der „Meinungskorridore“. (Zugang mit Messe-Eintrittskarte)

• Offizieller Auftakt: Diskussionsabend „Unsere Demokratie und das freie Wort“

3. Mai 2023, 20 Uhr, Frankfurter Paulskirche

Mit Nancy Faeser, Igor Levit, Michel Friedman und Nargess Eskandari-Grünberg. Gemeinsame Veranstaltung mit der Stadt Frankfurt und der Frankfurter Buchmesse zum Internationalen Tag der Pressefreiheit und im Rahmen des Jubiläums „175 Jahre Deutsche Nationalversammlung Paulskirche Frankfurt“. (Begrenztes Karten-Kontingent. Anmeldung erforderlich bis 28. April an: protokoll@stadt-frankfurt.de; Anmeldung für Medien: akkreditierung@stadt-frankfurt.de).

• Lesung und Gespräch zum 90. Gedenktag der Bücherverbrennung:

„Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“

7. April 2023, 13 Uhr, Maxim Gorki Theater, Berlin

Mit Aslı Erdoğan, Aysima Ergün, Doğa Gürer, Herta Müller, Moritz Rinke, Felicitas Hoppe, Maria Stepanova, Jan Wagner und Basha Mika. Zum Karten-Vorverkauf

60 Veranstaltungen in ganz Deutschland

Der Veranstaltungskalender der Woche der Meinungsfreiheit deckt eine große Vielfalt an Themen, Formaten und Durchführenden ab. Thematisch setzen sich die Teilnehmer:innen sowohl mit den großen Themen der Zeit wie Krieg und Frieden, Rassismus oder Menschen-rechte in Autokratien auseinander aber auch mit Fragen, die derzeit die kulturelle Debatte in Deutschland prägen, wie Genderfragen, Diversität oder Sensitivity Reading. Die Formate reichen von Diskussionen und Lesungen über Konzerte bis hin zu Ausstellungen. Organisiert werden sie von Partnern aus Verlagen, Buchhandel, Pressehandel, Bibliotheken, Gewerkschaften, Kirchen, Musikszene, Vereinen, Verbänden und Stadtverwaltungen. Als Partner aus den Medien sind u.a. der Hessische Rundfunk, die Frankfurter Allgemeine Zeitung, der Rundfunk Berlin Brandenburg, der Tagesspiegel und die Leipziger Zeitung dabei.

Für die begleitende Kampagne haben sich zahlreiche Prominente als Testimonials zur Verfügung gestellt, darunter die Autorinnen Irina Sherbakova und Tupoka Ogette, der Autor Sebastian Fitzek, die Psychologin und Autorin Stefanie Stahl, die Friedensnobelpreisträgerin Maria Ressa und der Friedenspreisträger Liao Yiwu.

Partner der Woche der Meinungsfreiheit

  • Amnesty International
  • Bildungsstätte Anne Frank
  • Das Blaues Sofa Bertelsmann
  • Buchkinder Leipzig e.V.
  • Buchhandlung „Bücher bei Dausien“, Hanau
  • Büchner-Verlag eG
  • Crespo Foundation
  • Deutsche Nationalbibliothek
  • Eintracht Frankfurt
  • Frankfurter Agenturallianz
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung
  • Frankfurter Buchmesse
  • frankfurtersalon
  • Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit
  • Gangart Leipzig
  • Gesamtverband Pressegroßhandel
  • Global Digital Women
  • Hessischer Rundfunk
  • International Journalists Association
  • Jazz Montez
  • Leipziger Buchmesse
  • Leipziger Internet Zeitung
  • LINDLEY LINDENBERG
  • Literaturhaus Karlsruhe
  • Margit-Horváth-Stiftung
  •  Maxim Gorki Theater
  • mediacampus frankfurt
  • MVB
  • Netzwerk der Literaturhäuser
  •  Nicolaische Buchhandlung, Berlin
  • Penguin Random House Verlagsgruppe
  • PEN-Zentrum Deutschland
  • Stiftung Polytechnische Gesellschaft
  • RBL Media
  • Reporter ohne Grenzen
  • Rundfunk Berlin Brandenburg
  • Schweizer Buchhandels- und Verlags-Verband
  • S. Fischer Verlage
  • Stadtakademie München
  • Stadt Leipzig
  • Stadtbücherei Frankfurt am Main
  • Ströer
  • Tagesspiegel
  • Thalia
  • Ullstein Verlag
  • Verband Bildungsmedien e. V.
  • Verbrannte Orte
  • Verlag C.H.Beck
  • Volkshochschule Frankfurt am Main
  • VS Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller
  • Verlagsgruppe Droemer Knaur
  • Wallstein Verlag
  • 3. Oktober – Deutschland singt

Zudem gestalten bundesweit viele weitere Buchhandlungen, Verlage, Bibliotheken und Pressehändler die Aktionswoche mit. Die „Frankfurter Agenturallianz“, bestehend aus Kommunikationsexpert:innen aus dem Rhein-Main Gebiet, die größtenteils pro bono für die Initiative arbeiten, unterstützt den Börsenverein bei der Aktionswoche.

Über die „Woche der Meinungsfreiheit“

Die „Woche der Meinungsfreiheit“ wurde 2021 vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels initiiert. Ziel ist es, mit einem breiten Bündnis eine Woche lang auf die Bedeutung des freien Wortes für unsere Gesellschaft aufmerksam zu machen. Zentrale Akteure der Initiative sind Buchhandlungen und Verlage. Darüber hinaus haben sich bereits über 50 zivilgesellschaftliche Organisationen und Unternehmen der Woche der Meinungsfreiheit angeschlossen. Die Grundlage der Aktionswoche bildet die Charta der Meinungsfreiheit mit elf Leitsätzen zur Freiheit des Wortes. Sie kann unter www.woche-der-meinungsfreiheit.de/charta-der-meinungsfreiheit/ abgerufen und unterzeichnet werden.

Die Linguisten Helmut Weiß und Ewa Trutkowski weisen nach, dass maskuline Personenbezeichnungen im Deutschen stets generisch interpretierbar waren

© collage Diether v Goddenthow
© collage Diether v Goddenthow

Gendersternchen oder Binnen-i? Unterstrich oder Doppelpunkt? Die feinteilige Diskussion um Notwendigkeit und Ausgestaltung einer „gendergerechten“ Sprache hält an. Prof. Helmut Weiß, der an der Goethe-Universität deutsche Sprachgeschichte lehrt, ist dem sprachhistorischen Aspekt der Debatte auf den Grund gegangen und plädiert für eine Versachlichung.

FRANKFURT. Den tatsächlichen Sprachgebrauch in früheren Epochen des Deutschen haben Prof. Helmut Weiß und Dr. Ewa Trutkowski in einer Studie untersucht, die in der Zeitschrift „Linguistische Berichte“ veröffentlicht worden ist. Im Mittelpunkt stand die Frage, inwiefern maskuline Personenbezeichnungen zu früheren Zeiten „generisch“ verwendet wurden. Mit dem Ausdruck „generisch“ bezeichnet man in der Grammatiklehre die Möglichkeit, solche Substantive geschlechtsabstrahierend zu verwenden. Weiß und Trutkowski, die gemeinsam in der DFG-Forschungsgruppe „Relativsätze“ forschten, führen den Nachweis darüber, dass maskuline Substantive bereits im Althochdeutschen für beide biologischen Geschlechter verwendet wurden – ebenso wie heute zum Beispiel das grammatikalisch feminine Wort Person oder das Neutrum Mitglied.

Der Auslöser für die Studie sei die E-Mail einer gendersprachkritischen Studentin gewesen, sagt Prof. Weiß, dessen Forschungsschwerpunkt eigentlich in der historischen Grammatik liegt. Die Studentin schrieb, dass das Wort „Studenten“ zwar aufgrund gesellschaftlicher Verhältnisse in der Vergangenheit nicht schon immer sowohl Männer als auch Frauen „gemeint habe“, in der Gegenwart aber durchaus generisch zu verstehen sei. Grammatikalisch maskuline Personenbezeichnungen könnten stets generisch interpretiert werden, antwortete Weiß spontan, hatte dann aber das Gefühl: Das müsste man einmal gründlicher betrachten. So nahmen er und Trutkowski dies als Ausgangshypothese für ihre sprachhistorische Untersuchung.

Für ihre Untersuchung nahmen sich die beiden Linguisten nicht in erster Linie Berufsbezeichnungen vor, sondern Personenbezeichnungen und Charakterisierungen, die seit jeher auch auf Frauen angewandt wurden. Indem man auf diese Weise nicht-linguistische Einflussfaktoren wie die Rolle der Frau in der Gesellschaft möglichst außen vor ließ, habe man das weit verbreitete Argument gegen den Gebrauch des generischen Maskulinums entkräften wollen – nämlich dass dieses eine sprachgeschichtlich sehr junge Erscheinung sei, die erst mit dem Vordringen der Frauen in Männerberufe entstanden sei. Denn das Gegenteil sei der Fall: Das Generische sei sozusagen schon immer im Deutschen fest verankert.

Beispiele wie das Messer, die Gabel, der Löffel machten, so Weiß, schon dem sprachwissenschaftlichen Laien deutlich, dass die Kategorie Genus kaum 1:1 mit einem etwaigen biologischen Geschlecht zusammenhänge. „Für die Verteilung des grammatischen ‚Geschlechts‘ gibt es durchaus Regeln, aber die sind nicht semantischer Art“, sagt er. Es sei wissenschaftlich nachgewiesen, dass die Genera ursprünglich Belebtes (maskulin) und Unbelebtes (neutrum) und Kollektiva (feminin) voneinander unterschieden. Das Genussystem hat vor allem einen syntaktischen Zweck: Da zugeordnete Wörter wie Adjektive formal übereinstimmen (kongruent sind), hilft es bei der Strukturierung von Sätzen und bei der Herstellung von Bezügen zwischen nominalen Ausdrücken (z.B. „Otto kennt Maria, seit er/sie 10 ist“). Zwar besteht durchaus eine Beziehung zwischen Genus und Sexus – allerdings nur in die eine Richtung: Sexus kann sich im Genus bemerkbar machen, der Umkehrschluss ist jedoch nicht zulässig.

Weiß und Trutkowski haben sich allgemeine Personenbezeichnungen vorgenommen wie Freund, Feind, Gast, Nachbar, Sünder – und konnten nachweisen, dass diese im Alt- und Mittelhochdeutschen keineswegs geschlechtsspezifisch verwendet wurden, sondern vielmehr generisch. So schrieb der althochdeutsche Dichter Otfrid von Weißenburg im 9. Jahrhundert von Jesus und Maria als Gästen der Hochzeit von Kana: „Ni ward io in wóroltzitin, / thiu zisámane gihitin, / thaz sih gésto guati / súlihhero rúamti. / Thar was Kríst guater / joh sélba ouh thiu sin múater“ („Zu keiner Zeit hat sich ein Hochzeitspaar rühmen können, so hohe Gäste zu haben (wie diese): Der heilige Christus und auch seine Mutter waren da erschienen.“). Oder im mittelhochdeutschen Frauenbuch von 1257 heißt es: „ir bedörft ein wîp ze friunde niht“ („ihr bedürft eines Weibes zum Freunde nicht“). Auch für die besonders in der Kritik stehenden Personenbezeichnungen auf -er belegt die Untersuchung eine sexusneutrale Verwendung, etwa in dem Satz: „die von alter har burgere zu Straßburg gewesen sind, es sigent frowen oder man“ („die von alters her Bürger in Straßburg gewesen sind, es seien Frauen oder Männer“). Die Endung -er wird auf die lateinische Endung -arius zurückgeführt, die im Althochdeutschen noch in einer maskulinen (-ari)und femininen Form (-âra) vorkam.

Der vor kurzem erschienene Beitrag sei in einer Vorversion von einem Preprint-Server (Lingbuzz) inzwischen mehr als zweieinhalbtausend mal heruntergeladen worden, berichtet Prof. Weiß. Die Reaktionen seien vor allem zustimmend. Insgesamt hofften er und Trutkowski, dass die Studie zur Versachlichung der Debatte beitrage. Weiß selbst ist überzeugt, dass sich die „gendergerechte“ Sprache allenfalls in Teilen der Sprachgemeinschaft durchsetzen werde.

Publikation: Ewa Trutkowski u. Helmut Weiß, Zeugen gesucht! Zur Geschichte des generischen Maskulinums im Deutschen. In: Linguistische Berichte 273/2023. https://doi.org/10.46771/9783967692792_2

oder: Buske-Verlag – Zeugen gesucht zur Geschichte des generischen Maskulinums 

Freiheit für das Wort – GfdS verleiht Medienpreis für Sprachkritik an Harald Martenstein – Absage an Sensitivity Reading

Preisträger Harald Martenstein. "Ich bin schon ein Freund sprachlicher Klarheit. Und die Kunst ist einen komplizierten Gedanken einfach und klar auszudrücken, ja und nicht einen schlichten Gedanken kompliziert auszudrücken. Das ist Bullshit, um mal einen Anglizismus einzuführen." „Als ich vor Jahren zum ersten Mal über Gendern geschrieben habe, die Debatte fing gerade erst so an, ich habe mir aber nichts dabei gedacht, ich fand das irgendwie bizzar. Da gab es einen solchen Wutsturm von den Leuten, die das nicht gut finden, dass ich sofort wusste: ‚Dass musst du öfters machen!‘. Zitate und Bild aus dem Video-Porträt von Video-Porträt von Andreas Ewels
Preisträger Harald Martenstein. „Ich bin schon ein Freund sprachlicher Klarheit. Und die Kunst ist einen komplizierten Gedanken einfach und klar auszudrücken, ja und nicht einen schlichten Gedanken kompliziert auszudrücken. Das ist Bullshit, um mal einen Anglizismus einzuführen.“ „Als ich vor Jahren zum ersten Mal über Gendern geschrieben habe, die Debatte fing gerade erst so an, ich habe mir aber nichts dabei gedacht, ich fand das irgendwie bizzar. Da gab es einen solchen Wutsturm von den Leuten, die das nicht gut finden, dass ich sofort wusste: ‚Dass musst du öfters machen!‘. Zitate und Bild aus dem Video-Porträt von Video-Porträt von Andreas Ewels

„Ironisch und mit Wortwitz, kritisch unangepasst und provozierend, aber niemals verletzend, und Respekt vor der Meinung der Andersdenkenden“, sei sein Kompass, so die Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS), die gemeinsam mit der Hans-Oelschläger-Stiftung nach einer coronabedingten Durststrecke am gestrigen Abend den Medienpreis für Sprachkritik an einen der bedeutendsten wie umstrittensten deutschen Kolumnisten Harald Martenstein verliehen.

Jurybegründung: "Harald Martenstein zählt seit Jahrzehnten zu den bedeutendsten Kolumnisten in Deutschland. Mit scharfem Blick auf die kleinen Dinge des Alltäglichen und die großen Fragen der Politik seziert Martenstein gesellschaftliche und sprachliche Entwicklungen ironisch und mit Wortwitz kritisch unangepasst und provozierend, aber niemals verletzend. Sein Kompass: Respekt vor der Meinung der Andersdenkenden." (v.li.) Dr. Andrea-Eva Ewels, GfdS-Geschäftsführerin. GfdS-Vorsitzender Professor Dr. Peter Schlobinski, Preisträger Harald Martenstein mit Urkunde und Iris Buck, Stifterin des Preises, © Foto Diether von Goddenthow
Jurybegründung: „Harald Martenstein zählt seit Jahrzehnten zu den bedeutendsten Kolumnisten in Deutschland. Mit scharfem Blick auf die kleinen Dinge des Alltäglichen und die großen Fragen der Politik seziert Martenstein gesellschaftliche und sprachliche Entwicklungen ironisch und mit Wortwitz kritisch unangepasst und provozierend, aber niemals verletzend. Sein Kompass: Respekt vor der Meinung der Andersdenkenden.“
(v.li.) Dr. Andrea-Eva Ewels, GfdS-Geschäftsführerin. GfdS-Vorsitzender Professor Dr. Peter Schlobinski, Preisträger Harald Martenstein mit Urkunde und Iris Buck, Stifterin des Preises, © Foto Diether von Goddenthow

Der mit 10 000 Euro dotierte Medienpreis für Sprachkritik ersetzt die bisherigen Medienpreise für Sprachkultur, um neue Akzente gegen rechts- und linkspopulistische Sprachkritik und Sprachlenkungsversuche zu setzen, so GfdS-Vorsitzender Professor Dr. Peter Schlobinski. Gemeinsam mit GfdS-Geschäftsführerin Dr. Andrea-Eva Ewels begrüßten die Veranstalter zahlreiche Ehrengäste aus Politik, Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft, unter ihnen der frischgebackene Mainzer Oberbürgermeister Nino Haase, ein ausgewiesener Fan von Martenstein. Dieser ist immerhin 1953 in Mainz geboren und aufgewachsen. Sein Studium erfolgte in Freiburg. Start seiner journalistischen Karriere bei der Stuttgarter Zeitung, später wechselt er zum Tagesspiegel nach Berlin, zahlreiche Kolumnen, unter anderem seit 20 Jahren in der Die Zeit, und in der Welt am Sonntag. Sie krönen Martensteins journalistische Arbeit, verrät ein Video-Porträt von Andreas Ewels.

GfdS-Vorsitzender Professor Dr. Peter Schlobinski. © Foto Diether von Goddenthow
GfdS-Vorsitzender Professor Dr. Peter Schlobinski. © Foto Diether von Goddenthow

An der Schnittstelle zur Literatur stünden „journalistische Beiträge mit sprachkritischem Bezug, oder expliziten Sprachthemen, die kritisch reflektiert werden. Hierzu gehören unter anderem die Glossen, Essays und Kolumnen von Karl Kraus, Fritz Mauchner und Tucholsky wie auch von Egon Erwin Kisch, Harry Rowohlt und unserem Preisträger Harald Martenstein“, sagte der DfdS-Vorsitzende. Was alle Genannten gleichermaßen auszeichne sei ihr „scharfer, entlarvender Blick auf Sprache und Gesellschaft, sowie die Fähigkeit, ihre eigenen Gedanken und Positionen sprachkreativ unterhaltend geistreich, oft witzig, ironisch sowie auf den Punkt genau zu formulieren.“ Dafür hat Harald Martenstein in den letzten Jahren unzählige renommierte Literatur-Preise erhalten, unter anderem den „Erwin-Ego-Kisch-Preis“ und den „Henri-Nannen-Preis“.

Christiane Hinninger, Dezernentin für Umwelt, Wirtschaft, Gleichstellung und Digitalisierung der Landeshauptstadt Wiesbaden. © Foto Diether von Goddenthow
Christiane Hinninger, Dezernentin für Umwelt, Wirtschaft, Gleichstellung und Digitalisierung der Landeshauptstadt Wiesbaden. © Foto Diether von Goddenthow

Für Christiane Hinninger, Dezernentin für Umwelt, Wirtschaft, Gleichstellung und Digitalisierung der Landeshauptstadt Wiesbaden, in Vertretung von Oberbürgermeister Gerd-Uwe Mende, ist es ein Glücksfall, dass die Gesellschaft für deutsche Sprache seit 1965 ihren Sitz in Wiesbaden hat. Es gereiche „uns zur Ehre, wenn unsere Stadt öffentlich mit der Gesellschaft für deutsche Sprache in Verbindung gebracht wird, insbesondere mit Aktionen wie ‘Beliebteste Vornamen‘ und die ‘Wörter des Jahres‘. Zudem profitiere die Stadt Wiesbaden ganz konkret von der Expertise der GdfS, etwa beim seit 15 Jahren laufenden Projekt „Klartext“, über das es in gemeinsamen Workshops und Seminaren gelang „Verwaltungssprache verständlicher, lebendiger und persönlicher zu gestalten“ .“Wir wollen uns einer Sprache bedienen, die von allen und egal, welchen Bildungsstand sie haben, auch gut verstanden werden kann“, so die Dezernentin abschließend in ihrem Grußwort.

Laudatorin Anna Schneider  empfiehlt allen Gender Studies-Studenten Martenstein-Lektüre

Laudatorin WELT-Chefreporterin und Buchautorin Anna Schneider. © Foto Diether von Goddenthow
Laudatorin WELT-Chefreporterin und Buchautorin Anna Schneider. © Foto Diether von Goddenthow

Laudatorin Anna Schneider zitiert Martenstein und seine Kritiker
„Es ist mir eine unfassbare Freude und Ehre, dass ich dir ein Loblied singen darf“, startete WELT-Chefreporterin Anna Schneider ihre Laudatio. Der „Alte weiße Mann“ stünde mittlerweile „am Ende der zeitgeistigen Nahrungskette“, zumindest bei der zwischen 1981 und 1998 geborenen Millennial-Generation, also ihrer Altersgruppe. So sei der „Alte weiße Mann“ Martenstein ins Visier ihrer etwa gleichaltrigen Kollegin Marlene Knobloch, Redakteurin bei der Süddeutschen Zeitung, geraten. Davon zeuge ein Auftritt in deren neuen Buch „Serious Shit. Die Welt ist gefährlich – und warum wir das erst jetzt merken“ (2023 dtv). In einer Passage beschreibe Knobloch darin ganz kurz und knapp, warum auch dieser Typ Martenstein eigentlich sein Grundproblem sei. Für die Erzählerin im Buch scheine Martenstein so furchtbar zu sein, dass sie erst mal Luft holen müsse, und „In diesem Sprudel von Stereotypen und Klischees und Sexismus und überhaupt“ nicht wisse, wo sie anfangen solle, vor ihm zu warnen. Im Kern regt sich Knoblochs Ich-Erzählerin über Martensteins Kritik an der woken Umbenennung eines Werbeslogans für das Berliner Technikmuseum auf: „Es geht um das deutsche Technikmuseum in Berlin und dessen neuen Slogan: „Statt der männlichen kolonialistisch assoziierbaren Version ‚Für Entdeckter‘, lautet er jetzt ‚Einfach für dich!‘. Natürlich ideologischer Wahnsinn für den Kolumnisten und völlig an der Realität vorbei gedacht.“, schnaubt Knoblochs Erzählerin. Zudem gerate, so Anna Schneider, Martensteins angeblich dauerschlechte Grantler-Laune als ein Strukturproblem in Kritik, die dieser obendrein zu Geld mache und somit seine Polemik noch vergolde (…) „für ein Honorar, von denen jüngere Autoren wie ich nur träumen“, schimpft die Ich-Erzählerin in „Serious Shit“.
Dieser Buchabschnitt spiegele ein wenig wider, wie das geistige Umfeld in ihrer jüngeren Generation oftmals ticke, und nun wisse man auch, warum die Welt gerade dieser Autorin so gefährlich sei, „vor allem für uns um Mitte 30“, „weil offensichtlich bereits das Lesen einer Kolumne eines Mannes, eines weißen alten Mannes, uns dermaßen aus der Ruhe bringt (…)“, lästert Schneider über Martensteins Kritikerin.

„Es ist wirklich sehr anstrengend woke zu sein“, so Anna Schneider. Vor allem könne sie sich nicht daran erinnern, „jemanden gesehen zu haben, der wie Harald Martenstein dermaßen bestens gelaunt sei, und große, aber uneitle Freude an seinen eigenen Texten habe“ und seinem Publikum einen Lacher nach dem anderen abringe. Deswegen könnten viele ihrer Millennials-Kollegen mit Martenstein wohl nichts anfangen: „Denn wer lacht, der leidet nicht, und das verträgt sich mit wokesein so gar nicht“, frotzelt Schneider.

Deutschland dürste regelrecht nach Martensteins. Wer mit „derart intellektuellen Scheuklappen wie viele Zeitgenossen durchs Leben liefe“, verpasse da leider „so einiges, wie zum Beispiel, dass Harald Martenstein für die Gedankenfreiheit in diesem Land mehr tut, als so mancher Gender-Studies-Student“, und das sage eine Studies-Veteranin, und genau zu diesem Thema handele auch ihre Lieblingskolumne „Pronomenrunden“, so die Laudatorin.

 „Pronomenrunden“
In „Pronomenrunden“ nimmt der Preisträger für Sprachkritik das gleichnamige Sitzungs-Ritual des Regenbogen-Referats seiner einstigen Heimat-Uni Freiburg auf’s Korn: „Menschen hießen damals ‚der Ulli‘ oder ‚die Gundi‘, es war eine unsensible Epoche. Beim Regenbogen-Referat, der Interessenvertretung unter anderem der a_sexuellen, trans*, inter*, poly* und queeren* Studierenden, beginnt jede Sitzung mit der Pronomenrunde. Die Anwesenden dürfen ihre Namen und das Pronomen nennen, mit dem sie angesprochen werden möchten, also er, sie oder es oder sonst wie. Als weitere Möglichkeiten werden „x“, „per“ und „hän“ genannt. „Hän“ ist Finnisch und neutral. „Hän“ ist quasi die Schweiz unter den Pronomen.“
Martenstein zeige in dieser Kolumne immer wieder auf, dass letztlich das Problem, niemanden durch eine im Zweifel „falsche Anrede“ zu kränken, unlösbar sei. Die einzige Lösung wäre Schweigen. „Dann ist im Seminar garantiert niemand verletzt, und niemand muss weinen“.
Eine Person, zitiert die Laudatorin Martenstein weiter, sei „immer komplexer als jeder Name, jede Zuschreibung und jede sexuelle Identität, ein Mensch ist immer mehr als das“. „Sprache diene dazu, die Wirklichkeit alltagstauglich zu vereinfachen, nur so werde Kommunikation möglich.“ Deshalb ist Sprache immer ungerecht“, so  Martensteins Worte. (Über Wörter, die alles offenlassen, die Last des eigenen Namens und die Schwierigkeit, sich selbst zu definieren https://www.zeit.de/zeit-magazin/2020/39/harald-martenstein-genderwahn-hochschulen), Am liebsten würde sie Martensteins letzten Absatz „warum Sprache immer ungerecht“ sei, immer wieder allen Studierenden oder sonstigen zeitgeistig verstrahlten Studenten ausgedruckt in die Hand drücken. Marteinlektüre für Studies!

Martensteins  Dank –  Sein Antrieb ist der Zweifel

Martenstein: "Ich danke der Jury dafür, dass sie auf diese Idee gekommen ist, und ich hoffe, dass sie es nicht bereuen wird, ich werde versuchen, mich dieses Preises würdig zu erweisen, und sie nicht übel zu strafen." © Foto Diether von Goddenthow
Martenstein: „Ich danke der Jury dafür, dass sie auf diese Idee gekommen ist, und ich hoffe, dass sie es nicht bereuen wird, ich werde versuchen, mich dieses Preises würdig zu erweisen, und sie nicht übel zu strafen.“ © Foto Diether von Goddenthow

Natürlich sei so ein Preis eine tolle Sache, es mache ihn ein bisschen demütig, da es wahnsinnig viele großartige Kollegen und Kolleginnen gäbe, die er bewundere, und die den Preis wohl mehr als er verdient hätten, kokettierte der Geehrte bei seinem Dank. Ein bisschen Glück gehöre dazu, „wir haben das ja eben von Anna Schneider gehört, dass es unmöglich immer ganz gerecht zugehen kann im Leben, also muss ich das jetzt einfach mal so hinnehmen, und dass ich der Profiteur vielleicht von der Ungerechtigkeit bin, aber es freut mich ja trotzdem“.
Was Martenstein antreibe? Das sei vor allem „Zweifel“, „Selbstzweifel“, „oft, weil ich mir über eine Sache nicht so ganz im Klaren bin, und nicht so richtig wisse, was richtig, falsch, gut, und böse sei. Selbstverständlich habe er jetzt aber etwas vorbereitet, indem er sich mit etwas „Sprachkritischem“ bedanke, nämlich zum Thema „Sensitivity Reading“,

„Sensitivity Reading“ in letzter Konsequenz das Ende von Literatur

Bei „Sensitivity Reading“, so Martenstein, überprüften „Spezialisten für Sensibilität“ im Auftrag von Verlagen Buchmanuskripte darauf, ob der „Inhalt oder ihre Wortwahl jemandes Gefühle verletzen könnte“. Gemeint seien „damit nicht die Gefühle alter weißer Männer, wie ich einer bin, sondern die Gefühle von Menschen z.B. mit nichtweißer Hautfarbe, also People of Color, von sexuellen Minderheiten, z.B. Transsexuellen, Gefühle von Frauen, wobei damit in erster Linie solche Frauen gemeint sind, die ihr Geschlecht nur für eine gesellschaftliche Zuschreibung und im Grunde für inexistent halten. Ich glaube also nicht, dass die Gefühle von Anna Schneider damit gemeint sind.“

Wie das funktioniere, habe vor einigen Wochen die Zeit vorgeführt, die einen Mitarbeiter einen Text verfassen und anschließend von einer Sensitivity-Readerin lektorieren ließ. Erwartungsgemäß wurde die fehlende Gendersprache moniert, und „statt des kleingeschriebenen ‚man‘ sollte es stets ‘eine Person‘ heißen. Der Satz ‘Beim Überqueren einer Straße sollte man vorsichtig sein‘, könnte nämlich möglicherweise so verstanden werden, dass nur Männer darauf aufpassen müssen. Frauen nicht! Wer weiß wie viele Frauen nur deswegen, wegen des ‘man‘, in den letzten Jahrzehnten überfahren wurden?“. Große Heiterkeit im Saal.

Auch sollten Hautfarben im Text stets mit großen Anfangsbuchstaben geschrieben werden, also „Weiß“ oder „Schwarz“, damit niemand denke, es handele sich um reale Sachen, als sei „einer in einen weißen oder schwarzen Farbbottich gefallen“. „Ich frage mich, ob es in der Weltliteratur wirklich schon einmal eine solche Verwechslung gegeben hat?“, so der Sprachkritik-Preisträger.

Der Schlüsselsatz des Zeit-Textes lautete: „Mit Kunst, will man doch niemandem wehtun!“ „Das ist, finde ich, so falsch wie ein Satz nur falsch sein kann“, wetterte Martenstein gegen diese neue Weichspül-Manie. Denn „gerade große Kunst fordere uns manchmal. Sie könne unser Weltbild, unser Selbstbild erschüttern“, und „uns womöglich tagelang verfolgen oder sogar für den Rest unseres Lebens“. Klar, wäre nicht jede Kunst, die weh tut,  bedeutend. Sie könne einfach auch nur schlecht sein. „Aber bedeutende Kunst berührt in uns meistens eine Stelle, die noch nie berührt wurde. Sie trifft einen Widerstand, das macht sie unvergesslich.“
So betrachtet, bedeute Sensitivity Reading in letzter Konsequenz „nichts weniger als das Ende der Literatur und ihre Ersetzung durch Gefälligkeitstexte“, empört sich Martenstein. Und wo es keine unmoralische Literatur mehr geben dürfe, „da darf es beim Erzählen auch keine Wahrheit mehr geben.“

Die Angst der Verlage vor den Konsequenzen von Shitstorms 

Verlage, die nach Information seiner Agentin pro Buch durchschnittlich 1500 Euro Zusatzkosten für das zusätzliche Weichspül-Lektorat berappen müssten, entschieden sich seiner Meinung nach dafür nicht aus Überzeugung, sondern aus Angst. Es sei die Angst vor dem Shitstorm, „die Angst, für die Überschreitung immer enger gezogenerer Grenzen angeklagt zu werden. Es ist die Angst davor, ein fertig produziertes Buch nach wütenden Protesten mit hohem Verlust aus dem Verkehr ziehen zu müssen“. Es sei “die Angst vor einer relativ kleinen, gut organisieren Minderheit, die so tut, als besitze allein sie das Recht, über ‘gut und böse´‚ ‘richtig und falsch‘ zu entscheiden“, so der Preisträger.
Sprache gehöre jedoch allen, „weder der Obrigkeit, noch einer Minderheit, die aus der Unterdrückung vergangener Jahrzehnte als Kompensation das Recht ableitet, heute zu verbieten, und Vorschriften zu machen.“

Wer alles Kränkende vermeiden möchte, sollte Einsiedler werden

Und gerade „weil die Sprache uns allen gehört, sollte es keine Sonderregeln geben“ insbesondere nicht für bestimmte Gruppen“, so Martenstein. Wer verlange, „niemals, in egal welchem Kontext, etwas auch nur unabsichtlich Kränkendes über die Gruppe hören oder lesen zu müssen, der er oder sie angehört, der müsste dieses Recht natürlich auch allen anderen zugestehen!“, ist für den Preisträger die logische Konsequenz. Er warnte daher eindringlich vor dieser woken literarischen Weichspülmode, denn, „wenn wir aber allen einander niemals unangenehm sein dürfen, dann sollten wir am besten jeden Kontakt miteinander meiden und Einsiedler werden.“

Weder Gender-Gebot, noch Gender-Verbot

Im Übrigen habe er nichts dagegen, wenn andere Leute gendern. „Können sie machen“. Es dürfe aber eben nur nicht vorgeschrieben oder institutionell über Leitfäden /Plattformen als vorbildhaftes Schreibverhalten empfohlen werden, etwa durch Behörden, Kommunen, Universitäten, ebenso wie es umgekehrt nicht von Gegnern verboten werden sollte.
„Nein, ich wünsche mir kein einziges Verbot. Ich wünsche mir und allen anderen nur den Mut, für das freie Wort, für die Freiheit der Sprache der Zeitungen und der Literatur einzutreten, auch, wenn mal dummes Zeug geschrieben wird. Auch wenn mal jemanden etwas wehtut! Ein Recht auf Freiheit haben alle, die nichts Illegales tun, egal aus welcher Ecke sie kommen“, bekräftigte Harald Martenstein unter großem Applaus.

( Diether von Goddenthow/Rhein-Main.Eurokunst)

Harald Marteins Kolumnen in

Zeit-Magazin
Welt am Sonntag

Journalistin Golineh Atai für mutige Reportagen aus dem Iran mit dem Marie Juchacz-Frauenpreis 2023 ausgezeichnet

Golineh Atai, Leiterin des ZDF-Auslandsstudios Kairo, zuständig für die Berichterstattung aus Ägypten, Libyen, dem Tschad, Saudi-Arabien, Jemen, Oman, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrein, Syrien, Irak, Maghreb-Staaten (nur pan-arabische/pan-islamische Themen) und dem Libanon, aus Kuwait und dem Nord-Sudan. © ZDF/Jana Kay
Golineh Atai, Leiterin des ZDF-Auslandsstudios Kairo, zuständig für die Berichterstattung aus Ägypten, Libyen, dem Tschad, Saudi-Arabien, Jemen, Oman, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrein, Syrien, Irak, Maghreb-Staaten (nur pan-arabische/pan-islamische Themen) und dem Libanon, aus Kuwait und dem Nord-Sudan. © ZDF/Jana Kay

„Golineh Atai steht für einen Journalismus, der mutig berichtet und scharf analysiert, ohne sich selbst in den Vordergrund zu stellen. Sie nutzt ihr großartiges Talent, um Frauen in ihrem Kampf für Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und Freiheit zu unterstützen. Wir ehren sie heute für ihre klare demokratische Haltung als Journalistin und für ihren Einsatz für Frauen und ihre Rechte. Für ihre besonderen Verdienste um die Gleichberechtigung von Männern und Frauen verleihe ich ihr den Marie Juchacz-Frauenpreis“, sagte Ministerpräsidentin Malu Dreyer bei der Preisübergabe in Mainz.

Am heutigen Tag der Internationalen Frauensolidarität richtete die Ministerpräsidentin ein besonderes Zeichen der Solidarität an die mutigen Frauen im Iran, die unter dem Ruf „Frauen, Leben, Freiheit“ für ein besseres Leben kämpfen. „Weltweit steht es nicht gut um die Situation der Frauen, die in besonderem Maße von ungerechten Gesellschaften und bewaffneten Konflikten betroffen sind. Doch weltweit stehen sie wie schon zu Zeiten von Marie Juchacz und auch jetzt im Iran immer wieder an der Spitze von gesellschaftlichen Bewegungen, die für Freiheit und Gerechtigkeit eintreten. Dabei gehört die internationale Solidarität zu den Fundamenten der Frauenbewegung und wir müssen alles dafür tun, dass die Stimmen der mutigen iranischen Frauen gehört werden“, betonte die Ministerpräsidentin.

Golineh Atai, die im Alter von fünf Jahren aus dem Iran nach Deutschland gekommen sei, habe den Frauen im Iran eine Plattform gegeben, um ihre Geschichte zu erzählen und von ihren Träumen, Hoffnungen und Zielen zu berichten. „Mit den Portraits in ihrem 2021 erschienenen Buch ‚Die Freiheit ist weiblich‘ führt sie uns vor Augen, wie riskant schon der kleinste Protest sein kann. Es ist der Blick in einen Alltag, der für uns in seiner Ungerechtigkeit oftmals unfassbar ist und doch das Leben von Millionen iranischen Frauen und Mädchen bestimmt“, sagte Ministerpräsidentin Malu Dreyer.

Eine der Frauen, die Golineh Atai portraitiert habe, sei Azam Jangravi, die extra aus Kanada eingereist war, um die Laudatio auf die Preisträgerin zu halten. In dem Buch schildere sie eindrucksvoll, wie sie 2018 nach langen Jahren der Reformversuche schließlich den Weg des öffentlichen symbolischen Protestes wählte und sich mit offenen Haaren gegen den Kopftuchzwang stellte. „Das Video davon ging viral um die Welt. Heute kämpft sie aus ihrer neuen Heimat Kanada weiter für die Gleichberechtigung der Frauen im Iran. Die Öffentlichkeit ist dabei ihr stärkster Verbündeter, der nochmals stärker wurde, seit Joko Winterscheid ihr seinen Instagram-Account mit über 1 Million Followern dauerhaft überließ“, so die Ministerpräsidentin.

Öffentlichkeit wie auch Meinungsvielfalt und Wahrheit seien besonders wichtig für all jene, die sich in ihren Heimatländern für Demokratie und Menschenrechte einsetzen. Golineh Atai sei als Journalistin überall dort zu finden, wo die Welt in Aufruhr sei. Sie habe über die Maidan Proteste und die Annexion der Krim berichtet, seit vielen Jahren bringe sie einem großen Publikum den Mittleren Osten in seiner Vielfalt und Dynamik nahe. „Als souveräne Auslands-Korrespondentin ist Golineh Atai ein echtes Role Model“, sagte Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Wie man mit einem herausfordernden Beruf und gefährlichen Situationen umgeht und dabei resilient bleibt, darüber sprach die Preisträgerin mit Dr. Donya Gilan, die den Bereich „Resilienz und Gesellschaft“ am Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz leitet.

Der Frauenpreis der Ministerpräsidentin wurde erstmals 2019 anlässlich des hundertjährigen Jubiläums des Frauenwahlrechts verliehen. Erste Preisträgerin war 2019 Dr. Lore Maria Peschel-Gutzeit. Sie setzte sich vor allem für das Recht von Beamtinnen ein, aus familiären Gründen in Teilzeit arbeiten zu können. Preisträgerin 2020 war Marlies Krämer, die sich für die sprachliche Gleichbehandlung von Frauen stark macht. Sportjournalistin Claudia Neumann, die als Fernseh-Kommentatorin von Fußballspielen Vorbild und Pionierin in einer vermeintlichen ‚Männerdomäne war, wurde 2021 mit dem Frauenpreis ausgezeichnet.

Der Frauenpreis 2022 ging an die Soziologin Jutta Allmendinger sowie Rita Süssmuth, die für ihr Lebenswerk geehrt wurde.

Mit dem Namen des Preises erinnert Ministerpräsidentin Malu Dreyer auch an die frauenpolitische Vorreiterinnenrolle und die Verdienste von Marie Juchacz, die als Abgeordnete in der Weimarer Nationalversammlung als erste Frau eine Rede hielt. Vorgeschlagen werden die Preisträgerinnen von einer Expertinnen-Jury aus Wirtschaft, Wissenschaft, Medien, Kultur und Vertreterinnen verschiedener Gremien aus dem Bereich der Gleichstellung und Frauenpolitik unter Vorsitz der Ministerpräsidentin.