Kategorie-Archiv: Belletristik

Terézia Mora erhält den Preis der Literaturhäuser 2017

terezia-moraDas Netzwerk der Literaturhäuser – dem auch das Literaturhaus Villa Clementine angehört – verleiht den Preis der Literaturhäuser 2017 der Autorin und Übersetzerin Terézia Mora. Am Mittwoch, 26. April, liest sie um 19.30 Uhr in diesem Rahmen im Literaturhaus Villa Clementine, Frankfurter Straße 1, aus ihrem aktuellen Erzählband „Die Liebe unter Aliens“.

Die 1971 in Ungarn geborene und heute in Berlin lebende Terézia Mora hat bislang ein Werk vorgelegt, das fraglos zum Aufregendsten und stilistisch Verblüffendsten gehört, was die deutschsprachige Gegenwartsliteratur zu bieten hat. In ihren – fast alle im Luchterhand Literaturverlag erschienenen – Büchern von „Seltsame Materie“ (1999) über „Alle Tage“ (2004) und den mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Das Ungeheuer“ (2013) bis hin zu ihren jüngsten Erzählungen „Die Liebe unter Aliens“ (2016) entwickelt sie unverwechselbare Sprach- und Erzählformen, die den Stoffen ihrer Texte einen individuellen, adäquaten Ton verleihen. Bestechend sicher wechselt sie die Register, verirrt sich nie im Wald der Metaphern und variiert den Rhythmus ihrer Sätze meisterhaft. Ihre Prosa, die oftmals in die Lebenssphären von Außenseiterfiguren hineintaucht und so die scheinbar eindeutige Bestimmung von Normalität hinterfragt, bildet auf unterschwellige Weise ab, was unsere Gesellschaft insgeheim erschüttert. Terézia Mora, die auch als Übersetzerin aus dem Ungarischen, vor allem der Werke Péter Esterházys, hervorgetreten ist, versteht es zudem, ihre Prosa auf beeindruckende, lange nachhallende Weise vorzutragen. Abende mit Terézia Mora schenken ihren Zuhörern unvergessliche Erfahrungen.

Die Programmleiterinnen und Programmleiter der im Netzwerk verbundenen Literaturhäuser ehren Terézia Mora als eine Autorin, die sich in innovativer Form mit Sprache und Literatur auseinandersetzt und das Publikum in besonders gelungener Weise für diese zu gewinnen weiß. Frühere Preisträger waren Ulrike Draesner (2002), Bodo Hell (2003), Peter Kurzeck (2004), Michael Lentz (2005), Uwe Kolbe (2006), Sibylle Lewitscharoff (2007), Anselm Glück (2008), Ilija Trojanow (2009) , Thomas Kapielski (2010), Elke Erb (2011), Feridun Zaimoglu (2012), Hanns Zischler (2013), Judith Schalansky (2014), Nicolas Mahler (2015) und Ulf Stolterfoht (2016).

Der Preis wird am 23. März um 19.30 Uhr im Rahmen einer Veranstaltung im Literaturhaus Leipzig verliehen. Er besteht aus einer Lesereise durch die im Netzwerk zusammengeschlossenen Literaturhäuser und ist mit 15.000 Euro dotiert. Terézia Mora wird vom 30. März bis zum 22. Juni zu Leseabenden durch die Literaturhaus-Städte reisen.

Termine sind:
• 24. März, 16.30 Uhr, Blaues Sofa, Glashalle, Leipziger Buchmesse, Vorstellung der Preisträgerin;
• 25. März, 11 Uhr, ARTE-Stand, Glashalle, Buchmesse Leipzig, die Preisträgerin im Gespräch mit Rainer Moritz, Literaturhaus Hamburg;
• 30. März, 20 Uhr, Literarisches Zentrum Göttingen;
• 25. April, 19.30 Uhr, Literaturhaus Köln;
• 26. April, 19.30 Uhr, Literaturhaus Wiesbaden;
• 9. Mai, 19.30 Uhr, Literaturhaus Hamburg;
• 10. Mai, 19 Uhr, Literaturhaus Basel;
• 11. Mai, 20 Uhr, Literaturhaus Stuttgart;
• 22. Mai, 20 Uhr, Literaturhaus Rostock;
• 23. Mai, 20 Uhr, Literaturhaus Berlin in Kooperation mit dem Literarischen Colloquium Berlin;
• 21. Juni, 19.30 Uhr, Literaturhaus Zürich;
• 22. Juni, 20 Uhr, Literaturhaus Salzburg.

Weitere Informationen gibt es im Internet www.literaturhaus.net
www.wiesbaden.de/literaturhaus

Deutscher Buchpreis 2016: Literarischer „Catwalk“ der Finalisten am Shortlist-Abend im Frankfurter Literaturhaus

Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Knisternd spannende Atmosphäre herrschte als über 200 Buchfreunde am gestrigen 1. Oktober im ausverkauften Frankfurter Literaturhaus sich bei halbstündigen Lesungen und Autoren-Gesprächen  einen ersten Eindruck von fünf auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2016  stehenden Autoren und ihren Werken verschaffen konnten. Leider fehlte Bodo Kirchhoff, einer der Buchpreis-Favoriten,  beim literarischen  „Catwalk“, da er im Ausland weilte. Sein Werk „Widerfahrnis“ präsentiert er am 5.Oktober im Literaturhaus.

shortlist16-coverBereits zum neunten Mal präsentierten das Kulturamt Frankfurt am Main und das Literaturhaus Frankfurt in Kooperation mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der den Preis vergibt, die Autoren der Shortlist des Deutschen Buchpreises vor der Preisverleihung Mitte Oktober. Moderiert haben die Autorengespräche Sandra Kegel (F.A.Z.), Gert Scobel (3sat) und Alf Mentzer (hr2-kultur). Die „besten“  Ausschnitte der über vierstündigen Veranstaltung werden vom 10.10. bis 15.10. um 9.30 und 15.05 Uhr in hr2-kultur gesendet.

Hauke Hückstädt, Leiter des Literaturhauses Frankfurt eröffnete den Abend. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Hauke Hückstädt, Leiter des Literaturhauses Frankfurt eröffnete den Abend. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Um  18.00 Uhr eröffnete Hauke Hückstädt, Leiter des Literaturhauses Frankfurt,  den Shortlist-Abend, stellte Grußwort-Redner, Autoren und Moderatoren vor,  dankte insbesondere der Deutschen Bank-Stiftung für die Stiftung des Deutschen Buchpreises, erläuterte den organisatorischen Ablauf des Abends und lud namens der Veranstalter alle Gäste zu vertiefenden Gesprächen in der Pause und im Anschluss der Veranstaltung ein .

Grußworte
Dr. Ina Hartwig, Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt am Main. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Dr. Ina Hartwig, Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt am Main. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Dr. Ina Hartwig, seit Mai dieses Jahres Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt und als Literaturkritikerin und  freie Autorin im Literaturhaus keine Unbekannte, ging mit ihrem Grußwort gleich in media res, als sie den Juroren zurief, aus eigener Erfahrung als Literaturkritikerin und Buchpreis-Jurorin 2011 zu wissen, „welch eine Mammutaufgabe das für die Jury sei“, insbesondere, „als Kritiker selbst in der Kritik zu stehen, was aber eine ganz heilsame Erfahrung wäre“. Denn „egal wen man auswählt“, so Hartwig; „es hagelt immer Kritik!“ „Man erlebe somit auch mal das, was man normalerweise als Kritiker anderen antue“. Man solle so etwas ruhig selbst mal erleben, obgleich „es gar nicht so leicht ist, das wegzustecken“, so die Kulturdezernentin. Für sie sei der Deutsche Buchpreis – eine Mischung aus Herzblut und Kalkül –  weit mehr als nur symbolisches Kapital. Obgleich der Deutsche Buchpreis weltweit bekannt wäre, sei er im Kern auch ein Preis der Stadt Frankfurt, weil er dort gestiftet wurde und bis heute im Kaisersaal des Römers am Montag vor der Buchmesse traditionell vergeben wird, verbunden mit einem großen Rahmenprogramm am Tag danach rund um die Buchmesse wie: „Literatur im Römer“, „Open Books“, „Ausstellungen“ und zahlreiche weitere kulturelle Angebote im Kontext der Buchmesse des diesjährigen Gastlandes „Flandern und die Niederlande“. Das freue sie als städtische Kulturdezernentin mit ihrer Leidenschaft für zeitgenössische Literatur in der neuen Berufung selbstverständlich ganz besonders.

Dem deutschsprachigen Roman Geltung verschaffen

Alexander Skipis, Geschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Alexander Skipis, Geschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

In seinem Grußwort formulierte Alexander Skipis, Geschäftsführer des Deutschen Börsenvereins, die Intention des Abends und des Deutschen Buchpreises drastisch: Eigentlich sei es „etwas Unerhörtes“, 6 Romane auf die Shortlist zu setzen und zu behaupten, „dass wir den besten Autor oder die beste Autorin und den besten deutschsprachigen Roman der Saison prämieren“, so Skipis.  „Ich glaube, es würde jedem von uns schwerfallen, zu sagen, der oder die ist es. Es sind hervorragende Autoren, die mit Sicherheit jeder den Preis verdient hätten. Sie „sind jetzt alle Sieger“. Aber im Grunde „zeichnen wir etwas anderes aus. Wir zeichnen die deutschsprachige Romanliteratur aus, nicht in erster Linie um Bestseller zu generieren, sondern um der deutschsprachigen Romanliteratur Geltung zu verschaffen.

Das habe zunächst weniger mit Verkaufszahlen zu tun, als vielmehr mit einer Buchkultur, die von Menschen in „unserer Branche“ getragen wird, „die den Anspruch haben, einen wertvollen Beitrag zum Gelingen der Gesellschaft beizutragen“, so Skipis. Der deutsche Buchmarkt, der zweitgrößte der Welt, sei ein Vorbild an Qualität und Vielfalt, und das sei ein „Wert, der in unserer Branche steckt. Deswegen möchten wir mit diesem Buchpreis diesen Wert darstellen“, betonte Skipis.

Appell an die „Freiheit des Wortes“ weltweit!

banner-turkey-250pxDiese Vielfalt und Qualität des deutschen Buchmarktes wäre aber nicht  möglich, mahnte Skipis, wenn es in Deutschland nicht eine völlige Publikations- und Meinungsfreiheit gäbe. Die Freiheit des Wortes sei der Kern unserer Buchkultur. Sie sei aber auf der Welt  nicht selbstverständlich. Das zeige eine „Karte der Rangliste der Pressefreiheit“ von Reportern ohne Grenzen, auf der lediglich eine Handvoll Staaten auf der Welt über Meinungs- und Publikationsfreiheit verfügten. Deshalb setze sich der Börsenverein des Deutschen Buchhandels so massiv für die Meinungsfreiheit und Publikationsfreiheit weltweit ein, zuletzt mit der  vor drei Wochen gestarteten Petition „FreeWordsTurkey“, die schon 80 000 Menschen unterzeichnet haben. Skipis lud alle Anwesenden ein, soweit noch nicht geschehen, diese Petition ebenfalls zu unterzeichnen. „Bis zur Buchmesse dürften wir die 100 000er Grenze kappen.“

Die Autoren-Gespräche und Lesungen

André Kubiczeck – mit Gerd Scobel über „Skizzen eines Sommers“ (Rowohlt Berlin)

André Kubiczeck, Shortlist-Autor von Skizzen eines Sommers (Rowohlt-Verlag),Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
André Kubiczeck, Shortlist-Autor von Skizzen eines Sommers (Rowohlt-Verlag),Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Augenzwinkernd an André Kubiczeck gerichtet,  „Es wäre immer so bescheuert, einen Autor zu fragen, wie autobiographisch sein Roman denn sei“, eröffnete Gert Scobel den Gesprächsreigen über das erste Buch des Abends:„Skizzen eines Sommers“ (Rowohlt Berlin). Worauf hin Shortlist-Autor Kubiczeck, der die Frage gar nicht so bescheuert fand, unumwunden einräumte: „Warum soll ich mir ein kompliziertes Setting ausdenken, wenn ich sozusagen mein Leben dafür nehmen kann, um das zu erzählen, was ich erzählen will“. Der Roman aus dem eigenen Nähkästchen der Pubertätsjahre Mitte der 80er in der ehemaligen DDR sei wie im Rausch innerhalb von nur vier Monaten entstanden. Verblüfft stellte Scobel fest, dass darin zwar auch Ossi-Jargon vorkäme, aber „diese in der Literatur immer wieder hochstilisierten Ost-West-Unterschiede“ seien „völlig unterschnitten“, kämen praktisch nicht vor, ob das „denn eine identische Pubertät in Ost und West“ gewesen sei: „Ja, wenn man die ‚richtige‘ Musik gehört hat im Jahr 1986“, dann habe man mehr Gemeinsamkeiten mit allen Gleichaltrigen in der Welt, als beispielsweise mit denen der „Modern Talkingfraktion“.

Gerd Scobel (3Sat-Moderator)  Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Gerd Scobel, (3Sat-Moderator) Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Im Grunde genommen sei das Buch eine riesige Playlist. „Sie haben einen Roman geschrieben, den man hören kann“, so Scobel. Selbst der Titel des Romans, so der 3Sat-Moderator, sei eigentlich ein Titelsong „Sketch for Summer“. „Ja, klar“, er habe eine riesengroße Plattensammlung „und eine Plattensammlung ist wie ein Tagebuch“, so der 1969 in Potsdam geborene und heute in Berlin lebende Autor.

André Kubiczeck versucht aber nicht, mit möglichst vielen Songs inhaltlich nachzulegen. In seinem Roman verhält es sich genau umgekehrt, da ein Doppel-Kassettenrekorder aus dem Westen, den ihm seine Oma „wohl zur Ablenkung von der Trauer über seine mit 14 Jahren sehr früh verlorene Mutter“ besorgt hatte, eine zentrale Rolle spielt, nicht nur für ihn ganz persönlich, auch für die Entwicklung seine Freundeskreises, „da alle bei ihm Musik hören kommen wollen“.

André Kubiczek: Skizze eines Sommers Gebundene Ausgabe: Rowohlt Berlin 2016, 384 Seiten, EUR 19,95. ISBN-13: 978-3871348112
André Kubiczek: Skizze eines Sommers
Gebundene Ausgabe: Rowohlt Berlin 2016, 384 Seiten, EUR 19,95. ISBN-13: 978-3871348112

Die Musik bleibt dabei lediglich Medium und zugleich eine Metapher des Leitmotivs seines Romans, nämlich die Suche nach dem perfekten Moment. Die sei sozusagen das Hauptmotiv eines großen Schriftstellers wie bei Proust, so Scobel, nämlich „diese verlorenen perfekten Momente in irgendeiner Form noch einmal wiederzubekommen“. „Ja, aus diesem Grund habe ich das Buch eigentlich geschrieben, die verdeckten Momente der eigenen Jugend nochmal aufleben zu lassen und zu bannen!“, so Kubiczeck „Was ihnen großartig gelungen ist“, lobte Gert Scobel.

 

Reinhard Kaiser-Mühlecker mit Sandra Kegel über „Fremde Seele, dunkler Wald“ (S. Fischer, Frankfurt)

Shortlist-Autor Reinhard Kaiser-Mühlecker im Gespräch mit FeuilSandra Kegel, FAZ-Redakteurin  im Feuilleton über das Buch „Fremde Seele, dunkler Wald“ (S. Fischer, Frankfurt)  Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Shortlist-Autor Reinhard Kaiser-Mühlecker im Gespräch mit FeuilSandra Kegel, FAZ-Redakteurin im Feuilleton über das Buch „Fremde Seele, dunkler Wald“ (S. Fischer, Frankfurt) Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Ein wenig zäh verlief das Gespräch zwischen Reinhard Kaiser-Mühlecker und Moderatorin Sandra Kegel (F.A.Z.) über seinen Roman „Fremde Seele, dunkler Wald“ (S. Fischer). Vielleicht lag es an zu tiefst bedrückenden  thematischen Alternativlosigkeit, die alle Energie zu absorbieren schien, wie eine Art melancholischer Nebel, durch den die Moderatorin mit noch so vielen Anläufen nicht wirklich zum Autor  durchzudringen vermochte.  „Das ist ihre Beobachtung und die muss ich zur Kenntnis nehmen“, war beispielsweise eine der Absagen Kaiser-Mühleckers auf einen erneuten Anlauf der Moderatorin, etwas mehr über Beweg- und Hintergründe zu erfragen. Dennoch konnte Sandra Kegel  ihrem Gesprächspartner zuletzt doch noch ein paar persönliche Bekenntnisse entlocken, etwa, dass er als Autor kein Makro-Planer sei, der eine Geschichte vorkonzeptioniere. Alles entstünde im Raum. Er wolle beim Schreiben Schritt für Schritt einen Raum erkunden, und zwar im eigenen Tempo.

Errettend aus dem schleppenden Gesprächsverlauf war schließlich die Leseprobe, die einmal mehr die hohe literarische Qualität des großartigen Autors bezeugte, und einen sofort mitnahm in die grauen, subtilen Stimmungen dieses düsteren, wie aus der Zeit gefallenen Familiendramas mit der hilflosen Stummheit seiner Protagonisten und ihren existentiellen Untiefen, und der Ausweglosigkeit einer beengten verlogenen Heimat-Idylle, die bis zum Schluss mit krimihafter Spannung aufgeladen bleibt.

Reinhard Kaiser-Mühlecker. Fremde Seele, dunkler Wald. Fischer Verlag, Frankfurt 2016, Gebundene Ausgabe: 304 Seiten, EUR 20,00 ISBN-13: 978-3100024282
Reinhard Kaiser-Mühlecker. Fremde Seele, dunkler Wald. Fischer Verlag, Frankfurt 2016,
Gebundene Ausgabe: 304 Seiten, EUR 20,00
ISBN-13: 978-3100024282

Worum geht es im Werk? Alexander kehrt von seinem Auslandseinsatz als Soldat internationaler Truppen in die Heimat zurück. Seine Unruhe treibt ihn bald wieder fort. Sein jüngerer Bruder Jakob führt unterdessen den elterlichen Hof. Als sich sein Freund aufhängt, wird Jakob die Schuldgefühle nicht mehr los. Der Vater fabuliert von phantastischen Geschäftsideen, während er heimlich Stück für Stück des Ackerlandes verkaufen muss. Mit großer poetischer Ruhe und Kraft erzählt Reinhard Kaiser-Mühlecker von den Menschen, die durch Verwandtschaft, Gerede, Mord und religiöse Sehnsüchte aneinander gebunden sind. Es ist die Geschichte zweier Brüder, die dieser Welt zu entkommen versuchen – eine zeitlose und berührende Geschichte von zwei Menschen, die nach Rettung suchen.

Philipp Winkler mit Alf Mentzer über „Hool“ (Aufbau, Berlin)

Shortlist-Autor Philipp Winkler im Gespräch mit hr-2-Kulturredakteuer Alf Mentzer  über sein Buch "Hool" (Rowohlt-Verlag9 Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Shortlist-Autor Philipp Winkler im Gespräch mit hr-2-Kulturredakteuer Alf Mentzer über sein Buch „Hool“ (Rowohlt-Verlag9 Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Das  vor der Pause letzte Autorengespräch mit Philipp Winkler (Hool, Aufbau) begann hr-2-Kulturredakteuer Alf Mentzer mit der Feststellung: „Nachdem ich im vergangenen Jahr mit Frank Witzel, der für den längsten Roman verantwortlich war, der jemals auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis stand, gesprochen habe, geht es in diesem Jahr um ein Buch mit den kürzesten jemals in einem Buchjahr shortgelisteten Titel“, nämlich um den der Roman „Hool“.

Ob man nun die Materie Gewalt mag oder nicht – literarisch handelt es sich um ein Meisterwerk. Auf Mentzers mehr rhethorisch gestellte Frage, ob er, der Autor dieses Werkes, denn auch so einer wäre, kam wie aus der Pistole geschossen ein schlichtes energisches: „Nein!“.

Alf Mentzer, hr-2-Kulturredakteuer. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Alf Mentzer, hr-2-Kulturredakteuer. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Ihn habe, so Winkler, diese Hooligan-Szene schon lange fasziniert. „Ich bin selber von Kindheit an Fußballfan gewesen, und egal in welchem Bereich: Ich interessiere mich vor allem für Extremsituationen, für Dunkelzonen, für Randgebiete“ und dazu gehöre natürlich auch der Hooliganismus. Besonders interessiert den Autor, „was Leute dazu treibt, diesem Hobby oder dieser Leidenschaft, oder wie man es immer nennen will, nachzugehen.“ Grundsätzlich müsse man zwischen zwei Hauptgruppen, den  Ultras und Hooligans, unterscheiden.

Shortlist-Autor Philipp Winkler in lässiger "Hool-Pose" Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Shortlist-Autor Philipp Winkler in lässiger „Hool-Pose“ Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Die Ultras seien die Gangs, die man als Fangruppen im Stadion sähe, die immer organisiert seien, die die Fan-Gesänge machten und die Doppel-Banner hochhielten. Mit Hooligans hingegen, um die es in seinem Buch ginge, bezeichnete man in Deutschland Leute, „die sich außerhalb dieses ganzen Stadion- und Fußball-Kontextes zum Beispiel auf dem Acker, ob auf einem Feld oder in einem entlegenen Industriegebiet, verabredet träfen, um sich gegenseitig auf die Schnauze zu hauen.“

 

Philipp Winkler Hool. Aufbau Verlag, Berlin 2016,  310 Seiten, EUR 19,95 ISBN-13: 978-3351036454
Philipp Winkler Hool. Aufbau Verlag, Berlin 2016,
310 Seiten, EUR 19,95
ISBN-13: 978-3351036454

Interessant sei auch das sehr an Traditionen orientierte Weltbild der Szene im Gegensatz zu anderen Jugendbewegungen, die sich gegenüber Erwachsenen abgrenzten. Tradition spiele eine sehr große Rolle. Hools seien das Gegenteil von Jugendkultur, eher mit einem Rasse-Geflügel-Zuchtverein vergleichbar, der unter Nachwuchsproblemen leide und durch die voranschreitende Überalterung zum Aussterben verurteilt sei. So alterspyramidenorientiert kommt Winklers Werk „Hools“ allerdings nicht daher. Es geht häufig heftig zur Sache, Fäuste fliegen, Nasen bluten oder werden gebrochen, und es herrscht mitunter eine archaische Stimmung, des Rechts des Stärkeren,  wobei es der Autor stets hervorragend versteht, Szenen spannend und wirklichkeitsgetreu, schnörkellos und detailliert zu erzählen, und durch das mitunter richtige „Weglassen“ einen Sog äußerster Spannung erzeugt. „Es ist ein Sog, den man sich kaum entziehen kann, und ich kann Ihnen nur raten, sich diesem Sog auszusetzen, diesen Roman zu lesen, „Hool, von Philipp Winkler!“, verabschiedete  Mentzer den Autor und die Gäste in die Pause.

Nachtrag: Am 7.Oktober 2016 gab das ZDF bekannt, dass Philipp Winkler den ZDF-„aspekte“-Literaturpreis erhält. Die Verleihung findet am 20.Oktober 2016 auf der diesjährigen Buchmesse statt.

 

In der Pause, bei guten Gesprächen und einem Glas Wein, konnten die am Bücherstand erworbenen Werke signiert werden. Das Bild zeigt Reinhard Kaiser-Mühlecker beim Eintrag in sein Werk "Fremde Seele, dunkler Wald" (S.Fischer, Frankfurt).
In der Pause, bei guten Gesprächen und einem Glas Wein, konnten die am Bücherstand erworbenen Werke signiert werden. Das Bild zeigt Reinhard Kaiser-Mühlecker beim Eintrag in sein Werk „Fremde Seele, dunkler Wald“ (S.Fischer, Frankfurt).

 

Eva Schmidt mit Gert Scobel über „Ein Langes Jahr“ (Jung und Jung, Salzburg)

Shortlist-Autorin Eva Schmidt im Gespräch mit Gert Scobel über ihr Werk "Ein Langes Jahr" (Jung und Jung, Salzburg) Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Shortlist-Autorin Eva Schmidt im Gespräch mit Gert Scobel über ihr Werk „Ein Langes Jahr“ (Jung und Jung, Salzburg) Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Auf Gert Scobels Frage, weswegen ihr Werk „Ein Langes Jahr“ die erste Buchpublikation nach 19 Jahren ihres letzten Werkes sei, bekannte die in Bregenz lebende Autorin Eva Schmidt, dass ihr das Schreiben schwer falle, dass schreiben für sie ein sehr erschöpfender Prozess sei, der sie verausgabe. „Irgendwann waren wir eine Familie mit vielen Kindern. Es war wie eine Flucht vom Schreibtisch in die Wirklichkeit“. Es sei vor allem einem befreundeten Agenten zu verdanken, der „mich in den vergangenen 20 Jahren immer ein bisschen ermuntert hat“, wodurch dieses  Buch „Ein Langes Jahr“ letztlich entstehen konnte. Ich hatte tatsächlich mal eine Geschichte fertig, eine Geschichte aus diesem Werk, „und dann hat er gesagt: ‚wie geht es weiter?‘“, und dann habe sie weitergeschrieben bis schließlich ein ganzes Buch daraus wurde.

Es handelt sich nicht um einen Roman im klassischen Sinne, eher um ein Romanmosaik, nämlich um eine Sammlung von 38 verschieden langen Kurz-Geschichten aus wechselseitigen Perspektiven erzählt, die parallel innerhalb eines Jahres in einer fiktiven Stadt geschehen. Es geht um Kinder, Alte, alleinerziehende Frauen und einen Obdachlosen. Beziehungen zwischen diesen Protagonisten kommen gar nicht und später nur sehr zart zustande. Engere Bezüge gibt es eigentlich immer nur zwischen „Mensch und Hund“. Doch auch das treue Haustier kann die Lücken von Einsamkeit und Vereinzelung nicht schließen, allenfalls unzureichend lindern. Dieses ungleiche Seelenverhältnis zwischen Mensch und Hund als Krücke zur Erleichterung der Einsamkeit ist ein alle Episoden verbindendes Element.

Eva Schmidt. Ein langes Jahr. Jung u. Jung, Salzburg 2016 212 Seiten, EUR 20,00 ISBN-13: 978-3990270806
Eva Schmidt. Ein langes Jahr. Jung u. Jung, Salzburg 2016
212 Seiten, EUR 20,00
ISBN-13: 978-3990270806

Wie der Klappentext beschreibt, lebt „Benjamin  mit seiner Mutter allein, die Wohnung in der Siedlung am See ist klein, den Hund, den er gerne hätte, kriegt er nicht. Als er Joachim davon erzählt, will der sich einen schenken lassen, am besten zwei, aber Benjamin findet, Hunde sind fast wie Menschen und kein Geschenk. Eines Tages begegnet Benjamin Herrn Agostini, einem alten Mann aus der Nachbarschaft, auch er wollte sein Leben lang einen Hund. Früher als er ist seine Frau nach einem Sturz ins Pflegeheim umgezogen, jetzt hat er endlich einen, Hemingway heißt er. Aber Herr Agostini ist nicht mehr gut auf den Beinen, er weiß nicht, was aus »Hem« werden soll. Ähnlich wie Karin, die gerne wüsste, wer sich um ihren Hund kümmert, wenn ihr was zustößt, wie sie sagt. Karin ist krank, sie hat Schmerzen, niemand weiß davon. Im Baumarkt kauft sie eine Leiter, vom Nachbarn borgt sie eine Bohrmaschine …  „

Thomas Melle mit Sandra Kegel über „Die Welt im Rücken“ (Rowohlt, Berlin)

Shortlist-Autor Thomas Meller im Gespräch mit Sandra Kegel, FAZ-Redakteurin  im Feuilleton, über "Die Welt im Rücken" (Rowohlt, Berlin) Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Shortlist-Autor Thomas Melle im Gespräch mit Sandra Kegel, FAZ-Redakteurin im Feuilleton, über „Die Welt im Rücken“ (Rowohlt, Berlin) Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Publikumsliebling Thomas Melle stellte als letzter Gesprächspartner des Abends seinen Shortlist-Titel „Die Welt im Rücken“ (Rowohlt, Berlin) vor. Melle ist Literaturwissenschaftler, Philosoph und Autor viel gespielter Theaterstücke. Melle übersetzte u.a. William T. Vollmanns Roman „Huren für Gloria“. Sein Debütroman „Sickster“ (2011) war für den Buchpreis nominiert und wurde mit dem Franz-Hessel-Preis ausgezeichnet. Es wäre  „fast eine Mogelpackung gewesen, sein Werk ‚Die Welt im Rücken‘ Roman zu nennen“, antwortet er  Sandra Kegel auf ihre Frage nach der Genre-Einordnung seines Werkes. Aus bibliographisch-organisatorischen Gründen hatte ihn der Rowohlt-Verlag der Rubrik Belletristik zugeordnet, da sein aktueller Titel eben auch kein typisches Sachbuch ist. Vielmehr handelt es sich bei Melles genialem Werk „Die Welt im Rücken“ um eine hammerharte, schonungslos ehrliche,  fiktional aufgeladene Geschichte seiner bipolaren Störungen mit abgrundtiefen, länger anhaltenden Absturzphasen im Wechsel  mit euphorischen „Was-kostet-die-Welt“-Episoden. Sandra Kegel brachte es auf den Punkt, als sie bemerkte: „Sie schreiben, als würden Sie um  ihr  Leben schreiben“. „Ja, natürlich, das habe ich  auch!“, so Melle, der sich mitunter am liebsten ganz verkriechen und keinerlei Interview geben würde. Aber er wolle jetzt doch ein wenig zur Aufklärung über seine Krankheit beitragen, unter  der mehr Menschen litten, als bekannt wäre, so Melle. Deswegen habe er sich entschieden, nunmehr doch persönlich mit seinem Gesicht und Namen an die Öffentlichkeit zu gehen.

Denn über die bipolare Störung würde hinweg geschwiegen wie über die meisten psychischen Erkrankungen. Im Englischen gäbe es die bekannte Wendung «the Elephant in the Room», eine Metapher für ein offensichtliches Problem, das ignoriert würde, so Melle. Da stehe also ein Elefant im Zimmer, nicht zu übersehen, und dennoch redete keiner über ihn. Vielleicht sei der Elefant peinlich, vielleicht sei seine Präsenz allzu offensichtlich, vielleicht denke man, der Elefant werde schon wieder gehen, obwohl er die Leute fast gegen die Zimmerwände drückte. „Meine Krankheit ist ein solcher Elefant“, so Melle.

Sandra Kegel, FAZ-Redakteurin  im Feuilleton.  Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Sandra Kegel, FAZ-Redakteurin im Feuilleton. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Bei dieser Krankheit, die in Schüben verlaufe, zerfalle das Ich in verschiedene Phasen, in die eines Manikers, die des Depressiven und in die, in der ich jetzt bin. Wenn Sie manisch-depressiv sind, hat Ihr Leben keine Kontinuität mehr. Was zuvor als einigermaßen durchgängige Geschichte erzählt oder erlebt wurde, zerfällt rückblickend zu unverbundenen Flächen und Fragmenten.“, so Melle. Seine Krankheit habe ihm die Heimat genommen, jetzt sei seine Krankheit seine Heimat.

Thomas Melle. Die Welt im Rücken. Rowohlt-Verlag, Berlin 2016, 352 Seiten, EUR 19,95 ISBN-13: 978-3871341700
Thomas Melle. Die Welt im Rücken. Rowohlt-Verlag, Berlin 2016, 352 Seiten, EUR 19,95
ISBN-13: 978-3871341700

Aber jetzt gehe es ihm seit zwei Jahren besser, und nicht alles sei Krankheit. Sein größter Trost sei, dass nach Erfahrung der Medizin zwischenzeitlich immer die vollkommene Genesung möglich, ja sogar die Regel sei, wenngleich man nicht wisse für wie lange, ob für Monate oder Jahre. Der Wahnsinn bestehe also fast immer nur vorübergehend und endete höchst selten in ewiger Umnachtung oder Demenz, so Melle. Wer mehr aus der Binnenperspektive eines Genies mitunter am Rande des Wahnsinns  über verglühende Nächte, Tage und Wochen erfahren möchte, sollte unbedingt  „Die Welt im Rücken“ von Thomas Melle lesen.

Diether v. Goddenthow (Rhein-Main.Eurokunst)

Weitere Informationen zum Deutschen Buchpreis 2016 hier!
Literaturhaus Frankfurt am Main e.V.
Schöne Aussicht 2
60311 Frankfurt am Main

Buchvorstellung „Das geht ins Auge“ im Caricatura Museum Frankfurt am 29.9.16

platthaus_das-geht-ins-augeAndreas Platthaus stellt am 29. September 2016 um 19.30 Uhr sein neues Buch „Das geht ins Auge. Geschichten der Karikatur“ im Caricatura Museum Frankfurt vor. Der Eintritt ist frei.

In diesem Buch führt Platthaus anhand von rund 50 Zeichnungen aus zweitausend Jahren seine Leser in die Gesamtgeschichte der Gattung Karikatur als ästhetische und politische Kunstform ein. Das Recht auf die Karikatur als Grundprinzip unserer Kultur, als Gradmesser für Toleranz und Aufgeklärtheit wird ebenso thematisiert wie das tödliche Terrain auf das sich Karikaturisten vor dem Hintergrund von Glaubensfragen begeben. Im Kampf zwischen religiöser Überzeugung und aufklärerischer Überzeichnung werden in der Karikatur permanent die Grenzen des Tolerierbaren ausgelotet.

In Einzelanalysen legt Platthaus den Schwerpunkt auf die europäischen Künstler aus Großbritannien, Frankreich und Deutschland, wirft dabei aber auch Seitenblicke auf Indien oder Japan. Der Leser macht in seinen lebendigen Essays auf neue Art Bekanntschaft mit Hogarth, Daumier, Sempé, Bosc, Tomi Ungerer, Art Spiegelmann und vielen anderen. Auch die umstrittenen Mohammed-Karikaturen von Kurt Westergaard, die Zeichnungen aus „Charlie Hebdo“ und die von Claire Bretécher werden besprochen. Zu den ausgewählten deutschen Künstlern zählen zudem u.a. Lyonel Feininger, Thomas Theodor Heine, Karl Arnold, Loriot und F. K. Waechter, Greser und Lenz, Marie Marcks und Franziska Becker.

Andreas Platthaus
Andreas Platthaus wurde 1966 in Aachen geboren und ist als Journalist, Autor und Herausgeber
tätig. Seit 1997 ist er Feuilletonredakteur der F.A.Z, seit Februar 2016 Chef des Ressorts
Literatur und literarisches Leben.

Beginn: 19.30 Uhr Eintritt frei „Das geht ins Auge. Geschichten der Karikatur“ von Andreas Platthaus erscheint im September 2016 in „Die Andere Bibliothek“

Caricatura Museum Frankfurt
Museum für Komische Kunst
Weckmarkt 17|60311 Frankfurt am Main
Tel +49(0)69-212 30161|
Fax +49(0)69-212-977 337 5

www.caricatura-museum.de
www.facebook.com/caricaturamuseum
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Villa Clementine: Mirna Funk liest aus „Winternähe“ am 7. Oktober in Villa Clementine Wiesbaden

winternähe-mira-funkDie Journalistin und Schriftstellerin Mirna Funk ist am Mittwoch, 7. Oktober, um 19.30 Uhr im Literaturhaus Villa Clementine, Frankfurter Straße 1, zu Gast, um ihren vielbeachteten Debut-Roman „Winternähe“ vorzustellen. Hierfür wurde sie mit dem Uwe Johnson Förderpreis ausgezeichnet und ist darüber hinaus für den Klaus-Michael Kühne Preis nominiert. Moderiert wird der Abend von Eldad Stobezki im Rahmen der Reihe „Tarbut – Zeit für jüdische Kultur“.

Im Zentrum der Geschichte steht die Fotografin Lola, die – wie die Autorin selbst Tochter eines jüdischen Vaters und einer nicht-jüdischen Mutter – zwischen Identitätszuschreibungen von außen und innerer Selbstfindung steht. Sie ist und sieht sich als Jüdin und Deutsche, doch begegnet sie im Berlin der Gegenwart zunehmendem Antisemitismus, bis sie es nicht mehr erträgt. In ihrer Auseinandersetzung mit Identitäten und der lebendigen Geschichte agiert sie mit Wut und begibt sich auf eine Reise ins Tel Aviv des letzten Gaza-Krieges hin zu ihrem Geliebten Shlomo, einem Israeli, der auf palästinensischen Beerdigungen ehrliche Tränen vergießt.

Mirna Funk erzählt in einem konfrontativen und zugleich ironischen Ton. Dieser setzt unmittelbar mit der ersten Szene ein – einer Gerichtsszene, in der sich Lola provokativ einen Hitlerbart ins Gesicht zeichnet, nachdem eines ihrer Plakate auf einer Firmenfeier mit einem eben solchen Bart verunziert und im Anschluss im Internet geteilt wurde. Mit dieser absolut entblößenden Haltung behandelt Funk Themen, wie Antisemitismus oder deutsch-jüdische Identitätsfragen ebenso wie den Vater-Tochter-Konflikt oder die Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit. „Mir ging es darum, einen Roman zu schreiben, in dem die Protagonisten stellvertretend für gesellschaftliche Phänomene stehen“, erläuterte Funk in einem Interview. Der Roman bezieht starke Positionen, ohne einseitig zu sein.

Mirna Funk, 1981 in Ost-Berlin geboren, studierte Philosophie und Geschichte an der Humboldt-Universität und arbeitet als freie Journalistin unter anderem für das „ZEITmagazin“ und „Der Freitag“. Momentan lebt die 34 Jährige in Berlin und Tel Aviv.

Der Eintritt kostet acht, ermäßigt sieben Euro. Reservierungen werden unter (0611) 3415837 oder literaturhaus kartenreservierung@freenet.de erbeten. Weitere Infos gibt es unter www.wiesbaden.de/literaturhaus.

Clemens Meyer wird 2016 Mainzer Stadtschreiber

Neuer Mainzer Stadtschreiber gewählt: Clemens Meyer
wird 32. Träger des Literaturpreises von ZDF, 3sat und
der Stadt Mainz

Clemens Meyer Foto: Gaby Gerster
Clemens Meyer Foto: Gaby Gerster

Meyer folgt Feridun Zaimoglu / Amtseinführung im Februar 2016 Clemens Meyer wird der Mainzer Stadtschreiber des Jahres 2016. Meyer, 1977 in Halle an der Saale geboren und wohnhaft in Leipzig, ist der 32. Träger des renommierten Literaturpreises. Zum ersten Mal wurde der Mainzer Stadtschreiber-Preis 1985 an die Schriftstellerin Gabriele Wohmann verliehen. Clemens Meyer wird, wie sein Vorgänger Feridun Zaimoglu, gemeinsam mit dem ZDF eine Dokumentation nach freier Themenwahl produzieren und die Stadtschreiberwohnung im Mainzer Gutenberg-Museum beziehen. Die Verleihung des mit 12 500 Euro dotierten Preises ist für Februar 2016 geplant. Oberbürgermeister Michael Ebling zur Wahl der Jury: „Clemens Meyer verkörpert den im Osten zur Wendezeit aufgewachsenen Autoren, der sich oftmals weit abseits der herkömmlichen Genese eines Schriftstellers bewegte – er atmet den talentierten Autor, der abseits piefiger Konventionen sehr eigene Wege beschritten hat – und diese ausdrucksstark, wortgewaltig und gegen viele Widrigkeiten mit großem Erfolg in die deutsche Gegenwartsliteratur hineingepflanzt hat. Meyer wandelt als Typ wie als Literat nicht selten auf unbekannteren Pfaden – gerade dies macht ihn umso interessanter, zumal ihm im Leben wenig auf dem polierten Silbertablett angereicht wurde: ein Schriftsteller abseits gängiger Konventionen mit ganz eigenen Neigungen und Blickwinkeln. Dies passt in unsere junge, umtriebige Stadt – Clemens Meyer wird in Mainz zahlreiche Andockpunkte finden, welche Aufenthalte für ihn lohnend und inspirierend machen. Wir freuen uns, dass er zum Stadtschreiber 2016 avanciert!“

Clemens Meyer kennt sich aus in den abseitige Gefilden unserer Gesellschaft. Als „Meister des Ungeschönten“ bezeichnete ihn die „Neue Zürcher Zeitung“. Präzise und einfühlsam erzählt Meyer von prekären Existenzen, Freundschaften am Abgrund, von Bier, Gewalt und Boxen, zart und traurig, kämpferisch und berührend, so die Jury. Zugleich ist Meyer ein luzider Kenner der Literatur, ein souveräner Stilist. Mit seinem Debütroman „Als wir träumten“ gelang ihm 2006 ein sensationeller Überraschungserfolg, der auch als Theaterstück und als Verfilmung Eindruck machte. Meyer, 1977 in Halle an der Saale geboren und im Arbeiterviertel Leipzig-Ost aufgewachsen, wollte schon als Kind Schriftsteller werden. Die Zeit der Wende um 1989 erlebte er als „Tanz auf den Trümmern“. Meyer studierte von 1998 bis 2003 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig – unterbrochen von einem Gefängnisaufenthalt. Sein Studium finanzierte er mit Stipendien und mit der Arbeit als Möbelpacker, Gabelstaplerfahrer und Wachmann. 2006 erschien sein erster Roman, mit autobiografischen Bezügen: „Als wir träumten“.

Die nacht-die lichterHier beschreibt er ein wildes Leben zwischen Techno-Partys, Drogen, Bier und Tätowierungen. 2015 wurde der Debütroman von Regisseur Andreas Dresen verfilmt. 2008 erschien der Kurzgeschichtenband „Die Nacht, die Lichter“, für den er den Preis Pressemitteilungen Stadt Mainz Seite 3 24.09.2015 der Leipziger Buchmesse erhielt. Neben seiner Arbeit als Schriftsteller war Meyer als Gastdozent am Leipziger Literaturinstitut tätig.

GewaltenSein drittes Buch „Gewalten. Ein Tagebuch“ (2010) versammelt Erzählungen, die in chronologischer Reihenfolge das Jahr 2009 abbilden. Zocker, Loser, Barbesucher, Amokläufer und Menschen in der Psychiatrie lässt Meyer hier zu Wort kommen. 2013 kam sein Roman „In Stein“ heraus, der sich mit Sexarbeit, Zwangsprostitution und den wirtschaftlichen Verwicklungen und Skandalen der Leipziger Realität der 1990er Jahre beschäftigt. 2015 hatte Meyer die vielbeachtete Poetik-Dozentur an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main inne, die den Titel „Der Untergang der Äktschn GmbH“ trug.

Clemens Meyer, der in Leipzig lebt, sich ebenso mit Theater wie mit der Bildenden Kunst beschäftigt, ist stolz auf seinen tätowierten Körper, liebt den Galoppsport ebenso wie Fußball. Er ist mit zahlreichen Preisen geehrt worden.

Meyer wird – wie seine Vorgänger Feridun Zaimoglu, Judith Schalansky und Peter Stamm – gemeinsam mit dem ZDF eine Dokumentation nach freier Themenwahl produzieren und die komplett sanierte – Stadtschreiberwohnung im Mainzer GutenbergMuseum beziehen. Die Verleihung des mit 12.500 Euro dotierten Preises findet voraussichtlich im Februar 2016 statt.

Bisherige Auszeichnungen für Clemens Meyer (u.a.)
2001 MDR-Literaturpreis
2002 Literaturstipendium Sächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst
2006 Rheingau Literatur Preis
2007 Förderpreis zum Lessing-Preis des Freistaates Sachsen, Clemens-Brentano-Preis Märkisches Stipendium für Literatur
2008 Preis der Leipziger Buchmesse
2013 Finalist „Shortlist“ Deutscher Buchpreis mit Im Stein
2014 Bremer Literaturpreis
2015 Deutscher Drehbuchpreis für In den Gängen, zusammen mit Thomas Stuber

Feridun Zaimoglu liest aus seinem Roman „Siebentürmeviertel“ am 23. 09.15 im Literaturhaus Villa Clementine Wiesbaden

Buchcover der gebundenen Ausgabe: 800 Seiten, 24,95 Euro, Kindle-Book 21,99 Euro. Verlag: Kiepenheuer&Witsch. Köln,   ISBN-10: 3462047647 ISBN-13: 978-3462047646
Buchcover der gebundenen Ausgabe: 800 Seiten, 24,95 Euro, Kindle-Book 21,99 Euro. Verlag: Kiepenheuer&Witsch. Köln,
ISBN-10: 3462047647
ISBN-13: 978-3462047646

In „Siebentürmeviertel“ führt Feridun Zaimoglu seine Leser ins Istanbul der 40er-Jahre und erzählt von einem Jungen, dem die Fremde zur Heimat wird. Am Mittwoch, 23. September, um 19.30 Uhr ist er im Rahmen einer Lesung mit dem Roman im Literaturhaus Villa Clementine, Frankfurter Straße 1, zu Gast. Hubert Winkels vom Deutschlandfunk moderiert den Abend.

Nach „Leyla“, dem Bestseller über den Weg einer jungen Türkin von Anatolien ins Deutschland der 60er-Jahre, wendet sich Zaimoglu wieder der Türkei zu und greift dabei das Thema deutsche Emigration auf. Der Autor ist mit dem Roman bereits für den deutschen Buchpreis und den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis nominiert.

In „Siebentürmeviertel“ begibt sich Zaimoglu auf die Spuren deutscher Flüchtlinge, die während des Zweiten Weltkriegs in der Türkei Zuflucht gesucht haben. Darunter ist auch der junge Wolf, dessen Vater als Sozialdemokrat Deutschland verlassen musste und von seinem türkischen Freund Abdullah Bey und dessen Frau aufgenommen wird. Wolfs Mutter ist schon vor einiger Zeit verstorben und als sein Vater wegen der Arbeit Istanbul verlassen muss, wird Wolf zum Ziehsohn von Abdullah und seiner Frau. Er lernt, sich zu behaupten im Siebentürmeviertel, einem Armenbezirk, in dem verschiedene Nationalitäten nebeneinanderleben und der dadurch zwar reich an Konflikten, aber auch faszinierend vielfältig ist. Zaimoglus eigener Vater ist in diesem Viertel in den 30er-Jahren aufgewachsen und Zaimoglu hat den Bezirk in einer hochpoetischen Sprache und mit starken Bildern zum Schauplatz einer Geschichte über Verrat, aber auch Freundschaft und Loyalität gemacht.

© Literaturhaus Wiesbaden
© Literaturhaus Wiesbaden

Feridun Zaimoglu, geboren 1964 im anatolischen Bolu, lebt seit etwa 45 Jahren in Deutschland. Er studierte Kunst und Humanmedizin in Kiel, wo er seither als Schriftsteller, Drehbuchautor und Journalist arbeitet. Für sein Werk wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. 2007 war er Gastgeber der „Wiesbadener Literaturtage“ und in diesem Jahr ist er Stadtschreiber in Mainz.

 

Der Eintritt zur Lesung kostet 8, ermäßigt 7 Euro.
Kartenreservierungen werden unter der Telefonnummer 0611 3415837 oder per E-Mail an literaturhaus-kartenreservierung@freenet.de entgegengenommen. Weitere Infos gibt es auch unter http://www.wiesbaden.de/literaturhaus.

Was ist Liebe? Friedensbuchpreisträger Navid Kermani las auf den 19. Wiesbadener Literaturtagen

Literaturtage-Gastgeber Christian Brückner (m.) begrüsste Friedenspreisträger Navid Kermani (l) und den Moderator des Abends FAZ-Redakteuer Hubert Spiegel im Veranstaltungsraum des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst anläßlich der 19. Wiesbadener Literaturtage.© massow-picture
Literaturtage-Gastgeber Christian Brückner (m.) begrüsste Friedenspreisträger Navid Kermani (l) und den Moderator des Abends FAZ-Redakteur Hubert Spiegel im Veranstaltungsraum des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst anläßlich der 19. Wiesbadener Literaturtage.© massow-picture

„Was ist Liebe?“ fragte der neue Friedens-Preisträger des Deutschen Buchhandels Navid Kermani seine gut 250 Zuhörer im Veranstaltungsraum des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst gestern Abend, 19. Juni 2015, auf seiner Lesung anlässlich der 19. Wiesbadener Literaturtage, um sogleich eine Antwort selbst zu geben: Die Frage mutete seltsam an, „obwohl – nein, nicht obwohl – gerade weil sie zu jenen wenigen Fragen gehört, vielleicht sogar wie sonst nur die Frage nach dem Tod, die jeden Menschen ungeachtet seiner Herkunft oder seines Glaubens, seiner Eigenschaften und Neigungen schon einmal persönlich beschäftigt hat oder fortwährend beschäftigt: Was ist Liebe? Es ist eine Frage, die notwendig das Private berührt, insofern jeder,
der sie ernsthaft zu beantworten sucht, von seinen individuellen und also je spezifischen Erfahrungen bewegt ist. Das ist dann doch anders als bei der Frage nach dem Tod, deren Antworten in der Regel absolut erfahrungslos sind oder jedenfalls in den monotheistischen Traditionen für erfahrungslos gehalten werden. Liebe ist maximal empirisch. Das Sonderbare ist nur: Je mehr wir – nein, schon hier verbietet sich die Verallgemeinerung – je mehr ich erfahre, desto weniger weiß ich. Je länger, tiefer, glücklicher oder schmerzhafter ich sie empfinde, über sie nachdenke, sie in meiner Umgebung beobachte, desto schwerer fällt es mir, die Frage zu beantworten: Was ist Liebe?“

Literaturtage-Gastgeber Christian Brückner (m.) begrüsste Friedenspreisträger Navid Kermani (l) und den Moderator des Abends FAZ-Redakteuer Hubert Spiegel im Veranstaltungsraum des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst anläßlich der 19. Wiesbadener Literaturtage.© massow-picture
Friedensbuchpreis-Träger Navid Kermani. „In allen göttlichen Eigenschaften gibt es Barmherzigkeit, nur nicht in der Liebe!“. © massow-picture

Nein, dieser Text entstammt nicht seinem, im Programm der Literaturtage angekündigten Roman „Große Liebe“. Anlässlich des Friedenspreises, der Kermani zum Abschluss der Buchmesse im Oktober in der Frankfurter Pauls-Kirche verliehen wird, hatte sein langjähriger Freund und Lektor, der FAZ-Redakteur Hubert Spiegel vorgeschlagen, zunächst einen Text aus dem Werk seiner west-östlichen literarischen Erkundungen „Zwischen Koran und Kafka“, zu lesen. Was jedoch mit dem gewählten Kapitel daraus „Schmutz meiner Seele. Kleist und die Liebe“ wiederum schnurstracks zur „Liebe“ führte, so poetisch hinterfragt und beschrieben, wie selten ein Autor, obgleich jedoch die grundlegenden Gedanken von den Klassikern zitiert, komprimiert und aus orientalisch-mystischem Erfahrungsschatz erweitert.

9_Kafka_Koran„Denn“, so der Friedenspreisträger Kermani weiter, „die Antworten der Dichter, so begeistert ich sie als junger Mensch las, befriedigten mich mit den Jahren immer weniger, schlimmer noch: führten mich in die Irre, soweit ich das als Irregeführter zu beurteilen vermag. Die Dichter – nun doch eine Verallgemeinerung, zu allem Überfluß eine, die literaturhistorisch grotesk ist, jedoch in der Not gerade des jungen, des beginnenden Lesers sich unvermeidlich einstellte – die Dichter besangen die Liebe als eine Verheißung. Sie sprachen vom Leiden, ja, beschrieben das Beißen ihrer Sehnsucht, das Brennen ihrer Eifersucht, die Prügel ihrer Enttäuschung. Und doch schien die Liebe über alle Abgründe der Verzweiflung, des Verlassenseins, des unstillbaren Verlangens das herrlichste, das höchststehende aller menschlichen Gefühle zu sein. Des Menschen Glück – noch so ein Wort, das man auf Anhieb zu begreifen glaubt und eben deshalb zwischen den Fingern zerrinnt: Glück – des Menschen Glück schien untrennbar von ihr abzuhängen, genauer: schien mit der Liebe zu korrelieren, deren Erfüllung den Liebenden als Beschwingtheit, als Schweben, als Schwerelosigkeit erhebt und ihn damit geradezu physisch spürbar dem Himmel nähert, während die Liebesnot seine 2 Beine buchstäblich so schwermacht, daß er sich durch den Alltag allenfalls noch schleppt, wenn er nicht gleich im Bett bleibt, niedergedrückt auf die Erde.“

„Im nachhinein habe ich den Eindruck“, sagte Navid Kermani, „daß viele Dichter gar nicht von der Liebe sprachen, sondern von der Verliebtheit, deren Symptome so viel leichter zu benennen sind – nachweislich waren es schon vor fünftausend Jahren dasselbe Leeregefühl im Magen, der beschleunigte Pulsschlag, das rasante Auf und Ab der Stimmung, und auch in Zukunft werden es dieselben Torheiten sein, zu denen sich der Liebende hinreißen läßt, die Schwüre, die sämtlich für die Ewigkeit gegeben werden, um häufig doch nur ein paar Wochen zu halten. Wohl deshalb sprachen die Dichter zu mir, der ich auch erst die Verliebtheit kennengelernt hatte. Überhaupt hat die Literatur einen durchaus beträchtlichen Anteil daran, daß sich eine Vorstellung von immerwährender Bezauberung herausgebildet hat, die in der engen Bezogenheit zweier Menschen in der bürgerlichen Kleinfamilie beinah zwangsläufig überfordert und eben irreführt. Die meisten Ehen – auch das gehört zu den Beobachtungen, die mich verwirren – die meisten Ehen scheinen keineswegs an einem Zuwenig an Liebe zu scheitern, sondern einem Zuviel an Erwartungen.“

„Daß die Liebe selbst ein Abgrund sein kann und gerade ihr Übermaß zerstört, das fand ich in der Literatur nirgends“, sagte Navid Kermani, weswegen er diese Lücke literarisch schließen wollte. „Allerdings“, räumte der Orientalist ein „gehörte Heinrich von Kleist nicht zu den Dichtern, die ich als junger Mensch las; oder wenn ich ihn las, dann konnte ich ihn noch nicht auf das eigene Erleben beziehen. Heute glaube ich, daß in deutscher Sprache niemand das Wesen der Liebe tiefer, umfassender, auch illusionsärmer bezeichnet hat als jener Dichter, der mit dem 3 „Ach!“ der Alkmene den berühmtesten Ausdruck für die totale Verwirrtheit der Liebenden geschaffen hat.“ Und so entstand unter anderem auch sein Essay „Schmutz meiner Seele. Kleist und die Liebe“, zu finden in Zwischen Koran und Kafka, 2. Aufl. Beck-Verlag, München 2015.

navid-kermani-liebeEine wunderbare Überleitung zu Kermanis Werk „Große Liebe“, Hanser-Verlag, München 2014, welches vor allem nicht nur über die – eigentlich hoffnungslose – große Lebens-Liebe eines 15jährigen pubertierenden Friedensaktivisten Anfang der 80er Jahre zu einer 19jährigen Studentin handelt, sondern in 100  Kapiteln etliche Facetten von Liebe – mitunter  aus dem Blickwinkel orientalischer gewitzter Weisheit – erscheinen lässt.

Aus Kapitel 1:

Ein König reist durchs Land, in seinem Gefolge Minister, Generale, Soldaten, Beamte, Diener und die Damen seines Harems. Am Wegrand sieht er einen alten, zerlumpten Mann kauern, einen Narren vielleicht. ≫Na, du wurdest wohl auch gern ich sein≪, ruft der Konig spottisch von seinem Elefanten herab. ≫Nein≪, antwortet der Alte, ≫ich mochte nicht ich sein.≪

Aus Kapitel 3

Weshalb denke ich seit vorgestern an den Fünfzehnjahrigen, nein, weshalb schrieb ich gestern über ihn, denn gedacht habe ich seiner oft, vielleicht sogar täglich, seit ich vor dreißig Jahren der Junge war, der die Pausen in der Raucherecke verbrachte, obwohl er weder rauchte noch einen der älteren Schüler kannte, verzagt, sehnsüchtig und mit einem Herzen, das so laut schlug, das er an manchen Tagen erschrocken seine rechte Hand auf die Brust legte? Als ich vorgestern bei dem persischen Dichter Attar die Anekdote von dem Alten las, der nicht ich sein mochte, überfiel mich der Gedanke, das eben darin, in dem Wunsch, sich loszuwerden, meine erste, niemals grössere Liebe gegründet sei.  Später nämlich, später, wenn man sich gefunden zu haben meint, will man sich doch oder wollte jedenfalls ich mich behalten, bestand ich auf mir und erst recht in der Liebe. Der Leser wird einwenden, ein unbedarfter Junge sei nicht mit einem heiligen Narren zu vergleichen, der Ichverlust, den er als Pubertierender womöglich anstrebe – einmal beiseite gelassen, dass man die Pubertät gewöhnlich gerade im Gegenteil als eine Ichsuche beschreibt –, der Ichverlust grundsätzlich anderen Gehalts als auf dem mystischen Weg, gänzlich banal. In der Hoffnung habe ich gestern zu schreiben begonnen, das ich den Leser widerlege.

Der Leser darf sich den Jungen nicht eigentlich befangen, verwirrt, schwachmutig vorstellen. In seiner eigenen Klasse bewegte er sich mit breiter Brust, galt manchen Mitschülern als überheblich, den Lehrern als aufmüpfig, das Wort der Eltern missachtete er oft. Auch war er nicht ganz ohne Erfahrung, zog mit seinen langen dunklen Locken durchaus die Blicke auf sich. Mit gleichaltrigen Mädchen war er schon mehrmals ≫gegangen ≪, wie es noch hieß. Das er mit keiner geschlafen hatte, war für das Alter nicht ungewöhnlich, beunruhigte ihn jedenfalls kaum. Sosehr ihn das Geheimnis beschäftigte, das die Vereinigung zweier Körper ihm war, ahnte er zugleich dessen Bedeutung im Leben und hatte sich vorgenommen, auf eine Verbindung zu warten, die den Namen Liebe verdiente. An die Schönste des Schulhofs dachte er nicht. Als er die Pausen bereits in der Raucherecke verbrachte, dachte er nicht im Traum oder genau gesagt ausschließlich unter der Bettdecke daran, sie jemals zu küssen, sie nackt vor sich zu sehen. So viel Wirklichkeitssinn besaß er, um zu erkennen, das die Schönste sich nicht für jemanden interessieren wurde, der noch zu jung für die Raucherecke war. Der Leser darf eine plausible Erklärung erwarten, warum es den Jungen dennoch zwischen die breiteren Rucken zog, wo er sich tatsachlich so befangen, verwirrt und schwachmutig fühlen musste, wie ich es auf der gestrigen Seite beschrieb. Seit vier Tagen versuche ich mir den Hergang zu erklären, meine Erinnerung ähnelt hier einem Film, aus dem ein Zensor die entscheidenden Szenen herausgeschnitten hat. Ich habe vor Augen, wie der Junge in einem langen Gang, der zwei Gebäude des Gymnasiums verband, auf die Schönste zulief, wie ihre Blicke sich trafen und sofort wieder trennten, sich ein zweites und drittes Mal begegneten; ich vergesse nie das Lächeln, das er auf ihren Lippen wahrzunehmen meinte, bevor sie aus dem Sichtfeld trat; ich erinnere mich vage der süßlichen Phantasien, denen er sich auf den restlichen Metern des Gangs und noch im Unterricht überlies, ohne länger als Sekunden an die Erfüllung zu glauben, er als ihr Geliebter, sie beide Hand in Hand, die erstaunten Blicke seiner Klassenkameraden. Danach steht er im Film, den der Zensor geschnitten hat, bereits zwischen den breiteren Rücken. Nur mutmaßen kann ich, wieviel Überwindung es ihn kostete, sich in die Raucherecke zu stellen und, mehr noch: jede Pause wiederzukehren, sofern keiner der strengen Lehrer Aufsicht führte, jede Pause die Blicke zu ertragen, die über die Schultern geworfen wurden, jede Pause dem getuschelten Spott zu trotzen, den er zu hören glaubte, zwei oder drei Schritte von der Schönsten entfernt, unter dem Schattendunkel ihres Haars – gut, sie war blond – ihr Gesichtchen eine Lampe oder war auch eine Fackel, umflattert von Rabengefieder, wie der Dichter Nizami im 12. Jahrhundert über die sagenhafte Leila schrieb: ≫Wessen Herz hatte beim Anblick dieses Mädchens nicht Sehnsucht gefühlt? Aber Madschnun fühlte mehr! Er war ertrunken im Liebesmeer, noch ehe er wusste, dass es Liebe gibt. Er hatte sein Herz schon an Leila verschenkt, ehe er noch bedenken konnte, was er da weggab.≪“

Gelesen aus Navid Kermani: „Große Liebe“, Hanser-Verlag, München 2014,

Andrea Volland kommt kaum nach beim Verkauf Navid Kermanis Werke © massow-picture
Andrea Volland kommt kaum nach beim Verkauf Navid Kermanis Werke © massow-picture

Bücher und Hörbücher, gesprochen von Christian Brückner und Schauspielerin Eva Mattes (am 21.6.15 in Villa Clementine), fanden über einen Büchertisch der Alpha-Buchhandlung,  Schwalbacher Strasse 9, 65185 Wiesbaden(hier Andrea Volland voll in Action) reißenden Absatz.

Ein Diktator zum Dessert

romantipp: ein diktator zum DessertFranz-Olivier Giesbert
Ein Diktator zum Dessert
Roman
Originaltitel: La cuisinière d’Himmler
Originalverlag: Éditions Gallimard, Paris 2013
Aus dem Französischen von Katrin_Segerer

Deutsche Erstausgabe
Paperback, Klappenbroschur, 336 Seiten, 13,5 x 21,5 cm, 14,99 Euro,
ISBN: 978-3-570-58538-2

 

Eine ähnliche groteske Geschichte wie  Jonas Jonassons „Der Hunderjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“: einfach hinreißend komisch und amüsant! (rhein-main.eurokunst.com)

Rose ist 105 Jahre alt, eine begnadete Köchin mit einem kleinen Restaurant in Marseille. Sie hat den Genozid an den Armeniern, die Schrecken der Nazizeit und die Auswüchse des Maoismus erlebt. Deshalb hat sie vor nichts und niemandem mehr Angst. Für den Fall, dass ihr jemand blöd kommt, trägt sie immer einen Colt in der Tasche. Sie lässt sich von Mamadou, ihrem jugendlichen Gehilfen im Restaurant, auf dem Motorrad durch Marseille kutschieren, hört Patti Smith, treibt sich im Internet auf Singlebörsen herum und denkt auch im biblischen Alter immer nur an das Eine. Und sie meint, dass sie nun alt genug ist, ihre Memoiren zu schreiben: Um das Leben zu feiern und die Weltgeschichte das Fürchten zu lehren.

Im Buchhandel oder hier:

Kein Leben ohne Minibar

Roman-Buchtipp zu Ostern: Kein Leben ohne Minibar
Will Wiles Kein Leben ohne Minibar

Originaltitel: The Way Inn Originalverlag: Fourth Estate (HarperCollins), London 2014 Aus dem Englischen von Sabine Lohmann Deutsche Erstausgabe Paperback, Klappenbroschur, 320 Seiten, 13,5 x 21,5 cm ISBN: 978-3-570-58548-1

 

Sehr empfehlenswert für alle, die  mit einer guten Brise aus Horror, Spannung und englischen Humor schmunzelnd entspannen möchten (rhein-main.eurokunst.com).

In diesem saukomischen Werk  spießt Wiles die Abgründe auf, die sich hinter den glatten Fassaden unserer modernen Welt auftun.

Neil Double hat einen ungewöhnlichen Beruf: Stellvertretend für zahlungswillige Kunden besucht er Konferenzen und Messen. Dieses anonyme Leben zwischen Flughafenlounge und Hotelzimmer ist wie geschaffen für diesen eigensinnigen Einzelgänger, besonders die globale Hotelkette Way Inn hat es ihm angetan. Neils Welt gerät jedoch aus den Fugen, als er spätnachts an der Hotelbar auf die geheimnisvolle Frau trifft, der er schon einmal unter höchst bizarren Umständen begegnet ist. Bei ein paar Whiskys erzählt sie ihm von geheimnisvollen Vorgängen im Way Inn. Als die schöne Unbekannte plötzlich verschwindet, landet Neil auf der Suche nach ihr in einem aberwitzigen Alptraum, der ihn immer tiefer in die endlos labyrinthischen Flure des auf einmal gar nicht mehr so vertrauten Hotels führt.

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