Deutscher Buchpreis 2016: Literarischer „Catwalk“ der Finalisten am Shortlist-Abend im Frankfurter Literaturhaus

Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Knisternd spannende Atmosphäre herrschte als über 200 Buchfreunde am gestrigen 1. Oktober im ausverkauften Frankfurter Literaturhaus sich bei halbstündigen Lesungen und Autoren-Gesprächen  einen ersten Eindruck von fünf auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2016  stehenden Autoren und ihren Werken verschaffen konnten. Leider fehlte Bodo Kirchhoff, einer der Buchpreis-Favoriten,  beim literarischen  „Catwalk“, da er im Ausland weilte. Sein Werk „Widerfahrnis“ präsentiert er am 5.Oktober im Literaturhaus.

shortlist16-coverBereits zum neunten Mal präsentierten das Kulturamt Frankfurt am Main und das Literaturhaus Frankfurt in Kooperation mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der den Preis vergibt, die Autoren der Shortlist des Deutschen Buchpreises vor der Preisverleihung Mitte Oktober. Moderiert haben die Autorengespräche Sandra Kegel (F.A.Z.), Gert Scobel (3sat) und Alf Mentzer (hr2-kultur). Die „besten“  Ausschnitte der über vierstündigen Veranstaltung werden vom 10.10. bis 15.10. um 9.30 und 15.05 Uhr in hr2-kultur gesendet.

Hauke Hückstädt, Leiter des Literaturhauses Frankfurt eröffnete den Abend. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Hauke Hückstädt, Leiter des Literaturhauses Frankfurt eröffnete den Abend. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Um  18.00 Uhr eröffnete Hauke Hückstädt, Leiter des Literaturhauses Frankfurt,  den Shortlist-Abend, stellte Grußwort-Redner, Autoren und Moderatoren vor,  dankte insbesondere der Deutschen Bank-Stiftung für die Stiftung des Deutschen Buchpreises, erläuterte den organisatorischen Ablauf des Abends und lud namens der Veranstalter alle Gäste zu vertiefenden Gesprächen in der Pause und im Anschluss der Veranstaltung ein .

Grußworte
Dr. Ina Hartwig, Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt am Main. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Dr. Ina Hartwig, Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt am Main. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Dr. Ina Hartwig, seit Mai dieses Jahres Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt und als Literaturkritikerin und  freie Autorin im Literaturhaus keine Unbekannte, ging mit ihrem Grußwort gleich in media res, als sie den Juroren zurief, aus eigener Erfahrung als Literaturkritikerin und Buchpreis-Jurorin 2011 zu wissen, „welch eine Mammutaufgabe das für die Jury sei“, insbesondere, „als Kritiker selbst in der Kritik zu stehen, was aber eine ganz heilsame Erfahrung wäre“. Denn „egal wen man auswählt“, so Hartwig; „es hagelt immer Kritik!“ „Man erlebe somit auch mal das, was man normalerweise als Kritiker anderen antue“. Man solle so etwas ruhig selbst mal erleben, obgleich „es gar nicht so leicht ist, das wegzustecken“, so die Kulturdezernentin. Für sie sei der Deutsche Buchpreis – eine Mischung aus Herzblut und Kalkül –  weit mehr als nur symbolisches Kapital. Obgleich der Deutsche Buchpreis weltweit bekannt wäre, sei er im Kern auch ein Preis der Stadt Frankfurt, weil er dort gestiftet wurde und bis heute im Kaisersaal des Römers am Montag vor der Buchmesse traditionell vergeben wird, verbunden mit einem großen Rahmenprogramm am Tag danach rund um die Buchmesse wie: „Literatur im Römer“, „Open Books“, „Ausstellungen“ und zahlreiche weitere kulturelle Angebote im Kontext der Buchmesse des diesjährigen Gastlandes „Flandern und die Niederlande“. Das freue sie als städtische Kulturdezernentin mit ihrer Leidenschaft für zeitgenössische Literatur in der neuen Berufung selbstverständlich ganz besonders.

Dem deutschsprachigen Roman Geltung verschaffen

Alexander Skipis, Geschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Alexander Skipis, Geschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

In seinem Grußwort formulierte Alexander Skipis, Geschäftsführer des Deutschen Börsenvereins, die Intention des Abends und des Deutschen Buchpreises drastisch: Eigentlich sei es „etwas Unerhörtes“, 6 Romane auf die Shortlist zu setzen und zu behaupten, „dass wir den besten Autor oder die beste Autorin und den besten deutschsprachigen Roman der Saison prämieren“, so Skipis.  „Ich glaube, es würde jedem von uns schwerfallen, zu sagen, der oder die ist es. Es sind hervorragende Autoren, die mit Sicherheit jeder den Preis verdient hätten. Sie „sind jetzt alle Sieger“. Aber im Grunde „zeichnen wir etwas anderes aus. Wir zeichnen die deutschsprachige Romanliteratur aus, nicht in erster Linie um Bestseller zu generieren, sondern um der deutschsprachigen Romanliteratur Geltung zu verschaffen.

Das habe zunächst weniger mit Verkaufszahlen zu tun, als vielmehr mit einer Buchkultur, die von Menschen in „unserer Branche“ getragen wird, „die den Anspruch haben, einen wertvollen Beitrag zum Gelingen der Gesellschaft beizutragen“, so Skipis. Der deutsche Buchmarkt, der zweitgrößte der Welt, sei ein Vorbild an Qualität und Vielfalt, und das sei ein „Wert, der in unserer Branche steckt. Deswegen möchten wir mit diesem Buchpreis diesen Wert darstellen“, betonte Skipis.

Appell an die „Freiheit des Wortes“ weltweit!

banner-turkey-250pxDiese Vielfalt und Qualität des deutschen Buchmarktes wäre aber nicht  möglich, mahnte Skipis, wenn es in Deutschland nicht eine völlige Publikations- und Meinungsfreiheit gäbe. Die Freiheit des Wortes sei der Kern unserer Buchkultur. Sie sei aber auf der Welt  nicht selbstverständlich. Das zeige eine „Karte der Rangliste der Pressefreiheit“ von Reportern ohne Grenzen, auf der lediglich eine Handvoll Staaten auf der Welt über Meinungs- und Publikationsfreiheit verfügten. Deshalb setze sich der Börsenverein des Deutschen Buchhandels so massiv für die Meinungsfreiheit und Publikationsfreiheit weltweit ein, zuletzt mit der  vor drei Wochen gestarteten Petition „FreeWordsTurkey“, die schon 80 000 Menschen unterzeichnet haben. Skipis lud alle Anwesenden ein, soweit noch nicht geschehen, diese Petition ebenfalls zu unterzeichnen. „Bis zur Buchmesse dürften wir die 100 000er Grenze kappen.“

Die Autoren-Gespräche und Lesungen

André Kubiczeck – mit Gerd Scobel über „Skizzen eines Sommers“ (Rowohlt Berlin)

André Kubiczeck, Shortlist-Autor von Skizzen eines Sommers (Rowohlt-Verlag),Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
André Kubiczeck, Shortlist-Autor von Skizzen eines Sommers (Rowohlt-Verlag),Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Augenzwinkernd an André Kubiczeck gerichtet,  „Es wäre immer so bescheuert, einen Autor zu fragen, wie autobiographisch sein Roman denn sei“, eröffnete Gert Scobel den Gesprächsreigen über das erste Buch des Abends:„Skizzen eines Sommers“ (Rowohlt Berlin). Worauf hin Shortlist-Autor Kubiczeck, der die Frage gar nicht so bescheuert fand, unumwunden einräumte: „Warum soll ich mir ein kompliziertes Setting ausdenken, wenn ich sozusagen mein Leben dafür nehmen kann, um das zu erzählen, was ich erzählen will“. Der Roman aus dem eigenen Nähkästchen der Pubertätsjahre Mitte der 80er in der ehemaligen DDR sei wie im Rausch innerhalb von nur vier Monaten entstanden. Verblüfft stellte Scobel fest, dass darin zwar auch Ossi-Jargon vorkäme, aber „diese in der Literatur immer wieder hochstilisierten Ost-West-Unterschiede“ seien „völlig unterschnitten“, kämen praktisch nicht vor, ob das „denn eine identische Pubertät in Ost und West“ gewesen sei: „Ja, wenn man die ‚richtige‘ Musik gehört hat im Jahr 1986“, dann habe man mehr Gemeinsamkeiten mit allen Gleichaltrigen in der Welt, als beispielsweise mit denen der „Modern Talkingfraktion“.

Gerd Scobel (3Sat-Moderator)  Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Gerd Scobel, (3Sat-Moderator) Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Im Grunde genommen sei das Buch eine riesige Playlist. „Sie haben einen Roman geschrieben, den man hören kann“, so Scobel. Selbst der Titel des Romans, so der 3Sat-Moderator, sei eigentlich ein Titelsong „Sketch for Summer“. „Ja, klar“, er habe eine riesengroße Plattensammlung „und eine Plattensammlung ist wie ein Tagebuch“, so der 1969 in Potsdam geborene und heute in Berlin lebende Autor.

André Kubiczeck versucht aber nicht, mit möglichst vielen Songs inhaltlich nachzulegen. In seinem Roman verhält es sich genau umgekehrt, da ein Doppel-Kassettenrekorder aus dem Westen, den ihm seine Oma „wohl zur Ablenkung von der Trauer über seine mit 14 Jahren sehr früh verlorene Mutter“ besorgt hatte, eine zentrale Rolle spielt, nicht nur für ihn ganz persönlich, auch für die Entwicklung seine Freundeskreises, „da alle bei ihm Musik hören kommen wollen“.

André Kubiczek: Skizze eines Sommers Gebundene Ausgabe: Rowohlt Berlin 2016, 384 Seiten, EUR 19,95. ISBN-13: 978-3871348112
André Kubiczek: Skizze eines Sommers
Gebundene Ausgabe: Rowohlt Berlin 2016, 384 Seiten, EUR 19,95. ISBN-13: 978-3871348112

Die Musik bleibt dabei lediglich Medium und zugleich eine Metapher des Leitmotivs seines Romans, nämlich die Suche nach dem perfekten Moment. Die sei sozusagen das Hauptmotiv eines großen Schriftstellers wie bei Proust, so Scobel, nämlich „diese verlorenen perfekten Momente in irgendeiner Form noch einmal wiederzubekommen“. „Ja, aus diesem Grund habe ich das Buch eigentlich geschrieben, die verdeckten Momente der eigenen Jugend nochmal aufleben zu lassen und zu bannen!“, so Kubiczeck „Was ihnen großartig gelungen ist“, lobte Gert Scobel.

 

Reinhard Kaiser-Mühlecker mit Sandra Kegel über „Fremde Seele, dunkler Wald“ (S. Fischer, Frankfurt)

Shortlist-Autor Reinhard Kaiser-Mühlecker im Gespräch mit FeuilSandra Kegel, FAZ-Redakteurin  im Feuilleton über das Buch „Fremde Seele, dunkler Wald“ (S. Fischer, Frankfurt)  Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Shortlist-Autor Reinhard Kaiser-Mühlecker im Gespräch mit FeuilSandra Kegel, FAZ-Redakteurin im Feuilleton über das Buch „Fremde Seele, dunkler Wald“ (S. Fischer, Frankfurt) Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Ein wenig zäh verlief das Gespräch zwischen Reinhard Kaiser-Mühlecker und Moderatorin Sandra Kegel (F.A.Z.) über seinen Roman „Fremde Seele, dunkler Wald“ (S. Fischer). Vielleicht lag es an zu tiefst bedrückenden  thematischen Alternativlosigkeit, die alle Energie zu absorbieren schien, wie eine Art melancholischer Nebel, durch den die Moderatorin mit noch so vielen Anläufen nicht wirklich zum Autor  durchzudringen vermochte.  „Das ist ihre Beobachtung und die muss ich zur Kenntnis nehmen“, war beispielsweise eine der Absagen Kaiser-Mühleckers auf einen erneuten Anlauf der Moderatorin, etwas mehr über Beweg- und Hintergründe zu erfragen. Dennoch konnte Sandra Kegel  ihrem Gesprächspartner zuletzt doch noch ein paar persönliche Bekenntnisse entlocken, etwa, dass er als Autor kein Makro-Planer sei, der eine Geschichte vorkonzeptioniere. Alles entstünde im Raum. Er wolle beim Schreiben Schritt für Schritt einen Raum erkunden, und zwar im eigenen Tempo.

Errettend aus dem schleppenden Gesprächsverlauf war schließlich die Leseprobe, die einmal mehr die hohe literarische Qualität des großartigen Autors bezeugte, und einen sofort mitnahm in die grauen, subtilen Stimmungen dieses düsteren, wie aus der Zeit gefallenen Familiendramas mit der hilflosen Stummheit seiner Protagonisten und ihren existentiellen Untiefen, und der Ausweglosigkeit einer beengten verlogenen Heimat-Idylle, die bis zum Schluss mit krimihafter Spannung aufgeladen bleibt.

Reinhard Kaiser-Mühlecker. Fremde Seele, dunkler Wald. Fischer Verlag, Frankfurt 2016, Gebundene Ausgabe: 304 Seiten, EUR 20,00 ISBN-13: 978-3100024282
Reinhard Kaiser-Mühlecker. Fremde Seele, dunkler Wald. Fischer Verlag, Frankfurt 2016,
Gebundene Ausgabe: 304 Seiten, EUR 20,00
ISBN-13: 978-3100024282

Worum geht es im Werk? Alexander kehrt von seinem Auslandseinsatz als Soldat internationaler Truppen in die Heimat zurück. Seine Unruhe treibt ihn bald wieder fort. Sein jüngerer Bruder Jakob führt unterdessen den elterlichen Hof. Als sich sein Freund aufhängt, wird Jakob die Schuldgefühle nicht mehr los. Der Vater fabuliert von phantastischen Geschäftsideen, während er heimlich Stück für Stück des Ackerlandes verkaufen muss. Mit großer poetischer Ruhe und Kraft erzählt Reinhard Kaiser-Mühlecker von den Menschen, die durch Verwandtschaft, Gerede, Mord und religiöse Sehnsüchte aneinander gebunden sind. Es ist die Geschichte zweier Brüder, die dieser Welt zu entkommen versuchen – eine zeitlose und berührende Geschichte von zwei Menschen, die nach Rettung suchen.

Philipp Winkler mit Alf Mentzer über „Hool“ (Aufbau, Berlin)

Shortlist-Autor Philipp Winkler im Gespräch mit hr-2-Kulturredakteuer Alf Mentzer  über sein Buch "Hool" (Rowohlt-Verlag9 Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Shortlist-Autor Philipp Winkler im Gespräch mit hr-2-Kulturredakteuer Alf Mentzer über sein Buch „Hool“ (Rowohlt-Verlag9 Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Das  vor der Pause letzte Autorengespräch mit Philipp Winkler (Hool, Aufbau) begann hr-2-Kulturredakteuer Alf Mentzer mit der Feststellung: „Nachdem ich im vergangenen Jahr mit Frank Witzel, der für den längsten Roman verantwortlich war, der jemals auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis stand, gesprochen habe, geht es in diesem Jahr um ein Buch mit den kürzesten jemals in einem Buchjahr shortgelisteten Titel“, nämlich um den der Roman „Hool“.

Ob man nun die Materie Gewalt mag oder nicht – literarisch handelt es sich um ein Meisterwerk. Auf Mentzers mehr rhethorisch gestellte Frage, ob er, der Autor dieses Werkes, denn auch so einer wäre, kam wie aus der Pistole geschossen ein schlichtes energisches: „Nein!“.

Alf Mentzer, hr-2-Kulturredakteuer. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Alf Mentzer, hr-2-Kulturredakteuer. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Ihn habe, so Winkler, diese Hooligan-Szene schon lange fasziniert. „Ich bin selber von Kindheit an Fußballfan gewesen, und egal in welchem Bereich: Ich interessiere mich vor allem für Extremsituationen, für Dunkelzonen, für Randgebiete“ und dazu gehöre natürlich auch der Hooliganismus. Besonders interessiert den Autor, „was Leute dazu treibt, diesem Hobby oder dieser Leidenschaft, oder wie man es immer nennen will, nachzugehen.“ Grundsätzlich müsse man zwischen zwei Hauptgruppen, den  Ultras und Hooligans, unterscheiden.

Shortlist-Autor Philipp Winkler in lässiger "Hool-Pose" Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Shortlist-Autor Philipp Winkler in lässiger „Hool-Pose“ Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Die Ultras seien die Gangs, die man als Fangruppen im Stadion sähe, die immer organisiert seien, die die Fan-Gesänge machten und die Doppel-Banner hochhielten. Mit Hooligans hingegen, um die es in seinem Buch ginge, bezeichnete man in Deutschland Leute, „die sich außerhalb dieses ganzen Stadion- und Fußball-Kontextes zum Beispiel auf dem Acker, ob auf einem Feld oder in einem entlegenen Industriegebiet, verabredet träfen, um sich gegenseitig auf die Schnauze zu hauen.“

 

Philipp Winkler Hool. Aufbau Verlag, Berlin 2016,  310 Seiten, EUR 19,95 ISBN-13: 978-3351036454
Philipp Winkler Hool. Aufbau Verlag, Berlin 2016,
310 Seiten, EUR 19,95
ISBN-13: 978-3351036454

Interessant sei auch das sehr an Traditionen orientierte Weltbild der Szene im Gegensatz zu anderen Jugendbewegungen, die sich gegenüber Erwachsenen abgrenzten. Tradition spiele eine sehr große Rolle. Hools seien das Gegenteil von Jugendkultur, eher mit einem Rasse-Geflügel-Zuchtverein vergleichbar, der unter Nachwuchsproblemen leide und durch die voranschreitende Überalterung zum Aussterben verurteilt sei. So alterspyramidenorientiert kommt Winklers Werk „Hools“ allerdings nicht daher. Es geht häufig heftig zur Sache, Fäuste fliegen, Nasen bluten oder werden gebrochen, und es herrscht mitunter eine archaische Stimmung, des Rechts des Stärkeren,  wobei es der Autor stets hervorragend versteht, Szenen spannend und wirklichkeitsgetreu, schnörkellos und detailliert zu erzählen, und durch das mitunter richtige „Weglassen“ einen Sog äußerster Spannung erzeugt. „Es ist ein Sog, den man sich kaum entziehen kann, und ich kann Ihnen nur raten, sich diesem Sog auszusetzen, diesen Roman zu lesen, „Hool, von Philipp Winkler!“, verabschiedete  Mentzer den Autor und die Gäste in die Pause.

Nachtrag: Am 7.Oktober 2016 gab das ZDF bekannt, dass Philipp Winkler den ZDF-„aspekte“-Literaturpreis erhält. Die Verleihung findet am 20.Oktober 2016 auf der diesjährigen Buchmesse statt.

 

In der Pause, bei guten Gesprächen und einem Glas Wein, konnten die am Bücherstand erworbenen Werke signiert werden. Das Bild zeigt Reinhard Kaiser-Mühlecker beim Eintrag in sein Werk "Fremde Seele, dunkler Wald" (S.Fischer, Frankfurt).
In der Pause, bei guten Gesprächen und einem Glas Wein, konnten die am Bücherstand erworbenen Werke signiert werden. Das Bild zeigt Reinhard Kaiser-Mühlecker beim Eintrag in sein Werk „Fremde Seele, dunkler Wald“ (S.Fischer, Frankfurt).

 

Eva Schmidt mit Gert Scobel über „Ein Langes Jahr“ (Jung und Jung, Salzburg)

Shortlist-Autorin Eva Schmidt im Gespräch mit Gert Scobel über ihr Werk "Ein Langes Jahr" (Jung und Jung, Salzburg) Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Shortlist-Autorin Eva Schmidt im Gespräch mit Gert Scobel über ihr Werk „Ein Langes Jahr“ (Jung und Jung, Salzburg) Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Auf Gert Scobels Frage, weswegen ihr Werk „Ein Langes Jahr“ die erste Buchpublikation nach 19 Jahren ihres letzten Werkes sei, bekannte die in Bregenz lebende Autorin Eva Schmidt, dass ihr das Schreiben schwer falle, dass schreiben für sie ein sehr erschöpfender Prozess sei, der sie verausgabe. „Irgendwann waren wir eine Familie mit vielen Kindern. Es war wie eine Flucht vom Schreibtisch in die Wirklichkeit“. Es sei vor allem einem befreundeten Agenten zu verdanken, der „mich in den vergangenen 20 Jahren immer ein bisschen ermuntert hat“, wodurch dieses  Buch „Ein Langes Jahr“ letztlich entstehen konnte. Ich hatte tatsächlich mal eine Geschichte fertig, eine Geschichte aus diesem Werk, „und dann hat er gesagt: ‚wie geht es weiter?‘“, und dann habe sie weitergeschrieben bis schließlich ein ganzes Buch daraus wurde.

Es handelt sich nicht um einen Roman im klassischen Sinne, eher um ein Romanmosaik, nämlich um eine Sammlung von 38 verschieden langen Kurz-Geschichten aus wechselseitigen Perspektiven erzählt, die parallel innerhalb eines Jahres in einer fiktiven Stadt geschehen. Es geht um Kinder, Alte, alleinerziehende Frauen und einen Obdachlosen. Beziehungen zwischen diesen Protagonisten kommen gar nicht und später nur sehr zart zustande. Engere Bezüge gibt es eigentlich immer nur zwischen „Mensch und Hund“. Doch auch das treue Haustier kann die Lücken von Einsamkeit und Vereinzelung nicht schließen, allenfalls unzureichend lindern. Dieses ungleiche Seelenverhältnis zwischen Mensch und Hund als Krücke zur Erleichterung der Einsamkeit ist ein alle Episoden verbindendes Element.

Eva Schmidt. Ein langes Jahr. Jung u. Jung, Salzburg 2016 212 Seiten, EUR 20,00 ISBN-13: 978-3990270806
Eva Schmidt. Ein langes Jahr. Jung u. Jung, Salzburg 2016
212 Seiten, EUR 20,00
ISBN-13: 978-3990270806

Wie der Klappentext beschreibt, lebt „Benjamin  mit seiner Mutter allein, die Wohnung in der Siedlung am See ist klein, den Hund, den er gerne hätte, kriegt er nicht. Als er Joachim davon erzählt, will der sich einen schenken lassen, am besten zwei, aber Benjamin findet, Hunde sind fast wie Menschen und kein Geschenk. Eines Tages begegnet Benjamin Herrn Agostini, einem alten Mann aus der Nachbarschaft, auch er wollte sein Leben lang einen Hund. Früher als er ist seine Frau nach einem Sturz ins Pflegeheim umgezogen, jetzt hat er endlich einen, Hemingway heißt er. Aber Herr Agostini ist nicht mehr gut auf den Beinen, er weiß nicht, was aus »Hem« werden soll. Ähnlich wie Karin, die gerne wüsste, wer sich um ihren Hund kümmert, wenn ihr was zustößt, wie sie sagt. Karin ist krank, sie hat Schmerzen, niemand weiß davon. Im Baumarkt kauft sie eine Leiter, vom Nachbarn borgt sie eine Bohrmaschine …  „

Thomas Melle mit Sandra Kegel über „Die Welt im Rücken“ (Rowohlt, Berlin)

Shortlist-Autor Thomas Meller im Gespräch mit Sandra Kegel, FAZ-Redakteurin  im Feuilleton, über "Die Welt im Rücken" (Rowohlt, Berlin) Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Shortlist-Autor Thomas Melle im Gespräch mit Sandra Kegel, FAZ-Redakteurin im Feuilleton, über „Die Welt im Rücken“ (Rowohlt, Berlin) Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Publikumsliebling Thomas Melle stellte als letzter Gesprächspartner des Abends seinen Shortlist-Titel „Die Welt im Rücken“ (Rowohlt, Berlin) vor. Melle ist Literaturwissenschaftler, Philosoph und Autor viel gespielter Theaterstücke. Melle übersetzte u.a. William T. Vollmanns Roman „Huren für Gloria“. Sein Debütroman „Sickster“ (2011) war für den Buchpreis nominiert und wurde mit dem Franz-Hessel-Preis ausgezeichnet. Es wäre  „fast eine Mogelpackung gewesen, sein Werk ‚Die Welt im Rücken‘ Roman zu nennen“, antwortet er  Sandra Kegel auf ihre Frage nach der Genre-Einordnung seines Werkes. Aus bibliographisch-organisatorischen Gründen hatte ihn der Rowohlt-Verlag der Rubrik Belletristik zugeordnet, da sein aktueller Titel eben auch kein typisches Sachbuch ist. Vielmehr handelt es sich bei Melles genialem Werk „Die Welt im Rücken“ um eine hammerharte, schonungslos ehrliche,  fiktional aufgeladene Geschichte seiner bipolaren Störungen mit abgrundtiefen, länger anhaltenden Absturzphasen im Wechsel  mit euphorischen „Was-kostet-die-Welt“-Episoden. Sandra Kegel brachte es auf den Punkt, als sie bemerkte: „Sie schreiben, als würden Sie um  ihr  Leben schreiben“. „Ja, natürlich, das habe ich  auch!“, so Melle, der sich mitunter am liebsten ganz verkriechen und keinerlei Interview geben würde. Aber er wolle jetzt doch ein wenig zur Aufklärung über seine Krankheit beitragen, unter  der mehr Menschen litten, als bekannt wäre, so Melle. Deswegen habe er sich entschieden, nunmehr doch persönlich mit seinem Gesicht und Namen an die Öffentlichkeit zu gehen.

Denn über die bipolare Störung würde hinweg geschwiegen wie über die meisten psychischen Erkrankungen. Im Englischen gäbe es die bekannte Wendung «the Elephant in the Room», eine Metapher für ein offensichtliches Problem, das ignoriert würde, so Melle. Da stehe also ein Elefant im Zimmer, nicht zu übersehen, und dennoch redete keiner über ihn. Vielleicht sei der Elefant peinlich, vielleicht sei seine Präsenz allzu offensichtlich, vielleicht denke man, der Elefant werde schon wieder gehen, obwohl er die Leute fast gegen die Zimmerwände drückte. „Meine Krankheit ist ein solcher Elefant“, so Melle.

Sandra Kegel, FAZ-Redakteurin  im Feuilleton.  Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Sandra Kegel, FAZ-Redakteurin im Feuilleton. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Bei dieser Krankheit, die in Schüben verlaufe, zerfalle das Ich in verschiedene Phasen, in die eines Manikers, die des Depressiven und in die, in der ich jetzt bin. Wenn Sie manisch-depressiv sind, hat Ihr Leben keine Kontinuität mehr. Was zuvor als einigermaßen durchgängige Geschichte erzählt oder erlebt wurde, zerfällt rückblickend zu unverbundenen Flächen und Fragmenten.“, so Melle. Seine Krankheit habe ihm die Heimat genommen, jetzt sei seine Krankheit seine Heimat.

Thomas Melle. Die Welt im Rücken. Rowohlt-Verlag, Berlin 2016, 352 Seiten, EUR 19,95 ISBN-13: 978-3871341700
Thomas Melle. Die Welt im Rücken. Rowohlt-Verlag, Berlin 2016, 352 Seiten, EUR 19,95
ISBN-13: 978-3871341700

Aber jetzt gehe es ihm seit zwei Jahren besser, und nicht alles sei Krankheit. Sein größter Trost sei, dass nach Erfahrung der Medizin zwischenzeitlich immer die vollkommene Genesung möglich, ja sogar die Regel sei, wenngleich man nicht wisse für wie lange, ob für Monate oder Jahre. Der Wahnsinn bestehe also fast immer nur vorübergehend und endete höchst selten in ewiger Umnachtung oder Demenz, so Melle. Wer mehr aus der Binnenperspektive eines Genies mitunter am Rande des Wahnsinns  über verglühende Nächte, Tage und Wochen erfahren möchte, sollte unbedingt  „Die Welt im Rücken“ von Thomas Melle lesen.

Diether v. Goddenthow (Rhein-Main.Eurokunst)

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Literaturhaus Frankfurt am Main e.V.
Schöne Aussicht 2
60311 Frankfurt am Main