Kategorie-Archiv: SAM – Stadtmuseum am Markt

„Die Römer kommen!“ – Römertag am Stadtmuseum Wiesbaden 2.10.2022

flyerausschnitt---roemertag-2-okt-2022Ein abwechslungsreiches und spannendes Kinder- und Familienprogramm bietet der „Römertag“ auf dem Dernschen Gelände am Sonntag, 2. Oktober, von 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt ins sam – Stadtmuseum am Markt ist an diesem Tag frei.

Im Rahmen des „Wiesbadener Jahr des Wassers“ beleuchtet das sam – Stadtmuseum am Markt die Tradition des Wiesbadener Badewesens. Die aktuelle Sonderausstellung „Wasser Macht Identität“ ist bis zum 29. Januar 2023 im historischen Marktkeller zu sehen. Schwerpunkte bilden die Anfänge zur Zeit der Römer sowie ihre Rezeption und Interpretation um 1900, als die sogenannte »Weltkurstadt« ihre zweite Blütezeit erlebte. Hier knüpft das umfangreiche Begleitprogramm an, das viele Highlights ergänzend zur Sonderausstellung für die Besuchenden bereithält. Das Stadtmuseum bietet mit dem „Römertag“ einen besonderen Familientag vor den Türen des Museums an, inklusive freiem Eintritt in das Museum und die Sonderausstellung.

Am „Römertag“ dreht sich alles um Handwerker und Verkaufsstände mit Utensilien und Kostbarkeiten aus der römischen Antike, die das römische Leben lebendig machen und Spaß für die ganze Familie versprechen. Durch verschiedene Angebote der Schausteller aus ganz Deutschland wird für große und kleine Besucher der Einblick in das facettenreiche Leben und vor allem in den Alltag der Römer ein spannendes Erlebnis.

Wiesbaden bot seinen römischen Bürgern und Reisenden neben Erholung durch die Badeanlagen auch Freizeitspaß und kulturelle Vielfalt. Wie in der Antike erleben die Besucherinnen und Besucher zu den Themen Körperpflege und Wellness, Kult und Medizin sowie dem Alltag und der Freizeitgestaltung besondere Attraktionen. Verkaufsstände mit Duftölen, Kosmetika, Salben und Schmuck laden zum Verweilen ein. Rund um das Thema der antiken Heilkunde und des Badewesens werden Behandlungsmaßnahmen der römischen Medizin erklärt und gezeigt, wie man Badeschuhe für die Thermen produzierte. Mit der Herstellung römischer Öllampen und der Vorführung von Münzprägung und Töpferkunst wird das traditionelle Handwerk dargestellt. Daran knüpft die Schola Romana mit einem speziellen Schreibkurs an. Zum Alltag und zur Freizeit gehört ein Stand zum Schminken, Kleiden und Frisieren, der zum Thema Schönheitspflege ebenso bereitsteht wie römische Spiele, eine Hands-on-Station und die Spurensuche am „Tatort Antike“ zur Erkundung von Glücksspiel, Falschspiel und Flüchen. Begleitend zum Trubel auf dem Marktplatz präsentiert ein Musikensemble römische Musik auf der Hydraulis – einer römischen Wasserorgel, die als originelles Musikinstrument in Kombination mit anderen antiken Instrumenten besonders hervorsticht.

Beteiligte:

  • Römische Hands on – Archäologischer Park Xanten
  • Schminken, Kleiden und Frisieren – Ars Replika
  • Antike Heilkunde und Badewesen – Familie Teske
  • Römische Spiele – Diltheyschule Wiesbaden
  • Tatort Antike: Glücksspiel – Falschspiel – Flüche – Katja Kurth, Xanten
  • Schreiben wie die Römer – Schola Romana
  • Römische Töpferkunst Töpferei XAN-TST – Repliken und Vorführungen
  • Herstellung römischer Öllampen – Bastilippo
  • Badeschuhe für Thermen – Meister Knieriem
  • Vorführung von Münzprägung – Markus Gruner
  • Römische Musik auf der Hydraulis – Römische Wasserorgel und andere antike Musikinstrumente – Justus Willberg & Team.

Wiesbadens Geschichte neu erzählt aus der Perspektive seiner Wasserverwendung zur Römer- und Kaiser-Zeit – ab 21.09.2022 im sam

Am 2.Oktober 2022 – Römertag am SAM Dern’sches Gelände

Im Rahmen des "Wiesbadener Jahrs des Wassers" 2022 beleuchtet die Sonderausstellung "Wasser Macht Identität" im sam - Stadtmuseum am Markt - die kulturhistorische Seite der Wiesbadener Badetradition. Schwerpunkte bilden ihre Anfänge zur Römerzeit sowie ihre Rezeption um 1900, als die sogenannte "Weltkurstadt" ihre zweite Blütezeit erlebte. Zu sehen ist die Ausstellung vom 21. September 2022 bis zum 29. Januar 2023. Es gibt ein umfangreiches Begleitprogrammm. © Foto Diether von Goddenthow
Im Rahmen des „Wiesbadener Jahrs des Wassers“ 2022 beleuchtet die Sonderausstellung „Wasser Macht Identität“ im sam – Stadtmuseum am Markt – die kulturhistorische Seite der Wiesbadener Badetradition. Schwerpunkte bilden ihre Anfänge zur Römerzeit sowie ihre Rezeption um 1900, als die sogenannte „Weltkurstadt“ ihre zweite Blütezeit erlebte. Zu sehen ist die Ausstellung vom 21. September 2022 bis zum 29. Januar 2023. Es gibt ein umfangreiches Begleitprogrammm. © Foto Diether von Goddenthow

Seinen heißen Quellen hat es Wiesbaden zu verdanken, die älteste  durchgehend  besiedelte Stadt Hessens zu sein. Und sie ist mit Aachen zusammen die älteste Bäderstadt Deutschlands. Anhand des Elements Wasser und seiner vielfältigen – insbesondere kurativen –  Verwendung  wird nun die Geschichte Wiesbadens zur Römer- und Kaiser-Zeit  neu erzählt in der wunderbaren Ausstellung WASSER MACHT IDENTITÄT vom 21.09.2022 – 29.01.2023 im sam – Stadtmuseum am Markt (Dern’sche Gelände).

„Die heißen Quellen haben unsere Stadt zu dem gemacht, was sie heute ist! So ist das Wiesbadener Jahr des Wassers für uns eine großartige Gelegenheit, zwei Aspekten näher auf den Grund zu gehen: der Badekultur in Wiesbaden zur Römerzeit und dem Umgang mit diesem Erbe um 1900.“, so Sabine Philipp M.A., Direktorin des Wiesbadener Stadtmuseums (sam) bei einem Presserundgang. Ihr und den beiden Kuratoren, Dr. Vera Klewitz (für die Badekultur um 1900) und Dr. Burger-Völlmecke (für die antike Badekultur) ist mit der Ausstellung „Wasser Macht Identität“  gelungen, zu den Themen neue Erkenntnisse zu präsentieren und diese anschaulich zu vermitteln. „95 Prozent der Objekte stammen aus unserer umfangreichen und bedeutenden Sammlung Nassauischer Altertümer sowie der Stadthistorischen Sammlung, wovon viele der Öffentlichkeit bisher unbekannt sein dürften“, so die Museumsdirektorin.  Bereichert wird die Ausstellung durch Leihgaben, vorwiegend aus der Kulturregion RheinMain, darunter medizinisches sensationelles Instrumentarium, etwa ein Vaginalspeculum aus dem Römisch Germanischen Zentralmuseum Mainz (RGZM), wie es ähnlich  noch heute von Gynäkologen Verwendung findet.

Die Ausstellungsmacher (vli.:) Dr Burger Völlmecke, Kurator Sammlung Nassauischer Altertümer | Archäologie Vor- und Frühgeschichte bis Mittelalter;-Sabine-Philipp M.A. Direktorin sam, -Dr Vera Klewitz-Kuratorin Sammlung Nassauischer Altertümer | Sammlungen Kunsthandwerk & Grafik Mittelalter bis heute (©)-Diether von Goddenthow
Die Ausstellungsmacher (vli.:) Dr Burger Völlmecke, Kurator Sammlung Nassauischer Altertümer | Archäologie Vor- und Frühgeschichte bis Mittelalter;-Sabine-Philipp M.A. Direktorin sam, -Dr Vera Klewitz-Kuratorin Sammlung Nassauischer Altertümer | Sammlungen Kunsthandwerk & Grafik Mittelalter bis heute (©)-Diether von Goddenthow

Spektakulär ist auch Dr. Burger-Völlmeckes zufällige Entdeckung von Resten der baulichen Ausstattung aus den römischen Kranzplatz-Termen in Kisten der Sammlung Nassauischer Altertümer, darunter Fragmente einer Deckenverkleidung aus edlem Carrara-Marmor. Bislang war man davon ausgegangen, dass es von den römischen Kranzplatzthermen, deren gewaltige Fundamentreste beim Aushub für den Bau des Palasthotels (um 1903) entdeckt worden waren, keine physischen Überreste mehr vorhanden seien. Dieser Irrtum ist jetzt widerlegt und eröffnet auch hier neue Perspektiven wissenschaftlicher Betrachtung. Die Ausstellung steckt voll solch historischer Überraschungen.

Teil 1 „Wasser Macht Identität im römischen Wiesbaden“

wasser-macht-identitaet---zur-roemerzeitDer Zeitbogen wird  ab 6 /15 n. Chr. gespannt, also ab der Zeit kurz nach Ankunft römischer Truppen am Rhein, wodurch auch die  rechtsrheinische Region um die alte Keltensiedlung Wiesbaden insbesondere aufgrund ihrer heißen Quellen einen rasanten Aufstieg erfuhr. Diese Entwicklung bis zur Spätantike  veranschaulicht  Teil 1 der Ausstellung in den vier Schwerpunkten: Wasser für das Seelenheil – Religion und Kult, Wasser für Roms Städte – Meisterwerke der Infrastruktur, Wassertechnik, Wasser für den Leib – Wellness und Heilung.
Die heißen Quellen von Wiesbaden wurden schon bald für ausgedehnte Badeanlagen genutzt. Sie standen am Schützenhof, am Adlerterrain sowie am Kochbrunnen, deren heilsame Wirkung bis nach Rom bekannt war. Zu Ihnen gehörte auch das Angebot medizinischer Dienste, von denen das hochentwickele chirurgische und medizinische Besteck berichtet. Grabsteine von Soldaten und Zivilsten hingegen belegen deren Herkunft aus weit entfernten Gegenden des Römischen Reiches. Durch sie war das Leben im römischen Heilkurort Wiesbaden von vielen verschiedenen Kulturen und Religionen geprägt, die anhand von Fundmaterial rekonstruiert werden können. Reste von Wasserleitungen und Verteilerbecken bezeugen darüber hinaus das hochentwickelte Wissen römischer Ingenieure.

Teil 2 „Wasser Macht Identität in Wiesbaden um 1900

wasser-macht-identitaet---zur-roemerzeit-u-kaierzeit„Ende des 19. Jahrhunderts baute Wiesbaden sein System zur Ver- und Entsorgung von Wasser aus und investierte dabei zugleich in ihre Kuranlagen. Dabei besann sie sich auf ihre römischen Traditionen“, erläutert Dr. Vera Klewitz zur Einführung des Rundgangs durch Teil 2 der Ausstellung. Dieser Teil stünde in einem interessanten Spannungsbogen von Zerstörung, Interpretation und Rekonstruktion des römischen Erbes zu einer zweiten Blütezeit der Wiesbadener Badekultur um 1900, so die Kuratorin. Dabei wird aufgezeigt, welche Bedeutung Wiesbaden seiner römischen (Bade‐)Tradition beimaß, wie sich dies im öffentlichen Bewusstsein und schließlich im Stadtbild ausdrückte. So wurde Wilhelm II. bei seinen Besuchen in Wiesbaden mit dem Schriftzug »SALVE IMPERATOR« willkommen geheißen. Die römische »Heidenmauer« wurde zeittypisch instandgesetzt, erhielt jedoch ein neues »Römertor« zugunsten des Verkehrs. Antike Thermenanlagen wurden entdeckt, jedoch mit einem Hotel bzw. einer neuen Thermenanlage überbaut: dem Kaiser‐Friedrich‐Bad.

Besondere Themenschwerpunkte sind:  Alt weicht neu – das „Palasthotel“ und das „Römertor“ sowie „Baden im Luxus – das Baden im Kaiser Friedrich Bad“ und  „Trinken und Wandeln – Die Kochbrunnen-Anlage“ vor dem Hintergrund eines Zeitgeistes, als  die Menschen vom Wiesbadener Quellwasser des Kochbrunnens Heilung erwarteten – sei es durch innere oder äußere Anwendungen, so Dr. Vera Klewitz. Nachdem um 1890 der wetterfeste Trink- und Wandelgang nach Plänen des Architekten Wilhelm Christian Boglers errichtet worden war, wurde das Kochbrunnenwasser von uniformierten „Kochbrunnenmädchen“ der illustren Badegesellschaft gereicht. In der Ausstellung werden Pläne und Grundrisse gezeigt, und neben Bildern auch Geräte badeärztliche Verfahren präsentiert, wie sie damals als fortschrittlich galten, etwa der  „Blauen Heinrich“ zur Tuberkulose-Eindämmung.

Kuratorin Dr. Vera Klewitz erläutert die Funktion des Blauen Heinrich zur Eindämmung der Tuberkulose Ende des 19. Jahrhunderts. Foto (©)-Diether von Goddenthow
Kuratorin Dr. Vera Klewitz erläutert die Funktion des Blauen Heinrich zur Eindämmung der Tuberkulose Ende des 19. Jahrhunderts. Foto (©)-Diether von Goddenthow

Nur wenige Jahre nach der Entdeckung des Tuberkulose stellte der Kronberger Lungenfacharzt Peter Dettweiler 1889 beim 8. Kongress für Innere Medizin in Wiesbaden die vom ihm entwickelte „Taschenflasche für Hustende“, vor erläutert Dr. Vera Klewitz. In dieses blaue Fläschchen konnte der hoch infektiöse Auswurf hineingespuckt und unter dem Klappdeckel isoliert werden, statt wie bis dahin üblich als Ansteckungsquelle auf dem Trottoir zu landen. Der Fuß des Fläschchens war abschraubbar, so dass es  sich  mit Wasser oder einer Desinfektionslösung durchspülen und wieder  reinigen ließ.

Besucher sollten sich ein wenig Zeit nehmen für diese Ausstellung, die viele Überraschungen bereit hält und Wiesbadens Geschichte aus – kurativer – Wasseranwendung  neu erzählt.

(Diether von Goddenthow /Rhein-Main.Eurokunst)

Weitere Informationen 
Informationen zum interessanten Begleitprogramm

Kuratoren-Führung durch die Sonderausstellung „Im Spannungsfeld der Kulturen“

Als Bekrönung reitet Jupiter über einen schlangenförmigen Giganten – Die Römische Jupiter-Gigantensäule von Wiesbaden-Schierstein, Symbol der Verschmelzung römischer und keltischer Religion, ist eines der Highlights der Ausstellung „Keltenland Hessen – Im Spannungsfeld der Kulturen“ ab 16.3.2022 im SAM © Foto Diether v. Goddenthow
Als Bekrönung reitet Jupiter über einen schlangenförmigen Giganten – Die Römische Jupiter-Gigantensäule von Wiesbaden-Schierstein, Symbol der Verschmelzung römischer und keltischer Religion, ist eines der Highlights der Ausstellung „Keltenland Hessen – Im Spannungsfeld der Kulturen“ ab 16.3.2022 im SAM © Foto Diether v. Goddenthow

Am Sonntag, 31. Juli, um 15 Uhr führt der Kurator Dr. Daniel Burger-Völlmecke durch die aktuelle Sonderausstellung des Stadtmuseums „Im Spannungsfeld der Kulturen“, die im Rahmen des KELTEN LAND HESSEN bis zum 31.Juli 2022 gezeigt wird. Der Eintritt in die Ausstellung und für die Führung frei.

Die Ausstellung ist Teil des ersten archäologischen Jahres in Hessen „Kelten Land Hessen – Archäologische Spuren im Herzen Europas“, bei der zahlreiche Forschungseinrichtungen und Museen neue Erkenntnisse über die Zeit der Kelten im heutigen Hessen präsentieren.

Um Anmeldung zur Führung wird gebeten unter info@stadtmuseum-wiesbaden.de oder unter Telefon (0611) 44750060.

VORHANG AUF! 125 Jahre Internationale Maifestspiele vom 01.05.–03.07.2022 – Kurhaus-Kolonnaden Wiesbaden

IMF_Sujet-quer-450Zeitgleich mit den „Internationalen Maifestspielen“ im Hessischen Staatstheater eröffnet das Wiesbadener Stadtmuseum sam am 1. Mai 2022 nach zweijähriger Corona-Verschiebung die Jubiläumsausstellung „VORHANG AUF! 125 Jahre Internationale Maifestspiele“ gegenüber des Staatstheaters in den Kurhauskolonnaden.

Vier bühnenartig inszenierte Themenbereiche laden zu einer Reise in die Historie bis zurück in die prunkvolle Kaiserzeit ein. Ob Theaterfreunde, Geschichtsinteressierte oder Gäste der Maifestspiele – in der Ausstellung lassen historische Requisiten, technische Geräte und herrliche Theater-Werbeplakate zurückliegende Epochen beim Betrachter wieder aufleben. Künstler‐Karikaturen, Hör‐ und Filmstationen, aber auch persönliche Erinnerungsstücke wie Galaroben oder Accessoires aus der Theater‐ und Bühnenwelt und des damaligen Festspielpublikums machen 125 Jahre Internationale Maifestspiele lebendig und begleiten durch Höhepunkte wie durch schwere Zeiten des renommierten Festivals. Auch Zeitgenossen werden zum Leben erweckt. An ausgewählten Tagen trifft man auf historische Personen, die von ihren persönlichen Eindrücken und Erlebnissen am Rande und während der Maifestspiele aus dem Nähkästchen plaudern – ein Programmpunkt, der in Kooperation von Theaterpädagogik des Staatstheaters und Museumspädagogik des sam entstand.

Die »Kaiserfestspiele«, wie sie einst hießen, sollten Kaiser Wilhelm II. während seiner Besuche der »Weltkurstadt« im Frühjahr Unterhaltung bieten. Seine Anwesenheit wiederum war ein unschlagbarer Werbefaktor und zog viele Gäste im Mai nach Wiesbaden.

© Stiftung Stadtmuseum Wiesbaden
© Stiftung Stadtmuseum Wiesbaden

Auf der ersten Ausstellungs‐Bühne begleitet man die Kaiserfamilie – als überlebensgroße Figuren – auf ihrem Weg durch die mit Fahnen und Blumen geschmückte Wilhelmstraße. Prunk und Charme der damaligen Zeit werden greifbar, untermalt von der Stimme der berühmten Sängerin Lilli Lehmann als Walküre. Highlight hier sind Entwürfe farbenprächtiger Bühnenbilder, die bei den Maifestspielen zu sehen waren. Die Originale wurden bei einem Theaterbrand 1923 zerstört, die Entwürfe dazu jedoch bei den Recherchen zur Ausstellung wiederentdeckt.

Zeitgenössische, progressive Bilder versetzen auf dem zweiten Podest in eine Zeit des Aufschwungs und Umbruchs seit den 1920er Jahren. Wer Lust hat, kann sich hier in ein Theaterkostüm des Fidelio kleiden und begegnet auf der Bühne Max Schmeling. Der Boxweltmeister diente dem Wiesbadener Künstler Ernst Křenek Ende der 20er Jahre als Vorbild für ein Theaterstück. Nur wenige Jahre später brandmarkten die Nationalsozialisten Křeneks Werke als »entartet«. Die Maifestspiele wurden zum Bestandteil der ideologisch geprägten Maiwochen der städtischen Kurverwaltung und nach der Spielzeit 1938/1939 schließlich eingestellt.

Auf Bühne drei geleitet ein Page in ein neues Zeitalter. Es beginnt die Phase, in der die Internationalen Maifestspiele ausdrücklich der Völkerverständigung dienen sollten und Begegnungen mit Künstlern und Künstlerinnen von der anderen Seite des »Eisernen Vorhangs« möglich machten. Rudolf Nurejew vollführt vor unseren Augen seinen berühmten »Korsarensprung« bei den IMF 1963, ein cremefarbenes Abendkleid mit französischer Handstickerei aus dem Wiesbadener Haus für Haute Couture Elise Topell vermittelt internationales Modeflair. Aber nicht alle Wiesbadener schätzten die gehobene Atmosphäre der IMF. Auch ihr Gegenentwurf in Form der Anderen Maifestspiele (AMF), die zu Anfang der 1980er Jahre als alternative Veranstaltung organisiert wurden, wird in der Ausstellung mit originalem Fußball und offensichtlich sehr häufig getragenen und heiß geliebten Trikots präsentiert.

Mit eindrucksvollen Original‐Requisiten des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden aus dem aktuellen Programm begleitet die vierte Bühne wieder zurück in die Gegenwart.
Die Welt war und ist weiterhin zu Gast in Wiesbaden. Welchen Weg die Maifestspiele einschlagen bzw. verfolgen soll(t)en war und ist nach wie vor ein aktuelles Thema. Die Internationalen Maifestspiele erweisen sich als Spiegel der jüngeren Theater‐, Gesellschafts‐ und gar Weltgeschichte. Die Ausstellung »Vorhang auf!« beleuchtet den Kosmos vor und hinter der Bühne zwischen Faszination und Illusion und bietet Raum, die Festspiele in die Zukunft zu denken.

Allen Interessierten bietet das sam auch ein Kombiticket für den Besuch der beiden Ausstellungen des sam »Vorhang auf!« sowie »Kelten Land Hessen: Im Spannungsfeld der Kulturen« (16.3.– 31.7.2022) im historischen Marktkeller.

Weitere Informationen zur Ausstellung und dem Vermittlungsangebot:
www.wiesbaden.de/sam

Ausstellungsort:
Kurhauskolonnaden am Bowling Green, Kurhausplatz 1, 65189 Wiesbaden
Öffnungszeiten:
Kurhauskolonnaden: Mo–So 10–19 Uhr, Do und Sa 10–21 Uhr
sam / Marktkeller: Di–So 11–17 Uhr, Do 11–20 Uhr
Eintrittspreise:
Eintritt: 7 € / 5 € ermäßigt*
Kombiticket: 10 € / 6 € ermäßigt*
*Ermäßigung für Student*innen, Auszubildende, Freiwilligendienstleistende, Schwerbehinderte, Arbeitslose, Besitzer*innen der Wiesbaden TouristCard, der Ehrenamtscard und der Kurkarte

Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Begleitkatalog:
Vorhang auf! 125 + 1 Jahre Internationale Maifestspiele
Hrsg. von der Stiftung Stadtmuseum Wiesbaden, Wiesbaden 2022.
200 Seiten, 170 farbige Abbildungen (davon 14 ganzseitig und 4 doppelseitig).
ISBN 978‐3‐9812439‐6‐3, Preis: 28 €

Keltenland Hessen –Im Spannungsfeld der Kulturen – Das SAM zeigt im Rahmen des Hessischen Archäologie-Jahrs Wiesbadens keltische und römische Wurzeln

Als Bekrönung reitet  Jupiter über einen schlangenförmigen Giganten -  Die Römische Jupiter-Gigantensäule von Wiesbaden-Schierstein, Symbol der Verschmelzung römischer und keltischer Religion, ist eines der Highlights der Ausstellung "Keltenland Hessen - Im Spannungsfeld der Kulturen" ab 16.3.2022 im SAM © Foto Diether v. Goddenthow
Als Bekrönung reitet Jupiter über einen schlangenförmigen Giganten – Die Römische Jupiter-Gigantensäule von Wiesbaden-Schierstein, Symbol der Verschmelzung römischer und keltischer Religion, ist eines der Highlights der Ausstellung „Keltenland Hessen – Im Spannungsfeld der Kulturen“ ab 16.3.2022 im SAM © Foto Diether v. Goddenthow

Mit zum Teil sensationellen Exponaten zeigt das sam – Stadtmuseum am Markt in Wiesbaden eine Sonderausstellung zu den keltischen und römischen Wurzeln im Rhein-Main-Gebiet .. Die Ausstellung ist eingebunden in das erste hessenweite Archäologie-Jahr. Gemeinsam mit acht weiteren Standorten wird der Öffentlichkeit die Welt der Kelten von 800 v. Chr. bis in das 1. Jahrhundert n. Chr. in einem ganz neuen Licht präsentiert.

„Für uns ist das eine ganz besondere Ausstellung, weil sie zum ersten Mal auch eine Ausstellung ist, die wir im großen Verbund mit anderen Archäologie-Museen begehen“, freut sich Museumsdirektorin Dr. Sabine Philipp, die eine Beteiligung an dem ersten Archäologie Jahr Hessen vor allem auch deswegen ganz toll findet, „weil wir über diese unglaubliche Sammlung Nassauer Altertümer verfügen“. Zudem habe es in der Tat noch nie zu den Kelten in Hessen eine Ausstellung gegeben, und, seit 2003 die Archäologie-Sammlung aus dem Hessischen Landesmuseum Hessen quasi verschwand und weggepackt wurde, habe es bald 20 Jahre lang in der Landeshauptstadt Wiesbaden keine Archäologie-Ausstellung mehr gegeben, am Sitz der Hessen-Archäologie im Landesamtes für Denkmalpflege. Also auch in dieser Hinsicht sei die Ausstellung im SAM nicht nur für die Öffentlichkeit, sondern auch für uns, für die Stadt Wiesbaden und HessenArchäologie natürlich etwas ganz Besonderes, so die SAM-Direktorin. „Die Wissenschaftliche Forschung weiß ja schon seit Langen, was sie für Schätze haben an diesen Sammlungen, aber die breite Öffentlichkeit eben nicht.“, so Dr. Philipp. Insofern hofften sie, dass die Sammlung eben auch im Verbund mit den vielen anderen großen archäologischen Museen (Frankfurt, Fulda, Gießen, Glauburg usw,) wieder mehr in den Blick der Öffentlichkeit gerate.

Motiv-KeramikPhalere-250Eine besondere Herausforderung war, den Archäologischen Teil der quasi „eingemotteten“ Sammlung Nassauischer Altertümer auf Herz und Nieren hin zu prüfen, „welche Exponate für unsere Ausstellung besonders interessant sind“. Bei 240 000 Sammlungs-Teilen, davon zumeist wissenschaftlich noch unbearbeitete Funde von Archäologen, die bis 1902 gegraben haben, war das für  Dr. Daniel Burger-Völlmecke, Kurator Stiftung Stadtmuseum Wiesbaden, eine regelrechte Herkules-Aufgabe. Wochen hat er in Depots verbracht und in Kleinstarbeit recherchiert, bewertet und herausgefiltert. Dabei hat er auch Sensationelles entdeckt, etwa einen hochpolierten Schädel des in Hessen bis dato nicht nachweisbaren keltischen Schädelkultes. „Wir haben natürlich auch einige dieser Objekte verliehen. Sie können auch Teile der Sammlung in Glauberg oder auch Fulda besichtigen“, freut sich die SAM-Direktorin.

Im Spannungsfeld der Kulturen

Im sam – Stadtmuseum am Markt wird diese hochspannende und dynamische Zeit mit Objekten aus der Sammlung Nassauischer Altertümer sowie mit Leihgaben aus anderen Häusern anschaulich beleuchtet. Welche Hinterlassenschaften sind von der späten keltischen Welt geblieben? Woher kamen die Germanen? © Foto Diether v. Goddenthow
Im sam – Stadtmuseum am Markt wird diese hochspannende und dynamische Zeit mit Objekten aus der Sammlung Nassauischer Altertümer sowie mit Leihgaben aus anderen Häusern anschaulich beleuchtet. Welche Hinterlassenschaften sind von der späten keltischen Welt geblieben? Woher kamen die Germanen? © Foto Diether v. Goddenthow

„Im Grunde setzen wir dort an, wo das Keltenmuseum Glauberg aufhört“, so Kurator Dr. Daniel Burger beim Presse-Rundgang. Während die Keltenwelt am Glauberg einmal die komplette keltische Zeit abbilde, also die ältere Eisenzeit von 800 v. Chr. bis um Christi Geburt, betrachte das SAM, so Burger, die spätkeltische Zeit ungefähr von 200  v. Chr. bis ins 1 Jh n. Chr., insbesondere dabei auch, „wie die keltische Kultur im Römischen weiterleben durfte“.

Die keltische Zeit war vor allem geprägt von mächtigen Höhensiedlungen, wie auf dem Dünsberg bei Gießen in Mittelhessen, so Burger. Man habe auf Höhenrücken gewaltige Ringwallanlagen als große Zentralorte errichtet, die bereits weitreichende Verbindungen gehabt haben und Handel betrieben bis ins Mittelmeergebiet, bis nach Frankreich und nach Südosteuropa.

Dr. Daniel Burger-Völlmecke, Kurator Stiftung Stadtmuseum Wiesbaden, beim Presse-Rundgang. © Foto Diether v. Goddenthow
Dr. Daniel Burger-Völlmecke, Kurator Stiftung Stadtmuseum Wiesbaden, beim Presse-Rundgang. © Foto Diether v. Goddenthow

Obwohl es viele Vorurteile über Kelten gäbe, etwa sie „hätten lange Zottelhaare, ungepflegte Bärte, kämpften mit nacktem Oberkörpern usw.“ blieben Antworten, wer die Kelten eigentlich waren, eher diffus, so Burger. Deswegen sei andererseits das Thema Kelten auch so beliebt, „weil sie sehr mystisch daher kommen“. Ein Grund sei, dass die Kelten keine eigene Schriftkultur hatten, so dass alles Überlieferte, was wir von den Kelten wissen, durch die Brille Dritter, nämlich von griechischen und römischen Autoren stamme. In den ersten griechischen Quellen, etwa 500 v. Chr., wird ein Volk „Keltoi“ oder Galatai (Galater) beschrieben, dass jenseits der Alpen im Quellgebiet der Donau und im Hinterland der griechischen Kolonie „Massalia“, dem heutigen Marseille, siedelte. In  der späteren lateinischen Hauptschriftquellen ist von „Galli“ oder „Celtae“ die Rede, etwa in den Beschreibungen der Kelten in Cäsars „Gallischen Krieg“. Dargestellt werden sie häufig mit den klassischen griechisch-römischen Vorurteilen gegenüber vermeintlich unterlegenen und primitiveren Kulturen. Zahlreiche Klischees haben sich bis heute gehalten: Asterix lässt grüßen!

Aus archäologischer Perspektive spricht man von keltischen Kulturen seit dem Aufkommen des neuen Werkstoffes Eisen um 800 v. Chr., der die Bronze als Hauptmetall ablöste und damit zu tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen führte. Benannt nach den bedeutenden Fundstellen Hallstatt in Österreich und Latène in der Schweiz, wird archäologisch in den älteren Abschnitt der Eisenzeit, in die sogenannte „Hallstattzeit“ (800 bis 450 v. Chr.) und in die jüngere Eisenzeit, in die Latènezeit (450 – 15 v Chr.), unterschieden. Dabei spricht man erst ab 500 v.Chr. von den Kelten, die mit der Latènezeit gleichgesetzt werden.

"Charakterisiert wird die Latènezeit durch einen ganz bestimmten „sehr verspielten Kunststil mit Fabelwesen, mit Mischwesen, und  sehr, sehr viel Ornamentik“, so Burger
„Charakterisiert wird die Latènezeit durch einen ganz bestimmten „sehr verspielten Kunststil mit Fabelwesen, mit Mischwesen, und sehr, sehr viel Ornamentik“, so Burger

Charakterisiert wird die Latènezeit durch einen ganz bestimmten „sehr verspielten Kunststil mit Fabelwesen, mit Mischwesen und sehr, sehr viel Ornamentik“, so Burger. Diese Sachkultur ziehe sich von Irland bis Italien und von der Atlantikküste bis an das Schwarze Meer. Im Grunde weise ganz Mitteleuropa diesen latènzeitlichen Kunststil auf, so der Kurator. Die europäische Eisenzeit sei eine der spannendsten und facettenreichsten Epochen der europäischen Vor- und Frühgeschichte. Hessen liege mit den nördlichsten Keltensiedlungen bei Fulda und in der Rhön (Milseburg, Sünna, Hünfeld-Mackenzell) an der Peripherie dieses latènezeitlichen Stils, so Burger.

Die Kelten waren jedoch kein zusammenhängendes Volk. Sie stammten aus vielen, vielen verschiedenen Völkern, wie uns Cäsar überliefert hat. Und Cäsar hat, das prägt uns bis heute, in seinen Berichten vom Gallischen Krieg festgelegt: links des Rheins leben die Kelten, rechts des Rheins leben die Germanen. Dass das nicht so war, wusste Cäsar damals schon, so Burger. Von der Archäologie konnten wir nachvollziehen, dass sowohl rechts des Rheins auch Kelten lebten, Wir haben ja in Hessen keltische Funde. Und links des Rheins lebten genauso gut auch Germanen. Und der Rhein war keine starre Grenze gewesen.

Gallien u die ueberlieferten Staemme zur Zeit Caesars. © Foto Heike v. Goddenthow
Gallien u die ueberlieferten Staemme zur Zeit Caesars. © Foto Heike v. Goddenthow

„Cäsar brauchte aber aus propagandistischen Gründen, um seinen Militärfeldzug in Gallien zu rechtfertigen, ‚um die Stämme der Gallier und Kelten zu befrieden‘, wie er es genannt hat“, diese Legende, um zum Rhein vorzudringen zu können. „Das war seine Begründung, dass rechts des Rheins keine Kelten siedelten., erläutert Burger.

Kelten sahen sich selbst nicht als Kelten, sondern als Stammesmitglieder. Die Bezeichnung „Keltoi“ war stets die Zuschreibung Dritter auf diese in Stämmen organisierten angestammten Einwohner. Dennoch bildeten die keltischen Stämme in Sprache, Religion, Mythologie sowie Kunst und Kultur ein „Großgebilde“, eine Art mitteleuropäische latènezeitliche Völkerschaft, die aber in genetischer Hinsicht nicht unbedingt miteinander verwandt war. „Ob sie sich doch irgendwie als große Gemeinschaft identifiziert haben, wissen wir nicht genau“, so der Kurator.

Auf der Stufe zur Hochkultur
Wenngleich die Kelten in den klassischen griechisch-römischen Schriften oftmals mit abwertenden Vorurteilen dargestellt wurden, standen sie „ im Grunde auf der Stufe zur Hochkultur. Wir haben diese Zentralorte, diese sogenannten Opida, befestigte Höhensiedlungen. Wir haben ein sehr differenziertes Gesellschaftsbild. Wir haben weitreichende Handelsnetze, Aufbau des Straßensystems. Wir haben ein Münzwesen, das am Anfang stand. Im Grunde waren die Kelten wirklich auf der Stufe zur Hochkultur. Die Schriftkultur fehlte dafür. Vor allem wurde mündlich überliefert.“, so Burger.

Das keltische Münzewesen. © Foto Heike v. Goddenthow
Das keltische Münzewesen. © Foto Heike v. Goddenthow

Die frühesten keltischen Münzen wurden um 300 v. Chr. in Westfrankreich nach Heimkehr keltischer Söldner aus dem Mittelmeerraum als Duplikate von griechischen Herrschern wie Philipp II. von Makedonien (359 – 336 v.Chr.) oder Alexander dem Großen (356 – 323 v. Chr.) geprägt. Im Laufe der Zeit verfremdeten sie die Bildmotive bis zur Unkenntlichkeit im typischen keltischen Kunststil, wodurch eine eigene Formensprache entstand. Auch die Prägetechnik hatten die rückkehrenden Söldner aus dem Mittelmeerraum mit impoertiert.

Die Braubacher Keramik

Braubacher Keramik © Foto Diether v. Goddenthow
Braubacher Keramik © Foto Diether v. Goddenthow

Ein Highlight der Keltenausstellung im SAM Wiesbaden bilden die gezeigten Fundstücke aus frühkeltischen Brand- und Körper-Gräbern von Brauchbach (15 km südlich von Koblenz), darunter die Brauchbacher Schale, nach der eine ganze Keramikgattung benannt wurde. Die im SAM ausgestellten Grab-Beigaben stammen größtenteils aus dem Männergrab Nr. 22, das zu den bedeutendsten der Braubacher Gräber gehört und zwischen 260 und 190 v. Chr. datiert wird.

Sensationeller Fund zum keltischen Schädelkult in Hessen

Mit diesem polierten keltischen Schädel gelang Dr. Daniel Burger im Vorfeld der Ausstellung ein sensationeller Fund in der Sammlung Nassauischer Altertümer. © Foto Diether v. Goddenthow
Mit diesem polierten keltischen Schädel gelang Dr. Daniel Burger im Vorfeld der Ausstellung ein sensationeller Fund in der Sammlung Nassauischer Altertümer. © Foto Diether v. Goddenthow

Aus der antiken Literatur und aufgrund archäologischer Funde in Frankreich ist bekannt, dass die Kelten „einen“ Schädelkult hatten. „Die Kelten haben einmal einen Ahnenkult betrieben, und die Schädel ihrer Ahnen, entsprechend hergerichtet und präpariert, präsentiert. Aber andererseits haben sie auch, was brutal war, ihre Feinde öffentlich ausgestellt in Form einer Schädeltrophäe. Die Römer berichten ganz empört darüber“, so Burger. Dem Kurator gelang, wie  gesagt, im Zuge der Ausstellungsvorbereitung beim unermüdlichen Sichten der unzähligen archäologischen Fundstücke der Sammlung Nassauer Altertümer ein Sensationsfund. Denn „in Hessen war der Schädelkult bisher nicht bekannt gewesen“, erläutert der Kurator: „Man hat es vermutet, man hatte aber keinen Nachweis dafür. Aber wir haben im Zug der Ausstellungsvorbereitung in einer Alten Kiste von Grabungen von 1902 diesen Schädel gefunden, so wie er damals verpackt wurde. Der ist hochpoliert, und die hintere Schädelkalotte wurde entlang der Kranznaht senkrecht entfernt. Wir können den Schädel, so wie er ist, in eine Nische hineinstellen oder sogar vielleicht als Schädelmaske tragen“.
Ein zweiter, 2008 bei Einhausen nahe Darmstadt gefundener Schädel kann  als Foto oder vom 17. Juli bis 13. Nov. 2022 im Original als Teil der Kelten-Land-Hessen-Ausstellung im Museum Bensheim betrachtet werden kann. Da dieser Schädel auf einen Pfosten geschlagen war, wird vermutet, dass er als Trophäe eines getöteten Feindes zur Schau gestellt wurde.

Im Spannungsfeld der Kulturen

Ausstellungs-Impression römisch-keltisch-kulturelle Verschmelzung. © Foto Diether v. Goddenthow
Ausstellungs-Impression römisch-keltisch-kulturelle Verschmelzung. © Foto Diether v. Goddenthow

Der Schwerpunkt der SAM-Keltenausstellung zielt auf das Spannungsfeld der hierzulande aufeinandertreffenden Kulturen, nämlich, welche tiefgreifenden Veränderungen es für die keltischen Stämme bedeutete, als Rom aus dem Süden seinen Machtbereich stetig weiter ausdehnte und unter Julius Caesar erstmals das Gebiet des heutigen Hessens betrat, während aus dem Norden germanische Siedler einwanderten. Damit wurde ein Prozess von kulturellen Veränderungen angestoßen, der bis in das 1. Jahrhundert n. Chr. andauerte. Das Ergebnis war eine römisch-germanisch geprägte Welt mit keltischen Wurzeln.

Mit der Rheinüberquerung Caesars setzten römische Truppen erstmals 55 v. Chr. ihren Fuß auf hessischen Boden. Zwischen 12 u 9 v. Chr. gründete der römische Feldherr Drusus das „Castellum Mattiacorum“ im heutigen Mainz-Kastell und um 4 v.Chr. bei Waldgirmes (Lanau bei Wetzlar) die allererste römische Siedlung rechts des Rheins im heutigen Hessen. Diese wurde jedoch nach der verlorenen Varusschlacht gegen 16 n. Chr. wieder aufgegeben. Unter anderem wurde 2009 auf einem Acker der Pferdekopf des ehemaligen, beim Rückzug in einen Brunnen versenkten, Reiterstandbildes Kaiser Augustus entdeckt. Nach einer aufwändigen Restaurierung kann dieser seit 2018 in der Saalburg besichtigt werden.

Germanische Keramik aus der römischen Siedlung von Lahnau-Waldgirmes um 4 v. Chr. - ca. 16 n. Chr. zeugen vom zeitweiligen Zusammenleben von Römern und Germanen. © Foto Diether v. Goddenthow
Germanische Keramik aus der römischen Siedlung von Lahnau-Waldgirmes um 4 v. Chr. – ca. 16 n. Chr. zeugen vom zeitweiligen Zusammenleben von Römern und Germanen. © Foto Diether v. Goddenthow

Zahlreiche Fragmente germanischer Keramik sowie Häuser in einheimischer Bautechnik belegen das Zusammenlegen von Römern und Germanen in der Siedlung.

Man nimmt an, dass einige, mit den Römern kooperierende germanische Stämme, die etwa ab 17/20 n. Chr. bis ins Rhein-Main-Gebiet hinein siedelten, unter Aufsicht der römischen Verwaltung und vermutlich mit vertraglichen Vereinbarungen dort Schutzfunktionen des südmainischen Raums übernahmen. Sie dürften als römische Verbündete damit Teil der Vorfeldsicherung gegen feindliche Germanenstämme östlich dieser „Pufferzone“ gewesen sein.   Der Bau des Limes als befestigte Grenzwall-Anlage begann erst Anfang/ Mitte des 2. Jh.

Wiesbaden älteste Stadt Hessens

(v.r.) Dr. Daniel Burger, Kurator und SAM-Direktorin Dr. Sabine Philipp erläutern Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende den "Scherbenhaufen" der ältesten römischen Keramik aus Italien  sowie Überreste römischer Sandalen. © Foto Diether v. Goddenthow
(v.r.) Dr. Daniel Burger, Kurator, und SAM-Direktorin Dr. Sabine Philipp erläutern Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende den „Scherbenhaufen“ der ältesten römischen Keramik aus Italien sowie Überreste römischer Sandalen. © Foto Diether v. Goddenthow

In Wiesbaden finden sich die frühesten römischen Spuren einer Siedlung bzw. einer Befestigungsanlage um 6 und 15 n.Chr. auf dem sogenannten Heidenberg sowie im Umfeld des Mauritiusplatzes. Wegen des guten Ausblicks vermutet man auf dem etwa 50 Meter über der Innenstadt ragenden Heidenberg ein römisches Militärlager. Ende des 1. Jahrhunderts wurde an gleicher Stelle dann  ein 2 Hektar großes Stein-Kastell errichtet. Zivile Siedlungen gab es zudem um den Mauritiusplatz herum. Um 1900 fanden sich davon Spuren in Form von hölzernen Plattformen, die auf Eichenpfosten im morastigen Quellwasser-Untergrund als Unterkonstruktion für die Bebauung errichtet waren. Zudem nutzten die Römer Wiesbadens zahlreiche warmen und heißen Quellen zur Entspannung und als Heilquellen.

Der Grabstein des Caius Valerius Crispus

Druck des Grabstein von Caius Valerius Crispus
Druck des Grabstein von Caius Valerius Crispus

Eines der bekanntesten Steindenkmäler aus dem römischen Deutschland, der Grabstein des Caius Valerius Crispus (Standstein, 80/90 n. Chr., Wiesbaden Kranzplatz) wird in einer eins-zu-eins Großaufnahme als Fotodruck gezeigt. Der berühmte Grabstein diente selbst Hollywood schon als Vorlage in Monumentalfilmen wie z.B. dem  Gladiator (2000).

Wiesbadens keltische Wurzeln

Die wenigsten aber wüssten aber, so Burger, dass Wiesbaden eigentlich eine keltische Vergangenheit hat. Die Geschichte beginnt nicht mit den Römern, sondern eigentlich mit den Kelten. „Wir greifen die keltische Kultur über die Gräber in Wiesbaden“, so der Kurator. So gab es ausgedehnte Gräberfelder entlang der Rheinstraße und am Adenauer-Ring sowie im Bereich der Dotzheimer Straße. Zu den gezeigten Fund-Highlights gehören unter anderem ein Gürtelhaken in Entenkopfform (Bronze 450 bis 260 v.Chr., heutige Waldstraße), Fibeln (Bronze 3.-2.Jh v. Chr. Gräberfeld Konrad-Adenauer-Ring), Verschlussknopf eines Halsrings (Bronze 450 – 260 v. Chr. Dotzheimer Straße) u. weitere Funde aus-Wiesbaden-Erbenheim, Wiesbaden-Breckenheim-usw.
Die ältesten Bestattungen gehen bis in das 2.Jh v. Chr. zurück. Ein beeindruckender Armring aus Glas stammt aus einer dieser nachweisbaren frühesten Bestattungen. Er wurde aus einem Stück hergestellt. Er imitiert mit gelber Farbe so auf der Innenseite eine Goldwirkung. Diese vielfältigen Befunde keltischen Ursprungs machen Wiesbaden zur ältesten Stadt Hessens.

Keltische Lese- und Gräberfeld-Funde aus verschiedenen Wiesbadener Stadtteilen belegen die keltischen Wurzeln Wiesbadens seit 460 v. Chr. © Foto Diether v. Goddenthow
Keltische Lese- und Gräberfeld-Funde aus verschiedenen Wiesbadener Stadtteilen belegen die keltischen Wurzeln Wiesbadens seit 460 v. Chr. © Foto Diether v. Goddenthow

Germanische Fundstücke, etwa eine typische Germanische Fibel, Gewandschnallen, die einer heutigen Brosche gleichkommen, zeugen auch von germanischen Leben in Wiesbaden, sei es, dass sie direkt hier oder in der Umgebung siedelten und/oder lediglich mit den Römern Handel getrieben haben, oder ähnlich wie die keltischstämmige ins römische Reich integrierte Bevölkerung teilweise auch in römischen Diensten standen.

Als Göttervater Jupiter keltisch interpretiert wurde

Jupiter als Reiterfigur zeugt vom keltischen Einfluss auch in Glaubensfragen - vielleicht, da auch Kelten in römischen Diensten standen?  © Foto Diether v. Goddenthow
Jupiter als Reiterfigur zeugt vom keltischen Einfluss auch in Glaubensfragen – vielleicht, da auch Kelten in römischen Diensten standen? © Foto Diether v. Goddenthow

Eine kulturelle Vermischung gab es bei soviel Nähe zueinander beinahe zwangsläufig. Sie war eine logische Folge und ist besonders eindrucksvoll nachzuvollziehen auch am Wandel von religiösen Bräuchen. „Rom hatte bekanntermaßen eine sehr liberale Religionsauffassung, solange sich der römische Staat von einer Religionsgruppe  nicht bedroht sah. Rom war es völlig egal, welchen Gott Menschen verehrt haben, so dass es zu einer Religionsverschmelzung kam“, erörtert Burger. Dabei wurden Römische Götter mit einheimischen verknüpft, die Namen mitunter gedoppelt oder zu gallorömischen Göttern (wie z.B. Arvernus oder Arvernorix). Der hier gezeigte Jupiter, so Burger, sei ein Paradebeispiel für diese Verschmelzung gewesen. Dem keltischen Baumkult angelehnt, signalisere die Säule den Baum, und oben reitet Jupiter. „Jupiter im Kampf mit den Giganten, kennen wir aus der griechischen Mythologie. Ein Römer würde einen Jupiter, einen Göttervater, nie auf einem Pferd darstellen, das ist typisch keltisch“, erläutert Burger. Denn in  der römischen Ikonographie wird Jupiter immer auf alten Thronen sitzend gezeigt. „Da haben wir im Grunde diese Verschmelzung“, so Burger, wobei das Schöne ist, dass „wir diese Statue aus Wiesbaden-Schierstein auf den Tag genau datieren können“

Diese und viele weitere interessante Entdeckungen bietet die noch bis zum 31.Juli 2022 gehende Ausstellung im SAM „Keltenland Hessen – Im Spannungsfeld der Kulturen“.

(Dokumentation Diether v. Goddenthow)

Ort:

sam – Stadtmuseum am Markt
Marktplatz
65183 Wiesbaden
Kontakt | Information | Anmeldung
(0611) 44 75 00 60
info@stadtmuseum-wiesbaden.de
www.stadtmuseum-wiesbaden.de
Bitte beachten Sie auch
die aktuellen Hinweise zu Corona
Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag 11–17:00
Donnerstag 11–20:00
Eintritt
6 € | 4 €*
Kombiticket
10 € | 6 €*
Das Kombiticket berechtigt zum Besuch der Ausstellung
»Vorhang auf! 125 Jahre Internationale Maifestspiele«
in den Kurhauskolonaden vom 1.5.–3.7.2022

Weitere Informationen

In der kostenlosen Begleit-Broschüre befinden sich nicht nur wichtige Infos zu allen hessenweit 9 Kelten-Sonderausstellungen. Zudem werden Ausflugs- und Wandervorschläge für die ganze Familie gemacht. Und als kleines Highlight ist am Cover eine Stempelkarte angehängt. Nach wenigstens drei Stempeln der Museen besuchter Keltenausstellungen gibt es als „Trophäe“ ein Replikat einer Keltischen Münze.

9 Ausstellungen auf einen Blick über: Keltenland-Hessen 

 

KELTEN LAND HESSEN – Im Spannungsfeld der Kulturen – SAM Wiesbaden vom 16.3. bis 31.07.2022

keltenland-prospekt250Als Schwerpunkt der  diesjährigen hessenweiten Museumskampagne   „Kelten Land Hessen“  widmet sich das Wiesbadner Stadtmuseum am Markt (SAM) als eines von hessenweit 8 teilnehmenden Museen  vom 16.3. bis 31.07.2022 dem Thema „Die Welt der Kelten zwischen Germanen und Roms Legionen“ (etwa vom 1.Jh. v.Chr. bis 2./3.Jh.n.Chr.). Diese hochspannende Zeit in Hessen und in den angrenzenden Gebieten wird mit Objekten aus der Sammlung Nassauischer Altertümer anschaulich beleuchtet. Teilweise waren die Fundstücke noch nie ausgestellt und werden erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Es ist zugleich erstmals nach 20 Jahren wieder eine archäologische Ausstellung in Wiesbaden, nachdem der frühere Direktor Volker Rattemeyer in den 1990er Jahren zur Umsetzung seiner Idee einer baulichen Erneuerung und neuen konzeptionellen Profilbildung des Museums die bedeutende Antikensammlung aus dem Hessischen Landesmuseum Wiesbaden entfernen und in Depots einlagern ließ. Die gesamte Antikensammlung der Sammlung Nassauischer Altertümer umfasst schätzungsweise gut 250 000 Exponate, genug für ein eigenes längst überfälliges Antiken-Museum in der Landeshauptstadt, vielleicht aber jedoch für eine große Antiken-Abteilung in einem hoffentlich bald neuen, angemessen geräumigen Wiesbadener Stadtmuseum?

Zur Ausstellung:
Zu den Highlights von „Die Welt der Kelten zwischen Germanen und Roms Legionen“ gehören unter anderem Grabfunde aus dem bedeutenden frühkeltischen Fundort Braubach an der Lahn. Den Verstorbenen wurden bronzene Halsringe mit Koralleneinlagen aus dem Mittelmeer sowie stempelverzierte Keramik mitgegeben. Die Braubacher Keramik wurde für eine ganze mitteleuropäische Gefäßgruppe namengebend. Das keltische oppidum auf dem Dünsberg wird mit seinen jüngsten keltischen Fundobjekten ebenso thematisiert, wie die Frage nach einer keltisch-germanischen Vorgängerbesiedlung in Wiesbaden, die sich anhand vorrömischer Grabausstattungen zeigt. Daraus stammende Beigaben, wie ein beeindruckender nahtloser Glasarmring, verdeutlichen die hohe Kunstfertigkeit keltischer Handwerker.
Dazwischen blitzen fremdwirkende Objekte auf, die Hinweise zu eingewanderten germanischen Bevölkerungsteilen aus östlichen Gegenden geben. Erst ab der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts nach Christus werden diese neuen Siedler anhand von Grabfunden deutlich sichtbar.
Schließlich hatte die Ankunft von Roms Legionen im Rhein-Main-Gebiet tiefgreifende Veränderungen zur Folge, die aber nicht zum vollständigen Verschwinden der keltischen Kultur führten. Keltische Gottheiten, römische Alltagsgegenstände wie Keramikgefäße im einheimischen Stil sowie übernommene keltische Begriffe im Lateinischen zeigen, wie die Welt der Kelten in der römischen Zeit weiterlebte.

Ergänzt werden die Objekte aus der Sammlung Nassauischer Altertümer mit Leihgaben aus dem römischen Militärlager aus Dangstetten (BadenWürttemberg), das zu den ältesten in Deutschland gehört. Hier waren vermutlich keltische Reitereinheiten zusammen mit römischen Legionären stationiert. Das Museum Bensheim (Lkr. Bergstraße) stellt einen germanischen
Grabfund zur Verfügung. Reich verzierter Bronzeschmuck aus dem Römerkastell Saalburg verdeutlicht, wie der keltische Kunststil bis in die römische Zeit überdauerte.
Begleitet wird die Sonderausstellung mit Vorträgen und Veranstaltungen. Ein reich bebilderter Katalog, der die Aspekte aller acht Ausstellungen aufgreift, gibt vertiefende Einblicke in die Welt der Kelten in Hessen. Er ist auch im sam erhältlich.

Eröffnet wird die Ausstellung am 15.3.2022, 19:00 Uhr
mit AXEL IMHOLZ, Kulturdezernent der Stadt Wiesbaden, SABINE PHILIPP M.A., Direktorin Stiftung Stadtmuseum Wiesbaden, PROF. DR. UDO RECKER Landesarchäologe von Hessen, und DR. DANIEL BURGER-VÖLLMECKE Kurator Stiftung Stadtmuseum Wiesbaden.

sam – Stadtmuseum am Markt
Marktplatz
65183 Wiesbaden

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(0611) 44 75 00 60
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Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag 11–17:00
Donnerstag 11–20:00
Eintritt
6 € | 4 €*
Kombiticket
10 € | 6 €*
Das Kombiticket berechtigt zum Besuch der Ausstellung
»Vorhang auf! 125 Jahre Internationale Maifestspiele«
in den Kurhauskolonaden vom 1.5.–3.7.2022

Archäologie-Jahr in Hessen widmet sich vom 10. März bis 31.12.2022 den Kelten mit Sonderausstellungen, Mitmachaktionen, Exkursionen und Vorträgen

Ausschnitt aus dem Gruppenbild aller am Projekt „Keltenland Hessen“ aktiv Beteiligter während der Auftaktveranstaltung am 4.08.2021 im Innenhof der Trinkkuranlage Bad Nauheim: In der ersten Reihe v.li.: Angela Dorn, Kunst- und Wissenschaftsministerin, dann hockend:Dr. Vera Rupp, Direktorin der Keltenwelt Glauberg und Sabine Philipp M.A.. Direktorin SAM Wiesbaden. In der hinteren Reihe v.li.: Prof. Dr. Udo Recker, Landesarchäologe von Hessen, Peter Krank, erster Stadtverordneter und Kulturdezernent  Bad Nauheim, Dr. Frank Verse, Direktor des Vonderau Museums Fulda, Dr. Karl-F. Rittershofer, Präsident der Archäologischen Gesellschaft in Hessen, Dr. Wolfgang David, Direktor des Archäologischen Museums Frankfurt.-v.r.: Stephan Medschinski , Wetterauer Archäologische Gesellschaft Glauberg, Dr. Daniel Burger-Völlmecke, Kurator Sammlung Nassauischer Altertümer, Sammlungsbereich Archäologie. © Foto Diether v. Goddenthow
Ausschnitt aus dem Gruppenbild aller am Projekt „Keltenland Hessen“ aktiv Beteiligter während der Auftaktveranstaltung am 4.08.2021 im Innenhof der Trinkkuranlage Bad Nauheim: In der ersten Reihe v.li.: Angela Dorn, Kunst- und Wissenschaftsministerin, dann hockend:Dr. Vera Rupp, Direktorin der Keltenwelt Glauberg und Sabine Philipp M.A.. Direktorin SAM Wiesbaden. In der hinteren Reihe v.li.: Prof. Dr. Udo Recker, Landesarchäologe von Hessen, Peter Krank, erster Stadtverordneter und Kulturdezernent Bad Nauheim, Dr. Frank Verse, Direktor des Vonderau Museums Fulda, Dr. Karl-F. Rittershofer, Präsident der Archäologischen Gesellschaft in Hessen, Dr. Wolfgang David, Direktor des Archäologischen Museums Frankfurt.-v.r.: Stephan Medschinski , Wetterauer Archäologische Gesellschaft Glauberg, Dr. Daniel Burger-Völlmecke, Kurator Sammlung Nassauischer Altertümer, Sammlungsbereich Archäologie. © Foto Diether v. Goddenthow

2022 findet das erste große Archäologie-Jahr in Hessen statt. Für das Projekt „KELTEN LAND HESSEN – Archäologische Spuren im Herzen Europas“ arbeiten Museen, Landesarchäologie, Stadt- und Kreisarchäologie, Forschungseinrichtungen und Vereine zusammen, um das reiche kulturelle Erbe der Kelten in Hessen sichtbar zu machen. Am 4. August 2021, ein halbes Jahr vor dem Start, informierten in Bad Nauheim Kunst- und Kulturministerin Angela Dorn und die Beteiligten die Öffentlichkeit über das einzigartige landesweite Keltenprojekt vom 10. März bis 31.12.2022.

Ein halbes Jahr vor dem Start des ersten großen Archäologie-Jahres in Hessen informierten die Beteiligten gemeinsam mit Kunst- und Kulturministerin Angela Dorn (am Pult) im Konzertsaal der Bad Nauheimer Trinkkuranlage die Öffentlichkeit über das Projekt. © Foto Diether v. Goddenthow
Ein halbes Jahr vor dem Start des ersten großen Archäologie-Jahres in Hessen informierten die Beteiligten gemeinsam mit Kunst- und Kulturministerin Angela Dorn (am Pult) im Konzertsaal der Bad Nauheimer Trinkkuranlage die Öffentlichkeit über das Projekt. © Foto Diether v. Goddenthow

Zudem berichteten Projektpartner an zahlreichen Infotischen über ihre Themen und zeigten eine Auswahl an originalen Fundobjekten. Die Archäologische Restaurierungswerkstatt des Landesamt für Denkmalpflege zeigte Beispiele aus ihrer laufenden Restaurierungsarbeit keltischer Fundstücke für die geplanten Ausstellungen.

Begrüßung

Dr. Vera Rupp, Direktorin der Keltenwelt Glauberg © Foto Diether v. Goddenthow
Dr. Vera Rupp, Direktorin der Keltenwelt Glauberg © Foto Diether v. Goddenthow

Dr. Vera Rupp, Direktorin der Keltenwelt Glauberg, begrüßte gemeinsam mit Peter Krank, Erster Stadtrat und Kulturdezernent der Stadt Bad Nauheim, die Beteiligten des Keltenjahres und zahlreiche Gäste. Dabei machte die maßgebliche Initiatorin des Keltenprojektes einmal mehr deutlich, dass sämtliche Veranstaltungen im kommenden Jahr  unter das Label „Keltenland Hessen – archäologische Spuren im Herzen Europas“ gestellt wurden, um ganz gezielt den Blick auf die bewegte Zeit zwischen 800 vor Christus und den Beginn der Römerzeit am Ende des ersten Jahrhunderts vor Christus zu lenken. Bereits vor drei Jahren beschlossen auf Anregung der Keltenwelt Glauberg hessische Museen, Vereine, Institutionen und zahlreiche ehrenamtlich in der Archäologie Tätige das gemeinsame Kelten-Projekt. Coronabedingt wurde das Keltenjahr dann jedoch um ein Jahr verschoben. Doch die Motivation habe darunter keinesfalls gelitten, im Gegenteil: Die Museumsleute brennen darauf, nach Zeiten des Lockdowns endlich wieder Besucher begrüßen zu dürfen und freuen sich auf das Keltenjahr 2022. Zahlreiche Aktionen seien  geplant, darunter Exkursionen, Ausstellungen, Vorträge und Mitmachaktionen für jeden Geschmack und Alter.

Zu den wichtigsten Projekt-Partnern, so die Keltenwelt-Direktorin, gehören neben den Museen   die „Archäologische Gesellschaft in Hessen“ mit sehr vielen Mitgliedern sowie die Wetterauer Archäologische Gesellschaft Glauberg mit ihrem „Keltenmobil“. Das Keltenmobil werde auch im kommenden Jahr mit von der Partie sein, „und mit ihrem bewährten Vermittlungsprogramm Schulen besuchen“. Das Keltenmobil der Wetterauer Archäologischen Gesellschaft sei das einzige Projekt dieser Art in Hessen, „das mobil ist, und in die Schulen fährt, und dort eben Archäologie und Geschichte vermittelt und ein wenig Werbung für Besuche in Museen und Kultureinrichtungen mache“, so Dr. Vera Rupp.

Programm-Highlights

Auf Infotafeln und -tischen informierten die Museen über ihre Programmschwerpunkte zum Projektjahr Keltenland Hessen. © Foto Heike v. Goddenthow
Auf Infotafeln und -tischen informierten die Museen über ihre Programmschwerpunkte zum Projektjahr Keltenland Hessen. © Foto Heike v. Goddenthow

Neben den geplanten drei zentralen Veranstaltungen in der Keltenwelt Glauberg (Eine neue Zeit beginnt), im Archäologischen Museum Frankfurt (Kelten in Hessen?) und im Vonderau Museum Fulda (Eisen verändert die Welt), wird es auch zahlreiche Präsentationen und Sonderausstellungen in anderen hessischen Museen geben. Beispielsweise plant das Vordertaunusmuseum in Oberursel  die Sonderausstellung „Spuren aus keltischer Zeit im Hochtaunuskreis“ und zum Heide-Oppidum.  Zeiteninsel – Archäologisches Freilichtmuseum Marburger Land verspricht „ die Eisenzeit zum Anfassen“ mit Rekonstruktionen von Haus, Hof und Gärten in Originalgröße. Das Museum Bensheim beteiligt sich mit der Sonderausstellung „Die Kelten an der Bergstrasse“ und das Oberhessische Museum Gießen stellt in den Fokus seiner Ausstellung „Gold im Grab“ das bekannte Muschenheimer Schwert mit seinen spektakulären Goldresten aus der frühen Eisenzeit.  Die Städte und  Kreise Offenbach, Hanau und  Main-Kinzig-Kreis werden mit der Wanderausstellung „Mit dem Spaten ins Feld“ unterwegs sein.

Bronzener Schmuckanhänger des Pferdegeschirrs aus Hofheim. © Foto P. Odvody, hessenArchäologie, Außenstelle Darmstadt.
Bronzener Schmuckanhänger des Pferdegeschirrs aus Hofheim. © Foto P. Odvody, hessenArchäologie, Außenstelle Darmstadt.

Das Wiesbadener Stadtmuseum (SAM) wird von Anfang März bis Mitte August 2022 mit der Sonderausstellung „Hessen im Spannungsfeld der Kulturen“ an die keltischen Wurzeln Wiesbadens in römisch-germanischer Zeit erinnern. Das SAM wird zeigen, wie das Aufeinandertreffen von keltisch, germanisch und römisch geprägten Bevölkerungsteilen in der latènezeitlich geprägten Welt um 50 v. Chr. ein Prozess angestoßen wurde, aus dem neue kulturelle Formen und Traditionen entstanden,  so Dr. Daniel Burger-Völlmecke, Kurator Sammlung Nassauischer Altertümer, Sammlungsbereich Archäologie.

Bad Nauheimer Kelten betrieben größte vorindustrielle Saline Europas

Peter Krank, erster Stadtverordneter und Kulturdezernent  Bad Nauheim. © Foto Diether v. Goddenthow
Peter Krank, erster Stadtverordneter und Kulturdezernent Bad Nauheim. © Foto Diether v. Goddenthow

Wenig bekannt sei auch, dass Bad Nauheim nicht nur Jugendstil- und Sprudel-Bad, sondern auch Keltenstadt sei, weswegen er stolz sei, dass die Kick-off-Veranstaltung des Keltenjahres in Bad Nauheim stattfände, so Kulturdezernent Peter Krank bei seiner Begrüßung. Neben einem Rundweg auf den Spuren der Kelten in Bad Nauheim mit Infotafeln, gibt es einen Keltenpavillon am Gradierwerk I mit einem rekonstruiertem keltischen Siedeofen, Text- und Infotafeln sowie einen Film zum Thema „Keltische Saline“. Im dritten und zweiten Jahrhundert vor Christus haben die Kelten am Ufer der Usa auf der Länge von mehr als einem Kilometer die größte zeitgenössische Saline Europas betrieben. Obgleich die Kelten keine schriftlichen Zeugnisse hinterließen, sei ihr Tun durch archäologische Funde ausreichend belegt: Man fand beispielsweise flache gepflasterte Becken, in denen schwach salzhaltige Sole durch Verdunstung konzentrierte wurde, um den Siedeprozess zu verkürzen. Auch belegten tonnenweise Scherben von nach dem Sieden zerschlagenen Tongefäßen  den Umfang der keltischen   Salzgewinnung.

Europaweite Vernetzung frühkeltischer und mediterraner Kulturen

Angela Dorn, Kunst- und Wissenschaftsministerin. © Foto Heike v. Goddenthow
Angela Dorn, Kunst- und Wissenschaftsministerin. © Foto Heike v. Goddenthow

Kunst- und Wissenschaftsministerin Angela Dorn unterstrich in ihrem Grußwort mit Blick auf Bad Nauheim nochmals die Bedeutung der keltischen Salzgewinnung in Bad Nauheim. „Die Kelten geben der Wissenschaft bis heute Rätsel auf, da sie keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen haben. Wir wissen aber – unter anderem aus den Funden auf dem Glauberg –, dass schon die frühkeltischen Kulturen in Europa untereinander und mit den mediterranen Kulturen vernetzt waren“, erklärt Kunst- und Kulturministerin Angela Dorn. „Die Archäologinnen und Archäologen haben die faszinierende, aber auch oft kleinteilige und zeitintensive Aufgabe, die Vergangenheit anhand der Ausgrabungsergebnisse zu rekonstruieren. Viele Thesen werden im Verlaufe der Forschungen aufgestellt und verworfen, neue Funde können ein ganz anderes Bild ergeben: So ist Wissenschaft. Möglichst viele Menschen in diese Arbeit mit hineinzunehmen, das macht für mich den ganz besonderen Reiz dieses Archäologie- Jahres aus. Es ist eine einmalige Gelegenheit, die reiche Fund- und Forschungslandschaft Hessens für Klein und Groß erlebbar zu machen und vermeintlich Bekanntes aus einer neuen Perspektive zu entdecken.“

Erstmals ein archäologisches Thema  hessenweit im Fokus 

Prof. Dr. Udo Recker, Landesarchäologe von Hessen, © Foto Heike v. Goddenthow
Prof. Dr. Udo Recker, Landesarchäologe von Hessen, © Foto Heike v. Goddenthow

Prof. Dr. Udo Recker, Landesarchäologe von Hessen unterstrich: Mit dem Projekt „Keltenland Hessen – Archäologische Spuren im Herzen Europas“ finden zahlreiche wissenschaftliche Vorhaben in gewisser Weise ein Ende. Gleichzeitig weise das Projekt aber auch in die Zukunft. „Dass wir wissenschaftliche Ergebnisse in Museen präsentieren ist jetzt nichts Außergewöhnliches. Das ist der klassische Auftrag eines Museums, das zu tun und die breite Öffentlichkeit zu informieren. Dass wir das fokussiert auf das Thema Kelten tun, und dass wir das in dieser Breite tun, und dass wir uns praktisch im ganzen Land mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten dem Thema nähern, das ist neu. Das ist das erste Mal der Fall. Und das ist, glaube ich auch, ganz gut gelungen, und das ist ganz toll“, weil es auch die Bedeutung und das Interesse aller an einem solchen Projekt einmal mehr unterstreiche, so der Landesarchäologe in seinem Grußwort.

Kelten seien die Menschen der Eisenzeit

Dr. Frank Verse, Direktor des Vonderau Museums Fulda. © Foto Diether v. Goddenthow
Dr. Frank Verse, Direktor des Vonderau Museums Fulda. © Foto Diether v. Goddenthow

In seiner Einführung ins  „Keltenjahr“ machte Dr. Frank Verse, Direktor des Vonderau Museums Fulda, deutlich, dass es sich bei den Kelten nicht um eine eingewanderte Bevölkerungsgruppe handele: „Mit den Kelten wird die Bevölkerung der Eisenzeit, also die Bevölkerung des 8. bis 1. Jahrhunderts vor Christus, in Verbindung gebracht. Eisen bzw. Eisenerz, komme in der Natur deutlich häufiger vor als Kupfer und Zinn, den Metallen, aus denen Bronze legiert werde. „Dadurch ließ sich Eisen für die damalige Bevölkerung wesentlich leichter und in erheblich größeren Umfang beschaffen, was natürlich auch unmittelbare Auswirkungen auf die Herstellung von Waffen oder eisernen Geräte, und damit letztlich auch auf die Entwicklung der Kultur der Eisenzeit gehabt habe, so Dr. Frank Verse. Die Bedeutung dieses  technologischen Wandels in der Eisenzeit für die Kulturentwicklung machte der Museumsdirektor an einem Beispiel deutlich:
„Noch in der Bronzezeit wurde mit hölzernen Pflügen der Boden bestellt. Und erst in der Eisenzeit kommt der metallene Pflug, die eiserne Pflugschar dazu. Der eiserne Pflug, bzw. der Pflug mit eiserner Schar, ist natürlich deutlich stabiler gewesen, so dass sie wesentlich größere Flächen pro Tag annehmen konnten, und gleichzeitig auch schlechtere Böden bearbeitet werden konnten. Dies führte wiederum zu einer Steigerung des Ertrags und bildete die Grundlage für die Bildung größerer Ansiedlungen. Diese größeren Ansiedlungen mit Menschenansammlungen führten natürlich wiederum dazu, dass mehr Eisen benötigt wurde, und auch mehr Salz zur Konservierung von Lebensmitteln, um auf diese Weise eine Ernährungssicherheit herzustellen. Dies wiederum führte  zur Herausbildung früher Wirtschaftszentren wie hier etwa in Bad Nauheim zur Salzgewinnung oder im Bereich des Lahn-Tals zur Eisenproduktion“, erläuterte der Dr. Frank Verse.
Anhand dieses Beispiels ließe sich doch auch der Keltenbegriff grob erklären, nämlich „dass wir es bei den Kelten nicht mit einer neu eingewanderten Personengruppe zu tun haben, sondern, dass wir es mit einem materiellen und kulturellen Wandel zu tun haben, der im Wesentlichen durch die Eisentechnologie angestoßen wurde“, so Dr. Frank Verse . Dabei gäbe es innerhalb Hessens – mit einem erheblichen Nord-Südgefälle behaftet – deutliche regionale Unterschiede.

Keltenfest am Glauberg - © Foto Diether v. Goddenthow
Keltenfest am Glauberg – © Foto Diether v. Goddenthow

Wandel zur Eisenzeit vergleichbar mit digitalem Wandel
Man habe es zu Beginn der Eisenzeit  mit derselben Menschengruppe zu tun, wie am Ende der Bronzezeit, so der Museumsdirektor. Das belegten auch die Gräberfelder, die einfach am Übergang dieser Zeit Grenzen durchlaufen. Das mache aber die Beschäftigung mit der Eisenzeit umso spannender, „weil es auch deutliche Parallelen zu unserer Gesellschaft der Gegenwart gibt. Wir selber leben am Anfang des digitalen Zeitalters, und erleben bereits jetzt wie sehr diese neue Technik unser Lebens- und Arbeitsumfeld bereits nach wenigen Jahrzehnten umgeändert hat. Auch unsere Kultur befindet sich – ähnlich wie die in der eisenzeitlichen Bevölkerung – in einem starken Umbruch“, so Dr. Frank Verse.

Es ist aber auch kein Zufall, dass sich die Forschung immer wieder mit der Eisenzeit und damit mit den Kelten beschäftigt hat. Das Land Hessen ist dabei besonders gut aufgestellt, da es mit der Keltenwelt am Glauberg sowohl über ein eigenes Spezialmuseum verfügt, also auch mit dem Forschungszentrum eine entsprechende Forschungseinrichtung zu dieser Zeit besitzt. Und es wurde schon erwähnt: Es ist auch tatsächlich das einzige im Bereich der Denkmalpflege mit diesem ausschließlichen Forschungsauftrag, was für die Entwicklung sehr wichtig ist.

Info-Tisch der Restaurierungswerkstatt des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen mit Beispielen ihrer laufenden Restaurierungsarbeiten keltischer Fundstücke.  © Foto Heike v. Goddenthow
Info-Tisch der Restaurierungswerkstatt des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen mit Beispielen ihrer laufenden Restaurierungsarbeiten keltischer Fundstücke. © Foto Heike v. Goddenthow

Neben dem Glauberg mit der berühmten Statue eines Keltenfürsten sind der Dünsberg bei Wetzlar, der Altkönig und das Heidetränk-Oppidum im Taunus oder die Milseburg in der Rhön weitere bedeutende Zeugen keltischer Kultur in Hessen.
(Diether v. Goddenthow)

Informationen
Das Archäologie-Jahr umfasst Sonderausstellungen, Führungen, Mitmach-Aktionen und Vorträge vielerorts in Hessen. Der Veranstaltungskalender wird digital auf www.keltenland-hessen.de, Instagram und Facebook sowie gedruckt u.a. bei den Projektpartnerinnen und -partnern vor Ort zur Verfügung gestellt. Zudem wird es ein Begleitbuch zum Keltenjahr 2022 geben.

www.keltenland-hessen.de

Projektbüro
KELTENWELT AM GLAUBERG
Achäologisches Landesmuseum Hessen
Am Glauberg 1
63695 Glauburg
E-Mail: kontakt@keltenland-hessen.de

„Fatal genial – Ludwig-Hohlwein (1874-1949)“ – SAM Stadtmuseum Wiesbaden ehrt Erfinder des künstlerischen Werbe-Plakats

sam - Stadtmuseum am Markt im historischen Marktkeller am Dern'schen Gelände. © Foto Diether v. Goddenthow
sam – Stadtmuseum am Markt im historischen Marktkeller am Dern’schen Gelände. © Foto Diether v. Goddenthow

Auch das sam – Stadtmuseum am Markt in Wiesbaden ist nach derzeitigem Kenntnisstand bis zum 10. Januar 2021 geschlossen. Bereits begonnene Ausstellungsvorhaben wurden nun trotzdem fertig gestellt.

Zur Wiedereröffnung im kommenden Jahr ist zum einen die Sonderausstellung „Fatal genial – Ludwig-Hohlwein (1874-1949)“ zu sehen. Zum anderen hat die Schatzkammer im Marktkeller eine gestalterische Veränderung erfahren und zeigt als erste Präsentation im neuen Gewand die Ausstellung „Bei Licht besehen – Geweihleuchter aus der Sammlung Nassauischer Altertümer“.

„Fatal genial – Ludwig-Hohlwein (1874-1949)“

hohlwein-olympia-plakat1936Ludwig Hohlwein, geboren am 27. Juli 1874 in Wiesbaden, gilt als einer der großen Erfinder des künstlerischen Werbe-Plakats in Deutschland und Modernisierer der
frisch entdeckten Reklame-Kunst. 1899 ließ er sich in München als Maler, Möbeldesigner und Plakatkünstler nieder. Hohlwein erlangte erste Berühmtheit durch
seine Tiergemälde auf der Großen Berliner Kunstausstellung 1905 und avancierte vom Malerfürst zum Reklame-Gott. Er schuf zahlreiche Stil-Ikonen und prägte wie kein anderer Produktmarken renommierter Firmen. Zusammen revolutionierten sie die Werbegrafik und das Verpackungsdesign, wofür er bis heute berühmt ist. Schon vor 1933
stellte er seine Kunst jedoch auch in den Dienst faschistischer Propaganda. Seiner Geburtsstadt Wiesbaden blieb er zeitlebens durch Aufträge verbunden.

Mit dieser Ausstellung ehrt und beleuchtet das Stadtmuseum Wiesbaden erstmals die Entwicklung und internationale Bedeutung des Verpackungsdesigns dieses genialen Künstlers und wohl ersten Grafiker Ludwig Hohlwein- Mit seinen Werk schrieb er Marken- und Werbegeschichte. Mit zahlreichen Exponaten erinnert die Ausstellung an einen Mann, der vermutlich bis heute einer der prominentesten Söhne dieser Stadt geblieben ist – eine Künstlerpersönlichkeit des 20. Jahrhunderts, die viele Widersprüche in sich vereint.
Detaillierte Infos und Flyer über: Fatal genial – Ludwig-Hohlwein (1874-1949)

SAM – Stadtmuseum am Markt Wiesbaden

Jubiläumsausstellung im SAM „70 Jahre Künstlergruppe50 Wiesbaden 1950 bis 2020″

logo-jubilaeumVom 4. bis 27. September 2020 zeigt die Jubiläumsausstellung der Künstlergruppe50 Wiesbaden mit Malerei, Grafik, Fotokunst, Plastik und Installationen einen Abriss des vielfältigen Schaffens seiner Mitglieder und Mitgliederinnen im „sam – Stadtmuseum am Markt

Namensgebend für die Künstlergruppe50 ist das Jahr ihrer Gründung. 1950 taten sich Wiesbadener Künstlerinnen und Künstler zusammen, um – nachdem die Fesseln der NS-Diktatur abgelegt waren – künstlerisch frei arbeiten zu können. Gründungsmitglieder waren Christa Moering (1916 bis 2013) und der Maler Heinz-Rudi Müller (1919 bis 1992), die beide von Vincent Weber, dem langjährigen Direktor der Wiesbadener Werkkunstschule, ausgebildet wurden.

Ziel der Gruppe war und ist es jedoch nicht, einer gemeinsamen Leitlinie zu folgen, sondern sich gegenseitig auszutauschen, anzuregen und die eigene Individualität beizubehalten. So finden sich innerhalb der Gruppe unterschiedlichste Techniken wieder: Malerei, Grafik, Fotokunst, Plastik und Installationen. So vielseitig verspricht auch die Sonderausstellung im Marktkeller zu werden, die von der Galerie Nero, Susanne Kiessling, kuratiert wird. Der Eintritt in die Ausstellung ist kostenlos möglich.

Eröffnung am 3. September im kleinen Rahmen

Auf Grund der Corona-bedingten Verordnungen kann die Eröffnung am 3. September nur mit einer begrenzten Teilnehmerzahl und auch nur mit angemeldeten Teilnehmern stattfinden. Weitere Informationen entnehmen Sie bitte der Einladungskarte. Hierzu noch der Hinweis, dass die ersten beiden Zeit-Intervalle bereits ausgebucht sind, was auch an der Gruppengröße der Künstlergruppe liegt. Anmeldungen daher bitte nur noch ab 19 Uhr, wir bitten um Ihr Verständnis.

Während der Ausstellungszeit werden die Grußworte der Eröffnung, die Einführung in die Ausstellung des Kunsthistorikers Dr. Peter Lodermeyer sowie der Trailer des Dokumentarfilms über die Künstlergruppe50 Wiesbaden von Stella Tinbergen den Besucherinnen und Besuchern auf unserer Leinwand zur Verfügung stehen.

Weitere Informationen unter https://www.wiesbaden.de/microsite/sam/ausstellungen/content/kuenstlergruppe-50.php

Begleitprogramm zur Ausstellung

  • Stephan Wiesehöfer, ehemals Redakteur des ZDF, ruft im Stadtmuseum das Stadtgespräch ins Leben.
  • 8. September 2020, 18 Uhr – Stadtgespräch im sam mit Ricarda Peters und Roman R. Eichhorn
  • 15. September 2020, 18 Uhr – Stadtgespräch im sam mit Horst Reichard und Titus Grab
  • 22. September 2020, 18 Uhr – Stadtgespräch im sam mit Petra von Breitenbach und Tom Sommerlatte

Weitere Informationen und Details zum Begleitprogramm finden Sie hier

SAM Wiesbaden präsentiert verborgene Schätze aus Frühgeschichte, Römerzeit und Frühmittelalter der Sammlung nassauischer Altertümer

Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums zeigt das Stadtmuseum die Sonderausstellung "Eine Schatz-Insel für die Sammlung Nassauischer Altertümer" vom 15. Juli 2020 bis 15. Juli 2021 mit herausragenden  Objektne. © Foto: Diether v. Goddenthow
Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums zeigt das Stadtmuseum die Sonderausstellung „Eine Schatz-Insel für die Sammlung Nassauischer Altertümer“ vom 15. Juli 2020 bis 15. Juli 2021 mit herausragenden Objektne. © Foto: Diether v. Goddenthow

Endlich dürfen die „Alten Schätze“ der Sammlung Nassauer Altertümer nach und nach wieder ans Licht der Öffentlichkeit, seit sie in den 1990er Jahren der konzeptionellen Profilbildung des Hessischen Landes-Museums Wiesbaden zum Opfer fielen und in Depots verschwanden. Damit bestand die Gefahr, dass die 340 000 Exponate der SNA drohten, gänzlich aus dem öffentlichen Blickfeld  zu fallen. Denn es sei tatsächlich so, dass Dinge, „wenn man sie nicht sieht, auch in Vergessenheit geraten“ betonte Museumdirektorin Dr. Sabine Philipp bei ihrer Begrüßung von Vorstands-Mitgliedern des Fördervereins Stadtmuseum, des Vereins für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung e.V. sowie von Vertretern des Hessischen Ministeriums für Kunst und Wissenschaft und der Stadt Wiesbaden anlässlich der coronabedingt nicht öffentlichen Ausstellungs-Eröffnung am 15. Juli 2020 im Wiesbadener sam-Stadtmuseum am Markt.

Bügelfibel 5. bis 7. Jh. n. Chr. Fundort: Oberlahnstein 1885. © Foto: Diether v. Goddenthow
Bügelfibel 5. bis 7. Jh. n. Chr. Fundort: Oberlahnstein 1885. © Foto: Diether v. Goddenthow

Es war Frau Dr. Sabine Philipps Idee, das 100jährige Jubiläum der Sammlung zum Anlass zu nehmen, mit einer Reihe Sonderausstellungen auf die Geschichte und Bedeutung der SNA hinzuweisen. Das sei so kurzfristig nur möglich gewesen, so die Museumsdirektorin, da seit 1. Mai Dr. Daniel Burger-Völlmecke das sam -Team unterstützt. Er hat Ausstellung konzipiert und kuratiert: die Objektauswahl getroffen und Texte verfasst. Der neue wissenschaftliche sam -Mitarbeiter ist Archäologe, Frühgeschichtler und insbesondere Römerspezialist und wechselte von der Goethe-Universität Frankfurt nach Wiesbaden.

Dr. Rolf Faber, Ltd. Ministerialrat a.D., Vorsitzender des Vereins für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung e. V. © Foto: Diether v. Goddenthow
Dr. Rolf Faber, Ltd. Ministerialrat a.D., Vorsitzender des Vereins für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung e. V. © Foto: Diether v. Goddenthow

In seinem Grußwort dankte der Vorsitzender des Vereins für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung e. V. Dr. Rolf Faber, Ltd. Ministerialrat a.D., der Museumsdirektorin und ihrem sam -Team ganz herzlich, „für die Initiative, die Sie ergriffen haben, die ‚Alten Schätze‘ verstärkt wieder ans Licht zu rücken“. Dr. Faber wies zugleich einmal mehr darauf hin, dass der 1812 gegründete Verein für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung e.V. Deutschlands ältester Geschichtsverein ist und von Anbeginn an eng mit der Sammlung Nassauischer Altertümer verbunden war. Es sei unbegreiflich, so Faber fortfahrend, dass eine so renommierte Sammlung von internationalem Ruf, die in einem eigenen Museumsflügel auf drei Etagen präsentiert und unzähligen Schülergenerationen Geschichte begreifbarer gemacht habe, einfach aus dem Museum genommen wurde und untergehen konnte und „bis heute in Magazinen liegt, und nicht in einem Museum untergekommen ist“, obgleich damals alles hierfür da war: „Das Grundstück war da. Es war auch das Geld da – 30 Millionen waren damals vorhanden. Und dann ist das Ganze abgesagt worden“, ärgert sich Faber. Eigentlich habe ja das Land Hessen, welches im Vertrag die Aufsicht hatte, darauf bestanden, „dass ein großes Museum für die Sammlung gebaut wird, nachdem die Sammlung wieder an die Stadt Wiesbaden zurück übertragen worden ist. Leider ist das alles nicht verwirklicht worden aus politischen Gründen“, erinnert sich Faber und fügt hinzu, „dass alle diejenigen, die sich mit der Vergangenheit unseres Landes beschäftigen, eigentlich gar nicht verstehen können, dass wir in einer solchen Stadt kein ansprechendes Museum haben, das die Schätze zeigt“. Das Interesse der Wiesbadener an ihrer Geschichte sei riesig, das zeigten auch die stets bestens ausgebuchten Vorträge im Hessischen Hauptstaats-Archiv, insbesondere, wenn die renommierte Wiesbadener Archäologin Dr. Margot Klee zum Thema „Wiesbaden in der Römerzeit“ spreche, „ dann ist das Haus gesprengt“, so Faber.

Exponate aus der Eisenzeit, zirka 6. bis 5. Jh. v. Chr. © Foto: Diether v. Goddenthow
Exponate aus der Eisenzeit, zirka 6. bis 5. Jh. v. Chr. © Foto: Diether v. Goddenthow

Deswegen sei es gut, aus Anlass des 100jährigen Jubiläums „auf diese Sammlung hinzuweisen, und zu zeigen, was eben gesammelt worden ist, und welche Schätze da sind“. Wie man am Beispiel der fast 2.000 Jahre alten bronzenen Tür, die jahrelang in unserem Depot lagerte, und nun nach Mainz gegangen ist, sehe, greife man auf die international renommierte Sammlung Nassauischer Altertümer zurück. Aber manchmal, so der Vereinsvorsitzende, müsse eingestanden werden: „Nein, wir wissen gar nicht, wo etwas ist, in welchem Magazin!“. Das sei, gelinde gesagt, „eigentlich blamabel für eine solche Stadt wie Wiesbaden!“. Es ist katastrophal wie diese Sammlung behandelt worden ist. Aber „wir vom Verein konnten nichts machen“, da die Erneuerungsaktion vom Land Hessen damals abgedeckt war, bedauerte der Vereinsvorsitzende, betonte aber: „Lasst uns aber lieber in die Zukunft schauen“.

sam-Museumdirektorin Dr. Sabine Philipp © Foto: Diether v. Goddenthow
sam-Museumdirektorin Dr. Sabine Philipp © Foto: Diether v. Goddenthow

Diese Zukunft, mit dem Wunschziel, bis 2030 das neue Museum für die SNA realisiert zu haben, hat nun begonnen mit der Sonder-Ausstellung „Eine Schatz-Insel für die Sammlung Nassauischer Altertümer“. Präsentiert wird eine feine Auswahl außergewöhnlicher Objekte von der Frühgeschichte über die Römer bis zum frühen Mittelalter. Dies sei der erste Schritt, so Dr. Philipp. „Nächstes Jahr wollen wir dann anknüpfen mit dem zweiten Obergeschoss, welches damals im Museum Wiesbaden dem Kunsthandwerk und Alltagsgegenständen gewidmet war. So dass man nach und nach eine Ahnung bekommt, was damals auch zu sehen war, und was wir immer noch haben“, so die Museumsdirektorin.

Impression der Sonderausstellung "Eine Schatz-Insel für die Sammlung Nassauischer Altertümer" vom 15. Juli 2020 bis 15. Juli 2021.© Foto: Diether v. Goddenthow
Impression der Sonderausstellung „Eine Schatz-Insel für die Sammlung Nassauischer Altertümer“ vom 15. Juli 2020 bis 15. Juli 2021.© Foto: Diether v. Goddenthow

Auch wäre es wichtig, dass die Objekte nicht nur der breiten Öffentlichkeit, sondern auch der wissenschaftlichen Forschung zugänglich gemacht würden. Regelmäßige Leihanfragen aus dem In- und Ausland belegten die Bedeutung der Sammlung. Viele herausragende Museen kämen bei der Konzeption von Sonderausstellungen nicht ohne Fundstücke der SNA aus. Zahlreiche Exponate befänden sich als Leihgabe in Dauerausstellungen großer Häuser, das uns noch einmal mehr bestätigt, „was für herausragende Schätze wir haben“, erläuterte Dr. Philipp. Aber das stelle das sam -Team zugleich auch vor ganz praktische Herausforderungen, da man an den Großteil der Sammlungsgegenstände gar nicht heran käme. Diese befänden sich nämlich immer noch weitestgehend im selben Zustand, wie sie vor 10 Jahren in Kisten verpackt wurden, beklagte die Museumsdirektorin. In den vergangenen 10 Jahren seien von den rund 340 000 Sammlungsgegenständen erst gerade mal 10 Prozent digital erfasst worden. Die Stücke seien einzeln fotografiert, digital erfasst und mit neuen Inventarnummern versehen worden, um sie in der Datenbank schnell wieder finden zu können, so Dr. Philipp. Das heißt: Um die gesamten Objekte auch der wissenschaftlichen Forschung besser und schneller zugänglich machen zu können, müsste eine Großinventarisierung stattfinden und hierzu ein Digitalisierungsprojekt angestoßen werden. Dies würde sich, von der Öffentlichkeit unbemerkt, im Hintergrund abspielen. Umso wichtiger sei es auf der anderen Seite, „immer wieder Ausstellungen und Führungen wie die jetzige SNA-Sonderausstellung „zu machen, um auf die Sammlung hinzuweisen.“

(Diether v. Goddenthow /Rhein-Main.Eurokunst )

Ort:
sam160sam – Stadtmuseum am Markt
Eingang Dern’sches Gelände

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr und Donnerstag von 11 bis 20 Uhr.
Für den Besuch im Stadtmuseum gelten die allgemeinen Hygieneverordnungen (Mund-Nasen-Schutz, Abstandshaltung).

 

Weiterführende Informationen: zur Geschichte der SNA und aktuellen Ausstellung „Eine Schatz-Insel für die Sammlung Nassauischer Altertümer“

Grußwort von  Axel Imholz, Kulturdezernent und Kämmerer der Landeshauptstadt Wiesbaden