Kategorie-Archiv: KeltenLandHessen

Kuratoren-Führung durch die Sonderausstellung „Im Spannungsfeld der Kulturen“

Als Bekrönung reitet Jupiter über einen schlangenförmigen Giganten – Die Römische Jupiter-Gigantensäule von Wiesbaden-Schierstein, Symbol der Verschmelzung römischer und keltischer Religion, ist eines der Highlights der Ausstellung „Keltenland Hessen – Im Spannungsfeld der Kulturen“ ab 16.3.2022 im SAM © Foto Diether v. Goddenthow
Als Bekrönung reitet Jupiter über einen schlangenförmigen Giganten – Die Römische Jupiter-Gigantensäule von Wiesbaden-Schierstein, Symbol der Verschmelzung römischer und keltischer Religion, ist eines der Highlights der Ausstellung „Keltenland Hessen – Im Spannungsfeld der Kulturen“ ab 16.3.2022 im SAM © Foto Diether v. Goddenthow

Am Sonntag, 31. Juli, um 15 Uhr führt der Kurator Dr. Daniel Burger-Völlmecke durch die aktuelle Sonderausstellung des Stadtmuseums „Im Spannungsfeld der Kulturen“, die im Rahmen des KELTEN LAND HESSEN bis zum 31.Juli 2022 gezeigt wird. Der Eintritt in die Ausstellung und für die Führung frei.

Die Ausstellung ist Teil des ersten archäologischen Jahres in Hessen „Kelten Land Hessen – Archäologische Spuren im Herzen Europas“, bei der zahlreiche Forschungseinrichtungen und Museen neue Erkenntnisse über die Zeit der Kelten im heutigen Hessen präsentieren.

Um Anmeldung zur Führung wird gebeten unter info@stadtmuseum-wiesbaden.de oder unter Telefon (0611) 44750060.

Keltenland Hessen –Im Spannungsfeld der Kulturen – Das SAM zeigt im Rahmen des Hessischen Archäologie-Jahrs Wiesbadens keltische und römische Wurzeln

Als Bekrönung reitet  Jupiter über einen schlangenförmigen Giganten -  Die Römische Jupiter-Gigantensäule von Wiesbaden-Schierstein, Symbol der Verschmelzung römischer und keltischer Religion, ist eines der Highlights der Ausstellung "Keltenland Hessen - Im Spannungsfeld der Kulturen" ab 16.3.2022 im SAM © Foto Diether v. Goddenthow
Als Bekrönung reitet Jupiter über einen schlangenförmigen Giganten – Die Römische Jupiter-Gigantensäule von Wiesbaden-Schierstein, Symbol der Verschmelzung römischer und keltischer Religion, ist eines der Highlights der Ausstellung „Keltenland Hessen – Im Spannungsfeld der Kulturen“ ab 16.3.2022 im SAM © Foto Diether v. Goddenthow

Mit zum Teil sensationellen Exponaten zeigt das sam – Stadtmuseum am Markt in Wiesbaden eine Sonderausstellung zu den keltischen und römischen Wurzeln im Rhein-Main-Gebiet .. Die Ausstellung ist eingebunden in das erste hessenweite Archäologie-Jahr. Gemeinsam mit acht weiteren Standorten wird der Öffentlichkeit die Welt der Kelten von 800 v. Chr. bis in das 1. Jahrhundert n. Chr. in einem ganz neuen Licht präsentiert.

„Für uns ist das eine ganz besondere Ausstellung, weil sie zum ersten Mal auch eine Ausstellung ist, die wir im großen Verbund mit anderen Archäologie-Museen begehen“, freut sich Museumsdirektorin Dr. Sabine Philipp, die eine Beteiligung an dem ersten Archäologie Jahr Hessen vor allem auch deswegen ganz toll findet, „weil wir über diese unglaubliche Sammlung Nassauer Altertümer verfügen“. Zudem habe es in der Tat noch nie zu den Kelten in Hessen eine Ausstellung gegeben, und, seit 2003 die Archäologie-Sammlung aus dem Hessischen Landesmuseum Hessen quasi verschwand und weggepackt wurde, habe es bald 20 Jahre lang in der Landeshauptstadt Wiesbaden keine Archäologie-Ausstellung mehr gegeben, am Sitz der Hessen-Archäologie im Landesamtes für Denkmalpflege. Also auch in dieser Hinsicht sei die Ausstellung im SAM nicht nur für die Öffentlichkeit, sondern auch für uns, für die Stadt Wiesbaden und HessenArchäologie natürlich etwas ganz Besonderes, so die SAM-Direktorin. „Die Wissenschaftliche Forschung weiß ja schon seit Langen, was sie für Schätze haben an diesen Sammlungen, aber die breite Öffentlichkeit eben nicht.“, so Dr. Philipp. Insofern hofften sie, dass die Sammlung eben auch im Verbund mit den vielen anderen großen archäologischen Museen (Frankfurt, Fulda, Gießen, Glauburg usw,) wieder mehr in den Blick der Öffentlichkeit gerate.

Motiv-KeramikPhalere-250Eine besondere Herausforderung war, den Archäologischen Teil der quasi „eingemotteten“ Sammlung Nassauischer Altertümer auf Herz und Nieren hin zu prüfen, „welche Exponate für unsere Ausstellung besonders interessant sind“. Bei 240 000 Sammlungs-Teilen, davon zumeist wissenschaftlich noch unbearbeitete Funde von Archäologen, die bis 1902 gegraben haben, war das für  Dr. Daniel Burger-Völlmecke, Kurator Stiftung Stadtmuseum Wiesbaden, eine regelrechte Herkules-Aufgabe. Wochen hat er in Depots verbracht und in Kleinstarbeit recherchiert, bewertet und herausgefiltert. Dabei hat er auch Sensationelles entdeckt, etwa einen hochpolierten Schädel des in Hessen bis dato nicht nachweisbaren keltischen Schädelkultes. „Wir haben natürlich auch einige dieser Objekte verliehen. Sie können auch Teile der Sammlung in Glauberg oder auch Fulda besichtigen“, freut sich die SAM-Direktorin.

Im Spannungsfeld der Kulturen

Im sam – Stadtmuseum am Markt wird diese hochspannende und dynamische Zeit mit Objekten aus der Sammlung Nassauischer Altertümer sowie mit Leihgaben aus anderen Häusern anschaulich beleuchtet. Welche Hinterlassenschaften sind von der späten keltischen Welt geblieben? Woher kamen die Germanen? © Foto Diether v. Goddenthow
Im sam – Stadtmuseum am Markt wird diese hochspannende und dynamische Zeit mit Objekten aus der Sammlung Nassauischer Altertümer sowie mit Leihgaben aus anderen Häusern anschaulich beleuchtet. Welche Hinterlassenschaften sind von der späten keltischen Welt geblieben? Woher kamen die Germanen? © Foto Diether v. Goddenthow

„Im Grunde setzen wir dort an, wo das Keltenmuseum Glauberg aufhört“, so Kurator Dr. Daniel Burger beim Presse-Rundgang. Während die Keltenwelt am Glauberg einmal die komplette keltische Zeit abbilde, also die ältere Eisenzeit von 800 v. Chr. bis um Christi Geburt, betrachte das SAM, so Burger, die spätkeltische Zeit ungefähr von 200  v. Chr. bis ins 1 Jh n. Chr., insbesondere dabei auch, „wie die keltische Kultur im Römischen weiterleben durfte“.

Die keltische Zeit war vor allem geprägt von mächtigen Höhensiedlungen, wie auf dem Dünsberg bei Gießen in Mittelhessen, so Burger. Man habe auf Höhenrücken gewaltige Ringwallanlagen als große Zentralorte errichtet, die bereits weitreichende Verbindungen gehabt haben und Handel betrieben bis ins Mittelmeergebiet, bis nach Frankreich und nach Südosteuropa.

Dr. Daniel Burger-Völlmecke, Kurator Stiftung Stadtmuseum Wiesbaden, beim Presse-Rundgang. © Foto Diether v. Goddenthow
Dr. Daniel Burger-Völlmecke, Kurator Stiftung Stadtmuseum Wiesbaden, beim Presse-Rundgang. © Foto Diether v. Goddenthow

Obwohl es viele Vorurteile über Kelten gäbe, etwa sie „hätten lange Zottelhaare, ungepflegte Bärte, kämpften mit nacktem Oberkörpern usw.“ blieben Antworten, wer die Kelten eigentlich waren, eher diffus, so Burger. Deswegen sei andererseits das Thema Kelten auch so beliebt, „weil sie sehr mystisch daher kommen“. Ein Grund sei, dass die Kelten keine eigene Schriftkultur hatten, so dass alles Überlieferte, was wir von den Kelten wissen, durch die Brille Dritter, nämlich von griechischen und römischen Autoren stamme. In den ersten griechischen Quellen, etwa 500 v. Chr., wird ein Volk „Keltoi“ oder Galatai (Galater) beschrieben, dass jenseits der Alpen im Quellgebiet der Donau und im Hinterland der griechischen Kolonie „Massalia“, dem heutigen Marseille, siedelte. In  der späteren lateinischen Hauptschriftquellen ist von „Galli“ oder „Celtae“ die Rede, etwa in den Beschreibungen der Kelten in Cäsars „Gallischen Krieg“. Dargestellt werden sie häufig mit den klassischen griechisch-römischen Vorurteilen gegenüber vermeintlich unterlegenen und primitiveren Kulturen. Zahlreiche Klischees haben sich bis heute gehalten: Asterix lässt grüßen!

Aus archäologischer Perspektive spricht man von keltischen Kulturen seit dem Aufkommen des neuen Werkstoffes Eisen um 800 v. Chr., der die Bronze als Hauptmetall ablöste und damit zu tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen führte. Benannt nach den bedeutenden Fundstellen Hallstatt in Österreich und Latène in der Schweiz, wird archäologisch in den älteren Abschnitt der Eisenzeit, in die sogenannte „Hallstattzeit“ (800 bis 450 v. Chr.) und in die jüngere Eisenzeit, in die Latènezeit (450 – 15 v Chr.), unterschieden. Dabei spricht man erst ab 500 v.Chr. von den Kelten, die mit der Latènezeit gleichgesetzt werden.

"Charakterisiert wird die Latènezeit durch einen ganz bestimmten „sehr verspielten Kunststil mit Fabelwesen, mit Mischwesen, und  sehr, sehr viel Ornamentik“, so Burger
„Charakterisiert wird die Latènezeit durch einen ganz bestimmten „sehr verspielten Kunststil mit Fabelwesen, mit Mischwesen, und sehr, sehr viel Ornamentik“, so Burger

Charakterisiert wird die Latènezeit durch einen ganz bestimmten „sehr verspielten Kunststil mit Fabelwesen, mit Mischwesen und sehr, sehr viel Ornamentik“, so Burger. Diese Sachkultur ziehe sich von Irland bis Italien und von der Atlantikküste bis an das Schwarze Meer. Im Grunde weise ganz Mitteleuropa diesen latènzeitlichen Kunststil auf, so der Kurator. Die europäische Eisenzeit sei eine der spannendsten und facettenreichsten Epochen der europäischen Vor- und Frühgeschichte. Hessen liege mit den nördlichsten Keltensiedlungen bei Fulda und in der Rhön (Milseburg, Sünna, Hünfeld-Mackenzell) an der Peripherie dieses latènezeitlichen Stils, so Burger.

Die Kelten waren jedoch kein zusammenhängendes Volk. Sie stammten aus vielen, vielen verschiedenen Völkern, wie uns Cäsar überliefert hat. Und Cäsar hat, das prägt uns bis heute, in seinen Berichten vom Gallischen Krieg festgelegt: links des Rheins leben die Kelten, rechts des Rheins leben die Germanen. Dass das nicht so war, wusste Cäsar damals schon, so Burger. Von der Archäologie konnten wir nachvollziehen, dass sowohl rechts des Rheins auch Kelten lebten, Wir haben ja in Hessen keltische Funde. Und links des Rheins lebten genauso gut auch Germanen. Und der Rhein war keine starre Grenze gewesen.

Gallien u die ueberlieferten Staemme zur Zeit Caesars. © Foto Heike v. Goddenthow
Gallien u die ueberlieferten Staemme zur Zeit Caesars. © Foto Heike v. Goddenthow

„Cäsar brauchte aber aus propagandistischen Gründen, um seinen Militärfeldzug in Gallien zu rechtfertigen, ‚um die Stämme der Gallier und Kelten zu befrieden‘, wie er es genannt hat“, diese Legende, um zum Rhein vorzudringen zu können. „Das war seine Begründung, dass rechts des Rheins keine Kelten siedelten., erläutert Burger.

Kelten sahen sich selbst nicht als Kelten, sondern als Stammesmitglieder. Die Bezeichnung „Keltoi“ war stets die Zuschreibung Dritter auf diese in Stämmen organisierten angestammten Einwohner. Dennoch bildeten die keltischen Stämme in Sprache, Religion, Mythologie sowie Kunst und Kultur ein „Großgebilde“, eine Art mitteleuropäische latènezeitliche Völkerschaft, die aber in genetischer Hinsicht nicht unbedingt miteinander verwandt war. „Ob sie sich doch irgendwie als große Gemeinschaft identifiziert haben, wissen wir nicht genau“, so der Kurator.

Auf der Stufe zur Hochkultur
Wenngleich die Kelten in den klassischen griechisch-römischen Schriften oftmals mit abwertenden Vorurteilen dargestellt wurden, standen sie „ im Grunde auf der Stufe zur Hochkultur. Wir haben diese Zentralorte, diese sogenannten Opida, befestigte Höhensiedlungen. Wir haben ein sehr differenziertes Gesellschaftsbild. Wir haben weitreichende Handelsnetze, Aufbau des Straßensystems. Wir haben ein Münzwesen, das am Anfang stand. Im Grunde waren die Kelten wirklich auf der Stufe zur Hochkultur. Die Schriftkultur fehlte dafür. Vor allem wurde mündlich überliefert.“, so Burger.

Das keltische Münzewesen. © Foto Heike v. Goddenthow
Das keltische Münzewesen. © Foto Heike v. Goddenthow

Die frühesten keltischen Münzen wurden um 300 v. Chr. in Westfrankreich nach Heimkehr keltischer Söldner aus dem Mittelmeerraum als Duplikate von griechischen Herrschern wie Philipp II. von Makedonien (359 – 336 v.Chr.) oder Alexander dem Großen (356 – 323 v. Chr.) geprägt. Im Laufe der Zeit verfremdeten sie die Bildmotive bis zur Unkenntlichkeit im typischen keltischen Kunststil, wodurch eine eigene Formensprache entstand. Auch die Prägetechnik hatten die rückkehrenden Söldner aus dem Mittelmeerraum mit impoertiert.

Die Braubacher Keramik

Braubacher Keramik © Foto Diether v. Goddenthow
Braubacher Keramik © Foto Diether v. Goddenthow

Ein Highlight der Keltenausstellung im SAM Wiesbaden bilden die gezeigten Fundstücke aus frühkeltischen Brand- und Körper-Gräbern von Brauchbach (15 km südlich von Koblenz), darunter die Brauchbacher Schale, nach der eine ganze Keramikgattung benannt wurde. Die im SAM ausgestellten Grab-Beigaben stammen größtenteils aus dem Männergrab Nr. 22, das zu den bedeutendsten der Braubacher Gräber gehört und zwischen 260 und 190 v. Chr. datiert wird.

Sensationeller Fund zum keltischen Schädelkult in Hessen

Mit diesem polierten keltischen Schädel gelang Dr. Daniel Burger im Vorfeld der Ausstellung ein sensationeller Fund in der Sammlung Nassauischer Altertümer. © Foto Diether v. Goddenthow
Mit diesem polierten keltischen Schädel gelang Dr. Daniel Burger im Vorfeld der Ausstellung ein sensationeller Fund in der Sammlung Nassauischer Altertümer. © Foto Diether v. Goddenthow

Aus der antiken Literatur und aufgrund archäologischer Funde in Frankreich ist bekannt, dass die Kelten „einen“ Schädelkult hatten. „Die Kelten haben einmal einen Ahnenkult betrieben, und die Schädel ihrer Ahnen, entsprechend hergerichtet und präpariert, präsentiert. Aber andererseits haben sie auch, was brutal war, ihre Feinde öffentlich ausgestellt in Form einer Schädeltrophäe. Die Römer berichten ganz empört darüber“, so Burger. Dem Kurator gelang, wie  gesagt, im Zuge der Ausstellungsvorbereitung beim unermüdlichen Sichten der unzähligen archäologischen Fundstücke der Sammlung Nassauer Altertümer ein Sensationsfund. Denn „in Hessen war der Schädelkult bisher nicht bekannt gewesen“, erläutert der Kurator: „Man hat es vermutet, man hatte aber keinen Nachweis dafür. Aber wir haben im Zug der Ausstellungsvorbereitung in einer Alten Kiste von Grabungen von 1902 diesen Schädel gefunden, so wie er damals verpackt wurde. Der ist hochpoliert, und die hintere Schädelkalotte wurde entlang der Kranznaht senkrecht entfernt. Wir können den Schädel, so wie er ist, in eine Nische hineinstellen oder sogar vielleicht als Schädelmaske tragen“.
Ein zweiter, 2008 bei Einhausen nahe Darmstadt gefundener Schädel kann  als Foto oder vom 17. Juli bis 13. Nov. 2022 im Original als Teil der Kelten-Land-Hessen-Ausstellung im Museum Bensheim betrachtet werden kann. Da dieser Schädel auf einen Pfosten geschlagen war, wird vermutet, dass er als Trophäe eines getöteten Feindes zur Schau gestellt wurde.

Im Spannungsfeld der Kulturen

Ausstellungs-Impression römisch-keltisch-kulturelle Verschmelzung. © Foto Diether v. Goddenthow
Ausstellungs-Impression römisch-keltisch-kulturelle Verschmelzung. © Foto Diether v. Goddenthow

Der Schwerpunkt der SAM-Keltenausstellung zielt auf das Spannungsfeld der hierzulande aufeinandertreffenden Kulturen, nämlich, welche tiefgreifenden Veränderungen es für die keltischen Stämme bedeutete, als Rom aus dem Süden seinen Machtbereich stetig weiter ausdehnte und unter Julius Caesar erstmals das Gebiet des heutigen Hessens betrat, während aus dem Norden germanische Siedler einwanderten. Damit wurde ein Prozess von kulturellen Veränderungen angestoßen, der bis in das 1. Jahrhundert n. Chr. andauerte. Das Ergebnis war eine römisch-germanisch geprägte Welt mit keltischen Wurzeln.

Mit der Rheinüberquerung Caesars setzten römische Truppen erstmals 55 v. Chr. ihren Fuß auf hessischen Boden. Zwischen 12 u 9 v. Chr. gründete der römische Feldherr Drusus das „Castellum Mattiacorum“ im heutigen Mainz-Kastell und um 4 v.Chr. bei Waldgirmes (Lanau bei Wetzlar) die allererste römische Siedlung rechts des Rheins im heutigen Hessen. Diese wurde jedoch nach der verlorenen Varusschlacht gegen 16 n. Chr. wieder aufgegeben. Unter anderem wurde 2009 auf einem Acker der Pferdekopf des ehemaligen, beim Rückzug in einen Brunnen versenkten, Reiterstandbildes Kaiser Augustus entdeckt. Nach einer aufwändigen Restaurierung kann dieser seit 2018 in der Saalburg besichtigt werden.

Germanische Keramik aus der römischen Siedlung von Lahnau-Waldgirmes um 4 v. Chr. - ca. 16 n. Chr. zeugen vom zeitweiligen Zusammenleben von Römern und Germanen. © Foto Diether v. Goddenthow
Germanische Keramik aus der römischen Siedlung von Lahnau-Waldgirmes um 4 v. Chr. – ca. 16 n. Chr. zeugen vom zeitweiligen Zusammenleben von Römern und Germanen. © Foto Diether v. Goddenthow

Zahlreiche Fragmente germanischer Keramik sowie Häuser in einheimischer Bautechnik belegen das Zusammenlegen von Römern und Germanen in der Siedlung.

Man nimmt an, dass einige, mit den Römern kooperierende germanische Stämme, die etwa ab 17/20 n. Chr. bis ins Rhein-Main-Gebiet hinein siedelten, unter Aufsicht der römischen Verwaltung und vermutlich mit vertraglichen Vereinbarungen dort Schutzfunktionen des südmainischen Raums übernahmen. Sie dürften als römische Verbündete damit Teil der Vorfeldsicherung gegen feindliche Germanenstämme östlich dieser „Pufferzone“ gewesen sein.   Der Bau des Limes als befestigte Grenzwall-Anlage begann erst Anfang/ Mitte des 2. Jh.

Wiesbaden älteste Stadt Hessens

(v.r.) Dr. Daniel Burger, Kurator und SAM-Direktorin Dr. Sabine Philipp erläutern Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende den "Scherbenhaufen" der ältesten römischen Keramik aus Italien  sowie Überreste römischer Sandalen. © Foto Diether v. Goddenthow
(v.r.) Dr. Daniel Burger, Kurator, und SAM-Direktorin Dr. Sabine Philipp erläutern Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende den „Scherbenhaufen“ der ältesten römischen Keramik aus Italien sowie Überreste römischer Sandalen. © Foto Diether v. Goddenthow

In Wiesbaden finden sich die frühesten römischen Spuren einer Siedlung bzw. einer Befestigungsanlage um 6 und 15 n.Chr. auf dem sogenannten Heidenberg sowie im Umfeld des Mauritiusplatzes. Wegen des guten Ausblicks vermutet man auf dem etwa 50 Meter über der Innenstadt ragenden Heidenberg ein römisches Militärlager. Ende des 1. Jahrhunderts wurde an gleicher Stelle dann  ein 2 Hektar großes Stein-Kastell errichtet. Zivile Siedlungen gab es zudem um den Mauritiusplatz herum. Um 1900 fanden sich davon Spuren in Form von hölzernen Plattformen, die auf Eichenpfosten im morastigen Quellwasser-Untergrund als Unterkonstruktion für die Bebauung errichtet waren. Zudem nutzten die Römer Wiesbadens zahlreiche warmen und heißen Quellen zur Entspannung und als Heilquellen.

Der Grabstein des Caius Valerius Crispus

Druck des Grabstein von Caius Valerius Crispus
Druck des Grabstein von Caius Valerius Crispus

Eines der bekanntesten Steindenkmäler aus dem römischen Deutschland, der Grabstein des Caius Valerius Crispus (Standstein, 80/90 n. Chr., Wiesbaden Kranzplatz) wird in einer eins-zu-eins Großaufnahme als Fotodruck gezeigt. Der berühmte Grabstein diente selbst Hollywood schon als Vorlage in Monumentalfilmen wie z.B. dem  Gladiator (2000).

Wiesbadens keltische Wurzeln

Die wenigsten aber wüssten aber, so Burger, dass Wiesbaden eigentlich eine keltische Vergangenheit hat. Die Geschichte beginnt nicht mit den Römern, sondern eigentlich mit den Kelten. „Wir greifen die keltische Kultur über die Gräber in Wiesbaden“, so der Kurator. So gab es ausgedehnte Gräberfelder entlang der Rheinstraße und am Adenauer-Ring sowie im Bereich der Dotzheimer Straße. Zu den gezeigten Fund-Highlights gehören unter anderem ein Gürtelhaken in Entenkopfform (Bronze 450 bis 260 v.Chr., heutige Waldstraße), Fibeln (Bronze 3.-2.Jh v. Chr. Gräberfeld Konrad-Adenauer-Ring), Verschlussknopf eines Halsrings (Bronze 450 – 260 v. Chr. Dotzheimer Straße) u. weitere Funde aus-Wiesbaden-Erbenheim, Wiesbaden-Breckenheim-usw.
Die ältesten Bestattungen gehen bis in das 2.Jh v. Chr. zurück. Ein beeindruckender Armring aus Glas stammt aus einer dieser nachweisbaren frühesten Bestattungen. Er wurde aus einem Stück hergestellt. Er imitiert mit gelber Farbe so auf der Innenseite eine Goldwirkung. Diese vielfältigen Befunde keltischen Ursprungs machen Wiesbaden zur ältesten Stadt Hessens.

Keltische Lese- und Gräberfeld-Funde aus verschiedenen Wiesbadener Stadtteilen belegen die keltischen Wurzeln Wiesbadens seit 460 v. Chr. © Foto Diether v. Goddenthow
Keltische Lese- und Gräberfeld-Funde aus verschiedenen Wiesbadener Stadtteilen belegen die keltischen Wurzeln Wiesbadens seit 460 v. Chr. © Foto Diether v. Goddenthow

Germanische Fundstücke, etwa eine typische Germanische Fibel, Gewandschnallen, die einer heutigen Brosche gleichkommen, zeugen auch von germanischen Leben in Wiesbaden, sei es, dass sie direkt hier oder in der Umgebung siedelten und/oder lediglich mit den Römern Handel getrieben haben, oder ähnlich wie die keltischstämmige ins römische Reich integrierte Bevölkerung teilweise auch in römischen Diensten standen.

Als Göttervater Jupiter keltisch interpretiert wurde

Jupiter als Reiterfigur zeugt vom keltischen Einfluss auch in Glaubensfragen - vielleicht, da auch Kelten in römischen Diensten standen?  © Foto Diether v. Goddenthow
Jupiter als Reiterfigur zeugt vom keltischen Einfluss auch in Glaubensfragen – vielleicht, da auch Kelten in römischen Diensten standen? © Foto Diether v. Goddenthow

Eine kulturelle Vermischung gab es bei soviel Nähe zueinander beinahe zwangsläufig. Sie war eine logische Folge und ist besonders eindrucksvoll nachzuvollziehen auch am Wandel von religiösen Bräuchen. „Rom hatte bekanntermaßen eine sehr liberale Religionsauffassung, solange sich der römische Staat von einer Religionsgruppe  nicht bedroht sah. Rom war es völlig egal, welchen Gott Menschen verehrt haben, so dass es zu einer Religionsverschmelzung kam“, erörtert Burger. Dabei wurden Römische Götter mit einheimischen verknüpft, die Namen mitunter gedoppelt oder zu gallorömischen Göttern (wie z.B. Arvernus oder Arvernorix). Der hier gezeigte Jupiter, so Burger, sei ein Paradebeispiel für diese Verschmelzung gewesen. Dem keltischen Baumkult angelehnt, signalisere die Säule den Baum, und oben reitet Jupiter. „Jupiter im Kampf mit den Giganten, kennen wir aus der griechischen Mythologie. Ein Römer würde einen Jupiter, einen Göttervater, nie auf einem Pferd darstellen, das ist typisch keltisch“, erläutert Burger. Denn in  der römischen Ikonographie wird Jupiter immer auf alten Thronen sitzend gezeigt. „Da haben wir im Grunde diese Verschmelzung“, so Burger, wobei das Schöne ist, dass „wir diese Statue aus Wiesbaden-Schierstein auf den Tag genau datieren können“

Diese und viele weitere interessante Entdeckungen bietet die noch bis zum 31.Juli 2022 gehende Ausstellung im SAM „Keltenland Hessen – Im Spannungsfeld der Kulturen“.

(Dokumentation Diether v. Goddenthow)

Ort:

sam – Stadtmuseum am Markt
Marktplatz
65183 Wiesbaden
Kontakt | Information | Anmeldung
(0611) 44 75 00 60
info@stadtmuseum-wiesbaden.de
www.stadtmuseum-wiesbaden.de
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Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag 11–17:00
Donnerstag 11–20:00
Eintritt
6 € | 4 €*
Kombiticket
10 € | 6 €*
Das Kombiticket berechtigt zum Besuch der Ausstellung
»Vorhang auf! 125 Jahre Internationale Maifestspiele«
in den Kurhauskolonaden vom 1.5.–3.7.2022

Weitere Informationen

In der kostenlosen Begleit-Broschüre befinden sich nicht nur wichtige Infos zu allen hessenweit 9 Kelten-Sonderausstellungen. Zudem werden Ausflugs- und Wandervorschläge für die ganze Familie gemacht. Und als kleines Highlight ist am Cover eine Stempelkarte angehängt. Nach wenigstens drei Stempeln der Museen besuchter Keltenausstellungen gibt es als „Trophäe“ ein Replikat einer Keltischen Münze.

9 Ausstellungen auf einen Blick über: Keltenland-Hessen 

 

Keltenwelt am Glauberg eröffnet das Hessische Keltenjahr mit „Eine neue Zeit beginnt“ am 10.3.2022

keltenland-prospekt250Die Keltenwelt am Glauberg – Archäologisches Museum eröffnet am 10. März 2022 das   Archäologie-Themenjahr der Hessenarchäologie mit der großen Ausstellung KELTEN LAND HESSEN – EINE NEUE ZEIT BEGINNT. Dabei greift das Museum auf 600 qm interessante Aspekte der Keltenzeit auf der Basis von neuen Ausgrabungen und Forschungen auf. Über 500 eindrucksvolle Fundstücke aus ganz Hessen geben interessante Hinweise auf die sich verändernde Lebenswelt, darunter reich verzierter Schmuck und wertvolle Waffen ebenso wie Alltagsgegenstände und Handwerksgeräte. Viele Neufunde werden erstmals gezeigt.

Komplette Ausstattungen von Gräbern ermöglichen einen Einblick in Bestattungssitten und Jenseitsvorstellungen. Die Ausstellung zeigt auch hier viel Neues – insgesamt eine aufschlussreiche und zugleich anregende Präsentation über die Keltenzeit, wie sie in Hessen noch nie zu sehen war.

In Mitteleuropa nahmen nachhaltige Veränderungen in Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur um 800 v. Chr. ihren Anfang. Sie bildeten letztlich die Grundlage für unsere moderne Gesellschaft. Die Verbindung zum Mittelmeerraum führte in der Zeit der Kelten zu neuen Ideen und Innovationen in allen Lebensbereichen – auch in Hessen. Das begehrte Salz und der Werkstoff Eisen wurden hier nun im großen Stil produziert und gehandelt. Enormer Holzbedarf und intensive Landwirtschaft veränderten grundlegend die Landschaft. Und es entstand eine wohlhabende Elite, die ihren Reichtum zeigte – und Menschen, deren hartes Leben sich nur erahnen lässt.

Keltenwelt am Glauberg
Archäologisches Landesmuseum Hessen
Am Glauberg 1
63695 Glauburg

Öffnungszeiten
März bis Oktober:
Dienstag bis Sonntag von 10–18 Uhr
November bis Februar:
Dienstag bis Sonntag von 10–17 Uhr

KELTEN LAND HESSEN – Im Spannungsfeld der Kulturen – SAM Wiesbaden vom 16.3. bis 31.07.2022

keltenland-prospekt250Als Schwerpunkt der  diesjährigen hessenweiten Museumskampagne   „Kelten Land Hessen“  widmet sich das Wiesbadner Stadtmuseum am Markt (SAM) als eines von hessenweit 8 teilnehmenden Museen  vom 16.3. bis 31.07.2022 dem Thema „Die Welt der Kelten zwischen Germanen und Roms Legionen“ (etwa vom 1.Jh. v.Chr. bis 2./3.Jh.n.Chr.). Diese hochspannende Zeit in Hessen und in den angrenzenden Gebieten wird mit Objekten aus der Sammlung Nassauischer Altertümer anschaulich beleuchtet. Teilweise waren die Fundstücke noch nie ausgestellt und werden erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Es ist zugleich erstmals nach 20 Jahren wieder eine archäologische Ausstellung in Wiesbaden, nachdem der frühere Direktor Volker Rattemeyer in den 1990er Jahren zur Umsetzung seiner Idee einer baulichen Erneuerung und neuen konzeptionellen Profilbildung des Museums die bedeutende Antikensammlung aus dem Hessischen Landesmuseum Wiesbaden entfernen und in Depots einlagern ließ. Die gesamte Antikensammlung der Sammlung Nassauischer Altertümer umfasst schätzungsweise gut 250 000 Exponate, genug für ein eigenes längst überfälliges Antiken-Museum in der Landeshauptstadt, vielleicht aber jedoch für eine große Antiken-Abteilung in einem hoffentlich bald neuen, angemessen geräumigen Wiesbadener Stadtmuseum?

Zur Ausstellung:
Zu den Highlights von „Die Welt der Kelten zwischen Germanen und Roms Legionen“ gehören unter anderem Grabfunde aus dem bedeutenden frühkeltischen Fundort Braubach an der Lahn. Den Verstorbenen wurden bronzene Halsringe mit Koralleneinlagen aus dem Mittelmeer sowie stempelverzierte Keramik mitgegeben. Die Braubacher Keramik wurde für eine ganze mitteleuropäische Gefäßgruppe namengebend. Das keltische oppidum auf dem Dünsberg wird mit seinen jüngsten keltischen Fundobjekten ebenso thematisiert, wie die Frage nach einer keltisch-germanischen Vorgängerbesiedlung in Wiesbaden, die sich anhand vorrömischer Grabausstattungen zeigt. Daraus stammende Beigaben, wie ein beeindruckender nahtloser Glasarmring, verdeutlichen die hohe Kunstfertigkeit keltischer Handwerker.
Dazwischen blitzen fremdwirkende Objekte auf, die Hinweise zu eingewanderten germanischen Bevölkerungsteilen aus östlichen Gegenden geben. Erst ab der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts nach Christus werden diese neuen Siedler anhand von Grabfunden deutlich sichtbar.
Schließlich hatte die Ankunft von Roms Legionen im Rhein-Main-Gebiet tiefgreifende Veränderungen zur Folge, die aber nicht zum vollständigen Verschwinden der keltischen Kultur führten. Keltische Gottheiten, römische Alltagsgegenstände wie Keramikgefäße im einheimischen Stil sowie übernommene keltische Begriffe im Lateinischen zeigen, wie die Welt der Kelten in der römischen Zeit weiterlebte.

Ergänzt werden die Objekte aus der Sammlung Nassauischer Altertümer mit Leihgaben aus dem römischen Militärlager aus Dangstetten (BadenWürttemberg), das zu den ältesten in Deutschland gehört. Hier waren vermutlich keltische Reitereinheiten zusammen mit römischen Legionären stationiert. Das Museum Bensheim (Lkr. Bergstraße) stellt einen germanischen
Grabfund zur Verfügung. Reich verzierter Bronzeschmuck aus dem Römerkastell Saalburg verdeutlicht, wie der keltische Kunststil bis in die römische Zeit überdauerte.
Begleitet wird die Sonderausstellung mit Vorträgen und Veranstaltungen. Ein reich bebilderter Katalog, der die Aspekte aller acht Ausstellungen aufgreift, gibt vertiefende Einblicke in die Welt der Kelten in Hessen. Er ist auch im sam erhältlich.

Eröffnet wird die Ausstellung am 15.3.2022, 19:00 Uhr
mit AXEL IMHOLZ, Kulturdezernent der Stadt Wiesbaden, SABINE PHILIPP M.A., Direktorin Stiftung Stadtmuseum Wiesbaden, PROF. DR. UDO RECKER Landesarchäologe von Hessen, und DR. DANIEL BURGER-VÖLLMECKE Kurator Stiftung Stadtmuseum Wiesbaden.

sam – Stadtmuseum am Markt
Marktplatz
65183 Wiesbaden

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(0611) 44 75 00 60
info@stadtmuseum-wiesbaden.de
www.stadtmuseum-wiesbaden.de
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Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag 11–17:00
Donnerstag 11–20:00
Eintritt
6 € | 4 €*
Kombiticket
10 € | 6 €*
Das Kombiticket berechtigt zum Besuch der Ausstellung
»Vorhang auf! 125 Jahre Internationale Maifestspiele«
in den Kurhauskolonaden vom 1.5.–3.7.2022

Wie lebten die Kelten? Hessische Landesausstellung Keltenland Hessen startet am 10.03.2022 im Keltenmuseum am Glauberg

image002-keltenland-hessen-logo-450Im Jahr 2022 präsentieren Museen, Landesarchäologie, Stadt- und Kreisarchäologien sowie Forschungseinrichtungen und Vereine viel Neues und Interessantes zur Eisenzeit, der Epoche der Kelten in Hessen.

Um das reiche hessische Kulturerbe der Öffentlichkeit bekannt zu machen, fand sich auf Anregung der Keltenwelt am Glauberg bereits im Herbst 2018 ein hessenweites Projektteam aus Museen und Archäologischer Denkmalpflege zusammen, um in ganz Hessen gemeinsam von 10. März bis 31. Dezember 2022 das erste große Archäologie-Jahr zu veranstalten. Unter dem Titel „KELTEN LAND HESSEN – Archäologische Spuren im Herzen Europas“ werden an vielen Orten Sonderausstellungen, Exkursionen und Führungen zu archäologischen Stätten, Mitmach-Aktionen für die ganze Familie, Aktivprogramme für Schulklassen, Vorträge und Workshops angeboten.

Im Zentrum der umfangreichen Landesausstellung, die mit der großen Sonderausstellung in der Keltenwelt am Glauberg am 10. März 2022 startet, geht es um die Kern-Frage: Wie lebten eigentlich die Kelten, wie sah der Alltag der Menschen vor rund 2500 Jahren aus?

Dr. Vera Rupp, Direktorin des Museums Keltenwelt am Glauberg © Foto Diether v. Goddenthow
Dr. Vera Rupp, Direktorin des Museums Keltenwelt am Glauberg © Foto Diether v. Goddenthow

Über die Spitze der keltischen Gesellschaft haben Archäologinnen und Archäologen mittlerweile viele Erkenntnisse sammeln können, auch dank der kostbaren Objekte, die dem „Keltenfürsten vom Glauberg“ in sein Grab gelegt wurden. So trank man offenbar gerne Met, einen alkoholhaltigen Honigwein, den man in kunstvoll gefertigten Bronzekannen servierte. Am Körper trug man edlen Goldschmuck und zur Ausrüstung eines wohlhabenden Keltenkriegers gehörte eine Waffenausrüstung mit Lanzen und hochwertigen Eisenschwertern. Ein Luxus, an dem die einfache Bevölkerung keinen Anteil hatte, die auf den fruchtbaren Feldern ihre Ernte einholte, in den Salinen von Bad Nauheim arbeitete oder in der Eisenproduktion im Taunus und Lahn-Dill-Gebiet schuftete.
Vom Leben der Bauern und Handwerker hat sich im Vergleich zu der Elite der Kelten nur wenig erhalten – von Werkzeugen oder den Spuren des großflächigen Salzabbaus in Bad Nauheim einmal abgesehen. Wie diese Menschen sich kleideten, wie ihre Siedlungen aussahen oder wie sie sich ernährten, dazu gibt es für Fachleute noch viele offene Fragen. Es war daher ein Glücksfall, als im Jahr 2016 bei Arbeiten in einem Neubaugebiet in Altenstadt-Höchst die Überreste einer Siedlung entdeckt wurden, die man in die frühe Eisenzeit datiert.

Kegelstumpfgrube mit Haus Modell ‘Keltenwelt am Glauberg‘ © Keltenwelt am Glauberg
Kegelstumpfgrube mit Haus Modell ‘Keltenwelt am Glauberg‘ © Keltenwelt am Glauberg

Dörfer waren in der Eisenzeit wohl Gruppen von einigen wenigen Wohn- und Wirtschaftsgebäuden. Im Umfeld legten die Bewohner Vorratsgruben an, in denen sie Getreide und andere Nahrungsmittel in Gefäßen lagerten. Auch in Altenstadt-Höchst entdeckte man mehrere dieser Gruben, die eine Tiefe bis zu zwei Metern aufwiesen. „In diesen Zeiten war eine sichere Nahrungsversorgung für den Fortbestand einer Gemeinschaft überlebenswichtig. Auch wenn der Boden der Wetterau überaus fruchtbar ist, waren Missernten keine Seltenheit. Und die Erträge mussten auch sicher vor Schädlingen und Umwelteinflüssen verwahrt werden. Daher war die Lagerung und Haltbarmachung von Nahrung entscheidend“, so Petra Lehmann-Stoll vom Büdinger Heuson-Museum, in dem die Funde aus Altenstadt-Höchst verwahrt werden. „Indem man diese sogenannten Kegelstumpfgruben luftdicht verschloss, funktionierten sie ähnlich wie ein Kühlschrank. Bereits in einer Tiefe von zwei Metern wurde Getreide und Saatgut durch das kühle Erdreich hervorragend gelagert und konserviert.“
In einer solchen Grube fand das Ausgrabungsteam auch eine ganze Gruppe von Keramikgefäßen, in denen die Vorräte gelagert wurden. Nicht weniger als sieben Gefäße von herausragender Qualität kamen zutage, darunter auch verzierte Töpfe und Schalen, die komplett ab dem 10. März zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert werden. „Man kann sich bildhaft vorstellen, wie die damaligen Bewohner Ton zu Vorratsgefäßen formten und brannten, ihre Ernte von den Feldern brachten und für schlechte Zeiten einlagerten“, zeigt sich Vera Rupp von der Keltenwelt am Glauberg begeistert. „So gewinnen wir Schritt für Schritt immer genauere Kenntnisse über das Leben und den Alltag dieser Menschen.“
www.keltenwelt-glauberg.de
www.hessen-archaeologie.de

Archäologie-Jahr in Hessen widmet sich vom 10. März bis 31.12.2022 den Kelten mit Sonderausstellungen, Mitmachaktionen, Exkursionen und Vorträgen

Ausschnitt aus dem Gruppenbild aller am Projekt „Keltenland Hessen“ aktiv Beteiligter während der Auftaktveranstaltung am 4.08.2021 im Innenhof der Trinkkuranlage Bad Nauheim: In der ersten Reihe v.li.: Angela Dorn, Kunst- und Wissenschaftsministerin, dann hockend:Dr. Vera Rupp, Direktorin der Keltenwelt Glauberg und Sabine Philipp M.A.. Direktorin SAM Wiesbaden. In der hinteren Reihe v.li.: Prof. Dr. Udo Recker, Landesarchäologe von Hessen, Peter Krank, erster Stadtverordneter und Kulturdezernent  Bad Nauheim, Dr. Frank Verse, Direktor des Vonderau Museums Fulda, Dr. Karl-F. Rittershofer, Präsident der Archäologischen Gesellschaft in Hessen, Dr. Wolfgang David, Direktor des Archäologischen Museums Frankfurt.-v.r.: Stephan Medschinski , Wetterauer Archäologische Gesellschaft Glauberg, Dr. Daniel Burger-Völlmecke, Kurator Sammlung Nassauischer Altertümer, Sammlungsbereich Archäologie. © Foto Diether v. Goddenthow
Ausschnitt aus dem Gruppenbild aller am Projekt „Keltenland Hessen“ aktiv Beteiligter während der Auftaktveranstaltung am 4.08.2021 im Innenhof der Trinkkuranlage Bad Nauheim: In der ersten Reihe v.li.: Angela Dorn, Kunst- und Wissenschaftsministerin, dann hockend:Dr. Vera Rupp, Direktorin der Keltenwelt Glauberg und Sabine Philipp M.A.. Direktorin SAM Wiesbaden. In der hinteren Reihe v.li.: Prof. Dr. Udo Recker, Landesarchäologe von Hessen, Peter Krank, erster Stadtverordneter und Kulturdezernent Bad Nauheim, Dr. Frank Verse, Direktor des Vonderau Museums Fulda, Dr. Karl-F. Rittershofer, Präsident der Archäologischen Gesellschaft in Hessen, Dr. Wolfgang David, Direktor des Archäologischen Museums Frankfurt.-v.r.: Stephan Medschinski , Wetterauer Archäologische Gesellschaft Glauberg, Dr. Daniel Burger-Völlmecke, Kurator Sammlung Nassauischer Altertümer, Sammlungsbereich Archäologie. © Foto Diether v. Goddenthow

2022 findet das erste große Archäologie-Jahr in Hessen statt. Für das Projekt „KELTEN LAND HESSEN – Archäologische Spuren im Herzen Europas“ arbeiten Museen, Landesarchäologie, Stadt- und Kreisarchäologie, Forschungseinrichtungen und Vereine zusammen, um das reiche kulturelle Erbe der Kelten in Hessen sichtbar zu machen. Am 4. August 2021, ein halbes Jahr vor dem Start, informierten in Bad Nauheim Kunst- und Kulturministerin Angela Dorn und die Beteiligten die Öffentlichkeit über das einzigartige landesweite Keltenprojekt vom 10. März bis 31.12.2022.

Ein halbes Jahr vor dem Start des ersten großen Archäologie-Jahres in Hessen informierten die Beteiligten gemeinsam mit Kunst- und Kulturministerin Angela Dorn (am Pult) im Konzertsaal der Bad Nauheimer Trinkkuranlage die Öffentlichkeit über das Projekt. © Foto Diether v. Goddenthow
Ein halbes Jahr vor dem Start des ersten großen Archäologie-Jahres in Hessen informierten die Beteiligten gemeinsam mit Kunst- und Kulturministerin Angela Dorn (am Pult) im Konzertsaal der Bad Nauheimer Trinkkuranlage die Öffentlichkeit über das Projekt. © Foto Diether v. Goddenthow

Zudem berichteten Projektpartner an zahlreichen Infotischen über ihre Themen und zeigten eine Auswahl an originalen Fundobjekten. Die Archäologische Restaurierungswerkstatt des Landesamt für Denkmalpflege zeigte Beispiele aus ihrer laufenden Restaurierungsarbeit keltischer Fundstücke für die geplanten Ausstellungen.

Begrüßung

Dr. Vera Rupp, Direktorin der Keltenwelt Glauberg © Foto Diether v. Goddenthow
Dr. Vera Rupp, Direktorin der Keltenwelt Glauberg © Foto Diether v. Goddenthow

Dr. Vera Rupp, Direktorin der Keltenwelt Glauberg, begrüßte gemeinsam mit Peter Krank, Erster Stadtrat und Kulturdezernent der Stadt Bad Nauheim, die Beteiligten des Keltenjahres und zahlreiche Gäste. Dabei machte die maßgebliche Initiatorin des Keltenprojektes einmal mehr deutlich, dass sämtliche Veranstaltungen im kommenden Jahr  unter das Label „Keltenland Hessen – archäologische Spuren im Herzen Europas“ gestellt wurden, um ganz gezielt den Blick auf die bewegte Zeit zwischen 800 vor Christus und den Beginn der Römerzeit am Ende des ersten Jahrhunderts vor Christus zu lenken. Bereits vor drei Jahren beschlossen auf Anregung der Keltenwelt Glauberg hessische Museen, Vereine, Institutionen und zahlreiche ehrenamtlich in der Archäologie Tätige das gemeinsame Kelten-Projekt. Coronabedingt wurde das Keltenjahr dann jedoch um ein Jahr verschoben. Doch die Motivation habe darunter keinesfalls gelitten, im Gegenteil: Die Museumsleute brennen darauf, nach Zeiten des Lockdowns endlich wieder Besucher begrüßen zu dürfen und freuen sich auf das Keltenjahr 2022. Zahlreiche Aktionen seien  geplant, darunter Exkursionen, Ausstellungen, Vorträge und Mitmachaktionen für jeden Geschmack und Alter.

Zu den wichtigsten Projekt-Partnern, so die Keltenwelt-Direktorin, gehören neben den Museen   die „Archäologische Gesellschaft in Hessen“ mit sehr vielen Mitgliedern sowie die Wetterauer Archäologische Gesellschaft Glauberg mit ihrem „Keltenmobil“. Das Keltenmobil werde auch im kommenden Jahr mit von der Partie sein, „und mit ihrem bewährten Vermittlungsprogramm Schulen besuchen“. Das Keltenmobil der Wetterauer Archäologischen Gesellschaft sei das einzige Projekt dieser Art in Hessen, „das mobil ist, und in die Schulen fährt, und dort eben Archäologie und Geschichte vermittelt und ein wenig Werbung für Besuche in Museen und Kultureinrichtungen mache“, so Dr. Vera Rupp.

Programm-Highlights

Auf Infotafeln und -tischen informierten die Museen über ihre Programmschwerpunkte zum Projektjahr Keltenland Hessen. © Foto Heike v. Goddenthow
Auf Infotafeln und -tischen informierten die Museen über ihre Programmschwerpunkte zum Projektjahr Keltenland Hessen. © Foto Heike v. Goddenthow

Neben den geplanten drei zentralen Veranstaltungen in der Keltenwelt Glauberg (Eine neue Zeit beginnt), im Archäologischen Museum Frankfurt (Kelten in Hessen?) und im Vonderau Museum Fulda (Eisen verändert die Welt), wird es auch zahlreiche Präsentationen und Sonderausstellungen in anderen hessischen Museen geben. Beispielsweise plant das Vordertaunusmuseum in Oberursel  die Sonderausstellung „Spuren aus keltischer Zeit im Hochtaunuskreis“ und zum Heide-Oppidum.  Zeiteninsel – Archäologisches Freilichtmuseum Marburger Land verspricht „ die Eisenzeit zum Anfassen“ mit Rekonstruktionen von Haus, Hof und Gärten in Originalgröße. Das Museum Bensheim beteiligt sich mit der Sonderausstellung „Die Kelten an der Bergstrasse“ und das Oberhessische Museum Gießen stellt in den Fokus seiner Ausstellung „Gold im Grab“ das bekannte Muschenheimer Schwert mit seinen spektakulären Goldresten aus der frühen Eisenzeit.  Die Städte und  Kreise Offenbach, Hanau und  Main-Kinzig-Kreis werden mit der Wanderausstellung „Mit dem Spaten ins Feld“ unterwegs sein.

Bronzener Schmuckanhänger des Pferdegeschirrs aus Hofheim. © Foto P. Odvody, hessenArchäologie, Außenstelle Darmstadt.
Bronzener Schmuckanhänger des Pferdegeschirrs aus Hofheim. © Foto P. Odvody, hessenArchäologie, Außenstelle Darmstadt.

Das Wiesbadener Stadtmuseum (SAM) wird von Anfang März bis Mitte August 2022 mit der Sonderausstellung „Hessen im Spannungsfeld der Kulturen“ an die keltischen Wurzeln Wiesbadens in römisch-germanischer Zeit erinnern. Das SAM wird zeigen, wie das Aufeinandertreffen von keltisch, germanisch und römisch geprägten Bevölkerungsteilen in der latènezeitlich geprägten Welt um 50 v. Chr. ein Prozess angestoßen wurde, aus dem neue kulturelle Formen und Traditionen entstanden,  so Dr. Daniel Burger-Völlmecke, Kurator Sammlung Nassauischer Altertümer, Sammlungsbereich Archäologie.

Bad Nauheimer Kelten betrieben größte vorindustrielle Saline Europas

Peter Krank, erster Stadtverordneter und Kulturdezernent  Bad Nauheim. © Foto Diether v. Goddenthow
Peter Krank, erster Stadtverordneter und Kulturdezernent Bad Nauheim. © Foto Diether v. Goddenthow

Wenig bekannt sei auch, dass Bad Nauheim nicht nur Jugendstil- und Sprudel-Bad, sondern auch Keltenstadt sei, weswegen er stolz sei, dass die Kick-off-Veranstaltung des Keltenjahres in Bad Nauheim stattfände, so Kulturdezernent Peter Krank bei seiner Begrüßung. Neben einem Rundweg auf den Spuren der Kelten in Bad Nauheim mit Infotafeln, gibt es einen Keltenpavillon am Gradierwerk I mit einem rekonstruiertem keltischen Siedeofen, Text- und Infotafeln sowie einen Film zum Thema „Keltische Saline“. Im dritten und zweiten Jahrhundert vor Christus haben die Kelten am Ufer der Usa auf der Länge von mehr als einem Kilometer die größte zeitgenössische Saline Europas betrieben. Obgleich die Kelten keine schriftlichen Zeugnisse hinterließen, sei ihr Tun durch archäologische Funde ausreichend belegt: Man fand beispielsweise flache gepflasterte Becken, in denen schwach salzhaltige Sole durch Verdunstung konzentrierte wurde, um den Siedeprozess zu verkürzen. Auch belegten tonnenweise Scherben von nach dem Sieden zerschlagenen Tongefäßen  den Umfang der keltischen   Salzgewinnung.

Europaweite Vernetzung frühkeltischer und mediterraner Kulturen

Angela Dorn, Kunst- und Wissenschaftsministerin. © Foto Heike v. Goddenthow
Angela Dorn, Kunst- und Wissenschaftsministerin. © Foto Heike v. Goddenthow

Kunst- und Wissenschaftsministerin Angela Dorn unterstrich in ihrem Grußwort mit Blick auf Bad Nauheim nochmals die Bedeutung der keltischen Salzgewinnung in Bad Nauheim. „Die Kelten geben der Wissenschaft bis heute Rätsel auf, da sie keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen haben. Wir wissen aber – unter anderem aus den Funden auf dem Glauberg –, dass schon die frühkeltischen Kulturen in Europa untereinander und mit den mediterranen Kulturen vernetzt waren“, erklärt Kunst- und Kulturministerin Angela Dorn. „Die Archäologinnen und Archäologen haben die faszinierende, aber auch oft kleinteilige und zeitintensive Aufgabe, die Vergangenheit anhand der Ausgrabungsergebnisse zu rekonstruieren. Viele Thesen werden im Verlaufe der Forschungen aufgestellt und verworfen, neue Funde können ein ganz anderes Bild ergeben: So ist Wissenschaft. Möglichst viele Menschen in diese Arbeit mit hineinzunehmen, das macht für mich den ganz besonderen Reiz dieses Archäologie- Jahres aus. Es ist eine einmalige Gelegenheit, die reiche Fund- und Forschungslandschaft Hessens für Klein und Groß erlebbar zu machen und vermeintlich Bekanntes aus einer neuen Perspektive zu entdecken.“

Erstmals ein archäologisches Thema  hessenweit im Fokus 

Prof. Dr. Udo Recker, Landesarchäologe von Hessen, © Foto Heike v. Goddenthow
Prof. Dr. Udo Recker, Landesarchäologe von Hessen, © Foto Heike v. Goddenthow

Prof. Dr. Udo Recker, Landesarchäologe von Hessen unterstrich: Mit dem Projekt „Keltenland Hessen – Archäologische Spuren im Herzen Europas“ finden zahlreiche wissenschaftliche Vorhaben in gewisser Weise ein Ende. Gleichzeitig weise das Projekt aber auch in die Zukunft. „Dass wir wissenschaftliche Ergebnisse in Museen präsentieren ist jetzt nichts Außergewöhnliches. Das ist der klassische Auftrag eines Museums, das zu tun und die breite Öffentlichkeit zu informieren. Dass wir das fokussiert auf das Thema Kelten tun, und dass wir das in dieser Breite tun, und dass wir uns praktisch im ganzen Land mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten dem Thema nähern, das ist neu. Das ist das erste Mal der Fall. Und das ist, glaube ich auch, ganz gut gelungen, und das ist ganz toll“, weil es auch die Bedeutung und das Interesse aller an einem solchen Projekt einmal mehr unterstreiche, so der Landesarchäologe in seinem Grußwort.

Kelten seien die Menschen der Eisenzeit

Dr. Frank Verse, Direktor des Vonderau Museums Fulda. © Foto Diether v. Goddenthow
Dr. Frank Verse, Direktor des Vonderau Museums Fulda. © Foto Diether v. Goddenthow

In seiner Einführung ins  „Keltenjahr“ machte Dr. Frank Verse, Direktor des Vonderau Museums Fulda, deutlich, dass es sich bei den Kelten nicht um eine eingewanderte Bevölkerungsgruppe handele: „Mit den Kelten wird die Bevölkerung der Eisenzeit, also die Bevölkerung des 8. bis 1. Jahrhunderts vor Christus, in Verbindung gebracht. Eisen bzw. Eisenerz, komme in der Natur deutlich häufiger vor als Kupfer und Zinn, den Metallen, aus denen Bronze legiert werde. „Dadurch ließ sich Eisen für die damalige Bevölkerung wesentlich leichter und in erheblich größeren Umfang beschaffen, was natürlich auch unmittelbare Auswirkungen auf die Herstellung von Waffen oder eisernen Geräte, und damit letztlich auch auf die Entwicklung der Kultur der Eisenzeit gehabt habe, so Dr. Frank Verse. Die Bedeutung dieses  technologischen Wandels in der Eisenzeit für die Kulturentwicklung machte der Museumsdirektor an einem Beispiel deutlich:
„Noch in der Bronzezeit wurde mit hölzernen Pflügen der Boden bestellt. Und erst in der Eisenzeit kommt der metallene Pflug, die eiserne Pflugschar dazu. Der eiserne Pflug, bzw. der Pflug mit eiserner Schar, ist natürlich deutlich stabiler gewesen, so dass sie wesentlich größere Flächen pro Tag annehmen konnten, und gleichzeitig auch schlechtere Böden bearbeitet werden konnten. Dies führte wiederum zu einer Steigerung des Ertrags und bildete die Grundlage für die Bildung größerer Ansiedlungen. Diese größeren Ansiedlungen mit Menschenansammlungen führten natürlich wiederum dazu, dass mehr Eisen benötigt wurde, und auch mehr Salz zur Konservierung von Lebensmitteln, um auf diese Weise eine Ernährungssicherheit herzustellen. Dies wiederum führte  zur Herausbildung früher Wirtschaftszentren wie hier etwa in Bad Nauheim zur Salzgewinnung oder im Bereich des Lahn-Tals zur Eisenproduktion“, erläuterte der Dr. Frank Verse.
Anhand dieses Beispiels ließe sich doch auch der Keltenbegriff grob erklären, nämlich „dass wir es bei den Kelten nicht mit einer neu eingewanderten Personengruppe zu tun haben, sondern, dass wir es mit einem materiellen und kulturellen Wandel zu tun haben, der im Wesentlichen durch die Eisentechnologie angestoßen wurde“, so Dr. Frank Verse . Dabei gäbe es innerhalb Hessens – mit einem erheblichen Nord-Südgefälle behaftet – deutliche regionale Unterschiede.

Keltenfest am Glauberg - © Foto Diether v. Goddenthow
Keltenfest am Glauberg – © Foto Diether v. Goddenthow

Wandel zur Eisenzeit vergleichbar mit digitalem Wandel
Man habe es zu Beginn der Eisenzeit  mit derselben Menschengruppe zu tun, wie am Ende der Bronzezeit, so der Museumsdirektor. Das belegten auch die Gräberfelder, die einfach am Übergang dieser Zeit Grenzen durchlaufen. Das mache aber die Beschäftigung mit der Eisenzeit umso spannender, „weil es auch deutliche Parallelen zu unserer Gesellschaft der Gegenwart gibt. Wir selber leben am Anfang des digitalen Zeitalters, und erleben bereits jetzt wie sehr diese neue Technik unser Lebens- und Arbeitsumfeld bereits nach wenigen Jahrzehnten umgeändert hat. Auch unsere Kultur befindet sich – ähnlich wie die in der eisenzeitlichen Bevölkerung – in einem starken Umbruch“, so Dr. Frank Verse.

Es ist aber auch kein Zufall, dass sich die Forschung immer wieder mit der Eisenzeit und damit mit den Kelten beschäftigt hat. Das Land Hessen ist dabei besonders gut aufgestellt, da es mit der Keltenwelt am Glauberg sowohl über ein eigenes Spezialmuseum verfügt, also auch mit dem Forschungszentrum eine entsprechende Forschungseinrichtung zu dieser Zeit besitzt. Und es wurde schon erwähnt: Es ist auch tatsächlich das einzige im Bereich der Denkmalpflege mit diesem ausschließlichen Forschungsauftrag, was für die Entwicklung sehr wichtig ist.

Info-Tisch der Restaurierungswerkstatt des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen mit Beispielen ihrer laufenden Restaurierungsarbeiten keltischer Fundstücke.  © Foto Heike v. Goddenthow
Info-Tisch der Restaurierungswerkstatt des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen mit Beispielen ihrer laufenden Restaurierungsarbeiten keltischer Fundstücke. © Foto Heike v. Goddenthow

Neben dem Glauberg mit der berühmten Statue eines Keltenfürsten sind der Dünsberg bei Wetzlar, der Altkönig und das Heidetränk-Oppidum im Taunus oder die Milseburg in der Rhön weitere bedeutende Zeugen keltischer Kultur in Hessen.
(Diether v. Goddenthow)

Informationen
Das Archäologie-Jahr umfasst Sonderausstellungen, Führungen, Mitmach-Aktionen und Vorträge vielerorts in Hessen. Der Veranstaltungskalender wird digital auf www.keltenland-hessen.de, Instagram und Facebook sowie gedruckt u.a. bei den Projektpartnerinnen und -partnern vor Ort zur Verfügung gestellt. Zudem wird es ein Begleitbuch zum Keltenjahr 2022 geben.

www.keltenland-hessen.de

Projektbüro
KELTENWELT AM GLAUBERG
Achäologisches Landesmuseum Hessen
Am Glauberg 1
63695 Glauburg
E-Mail: kontakt@keltenland-hessen.de