Kategorie-Archiv: Struwwelpeter-Museum

Frankfurts neues Struwwelpeter Museum: Ein Haus voller „rebellischer“ Geschichten und der Inklusion

suppenkaspar250„Der Kaspar, der war kerngesund, Ein dicker Bub und kugelrund,
Er hatte Backen rot und frisch;
Die Suppe aß er hübsch bei Tisch.
Doch einmal fing er an zu schrei’n: „Ich esse keine Suppe! Nein!
Ich esse meine Suppe nicht!
Nein, meine Suppe ess’ ich nicht!““
(aus der „Geschichte vom Suppen-Kaspar“)

 

„Das Struwwelpeter-Museum ist zu Hause angekommen“, so Oberbürgermeister Peter Feldmann, als er gemeinsam mit Hartmut Fritz, Vorstandsvorsitzender  der Frankfurter Werkgemeinschaft e.V.,  der Museumsleiterin Beate Zekorn-von Bebenburg und weiteren Mitarbeitern des Museums sowie zahlreichen Freunden und Gästen aus Politik und Wirtschaft das neue Struwwelpeter Museum am 23. September 2019 in der teilrekonstruierten neuen Frankfurter Altstadt mit einem Festakt eröffnete.

©  Foto: Diether  v Goddenthow
© Foto: Diether v Goddenthow

Nach beinahe 175 Jahren, nachdem der Frankfurter Arzt, Psychiater und Psychiatrie-Reformer Heinrich Hoffmann (1809 – 1894) den „Struwwelpeter“ erfand, hat die weltweit größte Sammlung von Exponaten zum Bilderbuchklassiker ein neues Zuhause in rekonstruiertem historischen Ambiente gefunden. Wenige hundert Meter von dem neuem Domizil, am Ort, an dem einst Goethes Tante wohnte, hatte der vielseitige und kreative Dr. Heinrich Hoffmann 1844 in der Vorweihnachtszeit ein Bilderbuch für seinen 3jährigen Sohn Carl ersonnen, da er kein passendes fand. Dieses Heft mit den bunten Bildern und einprägsamen Versen erschien ein Jahr später als Buch, das sofort ein großer Erfolg wurde. Mehr als 35 Millionen Exemplare wurden allein auf Deutsch gedruckt. Der Struwwelpeter „spricht“ mehr als 40 Sprachen und 80 deutsche Dialekte. In der interaktiven Ausstellung für jedes Alter erzählen seltene Buchexponate, Parodien, Kitsch und Kunst von der Erfolgsgeschichte des ebenso geliebten wie abgelehnten Struwwelpeter. In Porträts, Briefen, Skizzen und Erstausgaben wird Heinrich Hoffmann als Autor und Illustrator, Psychiatrie-Reformer, politisch engagierten Bürger, liebevoller Familienvater und überzeugter Frankfurter präsentiert.

Mehr als ein Museum

Hartmut Fritz, Vorstandsvorsitzender  der Frankfurter Werkgemeinschaft e.V.©  Foto: Diether  v Goddenthow
Hartmut Fritz, Vorstandsvorsitzender der Frankfurter Werkgemeinschaft e.V.© Foto: Diether v Goddenthow

„Zum Feiern haben wir drei Gründe“, sagte Hartmut Fritz: Erstens die Eröffnung des „Struwwelpeter Museum“, „welches wir die letzten 42 Jahre im Frankfurter Westend betrieben und nun mitten ins Herz von Frankfurt umgezogen haben. Zweitens, dass die Frankfurter Werkgemeinschaft „hier in der neuen Altstadt zwei Häuser erworben“ habe, „bei denen es sich letztlich um historische Rekonstruktionen aus dem 14. und 17. Jahrhundert handelt“. Drittens: Dass „unser Struwwelpeter Museum im Zuge der Umsiedlung ein sogenannter Inklusionsbetrieb wird, in dem Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam arbeiten“.

Das Museum betreibe seit vielen Jahren Arbeitsplätze und habe Raum für Beschäftigung in Erprobung von Menschen mit psychischen Erkrankungen, lange bevor Inklusion infolge der UN-Menschenrechtskonvention in aller Munde war und heftig darum gestritten wurde, unterstrich der FWG-Vorstandsvorsitzende die soziale Funktion des Museums.

Frank Nikutta vom Landeswohlfahrtsverband überreicht die Förderurkunde an Michael Wesp, Geschäftsführer des Struwwelpeter Museum gGmbH ©  Foto: Diether  v Goddenthow
Frank Nikutta vom Landeswohlfahrtsverband überreicht die Förderurkunde an Michael Wesp, Geschäftsführer des Struwwelpeter Museum gGmbH © Foto: Diether v Goddenthow

Zur Sicherung fünf weiterer „inklusiver“ Arbeitsplätze für besonders Betroffene und Unterstützung des Inklusionsbetriebs überreichte Frank Nikutta vom Landeswohlfahrtsverband, in Vertretung von Susanne Selbert zur Einweihung einen Förderscheck in Höhe von 250 000 Euro.

Torsten Neubacher, Geschäftsführender Vorstand fwg e.V. und Michael Wesp, Geschäftsführer der Struwwelpeter Museum gGmbH, moderierten in Personalunion abwechselnd  gekonnt den feierlichen Nachmittag, während sie immer wieder Episoden aus der Geschichte des Hauses und um den nicht ganz so einfach Quartierserwerb einflochten. Zudem erläuterten sie, was ein Inklusionsbetrieb sei  und wie er funktioniere und warben dabei für die zahlreichen Produkte des Hauses, die  von Menschen mit Behinderungen gefertigt werden, und im Museumshop angeboten werden, darunter  T-Shirts, Stofftragetaschen, Trinkgefässe, Mitbringsel und vieles mehr.

Pfarrer Wilhelm Köhler’s Idee 

Das Struwwelpeter und Heinrich-Hoffmann-Museum ist Teil der Frankfurter Werkgemeinschaft seit dem Jahre 1977. Die Idee, so Fritz, ein solches Museum aufzubauen und zu betreiben, habe der fwg- Gründer Pfarrer Wilhelm Köhler gehabt, der die Verbindung zwischen Heinrich Hoffmann als Struwwelpeter-Autor und Heinrich Hoffmann als Reformer und Kämpfer für eine menschenwürdige Psychiatrie erkannte und sich, wie auch die FWG, zur menschenwürdigen Psychiatrie verpflichtet sah.

Der Struwwelpeter ©  Foto: Diether  v Goddenthow
Der Struwwelpeter © Foto: Diether v Goddenthow

„So kam es dazu, dass wir bis heute mit dem Struwwelpetermuseum eine Brücke zwischen der Kultur und Sozialarbeit betreiben. Menschen kommen zum Museum, um etwas über Struwwelpeter und die anderen Figuren Heinrich Hoffmanns zu erfahren. Gleichzeitig erfahren sie, mehr oder weniger beiläufig, auch etwas über die Geschichte der Psychiatrie im 19. Jahrhundert“, sagte der FWG-Vorstandsvorsitzende. Und er sei zuversichtlich, dass dieser in Deutschland einmalige Inklusionsbetrieb, Furore machen werde. Auch werde sich die Besucherzahl jetzt wohl deutlich erhöhen, da das bisherige Struwwelpeter-Museum 42 Jahre lang doch in einer Westend-Villa ein wenig versteckt residiert habe, so „dass kaum zufällig Besucher dorthin fanden, sondern nur Besucher, die uns im Prinzip aufgesucht haben.“

Zeitzeuge Dr. Ernst Gerhardt erinnert sich an Pfarrer Köhler

Zeitzeuge Dr. Ernst Gerhardt , Jahrgang 1921©  Foto: Diether  v Goddenthow
Zeitzeuge Dr. Ernst Gerhardt , Jahrgang 1921© Foto: Diether v Goddenthow

Dr. Ernst Gerhardt, Gründungsvorstand der fwg.e.V. und ehemaliger Stadtkämmerer der Stadt Frankfurt a. Main, inzwischen 98jährig, erinnerte sich noch persönlich an Initiator Pfarrer Köhler. „Er war ja von Anfang an nicht dazu berufen ein Museum in Frankfurt zu errichten, oder die Frankfurter Werkgemeinschaft zu gründen“, so Gerhardt, „sondern er gehörte einer Priestergemeinschaft an, die nicht alle der Pfarrseelsorge dienen konnten“ und andere überpfarrliche Aufgaben erfüllen mussten. „Er wurde Krankenhausseelsorger und hat mich bei einem zufälligen Zusammentreffen in der Universitätsklinik gefragt, ob ich denn mitmachen würde bei seinen Unternehmungen. Ich wusste nicht genau, was er eigentlich da vorhatte, aber er kam immer auf Neue Ideen, und so ist die Frankfurter Werkgemeinschaft in ihren sehr, sehr einmalig ausgerichteten Werkstattzielen entstanden und als Nebenprodukt zunächst einmal ein Museum, und ausgerechnet noch ein Struwwelpeter Museum. Ich muss gestehen, ich hab‘ in meiner Kindheit den Struwwelpeter gar nicht so oft gelesen“, sagte der Mitbegründer der fwg e.V, der, wie er zugab, erst durch Pfarrer Köhler mit dem Struwwelpeter vertraut, und Hoffmann Lektüre viel Tiefsinniges entnehmen konnte. Dies sei eigentlich die Vorgeschichte, die zu dieser Eröffnungsfeier geführt habe. Es sei also die Initiative eines Seelsorgers gewesen, der ja auch hätte auf andere Ideen kommen können, dem die Gründung der Werkgemeinschaft und des Struwwelpeter Museums zu verdanken sei. So könne eine Einzelleistung „zu so einer bedeutenden Einrichtung werden, und zur Freude der Frankfurter Gesellschaft.“ Freute sich Gerhardt.

Michael Quast liebt Heinrich Hoffmanns schwarzhumorigen Texte

Schauspieler Michael Quast, Leiter der Fliegenden Volksbühne und Hoffmann-Fan.©  Foto: Diether  v Goddenthow
Schauspieler Michael Quast, Leiter der Fliegenden Volksbühne und Hoffmann-Fan.© Foto: Diether v Goddenthow

Der bekannte Frankfurter Schauspieler Michael Quast, Leiter der Fliegenden Volksbühne, und Heinrich-Hoffmann-Fan, gab Kostproben aus Hoffmanns Werk. Hoffmann habe, so Quast, nicht nur Kinderbücher geschrieben, sondern sei auch sonst als Autor gut unterwegs gewesen.
1858 habe Heinrich Hoffmann, damals 49jährig, und schon Leiter der Anstalt für Irre und Epileptische ein kleines Büchlein herausgebracht mit dem Titel „Allerseelenbüchlein – eine humoristische Friedhofantologie“, worin Hoffmann Grabinschriften versammelt habe, von denen er meinte, dass sie eigentlich die eigentlich wahren sein müssten.

Gerhardts Nachfolger, Uwe Becker, Bürgermeister und Kämmerer der Stadt Frankfurt a. Main, dankte Michael Quast und seinem Vorredner und hoffte, dass man an dann das 50jährige Bestehen des Museums in Gerhardts 106. Lebensjahr gemeinsam feiern könne. Er wäre sich sicher, dass das Struwwelpeter Museum ein voller Erfolg würde und viele neue Interessenten in die Räume und den Verkaufsshop bringen werde.

Struwwelpeter Museum im rekonstruierten Haus von Goethes Tante.©  Foto: Diether  v Goddenthow
Struwwelpeter Museum im rekonstruierten Haus von Goethes Tante.© Foto: Diether v Goddenthow

Voller Witz und Meister der Pointe vertrat Matthias Hessenberg seinen berühmten Vorfahren Dr. Hoffmann, und zitierte Adenauers Sohn, dem es gehörig stank, immer nur nach dem berühmten Vater Konrad Adenauer befragt zu werden mit dessen Worten: „Ich hatte auch eine Mutter!“, und betonte, dass er ja insgesamt 16 Urgroßeltern habe, und seine Kinder bereits 36 Ururgroßeltern.
Pfarrer Dr. Walter Sauer, der 1994 den Freundeskreis Struwwelpeter Museum gründete, überreichte im Namen des Freundeskreises der langjährigen Museumsleiterin Beate Zekorn-von Bebenburg einen Blumenstrauß und einen Umschlag mit dem warnenden Hinweis: „aber nicht ganz in der Höhe wie von Herrn Nikutta“ , und machte abschließend augenzwinkernd noch den Frankfurter Magistrat darauf aufmerksam,  dass nämlich in Frankfurt noch ein Struwwelpeter-Ampelmännchen fehle.

Ein Haus voller Geschichten – Das Museums-Konzept

Museumsleiterin Beate Zekorn-von Bebenburg, die Seele des Hauses seit 28 Jahren. ©  Foto: Diether  v Goddenthow
Museumsleiterin Beate Zekorn-von Bebenburg, die Seele des Hauses seit 28 Jahren. © Foto: Diether v Goddenthow

Die hierdurch sichtlich gerührte Museumsleiterin Beate Zekorn-von Bebenburg, dankte allen Mitstreitern und führte die Gäste in das zukunftsgewandte Konzept neuen Struwwelpeter Museums. Immer noch häufig würde sie gefragt, so Zekorn von Bebenburg, wie man ein Museum über ein einziges Buch machen könne, und ausgerechnet mit Struwwelpeter. Ob das nicht Schwarze Pädagogik sei. Da gäbe es doch schönere Bilder für Kinder. Aber seit 28 Jahren, also seitdem sie das Museum leite, wäre sie es immer noch nicht leid, so die Museumsleiterin, auf diese Fragen zu antworten. Sie sei immer noch überrascht, „ wie viele breit gefächerte Ausstellungen wir machen konnten und Antworten damit geben konnten, dass der Struwwelpeter keineswegs Schwarze Pädagogik ist, sondern im Gegenteil immer wieder lebendig und immer wieder auf neue Weise Kindern Orientierung im Leben gibt, aber auch einfach Spaß bereiten kann.“

Heinrich Hoffmann sei alles andere als ein Schwarzer Pädagoge gewesen und sie hoffe, dass die neue, jetzt noch größere Abteilung zur Person Heinrich Hoffmann, „diesen sehr vielseitigen und schwarzhumorigen Menschen Heinrich Hoffman“ den Besuchern zeigt, wer er tatsächlich war. Eigentlich hieß das ursprüngliche Museum ja Heinrich-Hoffmann-Museum, wurde später aber wegen der besseren Wahrnehmung in Struwwelpeter Museum umbenannt.

Hauptabteilung: Der Struwwelpeter-Kosmos in der ersten Etage ©  Foto: Diether  v Goddenthow
Hauptabteilung: Der Struwwelpeter-Kosmos in der ersten Etage © Foto: Diether v Goddenthow

„Unser Wahlspruch ist: ‚Ein Haus voller Geschichten‘“, und viele dieser Geschichten erzählt die Dauerausstellung. Alle Besucher, „die zu uns kommen, bringen natürlich auch immer ihre eigenen Geschichte, ihre Erinnerung an das Buch mit, manche würden geradezu angeregt mit dem Struwwelpter in ihre eigene Kindheit zurückzureisen, und Führungen mit Alzheimer Patienten zeigten, dass manche von ihnen immer noch „ganze Geschichten, ganze Verse aus dem Struwwelpeter vorsagen können.“ „Und wir wollen auch ein Ort sein, um diese und eigene Geschichten zu erzählen, zu teilen und sich auch immer wieder über Erziehung, über Aufwachsen und auch – meinetwegen – Rebellion und was alles dazu gehört, auszutauschen.“, erläuterte die Museumleiterin.

Dass der Struwwelpeter seit über 175 Jahren lebendig geblieben sei, lieg nach Zekorn-von Bebenburgs Überzeugung daran, dass „jede Generation den Struwwelpeter in eigene Erfahrung transponieren kann“, und heute sei beispielsweise „der ‚Hans Guck-in-die-Luft‘der uns alltäglich auf der Straße mit dem Handy in der Hand entgegen stolpert“.

Schon zu Heinrich Hoffmanns Zeiten habe es ADHS-Kinder und solche, die nicht essen, sich nicht waschen wollten, gegeben, also all die Themen, „die der Struwwelpeter aufblättert“ und sich sehr gut noch ans heute noch anknüpfen ließen. Die beliebte Schauspielerin Iris Berben habe mal, nach ihrem Lieblings-Kinderbuch befragt, spontan geantwortet: „Der Struwwelpeter. Der Struwwelpeter ist Rock’n Roll“ zitiert Zekorn-von Bebenburg. Dies träfe genau zu, „wie der Struwwelpeter auf Kinder heute noch wirkt. Dieses Widerspenstige, das Aufmüpfige, das Wilde – all das steckt drin. Und so wie man einen Rock’n Roll tanzt, so ist das mit der Lektüre des Struwwelpeters.“, so die Museumsleiterin. Man müsse gar nicht selber Struwwelpeter sein, aber mal dieses Buch anzugucken, helfe bis heute schon so manchem Kind enorm, „ um auch eigene Ängste, Aggressionen etc. zu bannen.“, erklärt sich Zekorn-von Bebenburg den Erfolg dieses Kinderbuchklassikers, der sich von anderen Kinderbüchern eben auch bis heute dadurch unterscheide, „weil es eben keinerlei heile Häschenwelt“ reproduziere. „Im Struwwelpeter ist der Hase bewaffnet und schießt auf die Jäger.“

Vom Buch zum Museum
Dieser Grundgedanke des Rebellischen, der Spaß, Verbote zu übertreten, sei auch „die Basis unseres neuen Museums-Konzeptes, unseres Ausstellungskonzeptes.“, erläuterte Zekorn-von Bebenburg Intension und Ausrichtung des Struwwelpeter-Museums. Dass bereits zur Biedermeier-Zeit Heinrich Hoffmanns Figuren ihren rebellischen Reiz ganz stark entfalteten, zeige beispielsweise das in den Ausstellungsmittelpunkt gerückte Geschwisterpaar-Porträt von 1854: „Das sitzen zwei brave Kinder, schön frisiert in Seidenkleidchen mit langweiligen Spielzeug in der Hand, und in der Hand haben sie vor sich das „Stuwwelpeter-Buch“ mit dem wilden, unfrisierten Jungen, „auf den sie gucken können, der alles das ist, was sie nicht sein dürfen, und der Spaß ist es, dass mal angucken zu können.“ Und dass der Struwwelpter bis heute Kinder beeindrucke, habe einmal mehr am Morgen bei Presse-TV-Aufnahmen eine Schulklasse gezeigt, die sich derart festgespielt hätte, dass ihre Lehrerin mehrmals heftig intervenieren musste, um sie loszueisen. Und was könne es Besseres geben als „Kinder, die nicht mehr aus einem Museum wollen“, freut sich die Museumsleiterin, dass das Museum mit seinen Geschichteninseln, Exponaten, der gelungenen Gestaltung und dem Shop insbesondere bei der Hauptzielgruppe, den Kindern, so gut angenommen wird.

Die Figuren scheinen wie aus der Wand entsprungen.©  Foto: Diether  v Goddenthow
Die Figuren scheinen wie aus der Wand entsprungen.© Foto: Diether v Goddenthow

Die Eindrücke, die Struwwelpeter und seine Figuren in den Köpfen hinterlassen, werden symbolisch reliefartig an den Wänden abgebildet: Es scheint, als seien die metergroßen, Pappkamerad ähnlichen zirka fünf Zentimeter starken Leucht-Figuren des Struwwelpeters aus der Wand entsprungen. Sie dürften ein beliebtes Fotomotiv werden, auch und insbesondere auch von internationalen Touristen.

Das neue Museum holt das Bilderbuch und seine alten Figuren in die Gegenwart, wobei das Herzstück des Museums die Dauerausstellung im ersten Stock ist mit zwei Abteilungen: Zum einen der Struwwelpeterkosmos, „der einführt in die unglaubliche Rezeptionsgeschichte die dieses Buch hingelegt hat mit den vielen 40 Übersetzungen“, darunter noch „einige Exemplare, die Hoffmann selbst als Belegexemplare bekam“. Die zweite Abteilung widmet sich der Person Heinrich Hoffmann, seinem Leben und Wirken.

Die Figuren im Struwwelpeterkosmos werden vor dem Hintergrund einer biedermeierlichen Tapete gezeigt, bei der jedoch bei näherem Hinsehen, wie auch bei der typographischen Gestaltung von Überschriften der Ausstellung, etwa dem anscheinend zu klein geratenen „w“ im Struwwelpeter, gar nichts mehr so geordnet ist: die Schwalben seien verrutscht, „und einiges ist auch hier in Unordnung geraten. So schräg wie das Buch ist, so ähnlich verrückt ist auch unsere Ausstellungbeschreibung, um dieses Buch rüberzubringen“, weist die Museumsleiterin auf all die gewollten Irritationen hin, um dem Buch gerecht zu werden.

Hauptabteilung Teil 2: Ausstellung zu Heinrich Hoffmann ©  Foto: Diether  v Goddenthow
Hauptabteilung Teil 2: Ausstellung zu Heinrich Hoffmann © Foto: Diether v Goddenthow

Zudem sei es in unserer Welt der vielen Ablenkungen, wo so viel an Kindern vorbeirausche, ein pädagogisches Anliegen, Kindern zu helfen, ihren Blick für das Detail zu schärfen und dafür „diese Vorlage Struwwelpeter nutzen. Da sind so viele kleine Details drin, die Kinder sehr gerne angucken. Da gibt es Fische, die lachen können, merkwürdige Dinge, die auf dem Kopf stehen, den Suppen-Kaspar. Man habe für Spiele entwickelt, bei denen beispielsweise Kinder herausfinden sollen, was für Hüte und Kopfbedeckungen beim Struwwelpeter vorkommen, was es zu Essen gibt usw. Hierzu habe man alle möglichen Dinge herausdestilliert.

Das Museumsteam versuche immer, alle Altersgruppen zum Schauen, Mitspielen und Nachdenken zu bewegen. Und die Geschichteninseln seien nun eine Mischung aus Analogen, aus Exponaten, aus Vitrinen und digitalen Angeboten. Das Museum sei längst im 21. Jahrhundert angekommen, und habe die digitalen Möglichkeiten jetzt voll genutzt, so Zekorn-von Bebenburg. Es gibt eine ganze Reihe von Medienstationen und von Monitoren in der Ausstellung, was Jung und Alt gleichermaßen begeistere, weil hier eine zusätzliche Erfahrungsebene nutzbar wäre mit Bild- und Textinformationen zur Biedermeierzeit, zu den Hintergründen der Struwwelpeter-Geschichten, zur Psychiatriegeschichte sowie zu Hoffmanns politisch-literarischem Netzwerk, zu dem Persönlichkeiten wie Ludwig Uhland oder Friedrich Hecker gehörten. Und kleine wie große Besucher können sich an „Geschichteninseln“ mittels analogen Spiegel oder digitalen Spielen auf Bildschrimen mit dem „Struwwelpeter“ beschäftigen. Mit einem digitalen Spiel darf jeder die Geschichte des Struwwelpeters in der Gegenwart spielen: Wie hätte er sich als Klimaschützer oder Banker verhalten?

Museumshop.©  Foto: Diether  v Goddenthow
Museumshop.© Foto: Diether v Goddenthow

Sonderausstellungen:
Das neue rund 600 qm große Museum bietet zudem zwei Flächen für Wechselausstellungen. Diese sorgen ständig für eine aktualisierte Verknüpfung mit der Gegenwart. Die erste Sonderausstellung „Der kubanische Struwwelpeter“ von Noa, wurde gleichzeitig zu Einweihung des Hauses am 23. September 2019 eröffnet und wird noch bis zum 31. März 2020 gezeigt.

(fwg/ Diether v. Goddenthow / Rhein-Main.Eurokunst)

Ort:
Struwwelpeter Museum
Hinter dem Lämmchen 2-4
60311 Frankfurt am Main

Eine Nacht lang kollektives lustvolles kunstwandeln bei der Nacht der Museen 2016 in Frankfurt und Offenbach

Inszenierungen des Antagon-Theaters vor dem Frankfurter Römer in der Nacht der Museen in Frankfurt  und Offenbach.  © massow-picture
Inszenierungen des Antagon-Theaters vor dem Frankfurter Römer in der Nacht der Museen in Frankfurt und Offenbach. © massow-picture

NACHT DER MUSEEN lockte rund 40.000 Besucher in Frankfurter, Offenbacher und Höchster Museen

Auf die richtige Strategie kommt es an, um möglichst viele Eindrücke mitnehmen zu können. © massow-picture
Auf die richtige Strategie kommt es an, um möglichst viele Eindrücke mitnehmen zu können. © massow-picture

Eine Nacht lang stand am 23. April 2016  in Frankfurt, Offenbach und Höchst alles im Zeichen von Kunst und Kultur: 40 Museen und Kulturinstitutionen boten ein abwechslungsreiches Programm, das rund 40.000 Besucher zum kollektiven Kunstwandeln bis in die frühen Morgenstunden anregte. Selbst Petrus hatte mitgemacht und bescherte Nachtschwärmern eine zwar kühle, aber trockene Nacht. Mit einem 14-Euro-Pauschalticket konnte, wer das Bad in der Menge liebt, sich den Weg durch die 40 offenen Museen, Ausstellungen und zahlreichen zusätzlichen Rahmen-Veranstaltungen  bahnen.

Bequem im 5- bis 10minütigen Shuttlebus-Takt durch die ganze Stadt bis nach Offenbach und Höchst. © massow-picture
Bequem im 5- bis 10minütigen Shuttlebus-Takt durch die ganze Stadt bis nach Offenbach und Höchst. © massow-picture

Im 5- bis 10-Minutentakt brachten 4 Shuttle-Buslinien, eine historische Straßenbahn und ein Schiffs-Shuttle zwischen den Museumsufern, die Kunst- und Party- Peoples kostenlos an jeden gewünschten Musen-Ort bis  nach Offenbach, Höchst und wieder zurück.

„Mit exzellenten Ausstellungen und einem attraktiven Rahmenprogramm lockte die NACHT DER MUSEEN zahlreiche kulturbegeisterte Besucher und Nachtschwärmer in die Frankfurter Ausstellungshäuser“, zog Kulturdezernent Prof. Dr. Felix Semmelroth ein positives Resümee der Großveranstaltung.  „Die interaktiven Vermittlungsangebote, musikalischen Akzente und ausgefallenen Performances zogen das Publikum vom Museumsufer bis Höchst in ihren Bann. Einmal mehr zeigte sich, welche Anziehungskraft die Frankfurter Museumslandschaft weit über die Region hinaus hat“, so Semmelroth weiter.

Taschenlampenführung der Kulturothek: "Figuren, die auf uns niederschauen" werden am Römer entdeckt. © massow-picture
Taschenlampenführung der Kulturothek: „Figuren, die auf uns niederschauen“ werden am Römer entdeckt. © massow-picture

Besonderes Interesse erweckten vor allem die Orte, die exklusiv zur NACHT ihre Pforten öffneten, oder nicht permanent öffentlich besichigt werden können,  etwa der Kaisersaal im Römer, das Kriminalmuseum der Frankfurter Polizei oder auch Führungen unter die „Alte Brücke“ oder spezielle Stadtführen wie  die Römer-Tour, bei der selbst alteingesessene Frankfurter noch Neues über die Frankfurter Stadtgeschichte erfahren konnten.

 

Info-Point der Nacht der Museen vor dem Rathaus auf dem Römer. © massow-picture
Info-Point der Nacht der Museen vor dem Rathaus auf dem Römer. © massow-picture

Ausgangspunkt der Nacht der Museen in Frankfurt, Offenbach und Höchst war der Frankfurter Römerbergplatz mit Info-Zelt, Versorgungsbuden und Akrobatikvorführungen.

 

52 gekrönte Häupter im Kaisersaal des Römers

Imposant der Kaisersaal im Frankfurter Rathaus, dem Römer. © massow-picture
Imposant der Kaisersaal im Frankfurter Rathaus, dem Römer. © massow-picture

Im Kaisersaal begaben sich die Gäste auf die Spuren von Fußball-Helden, der Queen und vor allem auf die Spuren deutscher Geschichte: So waren im Kaisersaal die einzig vollständige erhaltene Galerie aller Kaiser und Könige des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zu betrachten, Wandgemälde von Karl dem Großen über Friedrich Barbarossa bis zu Franz II, insgesamt 52 gekrönte Häupter. In einer Gold-Vitrine war zudem eine Kopie der Goldenen Bulle von 1356 ausgestellt, die seit 2013 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe gehört. Die „Goldene Bulle“, so erfuhren Teilnehmer der ab 19 Uhr stündlich stattfindenden  Kaisersaal-Führungen, war die erste, von Karl dem IV. durchgesetzte mittelalterliche Verfasserung, eine Art „Grundgesetz“ des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, in der vor allem die Modalitäten der Wahl und der Krönung der römisch-deutschen Könige durch die Kurfürsten bis zum Ende des Alten Reiches 1806 geregelt wurden.

Bei der ab 19 Uhr stündlichen Führung im Kaisersaal, wird die Bedeutung Frankfurts und des Römers bei der Wahlmonarchie im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, erläutert. © massow-picture
Bei der ab 19 Uhr stündlichen Führung im Kaisersaal, wird die Bedeutung Frankfurts und des Römers bei der Wahlmonarchie im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, erläutert. © massow-picture

Anders als in Erbmonarchien wie in Dänemark, Schweden, England galt hierzulande eine Wahlmonarchie. Starb ein König, kamen die Kurfürsten, mindestens 7 mussten es sein, davon 3 geistliche und 4 weltliche, in Frankfurt zusammen. Sie mussten innerhalb von vier Wochen einen neuen König, den späteren Kaiser, unter sich ausgucken. Das geschah im Römer, die Krönung fand jedoch im Kaiserdom St. Bartholomäus statt. Musikalisch umrahmte das Flora Fábri Duo mit Lorenzo Gabriele und Flóra Fábri die Nacht im Kaisersaal mit Sonaten von Johann Sebastian Bach.

Mord und Todschlag im Kriminalmuseum

Einer der populärsten Verbrechen war die Ermordung der Frankfurter Edelprostituierten Rosemarie Nitribit im Jahr 1957. Selbst ihr legendärer schwarzer Mercedes 190 SL wird im Modell gezeigt. © massow-picture
Eines der populärsten Verbrechen war die Ermordung der Frankfurter Edelprostituierten Rosemarie Nitribit im Jahr 1957. Selbst ihr legendärer schwarzer Mercedes 190 SL wird im Modell gezeigt. © massow-picture

Ein besonderes „Geschichts-„Erlebnis versprach der Besuch des Kriminalmuseums im Polizeipräsidium Frankfurt a. Main, welches ansonsten nur nach Voranmeldungen von Gruppen mit 15 bis 20 Personen besucht werden kann. Es basiert auf einer Lehrmittelsammlung zur Polizistenausbildung aus dem Jahr 1920.

Wie wohl ein echte Pistole in der Hand liegt, kann hier getestet werden. Die Aservaten begangener Straftaten können im kleinen "Separee" bestaunt werden. © massow-picture
Wie wohl ein echte Pistole in der Hand liegt, kann hier getestet werden. Die Aservaten begangener Straftaten können im kleinen „Separee“ bestaunt werden. © massow-picture

Es zeigt nicht nur herausragende historische Fälle wie den ersten Nachkriegs-Raubmord von 1952 oder die Ermordung der Edelprostituierten Rosemarie Nitribitt im Jahr 1957, oder Kuriosa wie „Marmeladenpistolen“ und „Schmuggelutensilien“. Es präsentiert vor allem auch bedeutende Kriminalfälle der jüngeren Vergangenheit, wie etwa den Fall des sogenannten „Hammermörders“, dem im Jahr 1990, dem sechs Obdachlose zum Opfer fielen.

Nachgestellter Tatfundort einer erdrosselten Prostituierten der sechsfachen  Bordellmord-Serie. © massow-picture
Nachgestellter Leichenfundort einer erdrosselten Prostituierten des sechsfachen Bordellmords. © massow-picture

Besonders aber faszinierten die Besucher in den brechend vollen Ausstellungsräumen die mit einschlägigen Exponaten ergänzten Infotafeln über „Schränker“ (Tresorknacker), Falschgeld, Kriminaltechnik, Fingerabdruck, DNA-Ermittlung, Produkterpressung, Gesichtsweichteilrekonstruktion bis hin zu Tatortszenario-Nachstellungen wie dem sechsfachen Bordellmord oder die Sonderausstellung „Doppelmord im Volkspark Niddertal“.

Für das Rahmenprogramm sorgten das Polizeiorchester, Vorführungen des Polizeihundekomandos, eine Ausstellung von Polizeifahrzeugen und Darbietungen der Künstler von THEATEReMOTION.

Senckenberg Naturmuseum

Auf eindrucksvolle Weise entführte das Senckenberg Naturmuseum in eine Welt, in der viele außergewöhnliche und seltene Ausstellungsstücke die Fantasie großer und kleiner Besucher beflügelte, hier im Saal der großen Saurier-Skelette. © massow-picture
Auf eindrucksvolle Weise entführte das Senckenberg Naturmuseum in eine Welt, in der viele außergewöhnliche und seltene Ausstellungsstücke die Fantasie großer und kleiner Besucher beflügelte, hier im Saal der großen Saurier-Skelette. © massow-picture

Großen Zuspruch bei Jung und Alt fand vor allem das Senckenberg Naturmuseum, welches auf 6000 qm mit mehreren tausend, zum Teil weltweit einzigartigen Exponaten zu einer Reise „Die beste der möglichen Welten“ durch vier Millarden Jahre Erdgeschichte und ihrer Bewohner sowie  der Sonderausstellung „Vielfalt zählt: Eine Expedition in die Biodiversität“ eingeladen hatte.

Viel Betrieb herrschte an den im ganzen Haus aufgebauten Laborzentren, an denem junge "Wissenschaftle"Insekten und andere Funde mikroskopisch unter die "Lupe" nehmen konnten. © massow-picture
Viel Betrieb herrschte an den im ganzen Haus aufgebauten Laborzentren, an denem junge „Wissenschaftle“Insekten und andere Funde mikroskopisch unter die „Lupe“ nehmen konnten. © massow-picture

Für weitere Unterhaltung sorgten die Bühnenshow und Besucherquiz mit PICO BELLO’s Schrägen Professoren Dr. KNOW und Dr. HOW  sowie das Headlong Jazz Quartett mit Swing, Latin & Funk. Während sich Besucher über die Vielfalt der Wirbeltiere, Saurier, riesige Wahle und Elefanten, Fossilien aus der Fundstätte der Grube Messel, über das Flammenrohr, die Savanne, über die Domestikation von der Steinzeit bis heute, über Schlösser, Säle und Schwarze Häupter oder Terra incognita in der Paläobotanik informieren konnten, hatten junge Nachwuchsforscher an mobilien Loborzentren Gelegenheit Zell- und anderes Biomaterial selbst durchs Mikroskop zu betrachten.  Alles in allem war die  Zeit für diese Vielfalt viel zu kurz, aber sie reichte, um sich einen guten Eindruck für den nächsten Besuch des Naturmuseums zu verschaffen.

Struwwelpeter-Museum

Lieblingsort vieler Jugendlicher war  in der Nacht der Museen das Theaterzimmer mit den Struwwelpeter-Kostümen, die übergezogen und aufgenommen, dann rasch gepostet werden konnten. © massow-picture
Lieblingsort vieler Jugendlicher war in der Nacht der Museen das Theaterzimmer mit den Struwwelpeter-Kostümen, die übergezogen und aufgenommen, dann rasch gepostet werden konnten. © massow-picture

Auch zum Struwwelpeter-Museum muss man unbedingt wieder kommen, da der kurze Besuch in dem auf vier Altbau-Etagen liebevoll eingerichteten Ausstellungsräumen  den meisten Besuchern lediglich einen ersten Eindruck vermitteln konnte.

Von Anti-Rassismus bis Zündholz - eine Sonderausstellung zeigt den kulturgeschichtlichen Hintergrund der Geschichten, die Heinrich Hoffmann ursprünglich für seinen Sohn als Weihnachtsgeschenk gedichtet und gezeichnet hatte. © massow-picture
Von Anti-Rassismus bis Zündholz – eine Sonderausstellung zeigt den kulturgeschichtlichen Hintergrund der Geschichten, die Heinrich Hoffmann ursprünglich für seinen Sohn als Weihnachtsgeschenk gedichtet und gezeichnet hatte. © massow-picture

Eine tiefergehende Beschäftigung mit den vielen Exponaten braucht einfach seine Zeit. Präsentiert wird nicht nur die Erfolgsgeschichte des Struwwelpeters, sondern auch viele weitere Arbeiten von Heinrich Hoffmann in Bildern, Skizzen, Büchern und Briefen. Der Frankfurter Arzt und Autor verfasste den Sruwwelpeter 1844 als Weihnachtsgeschenk für seinen dreijährigen Sohn Carl. Inzwischen wurde der in 45 Sprachen und über 80 deutsche Dialekte übersetzte Struwwelpeter zu einer Kultfigur. Besucher finden im Struwwelpeter-Museum alias Heinrich-Hoffmann-Museum seltene Originalausgaben, exotische Übersetzungen, Kitsch und Kunst. Ganz besonders wendet sich das Museum auch an Kinder. Für sie wurde im Ausstellungsdesign eine „Kinderebene“ mit lustigen Bildern und Spielen eingezogen. Lieblingsort vieler kleiner Besucher ist das Theaterzimmer mit den Struwwelpeter-Kostümen zum Verkleiden. Während der Nacht der Museen wurde Struwwelpeter auch zum Filmstar. Zudem las Ur-Ur-Enkelin, die Schauspielerin Monika Hessenberg, humorvoll aus der Lektüre ihres Vorfahren vor. Ein Höhepunkt war eine Kostümführung der  „Therese Hoffmann“, die durch die Ausstellung ihres „Gatten Heinrich“ geleitete.

Gesang der Schamanen im Archäologischen Museum

Simon Saaàt Mareinen und Niko Valkeapää präsentieren rituelle Gesänge der saamischenSchamanen vor vollem Haus in der Karmeliterkirche des Archäologischen Museums. © massow-picture
Simon Saaàt Mareinen und Niko Valkeapää präsentieren rituelle Gesänge der saamischenSchamanen vor vollem Haus in der Karmeliterkirche des Archäologischen Museums. © massow-picture

Entführt in eine Zeit vor unserer Zeit wurden Nachtschwärmer im Archäologischen Museum. Das für seine regionalen archäologischen vor- und frühgeschichtlichen Funde aus der Stein- bis zur Römerzeit, für seine internationale Sonderausstellungen, wissenschaftliche Forschung, Bildungs- und Restaurierungsarbeiten bekannte Haus, hatte unter anderem eingeladen zu rituellen Gesängen (Joiken) der saamischen Schamanen mit dem Sänger Simon Issát Mareinen der schwedisch-norwegischen Band ÀRA.

Die Nachtschwärmer konnten viele Ausstellungsstücke zum Alltagsleben der Saamen bestaunen, wie hier ein Zelt und einen Schlitten. © massow-picture
Die Nachtschwärmer konnten viele Ausstellungsstücke zum Alltagsleben der Saamen bestaunen, wie hier ein Zelt und einen Schlitten. © massow-picture

Neben dem Schlagen der Zaubertrommel versetzte das Joiken den saamischen Schamanen in rituelle Ekstase. Mareinen trat um 19, 21, 23 und 24 Uhr in der farbig illuminierten Karmeliterkirche des Museums gemeinsam mit dem finnischen Saamen Niko Valkeapää auf, der auch unter Jazz-Musikliebhabern bekannt ist.

Ausstellungsstücke aus  dem Alltagsleben der Saamen, hier: diverse Felle und Geweihe, aber auch eine Bilderschau über ihr Leben.  © massow-picture
Ausstellungsstücke aus dem Alltagsleben der Saamen, hier: diverse Felle und Geweihe, aber auch eine Bilderschau über ihr Leben. © massow-picture

Um 20, 22. und 24 Uhr gab es „Renrajd Vualka“, Erzählungen zum Leben der Saamen. Renraja nennt man den Zug der Rentierschlitten-Gespanne und der Trag-Rentiere. VUALKA ist der südsaamische Begriff für „sich auf den Weg machen“. Getreu dem Motto „Wir zeigen ein Stück Lappland“ erzählten die Mitarbeiter Besuchern über das Leben der Saamen und im Besonderen über das Schicksal einer schwedischen Saamin, die um 1580 an den Hof des damaligen Landgrafen Wilhelm IV. von Hessen Kassel verbracht wurde. Zelte, Schlitten und zahlreiche weitere Ausstellungsstücke zum Alltagsleben der Saamen veranschaulichten die Berichte.

50er Jahre Schauplätze im Institut für Stadtgeschichte

Zur diesjährigen Nacht der Museen zeigte das Institut für Stadtgeschichte die Sonderausstellung Frankfurt in den 50er Jahren. © massow-picture
Zur diesjährigen Nacht der Museen zeigte das Institut für Stadtgeschichte die Sonderausstellung Frankfurt in den 50er Jahren. © massow-picture

Ein ausgesprochener Anziehungspunkt waren auch die zwei Ausstellungen im Institut für Stadtgeschichte, dem Nachbarn des Archäologischen Museums. Im Dormitorium drehte sich in der Schau „Schauplätze“ alles um Frankfurt in den 50er Jahren. Anhand von 150 Fotos werden Themen wie Wiederaufbau, Wirtschaftswunder, US-Hauptquartier und Messe und Verkehr lebendig. Zwei Kuratorenführungen, einmal von Tobias Picard M.A. gegen 20 Uhr, und von Dr. Michael Fleiter gegen 22 Uhr, kamen gut an. In den Foyers konnten Kunstinteressenten die großformatigen  „Farbsuggestionen“ der Frankfurter Künstlerin Renate Saubermeister (1937 bis 2012) bestaunen.

Walkingband "Drei zu Null" ließ musikalisch die 50er Jahre wieder aufleben. © massow-picture
Walkingband „Drei zu Null“ ließ musikalisch die 50er Jahre wieder aufleben. © massow-picture

Im Refektorium heizte die Walkingband „Drei zu Null“ jeweils um 19, 21. 23 und 24 Uhr in verträglicher Lautstärke mit Schlagern der 50er Jahre ein. Wer Lust hatte konnte sich Björn Wissenbach M.A. zu einer Stadtrundgang über „Frankfurts Wirtschaftsgeschichte“ anschließen oder Sabine Mannel M.A. zwischen 19 und 1 Uhr mit festem Schuhwerk zu einer Taschenlampenführung durch das Fischergewölbe mit ehemaligem Anlegesteg für die Nachen (flachen Boote) der Mainfischer unter der Alten Brücke folgen. Diese dienten den Mainfischern bis 1926 als eine Art Werft.

Viel Betrieb herrschte im Caricatura, dem Museum für komische Kunst. © massow-picture
Viel Betrieb herrschte im Caricatura, dem Museum für komische Kunst. © massow-picture

Besonderer Beliebtheit erfreuten sich die Ausstellungen und Events vom Goethe-Haus, Caricatura-Museum, Haus am Dom, Dom-Museum, von Städel Museum, Museum Angewandte Kunst und Museum Judengasse: Im Städel nahmen zahlreiche Besucher das Angebot der Meisterwerke-Führungen durch das Haus wahr, um anschließend zu funkigen House- und Disco-Sounds im Metzler-Saal zu tanzen. Beflügelt von den lebhaften Trommelperformances von Max Gaertner und der FutureArtPerformanceGroup, durchliefen die Besucher mit viel

Besucher- Magnet war auch wieder die Schirn mit ihren Ausstellung "Ich" und "Joan Miro", die noch bis zum 12. Juni zu besichtigen ist. © massow-picture
Besucher- Magnet war auch wieder die Schirn mit ihren Ausstellung „Ich“ und „Joan Miro“, die noch bis zum 12. Juni zu besichtigen ist. © massow-picture

Spaß den interaktiven Parcours zum Glücklichsein im Museum Angewandte Kunst – die Ausstellung „The Happy Show“ war erst am vergangenen Freitag eröffnet worden. Neben Führungen durch die neue Dauerausstellung des kürzlich wiedereröffneten Museum Judengasse lauschten die Besucher konzentriert den venezianischen kantoralen Klängen aus der Renaissance.

Die Gartenfassade des Bolongaropalasts erstrahlt zur NACHT im faszinierenden Lichtspiel der Farben und Formen!
Die Gartenfassade des Bolongaropalasts erstrahlt zur NACHT im faszinierenden Lichtspiel der Farben und Formen!

Auch die denkmalgeschützte Höchster Altstadt zog viele Kunstwandler in ihren Bann: Während Michael Quast mit seiner Lesung über kauzige Originale für heitere Stimmung im Bolongaropalast sorgte, begeisterte das Frankfurter Blechbläserquartett mit seinem Jazz-Medley vom Höchster Schlossturm aus die Zuhörer. Hinter den historischen Mauern des Bolongaropalasts erwachten die Zeiten des Barock, des Rokoko und der alten Römer bei historischen Tanzaufführungen zum Leben, gefolgt von einer audiovisuellen Installation auf der Fassade des Gebäudes.

Ausgesprochen bunt ging es im Museum für Kommunikation zu; hier wurden die 80er zum Leben erweckt. Besucher konnten ihr tänzerisches Geschick im Stil von Dirty Dancing, Flashdance und Footloose unter Beweis stellen, eine flippige Disco-Diva-Karaoke-Show sorgte zudem für heitere Stimmung. Nebenan im Filmmuseum schlüpften viele Besucher in die Rollen ihrer Lieblingsfilm-Helden und verewigten sich auf ihren persönlichen Bluebox-Fotos, während im Experiminta ScienceCenter das Geheimnis von optischen Täuschungen und Fliehkraft gelüftet wurde.

Musikalisch ging es mit Indian Vibes im Deutschen Architekturmuseum heiß her, und im Offenbacher Ledermuseum wurde ordentlich geswingt und gejazzt. Nachtschwärmer kamen in der besonderen Atmosphäre des Höchster Bolongaropalastes und auf dem Dach des Skyline Plaza mit spektakulärem Blick auf Frankfurts Wolkenkratzer auf ihre Kosten. Hier wurde zu frischen Partysounds ausgelassen bis in den frühen Morgen gefeiert.

„Junge Kunst mit Zukunft“ stand bei der EY-Benefizauktion im Museum Angewandte Kunst zur Versteigerung: 26 ausgewählte Werke junger Künstler der Frankfurter Städelschule und der Offenbacher Hochschule für Gestaltung (HfG) kamen unter den Hammer und wurden für insgesamt 60.159 € versteigert.

Weitere Informationen über das Programm der Nacht der Museen 2016