Kategorie-Archiv: Internationale Tage Ingelheim

Internationale Tage Ingelheim präsentieren ab 1.Mai 2022 Meisterblätter von Edvard Munch

Meisterblätter von Edvard Munch in Ingelheim Die Ausstellung der Internationalen Tage widmet sich 2022 dem norwegischen Künstler Edvard Munch. Der 1863 geborene Künstler entwickelt sich schnell zu einem der bedeutendsten und einflussreichsten Maler und Grafiker der frühen Moderne in Europa. © Foto Diether v. Goddenthow
Meisterblätter von Edvard Munch in Ingelheim Die Ausstellung der Internationalen Tage widmet sich 2022 dem norwegischen Künstler Edvard Munch. Der 1863 geborene Künstler entwickelt sich schnell zu einem der bedeutendsten und einflussreichsten Maler und Grafiker der frühen Moderne in Europa. © Foto Diether v. Goddenthow

Nach Käthe Kollwitz im vergangenen Jahr, präsentieren die Ingelheimer Tage mit Meisterblättern des norwegischen Künstlers Edvard Munch vom 1. Mai bis 10.Juli 2022 wieder herausragende künstlerische Positionen, die in diesem Umfang in Ingelheim noch nie zu sehen waren. Der 1863 geborene Künstler entwickelt sich schnell zu einem der bedeutendsten und einflussreichsten Maler und Grafiker der frühen Moderne in Europa.

Mit der Ausstellung „Edvard Munch. Meisterblätter“ greifen die Internationalen Tage zwei Schwerpunkte auf, die auch in den vergangenen Jahrzehnten für die Ausstellungen in Ingelheim prägend waren, so Kurator Dr. Ulrich Luckhardt. Zum einen würde einer der international bekanntesten Künstler um die Wende des 19. Zum 20. Jahrhundert gezeigt, zum anderen, greife auch die diesjährige Ausstellung wieder das künstlerische Medium der Druckgrafik auf. Dieses künstlerisches Medium habe auch in der Vergangenheit immer wieder eine zentrale Rolle bei hier gezeigten internationalen Künstlern gespielt, etwa bei Picasso, Miro, Dürer, Rembrandt, Goya, und im letzten Jahr bei Käthe Kollwitz.
Bei den von Munchs präsentieren Druckgrafiken handele es sich beispielsweise um Radierung, Lithografie, Holzschnitte und als Besonderheit um eine Hektografie, um einen sogenannten Matrizendruck, was sehr ungewöhnlich sei, so Dr. Luckhardt.

Edvard Munch
Nach einem kurzen Kunststudium in Christiania (heute Oslo) zieht es Edvard Munch 1889 erstmals nach Paris, wo er sich mit dem Symbolismus des ausgehenden Jahrhunderts auseinandersetzt. Persönliche Schicksalsschläge wie der frühe Tod der Mutter und einer Schwester, aber auch unglückliche Beziehungen zu Frauen, prägen schon früh Munchs künstlerisches Werk. So ist die Beziehung der Geschlechter mit den Facetten von Glück und Angst, Erwartung und Sehnsucht Grundthema seiner Kunst, die sich nach der Wende zum 20. Jahrhundert mehr und mehr vom Symbolismus löst. Munch entwickelt nun eine eigene psychologische Bildsprache zwischen tief empfundener Melancholie, Einsamkeit und Todesangst. Als diese Werke erstmals 1892 in Deutschland im Verein Berliner Künstler in Berlin ausgestellt werden, lösen sie einen Skandal aus, der zur Schließung dieser Ausstellung führt.
Gefeiert von der jungen Generation von Künstlern, Literaten und Intellektuellen begründet sich so Munchs großer Einfluss nicht nur auf die bildende Kunst in Deutschland.
Neben der Malerei entsteht seit 1894 weitgehend autodidaktisch ein sehr umfangreiches druckgrafisches Werk, das die Themen der Gemälde aufnimmt. In ihrer technischen Perfektion und den einzigartigen Experimenten, unterschiedliche Druckverfahren miteinander zu kombinieren, wird Munchs druckgrafisches Werk zu einem künstlerischen Höhepunkt in diesem Genre.

Selbsterkundung und Führungen mit Frühstück bzw. Kaffee u Kuchen
Die zirka 90 oftmals farbigen Druckgrafiken geben einen profunden Überblick über das Werk von Edvard Munch. Dabei habe man jedoch die Werke nicht wie bei einer Retrospektive chronologisch, sondern nach Themenschwerpunkten gehängt, angepasst an die Räumlichkeiten im Kunstforum Ingelheim – Altes Rathaus. Hierdurch gewinnt die Ausstellung eine enorme Klarheit und Besucher können sich, beginnend mit Raum 1, im Untergeschoss, systematisch bis Raum 5, im 2 Obergeschoss, durch Munchs Werke „arbeiten“. Am besten sei, so Dr. Luckhardt, dies jeweils im Uhrzeigersinn zu tun. Saaltexte in jedem Raum geben eine kleine Einführung zu den jeweiligen Werken.

Themenschwerpunkte

Ausstellungs-Impression : Meisterblätter von Edvard Munch in Ingelheim vom 1.05. bis 10.7.2022. Vorne "Mädchen auf der Brücke", 1920, Holzschnitt und farbige Lithografie, Sammlung E.W.K., Bern. © Foto Diether v. Goddenthow
Ausstellungs-Impression : Meisterblätter von Edvard Munch in Ingelheim vom 1.05. bis 10.7.2022. Vorne „Mädchen auf der Brücke“, 1920, Holzschnitt und farbige Lithografie, Sammlung E.W.K., Bern. © Foto Diether v. Goddenthow

Anziehung und Loslösung
Beginnend mit dem Geschlechterverhältnis von Mann und Frau, von Männerfantasien über die Annäherung und die innige Liebe bis hin zu Eifersucht und Loslösung und Trennung durch gemeinsamen Tod, wird hier ein Bogen des Lebens visualisiert.

Selbst und Freunde
Zusammen mit den Selbstporträts zeugen die Bildnisse der Literaten wie Henrik Ibsen und August Strindberg oder des Komponisten Frederick DeLus Munchs enge Verbindungen in andere künstlerische Bereiche.

Melancholie und Einsamkeit
Einen weiteren Schwerpunkt bilden Melancholie und Einsamkeit von Menschen, sowohl in Innenräumen wie vor der offenen Meereslandschaft, wobei diese zum tiefgründigen Ausdruck der menschlichen Seele werden.
Das Schwermütige spiele ja in Skandinavien in der Kunst eine sehr große Rolle, so Dr. Luckhardt, und insbesondere auch bei Munch, der ja selber psychisch sehr labil war und nach einem psychischen Zusammenbruch in den Jahren 1908 /1909 für 8 Monate in einer Kopenhagener Nervenklinik weilte. Diese Schwermütigkeit zeichne sich besonders in Darstellungen der Figuren am Meer aus,  einsame Figuren, auch Rückenfiguren, deren Gesicht man nicht sieht. Das sei natürlich alles vor dem Hintergrund zu sehen, dass zu Munchs Zeit die Psychoanalyse entwickelt wurde. Und gerade die nordischen Künstler haben sich damit sehr auseinandergesetzt. Sie haben diese neue Dimension der Menschheit versucht darzustellen, oder im Werk aufwühlen zu lassen, so der Kurator bei der Presseführung.

Erinnerung
Erinnerung meint hier insbesondere das Erinnern an traumatische Lebenssituationen. Vorangestellt wird auf der Texttafel ein Zitat, in dem Munch die Situation beschreibt, in der ihm das Motiv „Der Schrei“ erscheint, was er dann in Gemälden und in der jetzt in Ingelheim gezeigten Lithographie künstlerisch ausgearbeitet hat. Aber auch Ängste spielen bei diesen  Motiven eine große Rolle. Der Schrei resultiere ja im Endeffekt aus einer Angst, so der Kurator. Ebenso haben Munch persönliche Erinnerungen besonders geprägt wie der frühe Tod seiner Mutter oder der frühe Tod einer seiner Schwestern. Munch verarbeitet dies unter anderem in einer Motivgruppe „Das Kranke Kind“.

Liebe, Schmerz, Tod
In der letzten Station im großen, ehemaligen Ratssaal, geht es erneut  um das „Verhältnis der Geschlechter“, diesmal jedoch um die „Rolle“ der Frau als ein für Männer bedrohliches Wesen. Er stellt sie da, etwa als  Salome, im „Gewand“ einer Geigerin mit einem fast skeletthaften, ausgemergelten Kopf. Oder als „Harpye“ , die auch eine Todesgefahr für das männliche Geschlecht signalisiere. Oder „seine“ Frau mit roten Haaren und grünen Augen, der Munch den Titel die „Sünde“ gegeben hat. Besonders nachdrücklich der Titel „Vampyr“: eine über einen Mann gebeugte Frau, die den Mann aussaugt, ihn tötet. Allerdings, so Dr. Luckhardt, könne dieses Werk auch anders interpretiert werden, etwa als eine intime zärtliche Umarmung. Eindeutigkeit gäbe es bei Munch bewusst nicht.

Der schöpferische Akt
Die Ausstellung endet sozusagen als Essenz seines Werkes mit drei Blättern: Im Holzschnitt „Die Blume des Schmerzes“ ragt eine männliche Figur aus dem Boden heraus, aus seinem Herz quillt ein Blutstrom, welcher eine Blume nährt und diese zum Erblühen bringt, sozusagen als Symbol für den Kreislauf des Lebens. Im zweiten Druck  erneut ein Motiv mit einer  Harpyie, einem antiken Zwitterwesen, einem Vogelwesen, was einen weiblichen Körper hat. Die Vogelfrau tötet Männer und wird bei Munch zur Metapher für die Kunst über das Leben des Künstlers hinaus. Das dritte Werk, eine Lithografie einer vertikal aufgerichteten „Urne“, aus der unten ein junges Frauengesicht herausschaut, ist ein geflügeltes Wesen „voller Trauer und Schönheit“. Es symbolisiert die Erneuerung, das Neuerstehen aus dem Abgelebten. So erklärt Munch einen Aspekt zum Wesen der modernen Kunst: ihre ständige Erneuerung.

Besuch und Führungen

Neben Selbsterkundung gibt es auch ein großes Angebot an originellen  Führungen:  etwa „Frühstück & Kunst“ (18 Euro inklusive Frühstück), „Kaffeezeit & Kunst“ (18,- Euro inklusiv Kaffee u. Kuchen) oder die an drei Terminen die Kuratoren-Führung mit Dr. Ulrich Luckhardt. Zudem gibt es gesonderte Angebote für Schulklassen, sowie Workshops für Kinder und am 10. Juni von 19 bis 24 Uhr die Nacht der Kunst rund um den Francois-Lachenal-Platz.
https://www.internationale-tage.de/fuehrungen/

Öffnungszeiten:
Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag
11.00 bis 18.30 Uhr

Samstag, Sonntag und Feiertag
11.00 bis 18.00 Uhr

Montag geschlossen
(außer an Feiertagen)

Eintritt
7,- Euro Tageskarte (ausschließlich am Tag des Besuchs an der Museumskasse erhältlich, eine Reservierung vorab ist nicht notwendig)
5,- Euro ermäßigt
(Schüler ab 17 Jahre, Studenten, Auszubildende, Behinderte)
Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre frei

Kunstforum Ingelheim – Altes Rathaus
François-Lachenal-Platz 1
55218 Ingelheim am Rhein
(Stadtteil Nieder-Ingelheim)

 

Katalog

It_Katalog_2022_01-250Gefeiert von der jungen Generation von Künstlern, Literaten und Intellektuellen begründet sich Munchs großer Einfluss auf die Kunst unter anderem in Deutschland. Sein umfangreiches druckgrafisches Werk bildet in technischer Perfektion und der einzigartigen Kombination unterschiedlicher Druckverfahren einen künstlerischen Höhepunkt dieser Gattung. Der Band stellt beliebte Themen seines Schaffens anhand herausragender Arbeiten vor. Die exzellenten Abbildungen erläutert ein fundierter Text von Uwe M. Schneede.
Edvard Munch. Meisterblätter
Herausgegeben von Ulrich Luckhardt mit Texten von Uwe M. Schneede
160 Seiten, 100 Abbildungen in Farbe
21 x 27 cm, gebunden
ISBN: 978-3-7774-3984-6
29,90 €

Die Ausstellung der Internationalen Tage Ingelheim präsentiert Meisterblätter von Edvard Munch – 1. Mai bis 10. Juli 2022

Edvard Munch: Vampyr II, 1895-1902 Farbige Lithographie und farbiger Holzschnitt Sammlung E.W.K., Bern
Edvard Munch: Vampyr II, 1895-1902 Farbige Lithographie und farbiger Holzschnitt Sammlung E.W.K., Bern

Die Ausstellung der Internationalen Tage widmet sich 2022 dem norwegischen Künstler Edvard Munch. Der 1863 geborene Künstler entwickelt sich schnell zu einem der bedeutendsten und einflussreichsten Maler und Grafiker der frühen Moderne in Europa.

Nach einem kurzen Kunststudium in Christiania (heute Oslo) zieht es Edvard Munch 1889 erstmals nach Paris, wo er sich mit dem Symbolismus des ausgehenden Jahrhunderts auseinandersetzt. Persönliche Schicksalsschläge wie der frühe Tod der Mutter und einer Schwester, aber auch unglückliche Beziehungen zu Frauen, prägen schon früh Munchs künstlerisches Werk. So ist die Beziehung der Geschlechter mit den Facetten von Glück und Angst, Erwartung und Sehnsucht Grundthema seiner Kunst, die sich nach der Wende zum 20. Jahrhundert mehr und mehr vom Symbolismus löst. Munch entwickelt nun eine eigene psychologische Bildsprache zwischen tief empfundener Melancholie, Einsamkeit und Todesangst. Als diese Werke erstmals 1892 in Deutschland im Verein Berliner Künstler in Berlin ausgestellt werden, lösen sie einen Skandal aus, der zur Schließung dieser Ausstellung führt.

Gefeiert von der jungen Generation von Künstlern, Literaten und Intellektuellen begründet sich so Munchs großer Einfluss nicht nur auf die bildende Kunst in Deutschland.

Neben der Malerei entsteht seit 1894 weitgehend autodidaktisch ein sehr umfangreiches druckgrafisches Werk, das die Themen der Gemälde aufnimmt. In ihrer technischen Perfektion und den einzigartigen Experimenten, unterschiedliche Druckverfahren miteinander zu kombinieren, wird Munchs druckgrafisches Werk zu einem künstlerischen Höhepunkt in diesem Genre.

Anhand von ca. 90 oftmals farbigen Werken – Radierungen, Lithografien, Holzschnitte und Hektografien – zeigt die Ausstellung einen Überblick über das Werk von Edvard Munch. Auf die Räumlichkeiten im Kunstforum Ingelheim – Altes Rathaus zugeschnitten, entstehen fünf motivisch bzw. thematisch ausgerichtete Räume.

Edvard Munch: „Kopf bei Kopf“ (Mann und Weib sich küssend), 1905 Farbholzschnitt Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen
Edvard Munch: „Kopf bei Kopf“ (Mann und Weib sich küssend), 1905 Farbholzschnitt Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen

Beginnend mit dem Geschlechterverhältnis von Mann und Frau, von Männerfantasien über die Annäherung und die innige Liebe bis hin zu Trennung und dem gemeinsamen Tod, wird hier ein Bogen des Lebens visualisiert. Zusammen mit den Selbstporträts zeugen die Bildnisse der Literaten wie Henrik Ibsen und August Strindberg oder des Komponisten Frederick Delius Munchs enge Verbindungen in andere künstlerische Bereiche. Einen weiteren Schwerpunkt bilden Melancholie und Einsamkeit von Menschen, sowohl in Innenräumen wie vor der offenen Meereslandschaft, wobei diese zum tiefgründigen Ausdruck der menschlichen Seele werden. Das Seelenleben ist auch zentrales Thema in den Werken, die sich mit Angst, Krankheit und Tod auseinandersetzen, wobei das Motiv des kranken Kindes im Mittelpunkt steht. Am Ende werden Darstellungen von Frauen gezeigt, die Munch zu begehrten Madonnen stilisiert, oder die als „Vampyr“ und „Harpye“ auch eine Todesgefahr für ihn veranschaulichen.

Die diesjährige Ausstellung zeigt Werke, die von einer Reihe von Museen und aus Privatsammlungen zur Verfügung gestellt werden.

Edvard Munch. Meisterblätter
1. Mai bis 10. Juli 2022
Kunstforum Ingelheim – Altes Rathaus
François-Lachenal-Platz 1,
55218 Ingelheim am Rhein

Weitere Informationen Internationale Tage Ingelheim

Empfehlenswerter Begleit-Katalog :
It_Katalog_2022_01-250Edvard Munch. Meisterblätter
21 x 27 cm, 100 Abbildungen in Farbe.  herausgegeben von Ulrich Luckhardt und Texte von Uwe M. Schneede. Hirmer Verlag GmbH, 160 Seiten, 29,90 Euro.  ISBN: 3777439843
EAN: 9783777439846
Die exzellenten Abbildungen erläutert ein fundierter Text von Uwe M. Schneede. Sein umfangreiches druckgrafisches Werk bildet in technischer Perfektion und der einzigartigen Kombination unterschiedlicher Druckverfahren einen künstlerischen Höhepunkt dieser Gattung. Der Band stellt beliebte Themen seines Schaffens anhand herausragender Arbeiten vor. Die exzellenten Abbildungen erläutert ein fundierter Text von Uwe M. Schneede.

Internationale Tage Ingelheim – Das Kunstforum Ingelheim – Altes Rathaus wird ab 12. August 2018 mit der Ausstellung „Mensch! Skulptur“ wiedereröffnet

Die Renovierung und zeitgenössische Erweiterung des Alten Rathauses am FrancoisLachenal-Platz in Nieder-Ingelheim sind nach zwei Jahren intensiver Bautätigkeit abgeschlossen. Das Ensemble wird ab dem 12. August 2018 unter dem neuen Namen „Kunstforum Ingelheim – Altes Rathaus“ wiedereröffnet. Das frisch sanierte und mit einem Anbau ergänzte und modernisierte Gebäude, das 1982 zuletzt umgebaut und zum Ort für Ausstellungen eingerichtet wurde, bietet in diesem Jahr nun Gelegenheit, historische Architektur und Kunst in einer neuen Symbiose zu erleben.

Die Ausstellung „Mensch! Skulptur“ vereint 12 unterschiedliche bildhauerische Positionen, in denen jeweils die künstlerische Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper im Mittelpunkt steht. Ausgehend von einer realistischen Darstellung werden unterschiedliche Wege aufgezeigt, die die Entwicklung der dreidimensionalen Körperlichkeit hin zur Abstraktion dokumentieren.

Anhand von Motivgruppen wie stehenden, sitzenden oder liegenden menschlichen Körpern und Figuren in tänzerischer Bewegung oder einzelnen Gliedmaßen wie dem Kopf und den Händen wird eine facettenreiche Auswahl gezeigt, die Museen und Privatsammler aus Deutschland, Großbritannien und der Schweiz nach Ingelheim ausleihen.

Die Öffnungen der Rundbogenfenster des Alten Rathauses werden einsichtig sein, so dass der Außenraum der rheinhessischen Landschaft, die Architektur des Alten Rathauses und die Wirkung der Skulpturen im wechselnden Licht in besonders intensiver Weise erlebbar werden. Das einfallende Tageslicht verändert sowohl die Ausstellungsräume als auch die Objekte mit ihren unterschiedlichen Oberflächen. Im Streiflicht – eine ideale Voraussetzung, um Skulpturen zu sehen – wird die dritte Dimension, die Plastizität, und der umgebende Raum zu einer Einheit. Die Objekte entfalten so ihre volle Wirkung und werden den Betrachter in ihren Bann ziehen. Insgesamt werden rund 60 Skulpturen aus Marmor, Bronze oder Terrakotta zu sehen sein.

Die Konzentration auf Skulpturen, die den menschlichen Körper darstellen, hat der Kurator und Leiter der Internationalen Tage Dr. Ulrich Luckhardt mit Bedacht gewählt. Anhand einzelner Motiv- und Themengruppen werden die Entwicklungen und Veränderungen anschaulich, die sich in der Skulptur von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis ca. 1960 ergeben. Es ist der Weg von der realistischen Auffassung des menschlichen Körpers als Einheit hin zur Reduktion abstrakter Flächen oder organischer Formen. Den Besuchern wird durch vergleichendes Sehen die Möglichkeit gegeben, diese Schritte nachzuvollziehen.

Die Auswahl der zwölf Künstler – Alexander Archipenko, Max Beckmann, Rudolf Belling, Edgar Degas, Alberto Giacometti, Georg Kolbe, Henri Laurens, Wilhelm Lehmbruck, Aristide Maillol, Henry Moore, Pablo Picasso, Auguste Rodin – führt den Formenreichtum der Skulptur der letzten hundert Jahre vor Augen.

„Mensch! Skulptur“ stellt nach der Schau „Figuren Afrikas“ (2002) ein weiteres Mal bei den Internationalen Tagen dreidimensionale Kunstwerke in das Zentrum einer Ausstellung.

Der Katalog, in dem die Inszenierung der Werke in den neuen Räumen dokumentiert wird, erscheint Anfang September 2018.

Die Internationalen Tage Ingelheim mit „Emil Nolde. Die Grotesken“ zu Gast im Museum Wiesbaden vom 30. April bis 9.Juli 2017

Emil Nolde 1867 -  1956. Bergpostkarte: "Die drei Mürtschen: Der Böse, der Faule und der Rauhe, 1985. Mischtechnik, Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Diether v. Goddenthow
Emil Nolde 1867 – 1956. Bergpostkarte: „Die drei Mürtschen: Der Böse, der Faule und der Rauhe, 1985. Mischtechnik, Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Diether v. Goddenthow

„Die Kunst kommt vom Menschen und ist für den Menschen gemacht – nicht für die Experten. Ihre Formen bilden sich aus der lebendigen Liebe zum Leben. Sie verbindet die Menschen und gibt ein positives Lebensgefuhl. Die Kunst ist der Spiegel Gottes – der die Menschheit ist.“ Emil Nolde

 

Dem widrigen Umstand,  dass sich die Sanierung des alten Ingelheimer Rathauses unvorhergesehener Weise verzögerte und als Ausstellungsfläche für die Internationalen Tage Ingelheims nicht bereitstand, verdankt das Museum Wiesbaden die Chance,  Emil Noldes Werk  „Die Grotesken“  präsentieren zu können.

i.t.iDie Internationalen Tage Ingelheim sind ein Kulturengagement von Boehringer Ingelheim seit 1959, die jährlich zwischen Mai und Juli stattfinden, in diesem Jahr zum ersten Mal,  der Raumnot gehorchend, außerhalb. Dr. Alexander Klar erinnert sich beim Pressegespräch:  „Binnen 6 Stunden hatten wir, nachdem die Anfrage hier bei uns eingetroffen war,  die Ausstellung zugesagt“.  Für das Museum Wiesbaden, welches sich explizit dem Expressionismus widmet, war es eine große Chance, auf diese Weise zum zweiten Mal einen Vertreter aus der expressionistischen Künstlergruppe „Die Brücke“ ausstellen zu können.

Zudem dürfte es nun für Besucher der Dokumenta 14 in Kassel noch verlockender werden,  einen Abstecher nach Wiesbaden einzuplanen. Zusammen mit der gegenwärtigen Sonderausstellung „Richard Serra. Props, Films, Early Works“, die noch bis zum 18. Juni 2017 gezeigt wird, kann nun das Hessische Landesmuseum für Kunst und Natur Wiesbaden mit zwei absoluten internationalen Highlights aufwarten.

Die Grotesken

Worum geht es? Wer hofft, in dieser Ausstellung einen Emil Nolde der farbigen Blumengärten, aufgeregten Meereslandschaften,  dramatischen Wolkenformationen oder der intensiven Eindrücke seiner berühmten Reise in die Südsee zu sehen, sucht in dieser Ausstellung vergeblich. Es wird viel spannender: Erstmals wird ein weitgehend unbekannter Emil-Nolde gezeigt, darunter 15 noch nie in einer Ausstellung gezeigte Werke. Es ist eine wesentliche, wenn auch wenig bekannte Facette Noldes umfangreichen Werkes.

Emil Nolde 1867 - 1956 Ohne Titel (Groteskes Tier in Hundegestalt. Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Diether v. Goddenthow
Emil Nolde 1867 – 1956 Ohne Titel (Groteskes Tier in Hundegestalt. Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Diether v. Goddenthow

Dass das „Grosteke“erst jetzt mit dieser Ausstellung  einer breiten Öffentlichkeit gezeigt werden kann,  erstaunt. Denn in Noldes vierbändiger Autobiografie und in seinen Briefen finden sich vielfältige Hinweise und Erläuterungen, die deutlich machen, dass sein künstlerisches Werk entscheidend durch sein subjektives Verhältnis zum Fantastischen und Grotesken beeinflusst und geprägt ist. Wer  tiefer in dieses „groteske“ Nolde-Welt einsteigt, wird  einen  „neuen“ Nolde entdecken können, der  vielleicht mehr als bisher, tiefe Einblicke in sein Seelenleben gibt. Zahlreiche Aquarelle erinnern ein wenig an  Klecksography und  den einstmals zur Diagnostik seelischer Gesundheit verwendeten Rorschach-Test. So gesehen hat der Betrachter durchaus die Chance, selbstreflektorisch auch etwas über die eigenen Befindlichkeiten und „seine Dämonen“ zu erfahren.  Noldes undefinierbare Wesenheiten, Kobolde und seltsamen Gestalten verbindet vielleicht  die archetypische Symbolik menschlicher ( Ur-)Existenzängste, die den Betrachter besonders in seinen Bann  ziehen.  „Die Urmenschen leben in ihrer Natur, sind eins mit ihr und ein Teil vom ganzen All. Ich habe zuweilen das Gefühl, als ob nur sie noch wirkliche Menschen sind, wir aber etwas wie verbildete Gliederpuppen, künstlich und voll Dünkel. Ich male und zeichne und suche einiges vom Urwesen festzuhalten.“ (1914) Emil Nolde

Hallig Hooge, 1919 – Flucht ins Alleinsein

Emil Nolde 1867 -1956 Tolles Weib, 1919. Exemplarisch für Noldes Adaption einiger seiner in Hallig Hooge entstandenen Aquarell-Motiven auf Leinwand in Ölfarbe, steht das  unbetiteltes Aquarell „Die Tänzerin“. Es diente zur Vorlage des Motivs: „Tolles Weib“, 1919. Sie, die mit einem nach oben gereckten Bein auf allen vieren kniet, umspielt ein gewisser Hauch wilder Rohheit, aber noch nicht entfesselt, was sich auch in der bräunlichen Farbgebung ausdrückt. Erst im Gemälde Tolles Weib hat Noldes Figur alle Zurückhaltung abgelegt. Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Diether v. Goddenthow
Emil Nolde 1867 -1956 Tolles Weib, 1919. Exemplarisch für Noldes Adaption einiger seiner in Hallig Hooge entstandenen Aquarell-Motive auf Leinwand in Ölfarbe, steht das unbetiteltes Aquarell „Die Tänzerin“. Es diente zur Vorlage des Motivs: „Tolles Weib“, 1919. Sie, die mit einem nach oben gereckten Bein auf allen vieren kniet, umspielt ein gewisser Hauch wilder Rohheit, aber noch nicht entfesselt, was sich auch in der bräunlichen Farbgebung ausdrückt. Erst im Gemälde Tolles Weib hat Noldes Figur alle Zurückhaltung abgelegt. Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Diether v. Goddenthow

Nolde entfloh immer wieder über längere Phasen „seiner“ hektischen äußeren Welt. Er suchte Ruhe, das Alleinsein, die totale Abgeschiedenheit. Beispielsweise fuhr Nolde im Frühjahr 1919 allein auf die Hallig Hooge vor der Küste Nordfriesland. Hier entstanden in ungefähr sechs Wochen unter anderem 71 Aquarelle von seinen Visionen mit besonderer Ausdruckskraft. Die Reise wurde Nolde wertvoll. Sie hatte wohl heilsame Wirkung und sollte ihn, zumindest in seinen dort geschaffenen Werken sein ganzes weiteres Leben begleiten. Nolde trennte sich zu Lebzeiten niemals von diesen auf Hallig Hooge entstandenen ungewöhnlichen  Figuren. Sieben dieser Aquarelle dienten ihm noch im selben Jahr als Vorlagen großformatiger Gemälde.

Caroline Dieterich, Mitautorin des Katalogs zur Ausstellung "Emil Nolde - Die Grotesken", 2017. Sie steuerte den Beitrag über Noldes Hallig Hooger Zeit bei.Foto: Diether v. Goddenthow
Caroline Dieterich, Mitautorin des Katalogs zur Ausstellung „Emil Nolde – Die Grotesken“, 2017. Sie steuerte den Beitrag über Noldes Hallig Hooger Zeit bei.Foto: Diether v. Goddenthow

Nolde liebte diese Halligen,  diesen atemberaubenden Wechsel von Ebbe und Flut und das Wattenmeer. Er war überzeugt: „Weitferne Vereinsamung kann reichstes Leben enthalten, rauschende Vielfältigkeit zerstreut alle geistige Sammlung“.

Caroline Dietrich hat „Emil Noldes Reise zur Hallig Hooge“ im sehr gelungenen Katalog zur Ausstellung beschrieben.

Utenwarf 1918

Dr. Ulrich Luckhardt, Kurator u. Leiter des Internationalen Tage, hier mit Emil Noldes Werk "Die Maske", entstanden 1920. Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Diether v. Goddenthow
Dr. Ulrich Luckhardt, Kurator u. Leiter des Internationalen Tage, hier mit Emil Noldes Werk „Die Maske“, entstanden 1920.
Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Diether v. Goddenthow

Bereits 1912,  Jahre vor Hallig Hooge, hatte sich Emil Nolde mit seiner Frau Ada (ab 1916)  in ein altes Fischerhaus an der westschleswigschen Künste zurückgezogen, das vor dem Deich liegt und deswegen von Hochwassern heimgesucht wurde. Er nennt es Utenwarf. Hier in der Abgeschiedenheit entstehen neben Landschaftsgemälden eine Reihe figürlicher Aquarelle mit verspielt-grotesken Bildthemen, erläutert Dr. Christian Ring, Direktor der Nolde Stiftung  in Seebüll. Sein Beitrag „Zur Kontinuität des Grotesken im Werk von Emil Nolde“, Katalog zur Ausstellung, Seiten 14 – 18, beschreibt diese Facette von Noldes Werk.

Emil Nolde 1867 - 1956. Wüstes Jagen 1918 Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Diether v. Goddenthow
Emil Nolde 1867 -1956. Wüstes Jagen 1918 Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Diether v. Goddenthow

Bereits in diesen Bildern schafft Nolde eine absolut groteske Gegenwelt zur Realität vor und nach dem ersten Weltkrieg.“‚Ich arbeite währenddem und malte den ‚Geburtstag der Windmühle‘, wo Hund und Hahn so lustig tanzen, und auch den ‚idealen Misthaufen‘ mit seinem glücklichen Federvieh. Kleine Anregungen gaben ihre Wirkungen, ein Gast bei uns benannte die Bilder so! – Es entstehen noch mehr dieser seltsamen freien Erfindungen, deren Bezeichnungen noch erfunden werden müssen“ (Christian Ring, zit. n. Nolde 2002, siehe Katalog zur Ausstellung)

Bergriesen – Bergpostkarten 

„Bereits sein erstes Ölgemälde, die Bergriesen von 1895/96, und die zuvor entstandene Reihe der Berg-Postkarten, in denen
Nolde Schweizer Bergen groteske menschliche Physiognomien gibt, und die ihn als bildenden Künstler noch vor der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert bekannt werden ließen, zeugen von Noldes intensivem Interesse am Fantastischen“, so Dr. Ulrich Luckhardt, Kurator und Leiter der Internationalen Tage Ingelheim.

Von diesen Anfängen, denen 1905 die Mappe Phantasien mit Radierungen folgt, bis in die Jahre des Berufsverbots durch die Nationalsozialisten zieht sich in seinem Werk immer wieder die Abkehr von der Realität hin zu einer grotesken Gegenwelt, so Luckhardt. Diese Realitätsferne zeigt sich neben den in Utenwarf und 1919 auf der Hallig Hooge entstanden Gemälden auch in einer weiteren Reihe von Werken, die alle 1923 gemalt wurden. Wie ein roter Faden zieht sich die Zweiheit, das Motiv des  „Paars“ durch Noldes Werk: „Die Zweiheit hat in meinen Bildern und auch in der Graphik einen weiten Platz erhalten. Mit- oder gegeneinander: Mann und Weib, Lust und Leid, Gottheit und Teufel. Auch die Farben wurden einander entgegengestellt: Kalt und warm, hell und dunkel, matt und stark. Meistens aber doch, wenn eine Farbe oder ein Akkord wie selbstverständlich angeschlagen war, bestimmte eine Farbe die andere, ganz gefühlsmäßig und gedankenlos tastend in der ganzen Farbenreihe der Palette, in reiner sinnlicher Hingabe und Gestaltungsfreude.“ (Emil Nolde)

 

Die Grenzen zwischen Realität und Grenzen verschwimmen bei Nolde immer wieder. Dr. Christian Ring, Direktor Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Diether v. Goddenthow
Die Grenzen zwischen Realität und Grenzen verschwimmen bei Nolde immer wieder. Dr. Christian Ring, Direktor Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Diether v. Goddenthow

Nolde lässt den Betrachter allein mit seinem Gedankenspuk und Anderswelten. Nolde entzieht sich einer klaren Interpretation und Lesbarkeit des Dargestellten, erklärt Dr. Christian Ring, Direktor der Nolde Stiftung Seebüll.   „Das Interessante ist“, so Ring, „dass man bei einem so weit erforschten Werk, immer noch neue Entdeckungen machen kann.“

Wurde Emil Nolde auch vornehmlich als der Maler dramatischer Meeresansichten, aufgewühlter Wetterwolken und bunter Blumengärten bekannt,  dürfte  sein Hang zum Grotesken jedoch nicht Ausnahme, sondern eher ein zentraler Wesenskern seines gesamten künstlerischen Schaffens  gewesen zu sein.  Dieser Eindruck drängt sich zumindest nach dem Studium dieser Ausstellung auf. Sie spannt einen Bogen seines diesbezüglichen Schaffens  von  den „Bergpostkarten“ und der „Mappe Phantasien“ über die Bilder „Untenwarf“ und  „Hallig Hooge“ bis hin zu Werken der „Phantasien“ und  „Die Ungemalten Bilder“. Nolde sagte einmal: „Alle meine freien und phantastischen Bilder entstanden ohne irgendwelches Vorbild oder Modell, auch ohne festumrissene Vorstellung. Ich mied alles Sinnen vorher, eine vage Vorstellung in Glut und Farbe genügte mir. […] Phantastisch sein im Werk ist schön, phantastisch sein wollen ist blöd. Wenn die Bodennähe im romantisch phantastischen Schaffen mir zu verschwinden schien, stand ich suchend wieder vor der Natur, Wurzeln in die Erde versenkend und demütig in vertieftem Sehen.“

Dr. Roman Zieglgänsberger, Kustos Klassische Moderne, Museum Wiesbaden. Foto: Diether v. Goddenthow
Dr. Roman Zieglgänsberger, Kustos Klassische Moderne, Museum Wiesbaden. Foto: Diether v. Goddenthow

„Emil Nolde hat wirklich am Rande der Welt gelebt, vielleicht muss man sich am Rande der Welt bewegen, um solchen Figuren zu begegnen und diese malen zu können“, fragt sich  Dr. Roman Zieglgänsberger. In seinem  Beitrag  „Schlaglichter auf das Schattenreich der Grotesken um 1900″, Katalog Seiten 8 bis 13, untersucht der Kustos Klassische Moderne im Wiesbadener Museum  das Phänomen der Groteske, welches die Jahrhundertwende allgegenwärtig war.

Die Ungemalten Bilder

Emil Nolde 1867 - 1956. Frühmorgenflug. Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Diether v. Goddenthow
Emil Nolde 1867 -1956. Frühmorgenflug. Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Diether v. Goddenthow

Zwischen 1931 und 1935 malt Emil Nolde mit den Phantasien eine Reihe großformatiger Aquarelle, die die sogenannten „Ungemalten Bilder“ vorbereiten. Die Ungemalten Bilder sind mit über 1700 Aquarellen der größte zusammenhängende Bestand in Noldes Werk. Die meisten sind vermutlich nach dem nationalsozialistischen Berufsverbot 1941 im Verborgenen auf Seebüll entstanden, manche wohl schon früher. Aus den Farbverläufen der Nass-in-Nass-Technik des Aquarells entstanden auch hier fantastische menschliche Figuren, die Nolde mit Tuschfeder konturiert und oft nochmals farbig überarbeitet. Gerade diese Arbeiten bilden nach dem Zweiten Weltkrieg die Grundlage für die Rezeption Noldes als verfemter Künstler, was seine Verstrickung mit dem Regime für viele Jahre überlagerte.

Es scheint auch eine merkwürdige Ambivalenz zu sein, dass ein „verfolgter“ Künstler wie Emil Nolde, der von den Nazis 1941 Berufsverbot erhielt, sich einstmals zum Nationalsozialismus bekannt hatte. Da in seiner Biographie seine Gedanken hierzu mit chemischen Mitteln entfernt wurden, bleibt seine tatsächliche Position hierzu unklar. Gesichert erscheint, dass sich Nolde stets als ein germanischer, als ein nordischer Maler verstand. „Die Kunstäußerungen der Naturvölker sind unwirklich, rhythmisch, ornamental, wie wohl immer die primitive Kunst aller Völker es war — inklusive die des germanischen Volkes in seinen Uranfängen. […] Das Absolute, Reine, Starke war meine Freude, wo ich es fand, von primitiver Ur- und Volkskunst an bis zur höchsten Trägerin freier Schönheit. […] Die Bilder, welche ich auf den Südseeinseln malte, entstanden künstlerisch unbeeinflußt von exotischer Art zu bilden, […] blieben in Empfindung und Darstellung so heimatlich nordisch deutsch, wie alte deutsche Plastiken es waren — und ich selbst es bin.“ (Emil Nolde)

Biographisches

Emil Emil Hansen, geboren am 7. August 1867 in dem schleswigschen Dorf Nolde, nach dem er sich später nannte. Er lernte in einer Flensburger Schnitzschule, wurde von 1892-97 Lehrer an der Gewerbeschule St. Gallen, die er wegen „unzureichender Erfüllung seiner Lehrtätigkeit“ verlassen musste. Der große finanzielle Erfolgs durch den Verkauf seiner in hoher Druckauflage hergestellten Bergpostkarten verhalf ihm zu wirtschaftlicher Unabhängigkeit. Es folgten Malerische Ausbildungen in München, Paris, Kopenhagen, Berlin. 1913/14 besuchte Nolde Rußland-und die Südsee. Seine Bilder wurden nach 33 als „entartet“ aus den Museen verbannt und ihm ab 1941 das professionelle Malen gänzlich verboten. In dieser Zeit entstanden seine „Ungemalten Bilder“ (siehe oben). 1946 ernannte ihn die schleswig-holsteinsche Landesregierung  Zu seinem 79. Geburtstag zum Professor. Bis 1951 malte Emil Nolde noch über 100 Gemälde und bis 1956. Emil Nolde nahm 1955 an der  documenta 1 teil. Emil Nolde starb am 13. April 1956 in Seebüll, wo er – neben seiner 1946 verstorbenen ersten Frau Ada – im von beiden geliebten Garten seine letzte Ruhestätte fand. Posthum wurden seine Werke auch 1959 auf der documenta II  und 1964 auf der documenta III  in Kassel gezeigt. Emil Nolde war einer der führenden Maler des Expressionismus und einer der großen Aquarellisten in der Kunst des 20. Jahrhunderts.

Die Ausstellung, die in enger Kooperation mit der Nolde Stiftung Seebüll entstand, umfasst 20 Gemälde sowie ca. 90 Werke auf Papier, die zum Teil noch nie öffentlich in einer Ausstellung gezeigt wurden. Die Ausstellung ist höchst gelungen, hervorragend strukturiert und entführt in eine unbekannte, höchst faszinierende Nolde-Welt.

Diether v. Goddenthow / Rhein-Main.Eurokunst

 

Ort:
Museum Wiesbaden
Hessisches Landesmuseum
für Kunst und Natur
Friedrich-Ebert-Allee 2
65185 Wiesbaden
Fon 0611 ⁄ 335 2250
Fax 0611 ⁄ 335 2192

Nach der Präsentation im Museum Wiesbaden wird diese Ausstellung vom 23. Juli bis zum 15. Oktober 2017 im Buchheim Museum der Phantasie in Bernried am Starnberger See gezeigt.

katalog.noldeDer Katalog, in dem alle ausgestellten Werke abgebildet sind, enthält exte von Caroline Dieterich, Ulrich Luckhardt, Christian Ring, Daniel J. Schreiber und Roman Zieglgänsberger. Er ist erschienen im Verlag Hatje Cantz, Berlin 2017, 176 Seiten, 29,80 Euro.

 

Information Internationale Tage Ingelheim

i.t.iDie Internationalen Tage Ingelheim sind ein Kulturengagement von Boehringer Ingelheim seit 1959. Sie finden jährlich zwischen Mai und Juli statt.
Um Japanische Farbholzschnitte und Masken der Südsee, Antiken aus Pergamon und Werke Picassos, das Wiener Biedermeier oder den Geist der 50er Jahre in Paris kennenzulernen, bedarf es keineswegs einer Fahrt zu den großen Museen der Welt. Seit über fünf Jahrzehnten eröffnen die Internationalen Tage gleichermaßen Einblicke in die Kunst und Kultur unserer Welt, wenn das Alte Rathaus in Ingelheim am Rhein alljährlich zum Schauplatz thematischer oder monografischer Ausstellungen wird.

Am Anfang stand die Idee, im Umfeld eines international tätigen Unternehmens Ausblicke auf Leben und Kultur anderer Nationen und Völker zu stiften: Der Leitgedanke kultureller Offenheit und Fortbildung veranlasste 1959 Dr. Ernst Boehringer als Mitinhaber des Familienunternehmens Boehringer Ingelheim, ein Kulturfestival auszurichten. Die Riege der Internationalen Tage wurde nahezu über drei Jahrzehnte hinweg von dem Schweizer Dr. François Lachenal (1918–1997) angeführt. Die ersten Internationalen Tage waren dem Nachbarn Frankreich gewidmet und umfassten eine kleine Ausstellung sowie ein buntes Programm von Vorträgen bis hin zu kulinarischen Spezialitäten. Der Grundriss für die Zukunft war gezeichnet, und die Internationalen Tage sollten sich mit eigener Dynamik entwickeln. Die Ausstellungen wurden alsbald zum Kernpunkt der nun mehrwöchigen Veranstaltung, und im Jahr 1966 konnte mit Goya erstmals ein einzelner Künstler präsentiert werden.

Das vervielfachte Informationsangebot unserer Zeit erfordert und ermöglicht heute die Ausrichtung sorgfältig und wissenschaftlich begründeter Kunstpräsentationen, die lange schon auch in internationalen Fachkreisen Beachtung finden. Von 1988 bis 2012 wurden die Internationalen Tage Ingelheim von Dr. Patricia Rochard geleitet, die in monografischen wie thematischen Ausstellungen neue Akzente setzte, die sowohl Gegenwartskunst (Warhol, Tinguely) als auch das Medium Fotografie ins Zentrum rückten. 2013 übernahm Dr. Ulrich Luckhardt die Leitung der Internationalen Tage Ingelheim. Ein Rahmenprogramm sowie die feste Einbindung in das Netz einer regionalen Kultur garantieren gleichermaßen breite öffentliche Resonanz und den besonderen Stellenwert der Internationalen Tage für die gesamte Rhein-Main-Region.
Ort der Ausstellungen ist seit 1984 das ehemalige Rathaus der Stadt Ingelheim im historischen Stadtteil Nieder-Ingelheim. Im beschaulich gebliebenen Umfeld, gerade einen Steinwurf von den Resten der karolingischen Kaiserpfalz und deren Ausgrabungen entfernt, grüßt das zweistöckige, durch markante Rundfenster gegliederte Gebäude von 1860 mit stündlichem Glockenschlag.

Wegen Sanierung und Erweiterung ist das Alte Rathaus seit Sommer 2015 geschlossen. Aus diesem Grund findet 2017 die Ausstellung „Emil Nolde. Die Grotesken“ in Kooperation mit dem Museum Wiesbaden und der Nolde Stiftung Seebüll in Wiesbaden statt.

Nach dem Abschluss der Sanierungen und des Erweiterungsbaus durch das renommierte Architekturbüro Scheffler & Partner, Frankfurt am Main, erhalten die Internationalen Tage ab dem 6. Mai 2018 wieder ihren angestammten Ort – das Alte Rathaus in Nieder-Ingelheim –
zurück.