Kategorie-Archiv: Hessisches Landesmuseum Wiesbaden

Kunst- und Kulturminister Boris Rhein verleiht Wiesbadener Kunstmäzen Frank Branbant die Goethe-Plakette

Kunst- und Kulturminister Boris Rhein  hat dem Kunstmäzen Frank Brabant die höchste Auszeichnung seines Ministeriums überreicht bei der Eröffnung der Sonderausstellung "von Beckmann bis Jawlensky. Die Sammlung Frank Brabant in Schwerin und Wiesbaden. Foto: Heike v. Goddenthow
Kunst- und Kulturminister Boris Rhein hat dem Kunstmäzen Frank Brabant die höchste Auszeichnung seines Ministeriums überreicht bei der Eröffnung der Sonderausstellung „von Beckmann bis Jawlensky. Die Sammlung Frank Brabant in Schwerin und Wiesbaden. Foto: Heike v. Goddenthow

Wiesbaden. Kunst- und Kulturminister Boris Rhein hat heute dem Kunstliebhaber und Wahl-Wiesbadener Frank Brabant die Goethe-Plakette des Landes Hessen für seine außerordentlichen Verdienste um die Kunst und Kultur überreicht. Anlass für die Ehrung war die Eröffnung der Sonderausstellung „Von Beckmann bis Jawlensky. Die Sammlung Frank Brabant“ im Museum Wiesbaden am heutigen Abend. Frank Brabant hat dem Museum Wiesbaden einen Teil seiner umfangreichen Sammlung geschenkt.

Kunst- und Kulturminister Boris Rhein: „Für Frank Brabant sind seine gesammelten Werke nicht nur Bilder, sie sind Teil seines Lebens, seiner Biographie – und seines persönlichen Umfeldes: Immer, wenn er die Gemälde ausstellte, waren seine Wände zu Hause leer. So viel Leidenschaft für die Kunst berührt. Deswegen ist es für mich eine umso größere Ehre, Herrn Brabant mit der Goethe-Plakette des Landes Hessen die höchste Auszeichnung des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst zu verleihen.“

Siehe zur Ausstellung selbst: ZU SEINEM 80. STIFTET FRANK BRABANT SEINE HOCHKARÄTIGE KUNSTSAMMLUNG – ÜBERBLICKS-AUSSTELLUNG „VON BECKMANN BIS JAWLENSKY“ AB 13.APRIL IM MUSEUM WIESBADEN

Zu seinem 80. stiftet Frank Brabant seine hochkarätige Kunstsammlung – Überblicks-Ausstellung „Von Beckmann bis Jawlensky“ ab 13.April im Museum Wiesbaden

Der Kunstmäzen Frank Brabant, bei seinem 80.Geburtstag am 11.April 2018, vor Rudolf Schlichters (1890 - 1955) Werk "Der Würger" von 1938.© Foto: Diether v. Goddenthow
Der Kunstmäzen Frank Brabant, bei seinem 80.Geburtstag am 11.April 2018, vor Rudolf Schlichters (1890 – 1955) Werk „Der Würger“ von 1938.© Foto: Diether v. Goddenthow

Das Museum Wiesbaden präsentiert vom 13. April bis 30. September 2018 eine einzigartige Überblicks-Ausstellung der wichtigsten Werke „Von Beckmann bis Jawlensky – Die Sammlung Frank Brabant (13. April bis 30. September 2018).

Spätestens als Kunstsammler Frank Brabant zum 150. Geburtstag des Malers Alexej von Jawlensky (18 64–1 941) dem Landesmuseum Wiesbaden das Gemälde „Helene im spanischen Kostüm“ schenkte, statt einem Angebot aus Russland von gebotenen 8 Mio. Euro nachzugeben, kennt den Kunstmäzen in der Landeshauptstadt jeder. Jetzt, zu einem 80. Geburtstag, am 11.April 2018, hat der frühere Gastronom und Diskothekenbetreiber noch eins drauf gesetzt: Er verschenkt im Rahmen einer Stiftung seine gesamte, auf 20 bis 40 Millionen geschätzte Kunstsammlung je hälftig dem Staatlichen Museum Schwerin (Geburtsort von Brabant) und dem Landesmuseum Wiesbaden (seit 60 Jahren seine Wahlheimat).

v.l. Dr. Alexander Klar, Direktor des Wiesbadener Landesmuseum, Dirk Blübaum, Direktor des Staatlichen Museums Schwerin, Kunstsammler und Sammlungs-Stifter Frank Brabant, Dr. Roman Zieglgänsberger, Kustos Klassische Moderne am Landesmuseum Wiesbaden und Kurator der Ausstellung, der maßgeblich mit Dirk Blübaum die Aufteilung der Sammlung realisierte. Frank Brabant erzählt den Journalisten wie alles mit seiner Sammelleidenschaft anfing, welche Schwierigkeiten er mit seiner ersten Disko mit der Obrigkeit hatte, und kleine Anekdoten aus seinem wechselvollen Leben © Foto: Diether v. Goddenthow
v.l. Dr. Alexander Klar, Direktor des Wiesbadener Landesmuseum, Dirk Blübaum, Direktor des Staatlichen Museums Schwerin, Kunstsammler und Sammlungs-Stifter Frank Brabant, Dr. Roman Zieglgänsberger, Kustos Klassische Moderne am Landesmuseum Wiesbaden und Kurator der Ausstellung, der maßgeblich mit Dirk Blübaum die Aufteilung der Sammlung realisierte. Frank Brabant erzählt den Journalisten wie alles mit seiner Sammelleidenschaft anfing, welche Schwierigkeiten er mit seiner ersten Disko mit der Obrigkeit hatte, und kleine Anekdoten aus seinem wechselvollen Leben © Foto: Diether v. Goddenthow

Aufgeteilt wurde die über 600 Werke umfassende Kunstsammlung der Klassischen Moderne seit 2017 im besten und freundschaftlichen Einvernehmen, so dass jedes Haus diejenigen Werke aus der Sammlung Frank Brabants zugesprochen bekam, die sich am besten mit der eigenen über Jahrhunderte gewachsenen Sammlungsgeschichte zusammenbringen ließen, so Dr. Roman Zieglgänsberger, Kustos Klassische Moderne am Landesmuseum Wiesbaden und Kurator der Ausstellung. Frank Brabants Bilder sollten nicht wie zufällig hinzugekommen erscheinen, sondern sie sollen, immer mit dem Namen des Schenkens kenntlich gemacht, als integrativer Bestandteil der Wiesbadener und der Schweriner Sammlung erscheinen. „Die Aufteilung der Bilder sei ja nicht wie in Stein gemeißelt, sondern das zudem Reizvolle dabei sei, dass die Museen Wiesbaden und Schwerin Werke für Ausstellungen rund um das Themengebiet des Sammlers einander zur Verfügungen stellen und damit die Zusammenarbeit der beiden Häuser stärken könnten, erläuterten Dirk Blübaum, Direktor des Staatlichen Museums Schwerin und Dr. Alexander Klar, Direktor des Hessischen Landesmuseums Wiesbaden. So erkläre sich auch der Titel des Begleitkatalogs „Von Beckmann bis Jawlensky – Die Sammlung Frank Brabant in Wiesbaden und Schwerin“ zur jetzt in Wiesbaden gezeigten Überblicksausstellung „Von Beckmann bis Jawlensky“ vom 13. April bis 30.September 2018.

Dr. Roman Zieglgänsberger, Kustos Klassische Moderne am Landesmuseum Wiesbaden und Kurator der Ausstellung, führt die Presse durch die Ausstellung, hier im Raum 1, Räum der Mäzene.© Foto: Diether v. Goddenthow
Dr. Roman Zieglgänsberger, Kustos Klassische Moderne am Landesmuseum Wiesbaden und Kurator der Ausstellung, führt die Presse durch die Ausstellung, hier im Raum 1, Räum der Mäzene.© Foto: Diether v. Goddenthow

Mit über 600 Werken zählt die Sammlung Brabant zu den großen privaten Kunstsammlungen der Klassischen Moderne in Deutschland. Die Sammlung Brabant zeichnet sich nicht nur durch ihre hohe Qualität aus: Ihre besondere Bedeutung liegt in der Vielfalt, die das Kunst- und Kulturgeschehen sowie die politischen und sozialen Verwerfungen, Ängste, Hoffnungen und Utopien der Menschen zwischen den beiden großen Weltkriegen des 20. Jahrhunderts widerspiegelt. 2017 verfügte Frank Brabant, dass seine Sammlung nach seinem Tod der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden solle. Dazu überlässt er sie dem Museum Wiesbaden und dem Staatlichen Museum Schwerin in einer Stiftung.

Der Kunstmäzen Frank Brabant

Der "Kreuzgang", so der letzte Raum der Ausstellung gehört zu den absoluten Höhepunkten, hier mit  Frank Brabant, der einem Journalisten die Hängung seiner Werke erläutert.© Foto: Diether v. Goddenthow
Der „Kreuzgang“, so der letzte Raum der Ausstellung gehört zu den absoluten Höhepunkten, hier mit Frank Brabant, der einem Journalisten die Hängung seiner Werke erläutert.© Foto: Diether v. Goddenthow

Der 1938 in Schwerin geborene Kunstsammler Frank Brabant (*1938 in Schwerin), der heute in der Tradition bedeutender Wiesbadener Sammler wie Heinrich Kirchhoff und Hanna Bekker vom Rath steht, machte Wiesbaden vor knapp 60 Jahren zu seiner Wahlheimat. 1969 eröffnet er die erfolgreiche Diskothek „Pussycat“, in der er zu „ZDF Zeiten“ der Stadt Wiesbaden bis in die späten 1980er Jahre prominente Gäste wie Udo Jürgens oder Donna Summer begrüßte. Die Schwerpunkte seiner Sammeltätigkeit liegen vornehmlich auf expressionistischer und neusachlicher Kunst der Avantgarde am Beginn des 20. Jahrhunderts und der Weimarer Zeit der Zwischenkriegsjahre.
Das erste Kunstwerk – einen Holzschnitt von Max Pechstein – erwarb Brabant 1964 im „Frankfurter Kunstkabinett Hanna Bekker vom Rath“. Die Sammlerin, Mäzenin und Kunsthändlerin Hanna Bekker (1893–1983) prägte mit ihrem Galerieprogramm, dessen Basis die Malerei der Künstlervereinigungen „Brücke“ und „Der Blaue Reiter“ war, auch den Geschmack Frank Brabants. Immer wieder kaufte er bei ihr hochrangige Werke, teils in Ratenzahlung. Hanna Bekker wiederum wurde geprägt von dem ebenfalls mäzenatisch ausgerichteten Wiesbadener Sammler Heinrich Kirchhoff (1874–1934), den sie zweimal (1918 und 1927) in seiner Villa besuchte und dessen Begeisterung sie angesteckt haben muss.
Brabant erwarb stets zielgerichtet Werke der frühen Avantgarde, zumeist Maler der Künstlervereinigungen „Brücke“, „Der Blaue Reiter“ oder „Junges Rheinland“ sowie der Berliner Gruppen „Neue Sezession“, „Freie Sezession“, „November-Gruppe“ oder „Sturm“.

Die Ausstellung „Von Beckmann bis Jawlensky

Ausstellungs-Impression. © Foto: Diether v. Goddenthow
Ausstellungs-Impression. © Foto: Diether v. Goddenthow

Heute versammeln sich in der reichhaltigen Kollektion neben großen Namen wie Otto Dix, Wassily Kandinsky, Alexej von Jawlensky vor allem auch viele Künstlerinnen, darunter Käthe Kollwitz, Jeanne Mammen oder Hanna Höch, deren Arbeiten erst vor kurzem im kunstgeschichtlichen Diskurs wiederentdeckt wurden.

Die jetzt gezeigte Überblicks-Ausstellung „Von Beckmann bis Jawlensky“ stellt anhand von 138 Werken neben namhaften künstlerischen Positionen des Expressionismus, des Magischen Realismus und der Neuen Sachlichkeit insbesondere das breite Spektrum der Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor. Einen Filmraum, indem ein ausführliches Interview mit Frank Brabant zu sehen ist und spannende Einblicke in die Wohnung des Sammlers gegeben werden, sowie neun thematisch gegliederte Räume umfassend, gibt die Ausstellung Einblicke in Brabants Sammlertätigkeit und die Kunstströmungen vom Expressionismus bis hin zur Neuen Sachlichkeit, aber auch Blumendarstellungen ist ein Raum gewidmet – darunter Max Beckmanns „Stillleben mit grüner Kerze“. Eigens für die Ausstellung hat der Sammler Mobiliar aus seiner Wohnung zur Verfügung gestellt.

Ausstellungskatalog
katalog-cover.wVon Beckmann bis Jawlenksy. Die Sammlung Frank Brabant in Schwerin und Wiesbaden Hg. Dirk Blübaum, Gerhard Graulich, Alexander Klar und Roman Zieglgänsberger Mit Beiträgen von Gerhard Graulich, Roman Zieglgänsberger, Katharina Uhl, Deborah Bürgel, Sibylle Discher, Moritz Jäger, Vera Klewitz, Kornelia Röder und Rebecca Krämer. 304 Seiten, Michael Imhof Verlag 2017 ISBN: 978-3-7319-0557-8, 29,90,- Euro (Museumskasse).
Besonders hilfreich sind die Künstlerbiografien und das komplette Sammlungsverzeichnis der Sammlung Frank Brabants.

Bei der Orientierung, in wie die Werke der Sammlung  auf die Museen aufgeteilt wurden, hilft die unterschiedliche Farbigkeit der Bildlegenden. Rote Bildunterschriften stehen für Werke im Staatlichen Museum Schwerin, blaue Bildunterschriften für die ans Wiesbadener Landesmuseum gegangenen Werke.

Führungen und Veranstaltungen

Führungen
Sa 14 Apr 15:00 Uhr
So 15 Apr 15:00 Uhr
Sa 5 Mai 15:00 Uhr
Sa 12 Mai 15:00 Uhr
So 20 Mai 15:00 Uhr
Mo 21 Mai 15:00 Uhr
Sa 26 Mai 15:00 Uhr
Sa 23 Jun 15:00 Uhr
Di 26 Jun 18:00 Uhr
Sa 30 Jun 15:00 Uhr
Di 10 Jul 18:00 Uhr
So 15 Jul 15:00 Uhr
Di 17 Jul 18:00 Uhr
Sa 21 Jul 15:00 Uhr
So 22 Jul 15:00 Uhr
So 29 Jul 15:00 Uhr
Sa 4 Aug 15:00 Uhr
Sa 11 Aug 15:00 Uhr
So 19 Aug 15:00 Uhr
Di 21 Aug 18:00 Uhr
So 26 Aug 15:00 Uhr

KunstPause
Mi 18 Apr 12:15 Uhr Max Beckmann
Mi 30 Mai 12:15 Uhr Karl Hofer
Mi 27 Jun 12:15 Uhr Max Pechstein
Mi 8 Aug 12:15 Uhr Conrad Felixmüller

Kunst & Religion
Di 8 Mai 18:30 Uhr
„Blau, blau, blau sind alle meine…“ Karl Hofer, Mädchen mit blauer Vase, 1923

Kunst & Kuchen
Do 10 Mai 15:00 Uhr
Kunst interaktiv
Do 19 Jul 10:30 Uhr Tendenzen der Neuen Sachlichkeit
Art after Work
Di 17 Apr 19:00 Uhr Die Zukunft der Sammlung Brabant in Schwerin und Wiesbaden

Angebote für Kinder und Familien
Sa 14 April 11:00 – 13:30 Uhr

Museumswerkstatt für Kinder: „Kräftige Farben, vereinfachte Formen, ausdrucksstark“ Porträts in der Ausstellung „Von Beckmann bis Jawlensky“ entdecken und eigene malen

Sa 7 Juli 11:00 – 14:00 Uhr Maltisch in der Wandelhalle
Sa 7 Juli 12:00 Uhr Familienführung „Von Beckmann bis Jawlensky“

Angebote für Schulen
Wege in die Abstraktion ( Sek I ab Kl. 9 + Sek II)
Anhand ausgewählter Werke und Künstler der Sammlung Brabant werden in den Workshops in einer dialogischen Führung die Vielfalt und Motive der Abstraktion des Expressionismus bis hin zur Gegenbewegung der Neuen Sachlichkeit der Weimarer Zeit erschlossen.

Workshop I: nach freier Wahl eines Kunstwerkes Stilmerkmale zeichnerisch herausarbeiten und im Atelier in Ölkreide auf Holz oder Pappe malerisch paraphrasieren.

Workshop II: Kreatives Schreiben zu Werken nach Wahl – mit Textvortrag Von Brücke bis Blaue Reiter und mehr! ( Sek I )
Die Vielfalt der Porträts (wahlweise Landschaft oder Stillleben) in der Sammlung Brabant und ihre Bedeutung als Ausdrucksträger für Empfindungen und Seelenzustände von Künstlern entdecken und verstehen lernen

Workshop I: Malen eines eigenen Portraits ( Landschaft/ Stillleben) in Ölkreide auf Packpapiertüte oder Holzplatte. Nach Anregung durch Skizzen vor Originalen in der Ausstellung
Workshop II: Kreatives Schreiben zu Werken nach Wahl (Sek I ab Kl. 8)

Das bist Du und das bin ich! (Kita und Grundschule)
Grüne Wangen, gelbe Nasen, gestreifte Münder– warum sind hier Menschen und Gesichter so anders geformt und farbig? In der Ausstellung „Von Beckmann bis Jawlensky“ können Kinder im Dialog mit einer Kunstvermittlerin mit Papier und Zeichenstift selbst erkunden, warum Künstler vor rund 100 Jahren so abstrakt und nicht naturgetreu gemalt haben.

Workshop: Malen eines ausdrucksstarken Gesichts in Jaxon-Ölkreide auf Papiertüte

Öffnungszeiten
Mo geschlossen
Di, Do 10:00—20:00 Uhr
Mi, Fr—So 10:00—17:00 Uhr
An Feiertagen 10:00—17:00 Uhr geöffnet.
Auch Christi Himmelfahrt, Pfingstmontag und Fronleichnam geöffnet.

Eintritt
Sonderausstellung* 10,— Euro (7,— Euro) * Eintritt in die Sonderausstellungen beinhaltet den Besuch der Sammlungen.
Familienangebot: Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre in Begleitung ihrer Eltern freier Eintritt. Weitere Ermäßigungen und Tarife für Gruppen unter: www.museum-wiesbaden.de ⁄preise

Ort:
Museum Wiesbaden Hessisches Landesmuseum für Kunst und Natur
Friedrich-Ebert-Allee 2, 65185 Wiesbaden Fon 0611 ⁄335 2250, Fax 0611 ⁄335 2192
www.museum-wiesbaden.de
museum@museum-wiesbaden.de

Von Beckmann bis Jawlensky – Die Sammlung Frank Brabant vom 13. 04. – 30.09.2018 im Museum Wiesbaden

Abb.: Sammlung Frank Brabant, Foto: Museum Wiesbaden /  Bernd Fickert
Abb.: Sammlung Frank Brabant, Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert

Die Sammlung Frank Brabant zählt zu den großen privaten Kunstsammlungen der Klassischen Moderne in Deutschland. Bedeutsam ist die Sammlung neben ihrer hohen Qualität vor allem, weil sie aufgrund ihrer Vielfalt das Kunst- und Kulturgeschehen sowie die politischen und sozialen Verwerfungen, Ängste, Hoffnungen und Utopien der Menschen zwischen den beiden großen Weltkriegen des 20. Jahrhunderts spiegelt.

Das erste Kunstwerk – einen Holzschnitt des Brücke-Künstlers Max Pechstein – erwarb Frank Brabant 1964 im „Frankfurter Kunstkabinett Hanna Bekker vom Rath“. Später kamen Werke von Max Beckmann, Otto Dix, Alexej von Jawlensky, Ernst Ludwig Kirchner, August Macke, Emil Nolde und vielen anderen hinzu.

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Überblicksschau „Gerhard Richter – Frühe Bilder“ im Museum Wiesbaden ab 16. März 2018

Dr. Jörg Daur, Stellvertretender Direktor und Kustos moderne und zeitgenössische Kunst, erläutert beim heutigen  Presserundgang  die Technik und mögliche Bewandtnis des 1974 erworbenen Richter-Bildes "Terese Andeszka". Es zeigt ein  Foto, übermalt, zum Teil bis ins Abstrakte übergehend.  Die Vorlage stammt eventuell aus einer Illustrierten. Mit der unvollständigen Bildlegende (wohl vom Originalillustriertenfoto übernommen); "Ein Wunder rettete! .. Terese Andeszka und ihr Mann Fran .." gibt es dem Betrachter Rätsel auf, etwa: ob es sich um Tereses Familie nach einer gelungenen Flucht aus dem Ostblock handelt. Damit erhält das Werk nochmals eine neue, eine politische Dimension, wenngleich es Richter vor allem auf die Malerei ankam. © Foto: Diether v. Goddenthow
Dr. Jörg Daur, Stellvertretender Direktor und Kustos moderne und zeitgenössische Kunst, erläutert beim heutigen Presserundgang die Technik und mögliche Bewandtnis des 1974 erworbenen Richter-Bildes „Terese Andeszka“. Es zeigt ein Foto, übermalt, zum Teil bis ins Abstrakte übergehend. Die Vorlage stammt eventuell aus einer Illustrierten. Mit der unvollständigen Bildlegende (wohl vom Originalillustriertenfoto übernommen); „Ein Wunder rettete! .. Terese Andeszka und ihr Mann Fran ..“ gibt es dem Betrachter Rätsel auf, etwa: ob es sich um Tereses Familie nach einer gelungenen Flucht aus dem Ostblock handelt. Damit erhält das Werk nochmals eine neue, eine politische Dimension, wenngleich es Richter vor allem auf die Malerei ankam. © Foto: Diether v. Goddenthow

Nur wenigen dürfte bekannt sein, dass Gerhard Richter, einer der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler, seine erste Ausstellung, nämlich 7 Werke in einem eigenen Raum der Gemeinschaftsausstellung „Düsseldorfer Malerei“ mit Thomas Bayrle, Konrad Lueg, Sigmar Polke 1966 im Museum Wiesbaden hatte. In den 1970er Jahren konnten zentrale Arbeiten wie „Terese Andrszka“ und „Königin Elisabeth“ für die Sammlungen erworben werden, die heute zu den Inkunabeln, aber auch den am häufigsten angefragten Bildern der Sammlung des Museums Wiesbaden zählen.
Eigentlich wollte man schon seit fünf Jahren Gerhard Richter eine Ausstellung widmen, da die Malerei von Gerhard Richter inzwischen eine zentrale Rolle in der Sammlung des Museums Wiesbaden spielt. Doch wollte man auch nicht die 107. Richter-Ausstellung weltweit sein, und zudem sind allein die Versicherungs- und Transportkosten angesichts der enormen Bildwerte immens.
Erst durch eine fruchtbare Kooperation mit dem Kunstmuseum Bonn und dem S.M.A.K. in Gent, hatten sich Dr. Alexander Klar, Direktor des Museums Wiesbaden, und Dr. Jörg Daur, Stellvertretender Direktor und Kustos moderne und zeitgenössische Kunst, entschlossen die schon seit Jahren in der Schublade schlummernden Pläne einer Richter-„Show“ doch umzusetzen, indem sie die Bonner Ausstellung „Gerhard Richter – Frühe Bilder“ als dritte Station nun – ergänzt um die Wiesbadener Werke und in anderer Hängung – vom 16. März bis 17. Juni 2018 im Museum Wiesbaden  präsentieren.

Dr. Jörg Daur, ein profunder Kenner Richters, ist nun mit seiner Bildauswahl und der Art seiner Hängung ein geniales Wechselspiel zwischen Richters Werk und den Räumlichkeiten des Wiesbadener Museums gelungen.

Ausstellungs-Impression. © Foto: Diether v. Goddenthow
Ausstellungs-Impression. © Foto: Diether v. Goddenthow

Für Gerhard Richter war das Foto stets das perfektes Bild: „es ändert sich nicht, es ist absolut, also unabhängig, unbedingt, ohne Stil. Es ist mir deshalb in der Weise, wie es berichtet und was es berichtet, Vorbild.“. Wenn man Gerhard Richter richtig versteht, hat er sich zeitlebens an der Fotografie abgearbeitet, auf ganz unterschiedliche Weise, wobei er die Trennung gegenständlicher und abstrakter Malerei aufhob, indem er beispielsweise in der bewussten Herbeiführung von Unschärfen und ins Flächige verfließende Fotovermalungen eine Bild-Öffnung herbeiführte, den Werken eine Art Unendlichkeit gab. Und umgekehrt macht er sich quasi auf den Weg, seine konstruierten, abstrakt begonnenen offenen Bildern zu schließen, ihnen Form oder Rahmen zu geben. So steht Gerhard Richters Malerei bis heute sinnbildlich für seine Auseinandersetzung von Gegenständlichkeit und Abstraktion, von Bildraum und Bildfläche. Im Besonderen gilt das für seine Tür-, Vorhang- und Fensterbilder der 1960er-Jahre, die im Zentrum der Ausstellung stehen. Schlieren und Wolken, Durchgänge und Türen sind zentrale Motive der Malerei Richters.

Für alle, die Gerhard Richter lieben, ablehnen, ihn schon immer mal näher kennen lernen wollten oder ganz gezielt sein Frühwerk studieren möchten, bietet sich ein Besuch dieser Überblicksschau „Gerhard Richter – Frühe Bilder“ vom 16. März bis 17. Juni 2018 im Museum Wiesbaden geradezu an.

Um Gerhard Richter und sein (Früh-)Werk kennen und besser verstehen zu lernen, empfiehlt sich eine Führung zu buchen.

Empfehlenswert ist auch der Begleitkatalog zur Ausstellung, der in Richters Werk zuverlässig einführt.

 

Gerhard Richter
Gerhard Richter, geboren 1932 in Dresden wuchs in der Oberlausitz auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann er zuerst eine Lehre als Schriftenmaler. 1951 erfolgte die Zulassung an der Hochschule für bildende Künste, Dresden. Nach dem Diplom bei Heinz Lohmar wurde ihm ein eigenes Atelier an der Hochschule zuerkannt. 1959 besuchte Richter die documenta II in Kassel. 1961 flieht er im März zusammen mit seiner Frau Ema (Marianne Eufinger), die er 1957 geheiratet hatte, über Berlin in den Westen. Ab dem Herbst 1961 studiert er an der Kunstakademie in Düsseldorf, nach dem ersten Semester wechselt er zusammen mit Konrad Lueg (Fischer) in die Klasse von Karl Otto Götz. 1966 stellt er – auf Anregung von Götz, der seit Mitte der 1950er-Jahre dem damaligen Museumsdirektor Clemens Weiler freundschaftlich verbunden ist – zusammen mit Lueg, Sigmar Polke, Thomas Bayrle u. a. erstmalig im Museum Wiesbaden aus. Aus der damaligen Präsentation zeigt das Museum heute „Vorhang IV“, ein Schlüsselbild der aktuellen Ausstellung.

Laufzeit der Ausstellung: 16 Mär—17 Jun 2018
www.museum-wiesbaden.de/ausstellungen/gerhard-richter
Weitere Informationen: https://www.gerhard-richter.com/de

Museum Wiesbaden
Hessisches Landesmuseum
für Kunst und Natur
Friedrich-Ebert-Allee 2, 65185 Wiesbaden
Fon 0611 ⁄335 2250, Fax 0611 ⁄335 2192
www.museum-wiesbaden.de
museum@museum-wiesbaden.de

Führungen und Veranstaltungen zur Ausstellung

Gerhard Richter – Frühe Bilder
Führungen
Sa 17 Mär 15:00 Uhr
So 18 Mär 15:00 Uhr
Sa 24 Mär 15:00 Uhr
Di 27 Mär 18:00 Uhr
Fr 30 Mär 15:00 Uhr
So 1 Apr 15:00 Uhr
Mo 2 Apr 15:00 Uhr
Sa 7 Apr 15:00 Uhr
Di 17 Apr 18:00 Uhr
Sa 21 Apr 15:00 Uhr
Sa 28 Apr 15:00 Uhr
Di 8 Mai 18:00 Uhr
Do 10 Mai 15:00 Uhr
So 13 Mai 15:00 Uhr
Di 15 Mai 18:00 Uhr
Sa 19 Mai 15:00 Uhr
Di 22 Mai 18:00 Uhr
So 27 Mai 15:00 Uhr
Do 31 Mai 15:00 Uhr
So 3 Jun 15:00 Uhr
Di 5 Jun 18:00 Uhr
Sa 9 Jun 15:00 Uhr
So 10 Jun 15:00 Uhr
Di 12 Jun 18:00 Uhr
Sa 16 Jun 15:00 Uhr
So 17 Jun 15:00 Uhr

KunstPause
Mi 4 Apr 12:15 Uhr
Mi 2 Mai 12:15 Uhr
Kunst & Religion
Di 10 Apr 18:30 Uhr
„Zu Hornbach oder zu Obi?“, Gerhard Richter, 256 Farben / 256 Colours, 1974
Kunst & Kuchen
Do 12 Apr 15:00 Uhr
Art after Work
Di 20 Mär 19:00 Uhr
Di 15 Mai 19:00 Uhr

Angebote für Kinder und Familien
Sa 24 Mär 11:00 – 13:30 Uhr
Museumswerkstatt für Kinder: „Auf der Suche“ Malen und Zeichnen inspiriert durch die
Ausstellung „Gerhard Richter – Frühe Bilder“
Sa 7 Apr 12:00 Uhr
Familienführung „Gerhard Richter – Frühe Bilder“
Sa 26 Mai 11:00 – 13:30 Uhr
Museumswerkstatt für Kinder: „Was ist Malerei, was kann es heute sein?“ Diesen und
ähnlichen Fragen Gerhard Richters in der Ausstellung „Die frühen Bilder“ selbst malend
nachspüren

Museum Wiesbaden
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für Kunst und Natur
Friedrich-Ebert-Allee 2, 65185 Wiesbaden
Fon 0611 ⁄335 2250, Fax 0611 ⁄335 2192
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museum@museum-wiesbaden.de

Öffnungszeiten
Mo geschlossen
Di, Do 10:00—20:00 Uhr
Mi, Fr—So 10:00—17:00 Uhr
An Feiertagen 10:00—17:00 Uhr geöffnet.
Auch Ostermontag und Pfingstmontag geöffnet.

Eintritt
Sonderausstellung* 10,— Euro (7,— Euro)
* Eintritt in die Sonderausstellungen beinhaltet den Besuch der Sammlungen.
Familienangebot: Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre in Begleitung ihrer Eltern freier
Eintritt. Weitere Ermäßigungen und Tarife für Gruppen unter:
www.museum-wiesbaden.de ⁄preise

Verkehrsanbindung
PKW und Reisebusse: A 66, Abfahrt Wiesbaden-Erbenheim, Richtung Stadtmitte, Parkhaus Rheinstraße
Bahn: Zum Hbf Wiesbaden mit DB und S1, S8 und S9 aus Richtung Frankfurt und Mainz.
Vom Hbf 10 min Fußweg zum Museum
Linienbusse: Rheinstraße und Wilhelmstraße
Service
Auch während der Sanierungsmaßnamen an der Fassade sind Museum und Café weiterhin
geöffnet. Derzeit wie gewohnt über den Haupteingang in der Friedrich-Ebert-Allee.

20. Wiesbadener Literaturtage erfolgreich im Museum Wiesbaden eröffnet

Gelungener Auftakt zu den 20. Wiesbadener Literaturtagen. Foto: Diether v. Goddenthow
Gelungener Auftakt zu den 20. Wiesbadener Literaturtagen. Foto: Diether v. Goddenthow

Mit Bildbetrachtungen ganz besonderer Art eröffnete gestern Abend unter dem Motto „Wiesbadener Heimsuchung“ im Museum Wiesbaden der  preisgekrönte Schriftsteller Frank Witzel gemeinsam mit Museumsdirektor Dr. Alexander Klar, Kulturamtsleiterin Ingrid Roberts und Dr. Helmut Müller, Geschäftsführer Kulturfonds Frankfurt RheinMain, die 20. Wiesbadener Literaturtage. Volker Zimmermann begleitete die Veranstaltung auf seiner Gitarre.

Kulturamtsleiterin Ingrid Roberts.  Foto: Diether v. Goddenthow
Kulturamtsleiterin Ingrid Roberts. Foto: Diether v. Goddenthow

„Dass wir hier im Museum Wiesbaden sind“, sei kein Zufall, begrüßte Kulturamtsleiterin Ingrid Roberts das Publikum, welches sich vielleicht fragte, was Bilder mit Literatur zu tun haben. Denn, so die Kulturamtsleiterin weiter: Frank Witzel, der Kurator und Gastgeber der diesjährigen Wiesbadener Literaturtage, sei Wiesbadener und habe – vor allem in jungen Jahren – viele Stunden seines Lebens in den Ausstellungsräumen dieses Hauses verbracht, wo er zum ersten Mal mit Bildender Kunst in Kontakt kam. Er habe sich für die Literaturtage ein Programm erdacht, das vielfältige Verbindungen zu seiner Heimatstadt wie auch zu dem Museum Wiesbaden knüpfe.

Als Frank Witzel mit der Idee, Bilder, die ihn in der Jugend sehr bewegten, auf den Literaturtagen vorzustellen, zu Dr. Alexander Klar kam,„leuchteten bei uns alle grünen Lichter auf“, so der Museumsdirektor. Der ausschlaggebende Moment war dabei, dass wir einen Audio-Guide machen wollten“, es passte alles zusammen. Im Schriftsteller Witzel hatte das Museum einen ausgezeichneten Autor mit Kunstverstand gefunden, und Witzel konnte sein Projekt als Kurator und Gastgeber der Literaturtage voranbringen, nämlich die für ihn wichtigsten Bildwerke seiner Jugend aus subjektiver Sicht der Öffentlichkeit  vorstellen.

Alexander Klar dankte Frank Witzel herzlich dafür, seinen subjektiven Blick auf das Museum durch einen Audio-Guide erschrieben zu haben. Heraus  kam dabei ein umwerfend origineller, hintergründiger wie pointierter 90minütiger virtueller Rundgang durch eine gekonnt ausgewählte Bilderwelt des Wiesbadener Museums. Vor begeisterten Zuhörern las Frank Witzel 18 seiner Bildinterpretationen, die in ihrer anregenden, informativen und bisweilen humorvollen Art selbst Kunstkenner staunen oder auch schmunzeln ließen.

Schriftsteller Frank Witzel, Kurator und Gastgeber der 20. Wiesbadener Literaturtage begeisterte mit seinen Bildbetrachtungen im Rahmen eines virtuellen Rundgangs durch das Museum Wiesbaden. Foto: Diether v. Goddenthow
Schriftsteller Frank Witzel, Kurator und Gastgeber der 20. Wiesbadener Literaturtage begeisterte mit seinen Bildbetrachtungen im Rahmen eines virtuellen Rundgangs durch das Museum Wiesbaden. Foto: Diether v. Goddenthow

Frank Witzels virtueller Lese-Rundgang durch das Museum Wiesbaden begann mit Wilhelm Trübners Werk „Ökonomiegebäude in Amorbach“ von 1899. Das idyllische Örtchen im Odenwald wurde nicht nur durch seine Abteikirche berühmt, sondern auch legendär durch Wilhelm Adornos Liebe zu diesem Fleckchen Erde. Frank Witzel ließ uns bei dieser Bildbetrachtung nicht nur an seinen subjektiven Eindrücken teilhaben, sondern verschaffte uns auch einen Blick durch Adornos Brille. Adorno, so erfahren wir von ihm, habe den Ort Amorbach verklärt, den Ort, den der Philosoph und Mitbegründer der Frankfurter Schule als kleiner Junge mit seinem Vater, einem Frankfurter Weinhändler, regelmäßig besuchte. Auch später nach der Rückkehr aus dem Exil in den USA habe Adorno seine Ferien im geliebten Hotel Post verbracht. Anderthalb Jahre vor seinem Tod habe Adorno Amorbach zum „einzigen Ort auf diesem fragwürdigen Planeten“ erklärt,“ in dem ich mich im Grunde zuhause fühle!“

Einen starken Bezug, wenn vielleicht nicht ganz so intensiv wie Adorno zu Amorbach, empfand Frank Witzel immer auch zu Eltville, wie er uns beim Blick auf das zweite an diesem Abend an die Wand des Vortragsraums projizierte Bild „Ansicht von Eltville“ (Christian Georg Schütz, 1774) verrät. „Warum“, fragt Witzel, erscheine dieses Städtchen Eltville an sich beinahe unwillkürlich idyllisch und sei von Sentimentalität aufgeladen? Sei Idylle vielleicht das, was man aus der Distanz betrachte von der anderen Rheinseite, hier ausgelöst im gelblichen Abenddunst, der von den Weinbergen langsam nach unten in Richtung Fluss sinke? (…)

Christian Georg Schütz „Ansicht von Eltville“ , 1774. Foto von der Wandprojektion: Diether v. Goddenthow
Christian Georg Schütz „Ansicht von Eltville“ , 1774. Foto von der Wandprojektion: Diether v. Goddenthow

Um sie als Idylle zu erhalten, suche er unwillkürlich auf dem Bild nach Hinweisen, die diese Harmonie als Schein entlarve: “Zieht die dunkle Wolke in der Mitte des oberen Bildes bereits wieder ab, oder senkt sie sich auf das Städtchen? Liegt der Ort nicht allzu ungeschützt am Wasser? Liegt es daran, dass es für mich als Kind diesen Schatten Eltvilles tatsächlich gab?“, legt Witzel nach.

Ja, Witzels Rhein-Idyll war wohl stets bedroht. Die Schatten von Eltville lagen seiner Meinung nach „hinter dem malerischen Anblick des Rheinufers, hinter sieben Hügeln versteckt, und hieß „Eichberg“. „Dort“, so Witzel augenzwinkernd weiter, “war der unregierbare Wahnsinn untergebracht, und dort drohte auch ich selbst hinzukommen, wenn ich nicht aufpasste, vor allem mich nicht anpasste, oder es mir nicht vorher gelingen sollte, Lehrer oder Eltern durch meinen Eigensinn dorthin zu bringen. Denn die Drohung: ‚Du landest noch auf dem Eichberg‘, klingt mir noch heute in den Ohren“. Ortsunkundigen gibt der Autor den Hinweis, dass auf dem Eichberg die Psychiatrie ist. Bereits 40 Jahre nachdem Schütz seine Ansicht von Eltville im Jahre 1774 gemalt habe, sei das Irrenhaus Eberbach ins Leben gerufen worden, was Witzel ein wenig schmunzelnd zur dialektischen Frage drängt, „ob die Idylle den Wahnsinn bedinge oder diese sich allein auf dessen Ausgrenzung gründe“.

Die nächste Bildstation im virtuellen Museumsrundgang hieß „Schindelfabrik“, 1910 von Marianne von Werefkin gemalt. Diese ließ sich gemeinsam mit Alexej Jawlensky, Gabriele Münter und Wassily Kandinsky im bayerischen Oberau vom – gleichfalls idyllischen – Dorf und der Landschaft inspirieren.

Das nächste Werk, Ernst Ludwig Kirchners Bild „Seehorn“, setzt Witzel in Beziehung zu den Schrecken des Ersten Weltkriegs. Auf dem anscheinend harmlosen Wanderweg erblickt er die von naiver Ruhe ins eigene Verderben wandernden Menschlein. Und so weiter, ging es virtuell von „Station zur Station“, bis zum letzten Bild „Die  Wiesbadener Heimsuchung“ aus dem 16. Jahrhundert, welches der erfolgreichen  Auftakt-Veranstaltung zu den  20. Wiesbadener Literaturtagen den Namen gab.
Mit einem Gläschen Sekt und kleinen Leckereien wurde der Abend bei anregenden Gesprächen im Museums-Café fortgesetzt. Es waren durchweg nur positive Kommentare und viel Zustimmung zu hören, wie etwa: „Bei jedem Bild hatte man das Gefühl, munterer zu werden.“ oder „Bei solch interessantem Kunstunterricht, hätte ich früher weniger geschwänzt“  Eine ältere Dame stellte ganz erfreut fest: „Stellen Sie sich vor: heute ist mein Mann, der bei Konzerten immer gleich wegnickt, kein einziges Mal eingeschlafen!“

Foto: Diether v. Goddenthow
Foto: Diether v. Goddenthow

Das weitere Programm der 20. Wiesbadener Literaturtage:

Aber auch die weiteren Veranstaltungen der diesjährigen Wiesbadener Literaturtage versprechen, äußerst spannend zu werden, zumal sie nicht auf Literatur beschränkt, sondern spartenübergreifende Veranstaltungen der Kunst wie Kurzfilm, Musik an den zentralen Orte Wiesbadener Kultur anbieten: im Wiesbadener Literaturhaus Villa Clementine, im Kleinen Haus des Staatstheaters, im Thalhaus im Nerotal und in der Filmbühne Caligari.

Montag, 6. November, um 19.30 Uhr – kann man Frank Witzel zusammen mit dem Posaunisten Uwe Dierksen vom Ensemble Modern im Literaturhaus unter dem Motto „Grund unter Grund“ erleben. Witzel liest im ersten Teil des Abends aus seinem neuen Roman „Direkt danach und kurz davor“. Das Gespräch mit ihm führt Shirin Sojitrawalla, DLF und taz. Im zweiten Teil verbindet sich Witzels Lyrik mit den Klängen von Uwe Dierksen. Ein Chor unterschiedlicher Stimmen fragt in Frank Witzels neuem Roman „Direkt danach und kurz davor“ nach dem, was wirklich geschah. So steigt der Leser in die Bodenlosigkeit von Geschichte und sieht hinab in das Grauen des Menschenmöglichen. Mit dem Roman war Frank Witzel für die Longlist des Wilhelm Raabe-Literaturpreises nominiert. Im zweiten Teil des Abends trifft Witzel auf den Posaunisten Uwe Dierksen vom Ensemble Modern. Für die Frankfurter Lyriktage haben die beiden ein Projekt erarbeitet, das die Gründe und Untergründe aufzeigt, die sich durch das Aufeinandertreffen, Ineinandergreifen, Ergänzen und Kontrastieren von Musik und Lyrik ergeben.

Ein ganz besonderes Gastspiel findet am Dienstag, 7. November, um 19.30 Uhr im Kleinen Haus des Hessischen Staatstheaters statt: Zum ersten Mal bringen die Schauspielerinnen Jule Böwe, Julia Riedler und Julischka Eichel das ihnen von Frank Witzel gewidmete Stück „Jule, Julia, Julischka“ zu Gehör. Darin geraten drei Schauspielerinnen auf einer Probebühne derart aneinander, dass bald nicht mehr zu sagen ist, wo ihre Rollen anfangen und ihre Figuren enden. Jule Böwe ist Ensemblemitglied der Berliner Schaubühne. Außerdem kann man sie in vielen Hörspielen und Filmen erleben. Julischka Eichel gehört zum Ensemble im Schauspiel Stuttgart. Neben ihrer Theaterarbeit spielt sie in zahlreichen Kino- und Fernsehfilmen. Julia Riedler ist Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele. Außerdem wirkt sie in Film- und Fernsehproduktionen sowie als Sprecherin in Hörspielen mit. Eingerichtet wurde das Stück von Thomas Martin. Er war von 2010 bis 2017 Chefdramaturg und Hausautor der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.

Am Mittwoch, 8. November, um 20 Uhr ist das Trio „Thumbscrew“ um die bekannte amerikanische Gitarristin Mary Halvorson, den Bassisten Michael Formanek und Schlagzeuger Tomas Fujiwara im thalhaus in Wiesbaden zu Gast. Thumbscrew hat zwar keinen Chef oder Leader, doch mit der gefeierten amerikanischen Gitarristin Mary Halvorson einen Star, der in vielen Genres zu Hause ist: Jazz, Neue Musik, Folk, Rock. Die Musik der drei umfasst zahllose Texturen und Strategien, die zu einem offenen, transparenten, intensiven und kurvenreichen Sound führen.

Am Donnerstag, 9. November, kann man mit Frank Witzel und Museumsdirektor Alexander Klar in einem Literaturtage Extra ab 16 Uhr bei einem Rundgang im Museum Wiesbaden der Entstehungsgeschichte und Entwicklung des Projektes „Wiesbadener Heimsuchung“ folgen. Frank Witzel hat für den Mediaguide seine Geschichten zu zwei Dutzend Gemälden der umfangreichen Sammlung des Museums in einem literarischen Text festgehalten. Der Guide ist ab 7. November und über die Literaturtage hinaus im Museum erhältlich. Die Teilnehmerzahl für die Führung ist begrenzt.

Am Abend des 9. November findet im Literaturhaus Villa Clementine um 19.30 Uhr eine Lecture-Performance des Philosophen Marcus Steinweg statt. In einem freien Vortrag zeigt er den performativen Akt des Philosophierens. An dem Abend geht es vor allem um die Arbeit der bekannten französischen Schriftstellerin Marguerite Duras. Diese zeige, dass zum Schreiben immer eine gewisse Selbstentmächtigung gehöre, eine Art präziser Wahnsinn.

Am Freitag, 10. November, um 19.30 Uhr wendet sich Frank Witzel im Gespräch mit dem Historiker Philipp Felsch in der Caligari Filmbühne einem Thema zu, das jedem Wiesbadener, der in den 1960ern hier aufgewachsen ist, noch geläufig sein dürfte: die Entführung Timo Rinnelts. Der Abend findet in Kooperation mit der Caligari FilmBühne statt. Mit dem „Fall Timo Rinnelt“ begann beim Deutschen Fernsehfunk der DDR eine neue Sendereihe: „Kriminalfälle ohne Beispiel“. In den einzelnen Folgen sollten Fälle thematisiert werden, die in Ländern wie der BRD für großes Aufsehen sorgten und Ansatzpunkte lieferten, die kapitalistische Gesellschaft kritisch zu betrachten. An diesem Abend werden die Erstsendung aus dem Jahr 1967 und Ausschnitte aus zwei Sendungen von 1969 gezeigt.

Für Mittwoch, 8. November, 20 Uhr, im thalhaus, Nerotal 18, kostet der Eintritt 15 Euro, ermäßigt 11 Euro plus Gebühr, an der Abendkasse 19 Euro, ermäßigt 15 Euro. Karten gibt es im Vorverkauf bei: Tourist-Information Wiesbaden, Marktplatz 1, Telefon: (0611) 1729930; TicketBox in der Wiesbadener Galeria Kaufhof, Kirchgasse 28, Telefon (0611) 304808; Frankfurt Ticket, Frankfurt Hauptwache (B-Ebene), Telefon (069) 1340400; online unter www.wiesbaden.de/literaturtage.

Für Donnerstag, 9. November, 16 Uhr, Museum Wiesbaden, Friedrich-Ebert-Allee 2, kostet der Eintritt 6 Euro, ermäßigt 4 Euro plus 3 Euro für die Führung. Karten sind an der Kasse des Museums erhältlich.

Für Donnerstag, 9. November, 19.30 Uhr, im Literaturhaus Villa Clementine, Frankfurter Straße 1, kostet der Eintritt 10 Euro, ermäßigt 6 Euro zzgl. Vorverkaufsgebühr. An der Abendkasse ksotet der Eintritt 13 Euro, ermäßigt 9 Euro. Karten gibt es im Vorverkauf bei: Tourist-Information Wiesbaden, Marktplatz 1, Telefon: (0611) 1729930; TicketBox in der Wiesbadener Galeria Kaufhof, Kirchgasse 28, Telefon (0611) 304808; Frankfurt Ticket, Frankfurt Hauptwache (B-Ebene), Telefon (069) 1340400; online unter www.wiesbaden.de/literaturtage.

Für Freitag, 10. November, 19.30 Uhr, Caligari Filmbühne, Marktplatz 9, kostet der Eintritt 8 Euro. Der Kartenvorverkauf findet an der Kinokasse im Caligari täglich 17 bis 20.30 Uhr statt, reservierung-caligari@wiesbaden.de und in der Tourist-Information Wiesbaden (plus VVK-Gebühr), Marktplatz 1, Telefon (0611) 1729930.

Abschlussveranstaltung:
Gerhard Roth zu Gast am 11. November, um 19.30 Uhr zum Abschluss der Wiesbadener Literaturtage im Literaturhaus Villa Clementine :

Zum Abschluss der Literaturtage in Wiesbaden ist der große österreichische Schriftsteller Gerhard Roth am Samstag, 11. November, um 19.30 Uhr im Literaturhaus Villa Clementine, Frankfurter Straße 1, zu Gast. Der Abend umkreist Gerhard Roths Kosmos in Gesprächen, Selbstauskünften und Lesungen. Frank Witzel spricht mit dem Autor und seinem Lektor Jürgen Hosemann vom S. Fischer Verlag. Christian Brückner, Kurator der Wiesbadener Literaturtage 2015, liest aus Roths Büchern. Eine gute Gelegenheit, Gerhard Roth und sein umfangreiches Werk neu zu entdecken.

Gerhard Roth wurde 1942 in Graz geboren und lebt in Wien und der Südsteiermark. Er veröffentlichte Romane, Erzählungen, Essays und Theaterstücke, darunter den 1991 abgeschlossenen siebenbändigen Zyklus „Die Archive des Schweigens“. Anschließend erschienen die Romane des „Orkus“-Zyklus, die literarischen Essays über Wien „Die Stadt“ sowie der Erinnerungsband „Das Alphabet der Zeit“. Zuletzt veröffentlichte Roth „Grundriss eines Rätsels“ und als ersten Band einer geplanten Venedig-Trilogie „Die Irrfahrt des Michael Aldrian“. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, 2016 erhielt er den Großen Österreichischen Staatspreis sowie den Hoffmann-von-Fallersleben-Preis.

Der Eintritt kostet im Vorverkauf zwölf, ermäßigt neun Euro plus Gebühr. An der Abendkasse sind 16, ermäßigt 13 Euro zu zahlen. Kartenvorverkauf bei: Tourist-Information Wiesbaden, Marktplatz 1, Telefon (0611) 1729930; TicketBox in der Wiesbadener Galeria Kaufhof, Kirchgasse 28, Telefon (0611) 304808; Frankfurt Ticket, Frankfurt Hauptwache (B-Ebene), Telefon 069 1340400; Online unter www.wiesbaden.de/literaturtage.

Die „Wiesbadener Literaturtage“ werden jährlich veranstaltet vom Kulturamt Wiesbaden und dem Literaturhaus Villa Clementine mit Unterstützung des Kulturfonds Frankfurt RheinMain. Sie verstehen sich als spartenübergreifendes Festival und finden mit Begleitveranstaltungen auch in Darmstadt und Frankfurt statt. In diesem Jahr feiert die Veranstaltung  das Jubiläum ihres 20. jährigen Bestehens.

Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.wiesbaden.de/literaturtage.

Der Garten der Avantgarde – Grandiose Ausstellung der Sammlung Kirchhoff eröffnet – Wiesbaden ein Zentrum der Klassischen Moderne

Max Slevogt (1866 - 1932). Landschaft mit Dorf und Bergen (Pfalzlandschaft), 1913, Öl auf Leinwand. Foto: Diether v. Goddenthow
Max Slevogt (1866 – 1932). Landschaft mit Dorf und Bergen (Pfalzlandschaft), 1913, Öl auf Leinwand. Foto: Diether v. Goddenthow

Unter großem  Besucherandrang  eröffnete gestern Abend Kunst- und Kulturminister Boris Rhein im Museum Wiesbaden die Ausstellung  „Der Garten der Avantgarde Heinrich Kirchhoff: Ein Sammler von Jawlensky, Klee, Nolde…“, die noch bis zum 25. Februar 2018 zu sehen ist

Genau vor 100 Jahren, im Jahr 1917 zeigte der bedeutende Kunstsammler und Mäzen Heinrich Kirchhoff zum ersten Mal seine Sammlung mit Werken des Impressionismus, Expressionismus bis zur Abstraktion im Museum Wiesbaden.

Arnold Hensler (1891 - 1935). Porträtkopf Heinrich Kirchhoff um 1918/19. (Terrakotta). Museum Wiesbaden.Foto: Diether v. Goddenthow
Arnold Hensler (1891 – 1935). Porträtkopf Heinrich Kirchhoff um 1918/19. (Terrakotta). Museum Wiesbaden.Foto: Diether v. Goddenthow

Heinrich Kirchhoff (1874–1934) ließ sich Anfang des 20. Jahrhunderts in Wiesbaden nieder, um sich seinen Leidenschaften Kunst und Natur zu widmen. Innerhalb weniger Jahre stellte er eine hochwertige Sammlung mit Werken des Jugendstils, des Impressionismus und später des Expressionismus zusammen, darunter Werke von Künstlern wie Alexej von Jawlensky, Paul Klee, Emil Nolde und Franz Marc. Kirchhoff wollte seine Sammlungen für alle Bürger öffnen und die Kurstadt zu einem Zentrum der künstlerischen Moderne werden lassen. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 galten die Werke seiner Sammlung als „Entartete Kunst“ und wurden aus dem Museum Wiesbaden, in dem sie zuvor ausgestellt worden waren, entfernt (mehr …)

Kunst- und Kulturminister Boris Rhein. Foto: Diether v. Goddenthow
Kunst- und Kulturminister Boris Rhein. Foto: Diether v. Goddenthow

Kunst- und Kulturminister Boris Rhein: „Mit ,Der Garten der Avantgarde‘ ist dem Museum Wiesbaden eine spannende Ausstellung gelungen, die Heinrich Kirchhoff einen angemessenen Raum widmet. Besonders freut mich, dass die Kuratoren bei diesem Projekt in enger Kooperation mit der Zentralen Stelle für Provenienzforschung in Hessen und der universitären Forschung zusammengearbeitet haben. Ich wünsche den Besucherinnen und Besuchern einen interessanten Einblick in die Welt eines bemerkenswerten Kunstliebhabers.“

Großer Andrang herrschte nicht nur im völlig überfüllten Vortragssaal, sondern im gesamten Museum. Heinrich Kirchhoff, hätte sicherlich seine Freude gehabt. Foto: Diether v. Goddenthow
Großer Andrang herrschte nicht nur im völlig überfüllten Vortragssaal, sondern im gesamten Museum. Heinrich Kirchhoff hätte sicherlich seine wahre Freude daran gehabt. Foto: Diether v. Goddenthow

 

Ein Rundgang durch die Ausstellung; Der Garten der Avantgarde Heinrich Kirchhoff: Ein Sammler von Jawlensky, Klee, Nolde…
Impression der Ausstellung „Der Garten der Avantgarde. Heinrich Kirchhoff: Ein Sammler von Jawlensky, Klee, Nolde …“ Raum 10 mit Arbeiten von Marc Chagall, Emil Nolde, Lehmbruck u. vielen weiteren Expressionisten. Foto: Diether v. Goddenthow
Impression der Ausstellung „Der Garten der Avantgarde. Heinrich Kirchhoff: Ein Sammler von Jawlensky, Klee, Nolde …“ Raum 10 mit Arbeiten von Marc Chagall, Emil Nolde, Lehmbruck u. vielen weiteren Expressionisten. Foto: Diether v. Goddenthow

Der Garten der Avantgarde – Kunst und Natur
Kirchhoffs „Garten der Avantgarde“ eröffnet den Ausstellungsrundgang im historischen Oktogon der Gemäldegalerie. Umfangen von den floralen Fresken im Deckengewölbe, die seinerzeit der Wiesbadener Künstler und Ausstellungsleiter Hans Völcker anfertigte, ist der Raum dem Geist Kirchhoffs und seiner Leidenschaft für die Zusammenführung von Kunst und Natur gewidmet.

Impressionen des einstigen Gartenparadies.
Impressionen des einstigen Gartenparadies.

In einer von Erstem Weltkrieg und Inflation krisenerschütterten Zeit bot das paradiesisch anmutende Idyll in der Wiesbadener Beethovenstraße 10 vielen Künstlern einen Zufluchtsort, der ihre Sehnsucht weckte. Er zog sie magisch an und diente ihnen rund 20 Jahre bis ca. 1933 als Quelle der Inspiration. Hier fanden sich neben Kakteen, Palmgewächsen, Wasserpflanzen, Farnen oder Stauden auch Blütenmeere, Rosenbüsche und verschiedenste Obstbäume. Versteckt waren zwei Vogelvolieren untergebracht, ein künstlich angelegter Flusslauf führte über einen Wasserfall in eine Grotte und kleinere Sitzgruppen luden in Nischen zum Verweilen ein. Im Gästebuch der Familie trugen sich schon bald namhafte Besucher aus allen Regionen Deutschlands ein. So entstanden mitunter auch kleine Künstlerzeichnungen, die bei einem Besuch – etwa von Conrad Felixmüller oder Paul Klee – hinterlassen wurden.

Aufbruch Impressionismus

Max Liebermann (1847 - 1935) Die Tochter des Künstlers am Strand/ Damenbildnis in Weiß. Öl auf Holz. Privatsammlung, Paris. Foto: Diether v. Goddenthow
Max Liebermann (1847 – 1935) Die Tochter des Künstlers am Strand/ Damenbildnis in Weiß. Öl auf Holz. Privatsammlung, Paris. Foto: Diether v. Goddenthow

Der Grundstein der Kunstsammlung Kirchhoffs wurde vornehmlich durch Gemälde des deutschen Impressionismus gelegt. Mit einem bemerkenswerten Gespür für Qualität erstand der Wiesbadener Sammler Hauptwerke des Triumvirats des deutschen Impressionismus: Max Liebermann, Lovis Corinth und Max Slevogt. Die neuartige Freilichtmalerei, die sich dem Malen vor der Natur verschrieben hatte und an den aus Frankreich kommenden Maleinflüssen orientierte, gehörte noch Anfang des 20. Jahrhunderts zu der vom Kaiser wenig geschätzten Avantgarde. Die Künstler wurden hingegen beim aufstrebenden Großbürgertum äußerst populär und erfreuten sich großer Nachfrage. 1918 gab Kirchhoff bei Liebermann, seinerzeit der gefragteste Porträtmaler, sein Bildnis in Auftrag. Im Umkreis der großen Meister erhielten zahlreiche weitere Künstler, deren Werke unter dem Einfluss des Impressionismus entstanden, die Beachtung des Sammlers. Hierzu gehörten unter anderem Wilhelm Trübner, Julius Hess, Oskar Moll oder der junge Max Beckmann. Kirchhoff berücksichtigte aber nicht nur die zeitgenössischen Strömungen in der deutschen Kunst, sondern widmete sich auch den unterschiedlichen angewandten Techniken.

Roman Zieglgänsberger, Kurator der Ausstellung und Kustos für Klassische Moderne im Wiesbadener Museum, erläutert, dass bei Machtübernahme der Nazis alle Arbeiten von Lovis Corinth (1858 - 1915), die vor seinem Schlaganfall entstanden, im Museum bleiben durften, alle späteren als "entartet" wie die anderen Kirchhoff-Bilder entfernt werden mussten. Hier Lovis Corinth: Selbstbildnis in Hut und Mantel. Öl auf Leinwand. Foto: Diether v. Goddenthow
Roman Zieglgänsberger, Kurator der Ausstellung und Kustos für Klassische Moderne im Wiesbadener Museum, erläutert, dass bei Machtübernahme der Nazis alle Arbeiten von Lovis Corinth (1858 – 1915), die vor seinem Schlaganfall entstanden, im Museum bleiben durften, alle späteren als „entartet“ wie die anderen Kirchhoff-Bilder entfernt werden mussten. Hier Lovis Corinth: Selbstbildnis in Hut und Mantel. Öl auf Leinwand. Foto: Diether v. Goddenthow

So fanden sich in seiner Sammlung neben Gemälden, Plastiken, Zeichnungen und Aquarellen auch Holzschnitte, Lithografien und Radierungen. Seine über 2.000 Werke umfassenden Bibliothek enthielt unter anderem die von Max Slevogt angefertigten, äußerst seltenen Lithografien zur Luxusausgabe von James Fenimore Coopers Lederstrumpf und die 305 Original-Tuschlithografien zu Johann Wolfgang von Goethes Benvenuto Cellini.

Die „Freie Secession“ und die „Neue Secession“
Zu Max Liebermann, der zwischen 1909 und 1915 wiederholt zu Gast in Wiesbaden war, entstand eine lebenslange Freundschaft. Vermutlich ist auf diese Verbindung Kirchhoffs Interesse an den Berliner Secessionisten zurückzuführen. Die Secession war um die Jahrhundertwende als Gegenbewegung zum etablierten Kunstbetrieb entstanden und versuchte jungen Künstlern Rückhalt gegenüber der kaiserlich konservativen Kunstpolitik zu geben. Nach inneren Streitigkeiten spaltete sich 1914 unter Führung von Max Liebermann die ‚Freie Secession‘ ab, zu der u. a. die Künstler Wilhelm Lehmbruck, Oskar Moll und Renée Sintenis gehörten und die alle Eingang in die Sammlung fanden. Vier Jahre zuvor hatte sich bereits die „Neue Secession“ in Berlin gegründet. Kirchhoff beobachtete die Bewegungen der Berliner Kunstszene genau und versuchte durch seine Ankäufe entsprechende künstlerische Gruppierungen hervorzuheben. In den darauffolgenden Jahren konnten die Freien Secessionisten auch im Museum Wiesbaden ihre Ausstellungen zeigen.

Künstlerförderung in Zeiten der Krise
Die Schrecken des Ersten Weltkriegs stürzten viele Künstler in eine Lebens- und Schaffenskrise. In ihren Werken versuchten sie die traumatischen Eindrücke zu bewältigen und neue Ausdrucksmittel für das Erlebte zu finden. Es war eine Zeit der gesellschaftlichen Umbrüche und künstlerischen Reformen. Vor allem die jungen Talente, deren Studium zum Teil durch den Krieg jäh unterbrochen wurde, lebten am Existenzminimum. Die Brücke- Künstler hatten es bereits gezeigt: Ohne einen privaten Förderer war auf den künstlerischen Durchbruch kaum zu hoffen. Es war daher ein häufig zu beobachtendes Phänomen, dass sich Künstler einen Sammler suchten und um finanzielle oder ideelle Unterstützung baten. Heinrich Kirchhoff engagierte sich in dieser Zeit besonders für die jungen Maler, die noch am Beginn ihrer Karriere standen. Unter ihnen sind Josef Eberz, Conrad Felixmüller und Walter Jacob hervorzuheben. Als „Mäzen der Moderne“ lud er sie nach Wiesbaden ein und bot ihnen intensive Förderung, Unterkunft und Atelierplatz. Zugrundliegende Vereinbarungen gewährten den Künstlern ein finanzielles Monatsauskommen, wofür sie dem Sammler ein Vorkaufsrecht einräumten. So entstanden zahlreiche Arbeiten vor Ort, die das Umfeld des Sammlers festgehalten haben. Ein besonderer Höhepunkt ist die Grablegung von Walter Jacob. Das Gemälde thematisiert den gemarterten Künstler, der durch seinen Mäzen entschlossen über das Leid hinweggetragen wird. Die Gesichtszüge der Dargestellten sind für den Betrachter eindeutig als die von Heinrich Kirchhoff und Walter Jacob zu identifizieren.

Alexej von Jawlensky – Ein Künstler für Wiesbaden
Der für Wiesbaden bedeutendste Künstler, den Kirchhoff unterstützte, war Alexej von Jawlensky. Nach Kriegsende versuchte er sich von seinem Schweizer Exil aus wieder nach Deutschland zu orientieren. Eine 1920/21 zu diesem Zweck von Galka Scheyer arrangierte Wanderausstellung war in keiner Stadt so erfolgreich wie in Wiesbaden. Maßgeblich dazu beigetragen hatte Heinrich Kirchhoff, der auf Anhieb fünf Gemälde des Künstlers erwarb und ihn zu sich in seinen „Garten der Avantgarde“ einlud. Aufgrund dieses herausragenden Erfolges ließ sich Jawlensky wenig später dauerhaft in Wiesbaden nieder. Die zunehmende Abstraktion im Werk des Malers, seine serielle Bearbeitung eines wiederkehrenden Themas – die Gartenvariationen – weckten die Faszination Kirchhoffs und führten dazu, dass er im Laufe der Zeit über 100 Arbeiten des Künstlers sammelte, darunter nicht weniger als 50 Ölgemälde. Jawlensky zog in die unmittelbare Nachbarschaft seines Sammlers, begleitete ihn auf Ausstellungen und genoss die freundschaftliche Aufnahme in die Familie Kirchhoffs. Aus der Zuneigung zueinander entstanden eine Reihe intimer Werke, in denen Jawlensky seine Hinwendung zur Abstraktion unterbrach. So zog vor allem die Ehefrau des Sammlers mit ihrer von den Künstlern vielgerühmten Schönheit Jawlensky in den Bann. In einem „intimen“ Kabinett sind diese Arbeiten zusammen mit Briefen, Skizzen und einem außergewöhnlichen Schmuckstück, das der Künstler eigenhändig für Tony Kirchhoff kreierte, zu betrachten.

Herzstück Expressionismus
Das Herzstück der ‚Sammlung Kirchhoff‘ bildeten die Expressionisten. Bereits während des Krieges und noch vor Kirchhoffs erster Ausstellung im Museum Wiesbaden hatte er begonnen, farbintensive und formal expressive Gemälde zu sammeln. Gezielt suchte Kirchhoff nach exemplarischen Spitzenwerken seiner Zeit, um den Facettenreichtum des Expressionismus zu erfassen. Jeder Künstler vertrat innerhalb der Sammlung eine eigene künstlerische Position, wodurch schließlich die verschiedensten geistigen und stilistischen Strömungen zusammenfanden und ein Gesamtbild des deutschen Expressionismus widerspiegelten.

Kunsthistorikerin Sibylle Discher, gab mit Ihrer Dissertation und folgender Rekonstruktion der Ausstellung Kirchhoff den Anstoß zur Ausstellung "Der Garten der Avantgarde. Heinrich Kirchhoff: ein Sammler von Jawlensky, Klee, Nolde ...", hier im Raum !0, Herzstück Expressionismus. Foto: Diether v. Goddenthow
Kunsthistorikerin Sibylle Discher, gab mit Ihrer Dissertation und folgender Rekonstruktion der Ausstellung Kirchhoff den Anstoß zur Ausstellung „Der Garten der Avantgarde. Heinrich Kirchhoff: ein Sammler von Jawlensky, Klee, Nolde …“, hier im Raum !0, Herzstück Expressionismus. Foto: Diether v. Goddenthow

Unter den Bildern finden sich farbgewaltige Arbeiten wie die von Emil Nolde oder solche, die bereits früh in Richtung der Abstraktion deuteten, wie die von Christian Rohlfs. Oskar Kokoschkas Alpenlandschaft weist stattdessen eine ähnliche, kristalline Formensprache auf wie die kurz vor dem Krieg entstandenen Arbeiten von Franz Marc, während Marc Chagall eine ganz eigene poetische Sprache in seinen Bildern entwickelte. Gingen die Kompositionen zwar stilistisch weit auseinander, so ähnelten sie sich inhaltlich: Immer wieder wird der Mensch ins Zentrum gerückt und seine Existenz, sein Handeln und seine Verletzlichkeit überprüft, um der Frage nach der eigenen Identität auf den Grund zu gehen.

Konstruktive und abstrakte Tendenzen

Wassily Kandinsky (1866 - 1944) Ein Zentrum, 1924. Öl auf Leinwand. Foto: Diether v. Goddenthow
Wassily Kandinsky (1866 – 1944) Ein Zentrum, 1924. Öl auf Leinwand. Foto: Diether v. Goddenthow

Der Ausgang des Ersten Weltkrieges und der Umsturz von der Monarchie zur ersten deutschen Demokratie führten zu großen Veränderungen. Die herbe Kriegsniederlage und die einsetzende Inflation entrissen den Bürgern ihren Halt, erschütterten ihren Glauben und zwangen sie zum Umdenken. Altbekannte Strukturen zerbrachen und die Gesellschaft geriet ins Wanken. Aus der Zerstörung heraus entstanden künstlerische Ideen einer neuen Lebensgestaltung durch geometrische, abstrakte Konstruktionen. Paul Klee, Wassily Kandinsky und Lyonel Feininger waren 1921/22 als Lehrer dem Bauhaus beigetreten. Ein Jahr später kam auch László Moholy-Nagy hinzu. In jener Zeit begann Kirchhoff, der durch Jawlensky inzwischen mit abstrakten Positionen vertraut geworden war, seine impressionistischen Werke zu veräußern und sich zunehmend eben diesen Bauhaus- Vertretern zuzuwenden. Bedenkt man, dass Kirchhoff zu diesem Zeitpunkt kaum länger als zehn Jahre sammelte, wird die Radikalität und Kompromisslosigkeit deutlich, mit der er entschlossen den Weg vom Impressionismus zur Abstraktion in kürzester Zeit zurücklegte. Das Ende der Sammlung kam abrupt. 1933 wurde mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten eine so progressive Kunstsammlung im öffentlichen Raum undenkbar. Noch bevor Heinrich Kirchhoff im Oktober 1934 unerwartet verstarb, wurden Teile seiner Sammlung aus dem Museum Wiesbaden entfernt und zurückgegeben. Heute finden sich die Werke weltweit in den rennommiertesten Museen wieder, was bis heute für ihre außergewöhnliche Qualität und Bedeutung spricht.

Heinrich Kirchhoff und seine Nachfolger
Heinrich Kirchhoff zog mit seinem Garten und seinen Bildern nicht nur Botaniker und Künstler an, sondern auch viele Sammler (wie August von der Heydt), Kunsthistoriker (wie Julius Meier-Graefe) oder Kunsthändler (wie Hans Goltz). Für das Museum Wiesbaden von größter Bedeutung entpuppten sich jedoch die beiden Besuche der Künstlerin Hanna Bekker vom Rath (1893–1983). Zweimal hat sich Hanna Bekker bei Kirchhoff ins Gästebuch eingetragen: am 5. Januar 1918 und noch einmal, neun Jahre später, am 20. Oktober 1927. Möglicherweise war es Kirchhoff, der als Künstlermagnet und starke Persönlichkeit einen derart prägenden Eindruck bei ihr hinterließ, dass sie um 1920 begann, selbst Kunst zu sammeln. Eine ihrer ersten Erwerbungen war denn auch die Büste der Knieenden des Bildhauers Wilhelm Lehmbruck, der mit der zeitgleich entstandenen Skulptur Badende in der Sammlung Kirchhoff vertreten war. Wenn man so möchte, kam Hanna Bekker als junge Künstlerin zu Kirchhoff (sie wurde in Stuttgart von der Malerin Ida Kerkovius unterrichtet) und wurde, nach den vielfältigen Eindrücken, die sie dort empfangen hatte, zur Sammlerin und Mäzenin. Ihr Frankfurter Kunstkabinett, das sie nach dem Zweiten Weltkrieg 1947 eröffnete, war denn auch immer mehr als nur ein Mittel zum Geld verdienen. Sie unterstützte insbesondere diejenigen expressionistischen Künstler, denen sie bereits während des Nationalsozialismus das Malen trotz Arbeitsverbot mutig in ihrem Privathaus in Hofheim am Taunus, dem sogenannten Blauen Haus, ermöglicht hatte. Ihre Privatsammlung mit Hauptwerken von Künstlern wie Max Beckmann, Erich Heckel, Adolf Hölzel, Alexej von Jawlensky oder Karl Schmidt-Rottluff, die ehemals alle auch in der Sammlung Kirchhoff vertreten waren und deren Malerei sie dort kennengelernt hatte, kam 1987 an das Museum Wiesbaden, wo sie heute das hoch qualitätsvolle Fundament der Abteilung Klassische Moderne bildet.

Solch ein Besucheransturm hatten die Ausstellungsmacher in ihren kühnsten Träumen nicht erwartet. Mit der Überblicksausstellung zur Klassischen Moderne "Der Garten der Avantgarde ...." haben sie voll ins Schwarze getroffen. Foto: Diether v. Goddenthow
Solch ein Besucheransturm hatten die Ausstellungsmacher in ihren kühnsten Träumen nicht erwartet. Mit der Überblicksausstellung zur Klassischen Moderne „Der Garten der Avantgarde ….“ haben sie voll ins Schwarze getroffen. Foto: Diether v. Goddenthow

Im Frühjahr 2018 präsentiert das Museum Wiesbaden die Stiftung Brabant. Der Wiesbadener Sammler Frank Brabant (*1937) ist, wenn man so möchte, ein „Enkel“ von
Heinrich Kirchhoff, da er 1963 just bei Hanna Bekker in Frankfurt sein erstes Kunstwerk erwarb – einen Holzschnitt von Max Pechstein. Ihre Persönlichkeit war es nicht zuletzt, die seine Kunstleidenschaft weckte. Heute umfasst seine Sammlung, deren Schwerpunkt ähnlich wie bei Kirchhoff auf expressionistischer und neusachlicher Kunst liegt, etwa 600 Werke. Die Hälfte wird Brabant anlässlich seines 80. Geburtstags großzügig dem Museum Wiesbaden stiften. Jawlenskys frühes Hauptwerk Helene im spanischen Kostüm – das größte Gemälde, das der russische Maler je geschaffen hat – schenkte Brabant dem Museum im Vorgriff darauf bereits im Jahr 2014.

Kunst- und Kulturminister Boris Rhein (li). freut sich mit Museumsdirektor Dr. Alexander Klar über das gute Gelingen dieser Ausstellung. Foto: Diether v. Goddenthow
Kunst- und Kulturminister Boris Rhein (li). freut sich mit Museumsdirektor Dr. Alexander Klar über das gute Gelingen dieser Ausstellung. Foto: Diether v. Goddenthow

Durch das Hitlerregime wurde die Sammlung Kirchhoff in alle Welt zerstreut. Dennoch bleibt sein Geist in Wiesbaden lebendig, zum einen durch die Werke, die das Museum Wiesbaden seit 1950 zurückerwerben konnte, durch die von Kirchhoff inspirierten Hanna Bekker und Frank Brabant, ihre Sammlungen und nicht zuletzt durch diese Ausstellung.

 

Der Begleitkatalog

katalog-coverZur Ausstellung erschienen ist der gleichnamige Begleit-Katalog:
Der Garten der Avantgarde
Heinrich Kirchhoff: Ein Sammler von Jawlensky, Klee, Nolde…
Roman Zieglgänsberger und Sibylle Discher (Hrsg.)
ca. 432 Seiten, 250 Abbildungen, 22 x 26,5 cm
Imhof Verlag, 2017
ISBN 978-3-7319-0584-4
Euro 35,- (Sonderpreis im Museumsshop)
Mit Beiträgen von Annette Baumann, Astrid Becker, Herbert Billensteiner, Sibylle Discher, Peter Forster, Franz Josef Hamm, Gerhard Leistner, Miriam Olivia Merz, Jutta Penndorf, Christiane Remm, Roman Zieglgänsberger

Ort:
Museum Wiesbaden
Hessisches Landesmuseum
für Kunst und Natur
Friedrich-Ebert-Allee 2, 65185 Wiesbaden
Fon 0611 ⁄335 2250, Fax 0611 ⁄335 2192
www.museum-wiesbaden.de
museum@museum-wiesbaden.de

Führungen und Veranstaltungen zur Ausstellung
Der Garten der Avantgarde
Heinrich Kirchhoff: Ein Sammler von Jawlensky, Klee, Nolde…

Führungen
Sa 28 Oktober 15:00 Uhr
So 29 Oktober 15:00 Uhr
Di 31 Oktober 15:00 Uhr
Sa 4 November 15:00 Uhr
So 5 November 15:00 Uhr
Di 7 November 18:00 Uhr
So 12 November 15:00 Uhr
Di 14 November 18:00 Uhr
Sa 18 November 15:00 Uhr
Di 21 November 18:00 Uhr
Sa 25 November 15:00 Uhr
Di 28 November 18:00 Uhr
So 3 Dezember 15:00 Uhr
Di 5 Dezember 18:00 Uhr
Sa 9 Dezember 15:00 Uhr
Di 12 Dezember 18:00 Uhr
Sa 16 Dezember 15:00 Uhr
So 17 Dezember 15:00 Uhr
Sa 23 Dezember 15:00 Uhr
Sa 30 Dezember 15:00 Uhr

Vorträge
Do 1 Februar 2018 19:00 Uhr
Die Sammlung Kirchhoff. Ein Leuchtfeuer für Wiesbaden
Dr. Sibylle Discher, Co-Kuratorin der Kirchhoff-Ausstellung

Do 8 Februar 2018 19:00 Uhr
Frühe Sammler des russischen Malers Alexej von Jawlensky
Angelica Jawlensky Bianconi, Alexej von Jawlensky-Archiv, Locarno

Kunst & Kuchen
Do 9 November 15:00 Uhr Der Garten der Avantgarde. Heinrich Kirchhoff: Ein Sammler von Jawlensky, Klee, Nolde…

Art after Work
Di 21 November 19:00 Uhr
„Gartenlust“ – Der Sammler Heinrich Kirchhoff

Angebote für Kinder und Familien

Sa 4 November 11:00 – 14:00 Uhr
Offenes Atelier Spezial am eintrittsfreien Samstag zur Ausstellung „Der Garten der Avantgarde. Heinrich Kirchhoff: Ein Sammler von Jawlensky, Klee, Nolde…“

Sa 18 November 11:00 – 13:30 Uhr
Museumswerkstatt für Kinder: „Mein Traumgarten“. Künstlerisches Gestalten zur Ausstellung „Der Garten der Avantgarde“.

Ort:
landesmuseum-wiesbadenMuseum Wiesbaden
Hessisches Landesmuseum
für Kunst und Natur
Friedrich-Ebert-Allee 2, 65185 Wiesbaden
Fon 0611 ⁄335 2250, Fax 0611 ⁄335 2192
www.museum-wiesbaden.de
museum@museum-wiesbaden.de

Öffnungszeiten
Mo geschlossen Di, Do 10:00—20:00 Uhr Mi, Fr—So 10:00—17:00 Uhr An Feiertagen 10:00—17:00 Uhr geöffnet. Auch Ostermontag und Pfingstmontag geöffnet

Eintritt Sonderausstellung* 10,— Euro (7,— Euro) * Eintritt in die Sonderausstellungen beinhaltet den Besuch der Sammlungen. Familienangebot: Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre in Begleitung ihrer Eltern freier Eintritt. Weitere Ermäßigungen und Tarife für Gruppen unter: www.museum-wiesbaden.de ⁄preise

Verkehrsanbindung PKW und Reisebusse: A 66, Abfahrt Wiesbaden-Erbenheim, Richtung Stadtmitte, Parkhaus Rheinstraße Bahn: Zum Hbf Wiesbaden mit DB und S1, S8 und S9 aus Richtung Frankfurt und Mainz. Vom Hbf 10 min Fußweg zum Museum Linienbusse: Rheinstraße und Wilhelmstraße.

Service Auch während der Sanierungsmaßnamen an der Fassade sind Museum und Café weiterhin geöffnet. Derzeit wie gewohnt über den Haupteingang in der Friedrich-Ebert-Allee.

„Der Garten der Avantgarde: Heinrich Kirchhoff – ein Sammler von Jawlensky, Klee, Nolde…“ – Sensationelle Überblicksausstellung der Klassischen Moderne im Museum Wiesbaden

Genau 100 Jahre nachdem der Privatier und Kunstsammler Heinrich Kirchhoff seine bedeutende Sammlung mit Werken der Avantgarde erstmals im Museum Wiesbaden gezeigt hatte, wird diese nun am selben Ort wieder zusammengeführt. Kirchhoff (1874–1934) ließ sich zur Jahreswende 1908/09 in der Kurstadt Wiesbaden nieder mit dem Wunsch, sich dort seinen Leidenschaften Kunst und Natur zu widmen. links: Kunsthistorikerin Sibylle Discher und Roman Zieglgänsberger, Kustos für die "Klassische Moderne" im Raum 6 "Künstlerförderung in Zeiten der Krise" der Ausstellung „Der Garten der Avantgarde. Heinrich Kirchhoff: Ein Sammler von Jawlensky, Klee, Nolde …“ im Museum Wiesbaden vom 27. Okt. bis 24. Feb. 2018. Foto: Diether v. Goddenthow
Genau 100 Jahre nachdem der Privatier und Kunstsammler Heinrich Kirchhoff seine bedeutende Sammlung mit Werken der Avantgarde erstmals im Museum Wiesbaden gezeigt hatte, wird diese nun am selben Ort wieder zusammengeführt. Kirchhoff (1874–1934) ließ sich zur Jahreswende 1908/09 in der Kurstadt Wiesbaden nieder mit dem Wunsch, sich dort seinen Leidenschaften Kunst und Natur zu widmen.
links: Kunsthistorikerin Sibylle Discher und Roman Zieglgänsberger, Kustos für die „Klassische Moderne“ im Raum 6 „Künstlerförderung in Zeiten der Krise“ der Ausstellung „Der Garten der Avantgarde. Heinrich Kirchhoff: Ein Sammler von Jawlensky, Klee, Nolde …“ im Museum Wiesbaden vom 27. Okt. bis 24. Feb. 2018. Foto: Diether v. Goddenthow

Am Donnerstag, 26. Oktober, um 19.00 Uhr eröffnet das Museum Wiesbaden mit 205 Bildern der „Klassischen Moderne“ die sensationelle Ausstellung „Der Garten der Avantgarde: Heinrich Kirchhoff – ein Sammler von Jawlensky, Klee, Nolde…“. Mit internationalen Leihgaben wurde ein bedeutender Teil der einst 800 Werke umfassenden Sammlung des Wahl-Wiesbadeners (1874-1934) rekonstruiert und damit ein Kunst-Sammler und -Mäzen von internationalem Rang wiederentdeckt.

Als vor drei Jahren das Museum Wiesbaden der Kunsthistorikerin Sibylle Discher sein Archiv zu Recherchezwecke für ihre geplante Dissertation über den Kunst-Sammler und -Mäzen Heinrich Kirchhoff öffnete, hätte wohl niemand geahnt, dass hieraus – genau nach 100 Jahren der ersten Ausstellung des Sammlers und Gartenliebhabers Kirchhoff im Museum Wiesbaden – eine grandiose Überblicks-Ausstellung der Klassischen Moderne: „Der Garten der Avantgarde. Heinrich Kirchhoff: Ein Sammler von Jawlensky, Klee, Nolde …“ entstehen würde. Die Ausstellung läuft bis zum 24. Februar 2018 im Museum Wiesbaden.

„Die Kunsthistorikerin Sibylle Discher und der Kustos für die Klassische Moderne im Museum Wiesbaden haben in einer fruchtbaren wissenschaftlichen Zusammenarbeit dieses herausragende Projekt für das Museum Wiesbaden durchgeführt. Sibylle Discher rekonstruierte die Sammlung Kirchhoff , und Roman Zieglgänsberger gelang zum wiederholten Mal das Kunststück, dazu eine Ausstellung zu konzipieren, die sich sowohl an Fachkollegen wie an ein breites Publikum richtet“, erklärt Museums-Direktor Dr. Alexander Klar beim heutigen Pressegespräch. „Mit der Ausstellung und dem Ausstellungskatalog ‚Der Garten der Avantgarde. Heinrich Kirchhoff: Ein Sammler von Jawlensky, Klee, Nolde …‘ wird ein wesentlicher Aspekt unserer Museumsgeschichte aufgearbeitet sowie der Erforschung der Kunst der Moderne in Deutschland ein weiterer wertvoller Mosaikstein hinzugefügt“, so der Museumsdirektor. Man könne die Bedeutung Heinrich Kirchhoffs für Wiesbaden – sowohl für die damalige Kur- und Bäderstadt als auch für die heutige Landeshauptstadt – nicht hoch genug einschätzen.

Skulptur "Die Badende" und im Hintergrund das Bild "Susanna im Bade" (1913) von Wilhelm Lehmbruck (1881– 1919) Foto: Diether v. Goddenthow
Skulptur „Die Badende“ und im Hintergrund das Bild „Susanna im Bade“ (1913) von Wilhelm Lehmbruck (1881– 1919) Foto: Diether v. Goddenthow

Ohne ihn hätte es nach dem Zweiten Weltkrieg keinen historischen Anlass gegeben, wieder eine Abteilung Klassische Moderne im Museum Wiesbaden aufzubauen. Ohne ihn hätte sich Alexej von Jawlensky 1921 nicht in der Stadt niedergelassen, und ohne ihn hätte die Avantgarde hier zwischen 1916 und 1933 schlicht keine Heimat in einem kunstsinnigen und ‚floralen‘ Paradies gefunden“, ergänzt Kustos Roman Zieglgänsberger. Ja, nicht nur für Wiesbaden, auch für die Entwicklung der Moderne in Deutschland insgesamt war der Sammler Kirchhoff von größter Wichtigkeit, so Zieglgänsberger.

Künstlerliste
Allein ein Blick auf die Künstlerliste der jetzt im Wiesbadener Museum gezeigten 205 Werke aus der ehemaligen Kirchhoff-Sammlung zeugt von der herausragenden Bedeutung des Kunst-Sammlers und -Mäzens:

Ernst Barlach (1870– 1938)
Max Beckmann (1884– 1950)
Heinrich Campendonk (1889– 1957)
Marc Chagall (1887– 1985)
Lovis Corinth (1858– 1925)
Josef Eberz, (1880– 1942)
Alois Erbach (1888– 1972)
Fritz Erler (1868– 1940)
Edmund Fabry (1892– 1939)
Conrad Felixmüller (1897– 1977)
Rudolf Grossmann (1882– 1941)
George Grosz (1893– 1959)
Erich Heckel (1883– 1970)
Arnold Hensler (1891– 1935)
Julius Hess (1878– 1957)
Adolf Hölzel (1853– 1934)
Walter Jacob (1893– 1964)
Alexej von Jawlensky (1864– 1941)
Andreas Jawlensky, (1902– 1984)
Wassily Kandinsky (1866– 1944)
Alexander Kanoldt (1881– 1939)
Paul Klee (1879– 1940)
Oskar Kokoschka (1886– 1980)
Wilhelm Lehmbruck (1881– 1919)
Max Liebermann (1847– 1935)
August Macke (1887– 1914)
Franz Marc (1880– 1916)
László Moholy-Nagy (1895– 1946)
Oskar Moll (1875– 1947)
Otto Mueller (1874– 1930)
Emil Nolde (1867– 1956)
Max Pechstein (1881– 1955)
Walter Püttner (1872– 1953)
Christian Rohlfs (1849– 1938)
Edwin Scharff (1887– 1955)
Kurt Schwitters (1887– 1948)
Renée Sintenis (1888– 1965)
Max Slevogt (1868– 1932)
Wilhelm Trübner (1851– 1917)
Josef Vinecky (1882– 1949)
Hans Völcker (1865– 1944)

Wer war Heinrich Kirchhoff?

Bildnis Heinrich Kirchhoff (1918) von Max Liebermann (1847 - 1935) Foto: Diether v. Goddenthow
Bildnis Heinrich Kirchhoff (1918) von Max Liebermann (1847 – 1935)
Foto: Diether v. Goddenthow

Heinrich Kirchhoff, am 10.Juli 1874 in Essen-Rüttenschied geboren, war zunächst in das gutgehende Bauunternehmen seines Vaters eingetreten, veräußerte es aber nach dessen Tod und übersiedelte 1908 als wohlhabender Privatier in die preußisch-kaiserlich geprägte Kur- und Bäderstadt Wiesbaden. Kirchhoff erwarb das große Grundstück Beethovenstrasse 10 am Wiesbadener Sonnenberg. Hierauf ließ er sich von dem Essener Architekt Paul Dietzsch nicht nur eine komfortable Villa errichten, sondern legte ein exotisches Gartenparadies an.

Wie der Gartenliebhaber jedoch auch zum Kunstliebhaber wurde, weiß man nicht genau; „Während man davon ausgehen kann, dass Kirchhoff – tatkräftig unterstützt von diversen Botanikern – von Beginn an vorhatte, einen exotischen Garten nach seinen Ideen anzulegen, weiß man bis heute nicht, ob es eine familiäre Vorbildung in Sachen Kunst und Kultur gegeben hatte, die er etwa bereits in seiner Jugend genossen und in Wiesbaden nur intensivierte, weil ihm hier als Rentier nun mehr Zeit dafür blieb. Vielmehr scheint es so, dass sein Interesse für die bildende Kunst erst hier vor Ort entfacht wurde – Aber wie kam es dazu?“ fragt Roman Zieglgänsberger.

Impressionen des einstigen Gartenparadies.
Impressionen des einstigen Gartenparadies.

Der Kustos  nimmt an, dass Kirchhoff in Wiesbaden auf Menschen der Kunstszene traf, die ihn begeisterten und diese zweite Leidenschaft in ihm weckten und verfestigten. Ereignisse wie der Skandal um die modernen Kurhaus-Gemälde des beim Kaiser 1907 in Ungnade gefallenen Künstlers Fritz Erler sowie das Gesamtkunstwerk Muschelsaal als auch die Verbindung „Kunst und Kultur“ bei der 1. Großen Kunst- und Gewerbeausstellung im Jahr 1909 sowie neue Parkanlagen mit kunstvollen Skulpturen könnten zudem in Kirchhoff den Drang provoziert haben, beides – die Gartenkunst und die bildenden Künste – kreativ und intelligent miteinander zu vereinen. Der Fall Fritz Erler habe ihn elektrisiert. Auf Erler hatte sich Kirchhoff zuerst „eingeschossen“. Er  hatte entgegen des wilhelminischen Zeitgeistes dem Künstler allein vier Werke abgekauft. Vielleicht war das Ereignis um den modernen Künstler Erler die  Initialzündung, gegen den spießig-kaiserlichen zeitgenössischen Kunst-Geschmack insgesamt aufzubegehren, einen neuen Blick für avantgardistische Kunstströmungen zu bekommen, und vielen  jungen Künstlern der Klassischen Moderne beizustehen, sie mit Ankäufen ihrer Werke,  mit Besorgung und Finanzierung von Wohnung und Ateliers auf Zeit, zu fördern? Mitunter schloss er mit seinen „Schützlingen“ Verträge, sicherte ihnen für zwei Jahre Förderung zu und behielt sich im Gegenzug ein Vorkaufsrecht der Werke vor, erläutert .Sibylle Discher.

Kirchhoff erkannte, dass das 1915 eröffnete neue Wiesbadener Museum bis dato eher über überschaubare Kunstbestände aus dem Legat Johann Isaak von Gernings verfügte, aber praktisch keinerlei Gegenwartskunst vorzuweisen hatte.  In diese von ihm erkannte Lücke stieß Kirchhoff vor, indem er  anbot, seine Werke dort als Dauerleihgaben zu präsentieren.  Bei dem progressiven Direktor des Wiesbadener Museums, Eberhard von Schenk zu Schweinsberg, welcher  Kirchhoff  bei Kunstkäufen  beraten und sich mit dem Sammler befreundet hatte, rannte er offene Türen ein. Die unentwegte Bestückung des Museums Wiesbaden mit Kirchhoffs wachsender Sammlung führte dazu, dass Wiesbaden in den  folgenden Jahren bis 1933 zu einem regelrechten Zentrum der Avantgarde wurde.
Kirchhoffs Vision sei es gewesen, „zwischen den beiden Weltkriegen in der bis dahin auch künstlerisch strikt kaisertreuen Kurstadt Wiesbaden ein weiteres Zentrum der Avantgarde neben Berlin zu schaffen.“ unterstreicht Dr. Alexander Klar. Dass ihm das gelungen sei, bezeuge sein – ebenfalls ausgestelltes und digital zugängliches – Gästebuch, so der Museumsdirektor. Dort ist – zum Teil mit Zeichnungen der Gäste – wunderbar belegt, dass  in der Villa  Kirchhoff das „Who is Who“ der damaligen Avantgarde ein- und ausging. Unter seinen Gästen waren nicht nur Kunstgelehrte und Sammler, sondern vor allem Maler wie Beckmann, Kandinsky, Klee, Nolde oder Rohlfs.

Kirchhoff war der erste deutsche Sammler, der seine privat erworbenen Kunstwerke von Anfang an völlig uneigennützig Museen nicht nur für Sonderausstellungen, sondern als Dauerleihgaben zur Verfügung stellte, weswegen er seine erworbenen Werke im Museum Wiesbaden öffentlich zeigte.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 musste Kirchhoffs Freund, der progressive Direktor des Wiesbadener Museums, Eberhard von Schenk zu Schweinsberg, seinen Hut nehmen. Kurz darauf stirbt Heinrich Kirchhoff im Alter von erst 60 Jahren 1934 an einem „Herzanfall“, wie es in der Anzeige heißt, was durchaus im Zusammenhang mit dem brutalen politischen Umschwung in Verbindung stehen könnte, mutmaßt Roman Zieglgänsberger.

Nach Kirchhoffs Tod muss die Familie die Bilder, die nicht mehr im Wiesbadener Museum hängen dürfen, zurücknehmen. Die Sammlung wird in alle Himmelsrichtungen veräußert, auch nach dem Krieg noch, quasi um zu überleben.
Und mit seiner Sammlung verschwand auch der Name Kirchhoff bis auf Weiteres aus der deutschen Kulturgeschichte, erläutert Alexander Klar, der Kirchhoff von seiner tatsächlichen Bedeutung her als dritten bedeutenden Kunstsammler seiner Generation aus dem Ruhrgebiet in eine Reihe mit Karl Ernst Osthaus und Eberhard von der Heydt stellt.

Die Ausstellung zeichnet die Genese der „Sammlung Kirchhoff“ über einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten von 1914 bis 1933 nach. Sie zeigt damit anhand der von Kirchhoff geschätzten Maler die Entwicklung der deutschen Kunst vom Impressionismus (Corinth, Liebermann, Slevogt) über den facettenreichen Expressionismus (Chagall, Kokoschka, Lehmbruck, Macke, Marc) bis zur Abstraktion (Kandinsky, Moholy-Nagy). Am Ende wird anhand präzise ausgewählter Werke aus der ehemaligen Sammlung Kirchhoff – aufwendig recherchiert und zusammengetragen aus nationalen und internationalen Museen und Privatsammlungen – klar, dass der vergessene „Garten Kirchhoff“ deutschlandweit eines der wichtigsten Sammelbecken der Avantgarde in den 1920er-Jahren war.

Rundgang durch die Ausstellung!

Der Begleitkatalog

katalog-coverZur Ausstellung erschienen ist der gleichnamige Begleit-Katalog:
Der Garten der Avantgarde
Heinrich Kirchhoff: Ein Sammler von Jawlensky, Klee, Nolde…
Roman Zieglgänsberger und Sibylle Discher (Hrsg.)
ca. 432 Seiten, 250 Abbildungen, 22 x 26,5 cm
Imhof Verlag, 2017
ISBN 978-3-7319-0584-4
Euro 35,- (Sonderpreis im Museumsshop)
Mit Beiträgen von Annette Baumann, Astrid Becker, Herbert Billensteiner, Sibylle Discher, Peter Forster, Franz Josef Hamm, Gerhard Leistner, Miriam Olivia Merz, Jutta Penndorf, Christiane Remm, Roman Zieglgänsberger

Museums Wiesbaden feiert nach der Vernissage „Vorne“ von Thomas Werner Sommerfest

Seit 2015 lädt das Museum Wiesbaden Künstler ein, Projekte und Arbeiten für die Ausstellungsräume auf der zweiten Ebene des Museums „maßzufertigen“. Die Räume sollen Einfluss auf das gegenwärtige Werk des eingeladenen Künstlers nehmen dürfen, die Arbeiten wiederum sollen im Hinblick auf die Räume entstehen.

Die Vernissage der Ausstellung „Vorne“ findet am 27. Juli 2017 um 19.00 Uhr statt. Anschließend sind  die Freunde des Museums und Besucher herzlich zum traditionellen Sommerfest eingeladen.

Zur Ausstellung:

In der Ausstellung im Museum Wiesbaden stellt Thomas Werner seinen großen Leinwänden Arbeiten in Tempera auf Wellkarton (sogenannte Maquetten) und Werke in Tempera auf Gips gegenüber. Die von Hand gegossenen Gipsplatten ergeben dabei ähnlich wie bei dem Wellkarton ein flaches Relief. Die beiden Bilduntergründe stehen im Moment im Zentrum seiner Arbeit. Sie können dabei als Modell oder Ausgangspunkt für die großen auf Jute gemalten Bilder dienen, oder sie bestehen als autonomes Bild. Diese kleinformatigen Arbeiten sind für ihn gleichberechtigter Teil der Ausstellung. Grundlage der Ausstellungsdramaturgie ist, sie nebeneinander zu zeigen und somit den Blick zu ermuntern, Nähe und Distanz zu den Bildern einzunehmen.

Dr. Alexander Klar:
„Thomas Werner ist Maler, was nach Old School klingen mag, aber eben genau das auch ist, mit höchstem Anspruch an sich selbst: Thomas Werner malt – nicht weil Malen als Konzeptkunst „eine gute Idee ist “, sondern weil man dazu malen können muss. Oder präziser: weil er malen können will, also einer Haltung folgt, die das Malen an sich als ein Konzept mit genügend Spielraum für die notwendige Vielschichtigkeit des Ergebnisses (also des Bildes) behandelt. Malerei ist sowohl Können als auch das Vergessen von Können. Malerei ist für Thomas Werner die Angemessenheit der Form, der Mittel, des Materials und des Inhalts. Wenn sie gelingt, entsteht Schönheit. Die Kultivierung einer der heutigen Malerei angemessenen Haltung zum eigenen Werk geht bei ihm Hand in Hand mit der Fähigkeit, einprägsame Bilder zu erschaffen. „Vorne“ heißt für ihn ganz emphatisch: Oberfläche, Taktilität, eine Bewegung nach vorn (körperlich und geistig), wie sie etwa durch die extremen Größenunterschiede der Formate in der Ausstellung beim Besucher provoziert werden soll. Natürlich klingt hier auch mit an, dass es nach dem Ende der Avantgarden das „Vorne“ nicht mehr gibt, mithin auch keine Definition, wer vorne respektive avant-garde wäre. In diesem Sinne ist Malerei zutiefst widersprüchlich und geprägt von Ambivalenz: Sie ist Kenntnis von Malerei, von Material, von Kunstgeschichte, von Theorie, von aktueller Malerei und zeitgenössischer Kunst. Und dennoch funktioniert. Malerei heute auch nur dann, wenn man dies alles beim Malen wieder vergessen kann.

Thomas Werner (li) und Museumsdirektor Dr. Alexander Klar während des Presserundgangs. Foto: Diether v. Goddenthow
Thomas Werner (li) und Museumsdirektor Dr. Alexander Klar während des Presserundgangs. Foto: Diether v. Goddenthow

Für die Ausstellung in Wiesbaden hat Thomas Werner vier „Bildmodi“, genauer vier Sorten Gemälde mit unterschiedlichen Bildträgern hergestellt: Großformatige Werke auf Jute, kleinere, von ihm als „Maquetten“ bezeichnete Arbeiten auf handelsüblichem, ungrundiertem Wellkarton und weitere kleine Arbeiten auf gegossenen und ungrundierten Gipsplatten sowie auf Papierrohstoff. Die eher dichte Oberfläche des Wellkartons wird über die Malerei aufgeschlossen. Der Papierrohstoff saugt zunächst viel Wasser, quillt auf und hat am Ende eine sehr offene, poröse Oberfläche. Der Gips saugt ebenfalls die Farbe auf, bis er nach ein paar Schichten gesättigt ist, sodass die Oberfläche im Laufe der Arbeit immer glatter wird. Bei den Gipsarbeiten besteht die malerische Herausforderung darin, die mehr oder weniger zufällige Oberflächenbeschaffenheit, die beim Gießen entsteht, mittels der Malerei zu kommentieren, zu konterkarieren und am Ende zu „fassen“. Das Material für die großen Bilder ist Jute, grundiert mit Streichmakulatur und Kreidegrund, die verwendete Farbsorte (für alle Bildträger) ist Leimtempera, eine Emulsion aus Zellleim und Leinölfirnis, vermengt mit in Terpentin gelöstem Dammarharz und etwas Kunstharzbinder. Die hauptsächlich verwendeten Erdfarben-Pigmente sind: Siena natur und gebrannt, Umbra natur und gebrannt in vier verschiedenen Tönen, Französischer Ocker (Sofodor), Französischer Ocker gebrannt (Soforouge), Pompejanischrot, Eisenoxidgelb und -rot, Englischrot und für die ganz dunklen Partien Kasslerbraun. Die anderen Farben, die hauptsächlich zum Einsatz kommen sind: Kadmiumgelb, -orange, -rot, -grün, Kobaltblau, Ultramarinblau, Preußischblau (ein sehr dunkles, tiefes Blau), für Lasuren manchmal Manganblau und schließlich Krapplack als leuchtende rote Lasur.
Diese präzise Auflistung der Malmaterialien geschieht, um dem geneigten Betrachter auch die Arbeit am Bild vor Augen zu führen. Gemäß der Erkenntnis, dass Malerei sich in der permanenten Krise befindet und nur sie selbst sich immer wieder aus dieser Krise herausmalen kann, ermuntern Thomas Werners Bilder ihre Betrachter, Nähe wie auch Distanz zu ihnen einzunehmen und in Kenntnis des Malprozesses das Werk des Künstlers durch aufmerksame Betrachtung zu vollenden.“

(Text: Museum Wiesbaden/ Dr. Alexander Klar)

Ort:
Museum Wiesbaden Hessisches Landesmuseum für Kunst und Natur
Friedrich-Ebert-Allee 2,
65185 Wiesbaden
Fon 0611 ⁄ 335 2250, Fax 0611 ⁄ 335 2192
www.museum-wiesbaden.de
museum@museum-wiesbaden.de
Öffnungszeiten Mo geschlossen Di, Do 10:00—20:00 Uhr Mi, Fr—So 10:00—17:00 Uhr An Feiertagen 10:00—17:00 Uhr geöffnet

„Pilze – Nahrung, Gift und Mythen“, sensationelle Naturkunde-Ausstellung ab 11. Juni 2017 im Museum Wiesbaden!

Austellungs-Impression "Pilze, Nahrung, Gift und Mythen", vom 11. Juni 2017 bis 5. August 2018 im Hessischen Landesmuseum Wiesbaden. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Austellungs-Impression „Pilze, Nahrung, Gift und Mythen“, vom 11. Juni 2017 bis 5. August 2018 im Hessischen Landesmuseum Wiesbaden. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Selbst wer  Pilze – außer in der Pfanne –  so gar nicht sexy findet, wird vielleicht allein aus künstlerischer Perspektive über die unendliche Farben- und Formen-Vielfalt  dieser äußerst nützlichen Spezies fasziniert sein, die das Hessische Landesmuseum Wiesbaden ab sofort in seiner exorbitanten Ausstellung „Pilze, Nahrung, Gift und Mythen“ auf 1.100 Quadratmetern bis zum 5. August 2018 zeigt. Pilze sind weder Pflanze noch Tier, sondern bilden in der Biologie die eigene Kategorie eukaryotischer Lebewesen, wobei sie näher an den Tieren als den Pflanzen dran sind.

Austellungs-Impression "Pilze, Nahrung, Gift und Mythen", vom 11. Juni 2017 bis 5. August 2018 im Hessischen Landesmuseum Wiesbaden. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Austellungs-Impression „Pilze, Nahrung, Gift und Mythen“, vom 11. Juni 2017 bis 5. August 2018 im Hessischen Landesmuseum Wiesbaden. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Die Ausstellung bietet – unübertrieben – Superlative in vielerlei Hinsicht, nämlich einen wissenschaftlich fundierten, verständlich und wunderbar präsentierten fast vollständigen Überblick der komplexen Pilz-Welten von von 20 Mikrometer großen – per 3D vermessenen und in Fußballgröße ausgedruckten  – Pilz-Sporen bis hin zu 5 Meter hohen Großpilz-Skulpturen.  Dabei bilden den Kern der Ausstellung die über 1.300 detailgetreuen Pilzpräparate von Klaus und Liselotte Wechsler. Klaus Wechsler ist einer der renommiertesten Präparatoren Deutschlands. Er musste erst die entsprechenden Verfahren entwickeln, um  die leicht verderblichen, zu 99 Prozent aus Wasser bestehenden  Pilze  überhaupt abformen zu können.  Auch über diese Technik der Präparation informiert die Ausstellung faktenreich.  Wechslers exzellente Modelle zeigen sogar die pilztypische feine Behaarung. Mitunter arbeitete Wechsler 10 Jahre lang an einzelnen Modellen, bis sie entsprechend aufgebaut waren.

Der renommierte Präparator Klaus Wechsler und mit Dr. Hannes Lerp gemeinsamer Ausstellungs-Kurator präsentiert in der Ausstellung "Plize. Nahrung, Gift und Mythen" seine Techniken der komplizierten Pilz-Präparation. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Der renommierte Präparator Klaus Wechsler und mit Dr. Hannes Lerp gemeinsamer Ausstellungs-Kurator präsentiert in der Ausstellung „Plize. Nahrung, Gift und Mythen“ seine Techniken der komplizierten Pilz-Präparation. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Die zahlreichen und vielfältigen Exponate können erstmals in eigens für Sonderausstellungen entworfenen Vitrinen in Augenschein genommen werden. Dank großzügiger Unterstützung der Alfred Weigle Stiftung Wiesbaden ist es möglich geworden, die hundertjährigen Vitrinen der Dauerausstellung passend zu ergänzen.

Warum widmet das Museum Wiesbaden eine solch umfängliche Ausstellung dem Thema Pilze?
Pilze sind überall in der Welt präsent und faszinieren den Menschen seit jeher. Pilze können weder den Tieren noch den Pflanzen zugeordnet werden und bilden somit ein eigenes Reich. Sie bestehen aus Ansammlungen winziger, einzelner Zellen (Hefe) oder wachsen als Zellfäden (Hyphen). Solche Hyphen bilden Pilzgeflechte (Mycelien), die Böden und Holz durchwachsen und große Flächen besiedeln können. Wenn ein Myzel kräftig herangewachsen ist, verlagern Pilze ihre Nährstoffe und Wasser in Fruchtkörper, die Sporen für die Ausbreitung und Vermehrung des Pilzes freisetzen. Der Fruchtkörper ist also nur ein Teil des eigentlichen Pilzorganismus.

Fliegenpilzabgüsse von Klaus Wechsler. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Fliegenpilzabgüsse von Klaus Wechsler. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Die meisten Pilze zersetzen abgestorbene Pflanzen und tote Tiere, wodurch sie darin gebundene Nährstoffe freisetzen und so einen unverzichtbaren Beitrag zu den Stoffkreisläufen in der Natur leisten.
Andere Pilze tragen wesentlich zum Wachstum der Pflanzen bei, und zwar im Bereich der Wurzeln als Teil einer sogenannten Mykorrhiza. Flechten sind enge Lebensgemeinschaften von Pilzen mit Algen und/oder Bakterien, die das Sonnenlicht zur Gewinnung ihrer Lebensenergie nutzen. Auch manche Tiere nutzen Pilze als Partner, insbesondere für die Erschließung von Nährstoffen. Eine große Vielfalt von Pilzen mit unterschiedlichen Eigenschaften lebt in sämtlichen Ökosystemen und trägt zum ökologischen Gleichgewicht in Wäldern, Graslandschaften, Mooren und Dünen bei.

Nicht nur der Natur, sondern auch dem Menschen nutzen Pilze auf vielfältige Art und Weise. Die Fruchtkörper mancher Pilze lassen sich zu köstlichen Gerichten verarbeiten und der Einsatz von Hefen zur Herstellung von Wein, Bier und Backwaren gehört zu unserem Alltag. Pilze sind aus der Biotechnologie nicht mehr wegzudenken, und die Entdeckung des Antibiotikums Penicillin hat die moderne Medizin revolutioniert. Hierzu konnten exzellente Exponate für die Ausstellung gewonnen werden, die die Besucher in Erstaunen versetzen werden.

Austellungs-Impression "Pilze, Nahrung, Gift und Mythen", vom 11. Juni 2017 bis 5. August 2018 im Hessischen Landesmuseum Wiesbaden. Im Vordergrund ist das übergroße Modell einer Stinkmorchel zu sehen, an der Wand die wunderbaren, hochvergrößerten Pilz-Aquarelle von Erhard Ludwig (Berlin) Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Austellungs-Impression „Pilze, Nahrung, Gift und Mythen“, vom 11. Juni 2017 bis 5. August 2018 im Hessischen Landesmuseum Wiesbaden. Im Vordergrund ist das übergroße Modell einer Stinkmorchel zu sehen, an der Wand die wunderbaren, hochvergrößerten Pilz-Aquarelle von Erhard Ludwig (Berlin) Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Pilze können jedoch auch schädlich für den Menschen sein, zum Beispiel als Schimmelpilze auf Lebensmitteln oder Pilzinfektionen an Haut und Schleimhäuten. Viele Pilze befallen als Parasiten Nutzpflanzen oder Ernteprodukte und können dadurch Erträge erheblich dezimieren.
Im kulturellen Kontext spielen Pilze als Glücksbringer (Fliegenpilz) oder Hexenwerk eine Rolle, wenn ihre Fruchtkörper über Nacht in perfekten Kreisen (Hexenringen) erscheinen, bei Berührung ihre Farbe verändern oder einen ekligen Geruch verbreiten. In manchen Kulturen werden halluzinogene Pilze im Rahmen religiöser Zeremonien genutzt und helfen Schamanen, im Rauschzustand den Göttern näher zu kommen. Zu diesen halluzinogenen Pilzen wurden die größten in der Ausstellung dargestellten Modelle gezeigt, die eine Höhe von bis zu 5,50 Metern erreichen.

An verblüffend echt wirkenden Wachspräparaten (Moulagen) werden diverse Plizhautkrankheiten gezeigt. Die Moulagen stammen aus der 122Moulagen umfassenden Sammlung des Universitätsklinikums Frankfurt. Bereits in früheren Zeiten wurden insbesondere in Skandinavien neben Pflanzen auch Pilze und Flechten zum Färben verwendet. Mit unterschiedlichen Pilzarten lässt sich ein breites Spektrum an Farben erzeugen, ein Wissen, welches oftmals verloren ging und heutzutage neu erlangt wird. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
An verblüffend echt wirkenden Wachspräparaten (Moulagen) werden diverse Plizhautkrankheiten gezeigt. Die Moulagen stammen aus der 122Moulagen umfassenden Sammlung des Universitätsklinikums Frankfurt. Bereits in früheren Zeiten wurden insbesondere in Skandinavien neben Pflanzen auch Pilze und Flechten zum Färben verwendet. Mit unterschiedlichen Pilzarten lässt sich ein breites Spektrum an Farben erzeugen, ein Wissen, welches oftmals verloren ging und heutzutage neu erlangt wird. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Trotz ihrer großen Bedeutung für Mensch und Natur sind auch heute noch viele Fragen zu Pilzen nicht geklärt. Deshalb bietet die Mykologie (Pilzwissenschaft) an Universitäten und Forschungsinstituten ein großes Potential für zukunftsweisende Forschung. Dieser Bereich bekommt in der Ausstellung seinen angemessenen Platz. Neben Untersuchungen in der Neuen Welt stellt der Forschungsbereich von Frau Prof. Dr. Piepenbring von der Goethe-Universität Frankfurt am Main sehr interessante Ergebnisse aus unserer Region vor. So hat ein Team der Frankfurter Universität vor unserer Haustür bei Wiesbaden-Naurod auf einer Strecke von nur 500 Metern über 1.000 Pilzarten nachweisen können. Aber auch pilzkundliche Gesellschaften und Vereine, die Wissen zur Artenvielfalt und Lebensweise von Pilzen erhalten und an zukünftige Generationen weitergeben, finden Berücksichtigung.

Gezeigt werden auch Replikate der Ausrüstung des berühmten Ötzi. In seiner Ledertasche fanden sich Reste von Zunderschwamm - einem Baumpilz zum Feuermachen. Daneben trug Ötzi zwei Stücke Birkenporling mit sich, vermutlich um seine akuten Magenbeschwerden zu behandeln. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Gezeigt werden auch Replikate der Ausrüstung des berühmten Ötzi. In seiner Ledertasche fanden sich Reste von Zunderschwamm – einem Baumpilz zum Feuermachen. Daneben trug Ötzi zwei Stücke Birkenporling mit sich, vermutlich um seine akuten Magenbeschwerden zu behandeln. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

In der Antike waren viele Menschen davon überzeugt, dass Pilze das Ergebnis von Fäulnis und somit keine Lebewesen sind. Bis ins 19. Jahrhundert machte man auch Hexen oder Donner für ihr Auftauchen verantwortlich. Daher stammen auch die deutschen Namen einiger Pilzarten, z.B. Hexenbutter (Exidia nigricans) oder Donnertäubling (Russula sp.). Erst 1861 wies Louis Pasteur durch Versuche nach, dass sich Lebewesen aus „Keimen“ entwickeln und Pilze diesbezüglich keine Ausnahme darstellen. Ihre teils lustigen deutschen Namen haben die Pilze behalten, sodass diesen in der Ausstellung auch Platz eingeräumt wird.

Im Laufe der Evolution haben sich Pilze vor etwa 1,5 Milliarden Jahren aus wasserbewohnenden pilzähnlichen Einzellern entwickelt und den Schritt an Land wahrscheinlich vor etwa 600 Millionen Jahren gewagt. Dies geschah zu einer Zeit, in der es noch keine Landpflanzen gab. Die Pflanzen, die zunächst in Form von lebermoos-ähnlichen Organismen aus dem Wasser ans Land kamen, benötigten Unterstützung bei der Wasseraufnahme. Diese Rolle erfüllten die bereits an Land lebenden Pilze, die mit ihren Hyphen leicht Feuchtigkeit aufnehmen konnten. Als Gegenleistung profitierten die Pilze von den pflanzlichen Nährstoffen.

Bereits in früheren Zeiten wurden insbesondere in Skandinavien neben Pflanzen auch Pilze und Flechten zum Färben verwendet. Mit unterschiedlichen Pilzarten lässt sich ein breites Spektrum an Farben erzeugen, ein Wissen, welches oftmals verloren ging und heutzutage neu erlangt wird. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Bereits in früheren Zeiten wurden insbesondere in Skandinavien neben Pflanzen auch Pilze und Flechten zum Färben verwendet. Mit unterschiedlichen Pilzarten lässt sich ein breites Spektrum an Farben erzeugen, ein Wissen, welches oftmals verloren ging und heutzutage neu erlangt wird. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Diese Form der Kooperation und des Zusammenlebens (Mykorrhiza) ist bereits sehr alt und ermöglichte den ersten Landpflanzen das Leben in ihrem neuen, schwierigen Lebensraum. Aus dem Devon (vor etwa 400 Millionen Jahren) gibt es Fossilien solcher Mykorrhiza-Symbiosen, aber auch einer Vielzahl anderer Pilzgruppen, wie parasitischer Schlauchpilze (Ascomycota). Erste Ständerpilze (Basidiomycota) sind in Schichten aus dem Karbon (vor etwa 300 Millionen Jahren) gefunden worden.
Pilze ernähren sich wie Tiere von organischen Substanzen, die durch andere Organismen zur Verfügung stehen. Der eigentliche Pilzorganismus, das Myzel, ist ein Geflecht aus mikroskopisch feinen Pilzfäden, die Enzyme ausscheiden und dadurch eine Vielzahl von organischen Substanzen aus der direkten Umgebung herauslösen können. Viele Pilzarten ernähren sich von totem organischem Material, insbesondere von abgestorbenen Pflanzenteilen. Als sogenannte Saprobionten sind sie bedeutende Recycler und wichtig für den Kohlenstoffkreislauf in der Natur, denn viele andere Lebewesen können Substrate wie Holz nicht verwerten.

Symbiosen zwischen Pilzen und anderen Lebewesen.

Große Bedeutung haben auch Symbiosen zwischen Pilzen und anderen Lebewesen. Innige Verbindungen zwischen Pflanzenwurzeln und Pilzen (Mykorrhizen) bringen beiden Partnern einen Vorteil: Der Pilz liefert der Pflanze Wasser und Nährsalze, während die Pflanze den Pilz mit Zucker versorgt. Besucher der Ausstellung haben die Gelegenheit, die Mykorrhiza an einem anschaulichen Modell zu erforschen. Zudem erhielt das Museum als Leihgabe eine beeindruckende Flechtensammlung. Flechten sind Symbiosen, in denen ein Pilz mit einer Alge zusammenlebt. Andere Pilzarten sind Parasiten an Pflanzen, Tieren oder anderen Pilzen. Sie entziehen ihren lebenden Wirten wichtige Nährstoffe, wobei sie ihre Wirte beschädigen oder sogar zum Absterben bringen. Auch hierzu zeigt die Ausstellung massive Holzpilze, die konsolenförmig an unseren Bäumen in Wald und Feld wachsen können.

Pilz-Sporen

3D-Rekonstruktionen von Pilzsporen entstanden mit Hilfe eines Rasterelektronenmikroskops (REM) und eines 3D-Druckers. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
3D-Rekonstruktionen von Pilzsporen entstanden mit Hilfe eines Rasterelektronenmikroskops (REM) und eines 3D-Druckers. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Sporen sind die Ausbreitungseinheiten von Pilzen und können eine erstaunliche Vielfalt an Formen und Farben annehmen: rosa und eckig, braun und stachelig oder grün und kugelrund. Aber warum? Eine wichtige Rolle spielen die verschiedenen Ausbreitungsstrategien. Die Sporen Wasser bewohnender Pilze
tragen oft lange grazile Anhängsel, welche das Absinken verzögern und eine Anhaftung ermöglichen. Andere Sporen lagern sich in schleimigen Massen zusammen, um an Tieren haften zu bleiben. Eigens für die Ausstellung wurde federführend von Klaus Wechsler ein 3D-Verfahren zur plastischen, vergrößerten Darstellung von mikrometergroßen Pilzsporen angewendet – das Ergebnis ist nicht nur eine technische Sensation.

Ökologie – Pilze im Wechselwirkungsprozess mit ihrer Umwelt

Wenn verschiedene Pilze zusammentreffen, etwa wie hier gezeigt in einem Baumstamm, kann es zu regelrechten Kriegen mit Grenzziehungen, sogenannten Demarkationslinien, im Holz kommen. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow
Wenn verschiedene Pilze zusammentreffen, etwa wie hier gezeigt in einem Baumstamm, kann es zu regelrechten Kriegen mit Grenzziehungen, sogenannten Demarkationslinien, im Holz kommen. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Das Thema Ökologie darf natürlich in einer solch umfangreichen Präsentation nicht fehlen, versteht man darunter doch die Gesamtheit der Wechselbeziehungen zwischen Lebewesen und ihrer Umwelt. Betrachtet man einzelne Pilzarten, kann man verschiedene Abhängigkeiten von unbelebten Umweltfaktoren wie Wasserverfügbarkeit, pH-Wert und Beschaffenheit des Bodens oder Temperatur feststellen. Während manche Pilzarten ein breites ökologisches Spektrum aufweisen, sind andere Pilzarten hoch spezialisiert und benötigen zum Überleben bestimmte Umweltbedingungen. Moor bewohnende Pilze sind beispielsweise häufig auf sehr feuchte, saure und nährstoffarme Böden angewiesen. In Dünen lebende Pilze sind hingegen an trockene Standorte angepasst. In der Darstellung spezieller Lebensräume lässt sich vom Auwald, den Mooren, Misch- und Laubwald über den Nadelwald bis zum Magerrasen die Artenvielfalt von Pilzen und deren Ökologie erkunden.

Die Ausstellung wird in vier Sälen gezeigt. Sie ist derart paradigmatisch, dass sie  eine einzigartige Gelegenheit bietet, sich in zwei, drei Stunden ein Wissen anzueignen, wozu  man normalerweise ein ganzes Studium benötigte.

Ort:
Museum Wiesbaden
Hessisches Landesmuseum
für Kunst und Natur
Friedrich-Ebert-Allee 2, 65185 Wiesbaden
Fon 0611 ⁄335 2250, Fax 0611 ⁄335 2192
www.museum-wiesbaden.de
museum@museum-wiesbaden.de

Führungen und Veranstaltungen zur Ausstellung

Führungstermine
Donnerstags um 18:00 Uhr und sonntags um 11:00 Uhr laden wir Sie zu öffentlichen Führungen durch die Naturhistorischen Sammlungen und die Sonderausstellung Pilze – Nahrung, Gift und Mythen ein.
Die aktuellen Themen finden Sie im Veranstaltungskalender der Interseite.

Vorträge
Di 13 Jun 2017, 18:00 Uhr
Pilze in den Tropen und vor der Haustür
Mit Prof. Dr. Meike Piepenbring, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt

Di 27 Jun 2017, 19:00 Uhr
Die Bedeutung der Artenvielfalt für den Menschen unter besonderer
Berücksichtigung der Pilze
Mit Prof. Dr. Marco Thines, Senckenberg Biodiversität und Klima
Forschungszentrum Frankfurt, Präsident der Deutschen Gesellschaft für
Mykologie.

Di 12 Sep 2017, 18:00 Uhr
Auf der Suche nach neuen Pilzwirkstoffen
Mit Prof. Dr. Marc Stadler, Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung,
Braunschweig,

Di 14 Nov 2017, 18:00 Uhr
Flechten – Vielfalt am Rande des Existenzminimums
Mit Dr. Christian Printzen, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum
Frankfurt.

Di 12 Dez 2017, 18:00 Uhr
Pilze und ihre Bedeutung für die Entwicklungsgeschichte der Menschheit
Mit Prof. Dr. Eckhard Thines, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Di 8 Mai 2018, 18:00 Uhr
Symbiose im Untergrund – Das erfolgreiche Zusammenleben von Pilzen und
Pflanzen
Mit Prof. Dr. Gerhard Kost, Philipps-Universität Marburg

Di 12 Jun 2018, 18:00 Uhr
Giftpilze und Pilzgifte
Mit Hermine Lotz-Winter, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt

Aktionen am freien Samstag

4 Nov 2017 10:00 – 14:00 Uhr
Kinderprogramm Pilze

2 Dez 2017 10:00 – 14:00 Uhr
Färben mit Pilzen
Mit Textilgestalterin im Handwerk und Pilzsachverständige Karin Tegeler, Mansfeld

3 Mär 2018 10:00 – 14:00 Uhr
Die Welt der Flechten – Wissenswertes und Bestimmung
Mit Biologe Ingmar Stelzig, Trebur

3 Feb 2018 10:00 – 14:00 Uhr
Pilze für Kinder – Wir entdecken eine neue Welt
Mit Pilzsachverständige und Biologin Dr. Rita Lüder, Neustadt

Angebote für Schul- und Kindergartengruppen

Die Ausstellung bietet über die Präsentation verschiedener Pilzthemen hinaus eine ganze Reihe Hands-on-Materialien an. Wie sehen die Lamellen aus?
Woran erkenne ich eine Flechte? Welche Bedeutung haben Pilze für den Wald?
Diese und weitere Fragen können an verschiedenen Mikroskopstationen erforscht werden. Außerdem öffnet sich ein dreidimensionaler Blick in den Wald. Hutformen und Farben lassen sich puzzeln. Wie ein richtiger Forscher kann man seine Ergebnisse auf Zeichenbrettern festhalten. In der Ausstellung liegt ein Quiz für die Besucher bereit.

Führung
Dauer: 45 Minuten (1 Schulstunde)
Kosten für Schul- und Kindergartengruppen:
45,— Euro zzgl. 2,— Euro Eintritt ⁄ Kind, 2 Betreuer freier Eintritt
Kosten für Privatgruppen: 70,— Euro zzgl. Eintritt.

1) Einführung in das Reich der Pilze (Grundschule bis Sekundarstufe II)
Was sind Pilze und welche Rolle spielen sie in unserem Leben?

2) Ohne Pilze kein Wald (Sekundarstufe I und II)
Welche Bedeutung haben Pilze für das Leben im Wald?

3) Ökologie der Pilze (Sekundarstufe I und II)
Welche Funktion haben Pilze in den Stoffkreisläufen verschiedener
Ökosysteme?

4) Pilze – Pflanze oder Tier oder was? (Grundschule bis Sekundarstufe II)
Was unterscheidet Pilze von den anderen Reichen des Lebens? Und wo liegen die Gemeinsamkeiten?

5) Oha – ein Fliegenpilz! (für Kinder ab Vorschulalter)

Erweiterte Führung
Dauer: 90 Minuten (2 Schulstunden)
Kosten für Schul- und Kindergartengruppen:
75,— Euro zzgl. 2,— Euro Eintritt ⁄ Kind, 2 Betreuer freier Eintritt

1) Pilze beobachten, zeichnen und beschriften
(Kombinierbar mit allen Führungsthemen)

2) Lasst Pilze wachsen – Pilzformen aus Papiertüten herstellen
(Kombinierbar mit allen Führungsthemen)

Führung mit Workshop
Dauer: 135 Minuten (3 Schulstunden)
Kosten für Schul- und Kindergartengruppen:
90,— Euro zzgl. 2,— Euro Eintritt ⁄ Kind, 2 Betreuer freier Eintritt

1) Drucken mit Pilzen (Kita bis Sekundarstufe I)
Statt Kartoffeln werden hier Pilze zu Druckstöcken.

2) Pilzschmuck für dich und mich (Kita bis Sekundarstufe I)
Hier darfst du dein eigenes Schmuckstück aus einer Scheibe des
Birkenporlings herstellen.

3) Kugelförmig, kegelig oder flach? (Grundschule bis Sekundarstufe I)
Modelliere Deine eigenen Pilzformen in Ton.

4) Mikroskopieren (Sekundarstufe I und II)
Im Forschungsraum können die Teilnehmer selbständig Pilzpräparate an Mikroskopen studieren und zeichnen.

Exkursionen für Schulklassen, Kitas und Gruppen in Wald und Flur
Gern vermitteln wie Ihnen Ansprechpartner für Exkursionen.
Buchung und Beratung für Schulgruppen unter 0611 / 335 2185 oder bildungundvermittlung@museum-wiesbaden.de

Buchung für Privatgruppen unter 0611 / 335 2240 oder fuehrungen@museumwiesbaden.de

Museum Wiesbaden
Hessisches Landesmuseum
für Kunst und Natur
Friedrich-Ebert-Allee 2, 65185 Wiesbaden
Fon 0611 ⁄335 2250, Fax 0611 ⁄335 2192
www.museum-wiesbaden.de
museum@museum-wiesbaden.de

Öffnungszeiten
Mo geschlossen
Di, Do 10:00—20:00 Uhr
Mi, Fr—So 10:00—17:00 Uhr
An Feiertagen 10:00—17:00 Uhr geöffnet.

Eintritt
Sonderausstellung* 10,— Euro (7,— Euro)
* Eintritt in die Sonderausstellungen beinhaltet den Besuch der Sammlungen.
Familienangebot: Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre in Begleitung ihrer Eltern freier Eintritt. Weitere Ermäßigungen und Tarife für Gruppen unter www.museum-wiesbaden.de ⁄preise

Verkehrsanbindung
PKW und Reisebusse: A 66, Abfahrt Wiesbaden-Erbenheim, Richtung Stadtmitte, Parkhaus Rheinstraße
Bahn: Zum Hbf Wiesbaden mit DB und S1, S8 und S9 aus Richtung Frankfurt und Mainz. Vom Hbf 10 min Fußweg zum Museum
Linienbusse: Rheinstraße und Wilhelmstraße

Service
Schwellenfreier Zugang: Aufgrund von Baumaßnahmen verlegt. Bitte folgen Sie der Beschilderung am Haupteingang.
Museumsshop: Fon 0611 ⁄ 335 2251

Die Internationalen Tage Ingelheim mit „Emil Nolde. Die Grotesken“ zu Gast im Museum Wiesbaden vom 30. April bis 9.Juli 2017

Emil Nolde 1867 -  1956. Bergpostkarte: "Die drei Mürtschen: Der Böse, der Faule und der Rauhe, 1985. Mischtechnik, Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Diether v. Goddenthow
Emil Nolde 1867 – 1956. Bergpostkarte: „Die drei Mürtschen: Der Böse, der Faule und der Rauhe, 1985. Mischtechnik, Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Diether v. Goddenthow

„Die Kunst kommt vom Menschen und ist für den Menschen gemacht – nicht für die Experten. Ihre Formen bilden sich aus der lebendigen Liebe zum Leben. Sie verbindet die Menschen und gibt ein positives Lebensgefuhl. Die Kunst ist der Spiegel Gottes – der die Menschheit ist.“ Emil Nolde

 

Dem widrigen Umstand,  dass sich die Sanierung des alten Ingelheimer Rathauses unvorhergesehener Weise verzögerte und als Ausstellungsfläche für die Internationalen Tage Ingelheims nicht bereitstand, verdankt das Museum Wiesbaden die Chance,  Emil Noldes Werk  „Die Grotesken“  präsentieren zu können.

i.t.iDie Internationalen Tage Ingelheim sind ein Kulturengagement von Boehringer Ingelheim seit 1959, die jährlich zwischen Mai und Juli stattfinden, in diesem Jahr zum ersten Mal,  der Raumnot gehorchend, außerhalb. Dr. Alexander Klar erinnert sich beim Pressegespräch:  „Binnen 6 Stunden hatten wir, nachdem die Anfrage hier bei uns eingetroffen war,  die Ausstellung zugesagt“.  Für das Museum Wiesbaden, welches sich explizit dem Expressionismus widmet, war es eine große Chance, auf diese Weise zum zweiten Mal einen Vertreter aus der expressionistischen Künstlergruppe „Die Brücke“ ausstellen zu können.

Zudem dürfte es nun für Besucher der Dokumenta 14 in Kassel noch verlockender werden,  einen Abstecher nach Wiesbaden einzuplanen. Zusammen mit der gegenwärtigen Sonderausstellung „Richard Serra. Props, Films, Early Works“, die noch bis zum 18. Juni 2017 gezeigt wird, kann nun das Hessische Landesmuseum für Kunst und Natur Wiesbaden mit zwei absoluten internationalen Highlights aufwarten.

Die Grotesken

Worum geht es? Wer hofft, in dieser Ausstellung einen Emil Nolde der farbigen Blumengärten, aufgeregten Meereslandschaften,  dramatischen Wolkenformationen oder der intensiven Eindrücke seiner berühmten Reise in die Südsee zu sehen, sucht in dieser Ausstellung vergeblich. Es wird viel spannender: Erstmals wird ein weitgehend unbekannter Emil-Nolde gezeigt, darunter 15 noch nie in einer Ausstellung gezeigte Werke. Es ist eine wesentliche, wenn auch wenig bekannte Facette Noldes umfangreichen Werkes.

Emil Nolde 1867 - 1956 Ohne Titel (Groteskes Tier in Hundegestalt. Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Diether v. Goddenthow
Emil Nolde 1867 – 1956 Ohne Titel (Groteskes Tier in Hundegestalt. Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Diether v. Goddenthow

Dass das „Grosteke“erst jetzt mit dieser Ausstellung  einer breiten Öffentlichkeit gezeigt werden kann,  erstaunt. Denn in Noldes vierbändiger Autobiografie und in seinen Briefen finden sich vielfältige Hinweise und Erläuterungen, die deutlich machen, dass sein künstlerisches Werk entscheidend durch sein subjektives Verhältnis zum Fantastischen und Grotesken beeinflusst und geprägt ist. Wer  tiefer in dieses „groteske“ Nolde-Welt einsteigt, wird  einen  „neuen“ Nolde entdecken können, der  vielleicht mehr als bisher, tiefe Einblicke in sein Seelenleben gibt. Zahlreiche Aquarelle erinnern ein wenig an  Klecksography und  den einstmals zur Diagnostik seelischer Gesundheit verwendeten Rorschach-Test. So gesehen hat der Betrachter durchaus die Chance, selbstreflektorisch auch etwas über die eigenen Befindlichkeiten und „seine Dämonen“ zu erfahren.  Noldes undefinierbare Wesenheiten, Kobolde und seltsamen Gestalten verbindet vielleicht  die archetypische Symbolik menschlicher ( Ur-)Existenzängste, die den Betrachter besonders in seinen Bann  ziehen.  „Die Urmenschen leben in ihrer Natur, sind eins mit ihr und ein Teil vom ganzen All. Ich habe zuweilen das Gefühl, als ob nur sie noch wirkliche Menschen sind, wir aber etwas wie verbildete Gliederpuppen, künstlich und voll Dünkel. Ich male und zeichne und suche einiges vom Urwesen festzuhalten.“ (1914) Emil Nolde

Hallig Hooge, 1919 – Flucht ins Alleinsein

Emil Nolde 1867 -1956 Tolles Weib, 1919. Exemplarisch für Noldes Adaption einiger seiner in Hallig Hooge entstandenen Aquarell-Motiven auf Leinwand in Ölfarbe, steht das  unbetiteltes Aquarell „Die Tänzerin“. Es diente zur Vorlage des Motivs: „Tolles Weib“, 1919. Sie, die mit einem nach oben gereckten Bein auf allen vieren kniet, umspielt ein gewisser Hauch wilder Rohheit, aber noch nicht entfesselt, was sich auch in der bräunlichen Farbgebung ausdrückt. Erst im Gemälde Tolles Weib hat Noldes Figur alle Zurückhaltung abgelegt. Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Diether v. Goddenthow
Emil Nolde 1867 -1956 Tolles Weib, 1919. Exemplarisch für Noldes Adaption einiger seiner in Hallig Hooge entstandenen Aquarell-Motive auf Leinwand in Ölfarbe, steht das unbetiteltes Aquarell „Die Tänzerin“. Es diente zur Vorlage des Motivs: „Tolles Weib“, 1919. Sie, die mit einem nach oben gereckten Bein auf allen vieren kniet, umspielt ein gewisser Hauch wilder Rohheit, aber noch nicht entfesselt, was sich auch in der bräunlichen Farbgebung ausdrückt. Erst im Gemälde Tolles Weib hat Noldes Figur alle Zurückhaltung abgelegt. Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Diether v. Goddenthow

Nolde entfloh immer wieder über längere Phasen „seiner“ hektischen äußeren Welt. Er suchte Ruhe, das Alleinsein, die totale Abgeschiedenheit. Beispielsweise fuhr Nolde im Frühjahr 1919 allein auf die Hallig Hooge vor der Küste Nordfriesland. Hier entstanden in ungefähr sechs Wochen unter anderem 71 Aquarelle von seinen Visionen mit besonderer Ausdruckskraft. Die Reise wurde Nolde wertvoll. Sie hatte wohl heilsame Wirkung und sollte ihn, zumindest in seinen dort geschaffenen Werken sein ganzes weiteres Leben begleiten. Nolde trennte sich zu Lebzeiten niemals von diesen auf Hallig Hooge entstandenen ungewöhnlichen  Figuren. Sieben dieser Aquarelle dienten ihm noch im selben Jahr als Vorlagen großformatiger Gemälde.

Caroline Dieterich, Mitautorin des Katalogs zur Ausstellung "Emil Nolde - Die Grotesken", 2017. Sie steuerte den Beitrag über Noldes Hallig Hooger Zeit bei.Foto: Diether v. Goddenthow
Caroline Dieterich, Mitautorin des Katalogs zur Ausstellung „Emil Nolde – Die Grotesken“, 2017. Sie steuerte den Beitrag über Noldes Hallig Hooger Zeit bei.Foto: Diether v. Goddenthow

Nolde liebte diese Halligen,  diesen atemberaubenden Wechsel von Ebbe und Flut und das Wattenmeer. Er war überzeugt: „Weitferne Vereinsamung kann reichstes Leben enthalten, rauschende Vielfältigkeit zerstreut alle geistige Sammlung“.

Caroline Dietrich hat „Emil Noldes Reise zur Hallig Hooge“ im sehr gelungenen Katalog zur Ausstellung beschrieben.

Utenwarf 1918

Dr. Ulrich Luckhardt, Kurator u. Leiter des Internationalen Tage, hier mit Emil Noldes Werk "Die Maske", entstanden 1920. Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Diether v. Goddenthow
Dr. Ulrich Luckhardt, Kurator u. Leiter des Internationalen Tage, hier mit Emil Noldes Werk „Die Maske“, entstanden 1920.
Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Diether v. Goddenthow

Bereits 1912,  Jahre vor Hallig Hooge, hatte sich Emil Nolde mit seiner Frau Ada (ab 1916)  in ein altes Fischerhaus an der westschleswigschen Künste zurückgezogen, das vor dem Deich liegt und deswegen von Hochwassern heimgesucht wurde. Er nennt es Utenwarf. Hier in der Abgeschiedenheit entstehen neben Landschaftsgemälden eine Reihe figürlicher Aquarelle mit verspielt-grotesken Bildthemen, erläutert Dr. Christian Ring, Direktor der Nolde Stiftung  in Seebüll. Sein Beitrag „Zur Kontinuität des Grotesken im Werk von Emil Nolde“, Katalog zur Ausstellung, Seiten 14 – 18, beschreibt diese Facette von Noldes Werk.

Emil Nolde 1867 - 1956. Wüstes Jagen 1918 Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Diether v. Goddenthow
Emil Nolde 1867 -1956. Wüstes Jagen 1918 Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Diether v. Goddenthow

Bereits in diesen Bildern schafft Nolde eine absolut groteske Gegenwelt zur Realität vor und nach dem ersten Weltkrieg.“‚Ich arbeite währenddem und malte den ‚Geburtstag der Windmühle‘, wo Hund und Hahn so lustig tanzen, und auch den ‚idealen Misthaufen‘ mit seinem glücklichen Federvieh. Kleine Anregungen gaben ihre Wirkungen, ein Gast bei uns benannte die Bilder so! – Es entstehen noch mehr dieser seltsamen freien Erfindungen, deren Bezeichnungen noch erfunden werden müssen“ (Christian Ring, zit. n. Nolde 2002, siehe Katalog zur Ausstellung)

Bergriesen – Bergpostkarten 

„Bereits sein erstes Ölgemälde, die Bergriesen von 1895/96, und die zuvor entstandene Reihe der Berg-Postkarten, in denen
Nolde Schweizer Bergen groteske menschliche Physiognomien gibt, und die ihn als bildenden Künstler noch vor der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert bekannt werden ließen, zeugen von Noldes intensivem Interesse am Fantastischen“, so Dr. Ulrich Luckhardt, Kurator und Leiter der Internationalen Tage Ingelheim.

Von diesen Anfängen, denen 1905 die Mappe Phantasien mit Radierungen folgt, bis in die Jahre des Berufsverbots durch die Nationalsozialisten zieht sich in seinem Werk immer wieder die Abkehr von der Realität hin zu einer grotesken Gegenwelt, so Luckhardt. Diese Realitätsferne zeigt sich neben den in Utenwarf und 1919 auf der Hallig Hooge entstanden Gemälden auch in einer weiteren Reihe von Werken, die alle 1923 gemalt wurden. Wie ein roter Faden zieht sich die Zweiheit, das Motiv des  „Paars“ durch Noldes Werk: „Die Zweiheit hat in meinen Bildern und auch in der Graphik einen weiten Platz erhalten. Mit- oder gegeneinander: Mann und Weib, Lust und Leid, Gottheit und Teufel. Auch die Farben wurden einander entgegengestellt: Kalt und warm, hell und dunkel, matt und stark. Meistens aber doch, wenn eine Farbe oder ein Akkord wie selbstverständlich angeschlagen war, bestimmte eine Farbe die andere, ganz gefühlsmäßig und gedankenlos tastend in der ganzen Farbenreihe der Palette, in reiner sinnlicher Hingabe und Gestaltungsfreude.“ (Emil Nolde)

 

Die Grenzen zwischen Realität und Grenzen verschwimmen bei Nolde immer wieder. Dr. Christian Ring, Direktor Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Diether v. Goddenthow
Die Grenzen zwischen Realität und Grenzen verschwimmen bei Nolde immer wieder. Dr. Christian Ring, Direktor Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Diether v. Goddenthow

Nolde lässt den Betrachter allein mit seinem Gedankenspuk und Anderswelten. Nolde entzieht sich einer klaren Interpretation und Lesbarkeit des Dargestellten, erklärt Dr. Christian Ring, Direktor der Nolde Stiftung Seebüll.   „Das Interessante ist“, so Ring, „dass man bei einem so weit erforschten Werk, immer noch neue Entdeckungen machen kann.“

Wurde Emil Nolde auch vornehmlich als der Maler dramatischer Meeresansichten, aufgewühlter Wetterwolken und bunter Blumengärten bekannt,  dürfte  sein Hang zum Grotesken jedoch nicht Ausnahme, sondern eher ein zentraler Wesenskern seines gesamten künstlerischen Schaffens  gewesen zu sein.  Dieser Eindruck drängt sich zumindest nach dem Studium dieser Ausstellung auf. Sie spannt einen Bogen seines diesbezüglichen Schaffens  von  den „Bergpostkarten“ und der „Mappe Phantasien“ über die Bilder „Untenwarf“ und  „Hallig Hooge“ bis hin zu Werken der „Phantasien“ und  „Die Ungemalten Bilder“. Nolde sagte einmal: „Alle meine freien und phantastischen Bilder entstanden ohne irgendwelches Vorbild oder Modell, auch ohne festumrissene Vorstellung. Ich mied alles Sinnen vorher, eine vage Vorstellung in Glut und Farbe genügte mir. […] Phantastisch sein im Werk ist schön, phantastisch sein wollen ist blöd. Wenn die Bodennähe im romantisch phantastischen Schaffen mir zu verschwinden schien, stand ich suchend wieder vor der Natur, Wurzeln in die Erde versenkend und demütig in vertieftem Sehen.“

Dr. Roman Zieglgänsberger, Kustos Klassische Moderne, Museum Wiesbaden. Foto: Diether v. Goddenthow
Dr. Roman Zieglgänsberger, Kustos Klassische Moderne, Museum Wiesbaden. Foto: Diether v. Goddenthow

„Emil Nolde hat wirklich am Rande der Welt gelebt, vielleicht muss man sich am Rande der Welt bewegen, um solchen Figuren zu begegnen und diese malen zu können“, fragt sich  Dr. Roman Zieglgänsberger. In seinem  Beitrag  „Schlaglichter auf das Schattenreich der Grotesken um 1900″, Katalog Seiten 8 bis 13, untersucht der Kustos Klassische Moderne im Wiesbadener Museum  das Phänomen der Groteske, welches die Jahrhundertwende allgegenwärtig war.

Die Ungemalten Bilder

Emil Nolde 1867 - 1956. Frühmorgenflug. Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Diether v. Goddenthow
Emil Nolde 1867 -1956. Frühmorgenflug. Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Diether v. Goddenthow

Zwischen 1931 und 1935 malt Emil Nolde mit den Phantasien eine Reihe großformatiger Aquarelle, die die sogenannten „Ungemalten Bilder“ vorbereiten. Die Ungemalten Bilder sind mit über 1700 Aquarellen der größte zusammenhängende Bestand in Noldes Werk. Die meisten sind vermutlich nach dem nationalsozialistischen Berufsverbot 1941 im Verborgenen auf Seebüll entstanden, manche wohl schon früher. Aus den Farbverläufen der Nass-in-Nass-Technik des Aquarells entstanden auch hier fantastische menschliche Figuren, die Nolde mit Tuschfeder konturiert und oft nochmals farbig überarbeitet. Gerade diese Arbeiten bilden nach dem Zweiten Weltkrieg die Grundlage für die Rezeption Noldes als verfemter Künstler, was seine Verstrickung mit dem Regime für viele Jahre überlagerte.

Es scheint auch eine merkwürdige Ambivalenz zu sein, dass ein „verfolgter“ Künstler wie Emil Nolde, der von den Nazis 1941 Berufsverbot erhielt, sich einstmals zum Nationalsozialismus bekannt hatte. Da in seiner Biographie seine Gedanken hierzu mit chemischen Mitteln entfernt wurden, bleibt seine tatsächliche Position hierzu unklar. Gesichert erscheint, dass sich Nolde stets als ein germanischer, als ein nordischer Maler verstand. „Die Kunstäußerungen der Naturvölker sind unwirklich, rhythmisch, ornamental, wie wohl immer die primitive Kunst aller Völker es war — inklusive die des germanischen Volkes in seinen Uranfängen. […] Das Absolute, Reine, Starke war meine Freude, wo ich es fand, von primitiver Ur- und Volkskunst an bis zur höchsten Trägerin freier Schönheit. […] Die Bilder, welche ich auf den Südseeinseln malte, entstanden künstlerisch unbeeinflußt von exotischer Art zu bilden, […] blieben in Empfindung und Darstellung so heimatlich nordisch deutsch, wie alte deutsche Plastiken es waren — und ich selbst es bin.“ (Emil Nolde)

Biographisches

Emil Emil Hansen, geboren am 7. August 1867 in dem schleswigschen Dorf Nolde, nach dem er sich später nannte. Er lernte in einer Flensburger Schnitzschule, wurde von 1892-97 Lehrer an der Gewerbeschule St. Gallen, die er wegen „unzureichender Erfüllung seiner Lehrtätigkeit“ verlassen musste. Der große finanzielle Erfolgs durch den Verkauf seiner in hoher Druckauflage hergestellten Bergpostkarten verhalf ihm zu wirtschaftlicher Unabhängigkeit. Es folgten Malerische Ausbildungen in München, Paris, Kopenhagen, Berlin. 1913/14 besuchte Nolde Rußland-und die Südsee. Seine Bilder wurden nach 33 als „entartet“ aus den Museen verbannt und ihm ab 1941 das professionelle Malen gänzlich verboten. In dieser Zeit entstanden seine „Ungemalten Bilder“ (siehe oben). 1946 ernannte ihn die schleswig-holsteinsche Landesregierung  Zu seinem 79. Geburtstag zum Professor. Bis 1951 malte Emil Nolde noch über 100 Gemälde und bis 1956. Emil Nolde nahm 1955 an der  documenta 1 teil. Emil Nolde starb am 13. April 1956 in Seebüll, wo er – neben seiner 1946 verstorbenen ersten Frau Ada – im von beiden geliebten Garten seine letzte Ruhestätte fand. Posthum wurden seine Werke auch 1959 auf der documenta II  und 1964 auf der documenta III  in Kassel gezeigt. Emil Nolde war einer der führenden Maler des Expressionismus und einer der großen Aquarellisten in der Kunst des 20. Jahrhunderts.

Die Ausstellung, die in enger Kooperation mit der Nolde Stiftung Seebüll entstand, umfasst 20 Gemälde sowie ca. 90 Werke auf Papier, die zum Teil noch nie öffentlich in einer Ausstellung gezeigt wurden. Die Ausstellung ist höchst gelungen, hervorragend strukturiert und entführt in eine unbekannte, höchst faszinierende Nolde-Welt.

Diether v. Goddenthow / Rhein-Main.Eurokunst

 

Ort:
Museum Wiesbaden
Hessisches Landesmuseum
für Kunst und Natur
Friedrich-Ebert-Allee 2
65185 Wiesbaden
Fon 0611 ⁄ 335 2250
Fax 0611 ⁄ 335 2192

Nach der Präsentation im Museum Wiesbaden wird diese Ausstellung vom 23. Juli bis zum 15. Oktober 2017 im Buchheim Museum der Phantasie in Bernried am Starnberger See gezeigt.

katalog.noldeDer Katalog, in dem alle ausgestellten Werke abgebildet sind, enthält exte von Caroline Dieterich, Ulrich Luckhardt, Christian Ring, Daniel J. Schreiber und Roman Zieglgänsberger. Er ist erschienen im Verlag Hatje Cantz, Berlin 2017, 176 Seiten, 29,80 Euro.

 

Information Internationale Tage Ingelheim

i.t.iDie Internationalen Tage Ingelheim sind ein Kulturengagement von Boehringer Ingelheim seit 1959. Sie finden jährlich zwischen Mai und Juli statt.
Um Japanische Farbholzschnitte und Masken der Südsee, Antiken aus Pergamon und Werke Picassos, das Wiener Biedermeier oder den Geist der 50er Jahre in Paris kennenzulernen, bedarf es keineswegs einer Fahrt zu den großen Museen der Welt. Seit über fünf Jahrzehnten eröffnen die Internationalen Tage gleichermaßen Einblicke in die Kunst und Kultur unserer Welt, wenn das Alte Rathaus in Ingelheim am Rhein alljährlich zum Schauplatz thematischer oder monografischer Ausstellungen wird.

Am Anfang stand die Idee, im Umfeld eines international tätigen Unternehmens Ausblicke auf Leben und Kultur anderer Nationen und Völker zu stiften: Der Leitgedanke kultureller Offenheit und Fortbildung veranlasste 1959 Dr. Ernst Boehringer als Mitinhaber des Familienunternehmens Boehringer Ingelheim, ein Kulturfestival auszurichten. Die Riege der Internationalen Tage wurde nahezu über drei Jahrzehnte hinweg von dem Schweizer Dr. François Lachenal (1918–1997) angeführt. Die ersten Internationalen Tage waren dem Nachbarn Frankreich gewidmet und umfassten eine kleine Ausstellung sowie ein buntes Programm von Vorträgen bis hin zu kulinarischen Spezialitäten. Der Grundriss für die Zukunft war gezeichnet, und die Internationalen Tage sollten sich mit eigener Dynamik entwickeln. Die Ausstellungen wurden alsbald zum Kernpunkt der nun mehrwöchigen Veranstaltung, und im Jahr 1966 konnte mit Goya erstmals ein einzelner Künstler präsentiert werden.

Das vervielfachte Informationsangebot unserer Zeit erfordert und ermöglicht heute die Ausrichtung sorgfältig und wissenschaftlich begründeter Kunstpräsentationen, die lange schon auch in internationalen Fachkreisen Beachtung finden. Von 1988 bis 2012 wurden die Internationalen Tage Ingelheim von Dr. Patricia Rochard geleitet, die in monografischen wie thematischen Ausstellungen neue Akzente setzte, die sowohl Gegenwartskunst (Warhol, Tinguely) als auch das Medium Fotografie ins Zentrum rückten. 2013 übernahm Dr. Ulrich Luckhardt die Leitung der Internationalen Tage Ingelheim. Ein Rahmenprogramm sowie die feste Einbindung in das Netz einer regionalen Kultur garantieren gleichermaßen breite öffentliche Resonanz und den besonderen Stellenwert der Internationalen Tage für die gesamte Rhein-Main-Region.
Ort der Ausstellungen ist seit 1984 das ehemalige Rathaus der Stadt Ingelheim im historischen Stadtteil Nieder-Ingelheim. Im beschaulich gebliebenen Umfeld, gerade einen Steinwurf von den Resten der karolingischen Kaiserpfalz und deren Ausgrabungen entfernt, grüßt das zweistöckige, durch markante Rundfenster gegliederte Gebäude von 1860 mit stündlichem Glockenschlag.

Wegen Sanierung und Erweiterung ist das Alte Rathaus seit Sommer 2015 geschlossen. Aus diesem Grund findet 2017 die Ausstellung „Emil Nolde. Die Grotesken“ in Kooperation mit dem Museum Wiesbaden und der Nolde Stiftung Seebüll in Wiesbaden statt.

Nach dem Abschluss der Sanierungen und des Erweiterungsbaus durch das renommierte Architekturbüro Scheffler & Partner, Frankfurt am Main, erhalten die Internationalen Tage ab dem 6. Mai 2018 wieder ihren angestammten Ort – das Alte Rathaus in Nieder-Ingelheim –
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