Kategorie-Archiv: Senckenberg Naturmuseum

Senckenberg-Vortragsreihe: „Forschendes Kuratieren“ oder: Was passiert im Museum? – Digitaler Vortrag mit Museumsdirektorin Dr. Brigitte Franzen am 2. Februar

© Foto Diether v. Goddenthow
© Foto Diether v. Goddenthow

Frankfurt, den 27.01.2022. Der Begriff „Kuratieren“ wird heute sehr breit verwendet. Ob Modemagazine oder Musikprogramme, alles wird „kuratiert“. Was bedeutet das für die Museen, die den Begriff aus dem Angelsächsischen in den vergangenen Jahrzehnten für das Ausstellungsmachen adaptiert haben? Was ist in diesem Zusammenhang „forschendes Kuratieren“, ein Begriff, den die Vortragende Dr. Brigitte Franzen für die Arbeit in Museen entwickelt hat? Die Direktorin des Senckenberg Naturmuseums erläutert dies im nächsten Vortrag der Senckenberg-Reihe „Museum for Tomorrow: Die Praxis der Museen“.

Der Schlüssel zum musealen Ausstellungsmachen ist in allen Museumssparten – vor allem aber in einem Naturmuseum – die faktenbasierte Forschung. Immer ist die Glaubhaftigkeit der Inhalte abhängig von den Forschungsfragestellungen und ihrem Verhältnis zu den Ausstellungsobjekten. Die Tätigkeit der Ausstellungsmacher*innen ist per se transdisziplinär angelegt, u.a. weil die Ebene des „Sichtbarmachens“ eine zentrale Rolle spielt. Ausstellungen konzipieren ist Raum-, Forschungs-, Gestaltungs-, Text- und Vermittlungsarbeit sowie vieles mehr. Mit dem Konzept des integrierten Forschungsmuseums definiert Senckenberg diese Verhältnisse gerade – gemeinsam mit sieben weiteren Leibniz-Forschungsmuseen – neu. Dabei geht es u.a. darum, wissenschaftliche Zukunftsthemen, wie die Biodiversitätsforschung, die Thematik des Anthropozäns, die Klimaforschung oder die Geschichte und Zukunft des Lebens auf unserem Planeten, multidimensional wissenschaftlich-kuratorisch so zu erschließen, dass daraus komplexe, verständliche neue Wissensräume werden. Der Anspruch ist, diese sinnlich und kommunikativ genauso erfahrbar zu machen, wie gedankliche Vertiefung zu ermöglichen. Museen werden so zu innovativen Kommunikationszentren zwischen Kultur und Wissenschaft, die einen vielfältigen Dialog mit der Gesellschaft ermöglichen und wichtige Plattformen für die Reflexion wissenschaftlicher Erkenntnisse, aber auch kultureller Konstruktionen – beispielsweise von der Natur – sind.

Die Kunst- und Kulturwissenschaftlerin Dr. Brigitte Franzen ist Direktorin des Naturmuseums am Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt. Zuvor war sie Alleinvorstand der international tätigen Peter und Irene Ludwig Stiftung. Einer ihrer wissenschaftlichen Schwerpunkte ist die Ideen- und Kulturgeschichte der Natur. Brigitte Franzen hat in ihrer Laufbahn rund 100 Ausstellungsprojekte verantwortet.

Vortrag: „Forschendes Kuratieren“ oder: Was passiert im Museum?
Referentin: Dr. Brigitte Franzen (Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt)
Datum: Mittwoch, 2. Februar, 19:15 Uhr

Aufgrund der Covid-19-Pandemie finden die Vorträge bis auf Weiteres rein virtuell statt. Sie können per Livestream unter www.senckenberg.de/live (ohne Kommentarmöglichkeit) oder über den Kanal www.youtube.com/SenckenbergWorld (mit Kommentar-möglichkeit über die Chatfunktion) mitverfolgt werden. Wer virtuell mit den Referent*innen diskutieren möchte, meldet sich über den Anmeldelink im Senckenberg-Veranstaltungskalender an und erhält dann die Zugangsdaten für die Zoom-Veranstaltung.

Informationen zu den Vorträgen, Referent*innen und Themen unter: https://www.senckenberg.de/Vortragsreihe-Museum

Die Vortragsreihe wird im Rahmen des Aktionsplans „Eine Welt in Bewegung“ der Leibniz-Forschungsmuseen veranstaltet.

Impfen bei Trex, Trici und Co – Impfaktion am Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt am 4.2.2022

© Foto Diether v. Goddenthow
© Foto Diether v. Goddenthow

Frankfurt, 28.01.2022. Das Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt bietet am Freitag, den 4.2.2022, in Kooperation mit der „Impfpraxis Frankfurt“ eine Impfaktion für Kinder und Jugendliche ab einem Alter von 5 Jahren an. Ein mobiles Impfteam steht von 12 bis 17 Uhr in einem separaten Museumsraum für den Piks bereit – eine
Anmeldung und Terminvergabe unter www.impfpraxis-frankfurt.de/senckenberg ist zwingend erforderlich. Die Geimpften und eine Begleitperson erhalten im Anschluss an die Impfung freien Eintritt in das Naturmuseum.

Am Freitag gibt es für alle hessischen Schüler*innen Zeugnisse und der Unterricht endet bereits nach der dritten Stunde. „Es bleibt also viel Zeit sich an diesem Tag gegen Covid-19 impfen zu lassen“, sagt Prof. Dr. Klement Tockner, Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung. Er hat gemeinsam mit dem Frankfurter Instituts- und Museumsteam die „Pop-up-Impfstation“ am Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum ins Leben gerufen. Dort können sich von 12 bis 17 Uhr Besucher*innen ab einem Alter von 5 Jahren gegen das Coronavirus mit dem Impfstoff von BioNtech/Pfizer im Meriansaal des Museums impfen lassen.

„Wir freuen uns, dass wir einen kleinen Teil dazu beitragen können, die Impflücke in Deutschland zu schließen“, so Tockner und weiter: „Senckenberg steht für den ‚One Health‘-Ansatz, den die Weltgesundheitsorganisation WHO geprägt hat. Das gilt sowohl für diese, für uns alle anstrengende, Pandemie, als auch für den verantwortungsvollen Umgang mit unserer gefährdeten Natur und belasteten Umwelt. Wir müssen hier mit dem bestverfügbaren Wissen dagegenhalten, denn: Wissenschaft ist Vorsorge – Impfen schützt!“

Veranstaltung: Impfaktion am Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt
Datum: Freitag, 04. Februar 2022, 12 bis 17 Uhr
Anmeldung: www.impfpraxis-frankfurt.de/senckenberg
Ort: Senckenberg Naturmuseum Frankfurt, Senckenberganlage 25, 60325 Frankfurt (Bitte beachten Sie die Beschilderung)

Die Begleitung des Kindes durch eine erziehungsberechtigte Person sowie eine Terminbuchung vorab sind zwingend erforderlich. Impftermine müssen vorab über www.impfpraxis-frankfurt.de/senckenberg gebucht werden! Wenn über den genannten Link keine Termine buchbar sind, dann sind die Termine entweder ausgebucht, oder es werden zu einem späteren Zeitpunkt neue Termine freigeschaltet. Senckenberg vergibt keine Impftermine. Die auszufüllenden und zu unterschreibenden Dokumente können vorab auf der Internetseite der Impfpraxis Frankfurt heruntergeladen werden.

Die Geimpften und eine Begleitperson erhalten im Anschluss an die Impfung freien Eintritt in das Senckenberg Naturmuseum Frankfurt. Für Begleitpersonen gilt die 2G Plus-Regel bereits ab Betreten des Museums.

Senckenberg-Vortragsreihe: „Provenienzforschung: Was ist das und wie gehen Naturmuseen damit um?“ Digitaler Vortrag am 26. Januar

© Foto Diether v. Goddenthow
© Foto Diether v. Goddenthow

Frankfurt, den 20.01.2022 In den umfangreichen Sammlungen der naturkundlichen Museen finden sich im Zuge ihrer Erschließung auch Objekte aus kolonialen Kontexten, deren Herkunft und Geschichte erforscht, offen gelegt und vermittelt werden müssen. Dr. Ina Heumann vom Museum für Naturkunde Berlin spricht im nächsten Vortrag der Senckenberg-Reihe „Museum for Tomorrow: Die Praxis der Museen“ über die Provenienzforschung an Naturmuseen.

Die Erforschung und Erschließung naturhistorischer Sammlungen fördert Objekte zutage, die heute aus ethischen Gründen als sensibel eingestuft werden. Es finden sich auch in naturkundlichen Sammlungen Objekte aus kolonialen Erwerbungskontexten oder anderen kritischen Umständen. Das Museum für Naturkunde Berlin legt einen Forschungsschwerpunkt auf Herkunft, Erwerbungskontexte und Vergangenheit seiner naturkundlichen Objekte. Wie gehen solche Nachforschungen vor sich und was bedeutet das für den Umgang und für die Arbeit mit den Sammlungen? Und wie werden die Ergebnisse den Besucher*innen vermittelt? Der Vortrag zeigt auf, wie all dies im Kontext von Forschung, Lehre und Anwendung zu einer gerechteren globalen Kooperation vor allem mit Institutionen der jeweiligen Herkunftsländer beitragen kann.

Die Historikerin Ina Heumann untersucht die vielschichtige Geschichte von Museen und Sammlungen und leitet die Abteilung „Kultur- und Sozialwissenschaften der Natur“ am Museum für Naturkunde Berlin.

Vortrag: Provenienzforschung: Was ist das und wie gehen Naturmuseen damit um?
Referentin: Dr. Ina Heumann (Museum für Naturkunde Berlin – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung)
Datum: Mittwoch, 26. Januar, 19:15 Uhr

Aufgrund der Covid19-Pandemie finden die Vorträge bis auf Weiteres rein virtuell statt.
Sie können per Livestream unter www.senckenberg.de/live (ohne Kommentarmöglichkeit) oder über den Kanal www.youtube.com/SenckenbergWorld (mit Kommentar-möglichkeit über die Chatfunktion) mitverfolgt werden. Wer virtuell mit den Referent*innen diskutieren möchte, meldet sich über den Anmeldelink im Senckenberg-Veranstaltungskalender an und erhält dann die Zugangsdaten für die Zoom-Veranstaltung.

Informationen zu den Vorträgen, Referent*innen und Themen
unter:
https://www.senckenberg.de/Vortragsreihe-Museum

Grube Messel: Bizzare Baumwanzen entdeckt Neubeschreibung von zwei fossilen Insektenarten aus der hessischen Fossilienfundstelle

Neuentdeckung aus der Grube Messel: Die fossile Stinkwanze Eospinosus peterkulkai. Foto: Senckenberg
Neuentdeckung aus der Grube Messel: Die fossile Stinkwanze Eospinosus peterkulkai. Foto: Senckenberg

Frankfurt/Messel, 08.12.2021. Ein internationales Forschungsteam hat zwei neue fossile Insektenarten im UNESCO-Welterbe Grube Messel und in einer nordamerikanischen Fossilienfundstelle entdeckt. Die zur Familie der Baumwanzen gehörenden Arten aus dem Eozän beeindrucken durch ihre Wehrhaftigkeit: Neben Stinkdrüsen verfügten sie über bizarre stachlige Auswüchse an ihrem Körper. Die Studie erscheint heute im Fachjournal „Royal Society Open Science“.

Charakteristisch für die zur Familie der Baumwanzen (Pentatomidae) oder „Stinkwanzen“ gehörenden, etwa 6,5 bis 8,5 Millimeter langen Insekten sind ihre deutlich sichtbaren dornigen Auswüchse an Hinterleib und am Halsschild. “Wir haben sowohl aus der Grube Messel bei Darmstadt als auch aus der Green River Formation im nordamerikanischen Colorado zwei neue fossile Arten dieser bizarr aussehenden Baumwanzen beschrieben“, erklärt Dr. Sonja Wedmann vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt und fährt fort: „Ihre ‚Dornen‘ dienten wahrscheinlich vor allem zur Tarnung, weil sie den Körperumriss auflösen. Doch wissen wir beispielsweise von bedornten Grillen, dass solche Strukturen auch Beutegreifern die Jagd erschweren können, wenn die stacheligen Insekten ihnen quasi im Hals stecken bleiben”. Zusammen mit den Stinkdrüsen halfen die Stacheln den Insekten also vermutlich auch zur besseren Abwehr kleiner Wirbeltiere, wie Vögel oder Reptilien.

Ungewöhnlich sind nicht nur die Körperformen der Wanzen, sondern auch die weit voneinander entfernten Fundorte: Die beiden neuen Arten (Eospinosus peterkulkai und Eospinosus greenriverensis), die sich sehr ähnlich sehen, wurden in etwa 8000 Kilometer Entfernung voneinander gefunden. Studienleiterin Wedmann erläutert: „Im Eozän, der Zeit vor etwa 56 bis 33,9 Millionen Jahren vor heute, scheint der Bauplan dieser Baumwanzen so erfolgreich gewesen zu sein, dass er über die gesamte Nordhalbkugel verbreitet war. Heutzutage sind ähnlich aussehende Wanzen nur in Madagaskar und in Südamerika verbreitet.”

Das aus Messel beschriebene Exemplar wurde als Dank nach Peter Kulka benannt, der als Architekt für den jüngsten Umbau des Senckenberg Forschungsinstituts in Frankfurt verantwortlich war.

Publikation
S. Wedmann, P. Kment, .LA. Campos, T. Hörnschemeyer (2021): Bizarre morphology in extinct Eocene bugs (Heteroptera: Pentatomidae). R. Soc. Open Sci. 8: 211466. https://doi.org/10.1098/rsos.211466

Senckenberg-Naturmuseum
Grube Messel

Medikamente der Natur – Neue Wirkstoffe entdecken, entwickeln und nutzen Digitale Veranstaltung am 23. November gibt Einblick in die Erforschung von Naturstoffen

© Senckenberg
© Senckenberg

Seit Jahrhunderten dient die Natur dem Menschen als Quelle für wirksame Arzneimittel. Etwa ein Drittel der zugelassenen Medikamente lässt sich auf Naturstoffe zurückführen. Und das Potenzial ist längst noch nicht ausgeschöpft. Mithilfe innovativer Technologien in der Wirkstoffentwicklung arbeiten Forschende und Unternehmen daran, neue Naturstoffquellen zu erschließen und für die pharmazeutische Anwendung nutzbar zu machen. In der digitalen Veranstaltung „Medikamente der Natur“, die von Technologieland Hessen in Kooperation mit dem LOEWE-Zentrum für Translationale Biodiversitätsgenomik (LOEWE-TBG) angeboten wird, präsentieren Expert*innen aus Wissenschaft und Industrie in sieben Kurzvorträgen neue Strategien für die Entdeckung, Entwicklung und Anwendung von Wirkstoffen und diskutieren im Anschluss die aktuellen Herausforderungen der Branche.

Neue Arzneimittel werden in der Medizin dringend gebraucht – etwa für die Behandlung von Krebs, Infektionskrankheiten oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Vielfalt möglicher Wirkstoffproduzenten für entsprechende Medikamente erstreckt sich über alle Bereiche der Natur – darunter auch viele noch unerschlossene Bioressourcen. Doch auf der Suche nach unbekannten Wirkstoffen stoßen die traditionellen Screeningverfahren zunehmend an ihre Grenzen. Dank innovativer Methoden lässt sich das Auffinden neuer Wirkstoffkandidaten massiv beschleunigen. Weitere Technologien ermöglichen es, die Naturstoffproduktion zahlreicher Lebewesen bereits in deren Erbgut abzulesen oder Stoffwechselwege gezielt für die Produktion bioaktiver Substanzen zu verändern. Dabei gilt es, die Wirkmechanismen zu entschlüsseln und einer Anwendung zuzuführen.

Die Referent*innen der Veranstaltung geben Einblick in unterschiedliche Aspekte der Naturstoff-Forschung – vom Aufspüren interessanter Wirkstoffe in Tiergiften, zur Behandlung von Influenza-Infektionen und parasitärer Tierkrankheiten bis zur Erforschung des Einsatzes von Pilzen im Pflanzenschutz. Auch die Entwicklung neuer Technologien wird vorgestellt. Die Veranstaltung bietet anschließend Raum für Dialog und Fragen an die Referent*innen.

Digitale Veranstaltung: „Medikamente der Natur – Neue Wirkstoffe entdecken, entwickeln und nutzen“ Kurzvorträge mit anschließender Diskussion

Referent*innen: Dr. Carola Greve, Leiterin des Laborzentrums von LOEWE-TBG; Prof. Andreas Vilcinskas, Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie IME und LOEWE-TBG; Prof. Eric Helfrich, LOEWE-TBG und Goethe-Universität Frankfurt; Dr. Kornelia Hardes, Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie IME und LOEWE-TBG; Dr. Björn Rotter, GenXPro; Prof. Paul M. Selzer, Boehringer Ingelheim Vetmedica; Dr. Anja Schüffler, Institut für Biotechnologie und Wirkstoff-Forschung (IBWF)

Moderation: Dr. Hendrik Pollmann, Hessen Trade & Invest

Datum: 23. November 2021, 13:00 Uhr bis 16:30 Uhr

Die Teilnahme ist kostenfrei. Eine Anmeldung ist erforderlich unter: https://events.technologieland-hessen.de//Medikamente-der-Natur-Neue-Wirkstoffe-entdecken-entwickeln-und-nutzen-2021

Das vollständige Programm unter:
www.technologieland-hessen.de/bioinnovationen-veranstaltung

Das Grün um Edmond Vegetation zu Lebzeiten der Senckenberg-Dinosauriermumie rekonstruiert


Frankfurt, 06.09.2021. Senckenberg-Wissenschaftler Dieter Uhl hat gemeinsam mit Haytham El Afty von der Universität Tübingen Sedimentgestein aus der Körperhöhle der im Senckenberg Naturmuseum Frankfurt ausgestellten Dinosauriermumie Edmontosaurus annectens untersucht. Anhand von Pollenanalysen konnten die Forscher die Vegetation zu Lebzeiten des Entenschnabel-Dinosauriers rekonstruieren. Die in der „Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Geowissenschaften“ veröffentlichten Studie ist im Rahmen der Kooperationsausstellung „Edmonds Urzeitreich – eine Dinograbung in Frankfurt“, die noch bis 24. Oktober im Frankfurter Museum zu sehen ist, entstanden.

Seit mehr als 100 Jahren ist die Edmontosaurus-Mumie, genannt Edmond, im Senckenberg Naturmuseum Frankfurt beheimatet. „Obwohl solche exzellent erhaltenen Mumien der Wissenschaft viele spannende und neue Erkenntnisse bringen können, wurde Edmond von der Forschung lange ignoriert“, erklärt Prof. Dr. Dieter Uhl vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt und fährt fort: „Im Rahmen der Kooperationsausstellung ‚Edmonds Urzeitreich‘ verfolgen nun 20 Wissenschaftler*innen aus acht Forschungsinstituten verschiedene Fragestellungen, um gemeinsam das Ökosystem der Dinosaurier von Wyoming von vor etwa 70 Millionen Jahren zu rekonstruieren.“

Nachdem vergangene Studien schon Aufschlüsse über den vermeintlichen Mageninhalt der Mumie, die Wanderungsbewegungen der in Herden lebenden Dinosaurier sowie über das Alter des umgebenden Gesteins aus der Lance-Formation in Wyoming geben konnten, haben Uhl und sein Kollege Haytham El Afty von der Mansoura Universität in Ägypten, der zur Zeit als Humboldt-Stipendiat an der Universität Tübingen forscht, nun die Pflanzenwelt zu Lebzeiten Edmonds rekonstruiert.

„Wir haben das Sediment aus der Körperhöhle des Dinosauriers einer palynologischen Analyse unterzogen. Da Edmond kurz nach seinem Tod abgelagert wurde und sein Kadaver nicht weit transportiert wurde, können wir davon ausgehen, dass die im Sediment eingeschlossenen und von uns untersuchten Pollen die Vegetation zu Lebzeiten des Dinosauriers wiederspiegeln“, so Uhl.
Die Pflanzenwelt im Maastrichtium, vor fast 70 Millionen Jahren, umfasste demnach Farne und andere Sporenpflanzen, aber auch Gymnospermen und Angiospermen. Die Forscher wiesen darüber hinaus vereinzelte Süßwasseralgen in den Ablagerungen nach. „Die Pollenanalyse zeigt, dass die Umgebung des Ablagerungsortes der Edmontosaurus-Mumie dicht mit einer relativ diversen Flora bewachsen war: Im Unterwuchs gab es verschiedene Farne, Bärlappgewächse, Moose und krautige Bedecktsamer, während die Kronenbereiche der Wälder von Koniferen, wie Kiefergewächsen, aber auch Sumpfzypressengewächsen gebildet wurden – ein Indiz für ein warm-humides Klima. Das Vorkommen von Algen deutet auf das Vorhandensein kleiner Tümpel-Bereiche zur Zeit der Ablagerung hin“, fasst der Frankfurter Geowissenschaftler die Ergebnisse zusammen.

In allen untersuchten Proben fanden die beiden Wissenschaftler zudem einen hohen Anteil von Holzkohlepartikeln, der für regelmäßige Vegetationsbrände zur Zeit der Ablagerung spricht. Uhl ergänzt: „Das ist auch nicht wirklich verwunderlich: Zur Zeit der Entstehung der Dinomumie herrschte ein recht warmes Klima mit durchschnittlichen Jahrestemperaturen von 25 Grad Celsius sowie mit ganzjährig relativ niedrigen Niederschlagsraten und einer kaum vorhandenen Saisonalität vor – kleine Funken müssen hier schon bei kleineren Trockenperioden ausgereicht haben, um Edmonds Umgebung lichterloh brennen zu lassen.“

Weitere Infos

„Kampf gegen Artenrückgang müssen wir beherzt angehen“ Deutscher Umweltpreis 2021 für Ökologin Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese

Die Preisträger des Deutschen Umweltpreises 2021 Auszeichnung für Spitzenforschung: Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese und Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Joosten erhalten dieses Jahr den Deutschen Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) in Höhe von insgesamt 500.000 Euro – eine der höchstdotierten Auszeichnungen dieser Art in Europa. Der Preis würdigt Böhning-Gaeses herausragenden Beitrag zur Bedeutung der biologischen Vielfalt für Planet und Mensch und Joostens bahnbrechende Forschung zum enormen Stellenwert der Moore beim Klimaschutz. Der Deutsche Umweltpreis wird am 10. Oktober in Darmstadt von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier überreicht. © Michael Frank und Tobias Dahms
Die Preisträger des Deutschen Umweltpreises 2021
Auszeichnung für Spitzenforschung: Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese und Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Joosten erhalten dieses Jahr den Deutschen Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) in Höhe von insgesamt 500.000 Euro – eine der höchstdotierten Auszeichnungen dieser Art in Europa. Der Preis würdigt Böhning-Gaeses herausragenden Beitrag zur Bedeutung der biologischen Vielfalt für Planet und Mensch und Joostens bahnbrechende Forschung zum enormen Stellenwert der Moore beim Klimaschutz. Der Deutsche Umweltpreis wird am 10. Oktober in Darmstadt von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier überreicht. © Michael Frank und Tobias Dahms

Osnabrück/Darmstadt. In diesem Jahr wird der Deutsche Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) einer international renommierten Wissenschaftlerin für ihre Spitzenforschung zur Bedeutung der biologischen Vielfalt für Erde und Mensch verliehen: Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese (56), Direktorin des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums. Sie teilt sich den Preis in Höhe von insgesamt 500.000 Euro mit Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Joosten, weltweit anerkannter Moorforscher der Universität Greifswald. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier überreicht die Auszeichnung an beide Persönlichkeiten am 10. Oktober in Darmstadt.

Herausragende Wissenschaftlerin erforscht Auswirkungen von Klimawandel auf Artenvielfalt

„Frau Böhning-Gaese hat in ihrer langjährigen Forschung einen enormen wissenschaftlichen Beitrag geleistet, damit wir begreifen, welche dramatischen Folgen der Artenverlust für Menschen und das gesamte Zusammenwirken des Planeten hat“, so DBU-Generalsekretär Alexander Bonde. Die Arbeit von Frau Böhning-Gaese macht nach Bondes Worten deutlich, dass der Kampf gegen den Artenrückgang eine große gesellschaftliche Herausforderung ist, „die wir beherzt angehen müssen“. Einen international herausragenden Namen in der Wissenschaft hat sich die in Oberkochen (Baden-Württemberg) geborene Biodiversitätsforscherin nach Bondes Worten speziell auf dem Gebiet der Makroökologie gemacht: Mit den Methoden dieses modernen Forschungsgebiets untersucht sie ökologische Zusammenhänge nicht nur lokal und regional, sondern darüber hinaus auch kontinental und sogar global sowie in unterschiedlichen Zeitskalen. Ziel der Forscherin sei es, so Bonde, zum einen die hochkomplexen Folgen von Klima- und Landnutzungswandel für Biodiversität und Lebensgemeinschaften von Tieren und Pflanzen zu erforschen. Zum anderen sei die Professorin der Frankfurter Goethe-Universität bestrebt, Auswirkungen von Umweltveränderungen auf Ökosysteme in den nächsten Jahrzehnten so genau wie möglich vorherzusagen – und damit auch mögliche Folgen für den Menschen. Bonde: „Nur, wenn wir die Prozesse erkennen und verstehen, dann können wir auch gezielt Maßnahmen ergreifen, um sie zu stoppen.“

Exzellente Pionierin auf dem Forschungsgebiet der Makroökologie

Die wissenschaftliche Disziplin Makroökologie stammt aus dem angelsächsischen Raum. Während eines Auslandsaufenthalts in den USA zu Beginn der 1990er-Jahre erforschte Böhning-Gaese für ihre Doktorarbeit, welche Faktoren die Vogelpopulationen über einen langen Zeitraum beeinflussen und welche Unterschiede es zwischen Nordamerika und Europa gibt. Schon damals konnte sie zeigen, dass in Europa insbesondere die Vogelbestände der Agrarlandschaften zurückgingen. Diese Ergebnisse konnten in Folge immer wieder bestätigt werden, zuletzt in einer vielbeachteten Langzeitstudie, die insbesondere die Mechanismen näher in den Blick nahm: Die Bestände von Vögeln, die hauptsächlich Insekten fressen, sanken von 1990 bis 2015 in der Europäischen Union durchschnittlich um 13 Prozent, und ein besonders starker Rückgang von Arten fand in der Agrarlandschaft statt. Nach ihrer Rückkehr aus den USA hat Böhning-Gaese nach eigenen Worten versucht, „eine Lanze“ für das moderne Forschungsgebiet Makroökologie zu brechen. So brachte die Spitzenwissenschaftlerin schon zu Beginn ihrer wissenschaftlichen Laufbahn das damals gerade erst von Prof. James Brown von der Universität New Mexico definierte moderne Wissenschaftsfeld aus den USA mit und „leistete exzellente Pionierarbeit, indem sie es in Deutschland und Europa etablierte“, so Bonde.

Wert der biologischen Vielfalt für die Menschen

Bereits als Wissenschaftlerin an der RWTH Aachen Ende der 1990er-Jahre begann Böhning-Gaese mit Untersuchungen zu Ökosystemfunktionen in großem Maßstab – etwa in Südafrika zur Bedeutung der Lebensraumvernetzung. Eine Erkenntnis: Früchte-fressende Nashornvögel tragen als Samenausbreiter nur dann zur großräumigen Waldentwicklung bei, wenn sie in Agrarlandschaften Waldinseln zum Zwischenrasten finden. Als Professorin, zunächst an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, später an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, widmete sie sich den Ökosystemleistungen, bei denen nach ihren Angaben die Bedeutung der biologischen Vielfalt für den Menschen eine Rolle spielt. „Letztlich möchte man verstehen, welchen Wert das für die Menschen hat“, sagt die designierte Trägerin des Deutschen Umweltpreises. So fand sie nach eigenen Worten erst kürzlich in einer großen Studie über Europa zum Beispiel heraus, dass „dort, wo viele Vogelarten leben, die Menschen im Durchschnitt zufriedener sind, als da, wo es artenarm ist.“

Bedeutsame Zusammenhänge für das System Erde-Mensch sichtbar

„Besonders herausragend“ ist nach den Worten des DBU-Generalsekretärs Böhning-Gaeses „unerschrockener Mut, die außerordentlich komplexen und unfassbar vielfältigen Wechselbeziehungen von ökologischen Systemen in großem Maßstab in den Blick zu nehmen und zu analysieren“. So habe sie wie kaum eine andere Wissenschaftlerin die Fähigkeit die für das System Erde-Mensch bedeutsamen großen Zusammenhänge sichtbar zu machen. Auch methodisch arbeite sie „beeindruckend vielfältig“ und interdisziplinär, bringe naturwissenschaftliche Disziplinen mit wirtschafts-, politik- und nachhaltigkeitswissenschaftlichen Bereichen zusammen und erlange dadurch neue Erkenntnisse über die Interaktionen zwischen Menschen und Ökosystemen. Ihre Analysen tragen „in erheblichem Maße dazu bei, die Gründe und Auswirkungen des Artenverlustes zu erforschen und daraus geeignete Maßnahmen zum Erhalt der Biodiversität zu entwickeln“, so Bonde.

„Gerade beim Rückgang der Arten in der Agrarlandschaft sehen wir, dass wir alle handeln müssen.“

Böhning-Gaese setzt sich laut Bonde „vorbildlich und mit hohem Engagement“ dafür ein, ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse in gesellschaftliche und politische Entscheidungsprozesse einzubringen. Das gelinge ihr in ihrer Funktion als Vizepräsidentin der Leibniz-Gemeinschaft sowie auch als Mitglied verschiedener wissenschaftlicher Gesellschaften und Gremien, wie der Senatskommission für Grundsatzfragen der Biologischen Vielfalt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz sowie der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Bei der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung ist Böhning-Gaese daher nicht nur Institutsdirektorin, sondern leitet auch das Programm „Wissenschaft & Gesellschaft“, das sich der Interaktion von Wissenschaft mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Akteuren widmet. „Vor allem durch die unter anderem von ihr koordinierte Akademie-Stellungnahme zu Biodiversität und Management von Agrarlandschaften hat sie maßgeblich die Grundlagen für die Empfehlungen der Zukunftskommission Landwirtschaft für eine Agrarwende in Deutschland gelegt“, sagt Bonde. Für die designierte Preisträgerin legen die Erkenntnisse vor allem einen Schluss nahe: „Gerade beim Rückgang der Arten in der Agrarlandschaft sehen wir, dass wir alle handeln müssen.“ Die Landwirtschaft sei genauso gefordert wie die Politik, die Wirtschaft, der Handel und die Menschen in ihrem Ernährungs- und Konsumverhalten. „Der Schutz der Biodiversität ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Jede und jeder muss hier ran“, sagt Böhning-Gaese.

Senckenberg for Future: Klimapicknick im Rahmen des bundesweiten Klimastreiks am 13.8.

© Foto Diether v. Goddenthow
© Foto Diether v. Goddenthow

Frankfurt am Main, den 09.08.2021. Die Corona-Pandemie hat die seit Anfang 2019 weltweit stattfindenden Fridays for Future-Klimastreiks in den letzten anderthalb Jahren weitgehend verhindert oder ins Internet verlegt. Jetzt geht es wieder – mit Abstand und den geltenden Auflagen – auf die Straße: Beim bundesweiten Klimastreik am 13. August demonstrieren Schüler*innen aus ganz Deutschland in Frankfurt für Klimagerechtigkeit. Senckenberg lädt aus diesem Anlass bei freiem Museumseintritt zu einem offenen „Klimapicknick“ mit Wissenschaftler*innen ein. Während der Veranstaltung können sich interessierte Schüler*innen, Studierende und Bürger*innen aus erster Hand über den Sachstand der Klima- und Biodiversitätsforschung informieren.

Angesichts der weltweit immer deutlicher spürbaren Folgen der weltweiten Klimakrise bekräftigen auch Wissenschaftler*innen zahlreicher Forschungseinrichtungen die Dringlichkeit zum umfassenden Handeln. Am Tag des ersten bundesweiten Klimastreiks seit Beginn der Corona-Pandemie laden Prof. Dr. Klement Tockner, Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und Senckenberg-Museumsdirektorin Dr. Brigitte Franzen deshalb zum „Klimapicknick“ im Hof des Senckenberg Naturmuseums Frankfurt. Gemeinsam mit zehn Wissenschaftler*innen von Senckenberg, der Goethe-Universität, dem Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) und den Scientists4Future Frankfurt stehen Tockner und Franzen für einen Austausch rund um Klimawandel, Museen als Orte des Dialogs und konstruktiven Streitens sowie biologische Vielfalt zur Verfügung.
„Die aktuellen Katastrophen zeigen: Wir betreiben einen immensen, unverantwortlichen Raubbau an unserer Natur – es sind ja keine Naturkatastrophen, die wir derzeit erleben, es sind in erster Linie menschengemachte Katastrophen. Lösungen kann es nicht gegen, sondern nur mit der Natur geben.“ Brigitte Franzen ergänzt: „Das Museum ist eine ideale Dialogplattform und ein Instrument für den Austausch der Forschung mit der Öffentlichkeit – wir laden alle Interessierten herzlich zur Diskussion ein!“

Wie wirkt sich der globale Klimawandel auf die Biodiversität aus? Wie können nachhaltige Lösungen im Bereich Klimakrise und Gewässer aussehen? Welche Ursachen und Auswirkungen hat das globale Insektensterben? Was stresst Pflanzen in Frankfurt? Und was können wir alle gegen die Erosion des Naturkapitals tun? Dies sind einige der Fragen, zu denen sich Interessierte am 13.8. mit den Forschenden austauschen können.
Anschließend besteht für die Teilnehmer*innen die Möglichkeit, direkt zum Auftakt des Klimastreiks an der Bockenheimer Warte gehen.

Veranstaltung: Senckenberg-Klimapicknick
Datum: Freitag, 13. August, 11:30 – 14:00 Uhr
Ort: Senckenberg Naturmuseum, im Außenbereich des Museums bei der Sonderausstellung „Edmonds Urzeitreich – eine Dinograbung in Frankfurt“.

Der Einlass erfolgt über den Haupteingang und ist für Teilnehmer*innen der Veranstaltung kostenfrei.

Es ist keine Anmeldung erforderlich.

Eintauchen in den Lebensraum Korallenriff Das Senckenberg Naturmuseum Frankfurt eröffnet am 15. Juli 2021 die neue Dauerausstellung „Korallenriff“

Langarmiger Federstern Dichrometra flagellata und Buschiger Federstern Comaster schlegelii. Federsterne sind nachtaktiv. Tagsüber leben sie mit eingerollten Armen in Höhlen und Spalten und bewegen sich erst in der Dämmerung an strömungsreiche Standorte, um Plankton zu filtrieren. Foto: Senckenberg/Tränkner
Langarmiger Federstern Dichrometra flagellata und Buschiger Federstern Comaster schlegelii. Federsterne sind nachtaktiv. Tagsüber leben sie mit eingerollten Armen in Höhlen und Spalten und bewegen sich erst in der Dämmerung an strömungsreiche Standorte, um Plankton zu filtrieren. Foto: Senckenberg/Tränkner

Korallenriffe zählen neben den tropischen Regenwäldern zu den artenreichsten und produktivsten Ökosystemen unserer Erde. Sie bedecken weniger als 0,1 Prozent des Ozeanbodens, beherbergen aber ein Drittel der im Meer lebenden Tierwelt. Diese Vielfalt an Organismen, die Bedrohung dieses gefährdeten Lebensraums sowie Möglichkeiten der Erholung des Ökosystems werden in der faszinierenden neuen Korallenriff-Ausstellung erlebbar. In einer sechs Meter breiten, drei Meter langen und bis zu 3,3 Meter hohen Lebensraumdarstellung sind rund 3.000 Individuen zu entdecken. Interviews mit Akteur*innen aus Europa und aus dem pazifischen Raum geben Einblicke in dortige Lebenswelten und in den Umgang mit dem Ökosystem Riff. Die neue Dauerausstellung ist im Rahmen des modularen Umbauprojekts „Neues Senckenberg Museum Frankfurt“ entstanden – in Zusammenarbeit mit dem Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) in Bremen und mit der Hochschule Trier.

Zentral in der Mitte des Raumes befindet sich das Hauptobjekt der Ausstellung – die Lebensraumdarstellung eines indonesischen Korallenriffs bei Tag und bei Nacht. Zu sehen sind Riff-Bewohner in Interaktion: von der Karettschildkröte mit Putzerfischen in einer Putzerstation, über Haie bei der Jagd bis hin zu einem Kokosnussoktopus in einer Muschel. Es werden auch symbiotische Beziehungen dargestellt, wie etwa das winzige Pygmäen-Seepferdchen, das in den Korallenfächern einer Weichkoralle, einer Gorgonie lebt. Neben dem Riff schwebt ein 1:1-Modell eines Riffmantas. Er scheint zum Sturzflug anzusetzen um sich das Plankton aus dem nährstoffreichen Wasser am Riffhang zu fangen.

Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese, im Senckenberg-Direktorium zuständig für den Bereich Wissenschaft und Gesellschaft, nennt den neuen Ausstellungsraum einen „Meilenstein in der Entwicklung des neuen Frankfurter Museums“. „Die Ausstellung begrenzt sich nicht nur auf die Darstellung eines Lebensraums, sondern befasst sich auch mit gesellschaftfspolitischen Fragestellungen, wie der Gefährdung, aber auch möglichen Maßnahmen zur Rettung des kostbaren Ökosystems und tritt mit Akteur*innen in den Dialog, die rund um Korallenriffe leben und arbeiten“, fährt Böhning-Gaese fort. In Medienstationen kommen eine Fischerin und eine Unterwasserfilmerin sowie Forschende und ein Naturschützer aus Tahiti zu Wort. „Es war uns wichtig, diesen Lebensraum in all seinen Facetten darzustellen“, ergänzt Museumsdirektorin Dr. Brigitte Franzen. „Dazu gehören die tierische und die menschliche Lebenswelt als zwei untrennbare Sphären. Wir ermöglichen unseren Besucher*innen mitten in Frankfurt einen wichtigen und bedrohten Teil der Erde zu entdecken, der nicht so einfach zugänglich ist – wir laden ein, wortwörtlich in unseren Ausstellungsraum ‚einzutauchen‘, das Ökosystem Korallenriff zu erleben und die sozial-ökologischen Zusammenhänge zu verstehen“, so Franzen. „Die Ausstellung weist den Weg, wie wir das Neue Museum vestehen und weiterentwickeln werden.“

Neben dem Riff schwebt ein 1:1- Modell eines Riffmantas. Foto: Senckenberg/Tränkner
Neben dem Riff schwebt ein 1:1- Modell eines Riffmantas. Foto: Senckenberg/Tränkner

Kurator Philipe Havlik hebt die verschiedenen Ebenen hervor, auf denen sich Besucher*innen mit dem Korallenriff auseinandersetzen können: „Es ist möglich, die Lebensraumdarstellung wie ein großes Wimmelbild zu genießen und die vielen Geschichten zu entdecken, die wir mit unseren Objekten erzählen. Wer mag, kann das Wissen vertiefen und unseren Bestimmungsschlüssel oder Mediaguide zur Hand nehmen und einzelne Objekte identifizieren.“ Die Gestaltung des Raumes geht auf diese verschiedenen Ebenen ein: Bänke laden zum Verweilen ein, ein Beamer projiziert Fakten rund um das Ökosystem an die Decke, an einer interaktiven Station können Besucher*innen testen, was mit einem Riff geschieht, wenn sich die Wassertemperatur erhöht, Mediastationen ermöglichen Begegnungen mit Riff-Akteur*innen. Die Gestaltung des Raumes und die begleitenden digitalen Medien haben Studierende des Studiengangs „Intermediadesign“ von der Hochschule Trier unter der Leitung von Prof. Daniel Gilgen übernommen. „Ein tolles Kooperationsprojekt“ lobt Gilgen die Zusammenarbeit. „Hier haben unsere Studierenden die besondere Gelegenheit erhalten, ihre Ideen mit wissenschaftlicher Begleitung in die Praxis umzusetzen und sie in einer Dauerausstellung des Senckenberg Naturmuseums realisiert zu sehen“, fährt er fort.

Die Zoologische Präparatorin Hildegard Enting hat gemeinsam mit ihrem Team bestehend aus Kay Weber, Anna Frenkel, Sylva Scheer und Ute Raudonat über drei Jahre das Riff erarbeitet, Modelle gebaut, vorhandenes Material koloriert und aufgearbeitet. „Für uns war die enge Zusammenarbeit mit unseren Wissenschaftler*innen sehr wichtig“, erklärt Enting. „Wir haben uns bei den jeweiligen Expert*innen von Senckenberg und vom ZMT über die unterschiedlichen Arten informiert und mit ihnen unsere Modelle kritisch besprochen – zum Teil bis ins kleinste Detail, obwohl wir wissen, dass diese Feinheiten in der Ausstellung später kaum zu sehen sein werden. Wir hatten immer den Anspruch, dass die Objekte realistisch und auch aus Sicht der Forschenden korrekt sind“, erklärt Enting.

Prof. Dr. Angelika Brandt leitet die Abteilung Marine Zoologie bei Senckenberg und verweist darauf, dass 2021 die UN-Dekade für Ozeanforschung begonnen hat. „Das ist ein perfekter Zeitpunkt um nach den Ausstellungen Tiefsee und Meeresforschung nun auch unsere neue Riff-Ausstellung zu eröffnen“, erklärt Brandt. „So können wir das Bewusstsein dafür stärken, dass die Bedrohung der Korallenriffe durch Klimawandel, Versauerung der Ozeane, Überfischung, Habitatzerstörung, invasive Arten und Verschmutzung eine globale Herausforderung darstellt. Es ist die Aufgabe der Meereswissenschaften in Zusammenarbeit mit der Politik, Gesellschaft und Industrie die Transformation z. B. zu einem saubereren und gesundereren Ozean bis 2030 zu leisten“, so Brandt.

An der Schnittstelle von Ökosystem und Mensch, von Ökologie und Sozialwissenschaften forscht Dr. Sebastian Ferse vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) in Bremen. Das ZMT ist Wissenschaftspartner der Ausstellung und hat die Entstehung des neuen Themenraums beratend begleitet. Die Interaktion von Mensch und Korallenriff liegt im Fokus der Ausstellung und durchzieht alle begleitenden Medien. Sebastian Ferse untersucht die Bedrohung der Korallenriffe und erforscht die Möglichkeiten, sie zu restaurieren. Dabei sieht er einen globalen und einen lokalen Handlungsansatz: „Global muss es uns gelingen, die Politik zu einem schnelleren und konsequenteren Handeln in Sachen Klimapolitik zu bewegen“. Vor Ort erforscht Ferse aber auch die Möglichkeiten und Chancen des lokalen Riff-Managements: „Lokale Maßnahmen wie die Einrichtung von Meeresschutzgebieten vor Ort, der Schutz von Lebensräumen wie Seegraswiesen und Mangroven in Nachbarschaft der Riffe, aber auch das Fischereimanagement sind enorm wichtig – sie leisten einen spürbaren Beitrag zur Widerstandsfähigkeit von Korallenriffen“, so Ferse.

„Gemeinsam mit den sieben anderen Museen der Leibniz Gemeinschaft begreifen wir uns zunehmend als Orte des Dialogs, die Impulse setzen für eine gesellschaftliche Transformation“, erläutert Katrin Böhning-Gaese. „Der Senckenberg-Schwerpunkt liegt dabei auf dem Schutz und der Förderung der Biodiversität“, ergänzt sie. „Die Ausstellung Korallenriff leistet einen wichtigen Beitrag zu diesen Prozessen und sie wurde maßgeblich durch den Aktionsplan Leibniz Forschungsmuseen gefördert“, schließt Brigitte Franzen.

Öffnungszeiten /Eintrittspreise

Neue Dauerausstellung „Korallenriff“, ab 16. Juli 2021 im Senckenberg Naturmuseum Frankfurt, Senckenberganlage 25, 60325 Frankfurt am Main. Kombitickets: 12 Euro für Erwachsene, 6 Euro für Kinder und Jugendliche (6 bis 15 Jahre) sowie 30 Euro für Familien (2 Erwachsene und bis zu 3 Kinder). Öffnungszeiten: Mo, Di, Do, Fr 9 – 17 Uhr, Mi 9 – 20 Uhr, Sa, So und Feiertage 9 – 18 Uhr.

Informationen

Das Senckenberg Naturmuseum Frankfurt wird 200 Jahre alt! Die Dauerausstellung Korallenriff ist die erste Ausstellung, die im Rahmen des Jubiläumsjahres eröffnet. Das Jahr steht unter dem Motto „Museum for Tomorrow“. Alle Informationen rund um das Jubiläumsjahr finden Sie unter: museumfrankfurt.senckenberg.de
Einen historischen Überblick zum Naturmuseum gibt es unter: www.museumfortomorrow.de

PM Museum for Tomorrow // Das Senckenberg Naturmuseum Frankfurt wird 200 Jahre alt

© Foto Diether v. Goddenthow
© Foto Diether v. Goddenthow

Frankfurt, 29.06.2021. Nachdem die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung 2017 ihr 200. Jubiläum gefeiert hat, steht nun der 200. Geburtstag des Senckenberg Naturmuseums in Frankfurt an. Das Museum begeht sein Jubiläum unter dem Motto „Museum for Tomorrow“. Anhand von 20 ausgewählten Objekten werden die Geschichte und Gegenwart des Museums und der Sammlungen präsentiert – als dezentrale Ausstellung im Museum, die durch viele Räume und Themen führt, als Plakatkampagne und Ausstellungsflyer, mit Clips in den Sozialen Medien, als digitale Führung im Mediaguide sowie auf der Projekt-Webseite museumfortomorrow.de. Besondere Jubiläumsführungen bieten ausführliche Vertiefung in die Geschichte und Zukunft der Institution.

Nur vier Jahre nach der Gründung der „Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft“ entstand 1821 das Senckenberg Naturmuseum. Heute ist Senckenberg die größte Einrichtung der Leibniz-Gemeinschaft und forscht an sieben Instituten zu allen Aspekten der Biodiversität. Wie entstand die Erde, wie beeinflusst der Klimawandel das Artensterben, wie sieht unsere Zukunft aus? „In unserem Naturmuseum wird Forschung sichtbar und wir zeigen, woher und wodurch wir Wissen über die Natur gewinnen“, so Prof. Dr. Andreas Mulch, Direktor des Senckenberg Forschungsinstituts und Naturmuseums Frankfurt.

Triceratrops, Goliathkäfer, Blauer Seestern, Gewöhnlicher Wasserschlauch, Massai-Löwen – das sind fünf der 20 ausgewählten Jubiläums-Objekte. Zahlreiche Senckenberger*innen aus Forschung und Museum waren beteiligt, um 20 aus rund 10.000 Ausstellungsobjekten auszuwählen. „Die Auswahl ist uns nicht leicht gefallen“, erklärt Museumsdirektorin Dr. Brigitte Franzen: „Welche Objekte stehen für die Geschichte und Zukunft der Sammlungen? Welche sind kurios und welche waren sehr lange im Verborgenen und warten auf Entdeckung?“, fährt sie fort. „Es war uns wichtig, die Vielfalt unserer Exponate und die Vielfalt der Senckenberg-Forschung abzubilden“, ergänzt Mulch. Spannende Herkunftsgeschichten sowie die historische und wissenschaftliche Bedeutung der einzelnen Objekte waren die Grundlage für die Auswahl. „Mit dem ‚Museum for Tomorrow‘ werfen wir einen Blick in die Vergangenheit und loten aus, was die Zukunft bereit hält“, fasst Brigitte Franzen das Konzept von Ausstellung und Kampagne zusammen.

Die 20 „Museum for Tomorrow“-Objekte sind grafisch gekennzeichnet – jedes steht für ein Jahrzehnt Museumsgeschichte. Ein mehrseitiges Faltblatt liefert zusätzliche Informationen. Eine „Museum for Tomorrow“-Mediaguide-Tour führt außerdem digital durch das Projekt. Es stehen aber auch Museumsführungen mit Senckenberg-Guides auf dem Programm. Im Saal der Wale und Elefanten befindet sich eine Mitmach-Station, in der Senckenberg seine Besucher*innen fragt, wie das Museum der Zukunft aussehen könnte. „Für die Visualisierung unserer Jubiläumskampagne konnten wir die Künstlerin Veronika Günther gewinnen“, freut sich Brigitte Franzen. „Dank ihrer ausdruckstarken Plakate, gehen wir mit der Ausstellung auch in die Stadt – und die Poster werden dann hoffentlich bald auch in den Wohnungen unserer Besucher*innen hängen“, fährt sie fort.

Einen Eindruck, wie das Museum der Zukunft aussehen kann, bietet die neue Dauerausstellung „Korallenriff“, die ab dem 16. Juli zu sehen sein wird. Das Ausstellungsteam unter der Leitung des Kurators Philipe Havlik hat über drei Jahre hinweg das Projekt geplant und realisiert. Darunter die 6 Meter lange, 3 Meter breite und bis zu 3,3 Meter hohe Lebensraumdarstellung eines indonesischen Korallenriffs, das von den Präparatorinnen Hildegard Enting, Anna Frenkel, Kay Weber und Sylva Scheer konzipiert wurde und rund 3.000 Individuen präsentiert. Interviews mit Akteur*innen aus dem pazifischen Raum geben Einblicke in dortige Lebenswelten und den Umgang mit dem Ökosystem Riff. Das Korallenriff ist nach der Tiefsee und der Meeresforschung der dritte Themenraum, der im Rahmen des Projekts „Neues Senckenberg Museum Frankfurt“ realisiert wird.

Ebenfalls noch im Jubiläumsjahr, am 21. November, eröffnet die „Aha?! Forschungswerkstatt“. In den experimentell gestalteten Räumen im Erdgeschoss werden die Besucher*innen zukünftig aktiv in den Kontakt mit Wissenschaftler*innen treten. Dort kann man aber auch selbst an Sammlungsstücken arbeiten und neue Themen entdecken. Die Faszination der Naturforschung, unbekannte Dinge zu bearbeiten, Zusammenhänge zu begreifen und die Welt Stück für Stück besser zu verstehen, wird hier erfahrbar. Getrieben von ihrer Neugier entwickeln Wissenschaftler*innen stets neue Forschungsfragen und untersuchen sie durch gezielte Recherche und durchdachte Experimente. In der Forschungswerkstatt gibt es die Möglichkeit zum Mitmachen und Dabeisein: Hier können Exponate vermessen, unter dem Mikroskop betrachtet, gezeichnet und verborgene Welten entdeckt werden. Forschungsboxen mit Objekten, begleitenden Fragestellungen und Denkimpulsen regen an, Zusammenhänge in der Natur zu verstehen und eigene Fragestellungen zu entwickeln. Wer kreativ arbeiten will, kann zeichnen, modellieren oder mit Naturmaterialen gestalten. Und es gibt die Gelegenheit mit Forschenden auch direkt ins Gespräch zu kommen.

Historischer Rückblick sowie Ausblick des Senckenberg-Museums