Kategorie-Archiv: Wiesbadener Biennale

Theater- und Biennalefest am 1.09.2018 zur Eröffnung der Spielzeit im Wiesbadener Staatstheater

Tägliche Festtagsstimmung im Rewe-Theatersupermarkt anlässlich der Wiesbadener Biennale 2018 auch beim Theaterfest am 1.9.. Foto: Heike v. Goddenthow
Tägliche Festtagsstimmung im Rewe-Theatersupermarkt anlässlich der Wiesbadener Biennale 2018 auch beim Theaterfest am 1.9.. Foto: Atelier Goddenthow

Mit der Wiesbaden Biennale, die vom 23. August bis 2. September 2018 stattfindet, eröffnet das Hessische Staatstheater Wiesbaden die neue Spielzeit.

Für Fans und Neugierige bietet das Theater- und Biennalefest am Samstag, den 1. September 2018 ab 14 Uhr besondere Einblicke hinter die Kulissen mit offenen Bühnen und Werkstätten sowie vielfältigem Programm für die ganze Familie: Mit der beliebten Kostümversteigerung, Chor- und Kammerkonzerten und Ausschnitten aus dem Programm der Spielzeit 2018.2019 aller Sparten bietet das Theater- und Biennalefest ein Programm für Groß und Klein. Die Werkstätten gewähren Einblicke in ihre Arbeit und es gibt Führungen durch die Kostüm- und Maskenabteilungen. Ein Meet & Greet mit der Theaterleitung und der Leitung der Wiesbaden Biennale gibt Gelegenheit ins Gespräch zu kommen. Ein Rahmenprogramm in den Kolonnaden und Warmen Damm runden das Fest ab. Für viele attraktive und ausgewählte Vorstellungen in der kommenden Spielzeit gewährt die Theaterkasse spezielle Ticketangebote zum Spielzeitstart.

Auf dem Programm der Wiesbaden Biennale stehen an diesem besonderen Tag einerseits die international erfolgreiche Produktion »Five Easy Pieces« von Milo Rau, um 19 Uhr im Malsaal, sowie die schräg-komisch und gleichzeitig melancholisch-traurige Performance »You are not alone« des englischen Performers Kim Noble im Studio an. Im Anschluss klingt der Abend mit einer Autokino-Vorstellung des Road-Movie-Klassikes »Fear and Loathing in Las Vegas« auf der Bühne im Großen Haus aus.

Wenn das Theater zum Parkhaus wird. täglich von 11 bis 18.00 Uhr und am Theaterfest zu besichtigen.  Foto: Heike v. Goddenthow
Wenn das Theater zum Parkhaus wird. täglich von 11 bis 18.00 Uhr und am Theaterfest zu besichtigen. Foto: Atelier Goddenthow

Für die Wiesbaden Biennale verwandeln über 30 internationale Künstlerinnen und Künstler sowie Kollektive Wiesbaden elf Tage lang in ein pulsierendes Herz zeitgenössischer Kunst. Die City Passage an der Schwalbacher Straße wird als interdisziplinärer Ausstellungsparcours wiedereröffnet, das Staatstheater erlebt eine Nachnutzung als Parkhaus und Shoppingarcade. Zahlreiche Arbeiten überraschen die Besucherinnen und Besucher im Stadtraum.

Mehr Infos zum Theater- und Biennalefest und zum Programm der Wiesbaden Biennale gibt es – auch in den Theaterferien – am Publikumshandy der Wiesbaden Biennale: +49. 151 700 444 22.

 Autokino statt Bühenprogramm-  beginnt, wenn das Theaterparkhaus schließt. Foto: Heike v. Goddenthow
Autokino statt Bühenprogramm- beginnt, wenn das Theaterparkhaus schließt. Foto: Atelier  Goddenthow

Wegen des Taunusstraßenfestes und des City Biathlons, der am 1. September rund um das Theater ausgetragen wird, werden die Besucher des Theater- & Biennalefestes gebeten ausreichend Zeit für die Anreise einzuplanen. Es kann zu Verkehrsbehinderungen und erschwerten Zufahrt zu Parkplätzen kommen.

Theater- und Biennalefest
Samstag, 1. September 2018

Beginn: 14 Uhr, darüber hinaus weitere Veranstaltungen der Wiesbaden Biennale

Kolonnaden & verschiedene Orte in & um das Hessische Staatstheater Wiesbaden

Nach dem „müden Europäer“ nun „Bad News“ aus dem „Hinterland“- Wiesbadener Biennale 2018 in den Startlöchern!

Unter der Intendanz von Uwe Erc Laufenberg (r.) verantworten die beiden Kuratoren Maria Magdalena Ludwig und Martin Hammer die zweite Ausgabe der Wiesbadener Biennale vom 22.3.8. bis 2.9.2018. Gestern eröffneten sie das Biennale-Projektbüro Schwalbacher Strasse /Ecke Faulbrunnenstrasse und setzten den Startschuss für die künstlerische Intervention unter dem Schwerpunktthema "Hinterland". © Foto: Diether v. Goddenthow
Unter der Intendanz von Uwe Erc Laufenberg (r.) verantworten die beiden Kuratoren Maria Magdalena Ludwig und Martin Hammer die zweite Ausgabe der Wiesbadener Biennale vom 22.3.8. bis 2.9.2018. Gestern eröffneten sie das Biennale-Projektbüro Schwalbacher Strasse /Ecke Faulbrunnenstrasse und setzten den Startschuss für die künstlerische Intervention unter dem Schwerpunktthema „Hinterland“. © Foto: Diether v. Goddenthow

Noch wird nichts verraten, nur so viel: „Eines der Elemente der Wiesbadener Biennale 2018 wird die ‚Überraschung‘ sein“, beschrieb Museumsdirektor Dr. Alexander Klar, einer der  drei Biennale-Kooperationspartner des Hessischen Staatstheaters, treffend den Planungs-Stand des alle zwei Jahre  veranstalteten Wiesbadener Avantgarde-Festivals „Biennale“  auf der heutigen Eröffnung des Projektbüros an  der Schwalbacher Straße.

Mit diesem ersten Schritt in die Öffentlichkeit setzte das Kuratoren-Team Maria Magdalena Ludwig und Martin Hammer unter der Intendanz von Uwe Eric Laufenberg den Startschuss für die künstlerische Intervention der Wiesbadener Biennale, die  vom  23. August bis 2. September 2018 neben den Spielstätten „Großes Haus“, „Kleines Haus“, „Studio“, „Wartburg“, „Malsaal“, „Foyer Großes Haus“, „Warmer Damm“ und „Projektbüro“ als besonderes Highlight die im Stadtzentrum  leerstehende , heruntergekommene, beinahe dörflich-morbid anmutende City Passage unter dem Schwerpunktthema „Hinterland“ bespielen wird. International renommierte Künstler, wie Santiago Sierra oder Roger Ballen, werden speziell für die Wiesbadener Biennale neue Projekte entwickeln, die zugleich als Pilotprojekt erstmals  durch die Partner  Museum Wiesbaden,  Schlachthof Wiesbaden  und dem Nassauischen Kunstverein  mit dem  Kunstsommer verflochten sein werden.

Von der Wilhelmstrasse ins „Hinterland“?

Würdig „eingeweiht“ mit anregender Diskussion zwischen dem Kuratoren-Team, den Biennale-Partnern: Alexander Klar (Museum Wiesbaden), Carsten Schack u. Hendrik Seipel-Rotter (Kulturzentrum Schlachthof Wiesbaden) und Evelyn König (Nassauischer Kunstverein), sowie Vertretern der Presse. © Foto: Diether v. Goddenthow
Würdig „eingeweiht“ mit anregender Diskussion zwischen dem Kuratoren-Team, den Biennale-Partnern: Alexander Klar (Museum Wiesbaden), Carsten Schack u. Hendrik Seipel-Rotter (Kulturzentrum Schlachthof Wiesbaden) und Evelyn König (Nassauischer Kunstverein), sowie Vertretern der Presse. © Foto: Diether v. Goddenthow

Dabei verschiebt die Wiesbadener Biennale 2008 ihr Zentrum von der Wilhelmstrasse an die Schwalbacher Straße und setzt, entsprechend damit den Fokus auf ein Quartier Wiesbadens, welches in starkem Kontrast zum neo-barocken Hessischen Staatstheater und den historischen Kuranlagen steht. Es sei in etwa vergleichbar mit dem Verhältnis kulturell und wirtschaftlich prosperierender Metropolen zu ihrem „Hinterland“. Solch Provinzgefühl hatte sich  Maria Magdalena Ludwig einst bei einem unfreiwilligen, längerem  S-Bahn-Stopp im Örtchen Flörsheim aufgedrängt, einem Ort der Pendler zwischen Wiesbaden und Frankfurt, vom Lärm dreier Einflugschneisen des nahen Flughafens gequält, ein zersiedeltes Gebiet, an dem man sich im Rhein-Main-Gebiet jedoch noch den „Traum“ vom  Häuschen im Grünen leisten könne, ein Ort, der auf den ersten Blick wie Hinterland wirke, eher zweckmäßig, gesichtslos und austauschbar.

Themenschwerpunkt HINTERLAND
Historisch verstanden, bezeichnete Hinterland den Einzugsbereich des Hafens oder die Versorgungsgebiete um die Metropolen, erläuterte Biennale-Kurator Martin Hammer. Im Kolonialzeitalter galt das bereits eroberte oder noch nicht kontrollierte Gebiet hinter der Grenzlinie als Hinterland. Hier gab es weniger Regeln, weniger Schutz und mehr Freiraum. In den USA nenne man es Fly-Over-Country, da es für die Bewohner von Metropolen keinen Grund gäbe, dort zu landen, so Hammer. Wer hier lebe, sei statistisch schlechter ausgebildet, verdiene weniger und stürbe früher, so der Kurator.

Impression des Bürojektbüros, gut sichtbar am Nadelöhr zwischen Westend und Fußgängerzone als erster Anker des Dialogs zwischen künstlerischer Intervention und einem Stadtquartier im Umbruch. Mit der nahegelegenen City-Passage wird die Wiesbadener Biennale ein "Wasteland" bespielen, ein Hinterland mitten im Zentrum Wiesbadens.. © Foto: Diether v. Goddenthow
Impression des Bürojektbüros, gut sichtbar am Nadelöhr zwischen Westend und Fußgängerzone als erster Anker des Dialogs zwischen künstlerischer Intervention und einem Stadtquartier im Umbruch. Mit der nahegelegenen City-Passage wird die Wiesbadener Biennale ein „Wasteland“ bespielen, ein Hinterland mitten im Zentrum Wiesbadens.. © Foto: Diether v. Goddenthow

HINTERLAND als Themenschwerpunkt der Wiesbadener Biennale 2018 solle, so das Kuratoren-Team, jedoch „nicht nur geografisch eine Region abseits der Metropole bezeichnen, sondern auch eine Geisteshaltung: eine aufgestaute Wut und das Aufbegehren gegen das bleierne Gefühl, den Auswirkungen der globalisierten Wirtschaft nichts entgegensetzen zu können.“ So werden sich die von international renommierten Künstlerinnen und Künstlern im Rahmen von HINTERLAND entwickelten neuen Arbeiten auch explizit „ästhetisch mit der aufkeimenden Protestkultur, mit populistischer Rhetorik, vulgärer Bildsprache und aktionistischer Machtdemonstration auseinandersetzen“, so die Kuratoren. Deshalb lautet das Leitmotiv der Biennale: „Bad News“, vielleicht auch gedacht als  Versuch einer kollektiven paradoxen Intervention? Denn eines soll und wird auch 2018 das experimentelle Wiesbadener  Theater- und Kunstfestival Biennale  gewiss nicht werden: depressiv!

Am 17. April 2018  wissen wir Genaueres. Dann wird das Festival-Gesamtprogramm mit Theater-Angeboten, Performances, künstlerischen Positionen zwischen Bildender Kunst und Intervention und weiteren Überraschungen vorliegen. Schon jetzt lädt das Projektbüro an der Schwalbacher Strasse/ Ecke Faulbrunnenstrasse  zum Dialog mit dem Biennale-Team ein. Der Vorverkauf beginnt voraussichtlich ab dem 18.April 2018.

(Diether v. Goddenthow/ Rhein-Main.Eurokunst)

Weitere und aktuelle Informationen: Wiesbadener Biennale 2018

Kleiner Rückblick auf Avantgarde-Festival Biennale 2016

Wiesbadener Biennale lädt ein zu experimentellen Neuproduktionen und internationalen Gastspielen ab 25. August 2016

Asyl des müden Europäers Niederlande. Dries Verhoeven – Die Kirche: Die Beerdigung Eintritt frei. © Hessisches Staatstheater Wiesbaden
Asyl des müden Europäers Niederlande. Dries Verhoeven – Die Kirche: Die Beerdigung
Eintritt frei. © Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Mit der Wiesbaden Biennale eröffnet das Hessische Staatstheater die neue Spielzeit 2016/17 und wagt den Aufbruch in die Zukunft. Unter dem Titel „This is not Europe“ präsentiert die Wiesbaden Biennale vom 25.8. bis 4.9.2016 über zwanzig internationale Avantgarde-Künstlerinnen und Künstler, Kollektive und Ensembles, die mit unterschiedlichsten künstlerischen Strategien Narrationen von Europa schaffen.

Das Festival zeigt neun Gastspiele auf allen Bühnen des Staatstheaters, darunter eine Uraufführung, eine Europa-Premiere und zahlreiche Deutschland-Premieren. Zugleich produziert das Festival erstmals in seiner Geschichte Neuproduktionen. Im Programmschwerpunkt „Asyl des Müden Europäers“ entwickeln internationale Residenzkünstler zehn eigens für Wiesbaden entwickelte Projekte an unterschiedlichen Orten in der Stadt. Die Wiesbaden Biennale versteht sich als Fortschreibung des traditionsreichen Festivals „Neue Stücke aus Europa“. Mit Maria Magdalena Ludewig und Martin Hammer übernimmt eine junge Generation die kuratorische Leitung und konzeptionelle Ausrichtung.

Die Wiesbaden Biennale zeigt neue Arbeiten von Rabih Mroué, Dries Verhoeven, Dora García, Thomas Bellinck, Markus Öhrn, Arkadi Zaides, Tiago Rodrigues, Ingo Niermann, Margarita Tsomou, Thomas Hirschhorn sowie internationale Gastspiele, u.a. von Dmitry Krymov, Romeo Castellucci und Kornél Mundruczó.

Veranstalterungskalender

Das Alte Gericht im Focus

Ein für Wiesbaden besonderes Projekt dürfte die Produktion „Das Museum“ im Alten Gericht sein, dem bislang immer noch umstrittenen Wunschort zur Etablierung eines Hauses der Stadtkultur mit einem  historischen Stadtmuseum für die Landeshauptstadt.  Wenigstens fiktional, können   während der Biennale Wiesbaden Besucher einzeln das dunkle Neo-Renaissance-Gebäude voller merkwürdiger Exponate, Schrifttafeln und angestaubter Landkarten schlurfen und auf sich wirken lassen und sich in eine ferne Zukunft imaginieren, aus der sie dann  “ durch die Augen des belgischen Künstlers Thomas Bellinck zurück auf unsere Gegenwart“ schauen. Denn im „Domo de Eŭropa Historio en Ekzilo“, dem Haus der europäischen Geschichte im Exil, lässt Bellinck die alte Idee vom vereinten Europa noch einmal aufleben, als wäre sie längst vergangen. Den Wiesbadenern wäre vielleicht  bereits geholfen, wenn sich nach diesem Museums-Projekt wenigstens lokal  die derzeit divergierenden Ideen der Standort-Freunde und -Gegner für ein Haus der Stadtkultur mit Historischem Museum  annähern würden und alle gemeinsam in einen konstruktiven Dialog eintreten würden.

Thomas Bellinck – Das Museum: Domo de Eŭropa Historio en Ekzilo. Eine Produktion von Robin vzw. und dem Koninklijke Vlaamse Schouwburg in Koproduktion mit Wiesbaden Biennale und Onassis Cultural Center. © Hessisches Staatstheater
Thomas Bellinck – Das Museum: Domo de Eŭropa Historio en Ekzilo. Eine Produktion von Robin vzw. und dem Koninklijke Vlaamse Schouwburg in Koproduktion mit Wiesbaden Biennale und Onassis Cultural Center. © Hessisches Staatstheater

Veranstalterungskalender

Zum Festival

Anknüpfend an das traditionsreiche Festival »Neue Stücke aus Europa« steht die Frage nach einer europäischen Identität als komplexe gesellschaftliche Erzählung im Zentrum ihrer Neukonzeption. Wer sind die Autoren dieser Erzählung? Welche Narrative werden unterdrückt, manipuliert oder verdrängt? Unter dem Titel »This is not Europe« versammelt die Wiesbaden Biennale 2016 die Widersprüche der neuen Identitätserzählungen, die die massiven Erschütterungen des europäischen Selbstverständnisses hervorbringen. Wer wollen wir sein, was macht uns aus und wer gehört zu uns?

Die Wiesbaden Biennale versammelt in diesem Jahr über zwanzig internationale Avantgarde-Künstler*innen, Kollektive und Ensembles, die auf ganz unterschiedliche Art Narrationenvon Europa schaffen – radikal subjektiv, bruchstückhaft, herausfordernd und spielerisch zugleich.

Sie erforschen, wie wir unsere Identitäten konstruieren – wie wir zu Autoren unserer Biographien – aber auch von Gemeinschaft werden können. Ihre Arbeiten – neun Gastspiele auf allen Bühnen des­ Staatstheaters,darunter eine ­Uraufführung, eine Europa-Premiere und zahlreiche Deutschland-Premieren, sowie im Asyl des Müden Europäers zehn eigens für Wiesbaden neu produzierte Projekte an unterschiedlichsten Orten in der Stadt – sind Abbild eines vielstimmigen und widersprüchlichen Dialogs. Wie wollen wir leben? Was macht Europa in Zukunft aus? Elf Tage lang ist die Wiesbaden Biennale Einladung und Herausforderung zugleich. Von morgens früh bis spät in die Nacht können Sie sich verführen lassen zu hitzigen Debatten, avantgardistischen Performances, beeindruckenden Installationen, großem Theater, wilden Konzerten und rauschenden Partys. Und vielleicht entsteht ja ganz nebenbei für eine kleine Weile mitten in der Weltkurstadt eine utopische Gemeinschaft aus Künstlern, Wiesbadenern und Gästen, die Lust macht zum Aufbruch ins spekulativ Ungewisse.

ASYL DES MÜDEN EUROPÄERS

Das vereinte Europa, es war eine große utopische Erzählung: Frieden, Freiheit und Wohlstand. Generationen haben an ihr mitgeschrieben in der Hoffnung, dass aus Utopie und Behauptung dauerhafte Wirklichkeit werden könnte. Lässt sich diese Erzählung noch fortschreiben? Oder ist sie schon unwiederbringlich zerbrochen? Wie sieht sie aus, die neue Erzählung unserer Identität?

Die internationalen Künstler*innen haben den Entwurf einer utopischen Gemeinschaft mit exemplarischen Institutionen geschaffen, die uns an Kirche, Parlament oder Museum erinnern. Zwölf Orte und Projekte, verteilt in der Innenstadt und rund um das Staatstheater. Mit kritischer Skepsis wagen sie in ihren Arbeiten einen vorsichtigen Neubeginn.
Erkunden Sie die utopischen Institutionen auf einem der geführten Spaziergänge oder erobern Sie sich Ihren eigenen Weg durch Installationen und Performances im spätsommerlichen Wiesbaden.

Geführte Spaziergänge
KLEINE RUNDE / GROßE RUNDE
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„Europäische Identität“ und „Asyl für die utopische Gesellschaft“ während der Wiesbadener Biennale 2016

Einer imaginären Gesellschaft, die niemals kommen darf, sollte man wenigstens mal Asyl gewähren, daher der eines Biennale-Projektes "Asyl des müden Europäers", so Kuratorin Maria Magdalena Ludewig auf der Pressekonferenz  © massow-picture
Einer imaginierten Gesellschaft, die niemals kommen darf,  weil sie ja ansonsten nicht mehr utopisch, sondern real wäre, sollte man wenigstens temporär  Asyl gewähren. Hieraus entwickelte sich das Motto der erstmalig auf der Biennale Wiesbaden  geplanten Eigenproduktionen : „Asyl des müden Europäers“, © massow-picture

Wiesbaden Biennale 25. August bis 4. September 2016: This is not Europe

Am Hessischen Staatstheater Wiesbaden stellten die Kuratoren Maria Magdalena Ludewig und Martin Hammer die neue Konzeption der Wiesbaden Biennale 2016 unter dem Titel »This is not Europe« vor, die vom 25. August bis zum 4. September 2016 stattfinden wird.

Anknüpfend an das traditionsreiche Festival »Neue Stücke aus Europa« steht die Frage nach einer europäischen Identität als komplexe gesellschaftliche Erzählung im Zentrum ihrer Neukonzeption. Unter dem Titel »This is not Europe« versammelt die Wiesbaden Biennale 2016 die Widersprüche der neuen Identitätserzählungen, die die massiven Erschütterungen des europäischen Selbstverständnisses hervorbringen. „Wer wollen wir sein, was macht uns aus?  Wer gehört zu uns?“ Wenn wir fragten, was denn eigentlich „unsere Identität“ sei, wer wir wären, stellten wir fest, dass „wir Identität als eine Erzählung aus unserer Biographie begreifen“, steigt Martin Hammer während der Pressekonferenz ins weite Feld „Identitätsfindung“ ein und macht den gespannten Hörer klar, dass diese Erzählungen über uns selbst immer wieder variiere, nämlich „je nachdem, wem man gegenüberstünde, wann und in welchem Zusammenhang man Persönliches erzähle“. Das bedeutete, dass Antworten auf die Frage, wer man sei, immer wieder anders ausfielen, und gleichzeitig seien aber alle Erzählungen irgendwie wahr, so Hammer weiter. Identität sei daher „etwas Flüchtiges, was jeweils neu konstruiert wird“. Und was wir für eine Biographie beschrieben, gelte natürlich auch – größer gedacht – für die Fragen „was denn eine europäische Identität“ sei: „Was ist denn eine europäische Identität?. Wer, welcher Autor, erzählt denn diese Geschichte, und wie setzt sich diese Geschichte zusammen? Welche Erzählungen werden  mitunter bewusst unterdrückt oder an den Rand gedrängt und sollen in dieser Identitätserzählung von Europa nicht vorkommen?“

Diese inhaltlichen Fragestellungen werden, so die Kuratoren, die Auswahl des Gastspielprogramms der Wiesbaden Biennale 2016 prägen. Wie bisher werden  10 internationale Produktionen zu sehen sein, in denen die Künstlerinnen und Künstler den Herausforderungen unserer Zeit mit unterschiedlichen Praktiken von Autorenschaft und Performance begegnen. Als Autoren ihrer Werke, international vernetzt arbeitend, schaffen sie transnationale Identitätserzählungen, in denen die Konflikte Europas erfahrbar werden.

„Asyl des müden Europäers“

„Aber vor allem wird es erstmals in der Geschichte des Festivals Neuproduktionen geben“, so Maria Magdalena Ludewig. Diese Neu-Produktion ist das Projekt, was wir im Moment unter „Asyl des müden Europäers“ verstehen. „Was ist das ‚Asyl des müden Europäers’?“, stellt Ludewig die Frage an die Runde, und beantwortet sie sogleich selbst: „Das fragen wir uns auch die ganze Zeit, zugegebenermaßen!“ Die Antwort ändere sich auch andauernd. Wenn man an die rechte Wandseite  schaue (siehe Foto oben), sehe man, dass der Slogan auch mal anders, nämlich „Asyl der kommenden Gemeinschaft“ hieß. Diese Motto wurde dann immer wieder ein bisschen umgedichtet, weil wir uns gefragt haben, „wie kann man eigentlich jenseits von dieser Alternativlosigkeit und diesem rein zweckorientierten Pragmatismus, wo uns die ganze Zeit gesagt wird ‚Wir müssen jetzt handeln!, Wir müssen das jetzt entscheiden, Wir haben jetzt keine Zeit für neue Ideen, neue Kultur usw.‘ wie kann man diesem festgefahrenen Denken eigentlich begegnen, und vielleicht doch einen Gegenentwurf wagen?“ Es müsse doch irgendwie möglich sein! Dann sind wir auf Herrn Agamben gestoßen und haben sein Buch über ‚Die kommende Gemeinschaft‘ gelesen“, so die Kuratorin.

„Die kommende Gemeinschaft“ bei Giorgio Agamben sei eigentlich relativ einfach beschrieben: „Es ist eine Gemeinschaft, die immer als die kommende imaginiert wird, die aber auf gar keinen Fall kommen darf. Denn wenn sie kommen würde, könnte man sie nicht mehr imaginieren, weil sie ja dann da wäre.“ Das wäre eigentlich recht komisch und beschreibe schon einen Widerspruch in sich. Aber eine Utopie sei nicht dazu da, dass sie Wirklichkeit werde, sondern sie sei dazu da, dass sie einem eine Handlungsmöglichkeit oder eine Handlungsrichtung in der Gegenwart gebe, so Ludewig. „Und wir haben uns gefragt: ‚Wie könnten wir das nutzen, wie könnten wir sozusagen einen Entwurf machen?‘ Die führte zu der Idee zu sagen: ‚Naja, wenn die kommende Gemeinschaft nie kommen darf, dann kann sie doch wenigstens mal temporär Asyl erhalten.‘ Das ist der eigentliche Überlegungsweg, der hinter dem Begriff ‚Asyl‘ steht, lange bevor die ganze Asyl-Debatte losging und sich zuspitzte, so Ludewig und weiter:.“Asyl ist erstmal etwas ganz Tolles, ein Zufluchtsort, ein Übergangsort, ein Transit-Ort. Das ist der einzige Ort des Neubeginns. Das ist ja eben ein gute Ort, an dem man Asyl findet.“, so Ludewig.

Die sechs Neu-Produktionen

Sechs Neuproduktionen werden derzeit vor Ort entwickelt, mit den international bekannten Residenzkünstlern Rabih Mroué, Dries Verhoeven, Thomas Bellinck, Tiago Rodrigues, Georgia Sagri, Ingo Niermann, Margarita Tsomou, Arkadi Zaides u. a. sowie weiteren. Die Idee ist, dass die Produktionen nicht im Theaterbau stattfinden, sondern in die Stadt hineingetragen werden und an vielen Orten „Asyl“ erhalten sollen, etwa im Alten Gericht, in der Anglikanischen Kirche, im Museum. im Theaterladen als Gemeinschaftszentrum usw. Der Name Asyl habe sich schon eingebürgert als Keimzelle für etwas, was später mal größer werden soll, und sich hier über die Stadt wie so ein Netzwerk von verschiedenen Orten spannen möge, erläuterten die Kuratoren.

Sich öffnen für die Stadtgesellschaft

„Wir wollen gleichzeitig aber auch versuchen,“ so Ludewig, „hier eine wirkliche Gemeinschaft mit unserem Publikum, mit unseren Künstlern um dieses 10 Tage-Festival zu leben.“ Es ginge nicht nur darum, künstlerische Projekte in die Stadt hinaus zu tragen, sondern auch um die Frage, inwiefern nicht schon das Festivalpublikum, die Künstler und alle, die hierbei „ineinander laufen, einander begegneten“ schon so etwas wie eine utopische Gemeinschaft seien, gemeinsam die Kunst wahrzunehmen. Und ihnen soll auch der Theaterladen (zwischen Kolonnaden und ehemaligem Café Wagner) Asyl (Begegnungsort) sein.

Utopia institutionell gedacht

Was braucht man für eine kommende Gemeinschaft? Jede Gemeinschaft besteht aus Institutionen. „Und wenn man Institutionen neu denkt, kann man auch eine Gemeinschaft neu denken, führt Maria Magdalena Ludewig in die Grundüberlegungen der Produktionsplanungen ein: „Das heißt: wir haben uns mit Künstlern zusammengesetzt und überlegt. wie  wir die Institutionen einer kommenden Gemeinschaft zusammen gründen können? Wie kann ein Künstler eine Institution, einen neuen Raum, einen neuen Rahmen und eine Idee davon entwickeln?“ Ganz unterschiedliche Projekte seien dabei herausgekommen, einige, die es schon mal gegen hat, andere Projekte, die absolut neu entwickelt werden,“bei denen wir noch gar nicht wissen, wo das Fertige hingeht“. Aber es ist ja auch noch ein wenig Zeit bis Ende August nächsten Jahres.

Dem Sterben imaginärer Werte, Gedanken, Geschichte etc. einen würdigen Rahmen verleihen
Dries Verhoeven (Niederlande), geboren 1976, arbeitet gemeinsam mit dem Autor Julian Pörksen (Deutschland), geboren 1985. Er wird sich ums imaginäres Abschiednehmen von Vorteilen, Werten usw. kümmern. Dazu entwickeln Dries und Pörksen zehn groß angelegte, sogenannte Beerdigungszeremonien, die täglich während des Theaterfestivals in der anglikanischen Kirche St. Augustine stattfinden werden. Welche „Werte“ beerdigt werden, steht noch nicht fest: Ist es beispielsweise an der Zeit, „uns von der ‚multikulturellen Gesellschaft‘ zu verabschieden? oder vom ‚Wohlfahrtsstaat‘ oder von der Idee des ‚Europäischen Gedanken’? Verhoeven orientiert sich mit großer Ernsthaftigkeit an christlichen Ritualen und schafft es, ganz unironisch den Blick auf »sterbende« Konzepte unserer Zeit zu lenken. 10 Tage lang wird es  mehrmals täglich zu einem thematischen Schwerpunkt  Beerdigungen geben! Verhoeven arbeitet als Performer, Theatermacher und Bildender Künstler. Seine groß angelegten Installationen, Performances und Happenings werden auf den wichtigsten europäischen Festivals gezeigt und fordern in ihrer radikalen Zuspitzung dazu heraus, den eigenen Standpunkt in Prozess der kollektiv produzierten Narration unserer Gesellschaft zu hinterfragen.

Das fiktive Museum »Domo de Eŭropa Historio en Ekzilo«.als Parodie im Alten Gericht Wiesbaden
Spannend verspricht auch Thomas Bellinck fiktives Museum als „Parodie auf das europäische Haus der Geschichte“ in Brüssel zu werden. Der Belgier wurde 1983 geboren und ist einer der bemerkenswertesten jungen Regisseure und Künstler Belgiens. Seine Arbeiten fallen durch sehr präzise Analysen der Wirklichkeit auf, die er in unterschiedlichste künstlerische Formate umsetzt. Im Rahmen des »Asyls des müden Europäers« entwirft Bellinck im »Alten Gericht« in Wiesbaden ein fiktives Museum: das »Domo de Eŭropa Historio en Ekzilo«. Aus dem Jahr 2021 blickt es auf den Zusammenbruch Europas zurück. Mit großer Liebe zum Detail entwirft Bellinck die Erzählung vom Untergang einer politischen Idee. »Dome de Eŭropa Historio en Ekzilo« entstand ursprünglich am KVS in Brüssel und wurde bei den Wiener Festwochen 2014 gezeigt. In Kooperation mit dem Onassis Centre wird eine Neuerarbeitung entwickelt, die 2016 in Athen und Wiesbaden gezeigt werden wird.

Grandhotel im prunkvollen Foyer des Theaters

© massow-picture
Theater-Foyer © massow-picture

Besonders originell und auf viel Interesse dürfte das im prunkvollen Theater-Foyer improvisierte Grandhotel stoßen.
Wiesbadenerinnen und Wiesbadener sowie ihre Gäste sind eingeladen, die Stadt und ihre Gemeinschaft durch den Blick der Künstlerinnen und Künstler neu zu entdecken: als Übernachtungsgäste im temporären Grandhotel im Foyer des Theaters als aktiv Beteiligte an einem der Projekte oder als Zuschauerinnen und Zuschauer der zahlreichen Veranstaltungen an besonderen Orten in der Stadt.
Ab 1. Dezember 2015 können Interessenten das Goldene Wellness-Ticket für 80 Euro und das Goldene Wellness Ticket de lux für 100 Euro zur Übernachtung im Foyer-Grandhotel an der Kasse des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden erwerben. Darin enthalten sind neben Tickets für vier Gastspiele ein Gemeinschafts-Frühstück, jeweils ein Bettgestell mit Matratze und Bettzeug (Feldbetten seien angesichts der gegenwärtigen Flüchtlingsdramatik unangemessen). Delux-Bucher genießen zudem mehr Privatsphäre durch zusätzliche Sichtschutzwänden.

Zwei Formate im Campus
Darüber hinaus wird es im Rahmen der Wiesbaden Biennale wieder einen Campus mit internationalen Studierenden und mit der »Academy of Translations« eine interkulturelle Plattform für Übersetzung und Sprache geben.

Tickets

Karten sind ab den o. g. Zeitpunkten an der Theaterkasse, telefonisch unter 0611. 132 325 oder auf www.staatstheater-wiesbaden.de sowie weitere Informationen auf www.wiesbaden-biennale.de erhältlich