Wohin gehört der Mensch, zur Natur oder zur Kultur? Große Retrospektive des bedeutendsten Wegbereiter der Deutschen Moderne Ernst Wilhelm Nay im Museum Wiesbaden ab 16.09.2022

"Der frühe Nay und der späte Nay – Museum Wiesbaden zeigt Retrospektive desgefeierten Abstrakten Expressionisten" Dr. Roman Zieglgänsberger, Kurator der Ausstellung, erläutert Ernst Wilhelm Nays Werk "Tanz der Fischerinnen", 1950, im Ausstellungsraum 8, der die Werkgruppe "Fugale und Rhythmische Bilder" zeigt.  © Foto Heike von Goddenthow
„Der frühe Nay und der späte Nay – Museum Wiesbaden zeigt Retrospektive desgefeierten Abstrakten Expressionisten“ Dr. Roman Zieglgänsberger, Kurator der
Ausstellung, erläutert Ernst Wilhelm Nays Werk „Tanz der Fischerinnen“, 1950, im Ausstellungsraum 8, der die Werkgruppe „Fugale und Rhythmische Bilder“ zeigt. © Foto Heike von Goddenthow

Das Museum Wiesbaden, das Nay nach dem Zweiten Weltkrieg stark gefördert hat, präsentiert den wohl bedeutendsten  Wegbereiter der Deutschen Moderne  vom 16. September 2022 bis zum 5. Februar 2023 erstmals in seiner Museumsgeschichte in einer Einzelausstellung. Die Retrospektive zeigt mit ihren  100 Gemälden Arbeiten aus allen Schaffensphasen. Es werden nicht nur die berühmten späten Scheiben- und Augenbilder des Malers gezeigt, sondern mit seinen frühen Lofoten- und Frankreich-Bildern auch seine weniger bekannten figürlichen Anfänge. Ein besonderer Fokus liegt auf den in der Rhein-Main-Region entstandenen Hekate- und Fugalen Bilder. Nay lebte in Hofheim am Taunus zwischen 1945 und1951.Die Schau entstand in enger Kooperation mit der Hamburger Kunsthalle und wird anschließend das Museum Küppersmühle für Moderne Kunst nach Duisburg wandern

Ernst Wilhelm Nay (1902–1968) „war nicht nur ein Wegbegleiter des abstrakten deutschen Expressionismus, sondern er war derjenige, der ihn angeschoben hat“, so Dr. Roman Zieglgänsberger, Kurator der Ausstellung, beim Presserundgang.  Nay zähle zu den bedeutendsten Künstlern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine Malerei ist figürlich und abstrakt. Er sei „so etwas wie eine Brückenfigur, der den figürlichen Expressionismus der Vorkriegsmoderne überführt hat in die freie Malerei des abstrakten Expressionismus der Nachkriegs“, unterstreicht Museumsdirektor Dr. Andreas Henning. Nay sei sehr rasch zur Leitfigur der abstrakten Nachkriegskunst hier in Deutschland geworden. Er hat gewissermaßen die Nachkriegsmoderne zusammengebunden, und die deutsche Moderne zu einer internationalen Moderne gemacht. Um so mehr freut sich das Museum Wiesbaden, „dass wir anlässlich des 120. Geburtstag von E. Nays jetzt hier eine große Retrospektive eröffnen dürfen, so der Museumsdirektor.

"Nay ist sehr rasch zur Leitfigur der abstrakten Nachkriegskunst hier in Deutschland geworden." Museumsdirektor Dr. Andreas Henning © Foto Diether von Goddenthow
„Nay ist sehr rasch zur Leitfigur der abstrakten Nachkriegskunst hier in Deutschland geworden.“ Museumsdirektor Dr. Andreas Henning © Foto Diether von Goddenthow

Ernst Wilhelm Nay (geb. Berlin 1902–1968 gest. Köln) kommt nach einer abgebrochenen Lehre im Buchhandel an die Berliner Hochschule für Bildende Künste in die Malklasse Karl Hofers, die er als Stipendiat 1928 erfolgreich absolviert. Nays frühe Arbeiten werden rasch von Museen angekauft, es folgen erste Ausstellungsbeteiligungen. Inspiriert von den Fischern an der Ostsee sowie durch zwei von Edvard Munch geförderte Aufenthalte auf den Lofoten entstehen ausdrucksstarke Dünen- und Fischerbilder. Zeitgleich erteilen ihm die Nationalsozialisten zeitweilig Ausstellungsverbot, auch werden zwei seiner Kunstwerke in der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt. Nays Kriegsdienst führt den Maler nach Frankreich und nach Kriegsende, weil seine Atelierwohnung in Berlin zerstört worden war, in das Rhein-Main-Gebiet nach Hofheim im Taunus zu seiner Freundin und Förderin Hanna Bekker vom Rath. Mit seinen hier entstandenen Werken erzielt Nay national wie international – etwa auf den ersten drei documenta-Schauen (1955, 1959, 1964) und den Biennalen in Venedig (1948, 1950) und Sao Paolo (1955) große Erfolge. Fortan wird er im In- und Ausland als Ikone der deutschen Kunst nach 1945 wahrgenommen. Mit seiner eigenständigen Bildsprache überführt Nay die Epoche des figürlichen Expressionismus der Klassischen Moderne in die gestische Abstraktion der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In den Kanon der Kunstgeschichte ist er als intuitiv-emotionaler Farbmaler eingegangen, der in seinen dichten Bildern fortwährend den abstrakten Gesetzen hinter den Dingen nachspürte: „Malerei ist geistige Setzung der Farbe – geleitet und begleitet von einem System.“ (Ernst Wilhelm Nay, um 1967)

Seine malerische Entwicklung gliederte Nay selbst in nacheinander ablaufenden Werkphasen. Er sprach von den Lofoten- (1937/38), den Frankreich- (1942–44), den Hekate- (1945–1948), den Fugalen- (1949-51), den Rhythmischen- (1951–53) sowie von den Scheiben- (1954–62), Augen- (1963/64) und Späten Bildern (1965–68). Von all diesen Werkgruppen werden in der Sonderausstellung „Ernst Wilhelm Nay — Retrospektive“ Hauptwerke präsentiert: „Die prinzipielle Chronologie der Ausstellung wird an mehreren Stellen bewusst gebrochen, um deutlich zu machen“, so Dr. Roman Zieglgänsberger, Kurator der Ausstellung, „dass der frühe figürliche Nay vom späten abstrakten Nay nicht zu trennen ist, dass etwa über durchgehend vom Künstler gepflegte Bildmotive wie Schmetterlinge, Augen oder Gestirne das große Thema des Malers durchgehend erhalten bleibt: Den Menschen und sein Dasein mit seinen farbmächtigen Bildern im ewigen Fluss der Weltzeit zu verorten.“

Zur Ausstellung

Impression der Sonderausstellung: Der frühe Nay und der späte Nay – Museum Wiesbaden zeigt Retrospektive desgefeierten Abstrakten Expressionisten vom 16.09.2022 bis 5.02.2023. © Foto Diether von Goddenthow
Impression der Sonderausstellung: Der frühe Nay und der späte Nay – Museum Wiesbaden zeigt Retrospektive desgefeierten Abstrakten Expressionisten vom 16.09.2022 bis 5.02.2023. © Foto Diether von Goddenthow

Die Retrospektive zeigt  mit ihren knapp 100 Gemälden Arbeiten aus allen Schaffensphasen in 12 Räumen sein Früh- und Spätwerk.  Es werden nicht nur die berühmten späten Scheiben- und Augenbilder des Malers gezeigt, sondern mit seinen frühen Lofoten- und Frankreich-Bildern auch seine weniger bekannten figürlichen Anfänge. Ein besonderer Fokus liegt auf den in der Rhein-Main-Region entstandenen Hekate- und Fugalen Bilder. Nay lebte in Hofheim am Taunus zwischen 1945 und 1951.

Die Ausstellung sei eine Einladung zum Sehen, da sie nicht streng chronologisch Nay in seinen Werkgruppen zeige, sondern in jeder dieser präsentierten Werkgruppen auch jeweils  Frühwerke gehängt wurden, um  Zusammenhänge zwischen Früh- und Spätwerk entstehen zu lassen. Nays Werkserien sind vielseitig, tiefgründig und farbenreich: Sie erzählen von seiner Auseinandersetzung mit den Urkräften der Natur, rhythmischer Musik, der Antike und Religion oder den Naturwissenschaften.  Dabei war eine Frage für den Künstler ganz zentral: „Wohin gehört der Mensch, zur Natur oder zur Kultur? Bei Nay gehörte der Mensch zur Natur, war Natur“,  so Zieglgänsberger. Er zeigte die Menschen, etwa wie im Bild „Frau mit Tieren“ (1939), in seinen Bildern nackt, eben so, wie sie die Natur erschaffen hat.

Frühe Förderung durch das Museum Wiesbaden:
nay-banner-museum-wiesbadenNach dem Zweiten Weltkrieg ist es das Museum Wiesbaden, das Nay während seiner Hofheimer Jahre am stärksten in der Rhein-Main-Region fördert. Von Hofheim aus, wo der Künstler von 1945 bis 1951 lebte, machte er viele Ausflüge in die Landeshauptstadt, besuchte die Ausstellungen des Central Collecting Point (im Museum Wiesbaden) und nahm bald Kontakt zum hiesigen Direktor Clemens Weiler auf. Dieser erwarb während seiner Amtszeit ab 1949 nicht nur vier Gemälde („Leda“, „Pilgrim“, „Afrikanisch“ und „Menschen in den Lofoten“), sondern bereits 1951 auch die erste Farblithografie-Mappe des Künstlers. Als Dank für die vielen Ankäufe schenkte Nay dem Museum drei Gouachen, die der Fugalen-Werkphase zuzurechnen sind. Dieser eng geknüpften Beziehung Nays zu Weiler, die sich auch in der präsentierten Korrespondenz des Künstlers mit dem Museumsmann ablesen lässt, ist einer der zwölf Räume umfassenden Ausstellung gewidmet. Durch Hanna Bekker vom Rath, die Nay im Sommer 1945 ein Atelierhaus in Hofheim vermittelte, 1949 in ihrem Frankfurter Kunstkabinett präsentierte und deren Privatsammlung seit 1987 im Museum Wiesbaden bewahrt wird (inkl. mehrere Nay-Arbeiten), gibt es eine weitere enge Verbindung zwischen dem Künstler und dem Museum.

„Bei den vielfältigen Wechselbeziehungen zwischen dem Künstler und unserem Haus ist es verwunderlich, dass es hier bislang keine Einzelausstellung zu Nay gegeben hat,“ sagt Museumsdirektor Dr. Andreas Henning. „Umso mehr freut es uns mit der Hamburger Kunsthalle, dem Museum Küppersmühle in Duisburg und der in Köln ansässigen Ernst Wilhelm Nay Stiftung gemeinsam diese uns sehr bewusste Lücke in unserer Ausstellungshistorie just in dem glücklichen Moment schließen zu können, in dem wir zwei wichtige Gemälde – ein Ostsee- und ein Scheiben-Bild – durch die Sammlung Jan und Friederike Baechle zu unserem reichen Nay-Bestand hinzugewonnen haben.“

Begleit-Katalog zur Ausstellung
Tiefgreifende und weiterführende Inhalte bietet der gleichnamige ausstellungsbegleitende Katalog (hrsg. v. Karin Schick, Sophia Colditz und Roman Zieglgänsberger, Wienand Verlag, ISBN 978-3-86832-646-8, 29,90,– Euro an der Museumskasse). Zwei Media Touren (für Erwachsenen sowie für Kinder und Jugendliche) in der kostenfreien Museum Wiesbaden App begleiten die Schau. Vor Ort können Mediaguides gegen eine Leihgebühr von 3,— Euro genutzt werden.

Eine Ausstellung der Hamburger Kunsthalle in Zusammenarbeit mit der Ernst Wilhelm Nay Stiftung, demMuseum Wiesbaden und dem Museum Küppersmühle für Moderne Kunst, Duisburg.
Laufzeit der Ausstellung: 16. September 2022 – 5. Februar 2023 www.museum-wiesbaden.de/nay

Eintritt
Ticketerwerb an der Tageskasse oder Buchung online:
https://tickets.museum-wiesbaden.de/
Sonderausstellung* 10,— Euro (7,— Euro ermäßigt)
* Eintritt in die Sonderausstellungen beinhaltet den Besuch der Sammlungen.
Eintritt frei für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren.

 

 

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