Kategorie-Archiv: Alexej Jawlensky

Alles! 100 Jahre Jawlensky in Wiesbaden – 17.09.2021 bis 27.03.2022

Alexej Jawlensky inmitten seiner Freunde 1924 Wiesbaden. Foto Alexej von Jawlensky Archiv S._A. Locarno
Alexej Jawlensky inmitten seiner Freunde 1924 Wiesbaden. Foto Alexej von Jawlensky Archiv S._A. Locarno

Die große  Jubiläumsausstellung  „Alles! 100 Jahre Jawlensky in Wiesbaden“, vom 17. 09.2021 bis 27.03.2022 im Hessischen Landesmuseum Wiesbaden, präsentiert erstmals in der Geschichte des Museums die komplette Jawlensky-Sammlung und damit auch 100 Jahre Museumsgeschichte. Obendrein vermittelt sie die Entwicklung von 100 Jahren Klassischer Moderne aus der Perspektive Jawlenskys  und zeigt ihn als einen  der Söhne dieser Stadt. Als besonderes Highlight erhält das Museum das  in der Schweiz angesiedelte Alexej-Jawlensky-Archiv und avanciert damit bis 2025 zum  wichtigsten Jawlensky-Forschungsstandort weltweit. 

Wenn man  _Alexej Jawlenskys Lebenslauf anschaue, sei sein Umzug nach Wiesbaden wohl kaum vorherbestimmt gewesen,  so Dr. Andreas Henning, Direktor des Museums Wiesbaden. Geboren 1864 in Russland, dort in St. Petersburg die Akademie besucht, in München im Umfeld des Blauen Reiters die Malerei revolutioniert und zu einem der Hauptprotagonisten der Klassischen Moderne aufgestiegen, im Schweizer Exil für sich das serielle Kunstprinzip entdeckt und damit Kunstgeschichte geschrieben,  war Jawlenskys  Entscheidung, 1921  nach Wiesbaden überzusiedeln, wohl eher dem Zufall guter Werkverkäufe  geschuldet.  Wiesbaden war damals eine Stadt der Avantgarde. Die große Ausstellungstournee mit Werken von Jawlensky, die 1920 /1921 mit Stationen in Berlin, Hamburg, Hannover, München und Frankfurt am Main durch Deutschland tourte, hatte hier 1921 die sensationellste Station. An keiner anderen Station hat Jawlensky so viele Werke verkaufen können wie in der damaligen Kunstmetropole Wiesbaden. 20 Werke hatten hier neue Eigentümer gefunden. Seine damalige Agentin Emmy Scheyer sprach nicht ganz ohne Stolz vom „Jawlenskyfimmel“, so der Museumsdirektor. Deswegen lag es nah, dass sich der Künstler die Stadt Wiesbaden, die spätestens seit Fjodor Dostojewskis Roman Der Spieler in ganz Russland bekannt war, nach einer derartig positiven Resonanz seiner Bilder anschauen musste.

Der Nassauische Kunstverein, der von 1854 bis 1929 die Wiesbadener Bildergalerie begründet hatte, und die Kunstabteilung für das Museum Wiesbaden nach dessen Eröffnung 1915 leitete, suchte ihm eine Wohnung. So konnten seine Familie, Helene und Andreas Nesnakomoff-Jawlensky, im Frühjahr 1922 aus Ascona hierher umziehen, wo man, so Dr. Hennig, zuvor mit Marianne Werefkin in einer nicht wenig verwickelten Beziehung gelebt hatte.

Ausstellungs-Impression-Alles! 100-jahre-Alexej von Jawlensky in Wiesbaden. © Foto Diether v. Goddenthow
Ausstellungs-Impression-Alles! 100-jahre-Alexej von Jawlensky in Wiesbaden. © Foto Diether v. Goddenthow

Dies ist eine von 30 Jawlensky-Geschichten, die in der Ausstellung flankierend erzählt werden und zum besonderen Konzept gehören, das als Grundstruktur durch alle 16 Räume führt. So werden die 111 Jawlensky-Werke umrahmt von 30 spannenden Jawlensky-Geschichten. Biografische Ereignisse und Einblicke in die Freundschaften des Malers in Wiesbaden reihen sich an die Aufarbeitung museumsgeschichtlicher Erfolge und Skandale der Nachkriegszeit. Die Jawlensky-Arbeiten werden diesmal nicht wie sonst im Museum Wiesbaden üblich nach den Lebensorten des Künstlers (München, Schweiz, Wiesbaden) oder nach Gattungen (Köpfe, Landschaft, Stillleben) präsentiert, sondern strikt nach ihrem Erwerbungsdatum von 1922 bis heute 2021. Mit jedem Werk, das ins Haus gekommen ist, war es im Folgenden möglich, weitere Jawlensky-Bezüge zur Kunstgeschichte, aber auch zur Biografie zu erforschen und vermitteln. „Damit sieht jede Besucherin und jeder Besucher physisch beim Durchgehen durch die Ausstellung die Jawlensky-Sammlung über die Jahrzehnte hinweg wachsen, wodurch wir“, so Dr. Roman Zieglgänsberger, Kustos Klassische Moderne am Museum Wiesbaden und Kurator der Ausstellung, „über den eigenen Tellerrand hinausblicken und ganz im Allgemeinen die Institution Museum mit seinen vier Kardinalaufgaben thematisieren: Sammeln, Bewahren, Forschen und Vermitteln.“

Zugleich wird die eigene Jawlensky-Sammlung mit ausgewählten Werken der Klassischen Moderne des Sammlungsbestandes konfrontiert – von Wassily Kandinsky, Paul Klee, Franz und Maria Marc, Gabriele Münter oder Marianne von Werefkin bis hin zu Georg Meistermann oder Rupprecht Geiger. Die Ausstellung endet mit einem Raum zum Alexej von Jawlensky-Preis, der erstmals 1991 an Agnes Martin vergeben wurde und den Frank Stella für 2022 mit großer Freude angenommen hat.

Weltweit bedeutendste Jawlensky-Sammlung
Der Werkkomplex um den Künstler Alexej von Jawlensky, der von 1921 bis zu seinem Tod 1941 in Wiesbaden lebte, bildet heute einen der großen Schwerpunkte im Museum Wiesbaden. Dies ist keineswegs selbstverständlich, da eine erste zu Lebzeiten des Künstlers aufgebaute Jawlensky-Sammlung zwischen 1933 und 1937 aufgrund der Kulturpolitik der Nationalsozialisten völlig aufgelöst wurde. Alle Gemälde, die sich noch 1932 als Leihgabe oder Eigenbesitz im Museum Wiesbaden befanden — immerhin mehr als 20 Gemälde —, wurden an die Besitzer zurückgegeben bzw. 1937 beschlagnahmt und abtransportiert. Die heutige Wiesbadener Jawlensky-Sammlung, die mit insgesamt 111 Werken neben der des Norton Simon Museums in Pasadena (USA/Kalifornien) die umfangreichste zum Werk des Künstlers darstellt, konnte in den letzten 25 Jahren hinsichtlich Qualität und Werkauswahl zur bedeutendsten Sammlung weltweit ausgebaut werden. Die jüngste Sammlungserweiterung stellt das Große Stillleben mit Blumenvase dar, das mit großzügiger Unterstützung des Vereins der Freunde des Museums Wiesbaden e.V. zu diesem Anlass erworben werden konnte. Alle Entwicklungsstufen des Künstlers — seine frühe Münchener Phase, der Murnauer und Schwabinger Aufbruch, die Schweizer Exilzeit sowie die wichtige Wiesbadener Periode — sind mit Hauptwerken vertreten, und bis zum 27. März 2022 erstmals komplett in der Gesamtschau „Alles! 100 Jahre Jawlensky in Wiesbaden“ zu sehen. Darüber hinaus ist die Ausstellung gespickt mit Anekdoten und Geschichten aus und um das Leben des Künstlers.

Ausstellungs-Impression-Alles! 100-jahre-Alexej von Jawlensky in Wiesbaden. © Museum Wiesbaden Foto Bernd Fickert.
Ausstellungs-Impression-Alles! 100-jahre-Alexej von Jawlensky in Wiesbaden. © Museum Wiesbaden Foto Bernd Fickert.

Neue Heimat für Alexej-von-Jawlensky-Archiv  in Wiesbadner Museum 

Als großes Highlight der Jubiläumsausstellung, kann nun öffentlich bekannt gegeben werden, dass das seit 100 Jahren in Muralto in der Schweiz angesiedelte  Alexej von Jawlensky-Archiv  bis 2025 sukzessive nach Museum Wiesbaden umzieht.   Die Enkelin des Künstlers, Angelica Jawlensky Bianconi,  übergibt als symbolischen „Grundstein“ des zukünftigen „Forschungsarchivs Alexej von Jawlensky“ dem Museum Wiesbaden beim Jubiläumsfest-Akt die deutsche Einbürgerungsurkunde ihres Großvaters.
Es ist vor allem das Verdienst von Dr. Roman Zieglgänsberger,  dass das Alexej-von-Jawlensky-Archiv von Muralto ins Wiesbadener Museum umzieht. Als Roman Zieglgänsberger vor 11 Jahren im Museum Wiesbaden begann, hatte er sich schon gewundert, dass hier außer den Bildakten kein Jawlensky-Archiv geführt wurde. Er sah aber auch keinen Sinn darin, nun in Wiesbaden bei Null ein konkurrierendes Archiv aufzubauen,  da die  Fachkollegen in der Schweiz schon seit 100 Jahren  gute Archivarbeit „machen“. So hat der Kustos  Sachen zu und über Jawlensky, die an ihn herangetragen wurden, nicht selbst gesammelt, sondern sofort an das Jawlensky-Archiv (Schweiz) weitergereicht. „Die waren erstaunt darüber, dass so eine Offenheit besteht, weil normalerweise Archive immer da sind, dass Forscher kommen, und etwas wollen und nie etwas abgeben. Und ich habe mir gedacht, wenn ich das da rüber gebe, und ich dann mal etwas nachfrage, dann krieg ich immer eine Antwort, und genauso war es. Es war von Anfang an immer ein Geben und Nehmen“, erinnert sich Dr. Zieglgänsberger, wodurch die Vertrauensbasis geschaffen wurde, dass nunmehr  Angelica Jawlensky-Bianconi sich entschied, das Alexej-Jawlensky-Archiv dem Wiesbadener Museum zu schenken. Besser hätte sich Dr. Zieglgänsbergers kooperative Offenheit für das Museum Wiesbaden wohl kaum auszahlen können.
Mit der Schenkung des Jawlensky-Archivs werden „in den kommenden vier Jahren die Jawlensky-Sammlung des Museums um die wertvollen Archivmaterialien von ca. 500 Briefen von und an Jawlensky, Fotografien in Originalabzügen, Adressbücher, Werkstattbücher, Memoiren sowie – neben vielen anderen für die Provenienzforschung bedeutsamen Quellen – eine komplette Bibliothek zum Werk und Umfeld des Künstlers erweitert werden.“, freut sich Dr.  Zieglgänsberger Die Übergabe des Archivs wird in enger Zusammenarbeit mit Angelica Jawlensky Bianconi vorgenommen. Damit wird das Museum Wiesbaden bis 2025 zur  international wichtigsten Jawlensky-Forschungsstätte avancieren.

„Wir sind Angelica Jawlensky Bianconi sehr dankbar für diese großzügige und überaus vertrauensvolle Schenkung, die das Museum Wiesbaden zum Zentrum der Jawlensky-Forschung macht, “ so Dr. Henning. Wie nicht zuletzt diese Ausstellung deutlich aufzeigt, sind Geschichte und Museumsarbeit unseres Hauses auf das Engste mit diesem Künstler verbunden. Daher ist das Museum Wiesbaden der richtige Ort für das neue „Forschungsarchiv Alexej von Jawlensky.“, so der Museumsdirektor.

Weitere Schenkungen anlässlich des Jubiläums

Dr- Andreas Henning, Direktor des Museum Wiesbaden u Dr. Gerd Eckelmann, Vorsitzender des Freunde des Museum Wiesbaden enthüllen das Große Stillleben mit Vase von Alexej Jawlensky als letzte Neuerwerbung. Dies war nur mit großzügiger Unterstützung der Freunde des Museums möglich © Diether v Goddenthow
Dr- Andreas Henning, Direktor des Museum Wiesbaden u Dr. Gerd Eckelmann, Vorsitzender des Freunde des Museums Wiesbaden enthüllen das Große Stillleben mit Vase von Alexej Jawlensky als letzte Neuerwerbung. Dies war nur mit großzügiger Unterstützung der Freunde des Museums möglich © Diether v Goddenthow

Anlässlich des Jubiläums ließen weitere zahlreiche Schenkungen die Sammlung für Klassische Moderne und den Werkbestand Jawlenskys wachsen, darunter Werke von Alexej von Jawlensky, seines Sohns Andreas Jawlensky und Künstlern aus dem Umfeld, darunter Gemälde von Oskar Moll, Louis Seel oder Pierre-Paul Girieud. Ebenso wurden 40 Briefe Jawlenskys an seine Freundin und Förderin Hanna Bekker vom Rath sowie die Originalunterlagen zur 1929 begründeten „Vereinigung zur Förderung der Kunst von Alexej von Jawlensky“ dem Museum geschenkt.

Tour durch Wiesbaden an Lebens- und Schaffensstationen Jawlenskys

Dr. Roman  Zieglgänsberger, Kustos für Klassische Moderne am Museum Wiesbaden und Kurator der Jubiläumsausstellen, hier mit "Papp-Kamerad" Alexej Jawlensky an Station 11 der Jawlensky-Selbsterkundungs-Tour durch die Stadt, hier am Warmen Damm vor dem Hessischen Staatstheater. © Foto Diether v. Goddenthow
Dr. Roman Zieglgänsberger, Kustos für Klassische Moderne am Museum Wiesbaden und Kurator der Jubiläumsausstellen, hier mit „Papp-Kamerad“ Alexej Jawlensky an Station 11 der Jawlensky-Selbsterkundungs-Tour durch die Stadt, hier am Warmen Damm vor dem Hessischen Staatstheater. © Foto Diether v. Goddenthow

Ein weiteres Ausstellungs-Highlight ist die Herausstellung besonderer Orte Alexej Jawlensky in Wiesbaden, so dass das Jubiläum auch in „seine“ Stadt hineinstrahlt: 27 Orte im Stadtgebiet, von Cafés, Einzelhandelsgeschäften, Kultureinrichtungen bis hin zu Park- bzw. Friedhofsanlagen rufen das Leben des russischen Künstlers mit dem Jawlensky Pfad (www.jawlenskypfad.de) in Erinnerung. Beginnend mit dem Wiesbadener Hauptbahnhof an der Mobilitätsinfo der ESWE Verkehr bis hinauf zum Friedhof der Russisch-Orthodoxen Kirche der Hl. Elisabeth am Neroberg, können zahlreiche Stationen – viele mit historischem Bezug und Anekdoten aus Jawlenskys Leben – besucht werden (zu Fuß, mit dem Rad, Teilstrecken mit dem öffentlichen Nahverkehr). Die teilnehmenden Cafés und Restaurants warten mit besonderen kulinarischen Angeboten auf und nur wenige befinden sich weiter außerhalb. Die Aktion verläuft zeitgleich zur Ausstellung. Ausgewählte REWE Märkte im Wiesbadener Stadtgebiet sowie in Mainz beherbergen an Samstagen Aktionsstände mit Gewinnspielen.

Infos zum Jawlensky-Pfad

Bestands-Katalog zur Ausstellung

Zur Ausstellung erscheint die Publikation „Alles! 100 Jahre Jawlensky in Wiesbaden“
Damit legt das Museum Wiesbaden zum ersten Mal einen Katalog auf über den Gesamtbestand jetzt mit der stark gewachsenen Sammlung und der ein Jahrzehnt umfassenden Forschung von Roman Zieglgänsberger. Ein Bestandskatalog ist der Goldstandard in der Museumsforschung.
(Herausgeber: Museum Wiesbaden, 432 Seiten, Hirmer Verlag GmbH, München, ISBN 978-3-7774-3746-0; zum Sonderpreis von 39,80 € an der Museumskasse).

Kostenfrei steht in der App des Museums Wiesbaden ein zweisprachiger Audioguide für Erwachsene und für Kinder zur Verfügung.

Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft des Hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier.

Weitere Informationen sowie Podcasts – Geschichten, Reportagen, Gespräche und mehr