Kategorie-Archiv: DAM-Preis – Architekturpreis

Deutsches Architekturmuseum: DAM Preis 2020 für Architektur in Deutschland

© DAM
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Nach einer Meldung des Deutsche Architekturmuseums (DAM), haben sich nun aus der Shortlist von 12 Architekturprojekten fünf Finalisten zum DAM Preis 2020 qualifiziert, der Ende Januar 2020 im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt verliehen wird.

Seit 2007 werden mit dem DAM Preis für Architektur in Deutschland jährlich herausragende Bauten in
Deutschland ausgezeichnet. 2020 wird der Preis vom Deutschen Architekturmuseum (DAM) bereits zum vierten Mal in enger Zusammenarbeit mit JUNG als Kooperationspartner in einem gestaffelten Juryverfahren vergeben.

Eine Expertenjury unter Vorsitz von Stephan Schütz (gmp Architekten von Gerkan Marg und Partner, Gewinner des DAM Preis 2019) hatte nun aus dem Feld der Shortlist die fünf Projekte für die engere Wahl der Finalisten zum DAM Preis 2020 bestimmt. Informationen zu Shortlist und Finalisten sowie einen profunden Überblick zum Baugeschehen in und aus Deutschland bietet die Internetpräsenz zum DAM Preis dam-preis.de.

Die Finalisten:

James-Simon-Galerie, Berlin, Deutschland David Chipperfield Architects

James-Simon-Galerie. © Foto: Diether v Goddenthow
James-Simon-Galerie. © Foto: Diether v Goddenthow

Zwischen Kupfergraben und Neuem Museum gelegen, übernimmt die James-Simon-Galerie als neues Eingangsgebäude der Berliner Museumsinsel zentrale Servicefunktionen und leitet die Museumsbesucher über die Archäologische Promenade in die einzelnen Häuser. Die Architektursprache bedient sich vorgefundener Elemente wie gebauter Topografie, Kolonnade und Freitreppe. Durch die Staffelung der Gebäudemasse bleibt der Blick von der Schlossbrücke in die Tiefe der Museumsinsel und auf die Westfassade des Neuen Museums erhalten. Die Uferkante zum Kupfergraben wird durch einen steinernen Sockel ausgebildet, über dem sich die Hochkolonnade mit schlanken Stützen erhebt. Eine breite Freitreppe empfängt die Besucher. Auf der oberen Ebene gelangen sie in das großzügige Foyer mit direktem Anschluss an das Pergamonmuseum. Das Foyer, in dem auch das Café gelegen ist, öffnet sich zu einer Terrasse, die sich über die gesamte Länge des Gebäudes erstreckt und auch außerhalb der Öffnungszeiten frei zugänglich ist. Im Mezzaningeschoss unter dem Haupteingangsfoyer befinden sich der Museumsshop, eine große Garderobe und Schließfächer, im Sockelgeschoss liegen Ausstellungsbereiche und das Auditorium.

taz Neubau, Redaktions- und Verlagsgebäude, Berlin, Deutschland E2A

Der Neubau der taz vermittelt in seiner besonderen Ecklage an der Friedrichstrasse zwischen dem traditionellen Berliner Block und den Solitärbauten aus der Zeit der IBA von 1984. Aus der Kombination von Ecke und Block wurde eine einfache Lösung vorgeschlagen: Entlang der Friedrichstrasse werden die Berliner Traufhöhen übernommen und der Block weitergeführt. Ein Rücksprung in der Fassade entlang der Friedrichstrasse bildet ein klar akzentuierter Eingang. Das strukturelle System des neuen Hauses ist als Netz ausgebildet. Mit möglichst wenigen Elementen wird eine grösstmögliche Belastbarkeit erreicht. Es ist eine Struktur, in der alle Teile gleichviel leisten müssen und nur zusammen Stabilität erreichen. Es ist ein System ohne Hierarchie. Die architektonische Anmutung des neuen Hauses für die taz wird so Struktur und Sinnbild der Organisation zugleich. Die Hauptstruktur besteht aus diagonalen Verstrebungen entlang der Gebäudehülle und erfordert keine zusätzliche Unterstützung auf der Innenseite. Die dreizehn Meter tiefen Büroflächen schaffen eine Werkstattatmosphäre und ermöglichen eine Vielzahl unterschiedlicher Arbeitsformen. Die Treppenskulptur im Zentrum des Neubaus bildet aufgrund ihrer Dimension und Plastizität eine vertikale Fussgängerzone über die ganze Höhe des neuen Hauses. Sie ist ein Ort der Begegnung und des informellen Austauschs. Hier atmet das Gebäude und fördert die spontane Kommunikation.

Eingangsgebäude Freilichtmuseum Glentleiten, Deutschland Florian Nagler Architekten GmbH

Die Architekten begeistert an den Bauernhäusern des Oberlandes, dass einer einfachen äußeren Geometrie ein vielschichtiges Inneres, sowohl im Hinblick auf die Funktion als auch die Konstruktion, gegenübersteht. Dieses Prinzip hat sie auch beim neuen Eingangsgebäude des Freilichtmuseums Glentleiten inspiriert. Die Idee war, ein großes, einfaches Dach zu bauen und darunter eine robuste Struktur, die die gewünschten Funktionen aufnehmen kann und dabei auch flexibel und damit nachhaltig ist. Das Dachvolumen orientiert sich Maßstab der umliegenden Gebäude und fügt sich dabei erstaunlich gut in den Kontext ein. Die Gestaltung der Fassaden nimmt mit zwei großen Zugangstoren zum Museum und zur Gastwirtschaft Bezug auf die Tore des benachbarten Starkerer Stadels, ist dabei jedoch fast abstrakt gehalten. Die traditionelle Dachform und die einfachen Holzfassaden erinnern auf den ersten Blick an landwirtschaftliche Funktionsbauten, deren Anblick im bayerischen Voralpenland vertraut ist. Die Ausführung im Detail weicht dann jedoch von den vertrauten Bildern etwas ab. Auf der unteren Zugangsebene liegen der Eingang zum Museum, die Sonderausstellung und alle dazu gehörigen Räume. Im Geschoss darüber ist das Wirtshaus untergebracht, das durch die geschickte Ausnutzung der Topografie einen barrierefreien externen Zugang und Austritt in den Biergarten erhält. Flächen, die kein Tageslicht benötigen, sind in den sanften Hang eingegraben, das Gebäudevolumen wird dadurch optisch reduziert.

Stylepark Neubau am Peterskirchhof, Frankfurt am Main, Deutschland NKBAK

In Frankfurts Innenstadt sollte ein Wohn- und Geschäftshaus in einen Hinterhof erweitert werden. Das Besondere an dieser Bauaufgabe war– entgegen üblicher Hinterhofsituationen – die Sichtbarkeit der neuen Bebauung vom angrenzenden Peterskirchhof aus. Diese parkähnliche Anlage mit seiner umgrenzenden Friedhofsmauer ist denkmalgeschützt. Im Konzeptgedanken steht nicht eine Abgrenzung, sondern das Weiterbauen und die Akzentuierung der Zeitschichten im Vordergrund. Der Neubau wurde daher mit einer Klinkerfassade auf die Friedhofsmauer aufgebaut. Das Sichtmauerwerk ist mit verschiedenen Steinformaten horizontal geschichtet, sodass sich das (Zeit-)Schichten auch in der Materialität manifestiert. Die Bebaubarkeit war auf Grund der Abstandsregelungen begrenzt. Die Kubatur ist im Hinblick auf die Baumasse und die Belichtungssituationen präzise abgestimmt. Im Erdgeschoss wurde eine bereits vorhandene Gewerbeeinheit erweitert. In den Obergeschossen entstanden zwei Wohneinheiten. Sie sind ein Beitrag zur Verdichtung der Frankfurter Innenstadt mit der Schaffung von Wohnraum.

„einfach gebaut“, Berlin, Deutschland orange architekten

Die Architekten kauften das als unbebaubar geltende Grundstück selber und entwickelten und realisierten das Wohnensemble komplett in Eigenregie. Durch die Aufständerung der Baukörper blieben die Fußwege als auch die Durchlüftung des Quartiers gewahrt. Ebenso konnten die meisten Bäume erhalten werden, da das gesamte Gebäude zwischen den Wurzelbereichen positioniert wurde. Das Gebäude besteht aus zwei voneinander unabhängigen Teilen. Im fünfgeschossigen, schmalen „Langhaus “ befinden sich großzügige Lofts. Die Wohnungen sind zur Südseite hin komplett verglast. Von den durchgehenden Balkons schauen die Bewohner direkt in die Baumwipfel. Auf der Nordseite befinden sich Laubengänge. Das „Atelierhaus“ besteht aus drei übereinander gestapelten Apartments von 40 Quadratmetern. Beide Gebäudeteile werden durch ein straßenseitiges, außen liegendes Treppenhaus erschlossen. Als Alternative zum WDVS entwickelten die Architekten eine Netzfassade mit gesteckter Wärmedämmung, ohne jede Verbundmaterialien, die vollständig und sortenrein demontabel und rezyklierbar ist. Am Boden wurde statt mit Estrich und Klebeparkett mit einer lose liegenden, massiven Brettschichtholzplatte in einem einzigen Bauelement die Funktionen Estrich und Fußboden vereint. Es gibt in allen Wohnungen Sichtbetondecken. Schiebeelemente ersetzen Wände aus Gipskarton und ermöglichen eine flexible Nutzung der Flächen. Zugunsten einer Deckenhöhen von drei Metern wurde auf ein mögliches weiteres Geschoss verzichtet.

PREISVERLEIHUNG UND ERÖFFNUNG: Fr, 31. Januar 2020, 19 Uhr \ DAM Auditorium

© Foto: Diether v Goddenthow
© Foto: Diether v Goddenthow

Deutsches Architekturmuseum (DAM)
Schaumainkai 43
60596 Frankfurt am Main

DAM PREIS 2017 – DIE 24 BESTEN BAUTEN IN / AUS DEUTSCHLAND

Europäisches Hansemuseum Lübeck, Studio Andreas Heller Architects & Designers; Foto: Werner Huthmacher
Europäisches Hansemuseum Lübeck,
Studio Andreas Heller Architects & Designers;
Foto: Werner Huthmacher

Der DAM Preis geht 2017 an Studio Andreas Heller Architects & Designers aus Hamburg für das Europäische Hansemuseum in Lübeck. Die enorme Breite an differenzierten und langfristig wirksamen städtebaulichen Lösungen gab den Ausschlag für die Juryentscheidung zugunsten des Europäischen Hansemuseums. Das Gesamtprojekt besteht nicht nur aus einem neuen Ausstellungsbau, sondern verlangte zugleich eine Stadtreparatur einschließlich der Wiederherstellung verloren gegangener Wegebeziehungen und die Sanierung eines Ensembles, das baugeschichtlich vom Mittelalter bis ins 19.Jahrhundert reicht.

Mit diesem Jahrgang hat der DAM Preis für Architektur in Deutschland eine konzeptionelle Neubestimmung erfahren. In den vergangenen neun Jahren wählte eine jeweils neu zusammengesetzte Jury rund zwanzig Bauten in Deutschland aus. Eines dieser Gebäude erhielt mit dem DAM Preis eine besondere Würdigung. Dieses Prinzip wurde nun erweitert. Die Grundlage der Juryauswahl wurde vom DAM in Zusammenarbeit mit den Architektenkammern der Länder recherchiert. Auf dieser Basis entstand im DAM eine Longlist von 100 Gebäuden. In intensiven Diskussionen während der ersten Sitzung im Mai 2016 wählte die Jury aus diesem Spektrum 21 Bauten in Deutschland für die Shortlist aus. Dazu kommen – außer Konkurrenz – drei Bauten deutscher Büros im Ausland.

Der Preisträger wurde erstmals nicht direkt auf der Jurysitzung ermittelt. Stattdessen hat die Jury aus der Gruppe der Bauten auf der Shortlist zunächst vier Finalisten ausgewählt und auf einer Juryfahrt im September besucht. In einer abschließenden Jurysitzung fiel die Entscheidung für den DAM Preis 2017 auf das Europäische Hansemuseum in Lübeck von Studio Andreas Heller Architects & Designers.

Modell der Grimmwelt Kassel  Foto: Diether v. Goddenthow  © atelier-goddenthow
Modell der Grimmwelt Kassel Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Neben dem Hansemuseum war als zweites Ausstellungsgebäude die von kadawittfeldarchitektur aus Aachen entworfene Grimmwelt in Kassel unter den Finalisten. Die beiden Gebäude haben in vielen Aspekten Gemeinsamkeiten: Es sind mittelgroße Museen, auf den Denkmalschutz für die Reste von Vorgängerbauten war zu achten, im Gefüge der Stadt sollten brach gefallene Bereiche wieder aktiviert und neue Orte für das öffentliche Leben geschaffen werden. Absolut konträr hingegen sind ihre museologischen Ansätze.

Eine Besonderheit des dritten Finalistengebäudes, der Generalsanierung und Aufstockung eines Wohnhochhauses am Pforzheimer Hauptbahnhof durch Freivogel Mayer Architekten, lässt sich im Rahmen einer Ausstellung, die das Neue vorstellen möchte, nicht darstellen: Das Haus blieb fast vollständig bewohnt. In den Bestandswohnungen wurden nur möglichst geringe Eingriffe durchgeführt. Dennoch ist unter energetischen Aspekten ein wegweisendes Gebäude entstanden, das zugleich den Bewohnern mit neu vorgesetzten Loggien einen deutlich gesteigerten Wohnwert bietet.

Ausstelllungs-Ansicht "DAM-Architektur-Preis 2017" Foto: Diether v. Goddenthow  © atelier-goddenthow
Ausstelllungs-Ansicht „DAM-Architektur-Preis 2017″ Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Den eher umgekehrten Weg musste Thomas Kröger aus Berlin gehen. Die von ihm umgebaute Scheune in der Uckermark – der vierte Finalist – war ehedem ein Stall, mit allen Komplikationen, die das für eine Nutzung als Wohngebäude bedeutet. Die Umnutzung ist auch ein wichtiger Baustein, um den kleinen Ort Fergitz am Leben zu erhalten. Das neugewonnene Landhaus ist räumlich höchst differenziert und zeichnet sich durch eine beiläufige rustikale Eleganz aus.

Dauer und Ort der Ausstellung:
Deutsches Architektur-Museum Frankfurt. Foto: Diether v. Goddenthow  © atelier-goddenthow
Deutsches Architektur-Museum Frankfurt. Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Ausstellung vom 28. Januar bis 30. April 2017
im  Deutschen Architekturmuseum (DAM)
Schaumaninkai 43,
60596 Frankfurt am Main

ÖFFNUNGSZEITEN: Di, Do — So 11 — 18 Uhr \ Mi 11 — 20 Uhr \ Mo geschlossen

Detail-Informationen zum DAM-Preis 2017

DIE SHORTLIST
Die weiteren 17 Bauten der Shortlist umfassen ein mannigfaltiges Spektrum an Bauaufgaben und innerhalb dieser sehr unterschiedliche Lösungen. Insgesamt nimmt das Thema Wohnen einen breiten Raum ein, weitere acht Beispiele zu dieser essentiellen Bauaufgabe sind in der Ausstellung zu finden. Unter den öffentlichen Bauten finden sich im Feld der Aufgabe des Museumsbaus – neben den beiden genannten Finalisten – mit dem Richard-Wagner-Museum in Bayreuth und dem NSDokumentationszentrum in München zwei weitere eindrucksvolle und besuchenswerte Gebäude.
Durch die Betreuungsplatzgarantie und das Stadtwachstum in einigen Regionen sind Kindertagesstätten seit einigen Jahren eine häufige und vielfältige Bauaufgabe geworden. Das spiegelt sich auch in dieser Auswahl wider. Vorgestellt werden eine Kindertagesstätte und ein Kinder- und Familienzentrum. Außerdem sind zwei Schulen, interessanterweise beide als Holz-(Modul-)Bau, vertreten. Verkehrsbauten sind transitorische Orte einer eiligen Beiläufigkeit und doch für die Nutzer über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte hinweg ein fester Bestandteil des täglichen Lebens. In Düsseldorf ist die öffentliche Nahverkehrsinfrastruktur durch die U-Bahn-Strecke der Wehrhahn-Linie verbessert worden.
Darüber hinaus findet sich ein Fabrikgebäude in der diesmaligen Auswahl. Und schließlich ist in der kleinen Spessartgemeinde Bessenbach eine skulpturale Trauerhalle entstanden.

DIE BAUTEN IM AUSLAND
Nicht in der Auswahl für den DAM Preis, aber seit vielen Jahren ein fester Bestandteil dieser Übersicht zur deutschen Gegenwartsarchitektur, sind die Bauten von Architekturbüros aus Deutschland in anderen Ländern: In diesem Jahr werden die Deutsche Schule Madrid, das Centre de Santé et de Promotion Sociale in Laongo, Burkina Faso, und ein Pariser Wohnhaus vorgestellt.

DAM PREIS 2017 – PREISTRÄGER
Studio Andreas Heller Architects & Designers Europäisches Hansemuseum, Lübeck „Der Entwurf ist Stadtreparatur: Mit dem Hansemuseum bekommt die nördliche Altstadtinsel ihren Abschluss zurück. Der Museumsneubau schmiegt sich an den Burghügel, auf dem das Burgkloster steht. Eine zentrale, öffentliche Treppe, die den Neubau durchsticht, verbindet den historischen Hafen mit der höher gelegenen Altstadt. Sie erschließt den Museumsneubau und ist gleichzeitig Durchgang zum Burgkloster sowie zu den museal aufbereiteten Freianlagen. Zahlreiche Spuren im Außenraum verweisen auf die lange und wechselvolle Geschichte des Orts. Ergänzungsbauten machen die verschiedenen Schichten der Geschichte wieder sichtbar.“
Andreas Heller

Mit dieser Stadtreparatur inmitten des UNESCO-Weltkulturerbes Lübecker Altstadt ist dem selbst ausgebildeten Architekten Andreas Heller sein (bisheriges) Meisterwerk gelungen. Zusammen mit der Possehl-Stiftung in Lübeck als größtem Geldgeber der Europäisches Hansemuseum Lübeck gemeinnützige GmbH erarbeitete Hellers multidisziplinäres Team aus Architekten, Grafik-, Kommunikations- und Industriedesignern sowie Geisteswissenschaftlern die Grundlagen für das Hansemuseum. Das gilt auch für die archäologischen Grabungen, die das spätere Raumprogramm und die endgültige Gestaltung prägten. Mehrere Jahre arbeitete das vielköpfige Team schließlich am Entwurf und der 1:1-Detaillierung, Beauftragung und teilweise sogar Erstellung der Ausstellungsexponate.

Vom Städtebau über die denkmalgerechte Wiederherstellung des Lübecker Burgklosters mit Atrium, die Einfügung von topografischen Elementen wie Außenterrassen und die Entwicklung neuer Verbindungswege, die Ausgrabungen im historischen Hang und den Neubau eines Museums über den Grabungen stammt alles aus einer Ideenschmiede. Ebenso wie die Konzeption und Realisierung der Dauerausstellung, die Gestaltung der gesamten Grafik, von Briefbögen bis hin zu den Außenelementen, und schließlich sogar die Dekorationen in dem heimeligen kleinen Fachwerkcafé.
Allein die städtebauliche Setzung des Museumsneubaus und seine architektonische äußere Gestalt zu würdigen, könnte man als abgeschlossene Übung betrachten, würde aber dem Anspruch des Gesamten nicht gerecht. Sicher, wie der Architekt mit einem neu gebrannten und handgefertigten dänischen Backstein, durch unregelmäßige Sprünge und Materialwechsel, Maßstab und Struktur in eine große lange Ufermauer bringt, ist einerseits fiktive Geschichtserzählung, andererseits illustrierende Tektonik. Linien, die in den Boden eingraviert die Geschichten von abgerissenen Vorgängerbauten zu erzählen vermögen – von engen Gefängnishöfen und von einem Wärter, der von oben aus einem Panoptikum auf sie hinunterschaut –, erzeugen das Bewusstsein für die geschichtlichen Zusammenhänge.
Diese Zwitterhaltung zwischen der Welt der Inszenierung und der Welt der Architektur und sogar des Städtebaus nimmt das Studio Andreas Heller Architects & Designers mit diesem Bau sehr erfolgreich ein. Daher votierte die Jury, unter der Leitung von Volkwin Marg, fast einstimmig für das Europäische Hansemuseum in Lübeck als Gewinner des DAM Preises für Architektur in Deutschland 2017.

Stimmen aus der Jury
„Das Europäische Hansemuseum in Lübeck vermittelt mehr als ein halbes Jahrtausend nordeuropäische Kultur. Es präsentiert in faszinierender Vielfalt eine selbstverständliche Synthese von Archäologie, Denkmalschutz und neuer Architektur mit der plausiblen ortsfesten Inszenierung der Ausstellung. Seine Architektur will sich nicht selbst ausstellen, sondern dienen – im Inneren der Aufklärung über die Geschichte der Hanse, im Äußeren als öffentlicher Raum dem Genius Loci in der Hansestadt Lübeck. Architektur und Stadtbaukunst sind eine Einheit.“ (Volkwin Marg) „Das Europäische Hansemuseum in Lübeck überzeugt in vielerlei Hinsicht. Ob es die Stadtreparatur im Außenbereich des Museumsareals, die liebevollen Details im Burgkloster oder die Ausstellungsarchitektur betrifft, man erkennt bei dieser sehr komplexen Aufgabe eine individuelle Handschrift.

Das Europäische Hansemuseum übernimmt darüber hinaus eine wichtige Rolle bei der weiteren Erforschung der Hanse über die Grenzen Deutschlands hinaus.“ (Michael Schuster) „Hier wurde nicht nur zurückhaltend gebaut und rekonstruiert, Altes mit Neuem klug verwoben und gekonnt ergänzt, nein, hier fand man eine angemessene Antwort auf unterschiedlichste Fragen, hier hat jemand ein Stück Stadt weitergebaut und zurück ins Rampenlicht geholt.“ (Christian Neuburger)
„Das Europäische Hansemuseum Lübeck ist ein wahres Gesamtkunstwerk vom Städtebau, Bauforschung, Neubau, Umbau, Renovierung bis hin zur Ausstellungsinszenierung und Grafik. Am Ende wird auch der Kuchen noch im Büro Heller gebacken?“ (Peter Cachola Schmal) „Die Architektur des Museumsneubaus schlägt mit einer Mischung aus handwerklich feinster Backsteinmaterialität und eleganter Moderne auf eine faszinierende und selbstverständliche Weise eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Klare Formen umhüllen den Altbestand perfekt, der im Inneren die kleinmaßstäbliche Struktur der Hansestadt fortschreibt. Die Ausstellungsarchitektur zeugt von einer intensiven Auseinandersetzung der Architekten mit der Geschichte der Hanse; die tiefe Kenntnis des Ortes ist auf allen Ebenen erlebbar.“ (Kristina Bacht)

DAM PREIS 2017 – FINALISTEN

Freivogel Mayer Architekten

Foto: Diether v. Goddenthow  © atelier-goddenthow
Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Generalsanierung und Aufstockung Wohnhochhaus, Pforzheim. Bei dem ursprünglich achtgeschossigen Eisenbahnerhaus wurde nach 45 Jahren eine Generalsanierung dringend notwendig. Das Projekt sollte modellhaft Wege und Möglichkeiten einer sowohl qualitativen Steigerung des Wohnwerts als auch einer Optimierung zu einem Effzienzhaus Plus aufzeigen.
Ganz im Sinne von Nachhaltigkeit und Nachverdichtung erfolgte eine Aufstockung des Gebäudes um ein erhöhtes Geschoss, in dem sich zwei Penthouse-Wohnungen befinden. Die Fassade wurde von den kleinen vorgehängten Balkonen befreit und bis auf den Rohbauzustand rückgebaut. Ein neues Kleid aus hellen Betonwerksteinen bildet die nun gedämmte Fassade. In der Erdgeschosszone wurde durch die vorgestellte neue Schale ein Arkadengang ausgebildet, auf dem sich, nach oben gestapelt, jetzt tiefe, breite Loggien vor den Wohnungen befinden.
Auch im Inneren des Hauses war der Sanierungsbedarf erheblich. Die Erneuerung sollte aber bei voller Belegung des Hauses stattfinden. Um die Mieter möglichst kurz und wenig mit Lärm und Staub zu behelligen, setzten die Architekten auf die weitreichende Vorfertigung und schnelle Montage der Bauteile im Außenbereich. In den Wohnungen galt es, möglichst minimalinvasiv vorzugehen. Lediglich vier Zentimeter schlanke Kühl-Heizdecken, die die Raumhöhe kaum beeinträchtigen, haben die alten Installationen abgelöst.
Im geschlossenen Teil der Südfassade neben den Loggien befinden sich in den Beton eingegossene Kunststoffrohre, die als Energieabsorber dienen. Die gesammelte Wärme wird in einen Eisspeicher geleitet, dort wird die Energie zwischengelagert und bei Bedarf mit Wärmepumpen zurück ins Haus befördert. Der Strom für die Wärmepumpen wird durch Fotovoltaikelemente und eine kleine Windkraftanlage gewonnen.
In den Geschäftsräumen im Erdgeschoss ist die Kfz-Zulassungsstelle des benachbarten Landratsamts eingezogen. Durch die Sanierung und die prominente Lage des Hauses am Ausgang einer Gleisunterführung von der Innenstadt ist das Gebäude zu einem markanten Entree in die Pforzheimer Nordstadt geworden.

kadawittfeldarchitektur
Grimmwelt, Kassel

Foto: Diether v. Goddenthow  © atelier-goddenthow
Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Die documenta-Stadt Kassel widmet Jacob und Wilhelm Grimm, die viele Jahre in der nordhessischen Großstadt verbracht haben, nun ein besonderes Ausstellungshaus: die nach ihnen benannte Grimmwelt. An der südlichen Kante des Kasseler Weinbergs hatte sich die Industriellenfamilie Henschel ab den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts höchst repräsentative Villen errichtet; die Henschelgärten bildeten den privaten Park dazu. Über die Jahre wurden die Villen teils abgebrochen, teils im Krieg zerstört. Spolien wie Terrassen, alte steinerne Treppenanlagen und Mauerfragmente der älteren Henschelvilla haben sich aber bis heute erhalten. Seit den Fünfzigerjahren sind die Gärten als öffentliche Parkanlage zugänglich.
Das Konzept des vom Aachener Büro kadawittfeldarchitektur geplanten Bauwerks übersetzt sowohl die historischen als auch die topografischen Gegebenheiten des umgebenden Parks in ein offenes Raumgefüge. Die spektakuläre, mit Gauinger Travertin verkleidete Treppenarchitektur fügt sich selbstverständlich in den Park ein. Bevor die Besucher das Haus betreten, können sie es über eine breite Stufenlandschaft auf der Garten- und eine schmalere Treppe auf der Straßenseite überqueren. Beide
Treppenläufe münden in einer öffentlich begehbaren, weitläufigen Dachterrasse mit Ausblicken auf die
reizvolle Umgebung.
Im Inneren des skulpturalen Baukörpers zeichnen sich die Treppen teilweise als Schrägen an der Decke
ab; vier Split-Level-Ebenen setzen den Duktus der terrassierten Landschaft weiter fort. Der Museumsrundgang beginnt im Foyer, das zum einen über den ebenerdigen Haupteingang, zum anderen vom Dach aus über einen Aufzug in einem verspiegelten Turm erreicht werden kann. Neben dem Kassentresen, dem Museumsshop und den Wartebereichen findet sich hier auch eine Café-Bar mit großem Panoramafenster und Blick auf die Karlsaue sowie die Südstadt.
Die Ausstellung selbst wurde unabhängig vom Entwurf des Museumsbaus entwickelt. Die Konzeption stammt von der Arbeitsgemeinschaft hürlimann + lepp Ausstellungen. Das Zürcher Büro Holzer Kobler Architekturen war für die Ausstellungsgestaltung zuständig, die perfekt in Szene gesetzt wurde.

TKA Thomas Kröger Architekten
Landhaus in der Uckermark

Foto: Diether v. Goddenthow  © atelier-goddenthow
Foto: Diether v. Goddenthow © atelier-goddenthow

Fergitz. Eine robuste Scheune aus roten Ziegeln, 140 Jahre alt, drumherum das weitgehend intakte Dorf, schräg gegenüber die jüngst instandgesetzte Backsteinkirche, das Westufer des Oberuckersees in Sichtweite: Alles in allem kann hier durchaus von Standortvorteil die Rede sein. Thomas Krögers Interesse galt dem größtmöglichen Erhalt sowohl der soliden Bausubstanz als auch der vorgefundenen Typologie der einst von zwei Siedlerfamilien bewohnten Scheune.
Zunächst galt es, Ein- und Anbauten zu entfernen, den Schädlingsbefall des imposanten Holzgebindes zu befunden, die betroffenen Partien gegen baugleiche auszutauschen, Dach und Fenster zu erneuern und die massiven Backsteinwände mittels Innendämmung, Wandheizung und regulierendem Lehmputz energetisch zu ertüchtigen. Gebäudehülle und Tragwerk waren damit instandgesetzt, der eigentliche Umbau konnte beginnen.

Es folgte die räumliche Neuordnung des großen leeren Volumens. Zwei getrennte Wohneinheiten in Holzständerbauweise wurden um eine gebäudehohe unbeheizte Halle im Zentrum gewickelt. Fixpunkt dieses ruralen Rittersaals mit langer massiver Tafel ist der mächtige offene Backsteinkamin. Drei nachträglich hergestellte, leicht ellipsoide Rundbögen, mit grob gebretterten Holztoren verschließbar, öffnen die Halle zum weitläufigen Garten. Ungleich bescheidener und aufs erste Mal kaum auffindbar ist der Haupteingang zur Dorfstraße: eine Schlupftür im sägerauen Scheunentor, weder Klingel noch Klinke.

Die Höhe der Bestandsfenster war ausschlaggebend für die Anhebung des Erdgeschosses um eine Handvoll Treppenstufen, über die man beiderseits der Halle die Wohnungen betritt und im Nebeneffekt zwei zur Hälfte eingegrabene Kellerräume gewinnt. Den Eingang bildet ein bühnenartiger Wohn- und Essraum mit einem Treppenmöbel als Teil der Kücheneinrichtung. Ein Stockwerk höher befinden sich die Schlaf- und Arbeitsräume, aufgereiht an einem verglasten Gang, der einmal um die Halle führt und sich eng hinter dem Kamin durchschlängelt.
Die kompakte Ferienwohnung ist mit dem Rücken zur Halle gelegen und somit von dieser nicht einsehbar. Der zweigeschossige Wohnraum hat ein Innenfenster zu einem der Zimmer im oberen Stockwerk. Von der schlichten Essküche führt ein tonnenüberwölbter Treppenraum in die kleinen, feinen Schlafräume des Obergeschosses.

ÜBERSICHT DER AUSGESTELLTEN BAUTEN

ARCHITEKTEN STEIN HEMMES WIRTZ Umbau einer Scheune in ein Wohnatelier, Minden
ARGE FLORIAN NAGLER ARCHITEKTEN \ HERMANN KAUFMANN ZT GMBH Schmuttertal-Gymnasium, Diedorf (Schwaben)
BRENNE ARCHITEKTEN Studentendorf Schlachtensee, Berlin
FELDSCHNIEDERS + KISTER ARCHITEKTEN BDA Übergangswohneinrichtung »Überseetor«, Bremen-Walle
FREIVOGEL MAYER ARCHITEKTEN Generalsanierung und Aufstockung Wohnhochhaus, Pforzheim FINALIST
GEORG SCHEEL WETZEL ARCHITEKTEN NS-Dokumentationszentrum München
GERSTMEIR INIC ARCHITEKTEN Hinterhofhaus, München
GOLDHAMMER & KRATZENSTEIN ARCHITEKTEN Trauerhalle Straßbessenbach
JESSENVOLLENWEIDER ARCHITEKTUR Uhrenmanufaktur A. Lange & Söhne, Glashütte\Sachsen
KADAWITTFELDARCHITEKTUR Grimmwelt, Kassel FINALIST
KRAUS SCHÖNBERG ARCHITECTS Kinderkreisel Bredenbekkamp, Hamburg
LÖSER LOTT ARCHITEKTEN Drachenhaus, Dresden-Niedersedlitz
NETZWERKARCHITEKTEN \ HEIKE KLUSSMANN Wehrhahn-Linie, Düsseldorf
NKBAK Temporäre Erweiterung der Europäischen Schule, Frankfurt am Main
PRAEGER RICHTER ARCHITEKTEN Ausbauhaus, Berlin
ROEDIG . SCHOP ARCHITEKTEN Wohnhaus mit Theater, Berlin
STAAB ARCHITEKTEN Richard Wagner Museum, Bayreuth
STUDIO ANDREAS HELLER ARCHITECTS & DESIGNERS Europäisches Hansemuseum Lübeck PREISTRÄGER
TKA THOMAS KRÖGER ARCHITEKTEN Landhaus in der Uckermark FINALIST
VON M ARCHITEKTEN Kinder- und Familienzentrum, Ludwigsburg-Poppenweiler
WERK A ARCHITEKTUR Atelierhaus am See, Friedrichswalde

AUSLANDSPROJEKTE

GRÜNTUCH ERNST ARCHITEKTEN Deutsche Schule Madrid, Spanien
KÉRÉ ARCHITECTURE Centre de Santé et de Promotions Sociale, Laongo, Burkina Faso
LIN PAQ — Wohngebäude, Paris, Frankreich

JURY DAM PREIS 2017

Volkwin Marg, gmp Architekten von Gerkan Marg und Partner – Juryvorsitz Kristina Bacht, Leiterin AIT ArchitekturSalons Christina Budde, Kuratorin Deutsches Architekturmuseum (DAM) Donatella Fioretti, Bruno Fioretti Marquez Architekten – Preisträgerin DAM Preis 2015 Christian Neuburger, nbundm* Neuburger Bohnert und Müller Architekten Peter Cachola Schmal, Direktor Deutsches Architekturmuseum (DAM) Michael Schuster, Key Account-Manager JUNG

Yorck Förster, freier Kurator Deutsches Architekturmuseum ⁄ kuratorenwerkstatt (Vorjury ⁄ Stellvertreter) Christina Gräwe, freie Kuratorin Deutsches Architekturmuseum ⁄ kuratorenwerkstatt (Vorjury ⁄ Stellvertreterin)

PUBLIKATION

Architekturjahrbuch2017DEUTSCHES ARCHITEKTUR JAHRBUCH 2017
Yorck Förster, Christina Gräwe, Peter Cachola Schmal (Hg.)
Erschienen bei DOM publishers, 2017 Hardcover, 256 Seiten, 220 x 280 mm, 330 Abbildungen, Deutsch/Englisch ISBN: 978-3-86922-516-6