Sonderausstellung „Beauty“: Lust am Schönen wecken – Abkehr von der psychotischen Gleichförmigkeit der Moderne bis 15.9.2019 im MAK Frankfurt

Gemeinsam mit seiner Studiopartnerin Jessica Walsh liefert er mit dem neuen Ausstellungsprojekt Beauty ein ganz persönliches, visuell beeindruckendes Plädoyer für die Lust am Schönen. Mit spektakulären interaktiven Installationen nimmt das renommierte Designduo Sagmeister & Walsh die Besucher*innen mit auf eine sinnlich-vergnügliche Suche: Was ist Schönheit und warum fühlen wir uns von ihr angezogen? © Foto: Diether v. Goddenthow
Gemeinsam mit seiner Studiopartnerin Jessica Walsh liefert er mit dem neuen Ausstellungsprojekt Beauty ein ganz persönliches, visuell beeindruckendes Plädoyer für die Lust am Schönen. Mit spektakulären interaktiven Installationen nimmt das renommierte Designduo Sagmeister & Walsh die Besucher*innen mit auf eine sinnlich-vergnügliche Suche: Was ist Schönheit und warum fühlen wir uns von ihr angezogen? © Foto: Diether v. Goddenthow

In diesen Tagen meldeten sich der in New York lebende Superstar des Grafikdesigns Stefan Sagmeister und seine Studiopartnerin Jessica Walsh nach ihrem grandiosen Happy Show-Erfolg mit ihrer zunächst in Wien gezeigten, noch bis 15.09.2019 laufenden großen Ausstellung „ Beauty“ im Frankfurter Museum Angewandte Kunst, zurück: „Wir wollen zeigen, warum diese Abkehr von der Schönheit so unsinnig war und was wir dagegen tun können“, erfahren Besucher gleich zu Beginn. Die Künstler möchten „beweisen, dass Schönheit in der Architektur und im Design keine Oberflächenstrategie ist, sondern zutiefst im menschlichen Sein wurzelt. Wir möchten einen längst überfälligen Diskurs um Schönheit anstoßen und demonstrieren, dass schöne Werke nicht nur mehr Freude machen, sondern auch viel besser funktionieren“.

Mit Beauty wollen die Ausstellungsmacher die Lust am Schönen als lebensbereichernde Dimension demonstrieren. Dabei üben sie heftige Kritik am übertriebenen Funktionalismus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der, so die Ausstellungsmacher, bisweilen solch dogmatische Formen annahmen, „dass zahlreiche Architekt*innen und Designer*innen sich in eine psychotische Gleichförmigkeit verbissen.“ Ihr zentrales Versprechen konnten diese ironischerweise jedoch nicht halten, da es einfach nicht funktionierte.  Am eklatantesten zeige sich das, „an den in den 1970ern errichteten Wohnzweckbauten, die 30 Jahre später wieder abgerissen wurden, weil sie den Bedürfnissen nicht entsprachen.“

Die Entdeckung des Hässlichen als Schönheit

Sagmeister und Walsh fanden heraus, dass im Laufe des letzten Jahrhunderts Schönheit negativ besetzt war: „Renommierte Designer*innen behaupteten, kein Interesse an ihr zu haben, die Kunst entledigte sich ihrer nahezu vollständig, und stapelweise ließen sich Architekturbücher durchblättern, ohne dass man ein einziges Mal auf den Begriff Schönheit stieße.

Ist das Tragen modisch zerschliessener Kleidung im Zeitalter massenhaft, zerlumpt ankommender  Armutflüchtlinge nicht mindestens genauso dekandent wie einst die künstlichen Ruinen als Staffagebauten in englischen Landschaftsgärten? © Foto: Diether v. Goddenthow
(nicht in der Ausstellung) Ist das Tragen modisch zerschliessener Kleidung im Zeitalter massenhaft, zerlumpt ankommender Armutsflüchtlinge nicht mindestens genauso dekandent wie einst die künstlichen Ruinen als Staffagebauten in englischen Landschaftsgärten? © Foto: Diether v. Goddenthow

Die Abschaffung des Schönen mag wohl auch  längst in der Gesellschaft angekommen zu sein. So scheint „hässlich“ das neue „Hip“ zu sein.  «Ugly fashion», die Modeströmung zur Hässlichkeit,  signalisiert diese unaufhaltsame Lust am Unschönen, an der Disharmonie, am Chaos, am Destruktiven. Sie ist Ausdruck eines massenhaften Symptoms einer verdrehten Ästhetik. Die Modewelt scheint Kopf zu stehen: Kaputt, klobig, schräg und abseitig muss es sein: zerrissene Jeans und Klamotten, die nicht mal zur Altkleidersammlung taugen, ausufernde Turnschuhsohlen, Crocs und andere sperrige Latschen, klobige, einst als Kassengestelle verschriene und nun per Nerd-Image geadelte Brillen, bis hin zu das Gesichts entstellende Mehrfach-Piercings in Lippen, Nasen und Backen.
Als hielten  Menschen Balance,  Harmonie, Proportionen und  Vollkommenheit nicht mehr auch, soll möglichst alles quer und unstimmig sein.

Wer den Trend zum Hässlich-Chaotischen  als Spiegel gesellschaftlichen Geschmacks heranzieht,  ahnt, welche Botschaften von Ästhetik in der postmateriellen Gesellschaft angesagt sind. Anscheinend  ist die Lust am Zerschlagen von Harmonie und Kitsch einstiger Dadaisten, Surrealisten und Fluxus-Künstler mit  Verspätung in der breiten Masse angekommen. Es ist ein Trend zum Chaos, der sich im Bemühen   „dazuzugehören“ und „cool“ zu sein, seit Jahrzehnten selbst nährt, aber wohl bald seinen Höhepunkt erreicht haben dürfte. Denn wer hält auf Dauer schon soviel Disharmonie und Hässliches aus? Nicht von ungefähr fahren Menschen  im Urlaub an „schöne“ („heile“) oder suchen Kraft in der Vollkommenheit der Natur, um ihre Seele aufzutanken

Obgleich Menschen insgeheim nach Schönheit und Vollkommenheit streben, wovon paradoxerweise  vielen  mit der Huldigung von „Hässlichem“ einhergehenden  Trends zur Optimierung  von Körper und Aussehen zeugen, wird dieser Widerspruch im Bemühen „In“ zu sein kaum wahrgenommen oder ignorierte. Da laufen beispielsweise gesichtsgeliftete Damen in perfekt zurechtgehungerten Traumfiguren in teuren zerrissenen Designer-Jeans mit hässlich klobigen Brillen herum, ohne  diese Absurdität ihres Auftritts wahrzunehmen.

Im Auge des Betrachters und Anlegers?

Marcel Duchamp versuchte 1917 vergeblich das Standart-Urinal Fountain als antiästhetisches Statement auszustellen. Er versuchte die Schönheit aus der Kunst zu eliminieren, erläutern Sagmeister und Walsh. Foundain wurde in den 70er Jahren von 500 Experten/innen zum bedeutendsten Kunstwerk des 20. Jahrhunderts gewählt. Und was sagt Ihnen Ihr Bauchgefühl? © Foto: Diether v. Goddenthow
Marcel Duchamp versuchte 1917 vergeblich das Standart-Urinal Fountain als antiästhetisches Statement auszustellen. Er versuchte die Schönheit aus der Kunst zu eliminieren, erläutern Sagmeister und Walsh. Foundain wurde in den 70er Jahren von 500 Experten/innen zum bedeutendsten Kunstwerk des 20. Jahrhunderts gewählt. Und was sagt Ihnen Ihr Bauchgefühl? © Foto: Diether v. Goddenthow

In der Kunst scheint geschmacklicher Selbstbetrug oftmals noch nachhaltiger als in der Mode zu sein, da hier die Dinge zumeist viel Ernster genommen werden, oftamls im angestrengten Bemühen zur kleinen tonangebenden Elite zu gehören, die das „versteht“ oder „Kunst voranbringt“: Da avanciert bekanntermaßen schon mal eine „Fettecke“ oder ein  „Schrotthaufen“ zu etwas Großartigem. Oder ein  Pissoir, wie das in der Ausstellung in Kopie gezeigte Sanitärporzellan von Duchamp, wird später als „Ready-Made“  zur neuen Kunst-Gattung ausgerufen, nachdem es 1917 als einziges von 2500 Werken nicht als Kunstwerk in der New Yorker „Big Show“ zugelassen wurde.
Die Debatten darüber, was Kunst sei und nicht, sind ja hinlänglich bekannt. Sie führen letztlich zu Nichts. Wenn eben jemand für Jeff Koons Skulptur „Balloon Dog Orange“ (ein überdimensionaler Ballonhund)  43 Millionen  Euro bezahlt, ist das eben sein Privatvergnügen. Biennale Venedig, Documenta & Co. lassen grüßen. Denn letztlich ist es Ansichtssache,  was gefällt und was nicht. Nach dem „neuen Kunstbegriff“, was immer darunter zu verstehen ist, soll ja auch nicht wie einst die „schönen Künste“ gefallen und zur Erbauung des Menschen beitragen. Zu meinen Kunst solle „schön sein“ ist eines der wohl größten Missverständnisse über die Bedeutung und das Wesen von Kunst seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Kunst soll vor allem Fragen an die Welt stellen, anregen, faszinieren und zu emotionalen Erlebnissen führen und keine (schönen) Lösungen anbieten wie Design.

Kunst liegt bekanntermaßen  im Auge des Betrachters, aber nicht nur. Oftmals liegt Kunst auch im Auge des Anlegers unter Wertsteigerungsaspekten, im Auge des Museums/ des Kunsthandels unter Aspekten von Künstler-Renommees und Sammlungs-Bedeutung, oder sie liegt auch im Auge von Künstlern und ihren Vermarktern in Kenntnis der Marktmechanismen und entsprechenden Nomenklaturen des Kunstmarktes.  Kunst muss Vieles, nur eines nicht: schön sein! In diesem Zusammenhang sei die Lektüre von Herbert Molderings „Die nackte Wahrheit. Zum Spätwerk von Marcel Duchamp“ Hanser-Verlag, München 2012 (ISBN: 978-3-446-23872-5) empfohlen.

Vom guten Schönen und hässlichen Bösen

Was „Schönheit“ ist, vermögen zwar auch die Ausstellungsmacher nicht zu sagen. Zu den wichtigsten Merkmalen von Attraktivität zählen sie jedoch: Symmetrie, Einfachheit, Balance, Klarheit, Kontrast und Proportion.

Für Platon war Schönheit ein moralischer Wert: Was gut ist, ist schön, und was schön ist, ist gut. Hiernach leitet sich Ästhetik ab von Ethik. Plato glaubte, so erfahren die Besucher, dass alles Schöne wahrhaftig ist – „Schön ist gut ist wahr“. So wurde in den letzten 200 Jahren Schönheit lange mit „Gutheit“ gleichgesetzt. Bekannt ist dieses Schema von „schönen Guten“ und „hässlichen Bösen“ aus Märchen, und es gilt in Comics, Video-Games oder Filmen bis heute.

Schönheit in der Steinzeit

Prähistorische, aus Elfenbein  geschnitztes Mammut. Ort: Senckenberg-Museum.© Foto: Diether v. Goddenthow
Prähistorisches, aus Elfenbein geschnitztes Mammut. Ort: Senckenberg-Museum.© Foto: Diether v. Goddenthow

Als sexuell anziehend empfinden Menschen nicht nur physische Schönheit, sondern auch die Fähigkeit, schöne Dinge zu kreieren. Schönheit spielte während der gesamten Menschheitsgeschichte eine wichtige Rolle. Als älteste Kunstwerke der Menschheit sind Vögel, Löwenmenschen, ein Wildpferd und Frauengestalten (Venus von „Venus vom Hohle Fels“ und „Willendorf“ aus Knochen und Elfenbein der Altsteinzeit von vor bis zu 35.000 Jahren bekannt. In der Ausstellung werden dafür stellvertretend Faustkeile gezeigt, die nicht nur als Werkzeuge, sondern auch wohl als erste Kunstwerke dienten.  „Für den symmetrischen Schliff von Steinäxten gab es keine Begründung, allerdings gewannen die Hersteller dieser Werkzeuge mit ihrem Gefühl für symmetrische Gestaltung und mit feinmotorischem Können an Attraktivität.“, so die These.

Das Streben nach Schönheit im 19. Jahrhundert

Das 19. Jahrhundert war von Schönheit besessen. Künstler/innen wie Anselm Feuerbach widmeten ihr ihr ganzes Schaffen, so die  Sagmeister. © Foto: Diether v. Goddenthow
Das 19. Jahrhundert war von Schönheit besessen. Künstler/innen wie Anselm Feuerbach widmeten ihr ihr ganzes Schaffen, so die Sagmeister. © Foto: Diether v. Goddenthow

Das 19. Jahrhundert, so erfahren Besucher, war von Schönheit besessen: Künstler wie Anselm Feuerbach widmete „der“ „Schönheit“ sein ganzes Schaffen, wobei das Streben nach Schönheit oft nahe zum Kitsch führte. Der  Höhepunkt dieser Entwicklung lag wohl gegen Mitte, Ende des 19. Jahrhunderts  mit Aufkommen des lithografischen Farbendrucks  und den neuen vielfältigen Möglichkeiten, „Kunstwerke“, „Tapeten“, „Textilien“, „Möbel“, „Stuck“ usw. industriell herzustellen. Die (groß-)bürgerlichen Wohnstuben der Gründerzeit waren  oftmals überfrachtet mit allerlei Sehnsuchts-Tinnef, Geschmeide, schweren Vorhängen, massiven Möbeln, neobarocken- bis keltisch anmutenden Ornamenten und Schnörkeln.

Jugendstil: zurück zu den natürlichen Wurzeln

Impression aus dem Museum Künstlerkolonie Darmstadt. © Foto: Diether v. Goddenthow
Impression aus dem Museum Künstlerkolonie Darmstadt. © Foto: Diether v. Goddenthow

Etwa gegen 1900 setzte sich insbesondere im Bildungsbürgertum  mit Lebensreform- und Freikörperkultur–Bewegungen auch ein neuer,  die Natur zitierender, klarerer Stil durch: der Jugendstil. Die Lebensreformbewegung war als Antwort auf die negativen, umweltbelastenden und krankmachenden Folgen der industriellen Revolution und des maßlosen Kapitalismus (Manchester-Kapitalismus) im Wesentlichen beeinflusst von der Philosophie Friedrich Nietzsches (1844 – 1900, nämlich von der Idee einen neuen Menschentyp zu schaffen, der sich aufmachen werde, „etwas Neues zu sein, etwas Neues zu bedeuten, neue Werte darzustellen“ (Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, 1886). Die Aufgabe dieses neuen Menschen sollte sein: eine neue soziale Ordnung vorzubereiten, „gegründet auf ästhetische Kriterien und bevölkert von gesunden Körpern“. Infolge dieser ersten „Zurück-zur-Natur-Bewegung“ fanden unter dem Begriff Jugendstil (und seiner verschiedenen Schulen) inbesondere floral geschwungenen Linien und großflächige Muster, Blumen- und Pflanzenornamente als Hinweis auf des menschen natürlichen Ursprungs Eingang in Kunst, (Gebrauchs-)Design und Architektur. Siehe hierzu: Jugendstil-Ausstellung in Wiesbaden im Rahmen des Jugendstiljahrs)

Ornament und Verbrechen

Ein scharfer Kritiker des Jugendstils im Allgemeinen und der „Wiener Secession“ im Besonderen war der Publizist und Architekt und Wahl-Wiener Adolf Loos (1870 – 1933).  Warum auch immer, vielleicht weil er sich profilieren und abheben wollte,  lehnte Loos die angewandte Kunst ab. Er hielt nichts davon, Gebrauchsgegenstände ohne funktionellen Nutzen in besonderer Weise künstlerisch aufzuhübschen (Form folgt Funktion). Eine Tasse beispielsweise, musste nicht schön sein, sondern als Trinkgefäß funktionieren!  Er nannte es gar ein „Verbrechen“, dass Handwerker ihre Zeit auf Ornamentierung verwendeten, „da Ornamente den Launen der Mode unterworfen wären und somit die Veralterung eines Gegenstandes beschleunigen würden“, zitieren Sagmeister & Walsh sinngemäß aus Loos berühmter Vortragspolemik „Ornament und Verbrechen“ von 1910. Loos verachtete das Imitieren,   das „Stehlen aus der Vergangenheit“, und postulierte, dass Funktionalität und Abwesenheit von Ornamenten im Sinne menschlicher Kraftersparnis ein Zeichen hoher Kulturentwicklung sei.  Die Ästhetik war im Bestreben nach optimaler Funktion eher nebensächlich, bei Gebrauchsgegenständen genauso wie in der neuen Architektur der frühen 1920er Jahre wie sie vom Bauhaus   angestoßen wurde und weltweit Verbreitung fand. Daran änderte auch nichts, dass später  manch „Monotones“ schön geredet wurde, was insbesondere in der  inzwischen auch 100 Jahre alten  „neuen Moderne der Architektur“ der Fall war, wo offensichtlich auch jede noch so abstoßende Hässlichkeiten wie triste Trabantentädte mit irgendwelchen sozialen Theorien für einen „neuen Menschen“ geheiligt wurden (siehe unten: Mainz sollte mit Hochhäusern bepflastert nach 1945 zur „Idealstadt der Zukunft“ werden).

Als der Abriss der Pariser Innenstadt drohte 

Loos hatte einen immensen Einfluss auf das Bauhaus in Deutschland und auf Le Corbusier in Frankreich. Bauhaus prägte maßgeblich das Architektur- und Designdenken der folgenden 100 Jahre.
Le Corbusier (1887 – 1965), schweizerisch-französischer Architekt, Architekturtheoretiker, Stadtplaner, Maler, Zeichner, Bildhauer und Möbeldesigner hatte 1925 gar  den vom Automobil- und Flugzeughersteller Gabriel Voisin finanzierten Plan Voisin, große Teile des alten Pariser Zentrums am rechten Seine-Ufer abzureißen. Statt der von Haussmann im neugotischen und neuromanischen sowie im  neo-byzantinischen, neoklassischen  und Neorenaiccance-Stil erbauten Pariser Innenstadt mit ihren unvergleichlichem Flair  aufgrund dieser Formenvielfalt, wollte Corbusier im Bemühen um eine „zeitgenössische Stadt“ 18 locker und regelmäßig angeordnete sechzigstöckige Hochhäuser mit kreuzförmigem Grundrissen in die Metropole an der Seine klotzen.  Anstelle der typischen, für mehrere Familien verschiedener Gesellschaftsschichten  errichteten  Fünf- bis Sieben- Geschoss-Bauten mit Geschäften im Erdgeschoss und darüber liegenden Wohnungen für die Besitzer sollten gleichförmige Massenunterkünfte die Menschen beglücken.  Verschwunden wären all die bislang gemischt genutzten Viertel pulsierenden Lebens mit Cafés, kleinen Geschäften, Betrieben und Boulevards und mit ihnen das pulsierende urbane Leben, was Menschen lieben und das Leben miteinander  schöner macht.

Le Corbusier wollte Wohn- und Arbeitsviertel durch mehrspurige Schnellstraßen trennen. Seine architektonische Radikalität und Rücksichtslosigkeit gegenüber dem historischen Bestand stieß jedoch auf ein kritisches Echo und konnte sich nicht durchsetzen und wurde  zum Musterbeispiel einer inhumanen, schematischen Rasterarchitektur. Diese fand aber in der Sowjetunion, später, modifiziert in der DDR, zahlreiche Anhänger. (Buchtipp: Ursula Muscheler. Das rote Bauhaus – Eine Geschichte von Hoffnung und Scheitern, Berenberg Verlag, Berlin 2016, ISBN 9783946334101 Gebunden, 144 Seiten, 22,00 EUR)

Paris heute und das Paris  eines Le Corbusiers: Auf der linken Leinwand werden Orte vom heutigen, historisch erhaltenen Paris gezeigt. Die rechte Leinwand zeigt parallel den gleichen Ort  mit Hochhausbebauung. © Foto: Diether v. Goddenthow
Paris heute und das Paris eines Le Corbusiers: Auf der linken Leinwand werden Orte vom heutigen, historisch erhaltenen Paris gezeigt. Die rechte Leinwand zeigt parallel den gleichen Ort mit Hochhausbebauung. © Foto: Diether v. Goddenthow

Wie Le Corbusiers Paris ausgesehen hätte,  wäre sein Plan Voisin real geworden, können  die Besucher an Simulations-Leinwänden erfahren: auf der einen, der linken Leinwand werden Ortsansichten vom heutigen, historisch erhaltenen Paris gezeigt. Die rechte Leinwand präsentiert parallel die gleiche Blickachse auf den selben Ort mit simulierter Hochhausbebauung. Sagmeister & Walsh bemerken dazu: „Heute wissen wir“, wie katastrophal das gewesen wäre. Die Wohnviertel wären tagsüber wie ausgestorben und die Arbeiterviertel nachts leer gewesen: Moderne Stadtplaner halten das genaue Gegenteil dieses Konzeptes – gemischt genutzte Viertel – für wirklich erfolgreich.“

Bürgerinitiativen vereitelten Mainzer und Wiesbadener Abriss-Gau 

Auch diese historistische Villa in der Bierstadter Strasse wäre wie hunderte andere, in denen May keinen ästhetischen Wert sah, seinen 1960er Planen vom neuen Wiesbaden zum Opfer gefallen, © Foto: Diether v. Goddenthow
Auch diese historistische Villa in der Bierstadter Strasse wäre wie hunderte andere, in denen May keinen ästhetischen Wert sah, seinen 1960er Planen vom neuen Wiesbaden zum Opfer gefallen, © Foto: Diether v. Goddenthow

Was in Paris der späten 1920er Jahre nicht durchsetzbar war,  glückte teilweise jedoch in Nachkriegsdeutschland. Autogerechte, gesichtslos gebliebene Städte wie Ludwigshafen, Gießen, Hanau, Offenbach, Kassel und viele andere wiederaufgebaute Orte zeugen bis heute noch von einer rein funktionalen Städteplanung, in der Schönheit keinen Platz hatte.

Mainz, welches im Krieg zu 80 Prozent zerstört worden war, ist  nach 1945 ganz knapp einem Totalabriss seiner noch letzten historischen Bausubstanz  entgangen. So sollte Le Corbusier-Kollege Marcel Lods  bis auf das unmittelbare Dom-Umfeld sämtliche restliche Altbausubstanz inklusive des noch relativ erhalten gebliebenen  Gründerzeit-Viertels „Neustadt“ abreißen und mit Scheibenhäusern (ähnlich den  Grindelhäusern in Hamburg) neu bebauen. Mainz sollte Muster einer „Idealstadt der Zukunft“ werden. Nur wegen allmählichen Bedeutungsverlustes der französischen Besatzer konnte 1949 dies eine Bürgerinitiative gerade noch vereiteln.

Goldgasse, Altstadt-Zentrum des im Volksmund bezeichneten Wiesbadener Schiffchens sollte ebenfalls Ernst Mays Plänen vom Neuen Wiesbaden zum Opfer fallen. © Foto: Diether v. Goddenthow
Goldgasse, Altstadt-Zentrum des im Volksmund bezeichneten Wiesbadener Schiffchens sollte ebenfalls Ernst Mays Plänen vom Neuen Wiesbaden zum Opfer fallen. © Foto: Diether v. Goddenthow

In  Wiesbaden hätte  die Stadtregierung fast selbst die Zerstörung ihrer historischen Stadt besorgt.  Hier verhinderte Anfang der 1960er Jahre eine Juso-Bürgerinitiative um Jörg Jordan, Achim Exner und Michael von Poser die Umsetzung von Ernst Mays gefeierten Visionen vom „Neuen Wiesbaden“ mit Abriss großer Innenstadt-Areale (Bergkirchenviertel, Schiffchen etc.) sowie wertvoller Villenviertel. Diese „City Ost“ sollte zu einem Verwaltungszentrum mit hohen Gebäuderiegeln und großen Verkehrsachsen nach Mainz und Frankfurt werden. Siehe Beitrag „Hochhäuser am Bierstadter Hang wiesbadener kurier“ vom 14.6.2019.
In der ehemaligen DDR hatte sich der im Bauhaus entwickelte Plattenbau bei der Wohnungsversorgung der Bevölkerung durchgesetzt. Historische Altbausubstanz galt als nicht mehr sanierbar, und durfte  als Relikt von feudaler und  bourgeoiser  Klassenfeind-Architektur  dem Verfall preisgegeben werden getreu dem Motto „Ruinen schaffen ohne Waffen“.  Wo nicht großflächig abgerissen oder Kirchen wie die Leipziger Paulinerkirche weggesprengt wurden, überließ man die Altstädte weitestgehend ihrem Verfalls-Schicksal!

Verarmung von Form und Vielfalt durch Bauhaus

Varmung von Form und Vielfalt: China einst und Peking heute. © Sagmeister und Walsh Foto: Diether v. Goddenthow
Varmung von Form und Vielfalt: China einst und Peking heute. © Sagmeister und Walsh Foto: Diether v. Goddenthow

Wie die Ausstellungsmacher bemerken, führte der internationale (Bauhaus-)Stil, was die Gestaltungsvielfalt anbetrifft, allerorten eher zu einer Verarmung von Form und Vielfalt. So bedauern sie, dass sich durch Bauhaus die Architektur weltweit angeglichen habe: „Ob in der brütenden Hitze der Tropen oder klirrenden Kälte der Arktis – man lebte und arbeitete in einer Schachtel“, kritisieren Sagmeister & Walsh. Dabei nehmen sie insbesondere die sich hierdurch überall gleichsam ausbreitende architektonische Hässlichkeit auf die Schippe: In einem Sichttunnel stellen sie die monoton rein zweckmäßig gestalteten Münchener Einheits-U-Bahnstationen den fantasievollen, jeweils von einem anderen Architekten entworfenen  U-Bahnstationen der Moskauer Metro gegenüber. In einem Lautsprecher wird erläutert,  dass in Moskau das U-Bahnfahren für viele Menschen zum Erlebnis werde. Viele Leute stiegen gar aus, um Fotos in der zur Touristenattraktion gewordenen Moskauer U-Bahn Fotos zu schießen. In  Münchener U-Bahnstationen würde man das nicht beobachten.

Begehbare Visualisierungs-Röhre: Münchener und Moskauer U-Bahngestaltungen im Vergleich. © Foto: Diether v. Goddenthow
Begehbare Visualisierungs-Röhre: Münchener und Moskauer U-Bahngestaltungen im Vergleich. © Foto: Diether v. Goddenthow

Als weiteres Beispiel weltweit identitätsloser Gleichförmigkeits-Architektur zeigen die Ausstellungsmacher 8 nebeneinander gestellte Fotos von internationalen Flughafen-Schalterhallen mit den Worten: „Wenn man von Zürich nach Bangkok und über Xi’an nach Brüssel fliegt … sieht man besser auf dem Ticket nach, wo man gerade ist – an der Flughafenarchitektur erkennt man es nicht.“

Schon ein Topf Farbe kann triste Bauten lebenswerter machen 

Richtig Hässliches habe die moderne Architektur den Menschen zugemutet. Wie die Ausstellungsmacher empirisch herausgefunden haben wollen, sei  Braun  die hässlichste Farbe und das Rechteck die hässlichste Form:   Ausgerechnet  die braune Schachtelform zählte, so  Sagmeister & Walsh, in den letzten 100 Jahren zu den dominantesten Formen der Architektur. Dies wird mit Bildmaterial   typischer 1970er Bauten einschlägig belegt und mit einem  kackbraunen Rechteck an prominenter Stelle visuell untermauert. Natürlich gäbe es praktische Gründe für rechteckige Formen, womit die Ausstellungsmacher wohl ein wenig an den mit dieser Einfach-Architektur  höher  erzielbaren Profit anspielen. „Doch wenn wir indigene /historische Architektur betrachten, spielt das Rechteck in fast allen Kulturen eine eher untergeordnete Rolle!“, so die Ausstellungsmacher.

Eintönige, funktionale (Hochhaus-)Architektur  wie sie insbesondere auch im Brutalismus (Béton Brut = roher Beton) praktiziert wurde, erzeugen bei Menschen häufig Stress. Es ist bekannt, dass graue Einheitssiedlungen Menschen krank, depressiv und aggressiv machen können. Nicht von ungefähr entstehen die meisten sogenannten Brennpunkt-Viertel inmitten trister Trabanten- und Satelliten-Viertel. Allein schon mit Farbe lassen sich viele hässliche Bauten aufhübschen. Sagmeister & Walsh zeigen dies am Beispiel von Albaniens Hauptstadt Tirana, einer Stadt in traurigem Zustand mit grauen, vor sich hin bröckelnden Häuserblocks. Bereits ein wenig Verschönerung durch Fassaden-Farbe habe bei den Menschen Wunder bewirkt. So beschloss der Bürgermeister Edi Rama Tirana bunt anzustreichen. „Dies führte zu einem Rückgang der Kriminalität und zu steigenden Steuereinnahmen, da die Bevölkerung das Gefühl hatte, die Regierung unternehme endlich etwas“.

Menschen brauchen Natur – Begrünte High-Line

Frappant  waren auch die Erkenntnisse über den Einfluss von schöner Umgebung auf die  Seele des Menschen nach der Begrünung einer stillgelegten Hochbahn-Trasse im Manhattener Stadtteil West Chelsea 1980.  Nachdem die Trasse der stillgelegten Hochbahn  aus den 1930er Jahren von den Designstudios DS-R und James Corner Field Operations in einen Hochpark verwandelt wurde, veränderte sich das gesamte Viertel positiv: Sagmeister & Walsh zitieren die New York Times,  „dass in den sechs Jahren seit der Eröffnung kein einziges Verbrechen auf der High-Line an die zuständigen Polizeireviere gemeldet wurde.“ Die begrünte High-Line habe es auch geschafft, das Verhalten ihrer Nutzer/innen zu verändern. Trotz Millionen von Besucher/innen, so Sagmeister & Walsh, sähe man nicht weggeworfenes Papier oder leere Getränkedosen.

Wo Menschen gern wohnen und leben

Menschen würden, könnten sie es sich leisten, lieber in schönen Häusern mit viel Grün drumherum wohnen. Schon mit der Lebensreformbewegung Ende des 19. Jahrhunderts kam in England die Idee auf, Gartenstädte zu bauen, damit die Arbeiter gesünder und zufriedener leben. Was 1903 mit der ersten englischen Gartenstadt Letchworth begann, hatte der Architekt und Frankfurter Stadtplaner Ernst May in seiner legendären frühen Phase, in den Jahren 1925 bis 1930, unter anderem mit der Reihenhaussiedlung Höhenblick im Grünen in Frankfurt fortgesetzt. Die schlichte und offene Architektur der heute in Eigentum umgewandelten und weitestgehend sanierten Reihenhäuser  gibt bis  heute nach Jahrzehnten  den Bewohnern  noch das Gefühl, in einem Urlaubsparadies zu leben. Siehe hierzu auch HISTORISCHES MUSEUM FRANKFURT: „WIE WOHNEN DIE LEUTE?“ – MIT DEM STADTLABOR DURCH DIE ERNST-MAY-SIEDLUNGEN.

Brachte die funktionale standardisierte und somit erheblich kostengünstigere Bauweise erhebliche Vorteile in der Wohnqualität (Bad, Toilette, Frankfurter Küche, Kohleheizung etc.) kann dies m.E. jedoch leider nicht darüber hinwegtäuschen, dass eben die ersten – aus der Not heraus geborenen –  Großsiedlungen der 30er Jahre und  der Nachkriegsarchitektur  alles andere als schön waren. Vor allem bleibt die Frage, warum selbst in späteren Zeiten ab den 70er Jahren, in denen eben viele triste Satelliten-Städte an den Rändern der Metropolen entstanden  immer noch hässlich, bisweilen sogar noch hässlicher waren als die Siedlungshäuser der 1950er Jahre.

Festhalten an der  „Schachtel“

Warum muteten die mitunter noch gleichen Architekten, die von Gartenstädten, Licht, Luft und Sonne für den Arbeiter träumten, die also wussten, was die menschliche Seele braucht, den Menschen solange, zum Teil bis heute noch, so schmucklose triste Trabantenstädte (siehe oben) zu?
Liegt dies vielleicht auch daran, dass mit dem Beginn der neuen Moderne nicht nur die klassische Stadt mit Innenstadtzentrum etc. abgeschafft werden sollte, sondern  das bis dahin gültige klassische Architekturvokabular gleich mit, so das traditionellen Formen wie Ornament, Stuck usw. praktisch nicht mehr vorkamen? (siehe oben „Ornament und Verbrechen). Oder liegt es vor allem an den mittlerweile überfrachteten inflationären Bauvorschriften über Abstandsflächen, Wärmedämmung, Lärmschutz, Einschränkung der Gestaltungsfreiheit usw., die eine Annäherung oder Weiterentwicklung der in Jahrhunderten erprobten Muster und Gestaltungsvarianten unmöglich machen?  So bleibt ein Rätsel, weswegen trotz aller Kritik an der neuen Moderne, etwa des Deutschen Instituts für Stadtbaukunst ( der Düsseldorfer Erklärung über die Europäische Stadt mit Plätzen und Quartieren), weswegen trotz unzähliger Workshops, Bürgerinitiativen usw. weiterhin gnadenlos einfallslos im Schachtel-Stil an menschlichen Lebensbedürfnissen oft vorbei gebaut wird?  Denn, ob im  Europaviertel in Frankfurt am Main, am Berliner Hauptbahnhof oder in der Bahnstadt von Heidelberg – an solchen Orten will und kann sich kein Stadtgefühl einstellen.

Boomende Altstadtquartiere und historische Tourismusziele zeigen, wo Menschen gerne wohnen würden

Teilrekonstruierte Frankfurter Allstadt.  © Foto: Diether v. Goddenthow
Teilrekonstruierte Frankfurter Allstadt. © Foto: Diether v. Goddenthow

Nicht von ungefähr boomen Altbauquartiere wie in Berlin-Prenzlauer Berg, Hamburg-Eppendorf, München-Schwabing, Kölns Belgischem Viertel, Dresden-Neustadt, Leipzig-Waldstrassen-Viertel, Mainz-Neustadt, Wiesbaden, Baden-Baden und in vielen anderen deutschen Städten. Diese gewachsene, häufig liebevoll restaurierten Quartiere mit wunderbaren stuckverzierten Altbauwohnungen bis hin zum alternativen Flair bieten all das, was sich Menschen an lebendiger, facettenreicher Urbanität wünschen. Da bislang nicht adäquat ausreichend neugebaut wird, explodieren  in diesen Szene-Vierteln die Preise, so dass sich mittlerweile oft nur Besserverdienende oder „Erben“ diese Lagen leisten können.  So ist verständlich, wenn es in diesen Vierteln immer häufiger  zu Protesten gegen Spekulation und Gentrifizierung kommt. Diese „Abstimmung mit den Füßen“  unterstreicht aber doch  noch einmal mehr und eindrucksvoll den starken Wunsch der Menschen, in welcher Umgebung lieber leben würden.  Und  zeigt nicht auch  der großartige Erfolg der teilrekonstruierten Frankfurter Altstadt einmal mehr für welche Art von Quartieren  die Herzen der Menschen schlagen?

Blick in die Tourismus-Prospekte

Historisches Gebäude der Werkschule von Walter Gropius. © Foto: Diether v. Goddenthow
Historisches Gebäude der Dessauer Werkschule von Walter Gropius. © Foto: Diether v. Goddenthow

Dass Menschen nach dem Schönen streben, ist   Stadtoberen und Planern bekannt. Das belegt  allein ein Blick in Tourismusprospekte der Städte. Hierin wird verständlicherweise nur mit außergewöhnlichen, mit besonders schönen oder historischen  oder rekonstruierten Bauten und Plätzen geworben.

Rekonstruiertes Meisterhaus eines Bauhauslehrers der 1920er Jahre. © Foto: Diether v. Goddenthow
Rekonstruiertes Dessauer Meisterhaus eines Bauhauslehrers der 1920er Jahre. © Foto: Diether v. Goddenthow

Selbst die im Krieg schwer zerstörte, einstmals wunderschöne barocke Residenz- und spätere Bauhaus-Stadt Dessau,  vermeidet in ihren Prospekten mit dem hässlichen Charme ihre DDR-Platte und abhanden gekommenen Stadtzentrums zu werben. Dessauer Prospekte bilden nur das „Schöne“ in Dessau ab, etwa das inzwischen zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärte Bauhaus-Gebäude von Walter Gropius  sowie die in parkähnlichen Kiefernwäldchen eingebetteten rekonstruierten Meisterhäuser sowie  die wenigen vorzeigbaren historischen Bauten, wie zum Beispiel das wiederaufgebaute Rathaus.

Schön bauen heißt nicht „zurück zur Gründerzeit“

Der bolivianische Architekt Freddy Mamani zeigt am Beispiel von sechzig Gebäuden in Et Atto, der höchstgelegenen Stadt der Welt, wie sich Architektur formschön weiterentwickeln könnte. © Sagmeister & Walsh
Der bolivianische Architekt Freddy Mamani zeigt am Beispiel von sechzig Gebäuden in Et Atto, der höchstgelegenen Stadt der Welt, wie sich Architektur formschön weiterentwickeln könnte. © Sagmeister & Walsh

Um „schön“ zu bauen, muss kein Architekt zurück zu Gründerzeit oder mittelalterlichen Fachwerkstil. Sagmeister & Walsh zeigen, wie sich Architektur auch formschön weiterentwickeln kann am Beispiel von sechzig Gebäuden in Et Atto (höchstgelegene Stadt der Welt) des bolivianischen Architekten Freddy Mamani. Er kombiniert indigenen Stil, Art déco und Lad Vegas Glamour miteinander.

Die Architektur spricht für sich, auch der große touristische Andrang. Hundertwasser hat einfach für die menschliche Seele gebaut. Es handelt sich hierbei um eine von 1983 bis 1985 erbaute Wohnhausanlage der Gemeinde Wien und befindet sich an der Ecke Kegelgasse 34–38 und Löwengasse 41–43 im 3. Wiener Gemeindebezirk. © Foto: Diether v. Goddenthow
Die Architektur spricht für sich, auch der große touristische Andrang. Hundertwasser hat einfach für die menschliche Seele gebaut. Es handelt sich hierbei um eine von 1983 bis 1985 erbaute Wohnhausanlage der Gemeinde Wien und befindet sich an der Ecke Kegelgasse 34–38 und Löwengasse 41–43 im 3. Wiener Gemeindebezirk. © Foto: Diether v. Goddenthow

Und wer liebte nicht Hundertwasser-Häuser oder die fantastischen Gebäude des katalanischen Architekten Antoni Gaudís. Diese  allesamt zu touristischen Attraktionen aversierten Bauten zeigen, wie sich  Architektur formschön weiterentwickeln kann.

Die positive Wirkung von „Schönheit“
Schönes wirkt nachweislich unmittelbar auf die Dopamin-Rezeptoren und auf das Empfinden, weswegen „Schönheit“ und „schöne“ Gestaltung durchaus auch funktionell verstanden werden, so Sagmeister & Walsh. Es ist ja hinlänglich bekannt, dass schöne Menschen schon von Kleinkindern als angenehmer und liebenswürdiger empfunden werden, und die Werbung sich diesen Umstand zunutze macht. „Zu den wichtigsten Merkmalen für visuelle Attraktivität zählen Symmetrie, Einfachheit, Balance, Klarheit, Kontrast und Proportionen“. Allerdings sei kein Objekt per se in dieser Ausstellung schön, da Schönheit in unserem Kopf entstünde. Wie schön Menschen ein Objekt empfinden hängt eben damit zusammen, wie vertraut es uns ist, der Kontext, in dem wir dem Objekt begegnen, unsere individuelle Vorgeschichte, unsere Bildung, Sozialisation und Kultur.
Beispiele aus allen Epochen der Menschheitsgeschichte lassen im Ausstellungsbereich „Die Geschichte der Schönheit“ keinen Zweifel am historischen Begehren nach Schönheit.

Im Kapitel „Im Auge des Betrachters“ werden bemerkenswerte Ähnlichkeiten in verschiedenen Kulturen und Zeitepochen aufgespürt, die belegen, dass ästhetisches Empfinden weniger subjektiv ist als gemeinhin angenommen. Wie universell das Schönheitsempfinden ist, verdeutlicht unter anderem die Visualisierung von Untersuchungen von Chris McManus, Psychologe am University College London: 85 Prozent der Proband*innen können auf Anhieb ein Werk von Piet Mondrian von der leicht abgeänderten Fälschung unterscheiden. Einmal mehr laden Sagmeister & Walsh hier zur Interaktion ein: Die Eintrittskarte, die man beim Kauf an der Kasse erhält, ist mit geprägten Münzen versehen, die auch zum Abstimmen über Lieblingsformen, –farben und –gerüche eingesetzt werden können. Insbesondere um Farbwahrnehmung geht es in The Color Room. Der mit intensiven, blau-rosafarbenen Mustern überzogene Raum wird regelmäßig mit einem speziellen Licht beleuchtet, das bestimmte Farbtöne grau erscheinen lässt. Farbigkeit wird gemeinhin als schöner empfunden.

Schönheit hat auch ein transformatorisches Potenzial, die Welt zu verbessern, wie im Ausstellungsbereich „Transformierende Schönheit“ verdeutlicht wird. Das zeigt unter anderem die Installation From Garbage to Functional Beauty: Der französische Designer Thierry Jeannot schafft gemeinsam mit mexikanischen Müllsammler*innen einen wunderschönen Kronleuchter aus Plastikmüll. Mit der VR–Installation Tyranny of the Tool, entwickelt von Florian Hönig und Michael Sänger von Unbound Technologies, können Besucher*innen ihre ganz eigene Skulptur im virtuellen Raum erschaffen.

Die Ausstellung Beauty, deren Titel zunächst vielleicht eher an Kosmetik oder Modepräsentation denken lässt, ist absolut empfehlenswert. Man sollte sich Zeit lassen, eventuell zweimal in die Ausstellung gehen: Ein erstes Mal, um einen Eindruck zu bekommen und die Themen aufzunehmen. Insgesamt warten auf Besucher 70 Objektgruppen. Sie sind untergliedert in sechs Ausstellungsthemen: „Was ist Schönheit?“, „Die Geschichte der Schönheit“, „Im Auge des Betrachters“, „Schönheit erleben“, „Transformierende Schönheit“ und „Contemplating Beauty“.

(Diether v. Goddenthow /Rhein-Main.Eurokunst)