Kategorie-Archiv: Darmstadt

„Verborgene Schönheit – Kunstformen der Natur“ 18. Feb. – 16. Mai 2016 im Landesmuseum Darmstadt

Dr. Jutta Reinisch, wissenschaftliche Voluntärin, erläutert die erotische Haar-Symbolik  von Quallen-Tentakeln im Jugendstil. Foto © massow-picture
Dr. Jutta Reinisch, wissenschaftliche Volontärin, erläutert die erotische Haar-Symbolik von Quallen-Tentakeln im Jugendstil. Foto © massow-picture

Ernst Haeckel wollte in seinen allgemeinverständlichen Schriften der bereiteren Öffentlichkeit die Schönheit der Meereslebewesen näher brinen, die er jahrzehntelang auf seinen Reisen und am Mikroskop erforschte. Er prägte auch den Begriff der Ökologie und verbreitete im deutschsprachigen Raum die Evolutionslehre Darwins. Sein Vermächtnis innheralb der Biologie ist gewaltig. Er entdeckte über 3.500 neue Arten, darunter zwei Quallen-Arten, die er nach seiner jung verstorbenen Ehefrau Anna (geb. Sethe) benannte: „Desmonema annasethe“ und „Mitrocoma annae“, was so viel wie Annas Haarband bedeutete. Denn er verglich die wehenden Quallenarme mit dem Haar seiner geliebten Verstorbenen. Diese Symbolik von Quallenzotteln (Tentakeln) als weibliches wehendes Haar fanden später Eingang in Kunst und Jugendstil,  die Frauen der Natur und dem fließenden Elementen zuordneten. Auf zahlreichen Darstellungen und Mustern wehen ihre langen Haare  wie Quallenarme oder locken sich wie Tentakel.

© Landesmuseum Darmstadt
© Landesmuseum Darmstadt

Nun hat das Hessische Landesmuseum Darmstadt über diese und viele andere „Kunstformen der Natur“ eine sensationelle Ausstellung zusammengestellt. Aus eigenen Beständen zeigt es in seiner Karl Freund-Galerie der Graphischen Sammlung die komplette Folge der „Kunstformen der Natur“, die der Biologe Ernst Haeckel (1834 – 1919) um 1900 schuf. Die Ausstellung stellt die hundert Tafeln in den kunst-, kultur- und naturgeschichtlichen Kontext und fragt, woraus sich die Ästhetik der „Kunstformen“ speist. Ornamentstiche seit dem 15. Jahrhundert, Druckgraphik und Kunstobjekte des Jugendstils sowie modernes Design und naturwissenschaftliche Objekte treten in einen Dialog.

Mit Martin Schongauer, Meister E. S., Emile Gallé, Joseph Maria Olbrich, Hans Christiansen und vielen weiteren sind herausragende Künstler der Darmstädter Sammlung vertreten. Kunst- und Naturobjekte verbinden sich seit der Wiedereröffnung des Hauses zum ersten Mal in einer übergreifenden Ausstellung.

Er holte verborgene Schätze aus den Meerestiefen ans Licht: Der Zoologe Ernst Haeckel veröffentlichte 1899 bis 1904 seine „Kunstformen der Natur“. Dieses Mappenwerk mit erklärenden Texten und hundert farbigen Lithographien winziger Meereslebewesen und anderer Tiere sollte Künstlern und Publikum das näher bringen, was sonst dem Auge unsichtbar bleibt.
In den kunstvollen Lithographien sind Radiolarien (mikroskopisch kleine Einzeller), Quallen und andere Lebewesen symmetrisch und in strengen, linearen Formen auf Papier gebannt.

Foto © massow-picture
Foto © massow-picture

Ernst Haeckel wollte mit seinen „Kunstformen der Natur“ einen Wegweiser und neue Vorbilder für die Künstler seiner Zeit schaffen, aber sein Werk ist auch beeinflusst von der Kunst vergangener Jahrhunderte. Schon lange zuvor hatten Künstler die Natur als Inspirationsquelle gewählt und natürliche Formen in Kunst verwandelt. Haeckel wollte die Natur selbst als die größte Künstlerin zeigen; in seinen minutiös abgezeichneten stereometrischen Formen bildete sich für ihn Schönheit und Gesetzmäßigkeit aller Natur ab.

Geschichte von der Gefangenen Prinzession, 1842. Aus einer Wurzel (Rübe) erwächst die ganze Geschichte. Foto © massow-picture
Geschichte von der gefangenen Prinzessin, 1842. Aus einer Wurzel (Rübe) erwächst die ganze Geschichte. Foto © massow-picture

Die Ausstellung verortet die „Kunstformen der Natur“ im zeitgenössischen Kontext von Naturwissenschaft und Kunst. Sie präsentiert ausgewählte zoologische und geologische Präparate sowie stilbildende naturwissenschaftliche Illustrationen der Zeit ebenso wie ornamentale Graphik vom 15. Jahrhundert bis zum Jugendstil, die Naturformen in Kunst verwandelte. Die Ausstellung bietet aber nicht nur einen Rückblick auf den langen Weg der Kunst und Wissenschaft bis zu Haeckels Blättern, sondern beleuchtet in einem Ausblick auch den Einfluss von Haeckels „Kunstformen“ auf die spätere Kunst: Seit der Jahrhundertwende orientieren sich Künstler, Architekten und Designer weltweit an den „Kunstformen der Natur“. Objekte aus der reichen Jugendstil-Sammlung des Hauses, aber auch Klassiker des modernen Designs illustrieren den starken Einfluss der „Kunstformen“ bis heute.

Die Ausstellung erstreckt sich über vier Säle. Der Rundgang kann von beiden Seiten her erfolgen.

Foto © massow-picture
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Raum 1: Haeckels „Kunstformen der Natur“
Die hundert „Kunstformen der Natur“ wurden zwischen 1899 und 1904 in zehn Lieferungen zu je zehn Blatt publiziert. Die Hängung folgt dieser Publikationsform und ermöglicht zugleich einen Überblick über das gesamte Mappenwerk. Die Besucher und Besucherinnen können hier verweilen und die Gesamtschau auf sich wirken lassen.

Raum 2: Die Tradition der Ornamentstiche und die „Kunstformen der Natur“

Vierblätter aus "Anweisung zur Zeichnung neuen Laubwerks" von Johann Baur, Augsburg 1681 - 1760. Foto © massow-picture
Vierblätter aus „Anweisung zur Zeichnung neuen Laubwerks“ von Johann Baur, Augsburg 1681 – 1760. Foto © massow-picture

Schon seit Anbeginn setzten sich Menschen mit Naturformen auseinander, zeichneten sie ab oder stilisierten sie und nutzten sie zu Dekorationszwecken. Auch Ernst Haeckel wollte mit seinen „Kunstformen der Natur“ dem Kunstgewerbe seiner Zeit Vorlagen bieten, an die Künstler ohne die Hilfe der Wissenschaft nicht herangekommen wären. Er steht in dieser didaktischen Absicht in der viel älteren Tradition der Ornamentstiche und Musterbücher. Der zweite Raum der Ausstellung ist deshalb Ornamentstichen und ornamentaler Druckgraphik vom 15. bis zum 19. Jahrhundert gewidmet, beginnend mit Israhel van Meckenem und Martin Schongauer über Augsburger Ornamentstecher des Rokoko bis zur Druckgraphik vom Biedermeier bis zum Jugendstil. Frühe Figurenalphabete kombinierten natürliche Formen zu Grotesken und verbanden sie zu neuen Abstrakta, zu Schrift. Über die Jahrhunderte hinweg blieben einige stilisierte Naturformen besonders populär, darunter bestimmte Rankenformen, Grotesken und Arabesken.

Muschel-Ei mit zwei Flakons um 1830, Perlmutt. Foto © massow-picture
Muschel-Ei mit zwei Flakons um 1830, Perlmutt. Foto © massow-picture

Die Ornamentstiche, meist Vorlagen für Möbel und Gebrauchsgegenstände, werden mit ausgewählten kunstgewerblichen Objekten konfrontiert, die einen Blick auf die Umsetzung solcher Vorlagen und den Vergerlauben. Schon in  Rennaissance und Barock wurden Nautilus- und Schneckengehäuse zu Gefäßen verarbeitet. Die äußere Schicht wurde mit Säuren abgebeizt oder abgeschliffen, damit das glänzende Perlmutt (siehe Abbildung Muschel-Ei) zutage trat. Im Anschluss wurden die Gefäße golden montiert.

Kleine Judendstil- Tischlampe, Kreiselschnecke, Messing, versilbert, Wien um 1900 Foto © massow-picture
Kleine Judendstil- Tischlampe, Kreiselschnecke, Messing, versilbert, Wien um 1900 Foto © massow-picture

Oft zeigen diese Einfassungen den Meeresgott Neptun und Wassertiere und verbinden die Muschelhülle auch motivisch mit dem Meer. Im Jugendstil wurden Schneckenschalen ebenfalls als Dekor genutzt, hier ist die Verbindung aber eher organisch: Das Kleid der zarten Nymphe und die Silbermontierung erinnern an Algen, lange Haarflechten oder Winden, wie bei der kleinen Wiener Tischlampe (siehe Abbildung) aus einer Kreiselschnecke, in Messing gefasst versilbert, um 1900.

3. Raum: Natur in der Kunst des Jugendstils und im Design 

Jugendstil-Schmuckentwürfe. Foto © massow-picture
Jugendstil-Schmuckentwürfe. Foto © massow-picture

Ausgewählte Druckgraphik und Kunstobjekte – Keramik, Glas, Schmuck, darunter Objekte Emile Gallés und der Darmstädter Jugendstilkünstler Joseph Maria Olbrich und Hans Christiansen  lassen die motivischen und stilistischen Bezüge zu Haeckels „Kunstformen“ anschaulich werden: Die „Kunstformen“ strahlten auch auf die Mathildenhöhe aus. Schmuckentwürfe Joseph Maria Olbrichs können die Tendenz des Jugendstils zur Symmetrisierung und Stilisierung natürlicher Formen verdeutlichen, Entwürfe Hans Christiansens belegen die Aufnahme maritimer Wesen in die Dekoration. Zu den jüngsten Exponaten gehört zeitgenössisches Design, das sich explizit auf Haeckel beruft; die Leuchten des preisgekrönten Designstudios Bernotat & Co. nehmen Radiolarienformen auf. Die Designer werden im Rahmen des Begleitprogramms zur Ausstellung am 8.5. einen Vortrag zum Thema „Design und Natur“ halten.

4. Raum: Die naturwissenschaftliche Basis

Modell von Chrysaora Mediterranea, 2015, Susann Steinmetzger, zeigt sehr anschaulich die haarhafte Symbolik der Tentakeln, wie sie insbesondere in die Frauendarstellungen im Jugendstil einflossen. Foto © massow-picture
Quallen-Skulptur 2015 von Susann Steinmetzger aus Kunstharz meisterhaft nachgebildet, teilweise gefasst,. Es handelt sich um ein Modell der Desmonema Annasethe. Verbreitungsgebiet: nördlicher Atlantik und Pazifik. Ernst Haeckel benannte die von ihm entdeckte Quallenart nach seiner an ihrem 30. Geburtstag verstorbenen Ehefrau. In „Kunstformen der Natur“ schrieb er: „Der Speziesname dieser prachtvollen Discomeduse – verewigt die Erinnerung an Anna Sethe, die hochbegabte feinsinnige Frau, welcher der Verfasser dieses Tafelwerkes die glücklichsten Jahre seines Lebens verdankt.“ Foto © massow-picture

Der letzte Raum dieser Folge, den der Besucher als ersten betritt, ist naturwissenschaftlichen Präsentationsformen gewidmet. Echte Präparate werden stark stilisierenden zoologischen Lehrtafeln gegenübergestellt, so dass der Einfluss zeitgenössischer naturwissenschaftlicher Illustration auf die Ästhetik der „Kunstformen“ deutlich wird. Eigens angefertigte Quallennachbildungen treten in einen Dialog mit dem Natur- und Frauenbild des Jugendstils.
Der Blick auf Haeckels letzte Publikation, „Kristallseelen“, die sein Lebenswerk abrunden sollte, und auf seinen Bezug zur Geologie bildet den Abschluss. Kristalle im Urzustand werden dem künstlerischen Endprodukt, den Schmuckstücken, gegenübergestellt.

Verantwortlich:

(v.l) Dr. Mechthild Haas, Leiterin der Graphischen Sammlung Die wissenschaftlichen Volontäre: Dr. Davide Dossi, Kunst, Dr. Jutta Reinisch, Kunst Dr. Karen Ziaja, GeologieFoto © massow-picture
(v.l) Dr. Mechthild Haas, Leiterin der Graphischen Sammlung Die wissenschaftlichen Volontäre: Dr. Davide Dossi, Kunst, Dr. Jutta Reinisch, Kunst Dr. Karen Ziaja, Geologie, Foto © massow-picture

Dr. Mechthild Haas, Leiterin der Graphischen Sammlung
Die wissenschaftlichen Volontäre:
Dr. Davide Dossi, Kunst
Dr. Katrin Friedemann, Zoologie
Dr. Jutta Reinisch, Kunst
Dr. Karen Ziaja, Geologie

Veranstaltungsort:
Hessisches Landesmuseum Darmstadt
Friedensplatz 1, 64283 Darmstadt

 

Laufzeit:
18. Februar – 16. Mai 2016
Öffnungszeiten
Dienstag, Donnerstag, Freitag 10.00 – 18.00 Uhr
Mittwoch 10.00 – 20.00 Uhr
Samstag, Sonn- und Feiertag 11.00 – 17.00 Uhr
Montag geschlossen

Ticket
Erwachsene 6, ermäßigt 4 Euro
Das Ticket berechtigt auch zum Besuch der Ständigen Sammlung.
Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren haben freien Eintritt.

Katalog
Im Eigenverlag erscheint ein Katalog zu 10 Euro.

 

Themenführung: »Die Versuchung der Hl. Magdalena – Echter oder falscher J. Jordaens? im Landesmuseum Darmstadt

Tafelgemälde:  „Die Versuchung der Hl. Maria Magdalena“
Tafelgemälde: „Die Versuchung der Hl. Maria Magdalena“, Kopie nach Jacob Jordaens, Öl auf Holz; 1. Hälfte des 18. Jh.;
© Hessisches Landesmuseum Darmstadt

»Die Versuchung der Hl. Magdalena – Echter oder falscher J. Jordaens? Neue Erkenntnisse der Restaurierung«
mit Dipl. Rest. Olivia Levental

Am Mittwoch, 17. Februar 2016, lädt das Hessische Landesmuseum Darmstadt um 16 Uhr ein zu der spannenden Themenführung »Die Versuchung der Hl. Magdalena – Echter oder falscher J. Jordaens? Neue Erkenntnisse der Restaurierung « mit Dipl. Rest. Olivia Levental ein.

Aufgrund seines schlechten Zustandes wurde das schon lange nicht mehr ausstellungfähige Tafelgemälde vor der Wiedereröffnung des Museums aufwändig restauriert. Während der Restaurierung und nach genauer Betrachtung der Darstellung kamen Fragen zur Autorenschaft auf und wurden hinterfragt. Ergänzende naturwissenschaftliche Untersuchungen wurden herangezogen, um Gewissheit zu erlangen. Die Ergebnisse stellt Olivia Levental, Leiterin der Abteilung Restaurierung Kunst und Kulturgeschichte, vor.

Ort:
Hessisches Landesmuseum Darmstadt
Friedensplatz 1
64283 Darmstadt

Öffentliche Führung mit Vorführung der Drucktechniken Kupferstich und Kaltnadelradierung Landesmuseum Darmstadt am 7.Februar

Albrecht Dürer Nemesis (Das große Glück), © Hessisches Landesmuseum Darmstadt
Albrecht Dürer
Nemesis (Das große Glück), © Hessisches Landesmuseum Darmstadt
Um 1501, Kupferstich

Im Rahmen der Ausstellung „Albrecht Dürer – Meisterwerke der Druckgraphik aus dem Hessischen Landesmuseum Darmstadt“ findet am Sonntag, dem 7. Februar 2016, 15 Uhr, eine öffentliche Führung mit Vorführung der Drucktechniken Kupferstich und Kaltnadelradierung statt.

Mit einer mobilen Presse ist es den Graphikerinnen Ruth Ullenboom, Katharina Eckert und dem Kupferstecher Dieter Krüger möglich, den interessierten Besucherinnen und Besuchern einige der in der Ausstellung vertretenen Drucktechniken, die der Nürnberger Künstler meisterhaft beherrschte, eingehender vorzustellen und zu demonstrieren. Dazu gehören Kaltnadelradierung und Kupferstich. Nach Möglichkeit erhalten die Besucher ein kleines gedrucktes Lesezeichen zum Mitnehmen.

Die öffentlichen Druckvorführungen schließen sich unmittelbar an die öffentlichen Führungen ca. 15.45 Uhr/ 16.00 Uhr an und finden in der Haupthalle statt.

Öffentliche Führung: Renate-Charlotte Hoffman M. A.
Druckvorführung: Katharina Eckert, Ruth Ullenboom

kostenfrei, lediglich Sonderausstellungseintritt, 25 Teilnehmer, Teilnahmekarten am Veranstaltungstag an der Museumskasse, keine Vorreservierung möglich

Die ersten Wimmelbilder – Dürers einzigartige Druckgrafiken neu entdecken im Landesmuseum Darmstadt bis 24. April 2016

Albrecht Dürer Das Männerbad Um 1496/97 Holzschnitt ©Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Foto: Wolfgang Fuhrmannek
Albrecht Dürer. Ausschnitt aus: Das Männerbad, um 1496/97. Holzschnitt ©Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Foto: Wolfgang Fuhrmannek

Vom 29. Januar  bis 24. April 2016 zeigt  das Hessische Landesmuseum Darmstadt  130 einzigartige  Meisterdrucke von Albrecht Dürer. Das Werk präsentiert sich wesentlich in den sechs Themen-Pavillons: „Volk und Frömmigkeit“, „Apokalypse“, „Idealakt und Antike“, „Abendmahl und Passion“, „Marienleben“ und „Technische Experimente“.

Per Lupe im eigenen Tempo auf Entdeckungstour durch die ersten Wimmelbilder. © massow-picture
Per Lupe im eigenen Tempo auf Entdeckungstour durch die ersten Wimmelbilder. © massow-picture

„Slow-Look“ mit Lupenhilfe

Aufgrund ihrer unglaublichen  Detailfülle erinnern Albrecht Dürers Meisterdrucke an  erste Wimmelbilder. Zur besseren visuellen Erschließung der zum Teil auch winzigen Bild-Details , haben sich die Ausstellungsmacher bewusst für Lupen und gegen eine digitalisierte Bildaufbereitung zur Tablet-Nutzung entschieden. Denn „bei dem Computer ist ja alles vorpräpariert wenn Sie da klicken. Aber mit der Lupe haben Besucher die Möglichkeit, zu einem ganz persönlichen Dialog mit dem Detailreichtum des Blattes zu finden, den sie ganz allein haben können“, betont Dr. Mechthild Haas, Kuratorin und Leiterin der Graphischen Sammlung. Statt Slow-Food bieten wir „Slow-Look“, so die Kuratorin.  Die Lupen können gleich an der Kasse kostenfrei ausgeliehen werden, um sich dann im eigenen Tempo auf die Erkundungstour zu machen und sich von der Magie der zum Teil über 500 Jahre alten Originale verzaubern zu lassen.

Die Werke stammen aus dem Gesamtbestand an Dürer-Graphik

Es ist ein Glücksfall, dass einst der spätere Großherzog Ludewig I. von Hessen, auf dessen Sammlungen das heutige Hessische Landesmuseum Darmstadt gründet, bereits 1802/03 über die Kunsthandlung Artaria Albrecht Dürers (1471-1528) graphisches Werk fast vollständig und in schönster Druckqualität für die Darmstädter Sammlung erwerben konnte. Wie aus handschriftlichen Vermerken auf einigen Blättern hervorgeht, waren diese zuvor im Besitz des berühmten Graphikhändlers Pierre Mariette, ein Name der bis heute Kennerschaft und höchste Qualitätsmaßstäbe verbürgt.

Albrecht Dürer Die apokalyptischen Reiter Apokalypse, III. Figur 1498 Urausgabe, lateinisch Holzschnitt ©Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Foto: Wolfgang Fuhrmannek
Albrecht Dürer
Die apokalyptischen Reiter
Apokalypse, III. Figur
1498 Urausgabe, lateinisch
Holzschnitt
©Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Foto: Wolfgang Fuhrmannek

Aus ihrem Gesamtbestand der Dürer-Graphik hat die Graphische Sammlung eine Ausstellung mit Holzschnitten und Kupferstichen in vorzüglichen Abzügen sowie einige rare Eisenradierungen zusammengestellt. Zu sehen sind über 130 Blätter. Dürers berühmte Apokalypse (1498) sowie seine Zyklen zur Passion und dem Marienleben (1511) sind vertreten. Hinzu kommen bekannte aber auch äußerst seltene Einzelblätter zu verschiedenen mythologischen und sakralen Themen aus allen Schaffenszeiten des Künstlers, von „Adam und Eva“ (1504) bis zur „Melencholia I“ (1514) oder dem „Großen Triumphwagen“ (1522). Die Ausstellung mit den Glanzstücken von Albrecht Dürers Graphikkunst eröffnet die Perspektive auf einen der wichtigsten Abschnitte der abendländischen künstlerischen Entwicklung überhaupt.

Albrecht Dürer Melencolia I (Die Melancholie) 1514 Kupferstich ©Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Foto: Wolfgang Fuhrmannek
Albrecht Dürer
Melencolia I (Die Melancholie)
1514
Kupferstich
©Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Foto: Wolfgang Fuhrmannek

Der Künstler Albrecht Dürer lebte in einer der markantesten historischen Epochen des Übergangs, an der Schwelle zum Europa der Moderne. Dürers Holzschnitte und Kupferstiche erfüllten nicht mehr nur die Funktion der Andachtsgraphik früherer Jahre. Vielmehr richtete sich Dürer mit seiner Graphik an ein kunstverständiges, religiösen wie philosophischen Fragestellungen gegenüber offenes Publikum. Der Spannungsbogen, den Dürer mit seinen Druckgraphiken setzte, ist von überraschend moderner Intellektualität geprägt, er bewegt sich zwischen Wissenschaft und Alchemie, Philosophie und Mysterium des Glaubens, Naturstudium und visionärer Schau.

Dem Besucher wird in der Ausstellung anhand dieser kostbaren Exponate vermittelt, welch herausragende Rolle Albrecht Dürer (1471-1528) für die Druckgraphik im 16. Jahrhundert zukommt, indem er sie in den Rang der Kunst erhob.

Original oder Fälschung

"Flucht aus Ägypten" - Ist dies Dürers Original oder Raimondis Fälschung?
„Flucht aus Ägypten“ – Ist dies Dürers Original oder Raimondis Fälschung? © massow-picture

Besonders in Italien waren Albrecht Dürers Werke so geschätzt, dass sie häufig einfach adaptiert oder 1 : 1 kopiert wurden. So bildete sich der italienische Kupferstecher Marcantonio Raimondi an Holzschnitten Albrecht Dürers weiter und kopierte zwischen 1505 und 1510 ca. 80 Graphiken, einschließlich Albrechts Dürers Signatur „A.D“. Als das 1506 aufflog, reiste Albrecht Dürer nach Italien. Er ging gerichtlich gegen die nicht autorisierten Reproduktionen vor und gewann den ersten urheberrechtlichen Prozess der Kunstgeschichte. Dabei wurde Raimondi nicht etwa wegen der Kopie der Holzschnitte, sondern allein wegen der widerrechtlichen Aneignung von Dürers Signatur „A.D.“ verurteilt. Mit dem hierdurch erlaubten Kopieren von Gemälden als Kupferstiche begründete Raimondi die künstlerische Sparte der Reproduktion von Kunstwerken durch Kupferstiche. Er machte sozusagen das Abkupfern hoffähig, während Albrecht Dürer ganz nebenbei Urheberrechtsgeschichte schrieb und mit dem Schutz seiner Signatur „A.D.“ das Markenrecht und die „Marke“ als Marketing-Instrument begründete. Präsentiert wird mit „Flucht aus Ägypten“ eines der für das Urteil  von 1506 wichtigen Werke. Im Pavillon Marienleben können Besucher neben Albrecht Dürers Originalholzschnitt  die gleichnamige Kupferkopie von Raimondi samt unerlaubter Dürer-Signatur „A.D.“  in Augenschein nehmen und mit der Lupe klar die Unterschiede zwischen Original und Fälschung erkennen.

Solches und ähnliches Hintergrundwissen über Dürers Schaffen aber auch Einführungen zum Bilderverständnis und thematischen Kontexten  erfahren Besucher insbesondere auch über angebotene Themenführungen, Schülerprogramme, Filmvorführungen und Sonderveranstaltungen (z.B. Großes Dürer-Wochenende am 9. u. 10. April 2016) sowie über Kurse zum Erwerb druckgraphischer Kenntnisse (Radieren, Kupferstich und Kaltnadeltechnik). Siehe hierzu Details weiter unten.

Katalog zur Ausstellung
duerer-ausstellungsbandAbsolut empfehlenswert ist der in bester Druckqualität gelungene englisch-deutsche Ausstellungskatalog: Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Mechthild Haas (Hrsg.): Albrecht Dürer. Art in Transition. Kunst im Übergang. Justus von Liebig Verlag. Darmstadt 2016,  139 Seiten, 14,95 Euro. ISBN: 978-3-87390-371-5

 

Zur Ausstellung:

© massow-picture
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Veranstaltungsort:
Hessisches Landesmuseum Darmstadt
Friedensplatz 1, 64283 Darmstadt

Öffnungszeiten
Dienstag, Donnerstag, Freitag 10.00 – 18.00 Uhr
Mittwoch 10.00 – 20.00 Uhr
Samstag, Sonn- und Feiertag 11.00 – 17.00 Uhr
Montag geschlossen

Ticket
Erwachsene 10, ermäßigt 6 Euro
Das Ticket berechtigt auch zum Besuch der Ständigen Sammlung.
Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren haben freien Eintritt.

Gruppen- und Einzelführungen
Individuelle Buchung beim Besucherservice Bildung und Vermittlung
unter: Telefon: +49 (0) 6151-1657111, Mail: vermittlung@hlmd.de
Anmeldungen auch für Gruppen ohne gebuchte Führung erforderlich!
Die Führungen sind auf 25 Personen beschränkt.
Erreichbarkeit: Dienstag und Freitag 10.00 – 12.00 Uhr, Mittwoch 14.00 – 16.00 Uhr
pro Führung und Gruppe: 60,- Euro zzgl. Eintritt, fremdsprachig: 70,- Euro zzgl. Eintritt

Angebote für Schulklassen
Für Schulklassen gibt es speziell zugeschnittene Rundgänge. Weiterführende Informationen unter www.hlmd.de

Rahmenprogramm
Anlässlich der Sonderausstellung gibt es ein umfangreiches Angebot an Veranstaltungen. Weiterführende Informationen unter www.hlmd.de

Öffentliche Führungen
Sonntag, jeweils 11.30 Uhr
31.01. mit Almut Rüllmann M.A.
14.02. mit Hannes Pflügner M.A.
28.02. mit Dr. Stephanie Hauschild
13.03. mit Nina Wittmann M.A.
10.04. mit Nina Wittmann M.A.
17.04. mit Almut Rüllmann M.A.

Sonntag, jeweils 15.00 Uhr
mit Vorführungen der Drucktechniken Kupferstich und Kaltnadelradierung
07.02. mit Renate-Charlotte Hoffmann M.A.
21.02. mit Barbara Rubert M.A.
06.03. mit Almut Rüllmann M.A.
20.03. mit Renate-Charlotte Hoffmann M.A.
03.04. mit Barbara Rubert M.A.
24.04. mit Dr. Stephanie Hauschild
Alle Druckvorführungen: Katharina Eckert, Ruth Ullenboom

Mittwoch, jeweils 18.30 Uhr
03.02. mit Carien Walter
17.02. mit Dr. Stephanie Hauschild
24.02. mit Dr. Davide Dossi in deutsch-italienischer Sprache
02.03. mit Hannes Pflügner M.A.
16.03. mit Carien Walter
30.03. mit Nina Wittmann M.A.
13.04. mit Hannes Pflügner M.A.
20.04. mit Dr. Davide Dossi in deutsch-italienischer Sprache

Themenführungen
Freitag, jeweils 11.00 Uhr
12.02. »Dürer als Unternehmer«
mit Dr. Mechthild Haas, Kuratorin der Ausstellung

26.02. »Dürer in Venedig«
mit Dr. Davide Dossi, wissenschaftlicher Volontär (in deutsch-italienischer Sprache)

11.03. »Dürers tanzendes Bauernpaar«
mit Dr. Mechthild Haas, Kuratorin der Ausstellung
15.04. »Dürer-Rezeption in Italien«
mit Dr. Davide Dossi, wissenschaftlicher Volontär (in deutsch-italienischer Sprache)

Oster-Führung in der Karwoche
»Die Passion Christi«
Mittwoch, 23.03.,18.30 Uhr
mit Dr. Mechthild Haas, Leiterin Graphische Sammlung

Alle Führungen kostenfrei (lediglich Sonderausstellungseintritt), max. 25 Teilnehmer pro Führung, Teilnahmekarten am Veranstaltungstag an der Museumskasse

Buchung von Gruppen- und Individualführungen
Kostenbeiträge:
eine Führung 60,- Euro zzgl. Eintritt; fremdsprachig 70,- Euro zzgl. Eintritt
Anmeldung mindestens zwei Wochen vor dem geplanten Museumsbesuch.
Servicetelefon: 06151 – 16 57 111 oder E-Mail: vermittlung@hlmd.de

Filmvorführungen
Sonntag 28.2., 15.00 Uhr
und
Sonntag 10.4., 11.30 Uhr
LIDO
»Ich – Albrecht Dürer«
Dokumentarfilm von Stefanie Appel (2011, 45 Min.)
©Bayerisches Fernsehen 2011

Kostenfrei (lediglich Sonderausstellungseintritt)

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Einzigartige Mineraliensammlung in einer spektakulären Neupräsentation ab 29. Nov 2015 im Hessischen Landesmuseum Darmstadt

© Hessisches Landesmuseum Darmstadt
© Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Erstmals nach 25 Jahren ist die einzigartige Mineraliensammlung des Hessischen Landesmuseums Darmstadt in einer spektakulären Neupräsentation wieder zu sehen. Ab Sonntag, dem 29. November 2015, 12 Uhr, ist sie für das Publikum geöffnet.

Die Mineralogische Sammlung des Hessischen Landesmuseums Darmstadt geht als eine der ältesten Sammlungen aus dem großherzoglichen „Naturalien Cabinett“ hervor. Großherzog Ludewig I. begann schon als Erbprinz mit dem Aufbau einer eigenen Sammlung. Die Sammeltätigkeit seiner Mutter Karoline (1721-1774), die „Große Landgräfin“, scheint ihn dabei inspiriert zu haben, denn er baute auf ihrem Bestand auf. In der Zeit zwischen 1802 bis 1811 wurden für 4300 Gulden Mineralien-Sammlungen angekauft u.a. die des Baron von Hüpsch, des Mineralogen von Klippstein, des Bergrates Emmerling und des Münzmeisters Fehr. Nach dem Tode des Barons von Hüpsch 1805 gelangte seine restliche Mineralien-Sammlung aus Köln als Nachlass an das Großherzogliche Museum.

Die Mineraliensammlung wird bis heute ständig erweitert, derzeit umfasst sie eine beachtliche Anzahl von ca. 33.000 Objekten. Den Auftakt für die gezielte Erweiterung der Mineraliensammlung bildete 1995 der Erwerb der Sammlung Paul Ruppenthal. Vorangegangen war die sehr erfolgreiche Sonderausstellung „Faszination Edelstein“ 1993, wobei die Kontakte zur Firma Ruppenthal geknüpft wurden. Den besonderen Wert der Sammlung zeichnet die große Anzahl wissenschaftlicher Raritäten aus, die zugleich auch ästhetische Kostbarkeiten sind und somit „Juwelen der Natur“ darstellen.

Im Jahr 2002 wurde mit der Unterstützung der Freunde des Landesmuseums Darmstadt e.V. der Ankauf der Sammlung von Hans Ecker realisiert, die unter anderem viele Altfunde aus dem Odenwald enthält. Im Jahr 2004 ist dem Museum die Sammlung Theo Schmitt geschenkt worden, die hauptsächlich Mineralien aus dem europäischen Ausland enthält. 2007 konnte eine 16 kg schwere Silber-Großstufe aus dem Odenwald angekauft werden. Silberfunde in dieser Größenordnung sind absolut selten.

2010 konnte eine hochkarätige, mehr als 4000 Mineralien umfassende Sammlung aus dem Odenwald erworben werden, auch hierbei unterstützten uns die Freunde des Landesmuseums Darmstadt e.V. Diese Sammlung ergänzt unsere vorhandenen Bestände in hervorragender Weise, da wir vor allem historische Aufsammlungen aus dem Odenwald besitzen, hierbei aber die meisten Funde aus der Zeit ab ca. 1965 stammen. 2012 ist eine Mikromount-Sammlung aus Reichenbach erworben werden, Reichenbach ist neben Nieder-Beerbach, Mackenheim und Auerbach der bekannteste Fundort im Odenwald. Mit dem Erwerb dieser weiteren regionalen Sammlung von ca. 900 Spitzenstufen, bestehend aus 110 verschiedenen Mineralarten, konnte unsere Odenwald Sammlung komplettiert werden.

© Hessisches Landesmuseum Darmstadt
© Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Das HLMD ist damit im Besitz einer der wichtigsten Belegsammlungen für den Odenwald, da inzwischen sehr viele Steinbrüche in der Region stillgelegt wurden. Wir sehen uns verpflichtet, wichtiges und unersetzliches geowissenschaftliches Referenzmaterial zu erhalten, das die Grundlage heutiger geochemischer Forschung bildet. Da der Bergbau erloschen ist und durch Rekultivierung kaum noch Material zugänglich ist, sind gerade diese historischen Sammlungen unersetzlich. Der Odenwald mit seinem Areal von rund 2500 km² ist mit über 400 Mineralarten aus etwa 70 Fundorten reich an Mineralienfundstellen. Diese Anzahl entspricht etwa 10 % der weltweit vorkommenden Mineralarten.

In ungewöhnlicher Weise präsentiert die neue 16 m lange und 4 m hohe Vitrine, die einer Gesteinskluft nachempfunden ist, mehr als 850 funkelnde Mineralien aus der ganzen Welt. Im ersten Sammlungsschwerpunkt wird eine Auswahl von 12 Fundorten des Odenwaldes mit ihren typischen Mineralien gezeigt. Dazu gehören beispielsweise die Maganerz-Vorkommen von Wald-Michelbach, Barytvorkommen von Ober-Ostern, die Marmore aus Auerbach oder die Silber- und Kobalt-Vererzungen aus Nieder-Beerbach. Die klassische Systematik der Mineralien wird im zweiten Sammlungsbereich durch Mineralien der Sammlung Paul Ruppenthal veranschaulicht. Ausziehbare Schubladen an der Vitrine geben dem Besucher weiterführende Informationen über verschiedene Aspekte wie Klassifikation von Mineralien, Kristalleigenschaften sowie über Vorkommen und Verwendung von Mineralien.

Hessisches Landesmuseum Darmstadt
Friedensplatz 1
64283 Darmstadt

Wissenschaftlerführung „Die Expressionisten im HLMD“

Ernst Ludwig Kirchner Fehmarnküste, 1913 Foto. Wolfgang Fuhrmannek, HLMD
Ernst Ludwig Kirchner
Fehmarnküste, 1913
Foto. Wolfgang Fuhrmannek, HLMD

Am Mittwoch, 18. November 2015, lädt das Hessische Landesmuseum Darmstadt um 18.30 Uhr zu der Wissenschaftlerführung „Die Expressionisten im HLMD“ mit Dr. Klaus-D. Pohl, Kustos für 19.-21 Jahrhundert, ein.

Das Hessische Landesmuseum Darmstadt besitzt eine kleine, aber stattliche Sammlung der expressionistischen Malerei. Werke von Malern der Künstlergemeinschaften „Brücke“ wie E.L. Kirchner, E. Heckel und M. Pechstein und des „Blauen Reiter“ wie A. Macke, aber auch Maler wie L. Meidner und C. Felixmüller bieten ein breites Spektrum dieser Kunstrichtung, die vor und nach dem Ersten Weltkrieg die Kunstwelt stark prägte. Die Führung gibt einen Überblick über die Werke und Künstlerpersönlichkeiten.

Die Führung ist kostenfrei, max. 25 Teilnehmer. Es gilt der Museumseintritt 6, erm.4 Euro. Teilnahmekarten am Veranstaltungstag an der Museumskasse

Bildunterschrift:
Ernst Ludwig Kirchner
Fehmarnküste, 1913
Foto. Wolfgang Fuhrmannek, HLMD

Rainald Goetz erhält am 31. Okt. den Büchner-Preis 2015

© Suhrkamp-Verlag
© Suhrkamp-Verlag

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht den mit 50.000 Euro dotierten Georg-Büchner-Preis 2015 an den Schriftsteller Rainald Goetz. Der Preis wird am 31. Oktober 2015 in Darmstadt verliehen.

 

 

 

Begründung der Jury:

»Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung zeichnet einen Autor aus, der sich mit einzigartiger Intensität zum Chronisten der Gegenwart und ihrer Kultur gemacht hat, als teilnehmender, denkender und moralisch urteilender Beobachter, der immer wieder neue Formen und Medien erprobt hat: Erzählung, Roman, Drama, Blog und Text-Bild-Collage. Rainald Goetz hat die deutsche Gegenwart der letzten dreißig Jahre beschrieben, zur Anschauung und zu Wort kommen lassen, er hat sie gefeiert und verdammt und immer wieder auch mit den Mitteln der Theorie analysiert. Hinter seiner nervösen, gespannten Erfahrungsbereitschaft stehen eine weite Bildung und ein empfindliches historisches Bewusstsein, die seiner Sprache eine Balance von leidenschaftlicher Expressivität, beobachtender Kühle und satirischer Deutlichkeit ermöglichen.«

Rainald Goetz, geboren am 24. Mai 1954 in München, studierte Geschichte und Medizin in München. Beide Fächer schließt er mit einer Promotion ab. Er arbeitet zunächst kurz als Arzt, gibt den Beruf aber mit Anfang 30 zugunsten der Literatur auf. Sein erster Roman „Irre“, eine Erzählung aus der Psychiatrie, erscheint 1983. In der Folge reüssiert Goetz auch als Dramatiker. In den 1990er Jahren verfasst er eine Reihe vieldiskutierter Texte über Techno und DJ Culture. 1998 schreibt Goetz das Internettagebuch „Abfall für alle“, das wohl erste literarische Blog in Deutschland mit Eintragungen zur Medien- und Konsumwelt. Es erscheint 1999 in Buchform und zählt mit den vier Publikationen „Rave“, „Jeff Koons“, „Celebration“ und „Dekonspiratione“ zu „Heute Morgen“, Goetz’ großer Geschichte der Gegenwart. Von 2007 bis 2008 schreibt er das Blog „Klage“ auf der Internetseite der Zeitschrift „Vanity Fair“, das noch 2008 als Buch erscheint. Es eröffnet das Projekt „Schlucht“, eine Analyse der Nullerjahre. Dazu gehören auch die dann folgenden Werke: „loslabern“, sein Fotoband „elfter september 2010“ und schließlich sein jüngster Roman „Johann Holtrop“, der von Aufstieg und Fall eines Managers erzählt.
Rainald Goetz wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Marieluise-Fleißer-Preis 2013, dem Schiller-Gedächtnis-Preis 2013, dem Berliner Literaturpreis 2012 und dem Wilhelm-Raabe-Preis 2000.

Werke
Veröffentlichungen (Auswahl):
Johann Holtrop, Roman. Suhrkamp 2012
elfter september 2010 – Bilder eines Jahrzehnts. Bildband. Suhrkamp 2010
loslabern. Bericht. Herbst 2008. Suhrkamp 2009
Klage. Suhrkamp 2008
Jahrzehnt der schönen Frauen. Merve 2001
Dekonspiratione. Erzählung. Suhrkamp 2000
Abfall für alle. Roman eines Jahres. Suhrkamp 1999
Celebration. Text-Bild-Collage. Suhrkamp 1999
Rave. Erzählung. Suhrkamp 1998
Mix, Cuts & Scratches. Merve 1997
Festung. 5 Bde. Suhrkamp 1993
Kontrolliert. Roman. Suhrkamp 1988
Krieg. Stücke. Suhrkamp 1988
Hirn. Schrift. Suhrkamp 1986
Irre. Roman. Suhrkamp 1983

Theaterstücke (Auswahl)
Jeff Koons (1999; UA Hamburg)
Krieg. Hamburger Fassung (1998; UA, Hamburg)
Kritik in Festung. Institut für Sozialforschung (1993; UA, Hamburg)
Festung. Frankfurter Fassung, Katarakt (1992; UA, Frankfurt)
Schlachten, Kolik (1988; UA, Bonn)
Krieg I (1987; UA, Bonn)

Zu den Veröffentlichungen siehe auch:
www.suhrkamp.de/autoren/rainald_goetz_1522.html

Auszeichnungen
Marieluise-Fleißer-Preis 2013
Schiller-Gedächtnis-Preis 2013
Berliner Literaturpreis 2012
Wilhelm-Raabe-Preis 2000
Else-Lasker-Schüler-Preis 1999
Frankfurter Poetikvorlesungen 1998
Preis der Peter-Suhrkamp-Stiftung 1995
Heinrich-Böll-Preis 1991
Fördergabe des Schillerpreises 1989
Mülheimer Dramatikerpreis 1988, 1993 und 2000
Förderpreis der Stadt München für Literatur 1984
Kranichsteiner Literaturpreis 1983
Suhrkamp Autorenstipendium 1983

 

Der Georg-Büchner-Preis
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht seit 1951 den Georg-Büchner-Preis an herausragende Schriftstellerinnen und Schriftsteller.

Bisherige Preisträger siehe:
www.deutscheakademie.de/de/auszeichnungen/georg-buechner-preis

„Homo – Expanding Worlds“ weltweit einzigartige „Show“ urmenschlicher Funde aus fünf Weltregionen im Hessischen Landesmuseum bis 22.Nov. 2015

Homo - Expanding World, hier einer der wichtigsten Pavillions "Man trifft sich", in dem dargestellt und erläutert wird, wie sich der europäische Neandertaler mit dem afrikanischen Homo sapiens vor rund 50 000 Jahren in der Region des heutigen Israels vermischte und zu unserem Vorfahr wurde. © massow-picture
Homo – Expanding Worlds, hier einer der wichtigsten Pavillons „Man trifft sich“, in dem dargestellt und erläutert wird, wie sich der europäische Neandertaler mit dem afrikanischen Homo sapiens vor rund 50 000 Jahren in der Region des heutigen Israels vermischte und zu unserem Vorfahr wurde. © massow-picture

Seit Freitag, dem 9. Oktober 2015 präsentiert das Hessische Landesmuseum Darmstadt mit der neuen Ausstellung Homo – Expanding Worlds für nur sechs Wochen die „Kronjuwelen der Menschheitsgeschichte“. Das sind weltberühmte Fossilien aus: Südostafrika (Malawi), Südostasien (Indonesien), dem Kaukasus (Georgien), der Levante (Israel) sowie Mittel- & Südwesteuropa (Deutschland, Gibraltar). „Das sind nicht irgendwelche Originale, sondern Skelett-Funde die zu den prominentesten Fossilien der Menschheitsgeschichte weltweit zählen“ schwärmt Museumsdirektor Dr. Theo Jülich, dem solche Superlative eher zuwider sind. Denn „diese Rembrandts der Paläontologie“ ruhten normaler in den großen Tresoren und Safes der Museen der Welt und werden gar nicht ausgestellt, allenfalls ausgewiesenen Forschern vor Ort zur Untersuchung zur Verfügung gestellt.

vl. Dr. Theo Lülich, Direktor des Hessischen Landesmuseum Darmstadt, Dr. Oliver Sandrock, Kustos für Wirbeltiere Paläontologie Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Prof. Dr. Friedemann Schrenk, Paläoanthropologe, Projekt Rockeeh, auf der Pressekonferenz. © massow-picture
vl. Dr. Theo Lülich, Direktor des Hessischen Landesmuseum Darmstadt, Dr. Oliver Sandrock, Kustos für Wirbeltiere Paläontologie Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Prof. Dr. Friedemann Schrenk, Paläoanthropologe, Projekt Rockeeh, auf der Pressekonferenz. © massow-picture

Dass das Hessische Landesmuseum Darmstadt überhaupt diese einzigartigen Original-Fossilien – Funde „von der Wiege der Menschheit Afrika“ bis zum Original-Neandertalerfund nahe Mettmann – in einer solch einzigartigen Reihe von 10 Ur- und Frühmenschen-Typen zeigen kann, verdankt es vor allem Professor Dr. Friedemann Schrenk, international anerkannter Paläoanthropologe, unter anderem Entdecker des 2,4 Millionen Jahre alten „Homo Rudolfensis“, und Dr. Oliver Sandrock, international anerkannter Wissenschaftler und Kurator für fossile Wirbeltiere in der Erd- und Lebensgeschichte des Hessischen Landesmuseums.

Dr. Oliver Sandrock: Funde belegen, dass Frühmenschen bereits sozial gehandelt, etwa ihre alten mitversorgt haben. Das haben wir bewusst auch in den Bildern, hier mit einem älteren Neandertaler, zum  Ausdruck bringen wollen. © massow-picture
Dr. Oliver Sandrock: Funde belegen, dass Frühmenschen bereits sozial gehandelt, etwa ihre alten mitversorgt haben. Das haben wir bewusst auch in den Bildern, hier mit einem älteren Neandertaler, zum Ausdruck bringen wollen. © massow-picture

„Noch nie hat jemand alle diese Originale Urmenschen-Funde aus fünf Weltregionen zusammen gesehen, und niemand wird sie jemals wieder zusammen sehen“, unterstreicht Professor Schrenk die Bedeutung dieser einmaligen Gesamtschau. Sie zeigt die evolutionäre Entwicklung des Menschen nicht als eine Art linearen Stammbaum, sondern als Entwicklungsbusch und als ein Geflecht über Jahrmillionen hinweg dauernder frühmenschlicher Wanderungsbewegungen, Aufeinandertreffen und Vermischungen, wodurch wir zu dem Menschen wurden, der wir heute sind. Den vor- und frühmenschlichen Wanderungs-Wegen können Besucher auf anschaulichen Tafeln nachspüren und in sechs Ausstellungs-Pavillons die dazugehörigen Originalfunde mit vertiefenden (Video)Informationen erleben.

Station 1: Wiege der Menschheit (Afrika)

Unterkiefer des Homo rudolfensis, 2,3 bis  2,5 Mio. Jahre als aus Südostafrika, Malawi.© massow-picture
Unterkiefer des Homo rudolfensis, 2,3 bis 2,5 Mio. Jahre als aus Südostafrika, Malawi.© massow-picture

Die Ausstellung beginnt in Südostafrika, wo sich die Gattung Homo und ihre ausgestorbenen Vorfahren schon bis vor 2 Millionen Jahren entwickelten. Gezeigt wird hier der 2,3 bis 2,5 Mio. Jahre alte frühmenschliche Unterkiefer des Homo rudolfensis, der 1991 in zwei Teilen – sowie nachträglich noch ein fehlender Backenzahn – gefunden wurde und normalerweise im Department of Antiquities, Lilongwe, Malawi aufbewahrt wird.

Station 2: Out of Afrika (Kaukasus)

Dieser Fund aus Dmanisi (Georgien, Kaukasus) zählt zu den ältesten Funden menschlicher Existenz außerhalb Afrikas. © massow-picture
Dieser Fund aus Dmanisi (Georgien, Kaukasus) zählt zu den ältesten Funden menschlicher Existenz außerhalb Afrikas.
© massow-picture

In dieser Station lassen sich ein 1,77 Mio. Jahre alter Schädel und Unterkiefer eines Jugendlichen aus Dmanisi, Georgien, bestaunen. Dieser Fund aus Dmanisi zählt zu den ältesten Funden menschlicher Existenz außerhalb Afrikas. Der Schädel ist einer der kleinsten, die außerhalb Afrikas gefunden wurden, und widerlegt so ganz nebenbei, dass die Größe des menschlichen Hirns entscheidend für die Menschwerdung gewesen sei. Sein Hirn war mit einem Gehirnvolumen von 600 ccm extrem klein – nur Homo floresiensis, der Hobbit aus Flores, ist kleiner. Erst im Jahr 2002 wurde Homo georgicus als neue Art beschrieben und zwischen  Homo habilis/rudolfensis und Homo erectus eingeordnet. Vielleicht verließ bereits Homo habilis/rudolfensis Afrika, entwickelte sich in Westasien zu Homo erectus und wanderte vor weniger als 2 Mio. Jahren als ebendieser wieder in Ostafrika ein.

Station 3: Bis ans Ende der Welt (Südostasien)

1,5 bis 1 Mio. Jahre alte Schädel (Sangiran 2 Sangiran 4),© massow-picture
1,5 bis 1 Mio. Jahre alte Schädel (Sangiran 2 Sangiran 4), © massow-picture

Bis 1947 ging man davon aus, dass die Wiege der Menschheit in Asien läge. Zu bestätigen schienen das die Fossil-Funde bei Trini am Solo-Fluss auf Java durch den holländischen Militär-Arzt Eugène Dubios sowie die 1920 als sogenannte Peking-Menschen benannten Fossil-Funde.  Erhärtet wurde zudem die Hypothese  von der Entstehung der Menschheit in Asien mit weiteren Schädel- und Fossil-Funden, bezeichnet als Sangiran 2 bis 4  in den Jahren 1936 bis 1941 des  Geologen Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald. Das Kuriose war, dass ein bereits 1925 in Südafrika entdecktes Urmensch-Fossil, das viel ältere über 2 Mio. Jahre alte „Kind von Taung“ erst 1947 von den führenden Palöoanthropologen der neuen Gattung Australopithecus africanus zugeordnet wurde. Erst seitdem setzte sich die Out-of-Africa-Theorie, nämlich die Überzeugung durch, dass die Wiege der Menschheit in Afrika liege, und die Menschen von dort aus auswanderten in alle Erdteile.

Seit man glaubt, dass sich die Java-Menschen (Sangiran-Funde) deutlich von den jüngeren, als Peking-Menschen bezeichneten Fossilien unterscheiden, wird angenommen, dass beide Homo-erectus-Populationen wahrscheinlich unabhängig voneinander – in verschiedenen Wellen – aus Afrika in Asien eingewandert seien. Gezeigt wird in Station 3 der 1,5 bis 1 Mio. Jahre alte Schädel (Sangiran 2 Sangiran 4). Der Schädel musste wieder zusammengesetzt werden. Arbeiter, die pro Fundstück Prämien erhielten, hatten ihn 1937 zerschlagen, um mehr Fragmente abliefern und höhere Prämien kassieren zu können. Einige Nachfahren dieser Java-Menschen könnten schließlich nach Afrika zurückgekehrt sein und von dort aus in Richtung Europa gezogen sein.

Station 4: Man trifft sich in der Levante

Man traf sich, man liebte sich, man vermischte sich in Levante. Neandertaler aus Amud vermischten sich über Zehntausende von Jahren mit dem afrikanischen Homo sapiens im Gebiet des heutigen Israels.© massow-picture
Man traf sich, man liebte sich, man vermischte sich in Levante. Neandertaler aus Amud vermischten sich über Zehntausende von Jahren mit dem afrikanischen Homo sapiens im Gebiet des heutigen Israels.© massow-picture

Der anatomisch moderne Mensch taucht in Afrika „erst“ vor zirka 200 000 Jahren auf, von wo aus er vor rund 70 000 Jahren in die ganze Welt aufgebrochen zu sein scheint. Noch bis vor wenigen Jahren galt die Lehrmeinung, dass der Neandertaler ausgestorben und nicht unser Vorfahr sei. Doch ab den späten 1980er Jahre werden die Gene moderner Menschen untersucht, später auch die von Neandertalern und Schimpansen, und es zeigte sich, dass der heutige mitteleuropäische Mensch immerhin 4 Prozent Neandertaler-Gene besitzt. Und: Neandertaler verfügten bereits über unser Sprachgen FoxP2. Die Station „Man trifft sich“ zeigt anhand eines 70 000 bis 53 000 Jahre alten Neanderthaler-Schädels aus Israel (Amudhöhle am Wadi) dass diese robusten Kerle über Jahrtausende  hinweg in unmittelbarer Nachbarschaft zum modernen Homo sapiens lebten und sich mit ihnen vermischten. Zur Veranschaulichung wird ein zweiter, mit 92 000 Jahren noch älterer Homo-sapiens-Schädel aus einer in einer Kalksteinhöhle am Jebel Qufzeh bei Nazareth gezeigt. In Qufzeh wurden bis 1980 insgesamt 21 Homininen entdeckt.

Station 5: Letzte Zuflucht

Der Schädelfund eines Neandertalers  in Forbes' Quarry auf Gibralter. An der Südspitze Spaniens hatten die Neandertaler wohl am längsten überleben können. © massow-picture
Der Schädelfund eines Neandertalers in Forbes‘ Quarry auf Gibralter. An der Südspitze Spaniens hatten die Neandertaler wohl am längsten überleben können, bevor sie ganz ausstarben. © massow-picture

Diese Station wurde so bezeichnet, weil vermutlich Spanien die letzte „Zuflucht“ für den einst vorm Aussterben bedrohten Neandertaler war. Gezeigt wird ein wirkliches Kronjuwel der Archäologie, nämlich der zweite Schädelfund eines Neandertalers überhaupt aus dem Jahr 1848 aus Forbes‘ Quarry bei Gibraltar, der bereits Charles Darwin begeisterte. Es ist das erste Mal, dass der Leihgeber, das National History Museum, London, diesen Schatz für sechs Wochen außer Haus gibt.

Station 6: Coole Typen

Der Unterkiefer von Mauer wird zusammen mit Schädeln aus Griechenland, Frankreich und Sambia als Homo-heidelbergensis-Gruppe aus Europa und Afrika angesehen.© massow-picture
Der Unterkiefer von Mauer wird zusammen mit Schädeln aus Griechenland, Frankreich und Sambia als Homo-heidelbergensis-Gruppe aus Europa und Afrika angesehen.© massow-picture

In dieser letzten Station können Besucher einige der wichtigsten Funde zur Evolutionsgeschichte der Menschheit betrachten, wie etwa den 600 000 Jahre alten legendären Unterkiefer von Mauer. Er ist das überhaupt älteste menschliche Fossil eines Europäers, was hierzulande gefunden wurde, und zählt gemeinsam mit Schädeln aus Griechenland, Frankreich und Afrika zur Gruppe des Homo heidelbergensis.  Als er in der Sandgrube Grafenrain bei Mauer (Heidelberg) entdeckt wurde, wäre er einst fast wie ein Leichenrest eines modernen Menschen entsorgt worden, da zunächst niemand seine Bedeutung erkannte.

Homo steinheimensis. © massow-picture
Homo steinheimensis. © massow-picture

Ein „cooler Typ“ ist auch der  Homo steinheimensis, der  auf ca. 400 000 Jahre geschätzte Urmensch von Steinheim an der Mur.  Er oder sie, das weiß man nicht ganz genau, gilt als Übergangsform zwischen Homo erectus und Homo sapiens sowie als Wurzel der europäischen Neandertaler.

Eine besondere Rarität sind  der  Neandertalerfund  von 1856 sowie die  1997 und 2000 nachträglich entdeckten Fossil-Fargmente in der selben „Kleinen Feldhofer Grotte“ bei Mettmann.  So gelang es den Paläoanthropologen Ralf Schmitz und Jürgen Thissen ab 1997 durch Grabungen die Position der „Kleinen Feldhofer Grotte“, aus welcher der 1856er-Fund des rund 40 000 Jahre alten Neandertaler-Skeletts stammt,  zu klären. Dabei entdeckten die Forscher einstmals übersehene Fragmente des Originalskelettes (neue Neandertaler-Fossilien) sowie bislang fehlende Steinwerkzeuge und Nachweise der Tierwelt dieser Zeit. Die Darmstädter Ausstellung kann  erstmals nun diese Ikone der Urgeschichte ergänzt um die Neufunde präsentieren.

© massow-picture Expanding World: Prof. Dr. Friedemann Schenk mitte li. und Dr. Oliver Sandrock erläutern am Neandertalerfund von 1856 bei Mettmann Journalisten wie in Europa die ersten Weltbilder zur Evoultion des Menschen entstanden.
Pavillon „Coole Typen“ in der Ausstellung Homo Expanding Worlds. Prof. Dr. Friedemann Schrenk Mitte li. und neben ihm Dr. Oliver Sandrock, erläutern den mit Neufunden von 1997 und 2000 komplettierten Neandertalerfund von 1856 bei Mettmann (Düsseldorf). Kaum eine andere Urmensch-Gattung beflügelte wohl die Wissenschaft und Autoren mehr zur Entwicklung erster Weltbilder über Evolution des Menschen als der Neandertaler.

Die ersten ab 1997 durchgeführten DNA-Studien ergaben, dass wir Europäer zu einem gewissen genetischen Prozentsatz doch auch Nachfahren eben dieser robusten Neandertaler sind, was lange Jahre ausgeschlossen schien. Bis zu 4 Prozent Neandertaler-DNA besitzen wir Europäer im Schnitt noch.

Fund-Interpretation immer auch durch die Brille des Zeitgeistes

Die Fossilien in der gezeigten Ausstellung „Homo Expanding Worlds“ sind Originale von Ur- und Frühmenschen, der ältestes 2,3 bis 2,5 Mio. Jahre alt, der jüngste um die 40 000 Jahre (Neandertaler). Obwohl die Fossilien tot seien, so Dr. Sandrock, sprächen sie eine Sprache, die jedoch nicht eindeutig wäre. Vielmehr interpretiere die Wissenschaft Funde stets nach den vorherrschenden Welt-, Religions- und Wissenschaftsbildern. Denn letztlich könne man sich ja nur auf eine Handvoll Skelette, Schädel-, Kiefer- und Zahnfragmente stützten. So würden diese Urmenschen-Funde und –Fragmente kontrovers diskutiert und in zehn Jahren würde diese Ausstellung, falls überhaupt nochmals möglich, eventuell schon wieder anders aufgebaut sein, da sich Erkenntnisse und Ansichten – auch durch neue Funde – verändert haben könnten.

Prof. Dr. Friedemann Schrenk: „Erst seit ca. 500 Generationen sind wir alleine auf der Welt, Homo sapiens hatte alle anderen Mitmenschen verdrängt. Moderne Menschen sind das Produkt großräumiger Expansionsbewegungen. Die heutige Abschottung von Wohlstandsregionen wird höchstens wenige Generationen lang erfolgreich sein. Nur die kulturell globale Vernetzung kann das Überleben moderner Menschen langfristig sichern.“

Dr. Oliver Sandrock: „»Expanding Worlds« bedeutet die wiederholte Ausbreitung unserer Vorfahren aus Afrika heraus nach Eurasien. Es beschreibt auch, dass sich Weltbilder und die Rolle der Wissenschaft zur Evolution des Menschen erweiterten.“

Die Ausstellung präsentiert sowohl Originalfunde aus großer zeitlicher und räumlicher Verbreitung als auch – wissenschaftshistorisch – den je unterschiedlichen Blick der Forschung auf diese Funde. Die Fossilien werden von Videoinstallationen mit Wissenschaftlern und unterschiedlichen Schwerpunktthemen begleitet. Großformatige Banner zeigen die unterschiedlichen Lebensräume mit den tierischen Zeitgenossen unserer Vorfahren.

Diether v. Goddenthow

Veranstaltungsort:
Hessisches Landesmuseum Darmstadt
Friedensplatz 1, 64283 Darmstadt

Laufzeit:
Oktober bis 22. November 2015
Öffnungszeiten
Dienstag, Donnerstag, Freitag                  10.00 – 18.00 Uhr
Mittwoch                                       10.00 – 20.00 Uhr
Samstag, Sonn- und Feiertag                    11.00 – 18.00 Uhr
Montag geschlossen

Ticket
Erwachsene 10, ermäßigt 6 Euro
Das Ticket berechtigt auch zum Besuch der Ständigen Sammlung.
Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren haben freien Eintritt.

Gruppen- und Einzelführungen
Individuelle Buchung beim Besucherservice Bildung und Vermittlung ab 01. Juli 2015 möglich unter: Telefon: +49 (0) 6151-1657111, Mail: vermittlung@hlmd.de
Anmeldungen auch für Gruppen ohne gebuchte Führung erforderlich!
Die Führungen sind auf 25 Personen beschränkt.
Erreichbarkeit: Dienstag und Freitag 10.00 – 12.00 Uhr, Mittwoch 14.00 – 16.00 Uhr
pro Führung und Gruppe: 60,- Euro zzgl. Eintritt, fremdsprachig: 70,- Euro zzgl. Eintritt

Angebote für Schulklassen
Für Schulklassen gibt es speziell zugeschnittene Rundgänge „Der lange Weg der Menschwerdung“. Weiterführende Informationen unter www.hlmd.de

Kataloghomo-buchcover
Im Theiss Verlag – WBG erscheint ein Katalog, Preis Museumsausgabe: 14,95 Euro, Buchhandelsausgabe: 19,95 Euro.

Rahmenprogramm von Expanding Worlds Originale Urmenschen-Funde aus fünf Weltregionen

Anlässlich der Sonderausstellung gibt es ein umfangreiches Angebot an Veranstaltungen. Weiterführende Informationen ab Juli 2015
Öffentliche Führungen
Sonntag 11.10., 18.10., 25.10., 1.11., 8.11., 15.11., 22.11.2015
je zwei Führungen 11.30 Uhr und 15.30 Uhr

Mittwoch 14.10., 21.10., 28.10., 4.11., 18.11.2015
Je zwei Führungen 18.30 Uhr

Kostenfrei, lediglich Sonderausstellungseintritt, max. 25 Teilnehmer pro Führung,
Teilnahmekarten am Veranstaltungstag an der Museumskasse

Vorträge
Mittwoch 21.10.2015, 18.30 Uhr

»Die Evolution der menschlichen Entwicklung: was wir von Neandertalern über uns selbst lernen können«
Dr. Philipp Gunz, Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig

Mittwoch 4.11.2015, 18.30 Uhr
»Paläo-Cuisine« Die Ernährung unserer Vorfahren
Vortrag PD Dr. Ottmar Kullmer, Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, Sektion Tertiäre Säugertiere, Frankfurt am Main

Mittwoch 11.11.2015, 18.30 Uhr
»Ursprünge, Umbrüche, Umwege – 6 Millionen Jahre Mensch«
Vortrag Prof. Dr. Friedemann Schrenk, Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, Sektion Paläoanthropologie, Frankfurt am Main

Vortragssaal des HLMD
kostenfrei, lediglich Sonderausstellungseintritt

Die Videoinstallation »MENSCHBILD«
Zwischen Liebe, Schuld und Unsterblichkeitswahn

Anlässlich der Sonderausstellung »EXPANDING WORLDS – Originale Urmenschen-Funde aus fünf Weltreligionen« präsentiert das Hessische Landesmuseum Darmstadt während der Laufzeit im Vortragssaal die Videoinstallation »Menschbild« von Frank Moritz, Claudius A. Massinger und Ralf Stutz (2007).

Der filmische Diskurs wirft die Kernfragen unserer Zeit auf: nach Schuld und Strafe, Schmerz und Unsterblichkeit, Liebe und Vereinzelung. In den Textfragmenten des Hirnforschers Wolf Singer, des Dichters Friedrich Hölderlin und des Philosophen Friedrich Nietzsche verschmelzen rationale und irrationale Erkenntnisse. Die Bestandteile des Lebens splittern sich visuell und akustisch auf, werden getrennt in Körper, Seele, Geist und deren Sehnsucht nach Einheit.

Wissenschaft und Kunst im Dialog
Wolf Singers Frage nach dem »neuen Menschbild« entfaltet Hölderlins »Hyperion« für eine neue Zeit. Der biologischen Evolution und den natürlichen Grenzen der Möglichkeiten von »Menschsein« gegenüber steht die Sehnsucht nach dem Vernunft begabten Wesen und seiner kulturell, sozialen Entwicklung durch kognitive Prozesse. Polaritäten entstehen. Zwiespalt der Seele. Das Aushalten dieser komplexen Strukturen irritiert. Unsere Gedanken wollen zwischen wahr und falsch unterscheiden, das Gehirn aber funktioniert abstrakt, wirkt dem entgegen.

Das neue »Menschbild« zwischen Aufbruch und Vision
Das HLMD verbindet mit dieser Videoinstallation die Themen Aufbruch und Evolution. Hier wird der Beginn allen Seins, der Beginn allen Lebens dargestellt. Selbst in einer Zeit, in der der Mensch noch keine Rolle spielt, ist seine Bestimmung bereits ausgelegt und in die Zukunft gerichtet: Was will der Mensch? Welches Menschbild entsteht? Oder wie Wolf Singer es formuliert: »Wie können wir wissen, was wir wollen sollen?« Am Ende steht jedoch nicht vollständige Destruktion, sondern Versöhnliches: Bei Singer im Begriff der Regel, der es möglicherweise vermag, Ordnungszustände herzustellen und bei Hölderlin im Begriff der Liebe, in dem sich das Subjekt wieder aufrichtet: »Daher kommen wir. Dahin gehen wir.«

Präsentation samstags und sonntags und am Tag der Philosophie 19.11.2015 von 11 bis 18 Uhr.

Kulturticket der Deutschen Bahn
Gemeinsam mit der Deutschen Bahn bieten wir den Besuchern die umweltfreundliche und kostengünstige Anreise mit dem Sparpreis Kultur an. Die Fahrt mit dem Sparpreis Kultur nach Darmstadt gilt innerhalb von 3 Tagen hin und zurück – bequem und schnell im ICE/EC/IC ab allen Bahnhöfen in Deutschland. In der 2. Klasse ab 39 Euro bis 219 Euro (in der 1. Klasse ab 49 Euro bis 349 Euro). Bis zu vier Mitfahrer sparen jeweils 10 Euro. Kinder unter 15 Jahren reisen in Begleitung ihrer Eltern oder Großeltern kostenlos mit. Der Sparpreis Kultur ist nur erhältlich bei gleichzeitigem Kauf oder Vorlage einer Eintrittskarte zur Ausstellung „Expanding Worlds“ in allen DB Reisezentren und DB Agenturen oder online auf www.hlmd.de undwww.bahn.de/Kultur.

 

Die Stabilisierung eines großformatigen Plakates der ROSTA-Fenster von Wladimir Majakowski im Hessischen Landesmuseum Darmstadt

Wladimir Wladimirowitsch Majakowski, ROSTA-Fenster, 1921, Foto: Wolfgang Fuhrmannek, HLMD
Wladimir Wladimirowitsch Majakowski, ROSTA-Fenster, 1921, Foto: Wolfgang Fuhrmannek, HLMD

Am Mittwoch, dem 30. September 2015, um 16.00 Uhr, lädt das Hessische Landesmuseum Darmstadt ein zum Vortrag:  „Stabilisierung eines großformatigen Plakates der ROSTA-Fenster von Wladimir Majakowski“ von Monika Lidle-Fürst, Diplom Restauratorin in der Graphischen Sammlung .

Bei dem großformatigen ROSTA-Fenster mit dem Titel „Heda Rotarmist“ von Wladimir Majakowski (1893-1930) aus der Graphischen Sammlung des HLMD handelt es sich um ein politisches Plakat, das als Propagandamaterial der russischen Telegrafenagentur ROSTA in Schaufenstern gezeigt wurde. Es ist ein mehrfarbiges im Schablonendruck hergestelltes Unikat, das sich an die Rotarmisten wendet, sorgsam mit ihrer Ausrüstung umzugehen.

Zur damaligen Zeit wurde das Plakat auf einem einfachen Papier mit einem hohen Holzschliffanteil ausgeführt. Das äußerst brüchige Plakat war an vielen Stellen bereits in kleinste Fragmente zerbrochen und größere Originalverluste waren nur noch eine Frage der Zeit. Für die Restaurierung musste aufgrund der Fragilität des Objekts eine neue Methode der Rissschließung entwickelt werden, die es ermöglichte, die Risse von der Vorderseite des Plakats zu stabilisieren. Eine zusätzliche Schwierigkeit stellte dabei dar, dass das Plakat sich aus mehreren kleineren Papieren zusammensetzt, die durch Originalverklebungen eine starke Welligkeit und Spannungen im Papier erzeugen.

Der Eintritt ist frei.

Ort:
Hessisches Landesmuseum Darmstadt
Friedensplatz 1
64283 Darmstadt
Fon: 06151/ 16 57 100

Infotext „EXPANDING WORLDS – Originale Urmenschen-Funde aus fünf Weltregionen“ ist online

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Für die Ausstellungssensation „EXPANDING WORLDS – Originale Urmenschen-Funde aus fünf Weltregionen“ haben wir gemeinsam mit der Firma Traumwelt aus Stuttgart einen Teaser zur Ausstellung produziert. Er wird auf unserer Homepage die Besucher und Sie neugierig machen und über die sozialen Medien facebook und Instagram veröffentlicht. Damit erhoffen wir uns eine möglichst große und breite regionale und nationale Zielgruppe. Den Film sehen Sie hier: https://vimeo.com/traumwelt/hlmdteaser

Die Entstehung der Menschen – äußerst selten und kostbar sind weltweit die Zeugnisse für diesen Millionen Jahre alten Prozess. Die fossilen Reste der frühen Menschheit ruhen heute gut bewacht in den Tresoren der großen Museen verschiedener Kontinente. Die Originalfunde sind normalerweise nur Wissenschaftlern zugänglich.

Ab dem 9. Oktober präsentiert das HLMD für nur sechs Wochen bis zum 22. November 2015 einige der Kronjuwelen der Menschheitsgeschichte. Die Besucher haben die unwiederbringliche Chance, weltberühmte Hominidenfossilien nebeneinander zu sehen. Die Ausstellung „EXPANDING WORLDS“ vereinigt Früh- und Urmenschen-Originalfunde aus Südost-Afrika (Malawi), Südost-Asien (Indonesien), dem Kaukasus (Georgien), der Levante (Israel) sowie Mittel- & Südwest-Europa (Deutschland, Gibraltar).

Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Joachim Gauck.

Hessisches Landesmuseum Darmstadt
Friedensplatz 1
64283 Darmstadt